Sinn und Unsinn von Fahrten in der Untergrundbahn

Jeden Tag ist es nötig, sich für ein paar Stunden oder Minuten in den Untergrund zu begeben, um die Stadt schneller mit Hilfe von durch Tunnel rasenden, ohrenbetäubenden Zügen zu durchqueren. Solange der gelbe Waggon nicht hält, scheint dem leicht neurotisierten Stadtbürger alles normal. Doch sobald einer der Züge mitten auf der Strecke im Tunnel stecken bleibt, links und rechts grauschwarzer Beton bedrohlich nahe kommt und es einfach dauert, dauert, dauert (schon zwanzig Minuten?) erfährt er die Beklemmung, und ist er ein empfindlicher Typ, so kann er nach diesem Erlebnis nie wieder entspannt U-Bahn fahren.

Auch ich bin Opfer dieser Sensibilisierung des Todes und der Klaustrophobie. Ich habe die Wände der Bahnschächte durch die Fenster studiert, bin auf und ab gegangen, habe Schweißausbrüche bekommen und mein letztes Stündlein schlagen sehen. Die Feuersbrunst, die Überschwemmung oder Giftgasattacke kam in Gedanken über mich, und ich weiß, es muß eine Fügung von oben sein, ganz oben, daß ich überlebte.
Nach zwanzig Minuten fuhr die Bahn wieder. Der Zug, der im Weg gestanden hatte, war vom Gleis gehievt, und es konnte weitergehen. Mein Vertrauen ist dennoch bis auf weiters erschüttert. Ich bete während der Tunnelfahrten, der Wagen möge nicht anhalten. Seit damals scheinen mir die schwülen, schrill quietschenden Fahrten noch unerträglicher.

Doch was niemand weiß: Das Ziel des zwanghaften Aufenthaltes unter der Erde ist längst nicht mehr die Fortbewegung, denn schon heute gibt es elaboratere Mittel der personalen Versetzung von A nach B. Auf Grundlage der bekannten Tatsache, dass sich die Dichte des menschlichen Positronenpanzers umgekehrt kurvilinear zur Velozität V-Alpha verhält, entwickelten Wissenschaftler bereits 1996 eine Technik, die dem aus TV und Fernsehwerbung bekannten utopischen "Beamen" nicht unähnlich ist.

Diese längst vorhandenen Alternativen werden jedoch von einer skrupellosen sozialromantischen Lobby geheim gehalten. Grund dafür ist ein scheinbar banaler, anfangs unbeachteter Nebeneffekt des U-Bahn-Fahrens: das sogenannte Gegenübersitzen. Die unter dem Decknamen BVG agierenden Konspiratoren halten die direkte face-to-face-Interaktion für pädagogisch wertvoll und gesellschaftlich notwendig. Einzig der erfolgreichen Manipulationsarbeit dieser erziehungswissenschaftlichen Fundamentalisten ist zu verdanken, dass die großen, tiefen U-Bahnnetze der modernen Stadt noch existieren.

Nun hat das Gegenübersitzen viele Seiten und ambivalente Folgen. So mannigfaltig die Erscheinungsarten des Phänomens, so schwer ist seine Bewertung. Einige Menschen setzen sich beispielsweise nach Betrachten ihres Gegenüber wieder um oder wechseln den Wagen. Andere, die die direkte Ansprache fürchten, schreiben nach Ausstieg eines attraktiven Gegenübers flammende Suchmeldungen, die sie an jedem Bahnhof aushängen, um den oder die Vermißte wiederzutreffen.

Wenngleich also das Gegenübersitzen sowohl positive als auch negative Aspekte hat, so ist doch die Art und Weise problematisch, in der die BVG ihr Projekt durchführt. Redliche Wissenschaftler werden mundtot gemacht und die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt. Besonders schwerwiegende Folgen ergeben sich für diejenigen unter uns, die grosse Schwierigkeiten bei der psychischen Bewältigung maulwurfshafter Lebensart haben. Was wir jetzt brauchen, ist Aufklärung und eine offene Diskussion!

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Ich lebe in Berlin und sitze oft im gleichen Zug. Ab und an, dann und wann läßt es sich eben nicht vermeiden und so habe ich mich schon oft weggesetz, vorallem im Frühling, wenn sich knutschende Päärchen auf den bunten Sofas im Untergrund tummeln und fummeln ... tolle ideen, schön wie du schreibst, wir sitzen uns bald gegenüber ...