Australische Nationalnarrative: Der Volksheld Ned Kelly

Zur Zeit der Geschehnisse um die Eureka Stockade, 1854/55, wurde in der Nähe von Melbourne Edward Kelly, genannt Ned, geboren. Er war der älteste Sohn einer irischen Einwandererfamilie mit acht Kindern.[1] Mit 14 Jahren, schon bald nach dem Tod seines Vaters, hielt Ned die hungerleidende Familie mit Pferdediebstahl über Wasser. Nachdem er zum ersten Mal in Verdacht gekommen war, sich mit gewalttätigen Gesetzlosen (bushrangers) abzugeben, kam seine ganze Familie in den Blick der Victorian Police Force, was eine über Jahre andauernde Fehde in Gang setzte. Mit 16 kam er zum ersten Mal ins Gefängnis, nachdem er seine Schwester vor den handgreiflichen Avancen eines Lokalpolizisten geschützt hatte. Nach seiner Entlassung begann er zusammen mit seinem Bruder die Herden der lokalen Großgrund- und Viehbesitzer zu bestehlen, was ihn wieder in Konflikt mit dem Gesetz brachte. Nach einem erneuten Zusammenstoß mit dem seiner Schwester nachstellenden Konstabler, bei dem dieser verletzt wurde, begann Kelly zusammen mit seinem Bruder Daniel ein Leben als Geächteter in der Wildnis Australiens. Von 1878 an schafften sie es zwei Jahre lang, sich zusammen mit ihren Kumpanen Thomas Hart und Steve Byrns im Grenzgebiet zwischen Victoria und New South Wales zu verstecken und den sie verfolgenden Autoritäten zu entgehen. Zum Teil angefacht durch das Interesse der Medien in Melbourne wuchs ihre Popularität währenddessen vor allem bei der verarmten Bevölkerung immer stärker an.

Die Taten von Ned Kelly waren Tagesgespräch. So zum Beispiel, als die Kelly Gang ihren Verfolgern nach einem offenen Feuergefecht entkam, bei dem sie zwei Polizisten erschoss. Danach machten sie, außer durch kleinere Aktionen gegen Großgrundbesitzer, Furore durch drei Banküberfälle. Der bekannteste davon ist der in Jerilderie, wo der des Schreibens nicht mächtige Ned einen von ihm diktierten Brief hinterließ, in dem er seine eigene Situation und Geschichte darstellte, die Polizei ob ihres korrupten und brutalen Verhalten wüst angriff und in vagen Worten ein gerechteres Gemeinwesen forderte.[2] Es ist dieser Jerilderie Letter, der bis heute einen großen Teil der Kelly-Legende ausmacht.

Im Februar 1880 kam es dann zu dem bekanntesten Teil der Kelly Geschichte: der Belagerung von Glenrowan. Nach dem Banküberfall von Jerilderie wurden die Bemühungen der Polizei, Kelly und seine Mannen zu stellen, noch verstärkt. Bis heute ist unklar, ob nach monatelangem Schweigen nicht doch jemand aus der sonst loyalen Lokalbevölkerung der Polizei einen Tipp gegeben hat. Auf jeden Fall wusste Ned, dass eine direkte Konfrontation bevor stand. Er verbrachte Wochen damit, diese vorzubereiten. Unter anderem schmiedete er für sich und seine Mittäter jeweils einen Satz Stahlpanzer, die Kugeln abhalten sollten. Außerdem präparierte er die Eisenbahnschienen, über die der Zug mit den Polizisten die Gegend erreichen würde, so dass er entgleisen würde. Dann ritt er in die Provinzmetropole Glenrowan, besetzte den lokalen Pub und nahm alle Gäste als Geiseln. Das Warten auf die Polizei wurde allerdings verkürzt durch Gesang und Tanz der Gang mit den Geiseln, unter denen sie viele Freunde und Bekannte hatten. Dem Schulmeister der Stadt allerdings gelang es zu entkommen und den Polizeizug vorzuwarnen. Im Morgengrauen des nächsten Tages begann dann der Angriff der Staatsmacht auf die Gastwirtschaft. Acht Stunden lang schossen Polizisten und Geächtete aufeinander. Das Gefecht endete mit einem Ausfall der Gang in voller Metallpanzerung. Von den Vieren überlebte aber nur Ned mit 28 Schusswunden in den Beinen. Er wurde nach Melbourne gebracht, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Am 11. November 1988 wurde Edward Kelly im Innenhof des Melbourne Gaol gehenkt.[3] Es ist schwer, den Bekanntheitsgrad von Ned Kelly im heutigen Australien zu übertreiben. All die möglichen Bedingungen, die den Bekanntheitsgrad von Eureka einschränken, gelten für Kelly nicht. Über die Staatengrenzen hinweg hat jeder Australier von dem Bushranger mit dem Metallpanzer, der mit der Polizei kämpfte, gehört. Dieser Panzer und der Jerilderie Letter sind staatlich geschützte und museal verehrte Reliquien.[4]Kellyana“ findet man sowohl auf Bierflaschenkühlern und als riesige Betonfigur in Glenrowan, als auch in den Kulturtempeln des Landes als Ballettaufführung. Der Stoff ist in zahlreichen Kunstwerken verewigt worden und jeder einzelner Aspekt seiner Lebensgeschichte ist von seriösen und Amateurhistorikern untersucht worden. Allein in Australien gibt es mehr als 50 000 Internetseiten, auf denen sein Name vorkommt.[5] Die ABC beschreibt in der Besprechung einer ihrer Programme zu Ned Kelly seine Stellung folgendermaßen:

[quote] Ned Kelly is arguably the largest figure in Australian folklore. The famous helmet is instantly recognisable by Aussies everywhere. Nearly all of us are familiar with Ned's exploits, and everyone seems to have a keen opinion on the Kelly Legend [sic.]. Australia has had a host of criminals through the years, but none seem to have captured the public imagination like the Kelly Gang [sic.]. Why? The answer lies somewhere in the mix of timing, place, irresistible force of personality and the political significance of his cause. Then of course there is the highwayman code. Ned was always careful to behave according to the best Robin Hood code of practice.[6] [/quote]

Der Vergleich „Robin Hood der südlichen Hemisphäre“ wird und wurde oft angestellt.[7] Er geht zurück auf die ursprüngliche, konfliktgeladene soziale Situation, in der sich Kelly bewegt hat, mit den Großgrundbesitzern (squatters) auf der einen und den verarmten Landarbeitern (selectors) auf der anderen Seite. Richard White erklärt in Inventing Australia, wie Kelly in der zweiten Welle der Begeisterung für seine Person in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, vor allem von Kommunisten mit einem rebellischen sozialistischen Erbe verknüpft wurde, während gleichzeitig Katholiken Kellys irische Qualitäten und seinen Beitrag zum typisch Australischen betonten (White, 1981, S. 157).[8] Das wurde flankiert von den Darstellungen, der „Heiligsprechung“ Kellys , in der Kunst – mit bekannten Beispielen im Bühnenstück von Douglas Stewards (1942), den Bildern von Sidney Nolan (1945-47) und dem Borovansky Ballet The Outlaw von 1951. Nach dem Krieg wurde die Umsetzung der Kelly Saga in einen akademischen Nationalismus in den kommunistischen Zirkeln um die Literaturmagazine Meanjin und Overland fortgesetzt (Ebenda, S. 154).

Diese zweite Welle folgte auf die ursprüngliche, kurz nach den Ereignissen selber, als in den 1890 Jahren die Frage nach dem ureigenst Australischen und einem australischen Nationalismus ausbrach. Aber bereits 1879, noch vor Glenrowan, schrieb George Hall ein Buch über Ned, Outlaw of the Wombat Ranges, und publizierte eine Sammlung von Balladen und Liedern über ihn. Die ganze Geschichte wurde dann im 1892 in London veröffentlichten Buch The Last of the Bushrangers von F. Hare dargestellt. Das wiederum passte gut in die von Henry Lawson, Banjo Patterson und dem Bulletin angeführten Verherrlichung des Lebens im Busch, das angeblich den echten und unverwechselbaren australischen Charakter hervorgebracht hatte.[9]

Eine dritte Welle begann in den späten 80er Jahren und hält immer noch an.[10] Dabei sind vor allem drei Werke und die medialen Wellen um sie von größerer Bedeutung. Zum einen Robert Drewes fiktionale Nacherzählung der letzten Tage der Kelly Gang von 1991, die einen komplexen Kelly darstellt, der sich seiner Rolle im politischen Geschehen und den Medien seiner Zeit sehr bewusst war. Auf diesem Buch baut auch der jüngste Spielfilm über Ned Kelly auf, der 2001 erschienen ist, und der nicht zuletzt wegen der einfühlsamen und angemessenen Darstellung Kellys durch Heath Ledger viel Beifall bekommen und finanziellen Erfolg eingefahren hat.[11] Daneben steht die True History of the Kelly Gang von Peter Carey, welche im Jahr 2001 mit dem Booker Preis, die höchste Auszeichnung für englischsprachige Romane, dotiert wurde, und damit den Kelly Mythos auch wieder in den höchsten Kritikerkreisen salonfähig gemacht hat.

Das alles zusammengenommen, ist Ned Kelly nicht nur die bekannteste und populärste historische Figur Australiens; seine Person steht auch als Chiffre für alles, was Australier bewundern und für sich als wahrhaftig australisch in Anspruch nehmen.

 


[1]Für den historischen Abriss beziehe ich mich auf die Ned Kelly Biographie von Ian Jones, 1995, mit Ergänzungen aus dem einschlägigen Artikel in der Wikipedia Enzyklopädie.

[2]So spricht er zum Beispiel davon, dass sich die irische Bevölkerung von Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten verbünden könnte, um die britische Krone und das ungerechte Kolonialsystem zu stürzen. Kelly, Ned. The Jerilderie Letter. Alex McDermott [Hrsg.], S. 66f.

[3]Eine der verbrieften Anekdoten um Ned Kelly bezieht sich auf seine letzten Worte, mit denen er seinem Richter drohte, Redmond Barry, der ihn auch zu allen vorherigen Strafen verurteilt hatte, drohte, ihn alsbald im Jenseits zu sehen. Barry starb zehn Tag nach Kelly. Seine allerletzten Worte auf dem Galgen sind zu einem geflügelten Wort in Australien geworden: „Such is Life!“ Wikipedia, The Free Encyclopedia (englische Version), „Ned Kelly“.

[4]Die Staatsbibliothek von Victoria stellt den Brief aus, während Teile des Panzers in allen Bundesstaaten in Museen zu sehen sind. Der zur unverwechselbaren visuellen Ikone gewordene Topfhelm wird im Polizeimuseum von New South Wales, in Sydney ausgestellt.

[5]Google Search, was die Zählung von Doppelnennungen auf einzelnen Seiten ausschließt.

[7]Zuletzt zum Beispiel in der Besprechung des letzten Ned Kelly Films im Sydney Morning Herald vom 27.3. 2003, „Ned Kelly“.

[8]The bushman was given a specifically socialist heritage. Both communists and conservative Catholics had been claiming the gold-diggers at Eureka and Ned Kelly for themselves, the communists interpreting the Australian character as rebellious, the Catholics interpreting it as essentially Irish.

[9]Vgl. White, 1981, 63-110. Kapitel „The National Type“ und „Bohemians and the Bush“.

[10]Vgl.: „Ned's Legacy“. The Age. 27.3.2003.

[11]Der letzte Versuch davor, 1970, mit Mick Jagger in der Hauptrolle, war dagegen auf wenig Anklang gestoßen, obwohl der Kellyhistoriker Ian Jones am Drehbuch mitgeschrieben hatte. Der allererste Kellyfilm von 1907 war auch gleichzeitig einer der ersten Filme in Spielfilmlänge überhaupt. Siehe Corfield, 2003, S. 127.

Comments

Hallo, Im Bericht von Florian Fleischmann über den australischen Volkshelden Ned Kelly hat sich ein kleiner Tippfehler eingeschlichen, und zwar im dritten Absatz, so ziemlich in der Mitte. Er wurde am 11 November 1888 gehängt, NICHT am 11 November 1988. War wohl da schon ein bißchen zu alt gewesen. Fast 150 Jahre. Alles Gute Mischl