Die Geschichte der „Khudai Khidmatgar“ in Afghanistan: Hoffnung gegen den Fundamentalismus?

1988: Mit unverminderter Brutalität wird der Golfkrieg zwischen dem Irak und Iran fortgesetzt. Die Präsenz der US-Flotte im persischen Golf garantiert den See- und Handelskrieg in Permanenz. Reagan verteidigt schließlich die Interessen des christlichen Abendlandes gegen die wild gewordenen islamischen „Barbaren“. Ein moderner Kreuzzug also. Und angesichts des unberechenbaren Fanatismus der Mulla regt sich hierzulande gegen die US-Kriegsschiffe im Golf und die der Bundesmarine im Mittelmeer kaum nennenswerter Protest. Vergessen wird bei diesem Kreuzzug nur allzu leicht, dass das christliche Abendland im Mittelalter, und zuweilen noch heute, eine Brutalität entwickelte die der des Schiismus im Iran in nichts nachsteht. Vergessen wird auch, dass der Schiismus nicht der ganze Islam ist und nicht alle SchiitInnen fundamentalistisch sind und unberücksichtigt bleibt drittens, dass die dem iranisch aufgezwungene westliche Zivilisation unter dem Schah erst den Widerstand aus der fundamentalistisch-islamischen Tradition schürte. Wäre eine Entwicklung des islamischen Widerstands möglich gewesen, zumal die Armee des Schahs in geradezu grandioser Weise durch Massendemonstrationen und Dienstverweigerungen gewaltfrei zersetzt wurde, bevor Khomeini kam? Diese Frage wird heute gar nicht erst gestellt, weil eine gewaltfrei-revolutionäre Bewegung im Islam schlicht unvorstellbar erscheint. Eine ebensolche hat es aber gegeben, und sie zählte zu den erfolgreichsten und radikalsten in der noch weitgehend unbekannten Geschichte weltweiter gewaltfreier Bewegungen: es ist die Bewegung der „Khudai Khidmatgar“ (übersetzt: Diener Gottes), die wegen ihrer roten Hemden als „Rothemden“, GandhianerInnen, bekannt wurden.

 

1931 versuchte diese Bewegung neun Tage lang, in der nordpakistanischen Stadt Peshawar eine Art freie Kommune aufzubauen; in eben jenem Peshawar, das heute die Stadt der afghanischen Flüchtlinge ist, das Nachschubzentrum des afghanischen Widerstands. Letzterer wird die inzwischen getroffene staatliche Vereinbarung zwischen Pakistan und der Sowjetunion über Truppenabzug und Ende des Afghanistan-Krieges nicht akzeptieren, solange sich eine Marionettenregierung in Kabul hält. Auch hier eine Krieg, der inzwischen eine Eigendynamik entwickelt hat, die von den ihn auslösenden Staaten nicht mehr kontrolliert werden kann. Der afghanische Widerstand, anfänglich von lokalen bäuerlichen Gemeinden getragen, ist längst von islamisch-fundamentalisti­schem Einfluss durchsetzt.

 

Der Hoffnungslosigkeit, die sich im Afghanistan- wie im Iran/Irak-Krieg ausdrückt, soll hier die Realität einer anderen, gewaltfrei-islamischen Bewegung gegenübergestellt werden. Deren populärster Vertreter, Abdul Ghaffar Khan, ist erst kürzlich, am 21.1.1988, im hohen Alter von 98 Jahren in Peshawar gestorben. Zu hoffen ist, dass im Andenken an seine Person auch die hoffnungsvolle Kraft der von ihm beeinflussten Bewegung wieder aktualisiert werden kann.

Der europäisch atheistische Anarchismus des 19. Jahrhunderts konnte au­ßerhalb Europas leider kaum Fuß fassen. Selbst der relative Erfolg des Anar­chismus in Mittel- und Südamerika hängt noch zum Teil mit der spanischen Kolonialgeschichte und europäischen Einwanderungswellen zusammen, in de­ren Gefolge der spanische, italienische und auch der deutsche Anarchismus exportiert werden konnten. Dabei soll nicht geleugnet werden, dass in anderen Kontinenten Bewegungen eigenständig zum Atheismus fanden. In Asien und Afrika gelang es dem atheistischen Anarchismus jedoch kaum, größeren Einfluss in der meist religiös geprägten bäuerlichen Volkskultur zu erlangen. Nur wer, wie Gandhi in Indien, libertäre und gewaltfreie Ideen und Aktionsformen aus der Volkskultur selbst begründete, hatte Resonanz. So wurde auch die anarchistische Idee des Zivilen Ungehorsams nicht einfach übertragen, son­dern aus religiösen Schriften, die jede/r Hindu kannte, begründet. Nun war das angesichts der oft sehr kriegerischen hinduistischen Traditionen nicht immer einfach, und Gandhis Begründung der Gewaltfreiheit als selbstlose Tat aus dem Kriegsepos Bhagavad-Gita würde jeder und jedem halbwegs ausgebildeten Religionsforscherin die Haare zu Berge stehen lassen. Aber, was wichtiger war: die Bilder der hinduistischen Epen waren den Bauern und Bäuerinnen bekannt und wurden nun lediglich in einen neuen Zusammenhang gestellt, der somit unmittelbar aufgegriffen werden konnte.

Durch solche kulturellen Uminterpretationen gelang der gandhianische Zu­gang zum Volk und dessen Widerstandspotential. Was Gandhi in Indien ge­lang, machte der Pathane Abdul Ghaffar Khan eigenständig in der ungleich schwierigeren kulturellen Situation des Islam in der Nord-West-Provinz des damaligen britischen Kolonialreiches. Die Pathanen sind ein Bergvolk im Nordwesten des heutigen Pakistan. Die gewaltfreie pathanische Bewegung war deshalb so ungewöhnlich, weil die Stammeskultur der Pathanen traditionell eine sehr kriegerische war und die Briten viele Pathanen für ihr berüchtigtes – und im ersten Weltkrieg sehr schlagkräftiges – „Garwhal“-Regiment rekrutierten. In einem sozialen und kulturellen Umfeld, in dem jedes Stammesmitglied eigentlich immer bewaffnet war, organisierte Abdul Ghaffar Khan 1929 die „Khudai Khidmatgar“ als eine Abteilung für direkte gewaltfreie Aktion. Zunächst waren sie ein Flügel einer politischen Partei, welche bereits seit 1926 bestand. Durch Gründung und Erweiterung der Abteilung für direkte gewaltfreie Aktion wurde diese Partei jedoch zunehmend unwichtiger. 1930 hatten die „Rothemden“ bereits 500 Mitglieder. Der Höhepunkt der Bewegung lag in der Zeit der gandhianischen Salzmarschkampagne von März bis Dezember 1931, als die „Rothemden“ durch einen spontanen, gewaltfreien Massenaufstand die Großstadt Peshawar (damals ca. 200.000 EinwohnerInnen) übernahmen und für neun Tage mit dem Aufbau einer eigenen Verwaltung begannen. Die Repression der daraufhin hinzugezogenen britisch-indischen Truppen war hart, führte aber zu einer breiten Solidarisierung mit den „Rothemden“, deren Mitgliedschaft dadurch bis 1938 auf über 100.000 anstieg. Die Bewegung hatte eine überwiegend ländliche Basis, so dass es örtlich auch zu Landbesetzungen durch die bäuerliche Bevölkerung kam. Erst in den 40er Jahren erfolgte ein Niedergang der Bewegung, über deren Ursache dem Autor keine spezifische Analyse bekannt ist, die jedoch vermutlich mit der Teilung des indischen Subkontinents in Indien und Pakistan und der allgemeinen Krise der gewaltfreien Bewegungen nach der Unabhängigkeit zusammenhing, welche in Indien nicht vor Ende der 50er Jahre wieder behoben wurde.1

Ein islamisches Programm der Gewaltfreiheit

Gab es auch ständig Kontakte zur indischen gewaltfreien Bewegung und eine Korrespondenz zwischen Ghaffar Khan und Gandhi, so waren die „Rothem­den“ doch immer eine eigenständige und vor allem islamische Bewegung. Erst 1938 besuchte Gandhi die Nord-West-Grenzprovinz und fand eine entwickelte islamisch-gewaltfreie Bewegung vor. Der Islam kannte weder ein Konzept der Nicht-Gewalt (ahimsa) noch die religiös motivierte Leidensbereitschaft (tapa-sya) des Hinduismus. Der kriegerische Charakter der pathanischen Kultur verwandelte sich vielmehr in einen entschlossenen Glauben in die Macht des moralischen Zwangs, eine Art „Heiligen Krieg ohne Waffen“. In die Trainingsprogramme der „Rothemden“ wurden Koran-Zitate eingebaut, die den islamischen Friedensbegriff ausmalten. Ghaffar Khan berichtete Gandhi von einer Erfahrung aus einer Diskussion über die Bewegung mit einem fremden Moslem:

[quote] Er kritisierte mich stark und sagte, dass ich den Geist des Islam unterminiere, wenn ich Gewaltfreiheit zu den Pathanen predige. Ich sagte ihm, er wisse nicht, was er sage und dass er das nicht sagen würde, wenn er mit eigenen Augen die wundervolle Transformation gesehen hätte, die die Idee der Gewaltfreiheit inmitten der Pathanen bewirkt und ihnen eine neue Vision von nationaler Solidarität gegeben habe. Ich zitierte Absätze und Verse aus dem Koran, um die große Bedeutung aufzuzeigen, die der Islam dem Frieden beimißt. Er ist sein zentraler Kern. Ich zeigte ihm weiterhin, dass die größten Persönlichkeiten in der islamischen Geschichte eher durch ihre Entbehrungen und ihren Verzicht bekannt wurden als durch ihre Brutalität. Die Antwort machte ihn sprachlos.2 [/quote]

Die „Rothemden“ übernahmen das islamische Ziel des „Friedens“, das der Philosoph Syed Ameer Ali folgendermaßen darstellt:

[quote]„Um ein richtiges Verständnis der Religion Mohammeds zu erreichen, ist es nötig, den wahren Gehalt des Wortes Islam zu erkennen. Salkam (salama) heißt erstens ruhig sein, ruhen, seine Pflicht getan zu haben, mit sich in voll­ständigem Frieden sein, zweitens sich Gott hinzugeben, mit dem der Frieden gemacht wird. Das Hauptwort, das davon abstammt, heißt Frieden, Geborgen­heit, Erlösung. Das Wort bedeutet nicht, wie oft angenommen wird, bedin­gungslose Unterwerfung unter den Willen Gottes, sondern ganz im Gegenteil das Kämpfen für Gerechtigkeit.“3[/quote]

Abdul Ghaffar Khan wird als eine tolerante Führerpersönlichkeit geschildert, der die Moslems nicht von der Welt absondern wollte, sondern sie zur Zusammenarbeit mit anderen Religionen aufrief. So beteiligten sich die „Rothemden“ an vielen Kampagnen zur Verständigung zwischen Moslems und Hindus, und bei ihnen selbst wirkte eine hinduistische Minderheit mit. Obwohl diese Minderheit die klar islamische Gesamtrichtung der Organisation zuweilen kritisierte, wurde sie überhaupt als Minderheit mit nichtislamischem Glaubenshintergrund zugelassen, was ein einzigartiges Beispiel in der Geschichte islamischer politischer Organisation darstellt. Dieser Universalismus Ghaffar Khans wirkte sich auch positiv dahingehend aus, dass durch diese Uminterpretation die islamische Absonderung von Frauen (purdah) in einer islamischen Organisation selbst überwunden wurde. Frauen waren Mitglieder der Organisation und beteiligten sich gleichberechtigt an den politischen Aktionen.

Die Prinzipienerklärung, der beim Eintritt in die „Khudai Khidmatgar“ feierlich zugestimmt werden mußte, liest sich in Teilen als Programm:

[quote] ... Ich werde meinen Wohlstand, meinen Komfort und mein Leben für die Freiheit meiner Nation und meines Volkes hingeben. Ich werde nie Spaltung, Hass oder Eifersucht in meinem Volk fördern und will den Unterdrückten gegen die Unterdrücker zur Seite stehen. Ich werde kein Mitglied irgendeiner Konkurrenzorganisation werden, noch will ich in irgendeiner Armee stehen. Ich will treu alle legitimen Anweisungen meiner Offiziere beachten. Ich will im Ein­klang mit den Prinzipien der Gewaltfreiheit leben. Ich werde allen Geschöpfen Gottes gleich dienen, und mein Ziel wird die Freiheit meines Landes und meiner Religion sein ... Ich werde nie eine Auszeichnung für meinen Dienst verlangen.4[/quote]

Die Beachtung der „legitimen Anordnungen von Offizieren“ weist allerdings auf die Probleme mit der eigenen traditionell kriegerischen Vergangenheit der „Rothemden“ hin: eine teils fast schon militärisch anmutende Ausbildung der AktivistInnen und ein hierarchischer Aufbau der Organisation mit Ernennun­gen von oben und Disziplin nach unten. Obwohl dem Autor hierüber kein konkretes Material vorliegt, ist aus Vergleichen mit den Organisationsstrukturen der indischen Aktionsgruppen zu vermuten, dass immerhin die implizite Forderung nach „legitimen“ Anordnungen darauf hinweist, dass eine solche Disziplin selbst auferlegt war. Anordnungen, die den AktivistInnen illegitim erschienen, mussten demnach auch nicht ausgeführt werden. Notfalls war der Austritt aus der Organisation ohne militärische Strafen oder gar der Todesstrafe möglich.

Die Kommune von Peshawar (1930)

Im März 1930 begannen die Aktionen der „Rothemden“ in Peshawar mit Bela­gerungen von Alkohol-Läden, Prozessionen, Generalstreiks (Hartal genannt = öffentliches Fasten) und mit Widerstand gegen Versuche der Regierung, diese Demonstrationen aufzulösen. Pathanische Frauen standen direkt vor den Polizeireihen oder lagen auf dem Boden und hielten den Koran hoch. „Allah Ho Akbar!“ (Allah ist groß) wurde zum Kampfruf der Bewegung.

[quote] Nachdem Abdul Ghaffar Khan auf mehreren Kundgebungen gesprochen hatte, wurde er in der dritten Aprilwoche verhaftet. Dies führte jedoch zu ver­stärkten Demonstrationen und selbst britische Truppen, die in die Menge schossen, konnten die Bewegung nicht mehr aufhalten. Ein britischer Bericht beschreibt die Ereignisse:

Am 23. April brachen in der Innenstadt Peshawars Unruhen aus, nachdem bestimmte Organisatoren des regionalen Congress-Komitees festgenommen wurden (die Briten setzten die Rothemden mit der indischen Unabhängigkeits­bewegung und deren Congress-Partei gleich, was insofern stimmt, als sie punktuell zusammenarbeiteten, aber insgesamt falsch ist, weil die Rothemden eine eigene Organisation hatten, die im Unterschied zum säkularen Congress explizit islamisch war; as). Es waren Truppen in der Stadt, aber dreißig Stunden später wurden diese abgezogen – zwei Einheiten des Garwhal-Regiments hatten sich geweigert, der Polizei zu helfen. Das Congress-Komitee hat daher die praktische Kontrolle der Stadt übernommen: Freiwillige wurden in den Hauptstraßen postiert, um den Verkehr zu regeln; Patrouillen streiften nachts durch die Straßen, und Erklärungen des Congress-Büros wurden jeden Tag an den wichtigsten Plätzen plakatiert, um Ereignisse von öffentlichem Interesse bekannt zu geben. Dieser Zustand dauerte neun Tage an ...5[/quote]

Dass Soldaten des renommierten Garwhal-Regiments massenweise den Feuerbefehl auf die „Rothemden“ und die spontan sich solidarisierenden Massen verweigerten, schockte die Briten derart, dass sie eine ganze Truppendivision und ein Luftwaffen Kontingent von Risalpur neu heranführen mussten. Diese Zeit nutzten die „Rothemden“, eine Art Parallelregierung zu etablieren. Auf dem Lande um Peshawar starteten sie eine Kampagne für Steuerboykotts und den Boykott von Abgaben an die Regierung für bereitgestellte Bewässerungsanlagen. Die Khudai Khidmatgar eröffneten Steuerbüros und sammelten Steuern von den Landbesitzern. Als die neuen Truppen der britisch-indischen Armee herangeführt waren, begann eine der schlimmsten Repressionswellen in der Geschichte der südasiatischen Unabhängigkeitsbewegungen. Unzählige „Rothemden“ und SympathisantInnen wurden erschossen oder erhängt. Es ge­lang den „Rothemden“ nun noch einmal, sich auf ihrer ländlichen Basis zu reorganisieren und sogar zu verbreitern. Erst der vergebliche Widerstand gegen die Teilung des indischen Subkontinents und die Staatenbildung Pakistans führte vermutlich zum Niedergang der Bewegung. Obwohl der politische Erfolg der Kommune von Peshawar nicht mehr wiederholt werden konnte, sind die Khudai Khidmatgar ein Beispiel dafür, dass direkte gewaltfreie Aktion und eine bewußt gewaltfrei-revolutionäre Organisation in jedem kulturellen Umfeld möglich und praktisch wirksam sein können.

as

Anmerkungen

1 Alle Angaben zu den „Rothemden“ in diesem Artikel aus: Joan V. Bondurant: The Conquest of Violence, Princeton 1958, darin der Abschnitt: Satyagraha an Islamic Setting, S. 131-144, hier besonders S. 134.

2 Pyarelal (Sekretär Gandhis): A Pilgramage of Peace: Gandhi and Frontier Gandhi Among N.W.F. Pathans, Ahmedabad 1950, S. 139, zit. nach Bondurant, S. 139 f.

3 Syed Ameer Ali: The Spirit of Islam, Calcutta 1902, zit. nach Bondurant, S. 142.

4 Aus einem Flugblatt der Bewegung, zit. nach Bondurant, S. 133 f.

5 Aus Berichte zur Roundtable-Konferenz, (fand im März 1931 statt), zit. nach Bondurant, S. 137.

Erstveröffentlichung: Graswurzelrevolution, 125, Juni 1988