Erlebniswelten

“Your children will wander looting the shopping malls


For forty years suffering for your idleness,


Until the last dwarf body rots in a parking lot”


Donald Hall Prophecy

Wir leben in einer Zeit, wo der Begriff „Erlebnis“ immer größer geschrieben wird. Die Produkte in den Konsumtempeln lassen uns ihren besonderen Geschmack, Duft oder ihre Sanftheit „erleben“; ein Besuch im Kino, Museum oder Freizeitpark ist ein richtiges „Erlebnis“, eine exotische Reise oder ein Wochenende in Freien ist ein großes, pausenloses „Erleben“. Kaum eine Werbung oder Produktbeschreibung lässt diese Kategorie „ Erleben“ außer Acht. Sie scheint einfach dazu zu gehören. Es entstehen sogar ganze „Erlebniswelten“. Man spricht von Erlebniswelt-Ikea, Erlebniswelt-McDonals, Erlebniswelt-Ebay. Einzelne Marken haben eigene Erlebniswelten, wie zum Beispiel „Marlboro“, (amerikanische Prärie mit gut aussehenden Cowboys), „Milka“ (saftig grüne Alpenwiesen mit lila Kühen) „Mercedes“, „Coca-Cola“ und so weiter. All das krönen aber die Erlebniswelten, wo die Erlebnisse nicht als ein Nebenprodukt sondern als Hauptware angeboten werden. Dazu gehören die Freizeit- und Unterhaltungsparks, Wellness – und Badeanlagen, Theaters, Kinos, Schaubühnen, Stadions, Einkaufszentren etc. Sie erfreuen sich heutzutage größerer Beliebtheit als je zuvor. Was liegt diesen Trends zu Grunde? Warum werden Erlebniswelten immer populärer, was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?

Was ist Erlebnis?

[quote]Hans-Joachim Klein definiert Erlebnis als ein Ereignis, „welches zu gefühlsbetonter, spontan empfundener Beeindruckung führt, die zeitlich nachwirkt und Einstellungs- oder Verhaltensänderungen auslösen kann. Ein solches Erlebnis kann kollektiver oder isolierter Natur sein, durch Personen oder Dinge hervorgerufen. Wesentlich ist die subjektive Wertung einer Begegnung des ‚Ich‚ mit der Außenwelt’“ (Hans-J.Klein, Museumbesuch und Erlebnisinteresse, in Museumkunde 50, 1985, Heft 5, S. 12) [/quote]

Das Erlebnis ist also ein Ereignis im individuellen Leben eines Menschen, das sich vom Alltag des Erlebenden so sehr unterscheidet, dass es ihm lange im Gedächtnis bleibt und ihn stark beeinflussen kann.

Gesellschaftlicher Wandel als Basis des Erlebnistrends

Die Welt im 21. Jahrhundert bringt sehr viele Veränderungen im Lebensstil und Lebensauffassungen mit sich. Die rasante Entwicklung der Technologie und der Wissenschaft führt erhebliche Verbesserungen und Erleichterungen in unsere Existenz ein. Wir leben in der Regel länger, bequemer, angenehmer, auf einem technisch höheren Niveau. Den Menschen geht es generell besser – sie haben nicht nur mehr Geld sondern auch mehr Zeit zur Verfügung. Der Alltag ist einfacher geworden, er ist kein Kampf ums Űberleben mehr, vielmehr verbleibt genügend Zeit für Entspannung und Vergnügen. Solche Errungenschaften sind in unserer westlichen Gesellschaft noch relativ jung und grundsätzlich mit der wirtschaftlichen Entwicklung und den Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen verbunden. Diesen Prozess fasst Horst W. Opaschowski in seinem Buch Schöne, neue Freizeitwelt? sehr gut zusammen:

[quote] „Nach dem Kriege haben die Menschen um das Űberleben gekämpft und für den eigenen Lebensunterhalt gearbeitet. Wirtschaft und Produktion waren darauf angelegt, in erster Linie materielle Befriedigung zu gewähren. Seit den 80 Jahren verändern sich in Zeiten von Wohlstand und auch Überfluss die menschlichen Bedürfnisse: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung erwartet jetzt psychologische 'Extras' in Form von Freizeiterlebnissen.“ (Dr. Horst W. Opaschowski, Schöne, neue Freizeitwelt? Wege zur Neuorientierung, Hamburg 1994, S. 2) [/quote]

Unserer Wohlstandsgesellschaft fehlt nichts mehr und sie produziert mittlerweile sogar mehr als sie verbrauchen kann. Obwohl Armut immer noch vorhanden ist,. droht den meisten keine direkte Hungersnot mehr, und die Grundbedürfnisse des Menschen sind längst befriedigt. Mit vollem Bauch kann man sich, nach der berühmten Maslow-Pyramide, den anderen Bereichen des Lebens wenden. Dazu gehören unter anderem Hobbys, Sport, Kultur und Unterhaltung.

Die Kategorie Freizeit in einer Erlebniswelt

Dieser gewaltige Zuwachs an Geld und Zeit ermöglichte Massenfreizeit und Massenwohlstand. Obwohl die Reaktionen auf mehr Freizeit nicht immer positiv sind (einige können damit nicht richtig umgehen und ersetzen die entstandene „Lücke“ mit einem zweiten Job), haben sich die meisten an die neuen Verhältnisse gewöhnt und verlangen immer mehr von der ihnen „geschenkten“ Zeit. Es kommt zu einer Situation, in der Freizeit ganz neu bewertet wird. Es ist nämlich die Zeit, in der man wirklich lebt, wenn man endlich das tun kann, was einem Spaß macht, wenn man den ganzen Tag mit Familie und Freunden verbringen kann. Da die Freizeit relativ knapp und deshalb so wertvoll ist, bemüht man sich das Beste daraus zu machen. Dazu gehört das vorsichtige Planen jedes freien Moments, Vorbereitung eines interessanten Programms für das Wochenende, Buchen einer Reise, Besuchen von Veranstaltungen. Die Freizeit wird dadurch zu einer Kategorie, die man bewusst und aktiv gestaltet, die man keinem Zufall überlässt. Es entsteht sogar ein Phänomen von Freizeitstress – so wichtig ist dieser Teil unseres Lebens geworden, dass wir um jeden Preis versuchen, ihn so sinnvoll und so intensiv wie möglich zu erleben und uns dabei selbst unter großen Druck stellen.

[quote]„Panem et circences“
„Es besteht ein unheimliches Bedürfnis nach Erlebnis“ (Der Spiegel nr.19, 1994) [/quote]

Die Erlebnisgesellschaft

Gerade in der Freizeitgestaltung wird Erlebnis zu einem zentralen Schlüsselwort. Mit dem Űbergang von einer Mangel-Gesellschaft zu einer Überfluss-Gesellschaft hat sich eine Erlebnisgesellschaft entwickelt, die das ganze Leben als ein riesiges Erlebnisprojekt sieht.

[quote] „Die Gesellschaft wandelt sich zu einer Erlebnisgesellschaft, das Marketing zu einem Erlebnismarketing und das Einkaufszentrum zu einer Erlebnisinsel. Erleben wird vielfach mit Leben gleichgesetzt.“ (Dr. Horst W. Opaschowski, Schöne, neue Freizeitwelt? Wege zur Neuorientierung, Hamburg 1994, S.6) [/quote]

Wie es bereits 1970 der amerikanische Futurologe, Alvin Toffler prognostiziert hat, befinden wir uns gerade in einem „Erlebniszeitalter“, in dem sich die Freizeitindustrie in den Bereichen Tourismus, Medien, Sport, Kultur und Konsum zu einer gewaltigen Erlebnisindustrie entwickelt hat. In seinem Buch „Erlebnisgesellschaft“ beschreibt Gerhard Schulze dass, im Zuge der Veränderung der Beziehung von Menschen zu Gütern in der Nachkriegszeit der eigentliche Gebrauchswert der Produkte (so die These Schulzes) zu Gunsten von Erlebniswerten in den Hintergrund getreten ist. Ursprünglich attributive Nebenaspekte wie Prestige, Stil, Erlebniskonsum etc. sind inzwischen zu den wichtigsten Merkmalen moderner Produkte avanciert. Im Zuge dieser Entwicklung hat sich ein Erlebnismarkt etabliert, in dem Millionen „Erlebniskonsumenten“ einer Vielzahl von privaten und öffentlichen „Erlebnisanbietern“ gegenüberstehen und der in zunehmendem Masse dynamisiert. In seinem Milieuansatz geht Schulze davon aus, dass sich soziale Realität vor allem unter Berücksichtigung von subjektiven Erlebniswerten sinnvoll erklären lässt. In Zeiten, in denen sich die verschiedenen Produkte und Dienstleistungen einzelner Kategorien nicht mehr anhand ihres Gebrauchswertes unterscheiden lassen, treten subjektive Erlebniswerte als differenzierende und entscheidungsrelevante Merkmale zunehmend in den Vordergrund. (vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt am Main, New York, 1993, S.59 ff) Angesichts der Austauschbarkeit der hochqualitativen Produkte und der gesättigten Märkte hat sich daher in der Wohlstandsgesellschaft ein sinnlich-orientierter Lebensstil herausgeprägt, dessen Leitmaxime „Erlebe dein Leben“ lautet. Die Forderung nach Erlebnis ist deshalb so groß, weil es einen Kontrast zum Alltag impliziert. Die massive Entstehung von Erlebniswelten erscheint in dieser Hinsicht als eine angemessene Reaktion auf das Erlebnis-Bedürfnis der vieler Menschen in der heutigen Gesellschaft.

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