Klassenkampf versus kulturelle Identität in der globalisierungskritischen Bewegung Australiens

Maron Diani stellt in seinen Ausführungen über soziale Bewegungen die nahe liegende Frage, was bei den Differenzen zwischen einzelnen Gruppen und Individuen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung Australiens das Gemeinsame und Verbindende ist. Über dem gemeinsamen Verlangen nach weltweiter Gerechtigkeit hinaus, bleibt das Problem der eigentlichen kollektiven Identität bestehen: [quote]Those counter-cultural movements which alternate sudden explosions of protest with long periods of latency may be analysed in this light, for example. In their case collective identity provides the link between occasional outbursts which would be otherwise unexplainable. (Diani, Marion. „The Concept of Social Movement“. In: Nash, 2000, S. 168) [/quote]

Diani sucht eine Antwort auf die Frage noch relativ zögerlich in einer klassischen marxistischen Erklärung (Ebenda, S. 173). Verity Burgmann sieht in dem Wiederaufkeimen von Kritik am globalen Kapitalismus eine Wiederauferstehung, bzw. neue Manisfestation der Arbeiterklasse.

[quote]Class has been put back into the picture – and with it a class identity of sorts. Whatever the working-class component in any particular protest, these mobilisations at least posit a form of identity politics that is recognisably based on socio-economic status. There is a hard economic centre to the rhetoric that sustains these confrontations and builds the necessary links between the participants – even between those whose radical leanings have been prompted by concern for the fate of the planet, the violence of men against women, or discrimination against their racial or ethnic grouping. While the meaning of class is expanded somewhat to incorporate a wider framework of dispossession, class is the structural principle allowing commonalities to be recognised and acted upon by the components of the movement. (Burgmann, 2003, S. 290) [/quote]

Im weiteren identifiziert sie verschiedene Momente, die darauf hinweisen, dass vor allem die globale ökonomische Analyse durch die Aktivisten, gemischt mit Sorge um ihre eigene materielle Zukunft die stärkste Motivation für die Proteste darstellen.

Obwohl ich dieser Position zustimme, möchte ich sie dennoch erweitern, um auf einen anderen Konflikt hinzuweisen, der meines Erachtens die reine Klassenanalyse bereichern könnte. Es geht um das intra-persönliche Spannungsfeld, in dem sich die Aktivisten in ihrer Eigenschaft als Australier befinden. Richard White hatte in seinem Standardwerk zur Entwicklung einer eigenständigen australischen Identität einen fortgesetzten Konflikt um die Besetzung des historisch unterentwickelten Begriffs Australien ausgemacht. Auch zwanzig Jahre später hält er an dessen Grundthema weiterhin fest:

[quote] Inventing Australia began with a very simple and not particularly original proposition: 'Austalia' exists pre-eminently as an idea. It is for the most part something we carry around in our heads, because the nation is something so large we can only ever imagine it. [...] But if the idea of 'Australia' is an invention, an active and creative process rather than something that has a prior existence and simply needs to be discovered, then it follows that it will be invented and embroidered in different ways by different people for different reasons. (White, 1997, S. 32) [/quote]

In diesen Rahmen hinein soll die grundlegende These für die weiteren Untersuchungen gestellt werden. Sie geht davon aus, dass sich Teile der globalisierungskritischen Bewegung in Australien zu einem gewissen Grad in ihrer Identität als Aktivisten auch auf Motive aus der australischen, nationalen Ikonographie stützen, welche die materiell-ökonomischen Beweggründe ergänzen und sich damit auch in den Konflikt um die Auslegung des konstruierten Begriffes Australien begeben. Inwieweit das genau der Fall ist, wird in 5. und 6. Kapitel genauer erörtert. Trifft es aber zu, so sind sie nicht nur in ihrer finanziellen Zukunft, sondern auch in den Facetten ihrer Identität, die sich um nationale Konzepte von Australisch-sein und dem daran hängenden Mythenkanon herausgefordert.

Die These basiert auf einer Antropologie in der Schnittmenge, in der Post-Gramscianismus, und postmodernes Menschenbild zusammenfallen. Im Wesentlichen beruht es auf der Annahme, das eine Person weder rein materiell bestimmt ist, noch eine singulär beschreib- und erklärbare Identität aufweist. Vielmehr steht sie im Zusammenspiel unterschiedlicher Diskurse, Kulturen und historischer Quellen, die eine Mischung von partiellen Identitäten speisen. Chantal Mouffe entwickelt aus klassisch Gramscianischen Gedankengut (siehe 3.3.2) diese Vielzahl kulturbedingter Identitäten:

[quote]A person's subjectivity is not constructed only on the basis of his or her position in the relations of production. Furthermore, each social position, each subject position, is itself the locus of multiple possible constructions, according to the different discourses that can construct that position. Thus, the subjectivity of a given social agent is always precariously and provisionally fixed or, to use the Lacanian term, sutured at the intersection of various discourses. (Mouffe, 2000, S. 296) [/quote]

Bereits der postmoderne Theoretiker Michel Foucault verband die Auflehnung gegen staatliche Unterdrückungsmechanismen mit dem Kampf um die Behauptung der eigenen Identität. In den 70er Jahren beschreibt er diese Verbindung im Bezug auf soziale Bewegungen der Zeit:

[/quote] are struggles which question the status of the individual: on the one hand, they assert the right to be different and they underline everything which makes individuals truly individual. Finally all these present struggles revolve around the question: Who are we? They are a refusal of these abstractions, of economic and ideological state violence which ignore who we are individually, and also a refusal of a scientific or administrative inquisition which determines who one is. To sum up, the main objective of these struggles is to attack not so much „such or such“ an institution of power, or group, or elite, or class, but rather a technique, a form of power. (Foucault 1973, in Nash, 2000, S. 12.) [/quote]

Es geht also im Widerstand nicht nur um einen Abgleich des Einflusses zwischen zwei an materiellem Gewinn interessierten Parteien. Vielmehr handelt es sich um die Verteidigung des individuellen Ausdrucks gegen die Ausübung von Kontrolle an sich. Anti-Globalisierung bedeutet nicht nur, die materiellen Lebensbedingungen und die eigenen Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt zu verteidigen, sondern vielmehr das genuin Eigene vor weltweitem Konformitätsdruck zu verteidigen. Dabei spielen lokale Traditionen, historische Ereignisse und identitätsstiftende Momente eine wichtige Rolle. Insofern könnten nationale Ikonen, gerade wenn sie im Kern nicht konformistisch sind, hilfreich in der Abwehr globaler Einflussnahme sein. Sie können aber auch auf nationaler Ebene durch Machtstreben sinnentleert worden sein.