Völkermord in Ruanda: Ethnisches Bewusstsein als Grundlage für die Durchsetzung von Machtinteressen

Tatsächlich ging es bei dem Völkermord in Ruanda 1994 um Machtkämpfe bei denen die Ethnizität lediglich gebraucht wurde, um ein Bewusstsein, ein Wir-Gefühl zu beschwören.  Hierdurch konnte die Grundlage für die Durchsetzung von Machtinteressen geschaffen werden.

Direkt nach dem Völkermord in Ruanda 1994 trat eine Empörungswelle der westlichen Welt los. Man verstand nicht, wie sich in einem Volk mit der gleichen Geschichte, Kultur und Sprache zwei so voneinander abstoßende Pole bilden konnten. Doch untersucht man die Geschichte Ruandas und die klare Rassentrennung der Kolonialherren, so wird schnell deutlich, dass die ersten Weichen für den Konflikt bereits im Jahr 1894 gestellt wurden – mit dem Beginn der Erforschung des Landes durch die Europäer und der anschließenden Kolonialisierung. Heute lässt sich feststellen: Die Kolonialherren haben durch die Einteilung der ruandischen Bevölkerung in Rassen die entscheidende Rolle bei der Grundsteinlegung des Konfliktes gespielt. Dabei waren ihnen nicht im Geringsten geschichtliche und kulturelle Wurzeln des Landes und dessen Bewohner bekannt. Doch auch durch die Medien verstärkte sich der gegenseitige „Rassenhass“. Diese haben die Vervielfältigung schriftlicher Hetzparolen, sowie mündliche, menschenrechtsverletzende Anschuldigungen von Radiosprechern zu verantworten. Der aufkeimende Völkermord wurde durch die Medien immer weiter vorangetrieben und so auch unterstützt. Sie markierten in Ansprachen die klare und bewusste Trennung beider „Ethnien“; jeder, der sich nicht als eines der beiden identifizieren konnte, wurde zum Staatsfeind erklärt. Die ethnische Politisierung fand so ihren Höhepunkt, da ein gegeneinander kämpfen fast zwanghaft wurde. Alle politischen Ziele wurden auf die Ebene der ethnischen Zugehörigkeit verlagert. 

Jared Diamonds Erklärungsversuch für den Ursprung des ruandischen Völkermords in seinem Buch „Collapse“ (2005)  wirft, auch wenn dieser von historischen wie auch linguistischen Phänomenen absieht, einen ganz eigenen Blick auf die Grundsteine des massenhaften Mordens in dem kleinen afrikanischen Staat. Das explosionsartige Bevölkerungswachstum in Ruanda bildet für ihn einen wesentlichen Indikator der Auseinandersetzungen und letztendlichen Hassbildung. Er betont hier, dass die Hutu während des Völkermordes auch andere Hutu brutal um ihr Leben brachten (vgl. Diamond, 2005: 312 ff). Ich habe auch diesen Fakt in meiner Arbeit erwähnt, wobei ich bei den Opfern von moderaten Hutu gesprochen und den Bevölkerungsanstieg dabei nicht als Ursache gesehen habe. Diamond unterstreicht den Fakt, dass sich die einzelnen Höfe durch eine zu große Bevölkerungsdichte nicht ausbreiten konnten, und die Menschen nicht genügend Anbaufläche für ihre Grundnahrungsmittel hatten. So waren zu Zeiten des Völkermordes wohlhabende Hutu mit Landgut zeitweise im gleichen Maße gefährdet, wie die Tutsi im Allgemeinen: „High population densities and worse starvation were associated with more crime.“ (Diamond, 2005: 325). Je reicher ein Mensch war, desto gefährdeter war sein Leben in Zeiten des Völkermordes. Worauf Diamond hier anspielt wird deutlich: Auch für ihn sind die Ursprünge des Völkermordes in Machtkämpfen zu suchen. Auseinandersetzungen ethnischer Basis wurden gegen die Tutsi im besonderen Ausmaß gesucht, da diese oft reicher waren, als der gewöhnliche Hutubauer. Stand diesem Bauer jedoch viel Land zu, war auch er vor seinen eigenen Landsleuten nicht mehr sicher. Einem Hutu wurden dann spontan Tutsieigenschaften angedichtet, sodass der Mörder einen „gerechten“ Grund in der Tötung sah, nur um selbst an dessen Reichtum zu gelangen. Macht, Geld, Nahrung und Vieh waren der eigentliche Antrieb der „ethnischen Verfolgung“. Dies zeigt deutlich, wie willkürlich das „Etikett“ Ethnie verwendet und wie gelassen darüber hinweg gesehen wurde, wenn man nur irgendwie an Reichtum kam. 

Klar wird: Das Phänomen, wie es sich in Ruanda zugetragen hat, zeigt, dass ethnisches Zugehörigkeitsgefühl einem Menschen nicht unbedingt „in die Wiege“ gelegt werden muss. Auch äußere Einflüsse – die Kolonialherren – und hartnäckige Propaganda können Identitäten formen und später beeinflussen. Obwohl Ruandas Bevölkerung auch vor der Kolonialzeit in drei Gruppen eingeteilt werden konnte, bildeten diese drei Gruppen nicht automatisch drei Ethnien. Erst nachdem diese drei Ethnien „erfunden“ wurden, konnte sich die Minderheitenproblematik, die sich schon während der Kolonialzeit mehr und mehr zuspitze, entwickeln. Die Kolonialherren schürten durch die jahrelange Bevorzugung der Tutsiminderheit eine dermaßen feindliche Stimmung in der Hutumasse, dass es irgendwann zu Ausschreitungen kommen musste. Erschreckend ist heute zu beobachten, wie wenig Schuldbewusstsein sich die Länder, aus denen die ehemaligen Kolonialherren stammten, eingestanden; legten sie doch die Grundsteine der Spannungen.

Die Ausgangsfrage dieser Hausarbeit, ob ethnische Unterschiede für den Völkermord die Ursache waren, kann mit „ja“ und „nein“ beantwortet werden. „Nein“, weil Hutu und Tutsi im klassischen Sinne des Begriffes „Ethnie“ keinesfalls zu zwei unterschiedlichen Volksgruppen gehörten. Sie teilten dieselbe ethnische Entwicklungsgeschichte, hatte dieselben Bräuche und Sitten. Hutu und Tutsi sprachen und sprechen dieselbe Sprache. Zugleich hat die Kolonialpolitik der Deutschen und vor allem der Belgier dem Volk der Hutu und Tutsi zwei Identitäten aufoktroyiert. Maßnahmen, wie die Einführung unterschiedlicher Personalausweise, sowie die Privilegierung der Tutsi gegenüber den Hutu, konstruierten verschiedene Identitäten, wo vorher lediglich Unterschiede materieller Art vorherrschten.

Die Tatsache um das „Einimpfen“ konstruierter ethnischer Unterschiede in ganze Lebenswelten beantwortet die aufgeworfene Frage mit „ja“. Wer die Spannungen zwischen Hutu und Tutsi zu einem bloßen aus sich selbst entsprungenen ethnischen Konflikt macht, entlässt die Kolonialmächte aus ihrer Verantwortung für den Völkermord von 1994 und für das, was dem vorausgegangen war. Klar wird: Ethnien können gemacht und damit ethnische Konflikte vorbereitet werden. Wirtschaftliche Macht entscheidet dann über die kulturelle Grenzziehung zwischen Menschen. Ethnische Unterschiede sind nicht a priori Garant für Bürgerkriege, das Aufdrücken dieser Unterschiede dafür umso mehr. Politische Entscheidungen wirken stets weit über die Zeitspanne hinaus, in der sie getroffen werden. Die Konsequenzen der grundlegenden gesellschaftlichen Weichenstellungen, die die Kolonialmächte vornahmen, liegen auf der Hand und werden Tag für Tag offensichtlich.

Ruanda heute?

In Ruanda stehen sich heute zwei unterschiedlich ethnisch definierte Gruppen in tödlicher Feindschaft gegenüber. Man kann nicht annähernd von einer ruhigen und entspannten Situation sprechen, weder in den Medien, noch in der Politik oder auf den Feldern der kleinen Bauern. Auch heute noch stehen Auseinandersetzungen und kleinere Straßenkämpfe auf der Tagesordnung, obwohl sich die Lage schon etwas stabilisiert hat.

Noch heute, nach 11 Jahren, warten ca. 130 000 Ruander auf ihren Prozess, das Rechtssystem ist schlecht organisiert und schafft es nicht einmal, Taten von vor 11 Jahren abzuurteilen. Wie soll es dann in der Lage sein, mit kleineren Verbrechen der Jetztzeit fertig zu werden? Ein vorkoloniales Rechtssystem wurde 2000 wieder eingeführt, um die Verbrechen des Völkermordes schneller aufzuklären. In dieser „GACACA“ genannten Instanz werden innerhalb eines Dorfes 19 Männer in Richterpositionen gewählt; diese verhandeln gemeinsam über das Strafmaß. Bisher wurden schon 100 Angeklagte zum Tode verurteilt, vollstreckt wurde die Strafe in 22 Fällen (vgl. Baratta, 2001: 653). Man kann heute darüber streiten, ob ein so archaisches Rechtssystem nicht einen Rückschritt in alte Zeiten bedeutet. Bemerkt werden muss außerdem, dass aus den Richtlinien der „GACACA“ nicht eindeutig hervorgeht, ob die gewählten „Richter“ Hutu oder Tutsi sind. Für Verurteilungen könnte dies aber eine wesentliche Rolle spielen. Die ethnische Politisierung der 90er Jahre könnte sich fortsetzen, Pole bilden und alte Feindschaften wieder aufleben lassen. 

 

Quellen

Baratta, Mario von (2001): Der Fischer Weltalmanach 2002. Zahlen. Daten.  Fakten. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Berkeley, Bill (2001): The Graves are not yet Full. New York: Basic Books.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (1999): Afrika 1 Zeitschrift 264. Bonn: Schwann Bagel GmbH & Co KG.

Diamond, Jared (2005): Collapse. London: penguin group.

Die Bibel – Die heilige Schrift. Altes und neues Testament. Nach einer Übersetzung von Luther.

Gleichmann, Peter; Kühne, Thomas (Hrsg.) (2004): Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert. Essen: Klartext Verlag.

Harding, Leonhard (1998): Ruanda – der Weg zum Völkermord. Vorgeschichte – Verlauf –Deutung. Hamburg: Lit. Verlag.

Hoering, Uwe (1997): Zum Beispiel Hutu & Tutsi. Der Völkermord hätte verhindert werden können, befand ein UN-Bericht. Göttingen: Süd-Nord-Lamuv.

Kimenyi, Alexandre (1978): A Relational Grammar of Kinyarwanda. Volume 91. London: University of California Press.

Kimenyi, Alexandre (2002): A Tonal Grammar of Konyarwanda – an Autosegmental and  Metrical Analysis. Volume 9. New York: The Edwin Mellen Press.

Mamdani, Mahmood (2001): When Victims Become Killers. Colonialism, Nativism, and the Genocide in Rwanda. Princeton, New York: Princeton University Press.

Melvern, Linda (2000): A People Betrayed. The Role of the West in Rwanda's Genocide. London, New York: Zed Books.

Newbury, Catharine (1988): The Cohesion of Oppression. Clientship and Ethnicity in Rwanda 1860– 1960. New York: Columbia University Press.

Scholl-Latour, Peter (2001): Afrikanische Totenklage. München: Bertelsmann Verlag.

Semujanga, Josias (2003): The Origins of Rwandan Genocide. New York: Humanity Books.

Wikipedia, Ethnie: 05.10.2006, Uhr., http://de.wikipedia.org/wiki/Ethnie

Wikipedia, Rasse: 05.10.2006, 12:40 Uhr. http://de.wikipedia.org/wiki/Rasse

Wikipedia, Ruanda: 05.10.2006, 15:40 Uhr.   http://de.wikipedia.org/wiki/Ruanda