„Der Fremde“ von Albert Camus

Die Handlung des Romans ist relativ einfach. Es geht im Wesentlichen um zwei Ereignisse - den Tod der Mutter Meursaults und den Mord an einem Araber. In dem Roman geht es aber nicht in erster Linie darum, was der Protagonist macht, sondern wie er es macht. Was den jungen Büroangestellten vor allem auszeichnet und ihn gegenüber anderen entfremdet, ist seine ungewöhnliche Gleichgültigkeit - gegenüber Dingen, Menschen, Ereignissen und sogar gegenüber seinem eigenem Schicksal. Die Gleichgültigkeit von Meursault ist ein schockierendes Element des Romans. Wir haben es hier mit einem Wesen zu tun, das sich keine Gedanken über seine eigenen Handlungen macht und das überhaupt kein Innenleben hat. Das „erlebende Ich“ erscheint in der Tat erst in der zweiten Hälfte des Romans, wo Meursault beginnt sein Leben zu reflektieren.

Die Handlung des Romans

Der Romans konzentriert sich auf zwei wichtige Ereignisse im Leben Meursaults: den Tod der Mutter und den Mord an dem Araber. Alles andere sind die täglichen Tätigkeiten des Hauptprotagonisten, die ein eher einfaches und monotones Leben ausmachen.

Der Roman „Der Fremde“ besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil stellt das tägliche Leben des Helden von dem Tod seiner Mutter bis zum Mord an einem Araber dar. Der zweite Teil des Romans stellt die Gerichtsverhandlung dar.

Der Hauprotagonist, Meursault, ist ein junger, ungefähr 30-jähriger Franzose, der in Algier lebt. Er arbeitet als ein Büroangestellter in einem erfolgreichen Importunternehmen und führt ein einfaches Singleleben.

Am Anfang erfährt der Leser, dass die Mutter Meursaults gestorben ist. Meursault bekommt ein Telegramm aus dem Altersheim in Marengo, wo seine Mutter ihre letzte Jahren verbracht hat. Er nimmt sich zwei Tage von der Arbeit frei und begibt sich zu der Beerdingung. Dem Begräbnis geht eine Todeswache voraus bei der Meursault den alten Freunden seiner Mutter begegnet. Die Beerdigung findet am nächsten, sehr heißen Tag statt.

Meursault quält sich in dem Leichenzug, der von der niederdrückenden Sonne begleitet wird. Danach ist er extrem müde und träumt nur davon, nach Hause zurückzukehren. Am nächsten Morgen, nach einem langen Schlaf, beschließt er im Meer baden zu gehen. Im Wasser stößt er auf Marie Cardona, die früher eine Stenotypistin in seinem Büro war. Er verbringt den Tag mit ihr am Strand und später lädt er sie ins Kino ein, wo sie einen lustigen Film anschauen. Danach gehen beide in seine Wohnung.

An einen anderen Tag wird Meursault von seinem Nachbarn, Raymond Sintès angesprochen. Der junge Mann, der in seinem Stadtviertel als Zuhälter bekannt ist, bittet Meursault um ein Gefallen. Er ist mit einer maurischen Freundin zusammen, die ihm angeblich untreu ist. Deshalb will er sie bestrafen. Raymond möchte ihr einen Brief schicken, der sie zu seiner Wohnung locken soll und dann würde er sie demütigen. Er bittet Meursault, für ihn diesen Brief zu schreiben. Der tut es, wofür Raymond ihm seine Freundschaft anbietet.

Eine Woche später ist Meursault Zeuge, wie Raymond seine Geliebte verprügelt. Er interveniert nicht. Erst die Polizei, die gerufen wird, beendet die Schlägerei. Raymond muss sich auf dem Kommissariat melden. Diesmal bittet er Meursault für ihn zu bezeugen. Meursault erfüllt die Bitte und lügt zu Raymonds Gunsten. Die Vorfälle mit der geschlagenen Frau enden darin, dass Raymond von dem Bruder der Maurin und noch ein paar anderen Araber verfolgt wird.

An einem Sonntagmorgen lädt Raymond Meursault und Marie zu der Villa von seinem Freund Masson am Meer ein. Sie nehmen den Bus zu dem Strand und bemerken, dass sie von den Arabern verfolgt werden. Später stoßen sie am Strand zusammen. Es kommt zu einer Schlägerei und Raymond wird von einem der Arabern mit dem Messer verletzt. Er will sich rächen und nach dem Verbinden der Wunde kehrt er mit einem Revolver zum Strand zurück, doch die Araber sind nicht mehr da. Meursault will den Freund vor Dummheiten bewahren und nimmt seinen Revolver. Um sich vor der Sonne zu schützen, kehrt er zum dritten Mal allein zum Strand zurück und sucht nach Schatten an einer Wasserquelle. Dort zwischen den Felsen sieht er den Araber liegen, der Raymond angegriffen hat. Der Araber zieht sein Messer und lässt es in der Sonne spielen. Vom erblindenden Sonnenlicht getroffen, umfasst Meursault den Abzug des Revolvers, den er in der Tasche hält und schießt los. Er tötet den Araber und schießt noch vier mal in den reglosen Körper.

Im zweiten Teil muss Meursault ins Gefängnis. Zuerst wird er vom Untersuchungsrichter verhört. Während er auf seinen Prozess wartet, gewöhnt er sich an das Alltagsleben im Gefängnis und fängt an, wie ein Gefangener zu denken. Er versucht vor allem, die Zeit totzuschlagen, aber er beginnt auch über das Leben zu reflektieren und seine Situation zu analysieren.

Während seines Prozesses fühlt sich Meursault so, als würde die ganze Geschichte jemand anderen betreffen. Er hört meistens nur zu und wird auch selten etwas gefragt, und wenn, gibt er knappe und für das Gericht eher ungenügende Antworten. Schließlich, nach den Aussagen seiner Freunde, die ihm nicht zu helfen vermögen und nach der Rekonstruktion der Ereignisse vom Staatsanwalt, die dem Mord vorangehen und die von der Schuld Meursaults zeugen sollen, wird er zum Tode verurteilt.

Er wartet noch einige Tage auf seine Exekution. Meursaults verbringt diese letzte Zeit mit Erinnerungen aus seiner Vergangenheit und Meditationen über den Sinn des Lebens. Er wird auch von einem Priester besucht, dessen Besuche er früher abgelehnt hat. Das Gespräch mit dem Geistlichen über Gott, Gnade und Hoffnung unterbricht Meursault mit einem Ausbruch des Zornes, in dem er die Sicherheit des Priesters in Frage stellt und seine eigene Lebensart verteidigt. Er schreit alles aus sich heraus, woran er glaubt und was seine Lebensapologie ist. Erschöpft aber beruhigt genießt er noch die Ruhe seines letzten Abends und hofft, am nächsten Morgen, wenn er enthauptet werden soll, vom Schrei des Hasses vieler Leute begleitet zu werden.

Das Problem der Gleichgültigkeit

Die Handlung des Romans ist relativ unkompliziert. Sie konzentriert sich um zwei wichtige Ereignisse: den Tod der Mutter und den Mord an dem Araber. Alles andere sind die täglichen Tätigkeiten des Hauptprotagonisten, die ein eher einfaches und monotones Leben ausmachen.

In dem Roman geht es aber nicht so sehr darum, was Meursault macht, sondern wie er es macht. Es gibt etwas, was diesen jungen Büroangestellten auszeichnet und ihn gegenüber den anderen entfremdet. Es ist seine ungewöhnliche Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen, den Menschen, den Ereignissen und sogar gegenüber dem eigenem Schicksal. Meursault scheint von nichts berührt zu werden: Er trauert nicht nach dem Tod seiner Mutter, bereut nicht seine Mordtat und nimmt ruhig sein Todesurteil an. Er sagt seiner Freundin, dass er sie nicht liebt, ist aber bereit, sie zu heiraten. Die Freundschaft, die man ihm anbietet bleibt ihm ebenfalls völlig egal. Er lehnt die Promotion in der Arbeit ohne Bedenken ab. Kurz, alle Sachen, die anderen im Leben wichtig sind, haben für Meursault keine Bedeutung und er kümmert sich nicht um sie.

Meursault respektiert auch keine gesellschaftlichen oder menschlichen Normen: er raucht an dem Sarg seiner Mutter und trinkt Kaffee. Er sieht ruhig mit an, wie sein Nachbar seine Geliebte verprügelt. Er kennt scheinbar keine Moral und nichts macht auf ihn einen großen Eindruck. Er verbringt am besten seine Zeit schlafend oder den Himmel beobachtend. Die Gleichgültigkeit von Meursault ist ein schockierendes Element des Romans.

Wir haben es hier mit einem Wesen zu tun, das sich keine Gedanken über seine eigene Handlungen macht und das überhaupt kein inneres Leben hat. In der Erzählung fehlen innere Monologe oder Bewusstseinsströme. „Der Fremde“ zeichnet sich dadurch aus, dass in der Erzähltechnik die Innerlichkeit, Reflexivität und Wertung zum Minimum reduziert sind. Den Stil charakterisiert eine überraschende Objektivität. Die Ereignisse werden sehr sachlich und leidenschaftslos erzählt, so dass die Erzählung an einem trockenen Bericht erinnert. Das erlebende Ich kommt erst in der zweiten Hälfte des zweiten Teils vor, wo Meursault anfängt, über sein Leben nachzudenken.

Der Stil des Romans scheint die Widerspiegelung der Indifferenz des Protagonisten zu sein. Die Sprache ist karg, die Sätze kurz und einfach. Die Erzählweise ist gleichmütig, sogar mechanisch. Camus nähert sich hier dem amerikanischen Behaviorismus, den man zum Beispiel aus den Werken Ernest Hemingways kennt. René Girard kommentiert zu dem Stil von „Der Fremde“:

[quote] „The style bears a striking ressemblence to the style of Meursault’s actions prior to the murder. We feel that someone, on some fine day, handed Camus a pen and a piece of paper and Camus did the natural and mechanical thing to do, in such circomstances, which is to start writing, just as Meursault did the natural and mechanical thing to do, when you receive a gun, which is to start shooting. The book, like the murder appears to be the result of fortuitous circumstances. The overall impression is that “L’Etranger” was written in the same bored, absentminded, and apathetic fashion as the Arab was murdered.” (René Girard, «Camus’ Stranger Retried» in «Albert Camus», hrsg. Harold Bloom, New York, Philadelphia 1989, 79-105, S.99) [/quote]

Es ist nicht erstaunlich, wenn wir bedenken, dass der Erzähler in dem Roman Meursault selbst ist, dem es prinzipiell an Motivation fehlt und der jeglicher Spiritualität beraubt ist. Man kann kaum eine Beschreibung der Vergangenheit, irgendeine Spur der Entwicklung des Protagonisten finden. Der Erzähler weigert sich auch, seinen Charakter oder seine Taten psychologisch oder metaphysisch zu rechtfertigen. Er beurteilt auch nicht das Benehmen der anderen Personen. Er verzichtet auf die gesellschaftliche Kritik. Diese erfolgt indirekt durch die gleichgültige Haltung Meursaults, die die bestehende Ordnung in Frage stellt.

Meursault lehnt die Werturteile ab, denen er die einfachen Feststellungen vorzieht. Die metaphysischen Aussagen bedeuten ihm nichts. Jean-Paul Sartre schreibt über das Bewusstsein Meursaults:

[quote] „Nun ist es so angelegt, dass es zwar für die Dinge durchsichtig ist aber nicht für ihre Bedeutung.“ (Jean-Paul Sartre , „Der Mensch und die Dinge“ in „Aufsätze zur Literatur 1938-1946“, Reinbek 1978, S.85) [/quote]

Meursault ist der richtige Fremde, worauf selbst der Titel des Romans hinweist. Camus wollte aber ursprünglich seiner Erzählung einen anderen Titel geben, nämlich „Der Gleichgültige“, was noch mehr den bewussten Charakter der Darstellung der Indifferenz betont. Die Gleichgültigkeit Meursaults wird zu einem Streitgegenstand in der Sekundärliteratur. Sie wurde von den Literaturkritikern sehr unterschiedlich interpretiert. Walter Pabst bezeichnet sie zum Beispiel als eine „non-participation permanente“ (Walter Pabst, «Un héros absurde. Meursault et ses ancêstres». in: «Les Lettres Romanes». 45, 1991, 195-200, S. 198)., Die Beziehungslosigkeit Meursaults wird als „Mangel an Persönlichkeit“ (Erik H. Erikson, „Jugend und Krise. Psychodynamik im sozialen Wandel“, Stuttgart 1970, S. 97) oder „Identitätslosigkeit“ bewertet. Seine Reaktionslosigkeit wird als eine Ohnmacht gelesen:

[quote] „Meursault, il est vrai, est un médiocre, un impuissant.“ (Emmanuel Mounier, «Malraux, Camus, Sartre, Bernanas», Paris 1970 S.90) [/quote]

Die Gleichgültigkeit des Helden wird auch häufig mit seiner Faulheit erklärt. Es gibt aber auch positive Deutungen der Indifferenz des Protagonisten. Leo Bersani sieht in der Gleichgültigkeit das Resultat der Erkenntnis der Absurdität des Lebens:

[quote] „Meursault’s indifference is the form taken by the passion of life when one realizes that death makes all human experience equally unimportant and yet equally precious.“ (Leo Bersani, “The Stranger’s Secrets”, in: ”Balzac and Beckett.Center and circumference in French fiction”, Oxforf 1970, 247-272, S. 257) [/quote]

Rainer Rutkowski sieht in der Gleichgültigkeit Meursaults unbewussten Schutz vor dem Absurden. Guido Schüepp wiederum wertet diese Indifferenz als ein Ausnahmezustand, der von dem Tod der Mutter ausgelöst wurde.

[quote] Er behauptet, dass Meursault „ein ruhiger, pflichtbewusster Mann“ ist, „der niemanden stört, den man darum auch gern hat und den man brauchen kann.“ (Guido Schüepp, „Die absurde Erfahrung als Ausgangspunkt des Existenzverständnisses bei Albert Camus“. in: „Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie“. 23, 1976, 430-452, S. 433) [/quote]

Meursault ist tatsächlich nicht nutzlos. Er ist intelligent und scharfsinnig und legt großen Wert auf das gewissenhafte Arbeiten. Was also häufig als Gleichgültigkeit empfunden wird, ist die Beschränkung auf die Tatsachen und Suche nach der Klarheit, die von den Werturteilen bedroht wird. Es ist manchmal auch die extreme Sachlichkeit, die Meursault das Leben einfacher macht. Bei der Beerdigung der Mutter scheint es ihm „der kürzeste Weg, das Unvermeidliche zu tun“ (Dieter Wellershoff, „Der Gleichgültige. Versuche über Hemingway, Camus, Benn und Beckett“, Köln 1975, S. 47, wie Dieter Wellershoff schreibt. Eine gute Zusammenfassung der Haltung Meursaults liefert Kathrin Glosch:

[quote] „Es reicht nicht aus, Meursault als indifferent zu bezeichnen. Seine ambivalent geführte Indifferenz muss man als Nonkonformismuszeichen gedeutet werden, als anideologische Engagementabwehr. In dieser Ideologieabwehr hat der Text sein tiefstes Wirkmoment.“ (Kathrin Glosch, «Cela m’était égal». Zur Inszenierung und Funktion von Gleichgültigkeit in der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts“, Stuttgart, Weimar 2001, S.166) [/quote]

Die Gleichgültigkeit wurde auf verschiedene Art und Weise erklärt und bewertet. Die Varietät der Interpretationsmöglichkeiten ist sehr groß und jede Sichtweise kann richtig sein. Eines ist jedoch sicher: die Indifferenz Meursaults ist nicht ihrer Gründe beraubt und sie ist tief in den persönlichen Überzeugungen Camus’ verwurzelt. Um ihre Natur besser zu verstehen, sollte man das philosophische Denken des Autors mit seiner Theorie des Absurden verfolgen.