Aufbau der frühchristlichen Gesellschaft und die Würde des Menschen

Das jeder Mensch würdevoll zu behandeln ist und alle vor dem Gesetz gleich sind, ist für uns keine Neuigkeit, war jedoch in frühchristlicher Zeit, wo Sklaven gehandelt, geschlagen und gekauft wurden, nicht selbstverständlich. Aus diesem Grund ist die Beleuchtung der frühchristlichen Gesellschaft für das Verständnis von Würde, wie wir sie heute verstehen, wichtig. Denken wir über die Würde nach, bemerken wir rasch, dass das frühchristliche Material in deutlichem Kontrast zu unseren von individualistischen Vorstellungen geprägten Empfinden steht (vgl. Lampe, 2001: 288f).

Für die westliche Glaubenswelt ist die freie persönliche Entfaltung des Individuums ein wesentlicher Bestandteil der würdevollen Lebensgestaltung. In der Antike hingegen hat das Individuum vielmehr durch seine Zugehörigkeit im sozialen, gemeinschaftlichen Organismus Würde erfahren. Hier wurde der Einzelne sehr wohl wahrgenommen und nicht anonymisiert. Jedoch lagen Forderungen nach „Freiheit“ und „Grundrechten“ für die Persönlichkeitsentwicklung eines Individuums eher fern. Unsere Vorstellungen von einer liberalen Eigenständigkeit sind nicht im Geringsten mit unserem antiken Erbe zu vergleichen. Sprechen wir heute von „Würde“, so sprechen wir auch gleichzeitig von unseren Grundrechten; doch damit treffen wir nicht die Grundbefindlichkeit der antiken Menschen und ihrer Vorstellungen von Würde und Gerechtigkeit.

Pyramidaler Sozialverband

Schon im römischen Reich gab es vertikale, pyramidale Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Römer, die mit Hilfe deren ihre Gruppenzugehörigkeiten ordnen konnten. Dabei sind diese Verhältnisse nur annähernd mit unseren heutigen Abhängigkeitsverhältnissen, die wir z.B. zu unseren Vorgesetzen haben, zu vergleichen.

Jeder Haushalt wurde von einer patronalen Spitze, dem Vater der Familie (pater familias), geleitet. Der Familienoberste ging ein Treueverhältnis mit einem reichen mächtigen Adligen ein und verpflichtete sich, ihm neben Dienstleistungen auch politische Unterstützung zu garantieren. Als Gegenleistung erhielt der pater familias Schutz und Unterstützung. Diese Lösung hatte für beide Parteien seine Vorteile (vgl. Lampe, 2001: 290f). Generell hatte im Christentum der wirtschaftlich Stärkere für den Schwachen zu sorgen und der Schwache dem Starken dafür in loyaler Referenz zu begegnen. Diese patronalen Beziehungen gab es auch zwischen sich zwischen Lehrern und Schülern. Politische Handhabungen dieserart ließen ganze Großfamilien und Gemeinden an Adlige binden. Vertikale Grenzziehungen in diesem recht gut organisierten sozialen System unterschieden die Mitglieder der Unterschichten untereinander und markierten die heterogene und vielseitige Abhängigkeit zu den Patronen.

Auch das gesamte Kaiserreich kann als homogene, vertikale, in sich existierende Pyramide gesehen werden. Der Kaiser (pater patriae: Vater des Vaterlandes) stand an oberster Spitze der sozialen Gesellschaftspyramide. So musste ihm das Volk loyal gegenüberstehen, ihm Steuern zahlen und treu dienen. Im Gegenzug war der Kaiser jedoch auch der „defensor plebis“ (Verteidiger des Volkes) und unterstützte Gemeinden nach Erdbeben, Hungersnöten etc.

In der urchristlichen Tradition existierte neben der Kaiserpyramide auch eine Alternativpyramide, bei der Gott und Christus an der Spitze standen. Diese Pyramide war für die Christen ebenso real wie die des Kaisers, was bezüglich der Glaubwürdigkeit und Kompetenz des Kaisers einige Divergenzen mit sich zog. Gott stand für damaliges Empfinden auf gleicher sozialer Ebene wie der Kaiser. Die klare Trennung von Kirche und Staat wurde zu der damaligen Zeit noch gezogen; die Vermischung der sozialen Gesellschaftsordnung mit religiösen Vorstellungen erscheint uns heute sehr fern und unverständlich. In unserer heutigen Gesellschaftsform wird gegenteilig dazu eher die Trennung von Staat und Kirche heran getrieben. Grenzfälle bieten für die Medien und bei der Bevölkerung viele Diskussionsgrundlagen: Die Kopftuchdebatte ist nur eines der zahlreichen Beispiele.

Definition von Würde und der Gottesebenbildlichkeit

Das pyramidale System definierte Würde anhand der Nähe zum Patronus. So genossen Gruppenmitglieder, die dem Patron gut gesonnen waren, eine besondere Betreuung. Je näher man dem Patronus, dem höchsten der jeweiligen Spitze, stand, desto besser auch das gegenseitige Verhältnis. Gute Tugenden wurden belohnt, schlechte gerügt.

Die christliche Alternativpyramide kannte das Abhängigkeitsprinzip in ähnlicher Form. Durch Christus- bzw. Gottesnähe genoss man Würde. Sozial-hierarchische Vorstellungen spielten hier jedoch im gleichen Maße eine Rolle wie im pyramidalen Sozialverband. Auch hier gab es eine Würdeskala, in der der Ehemann Gott am nächsten steht und die Frau zuerst der Abglanz des Ehemanns ist. Erst durch ihren Mann konnte sie Würde von oben erwarten. Die christliche Pyramide stellt Christus als erstgeborenen Bruder aller berufenen Menschen dar (Lampe, 2001: 293f). Für alle „nicht- Berufenen“ ist Christus jedoch nicht der Bruder, sondern einzig für auserwählte Gemeindemitglieder. Um möglichst viel Würde zu erfahren und Gott nah zu sein, nah zu kommen, strebten die Frühchristen die sog. Gottesebenbildlichkeit an. Der Zustand mit Gottes Ebenbild (imago dei) eins zu werden ist jedoch im menschlichen Sein unmöglich. Erst im Eschaton, nachdem man den Rücken zu unserer Welt gekehrt hat, sei es dem Gläubigen möglich, Christus nahe zu kommen, ja sogar sein Ebenbild zu werden. Hier definiert sich der größte Unterschied zu der kaiserlichen Pyramide: Zwar konnte man dem Kaiser nicht ebenbürtig in die Augen schauen, jedoch war der soziale Auf- und Abstieg stets auf das Diesseits bezogen, und nicht, wie bei der Christusebenbildlichkeit auf das Jenseits. Die kaiserliche Pyramide war demnach fassbarer und begreifbarer, da sie theoretisch noch in Lebenszeit zu erklimmen war. Wobei die Christuspyramide hingegen gänzlich nach dem Tod Anerkennung der würdigen Menschen versprach. Die Christusebenbildlichkeit gehörte damit nicht zur menschlichen Grundausstattung, sondern zu einem Zustand, der im wirklichen Leben nicht erreicht werden konnte, zu dem sich ein Streben aber lohnen sollte.

Die Gottesebenbildlichkeit kann auch als eine, so Hamm in „Jahrbuch für Biblische Theologie, Bd 15“ 2000 im Vorwort, „von Gott verliehene funktionale Würdestellung und Beauftragung gegenüber der Tierwelt und den Mitmenschen, (...)“ (Hamm, 2001: 2) definiert werden. Im Gegensatz zu der Aufklärung, in der versucht wurde, die Würdestellung zu definieren und zu analysieren (ebd.: 3), versuchen die Psalme diese Stellung an keinem besonderen Merkmal festzumachen. Die Psalme (vgl. Bibel, AT Gen: Psalm 8) lieferten für die Frühchristen genügend Beweis, dass der Mensch eine „königliche“ Repräsentanz Gottes sei. Da die Erreichbarkeit des göttlichen Ziels für die Erdenbürger nur nach dem Leben möglich ist, wurden seine Fehlbarkeiten, sein Schutzbedürftigkeit und seine Mängel auch als menschlich angesehen. Jedoch sollte er sich stets um ein frommes Anstreben der Gottesähnlichkeit bemühen (vgl. Hamm, 2001: 3f). Hamm fasst dies treffend zusammen:

„Gott will den Menschen – mit dem Existenz- und Herrschaftswechsel in der Taufe beginnend und vollendend in der Auferstehung – in das Bild Christi, der das wahre Bild Gottes ist, verwandeln. So soll die Gottesebenbildlichkeit des Menschen neu konstituiert werden. In der Berufung dazu liegt die Würde aller Menschen“ (Hamm, 2001: 5)

Das Verständnis von Würde in frühchristlicher Epoche grenzt sich stark von unserem Würdeempfinden ab. Früher war die Würde vom sozialen Organismus abgeleitet und nur die Spitze dieses Organs hatte ein Recht und die Befähigung Würde zu erhalten und auszustrahlen. Wo heute lediglich die ethische Kompetenz dem Vordergrund steht (vgl. Kap. 3 dieser Arbeit), so erkannten die Frühchristen die Würde eines Menschen nur an, wenn er befähigt war, mit dieser Kompetenz etwas umzusetzen, was für die Allgemeinheit diente. Sprach man von Würde, implizierte dies auch die normative Eingliederung in einen Organismus, in ein kollektives Ideal. Gläubige Meister lebten das Ideal vor und priesen den täglichen Gehorsam zu Gott mit dem Ziel im Paradies Seinesgleichen zu werden. So konnte der Mensch seine eigene Würde nur aus der Anerkennung Gottes erhalten. Großes Ansehen erreichte derjenige, der seine eigene Vielseitigkeit in den Hintergrund schob um in einzigartiger Konformität zu glänzen. D.h. Originalität sollte zugunsten von Normen und Traditionen der Gesellschaft vernachlässigt werden. Die einzigartige individuelle Leistung definierte sich rein aus dem quantitativ Besonderen einer Person. So bezeichneten die hohen Geistlichen eine individuell außergewöhnliche Tugend als solche, wenn sie für das Kollektiv nachahmbar war. Für eine positive Resonanz sollte das Gemeinwesen im Vordergrund stehen. Durch sein überangepasstes, vorbildliches Verhalten wurde der Einzelne schließlich aus der Gemeinschaft hervorgehoben. Ein kreatives, eigenwilliges Leben wurde dahingehend eher bestraft als belohnt (ebd.: 300f). Der Gemeinschaft würdevoll vorleben war das Gebot zur antiken Zeit. Die Rettung der Menschen ist damit nicht vorprogrammiert, sondern vielmehr als ein von Gott gnadenvoll geschenktes Gut zu bezeichnen.

In unserer westlichen Glaubenswelt kann diese antike Würdevorstellung als klarer Gegenentwurf zu unserer heutigen modernen Weltanschauung gesehen werden. Jeder hat das Recht auf freie, individuelle Lebensführung. Dabei wird die Würde des Menschen besonders individuell definiert und in keinen gesellschaftlichen Rahmen gedrängt. Dazu später mehr.

Würde und Elend

Im alten Testament schließen sich die Begriffe „Würde“ und „Elend“ nicht unbedingt aus. Beide Bezeichnungen wurden sogar in einem Atemzug genannt, das Eine gehörte unweigerlich zum Anderen. Für unser heutiges Verständnis scheint diese Zusammenführung so absurd wie unverständlich und muss explizit erläutert werden. Wie beschrieben, erlangten die Frühchristen ihre Annerkennung, und damit auch ihre Würde durch eine konforme und huldvolle Lebensführung. Das Wohl der Allgemeinheit galt es zu schützen und tatkräftig, durch individuelle Anstrengung zu optimieren. So kamen kreative Individualisten nicht in den Ruhm würdevoller Anerkennung der oberen Geistlichkeit und der Adelsfamilien.

Lampe geht in seinen Ausführungen noch einen Schritt weiter (vgl. Lampe, 2001: 301f). Konnte die Gottesebenbildlichkeit in der Frühchristenzeit nur im Jenseits erreicht werden, so musste man jedoch im Diesseits durch würdevolles Verhalten schon darauf hinarbeiten. Die Menschen identifizierten sich mit dem leidenden Christus; er galt als ihr absolutes Würdesymbol. Dem Christus an der Spitze ihres Glaubensbekenntnisses sollten sie durch die Taufe näher kommen. Der gekreuzigte und wieder auferstandene Christus, dessen Leid ein Opfer für alle Gläubigen Christen war, galt als ihr Identifikationssymbol. Die Christusidentifikation war die Basis aller christlichen Lebensausrichtung (vgl. ebd.: 302). Die Bibel beschreibt, dass aufgrund seiner aufopfernden, unstillbaren Liebe jegliches Eigeninteresse Jesu’ am Kreuze aufgegeben wurde (vgl. Bibel, 2 Kor 6.4). Diese Leidensbereitschaft und körperliche wie selige Hingabe des eigenen Seins galt als zu erreichendes und nachahmendes Optimum. Zwei Beispiele aus der Bibel sollen dies unterstreichen:

„Wir leiden mit ihm, damit wir auch mit ihm verherrlicht werden“ (Röm. 8,17)

„Stets tragen wir das Todesleid Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar werde. Denn wir (...) werden ständig um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleisch sichtbar werde.“ (2 Kor 4,10f).

Eigenes Leid wird positiv interpretiert, Elend wird als Würde greifbar. Der leidende Zustand ist anzustreben, so die Frühchristen, damit ein Heil von oben überhaupt erwartet werden konnte. Gläubige waren überzeugt, dass Christus nach seinen Leidesqualen auferstanden von den Toten ist und nur so das Paradies erreichen konnte (vgl. Lampe, 2001: 303 f). Lampe gewinnt der Christusebenbildlichkeit etwas Positives ab:

„Die paulinische Einladung an den Menschen, sich mit dem gekreuzigten Christus zu identifizieren, bietet eine herausfordernde Alternative zur Verführung der Massenmedien, sich vorschnell immer wieder nur mit dem Stärkeren, Jüngeren und Schöneren zu identifizieren“ (Lampe, 2001: 303).

Doch wie äußerten sich die Frühchristen bezüglich der Gewaltausübung von außen? Können vergewaltigte Frauen, die psychisch und physisch ihr Leben lang leiden, dadurch eine Würde erfahren? Wie ist dies heute mit Opfern von Amokläufen zu vereinbaren? „Lohnt“ sich das Elend und der Schmerz eines Kindes, welches seine Eltern durch AIDS verloren hat? Kann dieses Kind durch sein Leid nach dem Tod wieder „auferstehen“? Diese Fragen beantworte ich klar mit nein. Und doch beinhaltet die oben beschriebenen Theorie etwas Positives: Meiner Meinung nach geht es vom biblischen Grundgedanken her um das Bewusstsein des eigenen Ichs und der Aufopferung für würdevolle Ziele. Auch wenn der Weg oftmals schwer und auch elendig lang erscheint, kann der Leidende doch auf ein glückliches Endziel hoffen. Das Elend ist nach diesem Gedankengang eher philosophisch zu definieren. Der richtige und würdevolle Weg zu einem ehrenhaften Leben ist nicht immer der einfachste – deshalb soll auch das Elend, moderner gesprochen: der Schmerz, die Trauer und Depressionen – überwunden werden. Trotz Allem ist die ursprüngliche Auffassung der Gottesebenbildlichkeit, bzw. der Christusebenbildlichkeit in unserem modernen, westlichen Denken nicht mehr verankert. Der manchmal auch schmerzliche Weg eines jeden findet aber - damals wie heute - noch seine Interpretationsmöglichkeiten.

 

Quellenverzeichnis

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Internet:

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