Venezuela war wie ein Paradies – die Rückkehr in die Zivilisation

Guter Kaffee, vernünftige Lebensmittel im Supermarkt, Breitband-Internetverbindungen, Einkaufszentren, moderne Autos – ein Land in Bewegung. Venezuela hatte im letzten Jahr ein Wirtschaftswachstum von 10% vorzuweisen, größtenteils bedingt durch starke Erdölexporte. Das Benzin kostet dort 0.03 Dollar pro Liter, den vielgebrauchten Pick-Up Truck lassen die Venezolaner also für etwa 3 Dollar volltanken.

Dass dieses Erdölgeschäft auch in vielen anderen Bereichen Früchte trägt (Pharma/Chemie), merkt man deutlich. Auf Grund der politischen Linksbewegung Lateinamerikas werden derzeit durch die Regierung Chavez diverse Dekrete verabschiedet, die die Multinationalen mit großem Argwohn beobachten. Chavez betitelte sich bei einer Pressekonferenz vor Kurzem das erste Mal öffentlich als Kommunist, er plant die Verstaatlichung einiger Kern-Industrien, siehe Morales in Bolivien, und arbeitet an der Abschaffung der beschränkten Amtsvergabe an Präsidenten, so wie das auch Uribe in Kolumbien vor einiger Zeit getan hat.

Die gestrichenen Wände und Plakate am Straßenrand erinnern stark an die Propagandamaschinerie Kubas, regelmäßig lese ich „Patria o Muerte“ (Vaterland oder Tod), „Venceremos“ (Wir werden siegen) oder „Uh ah, Chavez no se va“ (Chavez geht nicht). Zu sehen sind oft die Köpfe historischer Größen, über ihnen thront das Haupt Chavez’. Der Personenkult ist für einen Deutschen schon recht befremdlich.

Das Konsumverhalten in Venezuela hat durch den wirtschaftlichen Aufschwung ein Maß angenommen, dass ich so aus Europa nicht kenne. Noch nie habe ich in einem Land so viele neu produzierte Autos gesehen, die Einkaufzentren erreichen amerikanische Rekordgröße, die Menschenmengen, die sich durch eben diese Zentren schieben, sind ebenfalls beachtlich.

Ohne dies alles unkritisch lobpreisen zu wollen, wäre eine Annäherung Venezuelas an die politische Linie Kubas ein herber Einschnitt für die venezolanische Bevölkerung. Viele Venezolaner denken, dass es in Kuba wesentlich gerechter zugeht und dass die Lebensverhältnisse auf der Nachbarinsel Vorzeigemodell für Venezuela sein sollten. Leider haben diese Menschen oft keinen Einblick in die tatsächliche Welt der Kubaner. Die, die eine Vorstellung haben (z.B. durch berufliche Aktivitäten vor Ort) sind mit großer Sicherheit keine Chavez-Wähler. Dass die politischen Ambitionen Chavez’ bei den Menschen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen, spiegelt sich im derzeitigen Dollar-Wechselkurs wider.

Die Landeswährung, der Bolivar, kann auf zweierlei Art erworben werden, offiziell und inoffiziell. In den Banken sind die Wechselkurse staatlich reguliert und der Bolivar ist stark unterbewertet (1USD=2200 Bolivar). Nach den ersten Amtsankündigungen Chavez’ fiel die Währung in den Keller und man bekommt nun auf dem Schwarzmarkt fast die doppelte Menge an Bolivar pro Dollar (3500-4000 Bolivar) als das in den offiziellen Wechselstuben der Fall ist. Wird spannend sein zu sehen, wie lange diese künstliche Kluft bestehen bleibt.

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