Worin besteht der Unterschied zwischen ALDI und KAISERS? (zum 9. Nov. 1989)

Was kann ein Brasilianer über den Mauerfall sagen? Wenn ein deutscher Freund mich fragt, was ich in dieser Zeit machte, kann ich keineswegs antworten... ich erinnere mich daran nicht, was ich gestern beim Frühstück aß, wie kann ich mich an ein Ereignis erinnern, welches vor sechzehn Jahre passierte? Und so weit weg von mir? Ruhig!!!! Ich habe doch meine Meinung und möchte kein Quatsch schreiben. Ich möchte nur betonen, dass diese Aufgabe uns (den Brasilianern) zu schwierig ist, weil wir uns auf keinen Fall vorstellen können, was die Deutschen, besonders die Berliner, in ihren Leben erlebten. Ehrlich gesagt soll ich bei solchen Fragen schweigen, ich möchte stattdessen zum Thema beitragen. Ich wohne schon ein Jahr in Berlin und würde sagen, dass ich die Stadt ziemlich gut kenne, denn ich lebte erstens in Pankow, dann in der Mitte und nun wohne ich in Charlottenburg. Ich erfuhr sowohl von der Geschichte der Stadt als auch von den Berlinern, die sich ganz unterschiedlich benehmen... 2001 besichtigte ich zum ersten Mal Berlin und übernachtete damals in einer Jugendherdberge am Ostkreuz. Da ich nur ein Wochenende in der Stadt verbrachte, sah ich ganz oberflächlich alle Sehenswürdigkeiten und konnte nur um meine Höhe ausgehen --- S. P. E. I. C. H. E. R. --- Das war so geil, ich tanzte in einer Disco, die neben der Mauer lag... Ich sagte mir selbst geil (könnte aber auch cool sagen), ehe ich eintrat... Was für eine Musik spielten die da? Und wie komisch und Kitsch sahen alle aus? Wie alt sind Sie? Diese Frage durfte man in dieser Nacht nicht stellen... Ich weiß, dieser Eindruck ist zu blöde, aber so hatte ich mir damals die Ossis und ihrer Gegend vorgestellt... Wir müssen doch nach Pankow zurückkehren... Sei geduldig, liebe/r Leser/in, ich lerne gerade Deutsch und brauche ein bisschen Zeit, meine Meinung zu entwickeln. Außerdem möchte ich dich beeindrucken, indem ich dir zeige, dass ich mich viel bemühe... 22.09.2004. An diesem Tag kam ich in Deutschland an, gerade ein Monat vor dem Semesterbeginn. Damit meine ich, dass mein Leben sich im Laufe dieser Zeit nur in Pankow beschränkte. Dazu gibt es noch eine wichtige Kleinigkeit, die ich auf jedem Fall mitteilen muss: mein Mitbewohner war ein einundsiebzigjähriger Mann. Er war verantwortlich für meine Einführung ins Berliner Leben. Wie ich ihn kennen lernte, spielt jetzt keine Rolle. Hauptsache dass er seine Aufgabe befolgte, aber auf einer anderen Weise, die ich mir niemals vorstellen konnte: die Nächte weilten länger, weil die deutsche Geschichte vielseitig ist und er, wie jeder alter Mann, wollte sie mir ganz präzis erzählen. Die Erlebnisse in der Schulzeit, die Bombefälle, die Ankunft der sowjetischen Armee, alles wurde von A bis Z beschrieben und detaliert. Die Erzählung über sein Leben nach dem Maueraufbau schien mir beeindrückender. Als Ossi fand er die Idee der Mauer verabscheuwürdig, besonders da er auch unter der Familientrennung litt. Ich konnte aber während der Erzählung Nostalgieanzeichen in seinem Blick bemerken. In der Erinnerung blieb die Zeit, in der man ohne Luxus leben konnte... Selten aß man schmackhafte Schokolade, aber man besaß sichere Stelle auf den Markt, man fuhr immer günstig mit dem Verkehrsmittel, man bildete sich aus und konnte freilich mit der Zukunft rechnen... Ich weiß, dass diese Nostalgie aus der Gegenwart entstand, da keiner Job hat, die Rentnerversicherung bedroht wird, die Zahl des Bettlers steigert, usw. usw. usw. Es ist doch klar, wie die Leine eben weiß, dass das Leben damals mit STASI, Freiheitsverzicht und Trabi nur in 10 Jahre nicht so schön und einfach war, wie es scheint. Trotzdem behielt ich dieses Bild des stabilen Lebens... Einige Tage nach meiner Ankunft ging ich zum ersten Mal einkaufen. Nebeneinander gab es in der Nähe eine ALDI- und eine KAISERS Filiale. Mein Mitbewohner sagte mir, dass ALDI günstiger ist, ohne dass zu erklären, woran der reale Unterschied zwischen beiden besteht. Als ich ALDI eintrat, wurden 2 Filme in meinem kopf gedreht, nämlich den von der Erfahrung in SPEICHER und den vom Leben ohne Luxus. Die Produkte waren wirklich preiswert, aber ihre Qualität gefiel mir überhaupt nicht. Die Obstarte z. B. waren zu gering und sie sahen künstlich aus. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen bulgarischen Laden, in dem ich einmal eine furchtbare Butter kaufte, als ich noch am Ostkreuz übernachte. Unzufrieden ging ich dann zum KAISER´S. Dort schlug mein Herz! So diferent! So modern! So expensive! Die Regale waren voll und bunt, die Weinsorten kommen aus aller Welt, das Cola, dass ich bei ALDI kaufen wollte und nicht fand, gab es hier in Stapel, Pepsiflaschen, American Keks und viel mehr... Mein Supermarktwagen sah bei KAISER´S ein moderner Ford aus, beim ALDI gegenüber war er ein blasser Trabi. Wenn ein Bekannter mir nicht erklärt hätte, dass ALDI auch in Amerika existiert, hätte ich weiter gedacht, dass die Mauer immerhin noch zwischen den Supermärkte stände. Einmal kommentierte ich, dass ich meine Meinung sagte… bis jetzt dächtest, dass ich nur quatschte. Damit du nicht denkst, dass die Brasilianer Lügner sind, äußere ich nun meine Meinung. Kurz und bündig würde ich sagen, dass eine psychologische Mauer noch existiert… Die Mauer steht noch da, nicht nur aufgrund der Sehenswürdigkeiten oder der stets Erinnerung der Geschichte, die ich persönlich sehr wichtig und nötig finde, sondern auch weil diese DDR-Nostalgie immer mehr in der Berliner Luft schwebt, besonders wenn die Betriebe auf den Hund kommen und die Arbeitsplätze abgeschafft werden, weil die Wessis und die Ossis noch Witze übereinander machen und das ist für mich Anzeichen der in der Gesellschaft eingeprägten Trennung, weil ich ab und zu an Gespräche teilnehme, in denen das Thema auftaucht und man verteidigt seine Meinung, als ob das Land nicht vereinigt wäre………,weil SPEICHER dieselbe als zuvor blieb.

Kategorien: