Erinnerungen an Mauer und Mauerfall: Drei Menschen, drei Wege, drei Schicksale

3. November 2005 – Treffen von Freunden. Jürgen und seine Frau Ludmila empfangen den guten Freund Gunnar bei sich zu Hause. Die Gespräche und Diskussionen, die diese Menschen unter sich führen sind immer sinnvoll und lebensnah. Da ich aus einem anderen Land komme (Russland) und in Deutschland nur 2 Jahre bin, freue ich mich jedes Mahl etwas Neues zu erfahren. Ich habe das Thema „Mauerfall“ vorgeschlagen und habe meine Freunde interviewt. Sie haben es gerne gemacht, aber dabei waren sie ab und zu auch traurig, nachdenklich und emotional aber auch glücklich bewegt. Manchmal blitzten die Augen vor Tränen. Die Erinnerungen, die wir in solchen Momenten aufrufen, lassen uns nie kalt. Das Thema „Mauer“ und „Mauerfall“ hat mich schon immer interessiert. Das war für mich ein Rätsel „Ein Staat, der künstlich zweigeteilt war“. Die Schicksale von Menschen, die das alles erlebt haben sind mir wichtig! Ich frage die Deutschen immer darüber, und habe schon ein kleines Bild von diesen Ereignissen in meinem Kopf. Aber ich möchte es sozusagen weiter untersuchen und das Treffen dieser Freunde ist eine gute Möglichkeit dies fortzusetzen. Gunnar (44 Jahre), er ist Autor und Geologe und freiberuflich Dozent an der Freien Universität Berlin und an der Europa-Universität Kaliningrad. Er kommt aus Nord-Bayern, also aus Westdeutschland. Das war Grenzgebiet, aber Zoll und Polizei störten ihn nicht. Er hatte immer ein Interesse an der DDR und anderen kommunistischen Länder. Deswegen reiste er viel (damals noch mit Visum) nach Dresden, in den Harz, auf Rügen und auch in andere Länder, zum Beispiel Jugoslawien oder in die Tschechoslowakei, heute Tschechien und Slowakei. Mit 21 Jahren kam er nach Berlin und studierte Deutsche Geschichte an der Freien Universität. 28 Jahre war er, als die Mauer fiel. Aber er sagt, dass er schon geahnt hatte. So hat es ihn nur wenig überrascht. Gunnar: „Das war der Atem der Geschichte!“ Heutzutage ist er sehr oft in Russland und Polen. Vor allem im ehemaligen Ostpreußen, in Kaliningrad (Königsberg) und Umgebung. Er ist ein Ostkenner geworden und hat sogar eine Russin geheiratet. Gunnar: „Ich habe einen Fehler gemacht – dass ich nach Berlin gezogen bin. Berlin ist für mich zu bitter. Aber Berlin hat auch seine Vorteile – es ist nicht so weit nach Kaliningrad und gleichzeitig nach Bayern, wo meine Verwandten leben!“ Zum Schluss habe ich ihn gefragt, was wäre in seinem Schicksaal anders, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Er sagte: „Dann hätte ich als Ostexperte ein eingesehener Hochschullehrer werden können!“ und lachte. Jürgen ( 57 Jahre), er ist Diplomjurist, hat als Laborant gearbeitet, aber nach dem Mauerfall seine Arbeit verloren. Seit 1993 ist er selbständiger Reiseleiter. Jürgen kommt aus der Ostdeutschland, er ist in Magdeburg geboren und mit 21 Jahren nach Ostberlin gezogen. Er wusste immer „es muss eine Wende geben, weil die DDR ökonomisch einfach unstabil war“. Er wollte eine Veränderung, „…aber ich habe nicht gedacht, dass der Anschluss der DDR an die BRD so einfach kommt“. Den Mauerfall hat er als Chance gesehen, sich freiberuflich zu entwickeln, den Horizont erweitern zu können mit der Grenzöffnung! Das hat er auch gefühlt als er 1993 sein Betätigungsfeld in das ehemalige Ostpreußen ausgeweitet hat. Er ist ein Spezialist für Ostpreußen geworden und führt dort zudem viele Hilfsprojekte durch. Er hilft Kindern in Waisenhäusern mit dem Verein Anthrophos e.V. und unterstützt begabte Kinder im Bereich Musik und Tanz. Der Mauerfall und die Entwicklung in Osteuropa haben sein privates Leben stark verändert. Er hat sogar eine Russin geheiratet und so ein „Russische Seele“ gekriegt. Er liebt und versteht russische Kultur, er singt russische Lieder und hat viele russische Freunde! Über die Deutschen und Teilung sagt er: „Ich weis, dass noch bis Heute in den Köpfen der Deutschen eine Mauer besteht, bei mir aber nicht. Ich höre den Menschen gerne zu, ich akzeptiere jeden und bin für Kompromisse bereit. Was ich nur für die jüngere Generation wünsche, dass der Sozialstaat nicht weiter so demontiert wird und dass die Jugend mehr Bildungschancen erhält und das nicht so sehr vom Geldbeutel der Eltern abhängt…“ Ludmila (43 Jahre) ist ausgebildete Musiklehrerin und arbeitet jetzt als eine Managerin in einem Hotel in Berlin. Sie ist in der Sowjetunion in Kaliningrad geboren. Ludmila: „ Als ich noch ein Kind war, konnte ich nicht verstehen, wie es kann sein, dass in Berlin ein Mauer steht und die Stadt und selbst ein Land in zwei Teile teilt. Aber es war so und ich habe einfach angenommen, dass es so sein soll. In der Sowjetunion führte man immer eine Politische Propaganda. Die DDR das waren immer ‚die Guten’ und die BRD natürlich ‚die Schlechten’, denn Westdeutschland war ein Verbündeter von Amerika und zwischen Amerika und der Sowjetunion war damals ein ‚Kalter Krieg’. Man hat uns nie über die Probleme der DDR berichtet, immer nur das Positive, deshalb wollten die Russen immer die DDR besuchen. Es war wie ein Traum! Viele unsere Militärs und Ärzte waren in der DDR tätig und die haben bis heute sehr schöne Erinnerungen an diese Zeiten. Der Mauerfall wurde bei uns im Fernsehen gezeigt und als ein großes Fest vorgestellt. Man zeigte Bilder von Gorbatschow und Koll, wo sie sich umarmen. Ich habe mich natürlich auch darüber gefreut, obwohl Deutschland und alles was da passierte für mich fremd und unerreichbar war.“ Drei ganz verschiedene Menschen, drei ganz verschiedene Wege, drei ganz verschiedene Schicksale haben. Aber jetzt sitzen sie zusammen und trinken Tee, es gibt viel, was sie heute verbindet. Ein Westdeutscher und ein Ostdeutscher sind gute Freunde. Doch wir leben in harten Zeiten, wo Krieg, Terrorismus und starke Ungerechtigkeiten herrschen, wo Grenzen in der Welt bestehen und viele dadurch leiden müssen, wo die Natur sich gegen die Menschheit erhebt, wo Kinder und Erwachsene wegen des Hungers in Afrika und nicht nur dort sterben. Und andere, die viel zu viel haben, schmeißen Lacks und schwarzen Kaviar in den Müll, weil sie schon so satt davon sind. Wir leben in Zeiten, wo die Rentner in Russland 50 Euro pro Monat bekommen und irgendwie davon leben müssen, obwohl sie ganze Leben lang gearbeitet haben und nur seines bestens gegeben haben. Trotz allem besteht eine Hoffnung auf besseres Leben. Auf das Leben, in der jede menschliche Seele zählt. In der wir versuchen müssen Ellenbogengesellschaft auszulöschen, die Fehler der Vergangenheit nicht mehr wiederholen und auf einander aufpassen, weil wir einander brauchen.

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