Matthias Feulner's blog

Römische Gründungsstädte und Kastelle: Die Entstehung von Regensburg aus dem Militärkastell Castra Regina

Die erste bisher nachweisbare römische Befestigung im Regensburger Stadtgebiet entstand in den 80er Jahren des 1. Jahrhunderts nach Chr. Um die Entwicklung, die zum Bau des Militärkastells Castra Regina führte, zu verstehen und um das römische Regensburg in einen historischen Zusammenhang einordnen zu können, muss man bis in die Zeit des Kaiser Augustus' zurückblicken.

Wichtige Gründe für den Bau des ersten Kastells in der Zeit der Grenzziehung des römischen Reichs war 1. der Schutz Oberitaliens vor den Einfällen räuberischer Alpenstämme und 2. die Erleichterung einer Verkehrsverbindung vom nördlichen Alpenfuß in Reichsteile jenseits des Rheins in Gallien. Um diese Ziele zu erreichen, musste die Reichsgrenze bis zur Donau vorgeschoben werden. Das Vordringen bis zur Donau erfolgte unter Tiberius (zwischen 35 und 37 n. Chr.). Der Fluss wurde durch eine Reihe kleinerer Kastelle gesichert. Nach der militärischen Niederwerfung erfolgte mit der Gründung der Provinz Raetien auch die verwaltungsmäßige Organisation. Sie war einem kaiserlichen procurator aus dem Ritterstand unterstellt. Die ersten Verwaltungszentren waren wahrscheinlich Cambodunum (=Kempten) und Augusta Vindelicum (=Augsburg).

Limes, Regensburg
Limes, Regensburg

Die Flüsse Rhein und Donau bildeten im Laufe der Zeit nicht nur die Grenze des römischen Weltreiches, sondern sie entwickelten sich auch zu wichtigen Verbindungswegen zwischen Ost und West. Der Weg über das Rheinknie war allerdings umständlich und zeitraubend. Deshalb begann unter den Kaisern Vespasian (69 -79 n. Chr.) und Domitian (81 - 96 n. Chr.) der langsame Ausbau einer primitiven Befestigungsanlage, sozusagen der Vorläufer des "Limes". Um einige Befestigungslücken zu schließen, wurde die Anlage um mehrere Kastelle erweitert, unter anderen durch ein Lager bei Regensburg. Damit wurde der Donaubogen in das Verteidigungsnetz mit einbezogen. Allerdings waren die Römer hier nicht die ersten Siedler gewesen.

Die Kelten

Lange bevor Germanen und Römer die historische Bühne Süddeutschlands betraten, hatten sich dort die Kelten ausgebreitet. Ihr Siedlungsgebiet reichte von der Iberischen Halbinsel über Britannien, Gallien, den Donauraum bis nach Südosteuropa. Ihre ältere Epoche, die von der Durchsetzung der Eisenzeit geprägt war bezeichnen wir als Hallstattkultur. Die zweite, jüngere Phase (5. bis Mitte des 1. Jhdts. v. Chr.) nennt man die La-Tène-Zeit. Ihre markantesten archäologischen Reste sind riesige Ringanlagen, vornehmlich auf Tafelbergen, die von den Römern auch "oppida" genannt wurden. Diese Oppida-Kultur scheint im 1. vorchristlichen Jhdt. gewaltsam untergegangen zu sein. Es gibt Hinweise dafür, dass es an der Stelle des heutigen Regensburg schon eine keltische Siedlung mit Namen Radasbona gegeben hat.

Die erste römische Befestigung am Donaubogen

Es war wohl die Verkehrsgunst des Platzes, welche die römischen Strategen dazu bewog, das erste Kastell im heutigen Stadtteil Kumpfmühl (unmittelbar südlich der Kirche St. Wolfgang) anzulegen.

Plan Kastel Kumpfmuehl (Regensburg)
Plan Kastel Kumpfmuehl (Regensburg)

Von dort bot sich die Möglichkeit, den gesamten Donaubogen sowie die zwei Talmündungen (Naab und Regen) einzusehen und damit die Handelswege zu beherrschen. Das Kastell besaß eine Steinmauer mit einem rechteckigen Grundriss von 154 x 143 Metern und wurde von einer Steinmauer mit Doppelgräben umgeben.

Mauer mit Graben, Kastell (Regensburg)
Mauer mit Graben, Kastell (Regensburg)

Der antike Name der Befestigung ist nicht bekannt. Es blieben keine oberirdischen Spuren zurück. Im Lager war eine ca. 500 Mann starke Hilfstruppe (sog. Auxiliarkohorte) stationiert. Die Soldaten hatten nicht das römische Bürgerrecht und wurden meist in der Umgebung rekrutiert. Dies war möglich, weil Raetien damals noch zu den weniger bedrohten Gebieten gehörte. Die Archäologen fanden in Regensburg-Kumpfmühl in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers Spuren einer Zivilsiedlung, deren Ausstattung auf die Bedürfnisse der Soldaten ausgerichtet war. Nachgewiesen werden konnten neben einer Kneipe, Läden, Werkstätten, eine Ziegelei und v.a. eine Badeanlage.

Die Markomannen - eine unterschätzte Gefahr

Das relativ ungestörte Leben an der Donaugrenze änderte sich Mitte des 2. Jhdts. Ausgelöst durch Wanderbewegungen ostgermanischer Stämme waren auch die nördlich der Donau wohnenden Völker, darunter die Markomannen, unruhig geworden. Sie forderten neue Wohnsitze innerhalb des Reiches. Als ihnen das untersagt wurde, versuchten sie gewaltsam Einlass zu erlangen. In Rom unterschätzte man diese Gefahr und hatte große Teile der Truppen von der Donau abgezogen und an die Euphratgrenze gegen die Parther verlegt. In den 60er Jahren des 2. nachchristlichen Jhdts. geriet die ganze Donaugrenze ins Wanken und germanische Scharen drangen bis nach Aquileia an der Adria vor. Man kann davon ausgehen, dass auch das römische Auxiliarkastell von Kumpfmühl und die dazugehörige Zivilsiedlung verwüstet wurden. (In diesem Zusammenhang ist auch der Kumpfmühler Schatzfund von 1989 zu sehen).

Roemisches Geld (Regensburg, Stadtgeschichte)
Roemisches Geld (Regensburg, Stadtgeschichte)

Die Römer konnten allerdings die Markomannen aufhalten und die Donaugrenze wieder sichern. Um die Sicherheit der Nordgrenze zu garantieren, entschloss sich Kaiser Marcus Aurelius (161 - 180 n. Chr.) die III. Italische Legion zu stationieren. (Dies waren römische Truppen, keine Fremdvölker, die man in schwierigen Situationen einsezte.)

Das neue Kastell zur Sicherung der Nordgrenze

 

Castra Regina (Regensburg Stadtgeschichte)
Castra Regina (Regensburg Stadtgeschichte)

Die Ausprägung des Regensburger Kastells - Castra Regina

Die Wahl des neuen Standortes war wohl von ähnlichen Voraussetzungen bestimmt wie 80 Jahre früher: nördlichster Punkt im Donaubogen, östlich davon gelegen die fruchtbare Donauebene, gute klimatische Bedingungen. Dem neuen Bau kam eine symbolische Funktion der Abschreckung zu, deshalb wich man von der alten Baustelle in Kumpfmühl ab und baute direkt am Fluss (Reichsgrenze). Dort war das Gelände aber schwierig und musste erst durch Kiesaufschüttungen trockengelegt werden. Die neue Lagermauer hat eine Seitenlänge von 540 x 460 m und eine Fläche von 24,3 ha (= elfmal die Fläche des alten Kastells). Zur Einweihung des Lagers ließ der Legionskommandeur, der gleichzeitig auch Statthalter der Provinz Raetien war, über der Porta Principalis (Osttor), eine Steininschrift anbringen.

Bauinschrift (Regensburg)
Bauinschrift (Regensburg)

Sie war ursprünglich ca. 8 - 10 m lang. Zwei Fragmente des Mittelstückes blieben davon erhalten. Diese sog. "Gründungsurkunde" von Regensburg gibt uns ein festes Datum für die Einweihung des Lagers, nämlich 179 n. Chr. Mindestens 5 Jahre Bauzeit müssen bis dahin schon veranschlagt werden. Etwa 30.000 Kubikmeter exakt behauene Quaderblöcke wurden hergestellt. Die bewegte Steinmenge muss dabei etwa doppelt so groß gewesen sein. Die Steinbrüche befanden sich im ganzen Donautal bis nach Kehlheim. Die grob behauenen Werksteine brachte man auf dem Fluss zu einer Lände nahe am Lager. Mit Hilfe von Drehkränen, Flaschenzügen und Holzrollen wurden die Quader zur Baustelle gebracht. Die fertige Lagermauer war ohne Zinnen ca. 7,5 m hoch und hatte ungefähr 30 Türme und vier Tore. Regensburg war durch diesen Bau zum größten Garnisonsort in der Provinz Raetien geworden. Auch nach rund 1800 Jahren beeindrucken diese gewaltigen Kalksteinblöcke noch, die an mehreren Stellen im modernen Stadtbild zu sehen sind.

Die Porta Praetoria

 

Porta Praetoria (Regensburg)
Porta Praetoria (Regensburg)

Die Porta Praetoria ist das einzige der ursprünglich vier Stadttore, das noch erhalten ist. Sie befindet sich an der Nordseite des Lagers und wurde 179 n. Chr. fertiggestellt. Ehemals bestand es aus zwei nebeneinaderliegenden Toren und einem Turm an jeder Seite. Ein Tor wurde schon in römischer Zeit zugebaut. Durch das Tor verlief eine 16 Meter breite Straße, die via praetoria, die zum Praetorium (=Lagerkommandantur) führte. Die Porta Praetoria gilt neben der Porta Nigra in Trier als der größte noch erhaltene römische Hochbau in Deutschland. Auch in nachrömischer Zeit wird das Tor weiterbenützt und im Jahre 932 nach Chr. wird es Porta Aquarum (=Wassertor) genannt. (Nähe zur Donau)

Die Südostecke der Lagermauer

In den Jahren 1955 - 63 wurde am Ernst-Reuter-Platz in Regensburg die Südost-Ecke des römischen Legionslagers freigelegt und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dies war erst nach langen harten Kämpfen zwischen Archäologen, Konservatoren, Stadtverwaltung und Bauinteressenten möglich geworden.

Lagermauer (Regensburg)
Lagermauer (Regensburg)

Das Lagerinnere

Das Gebiet des Regensburger Legionslagers bildet den heutigen zentralen Altstadtbereich und war durchgehend bebaut. Die Möglichkeit großflächiger Grabungen war deshalb immer sehr eingeschränkt und wir kennen von der inneren Struktur des Lagers nur sehr wenig. Römische Militäranlagen wiesen jedoch von Britannien bis Syrien eine gewisse Regelmäßigkeit auf.

Idealtypus (Regensburg)
Idealtypus (Regensburg)

Übertragen wird dieses Schema auf den Regensburger Altstadtbereich, so können wir uns ein ungefähres Bild vom ursprünglichen Aussehen machen.

 

Grundriss Regensburg
Grundriss Regensburg

Gegliedert wurde das Lagerinnere durch die in Ost-West-Richtung verlaufende via principalis und die in Nord-Süd-Richtung führende via praetoria. Sie bildeten das Achsenkreuz des Lagers. An diesen Lagerhauptstraßen lagen die Unterkünfte für Handwerker, Verwaltungssoldaten, Lazarett usw. Die rechtwinklig abzweigenden Lagergassen führten zu den Wohnquartieren der einfachen Soldaten. Da im Lager ca. 6.000 Mann untergebracht werden mussten, nahm diese Kasernenanlage den meisten Platz ein. Im Zentrum des Lagers, im Bereich der heutigen Schwarzen-Bären-Straße, lagen die principa, das Hauptquartier. Dies war ein repräsentativer Gebäudekomplex aus wuchtigen Quadern, der einen weiten Innenhof umschloss. (Büros, Waffendepots, Repräsentationsräume, Fahnenheiligtum, Legionsadler, Kaiserbildnis, Götterbilder etc. wurden hier aufbewahrt.) Ein heute noch sichtbarer Türstock in einem romanischen Haus könnte von diesem Bauwerk stammen. Ähnlich prächtig scheint auch das praetorium, das Wohnhaus des Legionskommandanten gewesen zu sein. Durch die via principalis entlang nach Osten ging man vorüber an den mit roten Ziegelplatten aus der legionseigenen Ziegelei gedeckten Lagerbaracken und Übungshallen.

Luftbild Regensburg
Luftbild Regensburg

Die Umgebung des Lagers

Den einfachen Soldaten standen im Lager nur etwa 2 1/2 Quadratmeter überdachter Raum zur Verfügung, der zudem nicht sehr bequem war. Für die Offiziere gab es Kasinos, die im Verwaltungskomplex untergebracht waren. Außerdem waren ihre Wohnungen, meist eigene Häuschen, bedeutend bequemer. Trotzdem versuchten nicht nur die Mannschaften, sondern auch die höheren Dienstränge ihre Freizeit außerhalb des Lagers zu verbringen. Zusammen mit den Legionen waren auch eine große Menge Zivilisten gekommen. Man kann von 10.000 - 15.000 Menschen ausgehen. So entstand mit dem Legionslager gleichzeitig westlich davon eine ausgedehnte Zivilsiedlung, die sich nach Süden erstreckte. Vom Lager aus führte durch das Westtor die Verlängerung der Lager Ost-West-Achse (via principalis) eine Straße in die Zivilsiedlung. Die Straßen waren zum Teil gepflastert und mit Kanalisation versehen. Von den Hauptstraßen zweigten kleinere Nebenstraßen ab und unterteilten die canabae, wie man solche zivile Siedlungen nennt, in einzelne Häuserblöcke (insulae). Die Regensburger Zivilsiedlung erlebte in den anfänglichen Friedensjahren eine wirtschaftliche Blüte und nahm fast stadtartiges Gepräge an, wenngleich sie diese Stellung staatsrechtlich nie erreichte. Die Einbeziehung in das römische Reich bedeutete also keineswegs in erster Linie nur Unterwerfung unter eine imperialistische Macht. Vielmehr brachte die Zugehörigkeit zum Imperium bisher nicht gekannte Vorteile: Rechtssicherheit, inneren Frieden, die Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs. Für diese Dinge hatte die benachbarte germanische Gesellschaft noch nicht einmal Begriffe. Militärlager und Zivilsiedlung gehörten also zusammen. Zusätzlich lag rund um das Lager eine ganze Reihe von Bauernhöfen (villae rusticae). Der gesamte heutige südliche Landkreis war mit solchen Hofstellen aufgesiedelt, die zur Versorgung der Legion angelegt wurden.

Das Ende der römischen Herrschaft in Raetien

In der Mitte und gegen Ende des dritten nachchristlichen Jahrhunderts wurde Castra Regina in Schutt und Asche gelegt. Diesmal von den Alamannen, die den Limes an mehreren Stellen durchbrachen. Ein Teil der III. Italischen Legion (siehe oben) war schon vorher an die östliche Reichsgrenze nach Persien (Sassanidenreich) verlegt worden. Schließlich musste Rom das Gebiet nördlich der Donau völlig aufgeben (nach 259/60). Die Grenze orientierte sich wieder an Rhein, Iller und Donau. Trotz schwerer Verluste bei der Zivilbevölkerung und der militärischen Besatzung erlosch das Leben in und um das Lager nicht ganz. Die wenigen überlebenden Gutshöfe siedelten nahe am Lagerrand. Damals mauerte man möglicherweise auch je eine Hälfte der großen doppelbogigen Tore zu. (Vgl. Porta Praetoria) Die Zivilbevölkerung zog zunehmend ins Lager, so dass aus dem Kastell im Laufe des 4. Jhdts. eine mauerumwehrte Zivilsiedlung mit militärischer Besatzung wurde. Die römischen Soldaten waren großenteils in den Alamannenstürmen umgekommen. Die Militärverwaltung war gezwungen, die Grenzverteidigung immer mehr germanischen Söldnern zu überlassen. Im 3. und 4. Jahrhundert ging somit in Raetien ein Bevölkerungswechsel vonstatten. Die keltisch-italische Bevölkerung wurde langsam durch Germanen verschiedener Herkunft ersetzt. In Castra Regina war die letzte Abteilung der III. Italischen Legion Ende des 4. Jhdts. abgezogen worden und die leeren Kasernenbauten wurden von Germanen übernommen. In den schriftlichen Quellen taucht um das Jahr 551 erstmals der Name "Baibari" für das Volk auf, das in östlicher Nachbarscahft zu den Alamannen wohnte. Ein gutes Jahrzehnt später (ca. 565) bezeichnet der Dichter und Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus, die Leute östlich des Lechs als "baiovari". Vgl. Literatur: Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur Band

Die Bajuwaren, Haus der Bayerischen Geschichte

Ich will hier nicht auf die komplizierte historische Diskussion eingehen, die schließlich zur Entstehung der Bajuwaren und zum modernen Bayern geführt hat. Fest steht jedenfalls, dass das alte Römerlager, dessen gewaltige Mauern noch im 8. Jhdt. n. Christus eindrucksvoll gewesen sein müssen, zum Kristallisationspunkt des neuen bayerischen Stammesherzogtums wurde. Gegen Ende des Mittelalters verlegte dann Kaiser Maximilian I. den Immerwährenden Reichstag nach Regensburg (Ständeparlament), wodurch die Stadt eine Art Hauptstadtcharakter für das ganze Reich erhielt. Diese Bedeutung behielt sie bis 1806, als Napoleon das Alte Reich auflöste.

 

Quellen

Bosl Verlag: Handbuch der Historischen Städten Deutschland, Bd. 7 Bayern, Stuttgart, 1965

Diercke Weltatlas, Braunschweig , 1988

Harald Koschmitz , Horst Schulz: Der Limes im Raum Weißenburg- Gunzenhausen, Unterrichtsmaterialien zu Stätten aus der Römerzeit, Nürnberg, 1984

HB-Kunstführer: Regensburg- Oberpfalz Nr.63

Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur Band 6. Die Bajuwaren, Haus der Bayerischen Geschichte

Horst Lechner: Bayern in der Römerzeit, München, 1989

Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997

M.I. Finley: Atlas der klassischen Archäologie München,1979

Schindler, Herbert: Kunstführer Regensburg, Regensburg, 1983

Uni Regensburg 1: http://www.uni-regensburg.de/Fakultäten/phil_FakIII/Geschichte, am 27.10.2003

Uni Regensburg 2: http://www.uni-regensburg.de/archiv/archiv-text.htm am 27.10.2003

Walter E. Keller, Deutsche Limesstraße, vom Main zur Donau, Treuchtlingen 1997

Bildnachweise

01) Limeskarte aus: http://www.lateinforum.de/romstra.htm am 27.10.2003

02) Plan des römischen Kohortenkastells in Kumpfmühl (nach A. Faber): Deutlich sind die Doppelgräben zu erkennen, die das Lager schützten: 10 und 5 Meter breit, 3 bzw. 2 Meter tief, heute mit Erdreich zugeschüttet. Am Nordrand des Lagers erkennt man Reste einer großen römischen Badeanlage, Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.33

03) Schematische Darstellung der Römermauer (Rekonstruktion aufgrund der Grabung im Pfarrgarten von St. Wolfgang 1996) Wehrmauer: aus Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.43

04) römisches Geld aus http://www.dig-regensburg.de/jpg/mai20001.jpg am 27.10.2003

05) Plan des römischen Legionslagers "Castra Regina" (nach Th. Fischer) aus: Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.34

06) Bauinschrift des Legionslagers "Castra Regina" von 179 n. Chr. aus: Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.32

07) Porta Praetoria von Nordwesten heute,(Kräutermarkt 3) aus Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.42

08) Erhaltene Lagermauer an der Südost-Ecke aus: http://www.uni-regensburg.de/Fakultäten/phil_FakIII/Geschichte am 27.10.2003

09) Der Idealtypus eines römischen Lagerkastells aus: Harald Koschmitz , Horst Schulz: Der Limes im Raum Weißenburg- Gunzenhausen, Unterrichtsmaterialien zu Stätten aus der Römerzeit, Nürnberg, 1984, S.53

10) Grundriss Regensburg mit skizzierter Lage des römischen Lagers aus Walter E. Keller, Deutsche Limesstraße, vom Main zur Donau, Treuchtlingen 1997, S.117

11) Luftbild der Stadt Regensburg mit dem Verlauf der römischen Legionslagermauer aus: Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.43

Die Entwicklung der Stadt Nürnberg im Mittelalter

Im Traditionsbewusstsein des Mittelalters galt Nürnberg bereits als das Sinnbild der „alten deutschen Stadt“. Unter den zahlreichen Lobsprüchen der mittelalterlichen Besucher hat keiner die Wirkung des Stadtbildes in der Landschaft so anschaulich festgehalten wie der Kardinal Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II. im Jahre 1457. Seinem Urteil kann Gewicht beigemessen werden, im Hinblick darauf, dass er sich in Pienza /Toskana selbst eine Frührenaissance-Residenz erbaut hatte, also mit den Auswirkungen der Stadtbaukunst vertraut war.

 

[quote] „Wenn man diese herrliche Stadt aus der Ferne erblickt, zeigt sie sich in wahrhaft majestätischem Glanze. Die Kirchen sind prachtvoll, die kaiserliche Burg blickt fest und stolz herab, die Bürgerhäuser erscheinen wie für Fürsten gebaut.“ [/quote]

 

Schon die ältesten Stadtansichten des 15. Jahrhunderts halten Nürnbergs einzigartige Erscheinung fest, so vor allem die 1493 erschienene Schedelsche Weltchronik.

 

Schedelsche Darstellung Nürnberg Schedelschen Darstellung:

Die Doppelburg beansprucht die absolute Dominanz. Darunter breitet sich das zweigeteilte Stadtwesen aus. Diese beiden Hälften werden aber durch die ähnliche Erscheinung der doppeltürmigen Stadtpfarrkirchen St. Sebald und St. Lorenz zusammengehalten. Von den Tortürmen aus staufischer Zeit haben sich der Laufer Schlagturm auf der Sebalder Seite und der Weiße Turm auf der Lorenzer Seite bis heute erhalten. Die vier mächtigen Rundtürme der Haupttore und die Bastione fehlen noch. (siehe unten)

Kurzer Überblick über die Stadtentstehung und ihre Einbindung in das geo-politische Umfeld ihrer Zeit.

Als der für die Jahrtausendwende vorausgesagte Weltuntergang ausblieb, kam es im fränkischen Raum zu städtischen Neugründungen, die sich auf die weitere geschichtliche Entwicklung dieses Gebietes entscheidend auswirkten. Sie entsprangen der das Mittelalter beherrschenden Gesamtvorstellung eines ideellen Gottesstaates, der „civitias dei“ (Augustinus), der „regnum“ (weltliche Herrschaft) und „sacerdocium“ (geistliche Herrschaft), Kaiser und Kirche, in gleicher Weise dienen sollten. Kulturgeographisch spielte dabei im zentralfränkischen Bereich die Nord-Südlinie Rednitz / Regnitz als Verbindung zwischen Donau und Main eine überragende Rolle. (Vgl. schon den Bau der Fossa Carolina unter Karl d. Gr. 793; Karlsgraben als Vorstufe des R-M-D-Kanals).

Im Norden, am Einfluss der Regnitz in den Main, dominierte als geistige Metropole das kurz nach 1000 von Kaiser Heinrich II. begründete Bamberg, das bald zum „Fränkischen Rom“ aufgestiegen war. Die Kirchenfreundlichkeit Heinrichs gefährdete jedoch durch allzu großzügige Schenkungen das Reichsgut. Zu dessen Schutz wurde der frühmittelalterliche Königshof von Fürth nach Osten verlegt und auf dem Burgfelsen die erste Nürnberger Burg unter Heinrich III. (ca. 1040) errichtet. So kamen an der Regnitz im Abstand einer Generation Kirche und Reich zu ihrem Recht. Nürnberg wurde zum Schwerpunkt der Kaiserpolitik. Hauptsächlich unter den Staufern bildete es seit der Mitte des 12. Jahrhunderts die Mitte einer Pfalzkette, die vom Elsass über Schwaben und Rothenburg o. d. Tauber bis Eger reichte. Die Staufer förderten den Ausbau zur Kaiserpfalz und Reichsveste, in deren Schatten das zunächst abhängige bürgerliche Gemeinwesen entstand und unter der imperialen Förderung schon im 13. Jahrhundert zur unabhängigen Reichsstadt aufstieg. Als Folge davon war auch die Frühzeit Nürnberger Architektur eindeutig kaiserlich bestimmt. Erst nach dem Ende der Staufer (1250) und dem Interregnum (Kaiserlose Zeit am Ende der Stauferzeit, auch "Schreckliche Zeit" genannt) setzten sich die bürgerlichen Elemente durch. Die weitere geschichtliche Entwicklung Nürnbergs soll nicht dargestellt werden. Allerdings ist es unumgänglich, bei der Behandlung der herausragenden städtebaulichen Beispiele immer wieder auf historische Persönlichkeiten oder Ereignisse zu verweisen. Es folgt eine Beschreibung der wichtigsten Baudenkmäler, die das Gesamtbild der mittelalterlichen Stadt prägen.

Die Stadtbefestigung

Die eindrucksvolle Stadtumwallung, die sich heute dem Betrachter darbietet, ist bereits die dritte Befestigung. Von dem ersten Befestigungsring Nürnbergs finden sich keine Spuren. Die sog. „vorletzte Stadtbefestigung“ umfasste die Sebalder und Lorenzer Stadtseite zunächst in zwei voneinander durch das Überschwemmungsgebiet der Pegnitz getrennten Mauerringen. Wohl gegen 1250 wurde die Sebalder Stadt befestigt. Der Tiergärtnertorturm unterhalb der Burg und oberhalb des Albrecht-Dürer-Hauses entstammt wahrscheinlich noch dieser Befestigung ebenso wie der schon oben erwähnte Laufer Schlagturm.

Von der Lorenzer Stadtumwallung blieb der Weiße Turm erhalten, dem um 1300 eine sog Barbakane (Waffenhof) vorgebaut wurde. Um 1320 / 25 wurden beide Mauerringe miteinander verbunden. Am Pegnitzeinfuss hat sich davon der sog. Schuldturm erhalten. Der gut erhaltene Mauerring der letzten Stadtbefestigung umzieht in etwa 5 km Länge die parallelogrammartige Grundrissfläche der Nürnberger Altstadt .

 

Plan Innenstadt Nürnberg Plan Innenstadt Nürnberg

Die Bauarbeiten erstreckten sich von 1346 bis 1452.

 

Etwa gleichzeitig mit Dürers „Stadtbefestigungslehre“ von 1527 treten Rundbastionen am Fürther und Laufer Tor als moderne Übergangsform in Erscheinung. Die vom Stadtbaumeister Hans Behaim d. Ä. errichteten Rundbasteien in der Art Leonardo da Vincis wurden bald von den zukunftsweisenden spitzwinkligen Burgbasteien des Italieners Antonio Fazuni entwicklungsgeschichtlich überholt. Seine Basteien wurden zum Fundament der Burganlage. Nach dem Zweiten Markgrafenkrieg erfolgte zwischen 1556 und 64 eine Modernisierung der Stadtumwallung. In Anlehnung an die Ecktürme des Mailänder Kastells der Familie Sforza wurden die vier Haupttortürme durch den Stadtwerkmeister G. Unger rund ummantelt. Dadurch gewann man große Geschützplattformen (Reihenfolge der Umbauten: Laufer Torturm, Spittlertorturm, Frauentorturm, Neutorturm). Die Türme erhielten außerdem neue Durchfahrten in Form von Basteien. Der Mauerverband wurde durch 123 Türme verstärkt, von denen heute noch 88 bestehen. Besondere Beachtung innerhalb der Stadtumwallung verdienen die Überbrückungen des Pegnitzausflusses (1320-25) in Form von zwei Rundbogenarkaden über Brückenpfeilern, die vom sog. „Henkerturm“ geschützt werden. Über den fortifikatorischen Zweck hinaus sollte die Befestigung als abschreckendes Rechtsdenkmal das urbane Selbstwertgefühl dokumentieren.

Die Burg

Burg Nürnberg Burg Nürnberg

Die Nürnberger Burg zählt geschichtlich und baukünstlerisch zu den bedeutendsten Wehranlagen Europas (Zitat). Als Stätte zahlreicher Reichs-, Hof- und Gerichtstage wurde die Burg durch den häufigen Aufenthalt der deutschen Kaiser und Könige zu einem politischen Schwerpunkt des Reiches im Mittelalter. Die Staufer haben sie zur Reichsburg und Kaiserpfalz ausgebaut. Im 12./13. Jahrhundert erfolgte die Trennung zwischen der Reichsburg (Kaiserburg) und der Burggrafenburg. Letztere gelangte 1192 an die Zollern, die von hier aus ihre fränkischen und später auch ihre norddeutschen Besitzungen begründeten, jedoch 1427, nach der Zerstörung ihrer Burg (1420) wichtige Rechte an die Stadt verkauften. - Kaiser Heinrich VII. überantwortete die Kaiserburg 1313 der Reichsstadt für die Zeit der jeweiligen Thronvakanz und König Sigismund übertrug der Stadt 1422 den baulichen Unterhalt.

Kaiserburg

Die Kaiserburg besteht aus den Bauten um den inneren und äußeren Burghof von Westen bis zum abschließenden "heimlichen Wächtergang", der diese von der Freiung (siehe unten) trennt. Den trapezförmigen inneren Burghof umschießen neben den Wehrmauern im Norden und Westen der Kemenatenbau im Westen, der Palas im Süden und dem Palas östlich unmittelbar angebaut die Burgkapelle mit Heidenturm.

Die Doppelstockkapelle

Sie ist einer der ausgefallensten Sakralbauten nicht nur jener Zeit; man bezeichnet sie auch als „Fränkische Chorturmkirche“. Die neunjochige Kapelle ist aus einem Guss unter Kaiser Friedrich I., Barbarossa entstanden mit von vornherein offenem Mitteljoch der Unterkapelle. Die Eigenart der Ausstattung deutet darauf hin, dass „unten“ und „oben“ dieselben Hände am Werk waren. Der Gegensatz des gedrungenen Unterraums zu der lichtvoll hochgezogenen Oberkapelle bestand von vornherein und war gewollt. Die Doppelstöckigkeit beruht auf dem selektiven sozialen Denken jener Zeit: Oben der Kaiser mit Hofgefolge, unten Burgbesatzung und Gesinde. Als zusätzlich byzantinische Idee ist nebenher die dreiteilige Kaiserempore in der Oberkapelle noch Gestalt geworden. Der Kaiser als besonderer Mittler zwischen Himmel und Erde, als „Vicarius Christi“, hatte höhenmäßig abgesetzt von den gewöhnlich Sterblichen am Gottesdienst teilzunehmen.

Die Burggrafenburg

Sie ist nur durch die „Freiung“, einen im Mittelalter durch sein Asylrecht ausgezeichneten Platz von der Kaiserburg getrennt. Das an die Freiung östlich angrenzende, dreieckige Areal der Burggrafenburg umschließt eine lose zusammenhängende Gruppe von Sperrmauern. Zu den Hauptgebäuden zählen: das Burgamtmannshaus, die Kaiserstallung, der Fünf- eckturm und die Walpurgiskapelle.

Reichsstädtische Anlagen

Dazu zählen vor allem der „Luginsland“ , die Burgbastei (Vgl. Antonio Fazuni) und der Stadtgraben. (Vgl. Plan)

Hauptmarkt, Frauenkirche und Schöner Brunnen

Für Karl IV. (1347-78) war Nürnberg ein besonderer Anziehungspunkt. Auf Grund einer eigenen Markturkunde von 1349 konnte an der Stelle des damals vernichteten jüdischen Ghettos ein rechteckiger Marktplatz mit der zentral gelegenen Frauenkirche als kaiserliche Hofkapelle angelegt werden und zwar in nächster Nachbarschaft des eben vollendeten Rathausneubaues. Den Abschluss der Platzkomposition schuf als überleitendes Gelenkstück zum „Kaiserlichen Burgweg“ die kunstvolle Turmpyramide des Schönen Brunnens. Der weiträumig neu angelegte Hauptmarkt ergänzte sich mit den urbanen Ambitionen des benachbarten Rathauses zur reichstädtischen Machtgebärde. Seine Anlage war auf das Vorzeigen der Reichskleinodien abgestimmt.

Hauptmarkt Nürnberg Hauptmarkt Nürnberg

Im Mittelpunkt einer solchen Verehrung stand Karl IV. selbst, als er sich 1356 mit den Reichskleinodien auf dem Balkon über der Vorhalle der Frauenkirche präsentierte. Den Schlüssel zum imperialen Gesamtverständnis der Frauenkirche liefert das "Männleinlaufen". Es beleuchtet die überragende Bedeutung Karls IV. für die Reichsstadt. Erinnert das kunstvolle Spielwerk von 1506/09 doch an die 150 Jahre früher, 1356, erlassene Goldene Bulle, in der ausdrücklich verfügt wurde, dass jeder neu gewählte deutsche König seinen ersten Reichstag in Nürnberg zu halten habe. In dem ersten "Reichsgrundgesetz", wurde außerdem verfügt, dass jeder neue König in Frankfurt gewählt und in Aachen gekrönt wird. Wahlberechtigt waren die sieben Kurfürsten (vgl. Männleinlaufen). Der erste Reichstag eines neuen Königs musste in Nürnberg abgehalten werden. Dies war später für die Nationalsozialisten Der Vorwand für die "Reichsparteitage". Mit dieser Verfügung hatte Karl IV. Nürnberg gewissermaßen zur ersten Stadt des Reiches erhoben, eine unerwartete Steigerung des Symbolwertes, der weitere kaiserliche Bauunternehmungen (Sebalduschor, Lorenzer Fassade) nach Bedeutung und Aufwand entsprachen. Die Frauenkirche fällt schon nach ihrer Erscheinung aus dem Rahmen der damaligen Kirchenbauten. Der Kaiserchor (St. Michael) liegt im Westen (Hauptmarkt). Ihm entspricht im Osten der Hauptchor. Der Grundriss des Langhauses erscheint nicht weniger ungewöhnlich: dreimal drei quadratische bzw. rechteckige Joche (Vgl. Grundriss). Der Baustil dieser ersten fränkischen Hallenkirche mit gleich hohen Schiffen leitet sich nicht, wie vielfach behauptet, von älteren böhmischen Kirchen ab. Das Vorbild dieses Typus ist vielmehr auf der Nürnberger Kaiserburg zu finden, wo die romanische Palastkapelle ebenfalls vier Freistützen aufweist. (vgl. oben) Die Baumeister kamen, wie die baumschlanken Rundpfeiler verraten, vom Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd, gehörten also jener berühmten Baumeistergruppe der Parler an, die in dem Prager Dombaumeister Peter Parler europäischen Rang ereichten.

Die Stadtpfarrkirche St. Sebaldus

Der Um 1230/40 anzusetzende Baubeginn der spätromanischen Pfeilerbasilika war auf eine Doppelfunktion des künftigen Gotteshauses ausgerichtet: Pfalzheiligtum und Pfarrkirche zugleich. Heute sind davon nur mehr das Langhaus des Mittelschiffes, der Westchor mit Krypta und die Westwand des ehemaligen Querschiffes sowie die Grundstöcke der beiden dem Westwerk verbundenen Türme.

 

St. Sebald, Nürnberg St. Sebald, Nürnberg

Alle übrigen Teile der Kirche, die heutigen Seitenschiffe, der parlersche Ostchor, die Seitenportale etc. stammen aus hoch-, spät- und nachgotischer Zeit. Von vornherein hatte die Kirche Baueigenschaften, deren Stilgepräge in der späten Hohenstaufenzeit kunstgeschichtlich überholt war. Da war einmal die Zweitürmigkeit (die Pfarrkirchen selbst bedeutender Reichsstädte hatten in der Regel nur einen Turm), die das herrschaftliche Gepräge eines sakralen Pfalzbaues hervorheben sollten. Auch die Doppelchörigkeit, so nahe am Übergang zur Gotik, war ein Anachronismus. Doch sie hatte einen mystischen Bezug zur Reichsidee: Der Ostchor, der aufgehenden Sonne zugewandt, symbolisierte das ewige Reich Christi nach der Auferstehung. Der westliche, kleiner Chor, der untergehenden Sonne zugewandt, vergegenwärtigte das vorläufige Reich des Kaisers auf Erden als eines „Vicarius Christi“. Herrschaftsbezogene Bedeutung hatten auch die in St. Sebald ebenfalls vorhandenen Triforien, wie sie als Bauelement an sich damals ebenfalls schon überholt waren. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts musste das Querschiff dem geplanten parlerschen Hallenchor weichen.

St. Sebald, Innenansicht, Nürnberg

St. Sebald, Innenansicht, Nürnberg

Dem Vorbild des Einraumkirchentypus der Dominikaner, eines Bettelorden des Hohen Mittelalters, der jeden übertriebenen Schmuck für Kirchen ablehnte und auf Türme und Querschiffe etc verzichtete (Musterbeispiel: Dominikanerkirche in Regensburg und Dominikanerbau in Bamberg) folgend, hob er die Seitenschiffe zur Höhe des Hauptschiffes an. Man spricht bei dieser Bauweise, die sich von den abgestuften Ostabschlüssen mit den mächtigen Schwibbögen von Notre-Dame in Paris oder dem Regensburger Dom so sehr unterscheidet, von der „Nürnberger Sondergotik“. Es ist der erste Schritt zur Bürgerkirche.

 

Zweite Stadtpfarrkirche St. Lorenz

Die das städtische Bild in zwei Hälften teilende Pegnitz markierte ursprünglich auch die Bistumsgrenze zwischen Eichstätt und Bamberg. In dieser Zeit mag sich bereits eine gewisse Rivalität zwischen der Patrizierstadt St. Sebald und der Handwerkerstadt St. Lorenz geregt haben. Sie führte in baulicher Hinsicht zu einem heute noch stadtbeherrschenden Wettstreit zwischen den dominanten Stadtpfarrkirchen. Ungeachtet dieser Polarität blieb das verbindende Prinzip der Gesamtstadt erhalten.

Die Anfänge der Lorenzkirche reichen bis 1280 zurück. An die bereits frühgotische Anfangsphase von St. Lorenz erinnert heute noch das Langhaus mit seinem kargen Strebewerk und den streng proportionierten Spitzbogenarkaden. Offenbar wurde mit dem Bau des Kirchenschiffes ungefähr gleichzeitig von zwei Seiten begonnen, wie dies die an oberrheinische Vorbilder (Münster in Straßburg, Freiburg) anklingenden Bündelpfeiler bezeugen. Der Geist strenger Mystik (Religiös-philosophische Bewegung des Hochmittelalters mit starker geistiger Verinnerlichung: Hauptvertreter in Deutschland: Meister Eckehard, Hildegard v. Bingen) stellt mit der sog. „Sargwand“ über den Arkaden eine ausgesprochen asketische Raumgasse vor Augen und erinnert damit an einstige Bettelordenkirchen (Franziskaner und Dominikaner; vgl. FN). Die relativ kleinen Fenster im Obergaden lassen nur spärlich begrenzte Lichtwirkung zu. Auch die vierteiligen Kreuzrippengewölbe charakterisieren lineare Strenge und Zurückhaltung.

Völlig neue Tendenzen blühen um die Mitte des 14. Jahrhunderts in der westlichen Schmuckfassade zwischen den beiden älteren Türmen auf. Die ungewöhnlich reiche Dekoration der Lorenzer Schauseite hat in der Bautradition Nürnbergs keinen Vorläufer, muss also aus anderen Quellen begriffen werden.

St. Lorenz Nürnberg

St. Lorenz Nürnberg

Im Zeitalter Karls IV. kommt einerseits die Prager Bauhütte in Frage, andererseits das den Beginn deutscher Sondergotik ankündenden, von der Bauhütte der Familie Parler errichtete Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd. Zu den Glanzleistungen der Lorenzer Kirchenfassade gehört die steinerne Rosette (Durchm. 10,28 m), deren Sockel eine Scheingallerie bildet, die als vereinfachte Andeutung jener Kaiseremporen zu verstehen ist, die man von der Nürnberger Burgkapelle, über die alte Egidienkirche und St. Sebad bis zur Frauenkirche als permanentes imperiales Element beobachten kann. Für die Rosette gibt es in Nürnberg keine Vorbilder. Sie sind in Nordfrankreich, vor allem in der Kathedrale von Rouen zu finden. (Karl IV wurde in Paris erzogen und unterhielt später enge Beziehungen zum päpstlichen Hof von Avignon). Ein weiterer Höhepunkt der Lorenzer Baugeschichte ist der Hallenchor.

 

Chor, St. Lorenz, Nürnberg

Chor, St. Lorenz, Nürnberg

Im 15. Jahrhundert führte die Überweisung der Reichskleinodien nach Nürnberg zu einer urbanen Baugebärde ersten Ranges. Diese wurden in St. Lorenz aufbewahrt und von der Frauenkirche aus dem Volk präsentiert. (siehe oben) Die Bürger errichteten aus eigenem Vermögen den Lorenzer Ostchor, eine der großartigsten Schöpfungen bürgerlicher Sondergotik in Deutschland. Baumeister war der reichsstädtische Architekt Konrad Heinzelmann (1439-1454), ausgebildet in den reichsstädtischen Bauhütten Ulm und Nördlingen. Ihm folgte 1454 der aus der Regensburger Dombauhütte stammende Konrad Roritzer. Damit werden früheste Künstlernamen in der Reichsstadt greifbar. Die Reihe hervorragender Meister wird abgeschlossen mit Hans Behaim d.Ä, der rasch zum Nürnberger Stadtbaumeister der Dürerzeit aufstieg.

 

Die Schaufassade der Lorenzkirche erfüllte im städtebaulichen Zusammenhang noch eine weitere Funktion. Nachdem mit Sebalduschor, Altem Rathausgiebel (mit Rosette und Luginsland auf der Burggrafenburg die Sebalder Stadthälfte ihren Beitrag zur Ausschmückung des Königsweges zur Burg geleistet hatte, trug auch die Lorenzer Seite, die nach rechteckigem Raster angelegte Stadt der Gewerbetreibenden, ihren Teil zum Königsweg bei. Die „via imperialis“, die heutige Königsstraße wurde zur neuen Blickachse, die vom Weißen Turm auf die Schaufront der Lorenzkirche ausgerichtet war.

Ehemals war die Lorenzkirche vom Stadtfriedhof umgeben, der 1518 wegen zunehmender Pestseuchen nach St. Rochus vor die Mauern der Stadt verlegt wurde. St. Rochus ist ein Aus Südfrankreich stammender Heiliger, der in Pestzeiten angerufen wurde.

Weitere herausragende Architekturbeispiele aus dem Bereich der Profanbauten

Neues Rathaus

In der Enge der bergwärts führenden Burgstraße wirkt sich der Übergang von der Spätgotik zum Nachmittelalter durch die unmittelbare Nachbarschaft des Sebalder Hallenchores und des Neuen Rathauses aus. In den Jahren 1616/22 schuf Jakob Wolff d.J. Nürnbergs imposanten Rathausneubau, der in seinem kompakten Würfelbau deutlich Einflüsse der italienischen Spätrenaissance zeigt. Die allegorischen Gestalten auf den Giebelschrägen der Portale erinnern an Michelangelos Medicigräber in Florenz. In den Dachpavillions finden sich Anklänge an die französische Schlossarchitektur.

Fembo- und Pellerhaus - Beispiele bürgerlicher Wohnkultur

Das Fembohaus von Jakob Wolff d.Ä. ist heute das bedeutendste Nürnberger Bürgerhaus aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Es stellt eine typische Kunstleistung des sog. niederländisch-romanischen Manierismus dar. Es ist das einzig völlig erhaltene, große und repräsentative Bürgerhaus des späten 16. Jahrhunderts. Unter Verwendung der unteren Bauteile eines Steinhauses des 14. Jahrhunderts und einer Altane von 1540 entstand ein Neubau (1591-98) durch den aus ‘s Herzogenbosch (Niederlande) eingewanderten Seidenhändler Philipp van Oyrl. Der pittoreske Schweifgiebel mit Obeliskenaufsätzen kontrastiert wirkungsvoll zu der stark bewegten Dachlandschaft mit -Erkern und Kaminen. Das mächtig in die Straßenflucht des ehemaligen Kaiserweges einspringende Fembohaus verbindet in genialer Weise den sog. „Floris-Stil“ seines Fassadengiebels mit der Nürnberger Dachlandschaft. Ein besonderes Kleinod im Inneren ist ein Deckengemälde von Peter Flötner, das den Krieg überstand. Das Fembohaus vermittelt wenigstens teilweise die Erscheinung des im letzten Krieg weitgehend zerstörten Pellerhauses am Egidienberg. Von diesem schönsten deutschen Renaissancebau haben sich nur noch malerische Reste der Fassade und im Arkadenhof erhalten. Die Nachkriegsüber- und -einbauten beherbergen heute einen Teil der Stadtbilbliothek und Kulturräume.

Tucherschlösschen

Eine Nürnberger Besonderheit stellen die sog. Patrizierschlösser dar. Im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit begannen reiche Kaufmanns- und Ratsfamilien den Lebensstil des Adels zu imitieren und errichteten sich in und um Nürnberg schlossartige Anwesen, von welchen ca. dreißig noch bestehen und teilweise noch von alten Nürnberger Patrizierfamilien bewohnt werden. (Tucher, v. Führer, v. Löffelholz, Haller, etc.) Der für Lorenz Tucher einst errichtete repräsentative Bau wurde in den letzten Jahren vorbildlich restauriert (Hirsvogelsaal im Gartenhaus) und beherbergt heute ein Museum. Es wurde 1533-44 wohl nach einem Entwurf von Paulus Behaim unter Mitwirkung von Peter Flötner in Anlehnung an französische Renaissanceschlösser erbaut.

Sog. Nassauer Haus

Imposantes städtebauliches Gegenstück zur Lorenzkirche ist das benachbarte Schlüsselfeldersche Stiftungshaus, irrtümlich meist Nassauer Haus genannt. Es stellt Nürnbergs eindrucksvollstes Dokument hochmittelalterlicher Profanbaukunst dar. Dieser markante Wohnbau spielte eine bedeutende Rolle bei Kaiserempfängen. An der Schaufassade der Frauenkirche winkelte die via imperialis beim Nassauer Haus rechtwinklig ab, um in Richtung Hauptmarkt, vorbei an der kaiserlichen Hofkapelle der Frauenkirche, dem Alten Rathaus zuzustreben. Dort brachten die Bürger der Majestät ihre Huldigung dar, ehe der Zug auf der hochgelegenen Kaiserburg seinen Abschuss fand. Das Nassauer Haus ist der letzte Zeuge der einstmals in Nürnberg mehrfach vertretenen Turmhäuser. Dieser „Wolkenkratzer des Mittelalters“ kennzeichnet einen in Regensburg noch häufig anzutreffenden wehrhaften Wohnturmtypus. (Vgl. italienische Städte, z.B. San Giminiano)

Das Heilig-Geist-Spital und die soziale Armenfürsorge

Besondere Erwähnung verdient die Einrichtung des für Sondersieche bestimmten Weinstadels, eines Monumentalwerks des Fachwerkbaues. Dort wurden in der Karwoche die ärmsten Einwohner gepflegt. In den erweiterten Bereich solcher Sonderfürsorge zählte auch die mittelalterliche Gründung von "Siechköbeln" an den Hauptverkehrswegen vor den Toren der Stadt. Teils sind sie die Vorläufer der späteren weithin bekannten Außenfriedhöfen von St. Johannis und St. Rochus. Sie sind heute noch erhalten im Stadtteil Johannis hinter dem Johannisfriedhof. Pflegestätten für Arme und Sterbende; Siechenhäuser.Eine völlige Modernisierung erlebte das Spitalwesen in dem großzügigen Aus- und Umbau des Heilig-Geist-Spitals, der vorwiegend in den Händen des Nürnberger Stadtbaumeisters Hans Behaim lag. Vor ihm hatten sich schon auswärtige und einheimische Baumeister bemüht, die für die Verwirklichung des Neubauprojektes erforderliche Überbrückung der Pegnitz technisch zu bewältigen.

 

Heiliggeistspital, Nürnberg

Heiliggeistspital, Nürnberg

Dies gelang erst Hans Behaim, der anlässlich einer Nürnberger Baumeisterkrise 1489 in die Stadt berufen wurde. Ihm war es zu verdanken, dass der Spitalkomplex auch städtebaulich hervorragend gemeistert wurde. Er zählt heute zu den Glanzstücken der Nürnberger Altstadt. Besonders einprägsam ist auch der Innenhof mit seinem kraftvollen Spitzbogenarkaden, dessen Baugesinnung an Florentiner Palasthöfe erinnert. Hans Behaim d.Ä. hat mit dem Spitalbau Heilig-Geist der monumentalen „Großen Form“ der Nürnberger Bautradition ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

 

Nutzbauten

Massive Baukörper mit stadtbeherrschenden Dachaufbauten hatten schon die Hallenchöre von St. Sebald und St. Lorenz gekennzeichnet. Dies galt für den Profanbau ebenso wie für den Sakralbau, denn auch die zu ihrer Zeit allgemein gepriesenen Kornhäuser des 15. und 16. Jahrhunderts waren demselben Formprinzip unterworfen. Sie sicherten nicht nur im Belagerungsfall das Überleben der Stadt, sondern vermittelten gleichzeitig die städtebauliche Einheit des Nürnberger Stadtbildes von der Mauthalle bis zur Kaiserstallung auf der Burg. So weit bewundert waren diese Kornhäuser mit ihren gewaltigen Dachstühlen und großräumigen Schüttböden, dass sie selbst den Kaisern bei ihren Besuchen vorgeführt wurden. Die Mauthalle wurde 1498 - 1502 als Kornhaus von Hans Behaim d. Ä. errichtet. Ab 1572 diente das Gebäude als reichsstädtisches Zollamt („Maut“). Im Bogenfeld des Giebels befinden sich die drei Nürnberger Wappen von Adam Kraft. Auch das ehemalige Unschlitthaus war ein von Hans Behaim d.Ä. errichteter Kornspeicher. Er diente später als Sitz des Unschlitthandwerkes (Sammelstelle für Fette). Der Bau wurde in den Graben der vorletzten Stadtbefestigung gesetzt.

Brückenbauten

Die Verbindung der beiden historischen Stadtteile über den Pegnitzfluss hinweg hat Nürnberg noch einen weiteren Ruhmestitel eingebracht: Nürnberg bietet die reichste Brückenlandschaft Frankens, weit vor Würzburg und Bamberg. Nürnberg bietet seit dem Mittelalter eine Fülle von Varianten, darunter die noch als gotisch erkennbare Derrerbrücke am Trödelmarkt. In der Verbindung von mittelalterlicher Tradition und neuzeitlichem Stadtbewusstsein stellte Hans Beheims Flussüberquerung mit dem Heilig-Geist-Spital einen ersten Höhepunkt dar. Der Schwerpunkt des Transitverkehrs lag im Bereich der schon im Mittelalter funktionierenden Fleischbrücke. Der heutige elegant geschwungene Brückenbogen lässt die mittelalterliche Tradition vergessen, setzt an ihre Stelle eine neuzeitliche Lösung von europäischem Format. Allerdings kann man nicht, wie es vielfach, geschieht die Rialtobrücke in Venedig als einziges Vorbild verstehen. Die konstruktiven Verhältnisse in Nürnberg waren anders und erforderten eine neue Lösung der komplizierten Strukturverhältnisse. Neben dem Zimmermeister Peter Carl und dem älteren Jakob Wolff spielte wahrscheinlich der Nürnberger Ratsbaumeister Wolf Jakob Stromer eine maßgebliche Rolle. Es folgten weitere Brückenbauen (Museumsbrücke, Karlsbrücke, Maxbrücke). Endpunkt war ein erstaunliches technikgeschichtliches Werk: der Kettensteg (1824) von dem Mechanikus Kuppler, Deutschlands erste frei schwebende Flussbrücke und gleichzeitig Prototyp vieler Eisenbahnbrücken des 19. Jahrhunderts.

 

Literaturverzeichnis

Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler; Bayern I: Franken; 1999 Bosl, Karl (Hrsg): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Siebter Band; Bayern; Stuttgart;1965

Reitzenstein, Alexander v. und Brunner Herbert; Reclams Kunstführer. Deutschland. Bd. 1; Stuttgart 1970

Kriegbaum, Friedrich: Nürnberg; 1961

Mulzer, Erich: Die Nürnberger Altstadt, Das architektonische Gesicht eines historischen Großstadtkerns; 1976

HB Kunstführer: Nürnberg. Nürnberger Land. Nr.37

KPZ Zeitung: Kunstpädagogisches Zentrum im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg: Ein Rundgang durch das mittelalterliche Nürnberg. Nr.10

Ein Modell der Nürnberger Altstadt: Text von Dr. W. Schwemmer; Faltblatt des Nürnberger Stadtmuseums im Fembohaus

Koch, Wilfried: Baustielkunde, Das Standartwerk zur europäischen Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart; 2003

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Geschichte der Berliner Mauer nach 1989 und Bestandsaufnahme der noch erhaltenen Fragmente

Der offizielle Abbau der Mauer begann am 13. Juni 1990 in der Bernauer Straße (siehe Abbildung Nr.9). Dies geschah nach den ersten freien Wahlen unter ostdeutscher Kontrolle. Ausgeführt wurde er von Grenztruppen, unterstützt durch die Bevölkerung. Bereits Ende 1989 begann die Außenhandelsfirma LIMEX der DDR die Mauer weltweit zu vermarkten. Der höchste erzielte Preis belief sich dabei auf $ 500.000 pro Segment. Bis zur Wiedervereinigung war die innerstädtische Mauer fast völlig verschwunden. Ab dem 03.Oktober 1990 wurde der Abriss dann durch ehemalige NVA-Angehörige, Bundeswehrtruppen und britische Pionierverbände fortgesetzt. Hinzu kam die Zerstörung der Mauer durch die so genannten "Mauerspechte". (siehe Abbildung Nr.10). Der größte Teil der abgebauten Stücke wurde zu Straßenfüllmaterial zerkleinert. Denkmalschutzbehörden forderten gegen erheblichen Widerstand von Politikern, der Öffentlichkeit und der Presse, die Erhaltung von Teilstücken als Denk- oder Mahnmal. Daraufhin wurden 1990 vier kurze Abschnitte in eher abgelegenen Plätzen unter Denkmahlschutz gestellt.

Bestandsaufnahme der erhaltenen Fragmente

Heute gibt es nur noch wenige Überreste der Berliner Mauer. Außerdem ist zu erwarten, dass auch diese teilweise in den nächsten Jahren abgerissen werden. Von den zahlreichen Wachtürmen sind nur noch drei im Stadtgebiet erhalten geblieben.

Im Folgenden werden die heute noch existierenden Reste, ihr Zustand und ihre Standorte aufgelistet. Diese Fakten sind im Wesentlichen ausLeo Schmidt, Polly Feversham, Die Berliner Mauer Heute, Berlin 1999 übernommen:

1. Bernauer Straße / Ackerstraße

offizielles Mauerdenkmal Bernauer Straße / Ackerstraße aus Leo Schmidt, Polly Feversham, Die Berliner Mauer Heute, Berlin 1999 -Segmente der Berliner Mauer, teilweise rekonstruiert und saniert

-Hinterlandmauerreste immer wieder am Boden sichtbar

-Anschlussspuren an Hausfassaden

-Postenweg, Original-Lampen

2. Bösebrücke / Bornholmer Straße

-Segmente der inneren Mauer auf ca. 200 Metern Länge

-Fahrbahnmarkierungen des dortigen ehemaligen Grenzübergangs

-Original-Lampen

3. Checkpoint Charlie, Friedrichstraße / Zimmerstraße

Checkpoint Charlie,  Friedrichstraße / Zimmerstraße aus Leo Schmidt, Polly Feversham, Die Berliner Mauer Heute, Berlin 1999 -Nachbau der Alliierten-Kontrollbaracke (das Original befindet sich im

Alliiertenmuseum)

-innere Mauer (Hinterlandmauer) in der Schützenstraße/ Friedrichstr.

-Wachturm auf DDR-Seite, der trotz Protesten im Dezember 2000 abgerissen wurde

-Nachbildung des Schildes „Achtung, Sie verlassen den amerikanischen Sektor“

4. Eastside Gallery, Mühlenstraße

Eastside Gallery, Mühlenstraße aus Leo Schmidt, Polly Feversham, Die Berliner Mauer Heute, Berlin 1999 -Segmente der inneren Mauer auf 1,3 Kilometern Länge

- längstes erhaltene Stück der Berliner Mauer, steht unter Denkmalschutz

 

5. Gartenstraße / Bernauer Straße

Gartenstraße / Bernauer Straße aus Leo Schmidt, Polly Feversham, Die Berliner Mauer Heute, Berlin 1999 -längere Abschnitte der inneren Mauer (Hinterlandmauer), zum Teil noch mit altem Farbschema

-Reste eines Schaltkastens hinter dem Abschnitt auf der südwestlichen Seite der Gartenstraße sowie daneben

- im ehemaligen Todesstreifen, ein erhaltener Lichtmast

 

6. Invalidenfriedhof, Scharnhorststraße

-Segmente der inneren Mauer (Hinterlandmauer)

-Friedhofsmauer am Kanalufer, die, verstärkt durch einen Zaun, als vordere Grenzmauer diente

7. Kieler Straße

Kieler Straße aus Leo Schmidt, Polly Feversham, Die Berliner Mauer Heute, Berlin 1999 -Wachturm

-kurzer Abschnitt der Hinterlandmauer als Trennwand

- zwischen zwei Hausgärten im Hof einer Wohnanlage

 

8. Mauerpark, Eberswalder Straße / Schwedter Straße

19Mauerpark1.jpg -Segmente der inneren Mauer (Hinterlandmauer) auf ca. 300 Metern Länge

- Eigenschaften: besonders hoch, glatt und massiv und weit von den eigentlichen Grenzanlagen entfernt, wegen der vielen Menschen, die das angrenzende, heutige Friedrich-Jahn-Stadion besuchten

 

9. Niederkirchner Straße / Wilhelmstraße

Mauerloch, Niederkirchner Straße, 2005 -Überreste der Berliner Mauer

- Grenzmauer 75

- durch einen blauen Steckmetallzaun geschützt, der früher zur Ausstattung des Todesstreifens gehörte

 

10. Parlament der Bäume, Schiffbauerdamm / Reinhardtstraße

-Installation von Mauerelementen, die von anderen Plätzen herangeschafft wurden (Künstler: Ben Wargin)

-originaler Postenweg an seinem ursprünglichen Standort

11. Potsdamer Platz

-Segmente der inneren Mauer (Grenzmauer 75, hier als Hinterlandmauer, auf 30 Metern Länge, von denen die Hälfte im April 1999 auf Weisung des Berliner Senats abgetragen wurde)

-Wachturm

 

12. Puschkinallee, Schlesischer Busch

Puschkinallee, Schlesischer Busch  aus Leo Schmidt, Polly Feversham, Die Berliner Mauer Heute, Berlin 1999

-Wachturm des Typs BT-9 (Führungsturm)

-Segmente der inneren Mauer (Hinterlandmauer)

 

13. Schwartzkopffstraße / Pflugstraße

-etwa 100 Meter langer Abschnitt der inneren Mauer (Hinterlandmauer) in originalem Zustand (nur das Warnschild „Halt! Grenzgebiet“ wurde inzwischen abmontiert) im Hof hinter Wohnhäusern auf der Ostseite der Pflugstr., neben angrenzenden Bahnanlagen

-originale Farbfassung der Mauer mit weißen Rechteckfeldern in grauer Rahmung

14. St. Hedwig’s Friedhof, Liesenstraße

-Berliner Mauer (Grenzmauer 75) auf 15 Metern Länge

-Segmente der inneren Mauer (Hinterlandmauer)

-Betonfundament von entfernten Grenzmauer 75-Teilen in den Büschen entlang des Gehwegs Richtung Chausseestraße

15. Friedrich-Ebert-Straße

-Hinterlandmauer hinter dem Reichstag, im Anschluß an das ehemalige Reichspräsidentenpalais (erhielt innerhalb der Verschönerungsmaßnahmen nach

-1984 eine Putzrustika, die die Mauer einerseits in die umliegenden Repräsentationsbauten integrieren, sie andererseits aber auch tarnen sollte)

16. Friedrichstraße

-zwei Elemente der Grenzmauer 75, von Thierry Noir bemalt und mit der Leuchtschrift „Tränenpalast“ versehen

17. Chausseestraße

-Hinterlandmauer auf 30 Metern Länge an der hinteren Grenze eines unbebauten Grundstücks , komplett mit Zufahrtstor, aber in schlechtem Zustand

-Betonabdruck der Grenzmauer entlang des Gehwegs

Eine Galerie mit weiteren Mauernbildern gibt es hier.


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Die Geschichte der Berliner Mauer bis 1990

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Berlin in vier Sektoren aufgeteilt. West-Berlin umfasste den amerikanischen, britischen und französischen Sektor, Ost-Berlin den sowjetischen Sektor. Bis zum Bau der Mauer konnten sich die Berliner innerhalb ihrer Stadt frei bewegen, das heißt, aus den drei Westsektoren unbehelligt in den Ostsektor gelangen. Im übrigen Deutschland war die Reise zwischen der Ostzone und den Westzonen allerdings ab dem 29. Oktober 1946 nur noch mit einem 30 Tage gültigen Interzonenpass möglich. Überquerte man die Grenze von West nach Ost schloss sich an den Kontrollstreifen hinter einem 500 Meter breiten Schutzstreifen eine 5 Kilometer breite Sperrzone an. Wer im Sperrgebiet wohnte, erhielt keinen Interzonenpass und durfte keinen Besuch aus Westdeutschland erhalten. Besuche aus dem restlichen Gebiet der DDR waren nur nach entsprechender Voranmeldung möglich. Veranstaltungen in diesem Gebiet mussten angemeldet und bis 22.00 Uhr beendet werden, der Aufenthalt im Freien war nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang erlaubt.1

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Videoüberwachung am Beispiel Londons: Zwischen Sicherheitswahn und Überwachungsparanoia

Autoren: Matthias Feulner, Malkolm Johnsson-Zahn
Die omnipräsente Überwachung durch CCTV - Closed-circuit television zu deutsch Videoüberwachungsanlagen – konnte die Anschläge 2005 in London nicht verhindern. Dennoch fordern einige Politiker auch in Deutschland immer vehementer den Einsatz von CCTV – mit der Begründung die Schuldigen nach der Analyse der Bilder ausfindig machen zu können. Bei näherer Analyse der Diskussion ist das Verständnis des Einsatzes und der Auswirkungen von Videoüberwachungsanlagen jedoch oft nur als unzureichend zu charakterisieren. Am Beispiel des Einsatzes von CCTV-Anlagen in London mit mittlerweile mehr als 1200 Kameras sollen in diesem Beitrag die Folgen der Installation umfassender Systeme näher untersucht werden. Hierzu werden die Geschehnisse rund um die Anschläge 2005 in London nachvollzogen - vom Anschlag auf das Nahverkehrssystem, dem folgenden fehlgeschlagenen Anschlag und der Erschießung eines Unschuldigen durch die Polizei – und im Kontext der Argument für eine Videoüberwachung beleuchtet. Die Videoüberwachung in London ist allerorts präsent. In der Oxford Street überwacht ein System für 500,000₤ Passanten. In der U-Bahn und in Bussen werden bis zu 4,5 Millionen Fahrgäste pro Tag videoobserviert. Weiterhin gibt es Kameras an Bushaltestellen und im Straßenraum. Im Hinblick auf die Erfahrungen mit CCTV in London werden folgend die Annahmen die den Einsatz von CCTV befürworten – Abschreckung, effiziente Entsendung, Selbstdisziplinierung, Kriminalitätsaufklärung – hinterfragt und die Folgen des Kameraeinsatzes aufgezeigt. Hierzu zählen die Aufgabe von Eigenverantwortung, überfordertes und gelangweiltes Sicherheitspersonal und die Rolle von Kameras als Angstmacher. Nicht zuletzt muss in diesem Zusammenhang auch die Kameraüberwachung als der perfekte Disziplinierungsapparat (Focault) und als eine Manifestation einer generellen Ausdehnung von Macht sowie als eine politische Technik für die Produktion gehorsamer Individuen diskutiert werden.

Chronologie der Ereignisse in London im Sommer 2005:

7.7.2005: Anschlag auf Londons Nahverkehrssystem

Am Morgen des 07. Juli 2005 zünden vier Selbstmordattentäter, so genannte ‚Rucksackbomber’, den aus alltäglichen Gebrauchsgegenständen herstellbaren aber sehr instabilen Sprengstoff HMTD im Londoner Nahverkehrssystem und töten dadurch 56 Menschen und verletzen 700. Fast zeitgleich erschüttern an jenem Tag drei Detonationen die Londoner Subway. Die Bombe im Zug 311, der auf der Picadilly-Linie vom Bahnhof King’s Cross kommend in Richtung Russell Square unterwegs war, explodiert an den hinteren Türen des ersten Waggons und reißt 26 Menschen und den Attentäter, den 19 Jahre alten Germaine Lindsay in den Tod (Vgl. BBC News (2005), InDepth. London Attacks). Die zweite Bombe, gezündet vom 24 Jahre alten Shehzad Tanweer im zweiten Waggon des Zuges 204, der auf der Ringlinie vom Bahnhof Liverpool Street in Richtung Aldgate unterwegs war, tötet sieben Menschen und den Attentäter und verletzt 100 Menschen, mindestens zehn davon schwer. Weitere sieben Menschen sterben bei der dritten Detonation, verursacht durch den 30 Jahre alten Mohammad Sidique Khan an der Edgware Road auf der Circle-Linie. Die vierte Detonation fordert knapp eine Stunde später in einem Doppeldeckerbus am Tavistock Square weitere 13 Todesopfer. Der 18-jährige Hasib Hussain zündete diese Bombe. Aufgrund der Vorfälle wurden zunächst viele U-Bahn-Stationen evakuiert und das gesamte Bus- und U-Bahn-Netz stillgelegt. Am Abend wurde der öffentliche Verkehr teilweise wieder aufgenommen. Das Bankenviertel und weit über 40 Straßen blieben zeitweise gesperrt. Der Handel an der Londoner Börse wurde ausgesetzt. Später wurden die vier Terroristen auf Videoaufnahmen der U-Bahn-Bereiche gefunden und konnten identifiziert werden.

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