eureka stockade

Nationale Narrative und Globalisierungskritiker in Australien

In diesem Beitrag geht es um die in Australien kanonischen Nationalmythen, die ihrem ursprünglichen Gehalt nach antiautoritär und aufrührerisch sind, Ned Kelly, die Eureka Stockade und andere.[1] Es soll untersucht werden, inwieweit diese Narrative heute noch wie und für wen wirksam sind; mit speziellem Augenmerk auf den Grad des Einflusses, den sie auf heutige politische Aktivisten haben, die alternative Visionen zum australischen politischen und ökonomischen Mainstream vertreten und sich vor allem im Jahr 2000 gegen weitere Angleichung des Landes an die Vorgaben internationaler Wirtschaftsorganisationen wie der Welthandelsorganisation (WTO) gerichtet haben.

Insbesondere geht es hier darum herauszufinden, wie das Verhältnis australischer Globalisierungskritiker zu Ned Kelly und zu Eureka aussieht. Um dieser Frage nachzugehen, habe ich vier Monate in Melbourne zur Feldforschung und Abfassung dieser Arbeit genutzt. Sie basieren auf meinen Erwägungen und der Rezeption der Literatur, wie ich sie hier in Australien vorgefunden habe. Von den Antworten und Ergebnissen, wie ich sie im Weiteren entwickeln werde, erhoffe ich mir eine Erweiterung unseres Verständnisses der australischen Gesellschaft in unserer Zeit. Australien ist eine junge Nation. Fragen der kulturellen Identität, der Demokratie und des Umgangs mit Minderheiten berühren Kernsensibilitäten der Bevölkerung und bestimmen täglich neu den Gegenstand der öffentlichen Debatte. Wie ich zeigen werde, ist die Interpretation der Vergangenheit und ihre Nutzbarmachung für aktuelle politische Machtfragen ein umstrittenes Feld. Aber gerade deshalb erscheint mir ein eingehender Blick darauf besonders viel versprechend für unseren Erkenntnisgewinn. Im Letzten geht es darum, wie sich Australier selbst sehen, und was sie antreibt, wenn sie sich am Gemeinwesen beteiligen.

Dem Hauptanliegen dieses Beitrags liegt eine Beobachtung zugrunde, die zunächst einmal jeder Besucher des Landes ohne größere Umstände machen kann. Zum Kanon dessen, was man wissen muss, um Australier zu sein, zum australischen kulturellen Kapital, gehören Geschichten und historische Begebenheiten, die ihrem ursprünglichen Gehalt nach nicht staatstragend sind. Es sind Erzählungen von „underdogs“, die gegen gewaltige Übermacht kämpfen und untergehen. Die bekannteste populär-historische Figur im Land ist Ned Kelly, ein Räuber und Pferdedieb, der angeblich den Reichen nahm, um es den Armen zu geben, Polizisten erschoss und zu seinem legendären letzten Gefecht in einem Stahlpanzer erschien, und schließlich erhängt wurde. Dieses Jahr wird der 150. Jahrestag der sog. „Eureka Stockade“ begangen, dem Aufstand von Goldsuchern gegen ein von den britischen Kolonialautoritäten eingeführten Lizenzsystems, der in weitreichenden demokratischen Forderungen mündete – nur um in einem halbstündigen Gefecht niedergeschlagen zu werden. Das Lied Waltzing Matilda hat mittlerweile den Status einer semi-offiziellen zweiten Nationalhymne erreicht. Es wird zu großen öffentlichen Anlässen, wie etwa Sportereignissen oder politischen Versammlungen, gleich nach der offiziellen Hymne intoniert. Der Text erzählt die Geschichte eines Schafdiebes im australischen Busch, der dem Zugriff durch die Polizei durch seinen Selbstmord entkommt. Im Refrain werden alle Zuhörer aufgefordert, ihm in seinen diebischen Aktivitäten nachzueifern.

Australische Nationalnarrative: Die Eureka Stockade

In den frühen Morgenstunden des 3. Dezembers 1854 wurden ca. 200 aufständische Goldsucher, die sich in einer improvisierten Barrikade (stockade) in der Nähe von Ballarat verschanzt hatten, von einer Attacke durch Regierungstruppen und Polizeibataillone überrascht. Nach einem heftigen Kampf von etwa 20 Minuten war alles vorüber und die Rebellion niedergeschlagen. Insgesamt gab es 60 Todesopfer, 46 bei den Verteidigern und 14 auf der Seite der Angreifer. Die überlebenden Aufständischen wurden in Gewahrsam genommen. Viele weitere wurden verletzt, unter ihnen der Anführer der Rebellen, Peter Lalor, der mithilfe von Freunden und Sympathisanten in der Bevölkerung aber zunächst der Festnahme entgehen konnte, nur um einige Tage später doch gefasst zu werden. Diese kurze Zusammenfassung der Geschehnisse lässt kaum einen Rückschluss zu, welchen Stellenwert Eureka einnimmt, heute eines der wichtigsten australischen Nationalmythen. Um diese Frage näher zu betrachten werde ich zunächst eine Zusammenfassung der historischen Ereignisse geben. Darauf folgt eine Einschätzung der direkten politischen Konsequenzen und in einem dritten Schritt ein Abriss der Mythifizierung Eurekas. Den Abschluss bildet der Versuch, eine Einschätzung des heutigen Stellenwertes in der australischen Gesellschaft zu geben.

Historischer Kern[1]

Die wahre Brisanz der Eureka Stockade liegt nicht so sehr in der halben Stunde von Ballarat, sondern vielmehr in den Ereignissen in den Wochen und Monaten zuvor, auf den Goldfeldern, in Melbourne und London, sowie in dem direkten Nachspiel um den Prozeß der Stockader.

Im Frühjahr 1853 wurde in Victoria Gold gefunden. Die Nachricht breitete sich sofort in aller Welt aus. Ein neuer Goldrausch, ähnlich dem in Kalifornien, brach aus. Für die Kolonie hatte das weitreichende Konsequenzen. Innerhalb eines halben Jahres vervierfachte sich die Bevölkerung. Doch trotz des enormen Zustroms an Arbeitern kam die vor allem auf Schafzucht ausgerichtete Wirtschaft durch Arbeitskräftemangel so gut wie zum Erliegen. Die Mehrheit der erwerbsfähigen Erwachsenen der Kolonie fand sich auf den sich ausbreitenden Goldfeldern ein, um ihr Glück dort zu suchen. Dabei waren es nicht nur einfache Arbeiter, die sonst kaum eine Chance auf den sprunghaften sozialen Aufstieg gehabt hätten, den ein Goldfund ermöglichte. Es waren auch Gelehrte, ausgebildete Ingenieure und selbst ein Richter des obersten Gerichtshofes der Kolonie in den diggings tätig. Nicht nur kamen sie aus allen Professionen, sondern auch aus aller Herren Länder. Jedoch kam die Mehrheit aus den Vereinigten Staaten und Europa. Und mit ihnen kamen die freiheitlich-revolutionären Ideale und Praktiken, die in den Freiheitskämpfen von 1848 in Mitteleuropa gerade weite Beachtung gefunden hatten. Die besonders große Gruppe der Iren zum Beispiel stand noch unter dem direkten Eindruck des gescheiterten Osteraufstandes in Dublin. Dementsprechend gehörten politisches Agitieren und demokratische Versammlungen zum täglichen Leben auf den Goldfeldern, zusammen mit härtester physischer Arbeit, der extremen Witterung, feindlicher Natur, sich unkontrolliert ausbreitender Kriminalität und den berüchtigten Lizenzjagden.

Subscribe to RSS - eureka stockade