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Der Roman – Produkt einer individualistischen, bürgerlichen Gesellschaft, die von Marktgesetzen beherrscht wird

Das Konzept der Indifferenz hat die Menschheit seit Anfang ihrer Geschichte begleitet. Es ist in den meisten bedeutenden philosophischen Systemen präsent. Man findet es in der stoischen „apatheia“, in der epikureischen „ataraxia“, im buddhistischen „Nirvana“, im taoistischen Nichts oder im Nicht-Denken des Zen. In der Literatur hat sich diese Idee besonders im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert entwickelt. Viele berühmte Autoren wie Proust, Valéry, Périer, Cocteau, Hemingway oder Beckett haben in ihren Werken gleichgültige Figuren geschaffen. Im neunzehnten Jahrhundert als „spleen“, „mal du siécle“, oder „ennui“ gesehen, ist die Indifferenz im nächsten Jahrhundert bereits zur Verweigerung aller gesellschaftlichen Werte geworden. Literatur spiegelt den Geist des Zeitalters wider. Das gilt vor allem für den Roman, der besonders mit den gesellschaftlichen Phänomenen verbunden ist. Laut Lucien Goldmann wird der Roman des zwanzigsten Jahrhundert zum Produkt einer individualistischen, bürgerlichen Gesellschaft, die von den Marktgesetzen beherrscht wird: Eine Gesellschaft, in der die qualitativen, authentischen Werte nicht mehr unmittelbar (wie in der feudalen Welt) gegeben sind, sondern implizit bleiben. So muss auch die Indifferenz in den literarischen Texten als Matrix der bestehenden sozialen Situation gesehen werden.

Die Krise der Werte, die Industrialisierung und Entwicklung der Marktproduktion mit ihren Tauschwerten, und der Übergang zum Monopolkapitalismus haben den gesellschaftlichen Kontext des Endes des neunzehnten und der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bestimmt. Eine große Rolle spielten auch die Erfahrungen und Erlebnisse des ersten Weltkriegs, die Konfrontation mit dem Tod, Leid und Sinnlosigkeit. Für den Roman der Zwischen-Kriegs-Zeit war auch die Entwicklung der faschistischen Soziolekte und die Veränderungen der soziolinguistischen Situation von Bedeutung. Die Indifferenz die sich in dieser Zeit der Unruhe und Ambivalenz aller Werte, herausgeprägt hat, wird als eine Reaktion auf, vom Individuum als störend oder defizitär bewertete, Zustände oder Vorgänge dargestellt, und kann als eine Form der Resignation oder als ein Schutzmechanismus verstanden werden. Die Gleichgültigkeit wird auch als absolute Antwort auf die Identitätskrise oder Nichtung von Identität betrachtet.

Zu den wichtigsten Werken, dessen Protagonisten sich mit einer besonderen Indifferenz kennzeichnen, gehören Albert Moravia mit seinem Roman „Die Gleichgültigen“, Jean-Paul Sartre mit dem Titel „Der Ekel“, Samuel Beckett mit „Murphy“ oder Gottfried Benn mit „Der Ptolemär“. Eine besondere Stellung unter den „gleichgültigen“ Texten nimmt das Werk von Albert Camus „ Der Fremde“. Diesem 1942 erschienenen Roman des französischen Autors, der in Algerien gelebt hat, kommt eine besondere Bedeutung innerhalb der Indifferenzthematik zu. Mit seinem Erscheinen wurde sie freigesetzt und verfügbar, was die Vielzahl der Sekundärliteratur bezeugt. Dieser Text markiert auch den Übergang der Thematik in die Postmoderne.

Die Indifferenz in „Der Fremde“ ist nicht nur eine Reaktion des Individuums auf das gesellschaftliche Ganze, sondern auch eine Widerspiegelung des philosophischen Denkens seines Autors. Charakteristisch für Albert Camus ist die Feststellung der Absurdität des Lebens. Sie erfolgt sowohl aufgrund der bestehenden sozialen Verhältnisse, der persönlichen Erfahrungen des Schriftstellers, bei denen der Verlust des Gottesglauben und die Konfrontation mit dem Tod die größte Rolle spielen, als auch aufgrund seiner Lektüre der bedeutenden Philosophen wie Nietzsche, Schopenhauer oder Kierkegaard. Die Tatsache, dass das menschliche Leben absurd ist, löste für Camus eine andere wichtige Thematik aus:

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