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Völkermord in Ruanda: Ethnisches Bewusstsein als Grundlage für die Durchsetzung von Machtinteressen

Tatsächlich ging es bei dem Völkermord in Ruanda 1994 um Machtkämpfe bei denen die Ethnizität lediglich gebraucht wurde, um ein Bewusstsein, ein Wir-Gefühl zu beschwören.  Hierdurch konnte die Grundlage für die Durchsetzung von Machtinteressen geschaffen werden.

Direkt nach dem Völkermord in Ruanda 1994 trat eine Empörungswelle der westlichen Welt los. Man verstand nicht, wie sich in einem Volk mit der gleichen Geschichte, Kultur und Sprache zwei so voneinander abstoßende Pole bilden konnten. Doch untersucht man die Geschichte Ruandas und die klare Rassentrennung der Kolonialherren, so wird schnell deutlich, dass die ersten Weichen für den Konflikt bereits im Jahr 1894 gestellt wurden – mit dem Beginn der Erforschung des Landes durch die Europäer und der anschließenden Kolonialisierung. Heute lässt sich feststellen: Die Kolonialherren haben durch die Einteilung der ruandischen Bevölkerung in Rassen die entscheidende Rolle bei der Grundsteinlegung des Konfliktes gespielt. Dabei waren ihnen nicht im Geringsten geschichtliche und kulturelle Wurzeln des Landes und dessen Bewohner bekannt. Doch auch durch die Medien verstärkte sich der gegenseitige „Rassenhass“. Diese haben die Vervielfältigung schriftlicher Hetzparolen, sowie mündliche, menschenrechtsverletzende Anschuldigungen von Radiosprechern zu verantworten. Der aufkeimende Völkermord wurde durch die Medien immer weiter vorangetrieben und so auch unterstützt. Sie markierten in Ansprachen die klare und bewusste Trennung beider „Ethnien“; jeder, der sich nicht als eines der beiden identifizieren konnte, wurde zum Staatsfeind erklärt. Die ethnische Politisierung fand so ihren Höhepunkt, da ein gegeneinander kämpfen fast zwanghaft wurde. Alle politischen Ziele wurden auf die Ebene der ethnischen Zugehörigkeit verlagert. 

Hetzmedien als Weichensteller für den Völkermord in Ruanda

Hetzmedien bestimmten in den 90er Jahren das politische Klima in ganz Ruanda. Zuerst unterschätze man ihre Wirksamkeit und den Einfluss, den sie auf die Politik ausübten. Doch heute ist klar, dass sie die Konfliktsituationen und Auseinandersetzungen beider „Ethnien“ geradezu herbeischworen und so einen bedeutsamen Weichensteller für den Völkermord darstellten.

Politische Parteien und die Entwicklung nach der Unabhängigkeit Ruandas

Am 1. Juli 1962 wurde Ruanda von Belgien in die Unabhängigkeit entlassen. Durch die politischen Geschehnisse während der letzten Jahre der belgischen Kolonialherrschaft waren klare ethnische Grenzziehungen zwischen den Hutu und Tutsi gezogen worden. Immer mehr politische Organisationen gründeten sich, bei denen die Mitglieder entweder Hutu oder Tutsi waren; in keiner Organisation hat man Mitglieder beider Ethnien antreffen können. So war in  jedem Bündnis die neu „entstandene“ Ethnizität das einzige Merkmal, welches die Mitglieder zusammenhielt. Die politischen Interessen gründeten sich also auf ethnischem Hintergrund.

Die belgische Kolonialzeit in Ruanda und die einseitige Bevorzugung der Tutsi

Nach dem Abzug der deutschen Kolonialherren in Ruanda, wurde die auf rassistischen Vorstellungen über Ethnien basierende Politik von der folgenden Kolonialmacht Belgien fortgeführt. Vereinfachungen der ursprünglich durchaus komplizierten Zusammenhänge der Gesellschaftsstruktur trafen sie genauso rigoros wie ihre deutschen Vorgänger. So wurde der Grundstein für zukünftige Konflikte gelegt.

Neue Bedeutungen für die Bezeichnungen 'Hutu' und 'Tutsi' während der deutschen und belgischen Kolonialzeit

Schon seit Beginn der deutschen Kolonialmacht (1899) übten die deutschen Vertreter eine indirekte Herrschaft aus, da den Einheimischen zu jeder Zeit gewisse Machtpositionen eingeräumt wurden. Trotz indirekter Herrschaft muss sie sich mit ihrer Einteilung in eine Rassenordnung für die Grundsteinlegung der ethnischen Konflikte verantworten. Die zu deutschen Kolonialzeiten gestellten Weichen verhärteten sich irreversibel in der belgischen Kolonialzeit und führten 1994 letztendlich zu einem massenhaften, ethnisch begründeten Töten.

Die ersten europäischen Erkunder Ruandas und die deutsche Kolonialzeit

Als die ersten Erkunder des Landes 1894 Ruanda betraten und Recherchen über die „Ethnien“ Ruandas betrieben, waren sie sich nicht über deren Auswirkungen in der künftigen Kolonialzeit bewusst. Sie bereisten Afrika und berichteten als so genannte „Agenten der Zivilisation“ (so wurden die ersten Erkunder Afrikas – und damit auch Ruandas – genannt; vgl. Semujanga, 2003: 114). Schon bald versuchten sie – um ein klares, einfaches Gesellschaftsbild zu erhalten – alle Menschen in Rassen und Ethnien aufzuteilen.

Die Bedeutung der Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' im Ruanda vor der Kolonialzeit

Vor der Kolonialzeit wurden die Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' wesentlich flexibler genutzt als es nach der Eroberung der Fall war. Zudem gibt es keine Hinweise auf eine ethnische Gruppierung innerhalb Ruandas vor 1894. Obwohl die Bezeichnungen schon vor dem „Einfall der Europäer“ im späten 19. Jahrhundert existierten, variierten ihre Bedeutungen in Raum und Zeit.

Zuerst entschlüsselten die Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' die regionale Herkunft: Im Südwesten nannten die Menschen, die nicht aus Ruanda stammten, alle Einwohner Ruandas 'Tutsi' (vgl. Hoering, 1997: 18). Später brachte nicht die Abstammung, sondern vielmehr die Frage nach dem Reichtum und Status eines Einzelnen eine wesentliche Erkenntnis darüber, ob man Tutsi oder Hutu war. Ein bedeutsamer Indikator hierfür war die Größe des Viehbesitzes einer Person. Ein „Tutsi“ wurde erst als solcher identifiziert, wenn er eine gewisse Anzahl Vieh besaß, in ansonsten gehörte er zu der zahlenmäßig weit überlegenen Hutugruppe. Ein Hutu konnte also, nachdem er zu Reichtum gekommen war und sich davon Vieh kaufte, automatisch ein Tutsi werden. Weder seine eigene religiöse Überzeugung, noch irgendein traditionelles Ritual war bei dieser Bezeichnungsänderung ausschlaggebend; ganz im Gegenteil: Der Übergang von Hutu zu Tutsi (und umgekehrt) fand fließend statt. Gleiches galt bei Hochzeiten: Ein reicher Hutu durfte sich eine Tutsi zur Frau nehmen, was zur Folge hatte, dass von da an auch er zu der Volksgruppe Tutsi gehörte. Verarmte jedoch ein Tutsi, konnte ihm von seinen Angehörigen verwehrt werden, eine Tutsi zu heiraten. Er musste diesen sozialen Abstieg in Kauf nehmen und eine Hutu- Frau heiraten. Von nun an war auch er automatisch ein Hutu, was zeigt, dass die Bezeichnungen nicht absolut, nicht starr, sondern vielmehr fließend waren. Für den Vorgang des sozialen Auf- und Abstiegs gab es sogar Benennungen in der Sprache Kinyarwanda, was den Beweis mit sich bringt, dass dieses Phänomen keine Seltenheit war. Als sozialen Aufstieg benutzte man das Wort „icyhure“ und mit dem Begriff „umuwore“ kennzeichnete man den Abstieg von Tutsi zu Hutu (vgl. Harding, 1998: 18 f).

Diese Beispiele zeigen, dass die Ruander vor der Kolonialzeit nicht verschiedenen Ethnien angehörten, sondern vielmehr in soziale Kategorien eingeteilt werden konnten. Vielleicht trifft die Bezeichnung „soziale Klassen“ den Kern. Der eigene Erwerb des Einzelnen war ausschlaggebend für die individuelle Namensgebung 'Hutu’ oder 'Tutsi'. Da sich die ökonomischen Bedingungen stets verändern konnten, waren diese Bezeichnungen dynamisch veränderbar. Durch bspw. Fleiß, Heirat, Glück oder Arbeit konnte man in die jeweils andere Klasse auf- oder absteigen. Somit bestimmten diese Verhaltensweisen die Zugehörigkeit der Ruander. 

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