Sozialkonstruktivismus

Sozialkonstruktivismus und Unterrichtsüberzeugungen

Seit die kognitive Wende in den 1960er Jahren in der westlichen Psychologie allmählich das Bild des Reiz-Reaktions-Lernens abgelöst hat, etablierten sich neue Paradigmen, die zum einen die Konzeption von Wissen grundlegend veränderten und zum anderen auch Verarbeitungs- und Konstruktionsprozesse in der lernenden Person anders zu betrachten verlangten (vgl. A. M. Collins et al., 2001; Greeno et al., 1996; Holzinger, 2001; Kunter, 2005; Mayer, 2003; Oerter, 2001; Shuell, 2001; Slavin, 1994; Staub & Stern, 2002, die auch Grundlage für die folgende Darstellung bilden).

Wissen

Während der frühe Kognitivismus Wissen noch als eine objektive Größe ansah, wurde diese Ansicht durch den Konstruktivismus revidiert. Das Wissen jedes Individuums wird als eng verknüpft mit individuellen Erfahrungen und Vorstellungen und damit als hochsubjektiv betrachtet. Im Lichte dieser kann eine objektiv identische Situation von verschiedenen Menschen interindividuell unterschiedlich repräsentiert werden. Von den Personen werden Informationen nicht als einzelne Einheiten im Gedächtnis gespeichert, sondern zu komplexen Konzepten verbunden. In diesen können beispielsweise subjektive Erfahrungen, Regeln, Ideen und geeignete Anwendungen einer Domäne eine übergeordnete Einheit bilden. Der Begriff des konzeptuellen Verstehens liegt dieser Vorstellung zugrunde. Die soziohistorische Schule fügt diesem Bild noch hinzu, dass Wissen nicht in isolierten Individuen existiert, sondern von der Kultur und ihren Gütern getragen wird.

Lernprozess

Die Umstrukturierung (conceptual change) oder Erweiterung (conceptual growth) der bereits vorhandenen Wissensbasis beziehungsweise eines Teils aktueller Überzeugungen (Sinatra und Kardash, 2004; Sfard, 1998) sind entscheidende Merkmale des Lernprozesses aus konstruktivistischer Perspektive. Eine Veränderung aktueller Konzepte ist vor allem dann wahrscheinlich, wenn der Lernende mit alten Erklärungsmustern unzufrieden ist und neue plausibel, überzeugender und nützlicher sind, sowie sich in alte Konzepte integrieren lassen. Aus diesem Grunde sind auch Fehler des Lernenden durchaus günstig für seinen Lernfortschritt. Dabei wird aus der Konstruktionsperspektive davon Abstand genommen, Lernstoff in kleine und abstrakte Informationseinheiten (so genannte chunks) aufzuteilen und diese einzeln zu lehren. Stattdessen wird angenommen, dass es günstiger ist, den Lerner mit komplexen, aber lebensnahen und bedeutungsvollen Inhalten zu konfrontieren. Diese helfen ihm, bisher bereits erarbeitete Konzepte zu nutzen und mit Unterstützung fachkundiger Lehrer (scaffolding) auszubauen oder abzuändern. Damit kommt dem Vorwissen des Lerners eine entscheidende Bedeutung zu.

Zudem wird in gegenwärtigen Modellen Lernen als ein aktiver und sozialer Konstruktionsprozess der Schüler betrachtet. Das bedeutet, dass Lernen immer innerhalb eines Kulturkreises stattfindet, dass der Lernende durch soziale Interaktion motiviert wird, seine Ziele unter Berücksichtigung seines sozialen Umfeldes entwirft und nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit anderen Lernern oder Experten seine Vorstellungen überprüft, gegebenenfalls revidiert und differenziert. Diesen Prozess nennt man auch Ko-Konstruktion. Beim Vertrautwerden mit Konzepten stärkt der Schüler zudem seine Interaktionsfähigkeit durch die Zusammenarbeit mit anderen bei der Bearbeitung bedeutungsvoller und lebensnaher Aufgaben (Shuell, 2001).

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