Fahrradkauf in Kabul

Ganz früh morgens war ich verabredet, mit dem Wächter zusammen ein Fahrrad zu kaufen. Der Bruder eines Freundes habe ein Fahrrad-Geschäft. Um ein gutes Fahrrad zu bekommen, versprach ich ihm das Fahrrad, sobald ich wieder nach Deutschland zurück fahren würde (das wäre aber nicht nötig gewesen). Mit dem Taxi sind wir in die Innenstadt, zu Fuß durch das Gewühl in der Altstadt hindurch in eine schmale Seitengasse, am Kabulfluss vorbei (im ausgetrockneten Flussbett ist Laden an Laden, meistens Teppiche und die Einheimischen nennen es Titanic- Bazar). Die Seitenstraße ist (wie fast überall) voll mit Läden rechts und links, hier sind es allerdings mehrstöckige Häuser, oft mit Innenhöfen. In solch einen Innenhof gehen wir, er ist voll mit Fahrradhändlern. Um den Innenhof geht in allen Stockwerken eine Art Veranda, so wie bei uns in einer Einkaufspassage, hier nur ohne Glasdach. Unten stehen eine Menge Fahrräder, die seien aber alle ‚nicht gut’, warum, weiß ich nicht, ich kann keinen Unterschied erkennen. Es sind fast überall nur chinesische Räder zu sehen, es gibt allerdings auch indische und pakistanische Räder. Ein Stockwerk höher habe er gute Räder, meint der Verkäufer. Wir kommen an einer Art Werkstatt vorbei, in der ausschließlich Kinder zwischen 8 und 15 Jahren die Räder montieren. Er zeigt mir ein Rad. Es sei noch nicht fertig montiert, insbesondere der Mantel sei nicht gut, der müsse ausgewechselt werden. Ich bemerke, dass fast alle Schrauben nicht festgedreht sind, vor allem das Tretlager schlackert. Es gibt auch nirgends Kontermuttern, auch für die Tretlager nicht. Ich will das Fahrrad gleich mitnehmen, aber das wollen sie partout nicht. Sie versprechen mir, es bis zum nächsten Tag fertig zu haben, für 3200 Afghani, das sind etwa 60,- €. Wir wiederholen zweimal alles, was noch daran gemacht werden muss, den Preis und dass ich am nächsten Tag nachmittags kommen werde. Der Verkäufer bietet mir an, noch ein anderes Rad zu zeigen. Ich finde das eine gute Idee, wir gehen zusammen bis in das oberste Stockwerk, er schließt dort ein Lager auf, das voller Verpackungsmaterial ist, aber ohne Fahrrad. Bis gestern, meinte er, wären dort noch fünfundzwanzig Fahrräder gewesen. Er hätte auch nicht gedacht, dass die so schnell verkauft worden wären. Schon etwas sauer bin ich dann nach Hause. Irgendwie konnte ich den Kerl nicht leiden. Samstag 23. November

Freifunk in Rostock: Interview mit Freifunkern auf dem 23c3 Chaos Communication Congress

In der Wireless Corner treffen sich die Freifunker beim 23. Chaos Communication Congress am Alexanderplatz. Am Rande spreche ich mit Rene und Mathias von der Opennet-Initiative aus Rostock über die Organisation des lokalen Freifunk-Netzes, die Zusammenarbeit mit der Universität und ihre eigene Motivation. Zudem berichtet Rene darüber, wie freie Netze kürzlich unter seiner Mithilfe in Kerala in Indien entstanden und Berliner Freifunker sich im Bundesstaat Goa engagieren.


Direkter Link: http://video.google.de/videoplay?docid=3644128649013383692

Die Deutsche Welthungerhilfe in Kabul und ein Spaziergang in die Innenstadt

Nach dem Frühstück besuchte ich Martin. Das Taxi hielt genau da, wo in meinem Plan die deutsche Welthungerhilfe (DWHH) eingezeichnet war, aber es gab an den Häusern keine Zeichen, wie sonst überall (Hausnummern gibt es sowieso nicht und ganz selten Straßennamen). Auf meine Frage erzählte mir jemand, die seien umgezogen, irgendwo dort hinten. Also bin ich dahin gelaufen. Ein Rollstuhlfahrer bettelte mich um Geld an, ließ auch nicht locker, ganz offensichtlich ein Profi. Er habe seit zwei Monaten keine Arbeit mehr. Und seit zwei Tagen hätten er und seine Familie nichts mehr gegessen. Irgendwann hörte ich auch auf, höflich mit ihm zu reden. In dem Viertel Wazir Akbar Khan, in dem ich nun war, gibt es sehr viele ausländische Organisationen und deshalb in jeder Straße auch etliche Wachposten der Miliz. Einen solchen fragte ich also nach der ‚german agro aktion’, wie sich die DWHH hier nennt. Der wusste aber nichts. “Aber ich!” triumphierte der Rollstuhlfahrer und fuhr auch schon los, direkt zu der deutschen ‚Kreditanstalt für Wiederaufbau’. Nein, sagte ich, das ist es nicht. “Dahinten ist noch ein Haus der DWHH!” meinte er dann. Ich bin also brav hinter ihm her, diesmal zu der deutschen GTZ. Auf meine sehr unwillige Reaktion hin beeilte er sich zu sagen: Oh, er wisse ganz genau, ich wolle nicht nur zu einem deutschen Haus, ich wolle zur DWHH und das sei dort hinten um die Ecke. Völlig entnervt habe ich ihm 20 Afghani für seine ‚Dienste’ in die Hand gedrückt und endlich ließ er mich auch in Ruhe. Ein Anruf machte alles ganz einfach und zwanzig Minuten später stand ich dann wieder vor dem ersten Haus: Die DWHH war gar nicht umgezogen. Martin war als Architekt mit Auslandserfahrung in einem Projekt vorgesehen, dass eine Tagesreise von Herat, also völlig auf dem Land lag. Und ich mit meinem Projekt, gerade mal anderthalb Autostunden von Kabul entfernt, bin mir schon als etwas Besonderes vorgekommen. Aber die staatliche Entwicklungshilfe, wie zum Beispiel der Entwicklungsdienst, muss halt vielmehr auf die Sicherheit achten, als private Hilfsorganisationen das müssen. Schon alleine wegen der Presse. Bei Martin gab es sogar Vollkornbrot für mich (hatte er mitgebracht) und zu Fuß sind wir in die Innenstadt, zum Kabulfluss und in ein Wohngebiet, dass den Berg hoch gebaut ist. Martin meinte noch, er habe gehört, in den Stadtrand- Gebieten sei es gefährlicher, sei die Kriminalität höher. Ich hatte das noch nicht gehört und sagte: “Lass uns da mal hingehen und Du wirst sehen, wie sicher wir da sind.” Wir waren bald umringt von einer Gruppe Jugendlicher, die versuchten, uns zum Essen oder Tee ein zu laden und es damit durchaus ernst meinten. Sie zeigten uns Bilder von sich beim Taek-wan-do-Training, meinten, dass wir ohne ihre Hilfe niemals den Weg finden würden und probierten sich als Übersetzer. Als Martin nicht mehr weiter laufen wollte, versuchten sie uns eine ganze Weile davon zu überzeigen, wie gut sie Martin auf dem Rücken tragen könnten (‚wie ein Esel’). Auch sie waren wieder ganz begeistert von meinen Dari -Sprach-Versuchen. Das Viertel war in den steilen Berg gebaut, selbst die Fußwege waren zum Teil kaum normal zu gehen, sondern man musste eher klettern. Auch war es nie klar, wohin die Wege führten, zum Teil sah etwas wie ein Weg aus, mündete dann aber doch in einen Hof. An einer Stelle, noch recht weit unten, gab es einen öffentlichen Brunnen zum Pumpen. Zwanzig bis dreißig Menschen, Frauen Männer, viele Kinder standen dort um Wasser an. Alles muss den Berg zu Fuß hinaufgetragen werden und das zwei Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Die Abwässer, wie überall, laufen einfach den Berg hinunter. Und dazwischen unglaublich freundliche Menschen. Schade, dass es so unhöflich ist, einfach alles und jeden zu fotografieren. Ich würde gerne noch viel mehr Bilder von den Menschen machen. Wie sie erst so böse dreinblicken, wie sie lachen, wenn mensch sie anspricht. Oder die Kinder beim Murmelspielen, beim Drachen steigen lassen, beim Hüpfen über aufgezeichnete Quadrate oder beim Zielwerfen mit kleinen Steinen. Die Jugendlichen beim Volleyballspiel oder der Junge mit den abstehenden Ohren, der uns in gutem Englisch erzählt, dass er das Englisch sechs Monate lernen durfte, jetzt aber der Kurs leider zu Ende sei. Der kleine Junge, der mir Batterien verkauft und zufrieden und frech grinst, weil er mir die Batterien für 10 Cent pro Stück angedreht hat.

Die ersten europäischen Erkunder Ruandas und die deutsche Kolonialzeit

Als die ersten Erkunder des Landes 1894 Ruanda betraten und Recherchen über die „Ethnien“ Ruandas betrieben, waren sie sich nicht über deren Auswirkungen in der künftigen Kolonialzeit bewusst. Sie bereisten Afrika und berichteten als so genannte „Agenten der Zivilisation“ (so wurden die ersten Erkunder Afrikas – und damit auch Ruandas – genannt; vgl. Semujanga, 2003: 114). Schon bald versuchten sie – um ein klares, einfaches Gesellschaftsbild zu erhalten – alle Menschen in Rassen und Ethnien aufzuteilen.

1899 wurde Ruanda offiziell zu einer deutschen Kolonie erklärt. Zu diesem Zeitpunkt war der ruandischen Bevölkerung noch nicht bewusst, dass schon bald die Macht des Königs in Gefahr schweben würde. Die ersten Kolonialherren wurden vielmehr als Händler wahrgenommen, nicht als zukünftige Beherrscher des ganzen Landes (vgl. Harding, 1998: 23). Der Beginn der deutschen Kolonialzeit war nun geprägt von der Errichtung deutscher Militärposten, bei denen auch ruandische Einwohner eingestellt wurden; jedoch waren es fast ausschließlich Tutsi, die mit dem Einfall der Kolonialherren militärische Arbeit verrichten durften. Grund hierfür war Höherschätzung der Intelligenz der Tutsi seitens der Kolonialmacht.

1906 schließlich führte man eine sog. „indirekte Herrschaft“ in Ruanda ein. Man zog von nun an auch die einheimischen Könige und Herrscher, die fortan „Agenten der Kolonialverwaltung“ (Harding, 1998: 24) genannt wurden, mit in die Kolonialpolitik ein. Taktisch war dies klug, da so eine Verbindungsachse zwischen den Kolonialherren und den Einheimischen hergestellt wurde. Bei Widerständen seitens der Bevölkerung konnten sich die „Chefs“ der kleineren Provinzen auf die Kolonialherren berufen. Und diese wiederum zogen viele Vorteile aus der neuen Regelung: Von nun an wurden große Gebiete mit wenig Aufwand kontrolliert und indirekt hatten die Deutschen mehr Aufsicht und Einfluss auf die einheimischen Herrscher (vgl. Harding, 1998: 24). Die Kolonialherren ließen die dort vorgefundenen Strukturen so, wie sie waren, und stützten die eh schon florierende Tutsi-Monarchie.

Der erste deutsche Resident war Richard Kandt; in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, bezog er 1908 seinen Sitz. Er setzte sich stets für ein friedliches Miteinander der Hutu und der Tutsi ein. Außerdem pflegte er ein gutes Verhältnis zum Königshof, da er immer wieder versuchte, die Machtpositionen der ruandischen Chefs zu stützen. Dank seiner friedlichen Politik war die deutsche Kolonialherrschaft nie gefährdet, auch wenn es manchmal zu kleineren Widerständen und teilweise sogar Übergriffen kam.

Doch die „friedliche“ Ruhe in Ruanda schien eine „Ruhe vor dem Sturm“ zu sein: Durch den ersten Weltkrieg verlor Deutschland all seine Kolonien und musste Ruanda 1916 an Belgien „abgeben“.

 

 

Quellen

Baratta, Mario von (2001): Der Fischer Weltalmanach 2002. Zahlen. Daten.  Fakten. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Berkeley, Bill (2001): The Graves are not yet Full. New York: Basic Books.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (1999): Afrika 1 Zeitschrift 264. Bonn: Schwann Bagel GmbH & Co KG.

Diamond, Jared (2005): Collapse. London: penguin group.

Die Bibel – Die heilige Schrift. Altes und neues Testament. Nach einer Übersetzung von Luther.

Gleichmann, Peter; Kühne, Thomas (Hrsg.) (2004): Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert. Essen: Klartext Verlag.

Harding, Leonhard (1998): Ruanda – der Weg zum Völkermord. Vorgeschichte – Verlauf –Deutung. Hamburg: Lit. Verlag.

Hoering, Uwe (1997): Zum Beispiel Hutu & Tutsi. Der Völkermord hätte verhindert werden können, befand ein UN-Bericht. Göttingen: Süd-Nord-Lamuv.

Kimenyi, Alexandre (1978): A Relational Grammar of Kinyarwanda. Volume 91. London: University of California Press.

Kimenyi, Alexandre (2002): A Tonal Grammar of Konyarwanda – an Autosegmental and  Metrical Analysis. Volume 9. New York: The Edwin Mellen Press.

Mamdani, Mahmood (2001): When Victims Become Killers. Colonialism, Nativism, and the Genocide in Rwanda. Princeton, New York: Princeton University Press.

Melvern, Linda (2000): A People Betrayed. The Role of the West in Rwanda's Genocide. London, New York: Zed Books.

Newbury, Catharine (1988): The Cohesion of Oppression. Clientship and Ethnicity in Rwanda 1860– 1960. New York: Columbia University Press.

Scholl-Latour, Peter (2001): Afrikanische Totenklage. München: Bertelsmann Verlag.

Semujanga, Josias (2003): The Origins of Rwandan Genocide. New York: Humanity Books.

Wikipedia, Ethnie: 05.10.2006, 12:35 Uhr., http://de.wikipedia.org/wiki/Ethnie

Wikipedia, Rasse: 05.10.2006, 12:40 Uhr. http://de.wikipedia.org/wiki/Rasse

Wikipedia, Ruanda: 05.10.2006, 15:40 Uhr.   http://de.wikipedia.org/wiki/Ruanda

 

Wünsche für die Arbeit außerhalb Kabuls

Gleich morgens vor dem Frühstücken noch, kam Karl Anders. Für mich war das Gespräch mit Karl sehr gut. Er stellte mir eigentlich zu allen Punkten, die ich ansprach, mehr in Aussicht, als ich gedacht hätte: Dass ich während der Arbeit außerhalb Kabuls zum Beispiel einen Funkkontakt zum Entwicklungsdienst war für ihn selbstverständlich. Meine Ausstattungswünsche fand er sehr bescheiden und meinen Urlaubswunsch, wenn Svenja kommt, auch klar. Eventuell könne das Büro sogar für eins, zwei Tage eine Übersetzerin für Svenja stellen. Wenn nötig, müsse für mich ein Raum eben noch gebaut werden, Toilette sowieso, ein Übersetzer werde mir bezahlt und über ein Motorrad oder eigenes Auto müsse man nachdenken. Er machte klar, dass ich mit seiner Rückendeckung rechnen kann, falls es zu Konflikten kommt. Auch bräuchte ich keinesfalls mehr zu arbeiten, als im Entwicklungsdienst-Büro. Mal sehen, was daraus wird. Anmerkung: Später bekam ich weder Funkkontakt, noch Übersetzerin, mein Container wurde völlig ohne die Hilfe des Entwicklungsdiensts gekauft und ausgebaut und wegen des fehlenden Gefährtes hatte ich viele Probleme. Meinen Urlaubswunsch übersah er später (das war aber egal, weil mein Urlaub sehr sinnvoll in meine Ausbildungspläne eingebaut und ich ihn selbst absprechen konnte) und eine Toilette wurde nie gebaut. Schön hätte ich auch gefunden, jemand vom Entwicklungsdienst-Büro hätte sich meinen Arbeitsplatz einmal angeschaut, auch um die Sicherheitslage zu erkunden, wie versprochen. Freitag 22. November

Kulturtechnik Software: Warum Organisationen, die mit Entwicklungsländern kommunizieren, Freie Software einsetzen müssen

Lesen, Schreiben, Rechnen und Ackerbau haben, wie alle Kulturtechniken, einen entscheidenden Einfluss auf die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Perspektiven eines Landes. Auch Software, als Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts, muss allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung stehen (vgl. Greve 2003). Deshalb tragen Organisationen, welche mit Entwicklungsländern kommunizieren, eine besondere Verantwortung bei ihrer eigenen Softwarewahl. Wenn sie selbst keine Freie Software einsetzen, schränken sie die Entwicklungsmöglichkeiten der Länder stark ein.

Vom September 2004 bis April 2005, war ich im Rahmen meines Arbeitsaufenthalts, für die Free Software Foundation Europe (FSFE) tätig. Die FSFE dient Politikern, Rechtsanwälten, Journalisten und Softwareentwicklern als Ansprechpartner zum Thema „Freiheit in der Informationsgesellschaft“ und insbesondere für „Freie Software“. Im Zuge des Praktikums kam ich, unter anderem mit dem UN World Summit on the Information Society (WSIS) in Berührung. Bei dem UN WSIS handelt es sich um den Weltgipfel zur Informationsgesellschaft der Vereinten Nationen, der im Dezember 2003 in Genf stattfand und dessen zweiter Gipfelpunkt im November 2005 in Tunis war. Wie bei anderen Weltgipfeln geht es darum, die weltweiten Regeln und Visionen gemeinsam festzulegen, um diese dann national umzusetzen: In diesem Fall also die globalen Regeln der Informationsgesellschaft.

In dieser Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Organisationen im WSIS Umfeld zwar Freie Software propagieren, jedoch selbst unfreie Software einsetzen. Dadurch wird es Entwicklungsländern nahezu unmöglich gemacht, Freie Software zu verwenden. Um eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen, muss Software, als Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts, den Menschen in den Entwicklungsländern zur Verfügung stehen. Hierfür müssen Organisationen selbst konsequent Freie Software einsetzen.

Technische Grundlagen von Software

Software kann sehr gut mit einem Kochrezept verglichen werden [1]. Der Autor schreibt eine Liste von Anweisungen nieder und nach ihrer Ausführung steht ein bestimmtes Ergebnis. Bei Computerprogrammen werden die Anweisungen in dem so genannten Quelltext niedergeschrieben. Es gibt eine Vielzahl von Programmiersprachen, die man dazu verwenden kann. Der Quelltext wird anschließend mit Hilfe eines Programmes, dem Kompiler, in maschinenlesbare Form gebracht. Diese maschinenlesbare Form kann dann vom Computer ausgeführt werden. Sie ist jedoch von Menschen nicht mehr interpretierbar, da sie nur aus Nullen und Einsen besteht. In Abbildung 1 sieht man den Quelltext und den schematisierten Maschinencode eines Programmes, welches in der Programmiersprache C geschrieben ist. Wird es kompiliert und ausgeführt, gibt es „Hallo Welt!“ auf dem Bildschirm aus.

Freie Software – Frei wie in Freiheit

Im September 1983 kündigte Richard M. Stallman sein Vorhaben an, ein völlig freies Betriebssystem zu schreiben; mit dem Namen GNU, für „GNU’s not Unix“. Er beendete seine Arbeit beim MIT und begann, Anfang 1984, das erste „bewusste“ Projekt mit Freier Software zu schreiben (vgl. Grassmuck 2002, S. 226). Mit Erfolg, spätestens seit dem Jahr 1994 steht das wohl bekannteste freie Betriebssystem, GNU/Linux, in einer stabilen Version zur Verfügung. Auch unter anderen Betriebssytemen dürfte Freie Software heutzutage bekannt sein. Etwa in Form des Webbrowsers Mozilla Firefox, des Kompilers GCC oder des Videoplayers VLC. Spätestens wenn man das Internet benutzt, kommt man zwangsläufig mit Freier Software in Berührung. Dabei ist sie jedoch für den Anwender oft unsichtbar. So sind z.B. der Webserver Apache und der Internet Domain Name Server BIND, die meist verwendetsten Programme ihrer Art, ohne die das Internet nicht funktionieren würde.

Der Begriff, Freie Software [2] selbst, wurde zum ersten Mal vollständig im (GNU’s Bulletin 1987) definiert. Danach muss Freie Software, um als solche zu gelten, folgende Freiheiten gewähren (vgl. Gay 2002, S.41 ff.):

  • Freiheit 1: Die unbegrenzte Nutzung zu jedem Zweck.

Die Lizenz darf niemanden von der Benutzung der Software ausschließen. Eine Klausel, nach der die Software nicht in bestimmten Nationen verwendet werden darf, sowie jegliche andere Diskriminierung, macht die Software unfrei. Des weiteren darf die Lizenz nicht verbieten, dass die Software für bestimmte Zwecke eingesetzt wird. Die Entscheidung, welche Aufgaben mit dem Programm gelöst werden sollen, liegt alleine in den Händen des Anwenders.

  • Freiheit 2: Studium und Anpassung an eigene Bedürftnisse.

Jedem soll es möglich sein, die Funktionsweise der Software, sofern er das will, zu erlernen. Sei es aus Gründen der Erkenntnisgewinnung oder um die Software seinen eigene Bedürfnisse anzupassen. Anpassungen dürfen entweder selbst oder durch andere gemacht werden. Für diese Freiheit ist die Verfügbarkeit des Quelltextes zwingend notwendig. Um auf die Analogie des Kochrezeptes noch einmal einzugehen: Welchen Nutzen hätte ein Kochrezept, bei dem es dem Koch nicht erlaubt wäre, es abzuändern; z.B. Zutaten, die er nicht mag, wegzulassen, oder andere hinzuzufügen?

Diese Freiheiten sind dafür bestimmt, sich selbst zu helfen. Freie Software geht aber darüber hinaus. Sie soll es auch ermöglichen, anderen zu helfen, bzw. sich von anderen helfen zu lassen. Dies ist gerade in Anbetracht dessen, dass nicht jeder programmieren kann oder lernen will, notwendig.

  • Freiheit 3: Weitergabe durch Kopie.

Jeder hat das Recht das Programm an andere, sei es gegen Entgelt oder gratis, weiterzugeben. Dadurch kann man anderen helfen, ihre Aufgaben mit dem Programm zu lösen, auch wenn dieses ursprünglich nicht dafür gedacht war. Dies steigert die Verbreitung der Software und maximiert den Gesamtnutzen der Gesellschaft, da die zur Verfügung stehenden Ressourcen, hier Programmierer, optimal genutzt werden.

  • Freiheit 4: Weitergabe von Modifikationen.

Weiterhin muss die Freiheit gegeben sein, auch Änderungen wieder veröffentlichen zu dürfen. Man muss Änderungen nicht weitergeben, wenn man das nicht will, man hat aber das Recht dazu dies zu tun.

Damit eine Softwarelizenz als freie Softwarelizenz gilt, muss der Autor, in der Lizenz der Software, diese vier Freiheiten gewähren. Ist dies nicht der Fall, wird die Software unfrei (proprietär) genannt. Es existieren sehr viele verschiedene Freie Software Lizenzen, wobei die am weitest verbreitetsten die GNU General Public License (GNU GPL), die GNU Lesser General Public License (GNU LGPL) sowie X11-artige Lizenzen sind. Auf eine Darstellung der verschiedenen Lizenzmodelle Freier Software soll hier aber verzichtet werden. Eine gute Beschreibung dieser findet sich bei (Reiter 2004, S. 85-87).

Abbildung 2 veranschaulicht die verschiedenen Softwarekategorien. An dieser Stelle soll noch einmal hervorgehoben werden, dass die Bezeichnung „Freie Software“ unabhängig vom für den Erwerb des Programms gezahlten Preis ist. Die Bezeichnung bezieht sich ausschließlich auf die vier Freiheiten. Freie Software darf verkauft werden und nach einer Studie von (Lakhani et al. 2002, S. 38), werden über 40% Freier Software von Programmierern im Hauptberuf entwickelt.

Nachdem nun die Begrifflichkeiten definiert sind, soll als nächstes auf die Abhängigkeiten der Politik und der Wirtschaft von Software eingegangen werden. Insbesondere soll auf die Gefahren eingegangen werden, die für diese Gesellschaftsbereiche von unfreier Software ausgehen.

Bedeutung von Software

Früher waren Computer große Ungetüme und jeder war sich bewusst, wenn er mit ihnen in Berührung kam. Heute begegnen uns Computer nicht immer in der Form, in der wir das erwarten würden. Sie sind so klein, dass sie in nahezu jeden Gegenstand passen. Deshalb ist es schwer, Computer auch immer als solche zu erkennen. Das Mobiltelefon, der Wecker, die Kasse am Supermarkt, das Überweisungsterminal, der Aufzug oder der Fahrkartenautomat; Computer und damit zwangsläufig Software, sind heute allgegenwärtig. Es ist nahezu unmöglich, sich ihnen zu entziehen. Die Auswirkungen dessen auf das persönliche Leben dürften uns bewusst werden, wenn wir uns vor Augen führen was passiert wäre, wenn die Computer nicht funktioniert hätten. Was wäre passiert, wenn die Software die Kreditkarte beim Einkaufen nicht angenommen hätte, das Mobiltelefon sich nicht mit neuem Guthaben hätte aufladen lassen, der Wecker nicht geklingelt hätte oder sich das Überweisungsterminal geweigert hätte, die Überweisung auszuführen?

Nun soll gezeigt werden, dass Software nicht nur unser persönliches Leben beeinflusst, sondern auch die Politik und die Wirtschaft ganzer Länder.

Politische Auswirkungen

Zuallererst soll die Illusion genommen werden, dass Computer ihrem Anwender gehorchen. Oder haben wir unserem Computer schon einmal den Befehl geben, abzustürzen oder einen Virus zu installieren? Computer gehorchen immer nur dem Computerprogramm, dessen Regeln im Quellcode niedergeschrieben sind. Quellcode und Gesetze sind beides Regulatoren (vgl. Lessig 2004). Code kann jedoch ein noch weitaus effektiverer Regulator sein; er kann nämlich, im Gegensatz zu Gesetzen, nicht ignoriert werden.

Dies soll anhand eines Beispiels verdeutlicht werden. Stellen wir uns vor, wir stehen an einer Verkehrsampel, die Ampel ist rot und wir warten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stürzt ein Fahrradfahrer und bleibt regungslos auf dem Boden liegen. Weit und breit ist niemand außer uns und dem Verletzen zu sehen. Vermutlich würden wir uns vergewissern, dass die Straße passierbar ist und dem Verletzten Hilfe leisten. Wir hatten uns dazu entschlossen, die rote Ampel als zweitrangig zu betrachten, da wir das Leben eines Mitmenschen in Gefahr sahen. Jeder würde verstehen, warum wir so gehandelt haben. Im schlimmsten Fall würden wir uns vor Gericht rechtfertigen müssen und evtl. eine Strafe für das Vergehen bekommen. Wir konnten uns jedoch dafür entscheiden, diese Regel zu missachten.

Wäre dies in einem virtuellen Raum geschehen und wäre das Gesetz, dass rote Fußgängerampeln nicht überquert werden dürfen, in Code implementiert gewesen, so hätte es keine Möglichkeit gegeben, dieses Gesetz zu ignorieren. Vielleicht hätten uns die Beine bei dem Versuch, die Straße zu überqueren, einfach nicht gehorcht, vielleicht wären die Füße auch einfach an dem Bürgersteig festgeklebt. In einem virtuellen Raum gelten weder nationale noch physikalische Gesetze; hier gelten die Gesetze, welche der Autor der Software in dieser implementiert hat. Und diese finden ohne Ausnahme Anwendung.

Bei nationalen Gesetzen besteht die Möglichkeit, diese in irgendeiner Form nachzulesen. Da bei unfreier Software der Quellcode, in den meisten Fällen, nicht zur Verfügung gestellt wird, haben wir keinerlei Möglichkeit herauszufinden, welche Gesetze in der Software implementiert sind. Und selbst, wenn wir die Gesetze kenne, dürfen sie nicht geändert werden. Diese Einschränkung gilt für alle, auch für Regierungen.

So könnte folgender Fall auftreten: in einem Land hatten bisher die zwei größeren Religionsgemeinschaften den Vorteil, dass der Staat für sie, von ihren Mitgliedern, das Geld einbezog. Dazu musste den Einwohnermeldeämter die Angabe gemacht werden, ob man einer der beiden angehört, oder nicht. Diese Angabe wurde dann in die Datenbank eingetragen. Nach einer sehr kontroversen Diskussion wurde von der Regierung beschlossen, dass das Land in Zukunft auch für die anderen Religionsgemeinschaften die Beiträge der Mitglieder einziehen wird. Dazu muss aber die Datenbank so geändert werden, dass in der Eingabemaske auch die anderen Religionsgemeinschaften zur Auswahl stehen. Die Regierung wendet sich mit diesem Auftrag an den Hersteller der Software. Dieser ist jedoch der Ansicht, dass es sich bei den kleineren Religionsgemeinschaften um „Sekten“ handelt und lehnt es aus Überzeugungsgründen ab, die Änderungen an der Software vorzunehmen. Die Regierung muss nun entweder eine komplett neue Software in Auftrag geben, oder sie kann dieses Gesetz mangels benötigtem Werkzeug nicht durchsetzen. Hierbei ist auch noch die Gefahr der Erpressung denkbar. Ist ein Gesetz für das weitere Fortbestehen einer Regierung von zentraler Bedeutung, könnte der Hersteller auf die Idee kommen, die Anpassung der Software an politische Gegenleistungen zu knüpfen.

Wie wir gesehen haben, sind Regierungen, wie alle anderen Benutzer unfreier Software auch, von Software abhängig, überwacht und kontrolliert. Die Auswirkungen von Software reichen jedoch noch darüber hinaus. Dies werden wir im nächsten Abschnitt sehen, welcher sich mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von Software beschäftigt.

Wirtschaftliche Auswirkung

Unfreie Software führt immer zu einer Monopolbildung. Warum dies so ist, lässt sich wie folgt erklären [3]:

  • Geschäfte erfordern Kommunikation mit Kunden/Anbietern.

Um Geschäfte machen zu können, müssen wir kommunizieren. Der Fabrikant möchte gerne wissen, zu welchem Preis er beliefert werden kann und der Verkäufer will einem interessierten Kunden ein Angebot schicken. Ohne mit anderen Menschen zu kommunizieren sind Geschäfte nicht möglich.

  • Für Kommunikation ist Software erforderlich.

Software ist überall, sei es in Mobiltelefonen, Faxgeräten oder natürlich in Personal Computern. Kommunikation ohne Software ist heute undenkbar.

Die menschliche Gesellschaft definiert sich über Kommunikation; die Menschen sind untereinander in einem Maße vernetzt, das über das intuitive Verständnis hinausgeht [4]. Ein Großteil der Kommunikation und nahezu die gesamte Wirtschaft ist heute vollständig von Software abhängig. Alleine betrachtet, wäre dies für die Wirtschaft nicht besonders bedenklich. Jedoch besitzt unfreie Software die folgende Eigenschaft:

  • Unfreie Software funktioniert nur mit sich selbst gut.

Viele Leute wissen es aus Erfahrung; wenn sie ein Textdokument erhalten haben, dass mit einem bestimmten Textverarbeitungsprogramm geschrieben wurde, benötigen sie meist dasselbe Programm, um das Dokument fehlerfrei zu betrachten. Oft ist sogar die gleiche Version der Textverarbeitung nötig.

Dieses Verhalten ist bei unfreier Software auch nicht weiter verwunderlich. Der Hersteller von unfreier Software hat gar kein Interesse daran, dass dem anders wäre. Er will, dass möglichst viele Leute seine Software einsetzen müssen und sie gezwungen sind, verfügbare Updates des Programms auch zu kaufen. Unfreie Software erlaubt es zwar standardisierte Dateiformate zu öffnen, speichert man diese jedoch wieder ab, kann die Datei nicht mehr von anderen Programmen gelesen werden, die den Standard befolgen. Dies wird dadurch erreicht, dass zusätzlich zu dem Standard noch Erweiterungen hinzugefügt werden. Somit ist der Anwender gezwungen weiterhin bei der Software des Herstellers zu bleiben [5].

Freie Software dagegen begünstigt das problemlose Austauschen von Daten, sowie Interaktion zwischen Programmen. Jeder Autor eines neuen Programms, kann auf Quelltextteile von bereits bestehenden zugreifen und diese für sein eigenes Programm verwenden. Daher ist der Im- und Export von Daten in andere freie Formate meist problemlos möglich. So können wir z.B. mit den beiden freien Textverarbeitungsprogrammen Kword und Abiword problemlos OpenOffice.org Textdateien öffenen, bearbeiten und abspeichern. Betrachten wir nun alle Punkte zusammen, so werden wir feststellen, dass unfreie Software zwangsläufig zu einem Monopol führen wird. Es ist nicht die Strategie einzelner Firmen, die dies bedingt, sondern die Tatsache, dass diese unfreie Software verwenden. Das Fatale daran ist, dass dieses Monopol nicht auf den Softwarebereich begrenzt bleibt. Es breitet sich auch in den Hardwaresektor aus. Wenn wir in ein Computergeschäft gehen, werden wir feststellen, dass Intel Computer fast ausschließlich mit Microsoft Windows Betriebssystem verkauft werden. Umgekehrt läuft Microsoft Windows nur auf Intel-kompatibler Hardware [6].

Noch tiefgreifendere Auswirkungen auf die Wirtschaft werden deutlich, wenn wir die Studie von (Miller 2004) zur Hand nehmen. Danach sind 50% der deutschen Industrie und 80% der Exporte von der Informations- und Kommunikationstechnologie abhängig. Das bedeutet, dass 50% der deutschen Industrie und 80% der deutschen Exporte den Preis für dieses Monopol bezahlen [7]. Deutschland und andere Industrieländer können sich diesen Preis noch leisten, Entwicklungsländer nicht (vgl. Heinz 2001).

Bei Freier Software kann kein schädliches „Kontrollmonopol“ entstehen. Wenn ein bestimmtes freies Softwareprogramm nahezu 100% Marktanteil hätte, so ist dies lediglich ein „Funktionsmonopol“. Dieses birgt aber keine künstlichen Einstiegsbarrieren für Konkurrenten. Jeder, der genügend Zeit investiert, könnte das gleiche Wissen wie der Orginalautor der Software erreichen und Dienstleistungen für diese Software anbieten. Bei unfreier Software kann nur der Herrsteller Dienstleistungen wie Anpassungen, Fehlerbehebungen und Sicherheitsupdates durchführen. Außerdem hat er die Kontrolle darüber, welche anderen Programme mit seinem funktionieren können und welche nicht.

Beispielsweise wurde Microsoft von der Europäischen Kommission für schuldig befunden, wettbewerbswidrige Methoden einzusetzen [8]. Microsoft versuchte, seine Monopolstellung im Bereich der Software für Arbeitsplatzrechner zu nutzen, um auch die Kontrolle über den Servermarkt [9] zu erlangen. Dies hätte dem Softwaremarkt und dadurch wiederum der gesamten europäischen Wirtschaft starken Schaden zugefügt.

Rolle der Organisationen

Organisationen müssen für ihre Arbeit mit Menschen, aus Entwicklungsländern, kommunizieren. Und wie bereits oben erwähnt, findet Kommunikation heute meist über Software statt: es müssen Dokumente miteinander ausgetauscht, von beiden Seiten geöffnet, bearbeitet und wieder abgespeichert werden können. Benutzt eine der beiden Seiten unfreie Software, so muss die andere zwangsläufig nachziehen, ansonsten können sie nicht mehr ohne Probleme miteinander arbeiten.

Mehrfach diskutierte die Zivilgesellschaft beim WSIS über die mögliche Einführung eines Videokonferenzprogrammes [10]. Dafür wurde, aus technischen Gründen, auch immer wieder unfreie Software in Betracht gezogen [11]. Wäre dies beschlossen worden, hätte es fatale Auswirkungen gehabt. Will man an der Diskussion teilnehmen, muss man, mit allen Konsequenzen die daraus folgen, unfreie Software einsetzen. Entscheidet man sich dagegen, wird man von der Diskussion, die über die eigene Zukunft entscheidet, ausgeschlossen.

Diese Ausgrenzung ist bei weitem kein Einzelfall. Dies erkennen wir jedoch erst, wenn wir selbst konsequent Freie Software einsetzen. Nur dann bemerken wir, dass beispielsweise UNO Dokumente oft nicht mit Freier Software zugänglich sind.

Fazit

Wie wir gesehen haben, ist Software heute allgegenwärtig. Egal was wir auch tun, wir kommen fast immer mit Computern in Berührung und wir sind auf diese angewiesen. Da Computer nicht dem Anwender, sondern Computerprogrammen gehorchen, werden wir von diesen eingeschränkt. Haben wir nicht die Freiheit, die Software an unsere eigenen Bedürfnisse anzupassen, oder von anderen anpassen zu lassen, sind wir hilflos.

Die Regierung hat, wenn sie unfreie Software einsetzt, nicht mehr die Kontrolle über ihre eigenen Werkzeuge. Sie ist dadurch abhängig und erpressbar, was demokratisch sehr bedenklich ist. Benutzt ein Entwicklungsland unfreie Software, erschwert es sich dadurch die Möglichkeit, eigene Kompetenzen in der Softwareentwicklung aufzubauen. Nahezu die gesamte Wirtschaft eines Landes ist jedoch heutzutage auf die Informations- und Kommunikationsindustrie angewiesen. Das bedeutet, dass ein Land ohne eigene Softwareindustrie wirtschaftlich vollständig vom Ausland abhängig ist.

Entwicklungsländern haben durch Freie Software die Möglichkeit in diesem Bereich, wirtschaftlich und politisch, eigenverantwortlich zu handeln. Bereits bestehende Komponenten können, von einheimischen Firmen, an lokale Bedürfnisse angepasst werden. So könnte die Regierung es z.B. für wichtig erachten, Minderheiten den Zugang zum öffentlichen Dienst zu erleichtern. Dazu könnte sie ihre Computerprogramme, entweder selbst oder von einem Unternehmen, in deren Sprachen übersetzen lassen. Bei unfreier Software sind wir auf den Hersteller angewiesen. Ist es für diesen nicht gewinnbringend, was oft der Fall ist, wird keine Anpassungen gemacht.

Freie Software ermöglicht es der Regierung [12], sowie der Wirtschaft, ihre Aufgaben zu erledigen, ohne vom Ausland abhängig zu sein. Ein weiterer positiver Effekt: investiert die Regierung z.B. in eine neue Verwaltungssoftware, so zirkuliert dieses Geld im eigenen Land und fördert dadurch gleichzeitig die eigene Wirtschaft.

Wenn wir selbst konsequent Freie Software einsetzen, merken wir es, wenn anderen der Zugang zu Informationen verwehrt wird, die für deren weitere Entwicklung essenziell sind. Des weiteren können wir mit anderen kommunizieren, ohne dass wir diese in ihrer eigenen Softwarewahl beeinflussen. Dadurch ermöglichen wir es Entwicklungsländern, ohne große Probleme, selbst Freie Software einzusetzen. Nur so können sie die Kulturtechnik Software, in ihrem ganzen Umfang nutzen. Dies wiederum schafft die Basis für eine nachhaltige Entwicklung.


 

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1 vgl. Richard M. Stallman in dem Film ”The Code“ (2001), Regie und Buch: Hannu Pottonen. Making Movies und ADR Productions.

2 Freie Software begegnet einem manchmal auch unter dem Namen ”Libre Software“ oder ”Open Source Software“. Es wird jedoch empfohlen den Begriff”Freie Software“ zu verwenden. Dieser ist, im Gegensatz zu den anderen, klar definiert (vgl. Reiter 2004, S.84-85).

3 Dieser Abschnitt basiert auf der Argumentation von Georg Greve.

4 vgl. hierzug Stanley Milgrams ”Six degrees of seperation“-Experiment in (Barabasi 2003, S. 27-30).

5 Diese Praktik ist weit verbreitet und wird als ”Vendor Lock-In“ bezeichnet.

6 Dieses Monopol wird daher oft auch als ”Wintel“ Monopol bezeichnet.

7 Des weiteren kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass ”viele Bereiche der öffentlichen Verwaltung, des Bildungs- und Gesundheitswesen“ sich durch Software effizienter gestalten lassen und Kosten in Millardenhöhe eingespart werden können (Miller 2004, S. 10).

8 Microsoft hat dagegen vor dem Europäischen Gerichtshof Klage eingereicht. Das Verfahren dazu läuft derzeit noch.

9 Ein Server ist ein Programm, welches Dienste für andere Programme (Client) anbietet. Client und Server kommunizieren meist, mit Hilfe eines bestimmten Protokolls, verschlüsselt miteinander.

10 Die meisten dieser Diskussionen fanden auf der WSIS CS Plenary Mailingliste, archiviert auf http://mailman.greennet.org.uk/public/plenary/, unter den Betreffs ”Collaboration software debate“ und ”Virtual Participation“ statt.

11 Es ist alleine schon fraglich, ob Videokonferenzen ein geeignetes Werkzeug für diese Art von Diskussion sind. Darauf soll hier jedoch nicht näher eingegangen werden.

12 Regierungen sind im Regelfall der größte Softwarekunde in einem Land.

 

 

Quellen

Barabasi, Albert-Laszlo (2003): Linked. How Everything Is Connected To Everything Else and What It Means for Business, Science, and Everyday Life. Plume (Penguin Group), New York / London.

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Free Software Foundation: GNU’s Bulletin, Vol. 1 No. 6, June 1987, Boston; http://www.gnu.org/bulletins/bull6.html vom 30.06.2005.

Grassmuck, Volker (2002): Freie Software zwischen Privat- und Gemeineigentum, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.

Greve, Georg C. F. (2003): Fighting Intellectual Property: Who Owns and Controls the Information Societies?, in: Heinrich Böll Foundation (ED.): Visions in Process, World Summit on the Information Society – Geneva 2003, Tunis 2005.

Heinz, Federico und Oscar E. Heinz (2001): Proprietary Software and Less-Developed Countries – The Argentine Case; http://www.vialibre.org.ar/index.php/article/articleprint/15/-1/12/ vom 30.06.2005.

Lakhani, Karim R. und Bob Wolf und Jeff Bates (2002): Bosten Conuslting Group, Hacker Survey, Release 0.3; http://www.bcg.com/opensource/BCGHACKERSURVEY.pdf vom 30.06.2005.

Lessig, Lawrence (1999): Code And Other Laws Of Cyberspace, New York, NY.

Miller, Franz (2004): Innovationstreiber Informations- und Kommunikationstechnik, Fraunhofer Magazin 2.2004; http://www.fraunhofer.de/fhg/Images/mag2-2004-08_tcm5-9201.pdf vom 30.06.2005.

Reiter, Bernhard E. (2004): Wandel der IT: Mehr als 20 Jahre Freie Software, in: H. Sauerburger (Hrsg.): Praxis der Wirtschaftsinformatik HMD 238, S. 83-91.

 

Originalposting unter: http://www.difficulties.de/mk/papers.html
Artikel überarbeitet von: Mario Behling

 

Interessantes Tischthema Polizei und Geheimdienst in Afghanistan bei großem Dinner im „deutschen Club“ in Kabul

Abends hatten wir ein großes Dinner mit Frau Saumer und etlichen geladenen Gästen im “deutschen Club”, einem großen angemieteten Haus mitten in der Stadt mit (leerem) Swimmingpool im Garten und sehr hohen Mauern. Die Einrichtung war so ein bisschen wie ein Treffpunkt von Punks, besonders was die Renovierung der Wände und der Zusammenstellung von Sofas und Sesseln anging. Dazwischen aber auch durchaus noble Einrichtungsgegenstände wie die Tische und die dazu passenden Stühle. Zuerst gab es drei Ansprachen, von Herrn Anders, von Frau Saumer und von einer Frau, die aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem gleichen Flugzeug wie Arun morgens gekommen war. Keine Ahnung, wie die das machen, sofort wieder fitt zu sein. Eingeladen waren noch etliche deutsche ISAF-Soldaten, die tatsächlich mit geschulterten Maschinengewehren herumliefen (‚wir können die doch nirgends unbewacht hinlegen”) und Punkt 22.00 Uhr alle wieder verschwanden, auch ranghohe Dienstgrade. Aber ansonsten waren sie ganz erträglich. Auch GTZ, Deutsche Welthungerhilfe (u.a. die Sabine, die ich schon vorher mal in einer Kneipe in Bonn getroffen hatte), Goethe-Institut (eine nette, ältere Dame, die alleine das Goethe-Institut ist), jemand von der deutschen Botschaft, zwei Malteser-Hilfsdienst-Ärzte (einer war sehr schnell betrunken) waren da. Ich habe beim Essen (das sehr lecker und sehr reichlich war: Salate, Obst, Reis mit Rosinen, Spinat und etliches anderes Gemüse) am Tisch mit dem deutschen Polizisten zusammen gesessen, der direkter Berater des obersten Polizeichefs von Kabul ist. Erst habe ich nur zugehört, später ihn meinerseits mit Fragen gelöchert (ein paar der folgenden Informationen habe ich später noch von Karla bekommen). In Kabul werden Polizeitruppen für ganz Afghanistan ausgebildet. Sie haben derzeit aus jeder Provinz (32 an der Zahl) eine Gruppe von etwa 40 Polizisten zur Ausbildung. Die Unterbringung in der Polizeiakademie, einem eher neuen Gebäude, erfolgt in 10- oder 20- Bett- Räumen. Es gibt keinen Lohn, sondern nur Unterkunft und Verpflegung. Die Verpflegung besteht aus morgens Kuchen und Tee und abends Reis pur und Tee, jeden zweiten Tag etwas Obst. Es scheint, dass der Schuldirektor Verpflegung abzweigt. Die 750 Polizisten, die derzeit im Verkehr eingesetzt werden, haben so gut wie gar keine Ausbildung. Sie erhalten im Moment 1 Stunde Schulung pro Tag, insbesondere durch die 12 deutschen Polizisten, die derzeit in Kabul Polizeihilfe geben. Im Augenblick sind es oft die Polizisten selbst, die einen Stau verursachen. Wenn zum Beispiel der General Blake (der oberste Polizei- Ausbilder Afghanistans) irgendwo auftaucht, wird sofort der ganze Verkehr gestoppt, damit er durchfahren kann. Im Grunde geht es um die Grundausbildung der Polizisten: Verkehrsschilder erkennen, Blinker setzen und so weiter. Ich fragte ihn nach den Toten an der Uni und der Polizist meinte, dass das auch eine Konkurrenzaktion gewesen war. Der Chef der Bereitschaftspolizei wollte seinem formalen Vorgesetzten der allgemeinen Polizei zeigen, dass er machen kann, was er will. Auch die Verkehrspolizei war in Afghanistan immer eine eigene Polizei und sie sind dabei, sie in die normale Polizei zu integrieren. Ganz und gar unberechenbar ist der Geheimdienst, der völlig von den Panjiris beherrscht wird und sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Er macht illegalerweise Festnahmen, hat eigene Gefängnisse, ohne jegliche Gerichtskontrolle. Er selbst habe einmal beobachtet, wie zwei Verkehrspolizisten einen falsch parkenden Geheimdienstler höflich aufforderten, woanders zu parken. Der ging in ein Haus, kam mit zehn Leuten zurück und ließ die beiden Polizisten zusammenschlagen. Die Polizei hat innerhalb Afghanistans eigentlich keine föderale Struktur, de facto sind die Bereiche um Herat, Kandahar, Mazar-i-Sharif und Bamiyan völlig selbständig. Sie überlegen derzeit, Markierungen an den Kreisverkehren zu machen, einen Bußgeldkatalog zu entwerfen und setzen an manchen Knotenpunkten gezielt Polizisten ein, die die Fahrradfahrer reglementieren sollen. Der fehlende Bußgeldkatalog bedeutet auch, dass die Verkehrspolizisten im Grunde überhaupt keine Sanktionsmöglichkeiten haben. Oder halt eben nur die plötzliche Ohrfeige für einen falsch fahrenden Autofahrer. Einmal habe ich auch gesehen, wie ein Polizist seine Kelle einem Autofahrer hinterher warf. Irgendwann verabschiedete sich der Polizeioffizier. Ich habe mich dann zu Sabine von der DWHH gesetzt, die mir erzählte, dass auch Martin, ein Bekannter von mir gekommen sei und sich über einen Besuch sehr freuen würde. Später wartete ich eine Weile neben Karl Anders, um von ihm noch einen Termin zu bekommen, um über Hezarak zu reden. Nachdem es klar war, dass er versuchte, mich zu ignorieren, sprach ich ihn dann an. Morgen, Feitag früh, war die Antwort, hätte er nur noch Zeit. Weil er tags darauf wegfährt für eine gute Woche. Okay. Spät sind wir nach Hause.

Noch ein Frauenprojekt: Humanitarian Assistance for the Woman of Afghanistan

Ich wache wieder früh auf. Oben von der Dachterrasse aus kann mensch sehen, dass der Schnee auf den Bergen durch die letzten warmen Tage zum Teil geschmolzen ist. Nachts friert es regelmäßig, aber weil es so trocken ist, fühlt es sich nicht so kalt an. Tagsüber ist es nach wie vor oft wolkenlos und sehr warm, ich schätze zwischen 15 und 20° C. Martina leiht mir eine Schere zum Haare schneiden, ich will hier ja nicht so lange Haare haben (ich glaube, ich habe das alleine ganz gut hinbekommen). Vormittags kommt Karla (die Fotografin) zum Sprachkurs, um anschließend mitzufahren zu einem Projekt von Care: ‚HAWA’, ein Witwen- Projekt. Care heist: Cooperative Assistance for Relief Everywhere. HAWA heist: Humanitarian Assistance for the Woman of Afghanistan. Wir betreten in der Innenstadt einen dieser Höfe, vorne zur Strasse hin gibt es einen kleinen Laden, in dem Nähsachen und Eingemachtes verkauft werden, hinten sind Büros, dazwischen der übliche Garten. Wir werden in eines der Büros geführt, drei Afghaninnen erzählen ein bisschen über HAWA, Neda übersetzt ins Deutsche. Zusätzlich sitzt noch eine Sudanesin in dem Büro. Eine der Frauen will wieder gehen, nachdem sie etwas erzählt hat. Wortlos bedeutet ihr die Sudanesin, zu bleiben. Das geht ein paar Mal (wortlos) so hin und her, bis die Afghanin einfach geht, die zweite auch. Es gibt geschätzte 50000 Witwen in Kabul, 10000 erreicht HAWA mit seinen Programmen. Das Hauptziel ist, die Ernährung zu verbessern, Frauen auf eigene Füße zu stellen. Auch versuchen sie, die Bedürftigsten zu erreichen: Verbessern sich die Bedingungen einer Frau wesentlich, dann wird eine neue Frau dafür aufgenommen. Im Wesentlichen haben sie zwei Typen von ‚income generating projects’: Einmal produzierende Gewerbe, wie: Gebäck, Marmelade, Nähen, Stickerei, Teppiche, Malerei, Kaligrafie und Touristenware. Angedacht sind noch Projekte mit Hühnern, Schafen, Kühen, Seide, Wolle, Honig und Ausbildungen zu Friseusen und Hebammen. Der andere Typ ist Gartenbau, hauptsächlich für den eigenen Anbau. Zusätzlich zu den Ausbildungen beraten sie in Gesundheitsfragen, vor allem vorbeugend. Die Frauen werden gesucht, indem HAWA- Frauen in die Bezirke gehen und Nahrung verteilen. Dabei fragen sie dann nach den Interessen der Frauen. Auswahlkriterien sind: Es müssen Witwen sein, keine Kinder unter 10 Jahren, sie müssen gesund und fleißig sein und Zeit haben. Nach drei Monaten Ausbildung bekommen sie ein Zertifikat. Gute Schülerinnen werden Lehrerinnen. Danach leihen sie zinslos Geld, dass langsam wieder zurückgezahlt werden muss. Zum Beispiel für eine Nähmaschine oder Geld für Holz, um eine Bäckerei zu machen. In manchen Bezirken ist es üblich, dass zu Hause der Teig gemacht und zu einer Frau gebracht wird, die den dann ausbäckt. Wir fragten, was mit den Frauen passiert, die den Anforderungen nicht gerecht werden können. Die erstaunliche Antwort war, dass es alle schaffen. Sie lehren auch Hauswirtschaft. Sieben Frauen konnten sie an die holländische Botschaft vermitteln, andere Frauen sollen bei einer anderen Organisation Arbeit finden. Eine Näherin habe es auf 1200 Afghani Reingewinn gebracht (ca.200 €), soviel zahlt der Entwicklungsdienst für einen guten Übersetzer, ein Lehrer bekommt 40 € vom Staat. Ein paar Tage später waren Astrid, Klaus und Martina im Interkonti, wo von Witwen hergestellte Sachen verkauft wurden. Die Preise waren im Bereich von 10 bis 50 € für zum Beispiel afghanische Kleidung, der Absatz unglaublich. In einer Kasse haben sie die Dollarnoten Paketweise gesehen. “Die Veranstalter verdienen Millionen, die Touristen glauben an gute Taten und die Witwen bekommen Pfennige”, meinte Klaus, “perhaps”. Wir wissen es nicht. Immerhin ist es eine dänische Organisation, die diesen Verkauf organisiert hatte. Montag, 18.11.

Unbehelligt am Flughafen in Kabul

Morgens bin ich alleine zum Flughafen, um Arun abzuholen, den Afghanen aus unserer Vorbereitungszeit in Bonn. Arun will in dem Ministerium für Stadtentwicklung arbeiten, ist seit dreißig Jahren nicht mehr in Afghanistan gewesen und hatte etwas Schiss, wieder hierher zu kommen. Erfahrung hatte er aber reichlich mit Stadtentwicklungsprojekten in islamischen Ländern. Als er hörte, für welches Geld wir bereit sind, nach Afghanistan zu gehen, war er sehr still geworden: Er verdient locker das Fünffache. Ich hatte versprochen, ihn abzuholen. Auch hier wieder: Ein Polizist scheucht alle Afghanen vom Flughafengebäude weg, auch den Neffen des Ministers, bei dem Arun arbeiten wird, mich lässt er unbehelligt. Ich frage einen anderen Afghanen, warum ich denn bleiben darf, nur weil ich Deutscher bin oder Ausländer? Er lacht und sagt: ”Nein, weil Du hier Gast bist!” Unbehelligt gehe ich auch durch die bewachte Eingangstür, unbehelligt durch die zweite Tür innerhalb des Gebäudes, wo andere abgetastet werden. Später traue ich mich sogar in die Empfangshalle, indem ich meinen Pass zeige, mit dem der Soldat so wenig anfangen kann, dass er mich durchlässt. Gemein ist es trotzdem, ihm gegenüber. Sollte ich innerhalb des Gebäudes irgendetwas anstellen, er würde dafür büßen. Und sollte er mich nicht durchlassen und ich beschwere mich, weil ich ein hohes Tier bin, dann büßt er auch. Martina meinte, unsere Wachleute wären genauso übel dran, wenn es tatsächlich einen Überfall gäbe. Wehren sie sich, verteidigen sie uns, dann kann es gut sein, dass sie erschossen werden. Sie selbst haben keine Waffen. Laufen sie weg (was das einzig sinnvolle ist), dann werden sie mehr oder weniger übel von der Polizei bestraft. Zwei Jahre, bevor sie nach Uganda gingen, hat eine Entwicklungshelferin einen Wachmann wegen irgendetwas angezeigt. Der wurde inhaftiert und zu Tode gefoltert. Nachdem ich Arun also sicher bei seinen neuen Arbeitskollegen wusste (auch ein Deutscher arbeitet schon seit längerem in dem Ministerium), bin ich mit dem Taxi wieder zurück. Der Taxifahrer hatte 4 Stunden auf mich gewartet und ich wusste nicht so recht, wie viel er wohl verlangen würde. Er meinte, er wolle gar nichts haben (ein Trick in der Hoffnung, dass ich mich nach oben hin vertun könnte). Ich habe ihm dann 350 Afghani gegeben (ca. 6 €), was wohl auch einigermaßen okay war. Als ich zurückkam, war Karla noch mal da. Sie war mit den anderen bei einem zweiten Frauenprojekt gewesen, während ich am Flughafen war. Karla bewegt sich in und außerhalb Kabuls aber auch ähnlich sicher und alleine wie ich. Astrid und ich sind mit ihr zu Fuß nach dem Unterricht in Richtung ihres Stadtviertels gelaufen und sie ist dann alleine weiter. Klar gibt es noch einzelne Idioten und auch einen Haufen Waffen. Es ist aber auch die Frage, von wem ich mich bestimmen lasse, wer die Straße beherrscht. Ein Idiot oder 100 000 friedliche Menschen. 21.11. Donnerstag

Die Bedeutung der Begriffe ‘Hutu’ und ‘Tutsi’ im Ruanda vor der Kolonialzeit

Vor der Kolonialzeit wurden die Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' wesentlich flexibler genutzt als es nach der Eroberung der Fall war. Zudem gibt es keine Hinweise auf eine ethnische Gruppierung innerhalb Ruandas vor 1894. Obwohl die Bezeichnungen schon vor dem „Einfall der Europäer“ im späten 19. Jahrhundert existierten, variierten ihre Bedeutungen in Raum und Zeit.

Zuerst entschlüsselten die Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' die regionale Herkunft: Im Südwesten nannten die Menschen, die nicht aus Ruanda stammten, alle Einwohner Ruandas 'Tutsi' (vgl. Hoering, 1997: 18). Später brachte nicht die Abstammung, sondern vielmehr die Frage nach dem Reichtum und Status eines Einzelnen eine wesentliche Erkenntnis darüber, ob man Tutsi oder Hutu war. Ein bedeutsamer Indikator hierfür war die Größe des Viehbesitzes einer Person. Ein „Tutsi“ wurde erst als solcher identifiziert, wenn er eine gewisse Anzahl Vieh besaß, in ansonsten gehörte er zu der zahlenmäßig weit überlegenen Hutugruppe. Ein Hutu konnte also, nachdem er zu Reichtum gekommen war und sich davon Vieh kaufte, automatisch ein Tutsi werden. Weder seine eigene religiöse Überzeugung, noch irgendein traditionelles Ritual war bei dieser Bezeichnungsänderung ausschlaggebend; ganz im Gegenteil: Der Übergang von Hutu zu Tutsi (und umgekehrt) fand fließend statt. Gleiches galt bei Hochzeiten: Ein reicher Hutu durfte sich eine Tutsi zur Frau nehmen, was zur Folge hatte, dass von da an auch er zu der Volksgruppe Tutsi gehörte. Verarmte jedoch ein Tutsi, konnte ihm von seinen Angehörigen verwehrt werden, eine Tutsi zu heiraten. Er musste diesen sozialen Abstieg in Kauf nehmen und eine Hutu- Frau heiraten. Von nun an war auch er automatisch ein Hutu, was zeigt, dass die Bezeichnungen nicht absolut, nicht starr, sondern vielmehr fließend waren. Für den Vorgang des sozialen Auf- und Abstiegs gab es sogar Benennungen in der Sprache Kinyarwanda, was den Beweis mit sich bringt, dass dieses Phänomen keine Seltenheit war. Als sozialen Aufstieg benutzte man das Wort „icyhure“ und mit dem Begriff „umuwore“ kennzeichnete man den Abstieg von Tutsi zu Hutu (vgl. Harding, 1998: 18 f).

Diese Beispiele zeigen, dass die Ruander vor der Kolonialzeit nicht verschiedenen Ethnien angehörten, sondern vielmehr in soziale Kategorien eingeteilt werden konnten. Vielleicht trifft die Bezeichnung „soziale Klassen“ den Kern. Der eigene Erwerb des Einzelnen war ausschlaggebend für die individuelle Namensgebung 'Hutu’ oder 'Tutsi'. Da sich die ökonomischen Bedingungen stets verändern konnten, waren diese Bezeichnungen dynamisch veränderbar. Durch bspw. Fleiß, Heirat, Glück oder Arbeit konnte man in die jeweils andere Klasse auf- oder absteigen. Somit bestimmten diese Verhaltensweisen die Zugehörigkeit der Ruander. 

Mit den Zentralisierungsprozessen des Königreiches Ruanda im 19. Jahrhundert wurden auch die Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' neu gebraucht. Da fast ausschließlich den Tutsi die Machtpositionen gegönnt waren, setzten die Einwohner Ruandas diesen Begriff auch bald mit „diejenigen, die die Macht inne haben und ausüben“ (Harding, 1998: 19) gleich. Für die Hutu war es zwar möglich, Macht über gewisse Ressourcen zu erlangen, es war aber mit mehr Schwierigkeiten verbunden. So erhielten die Hutu im Volksmund auch bald den Beinamen „die Beherrschten“. Zu betonen ist hier aber, dass dies keinesfalls zu Konflikten oder Auseinandersetzungen führte, was vielleicht zuerst angenommen werden könnte. Durch die überaus flexible Handhabung des Begriffes hatte grundsätzlich jeder Ruander die Chance seine eigene soziale Stellung zu verbessern. Gleichzeitig bestand aber auch die Gefahr für jeden Einwohner Ruandas auf „sozialen Abstieg“. Außerdem war den Menschen von Geburt an nicht vorgeschrieben, ein Hutu oder ein Tutsi zu sein; es wurde weder schriftlich festgehalten, noch mündlich  verkündet (vgl. Harding, 1998: 19 f).

Die Sprache Kinyarwanda – Ein Indikator für Rassenunterschiede?

Im 19. Jahrhundert waren die afrikanischen Sprachen den europäischen Forschern und Linguisten noch recht unbekannt. Mit Beginn der Missionierung und auch der  Kolonialisierung in Afrika wurde auch ein Interesse an der dortigen Kultur und Sprache geweckt. Nach mehreren linguistischen Untersuchungen publizierte man folgende Feststellungen: Linguistisch ist Afrika in nur drei unterschiedliche Sprachebenen einzuteilen. Im untersten „Level“ reihten Sprachforscher so genannte 'primitive' Sprachen ein. Die Europäer waren überzeugt, dass diese isolierten Sprachen von den 'unterentwickelten' Ureinwohnern Afrikas gesprochen wurden. Die Sprache sei, laut Forscher, ein Indikator der zurückgebliebenen Intelligenz.

Eine auf der Entwicklungsleiter weiter oben angesiedelte Sprachgruppe bildete die Gruppe der Hamitensprachen (welche nach Meinung der ersten europäischen Besucher Ruandas die Tutsi beherrscht haben). Nach Forschern war den aus Europa nach Afrika gewanderten Hamiten eine weit differenzierter entwickelte Grammatik zueigen.

Als höchste Stufe zählte man die Indo- Europäischen Sprachen, die von zivilisierten Menschen gesprochen wurden. Die Grammatik bezeichneten Linguisten im 19 Jahrhundert als sehr vielseitig und elegant (vgl. Semujanga, 2003: 113). Die forschenden Linguisten bezeichneten Ruanda als eine Bestätigung ihrer „Theorie der Sprachlevels“, so überzeugt waren sie, dort alle von ihnen definierten Sprachgruppen identifizieren zu können: Die Twa bildete die erste Gruppe, den Ackerbauvölkern (Hutu) wurde die zweite Gruppe (die Bantu-Sprachgruppe) zugesprochen und den Tutsi trauten sie das größte Sprach- und Sprechvermögen zu, indem sie diese in die 3. Sprachklasse einordneten. Forscher erkannten mit Hilfe des Indikators „Sprache“ ganz klar ein Merkmal rassischer Unterschiede. So wurde die Bantugruppe als rassisch eigene Gruppe im Gegensatz zu den Tutsi gesehen (vgl. Semujanga, 2003: 114). Eine rassische Unterscheidung ist jedoch unsinnig, da mit „Bantu“ im ursprünglichen Sinne weder eine Rasse, noch eine Ethnie, sondern einzig und allein die Sprachgruppe gemeint ist.

So wurden allein durch Untersuchungen der Sprache rassistische Vorurteile gegenüber den Menschen verhärtet und „wissenschaftlich bewiesen“. Die Sprache diente hier als Indikator, mithilfe dessen man die Keime rassistischer Handlungen und Entwicklungen ergründen konnte. Selbstverständlich stellt die Sprache neben vielen anderen Merkmalen nur einen Indikator für die Auswirkungen, wie sie in Ruanda stattgefunden haben, dar.

Heute ist das Folgende über diese Bantusprache bekannt: Die Sprache Kinyarwanda ist heute noch (neben Französisch und Englisch) die Nationalsprache Ruandas und eng verwandt mit der Nationalsprache Burundis (Kirundi) und der Westtansanias (Giha). Streng genommen kann man die drei Sprachen auch als Dialekte bezeichnen.

Insgesamt wird Kinyarwanda von ca. 7 mio. Menschen gesprochen, 4 ½ davon leben in Ruanda. Sie gehört damit neben Kiswahili und Lingala zu den wichtigsten Sprachen der Bantu-Stämme („bantu“ ist der Plural von „muntu“, was „Mensch“ bedeutet).

Auch heute noch gibt es wenig Schriftstücke in Kinyarwanda. Jedoch interessieren sich immer mehr Linguisten für diese ostafrikanische Sprache; dabei erforschen sie besonders die Morphologie und Lexik. Als typisches Kennzeichen einer Bantusprache besteht das Nomen in Kinyarwanda aus einem Stamm, einem Präfix und einem Prä-Präfix, das jedoch – so Kimenyi – keine oder eine noch nicht erforschte semantische Funktion hat (vgl. Kimenyi, 2002: 2). Als ein weiteres wichtiges Charakteristikum heben die Sprachwissenschaftler das tonale System dieser Sprache hervor. Kinyarwanda ist mit zwei tonalen Funktionen innerhalb eines Wortes ausgestattet: neben einer lexikalischen auch eine grammatische Funktion (vgl. Kimenyi, 1987: 1 ff).

Beispiele sollen dies verdeutlichen:

Zuerst Beispiele für die Veränderlichkeit der lexikalischen Funktion:

ino       = Zeh                          íno       = hier

inda      = Bauch                       índa      = verlieren.

Des Weiteren folgen Beispiele für die Veränderungen auf grammatischer Ebene:

baakóze = der, der arbeitet

baákoze = sie arbeiten

báákoze = arbeiten sie?

(vgl. Kimenyi, 1978: 19). Die Akzente stehen für eine hohe Aussprache des Lautes.

Selbstverständlich sind in dieser Sprache noch wesentlich mehr Besonderheiten zu entdecken, doch möchte ich weitere linguistische Besonderheiten hier außen vor lassen, da sie das Thema nicht direkt tangieren.

 

 

Quellen

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Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (1999): Afrika 1 Zeitschrift 264. Bonn: Schwann Bagel GmbH & Co KG.

Diamond, Jared (2005): Collapse. London: penguin group.

Die Bibel – Die heilige Schrift. Altes und neues Testament. Nach einer Übersetzung von Luther.

Gleichmann, Peter; Kühne, Thomas (Hrsg.) (2004): Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert. Essen: Klartext Verlag.

Harding, Leonhard (1998): Ruanda – der Weg zum Völkermord. Vorgeschichte – Verlauf –Deutung. Hamburg: Lit. Verlag.

Hoering, Uwe (1997): Zum Beispiel Hutu & Tutsi. Der Völkermord hätte verhindert werden können, befand ein UN-Bericht. Göttingen: Süd-Nord-Lamuv.

Kimenyi, Alexandre (1978): A Relational Grammar of Kinyarwanda. Volume 91. London: University of California Press.

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Mamdani, Mahmood (2001): When Victims Become Killers. Colonialism, Nativism, and the Genocide in Rwanda. Princeton, New York: Princeton University Press.

Melvern, Linda (2000): A People Betrayed. The Role of the West in Rwanda's Genocide. London, New York: Zed Books.

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Scholl-Latour, Peter (2001): Afrikanische Totenklage. München: Bertelsmann Verlag.

Semujanga, Josias (2003): The Origins of Rwandan Genocide. New York: Humanity Books.

Wikipedia, Ethnie: 05.10.2006, 12:35 Uhr., http://de.wikipedia.org/wiki/Ethnie

Wikipedia, Rasse: 05.10.2006, 12:40 Uhr. http://de.wikipedia.org/wiki/Rasse

Wikipedia, Ruanda: 05.10.2006, 15:40 Uhr.   http://de.wikipedia.org/wiki/Ruanda