Interessantes Tischthema Polizei und Geheimdienst in Afghanistan bei großem Dinner im „deutschen Club“ in Kabul

Abends hatten wir ein großes Dinner mit Frau Saumer und etlichen geladenen Gästen im “deutschen Club”, einem großen angemieteten Haus mitten in der Stadt mit (leerem) Swimmingpool im Garten und sehr hohen Mauern. Die Einrichtung war so ein bisschen wie ein Treffpunkt von Punks, besonders was die Renovierung der Wände und der Zusammenstellung von Sofas und Sesseln anging. Dazwischen aber auch durchaus noble Einrichtungsgegenstände wie die Tische und die dazu passenden Stühle. Zuerst gab es drei Ansprachen, von Herrn Anders, von Frau Saumer und von einer Frau, die aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem gleichen Flugzeug wie Arun morgens gekommen war. Keine Ahnung, wie die das machen, sofort wieder fitt zu sein. Eingeladen waren noch etliche deutsche ISAF-Soldaten, die tatsächlich mit geschulterten Maschinengewehren herumliefen (‚wir können die doch nirgends unbewacht hinlegen”) und Punkt 22.00 Uhr alle wieder verschwanden, auch ranghohe Dienstgrade. Aber ansonsten waren sie ganz erträglich. Auch GTZ, Deutsche Welthungerhilfe (u.a. die Sabine, die ich schon vorher mal in einer Kneipe in Bonn getroffen hatte), Goethe-Institut (eine nette, ältere Dame, die alleine das Goethe-Institut ist), jemand von der deutschen Botschaft, zwei Malteser-Hilfsdienst-Ärzte (einer war sehr schnell betrunken) waren da. Ich habe beim Essen (das sehr lecker und sehr reichlich war: Salate, Obst, Reis mit Rosinen, Spinat und etliches anderes Gemüse) am Tisch mit dem deutschen Polizisten zusammen gesessen, der direkter Berater des obersten Polizeichefs von Kabul ist. Erst habe ich nur zugehört, später ihn meinerseits mit Fragen gelöchert (ein paar der folgenden Informationen habe ich später noch von Karla bekommen). In Kabul werden Polizeitruppen für ganz Afghanistan ausgebildet. Sie haben derzeit aus jeder Provinz (32 an der Zahl) eine Gruppe von etwa 40 Polizisten zur Ausbildung. Die Unterbringung in der Polizeiakademie, einem eher neuen Gebäude, erfolgt in 10- oder 20- Bett- Räumen. Es gibt keinen Lohn, sondern nur Unterkunft und Verpflegung. Die Verpflegung besteht aus morgens Kuchen und Tee und abends Reis pur und Tee, jeden zweiten Tag etwas Obst. Es scheint, dass der Schuldirektor Verpflegung abzweigt. Die 750 Polizisten, die derzeit im Verkehr eingesetzt werden, haben so gut wie gar keine Ausbildung. Sie erhalten im Moment 1 Stunde Schulung pro Tag, insbesondere durch die 12 deutschen Polizisten, die derzeit in Kabul Polizeihilfe geben. Im Augenblick sind es oft die Polizisten selbst, die einen Stau verursachen. Wenn zum Beispiel der General Blake (der oberste Polizei- Ausbilder Afghanistans) irgendwo auftaucht, wird sofort der ganze Verkehr gestoppt, damit er durchfahren kann. Im Grunde geht es um die Grundausbildung der Polizisten: Verkehrsschilder erkennen, Blinker setzen und so weiter. Ich fragte ihn nach den Toten an der Uni und der Polizist meinte, dass das auch eine Konkurrenzaktion gewesen war. Der Chef der Bereitschaftspolizei wollte seinem formalen Vorgesetzten der allgemeinen Polizei zeigen, dass er machen kann, was er will. Auch die Verkehrspolizei war in Afghanistan immer eine eigene Polizei und sie sind dabei, sie in die normale Polizei zu integrieren. Ganz und gar unberechenbar ist der Geheimdienst, der völlig von den Panjiris beherrscht wird und sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Er macht illegalerweise Festnahmen, hat eigene Gefängnisse, ohne jegliche Gerichtskontrolle. Er selbst habe einmal beobachtet, wie zwei Verkehrspolizisten einen falsch parkenden Geheimdienstler höflich aufforderten, woanders zu parken. Der ging in ein Haus, kam mit zehn Leuten zurück und ließ die beiden Polizisten zusammenschlagen. Die Polizei hat innerhalb Afghanistans eigentlich keine föderale Struktur, de facto sind die Bereiche um Herat, Kandahar, Mazar-i-Sharif und Bamiyan völlig selbständig. Sie überlegen derzeit, Markierungen an den Kreisverkehren zu machen, einen Bußgeldkatalog zu entwerfen und setzen an manchen Knotenpunkten gezielt Polizisten ein, die die Fahrradfahrer reglementieren sollen. Der fehlende Bußgeldkatalog bedeutet auch, dass die Verkehrspolizisten im Grunde überhaupt keine Sanktionsmöglichkeiten haben. Oder halt eben nur die plötzliche Ohrfeige für einen falsch fahrenden Autofahrer. Einmal habe ich auch gesehen, wie ein Polizist seine Kelle einem Autofahrer hinterher warf. Irgendwann verabschiedete sich der Polizeioffizier. Ich habe mich dann zu Sabine von der DWHH gesetzt, die mir erzählte, dass auch Martin, ein Bekannter von mir gekommen sei und sich über einen Besuch sehr freuen würde. Später wartete ich eine Weile neben Karl Anders, um von ihm noch einen Termin zu bekommen, um über Hezarak zu reden. Nachdem es klar war, dass er versuchte, mich zu ignorieren, sprach ich ihn dann an. Morgen, Feitag früh, war die Antwort, hätte er nur noch Zeit. Weil er tags darauf wegfährt für eine gute Woche. Okay. Spät sind wir nach Hause.

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