Albert Camus’ Verweigerung des Gottesglaubens

Ein Faktor, der für das gesamte Werk von Albert Camus eine gravierende Bedeutung hatte, war die Tatsache, dass der Schriftsteller nicht an Gott glaubte. Er war ein „incroyant décidé“, wie ihn sein Literaturlehrer an der Universität, Jean Grenier, nannte (Jean Grenier, `Préface´ à Albert Camus, «Théâtre, Récits, Nouvelles», Paris, 1962). Besonders aber lehnte Camus den christlichen Glauben ab, der für ihn viele Widersprüche enthält.

Es gab mehrere Gründe dafür, warum der junge Autor sich so vehement gegen die christliche Religion aussprach. Bereits in seiner frühen Jugend hat sich Camus vom Glauben entfernt, wenn dieser überhaupt irgendwann für ihn eine größere Rolle spielte. Camus kam aus einer armen Arbeiterfamilie, die in Alger lebte. Nach dem Tode des Vaters, der infolge der Verletzungen während der Schlacht an der Marne 1914 gestorben war, zog seine Mutter mit zwei kleinen Kindern zu ihrer Mutter in den armen Stadtviertel Belcourt. Um ihre Familie ernähren zu können, arbeitete sie als Putzfrau bei den wohlhabenderen Bewohnern Algers. Madame Camus und ihre zwei Söhne teilten die bescheidene Wohnung mit der strengen und despotischen Großmutter, die zu Hause herrschte, und mit ihrem ältesten Sohn. Keiner von diesen Familienmitglieder konnte lesen noch schreiben. Camus hat dies später, 1958, als wichtiges Merkmal seiner Kindheit betont hat:

[quote]„Personne autour de moi ne savait lire: mesurez bien cela“ [/quote]

Für dieses spezifische Milieu war die Kirche nicht nur wenig anwesend, sie erschien sogar als etwas Fremdes und Feindliches. Die Religiosität war sehr oberflächlich und begrenzte sich auf die Taufen und das letzten Sakrament. Der Katholizismus war in Alger vor allem eine Religion der Frauen, und sehr häufig auf der Devotion basiert. Die Unaufgeklärten, des Schreibens unkundigen Alten suchten einfach nach einer menschlichen Präsenz, die sie aus ihrer Langeweile und Einsamkeit herrauszog.

Die Religion, wie sie unterrichtet wurde, war eine strenge und beschuldigende Religion, denn sie legte einen großen Wert auf die Sünde, besonders auf die Sünde der Unkeuschheit. Junge Leute, die mit ihrer Lebensfreude das Leben genießen wollten, wurden von dieser Lehre entweder traumatisiert oder sie stellten sie in Frage.

Unter den armen Bewohnern Algers herrschte auch ein starker Antiklerikalismus. Der junge Camus spürte eine besondere Abneigung gegen die Geistlichen, da er während des Katechismusunterrichts, der ihn auf die erste Kommunion vorbereiten sollte, eine starke, unverdiente Ohrfeige vom Priester bekommen hatte. Diesen unbegründeten Angriff von Seiten des Kirchenrepräsentanten hat er nie vergessen. Auch anderes Geschehen hat Camus’ Verhältnis zu den Geistlichen beeinflusst, vielleicht noch mehr als die ungerechte Ohrfeige. Der beginnende Autor war Zeuge, als ein junger Priester mit voller Überzeugung sprach „wenn wir im Paradies sein werden…“. Diese Sicherheit, mit der der Geistliche diesen Satz aussprach, hat den heißblutigen Camus empört und in Verlegenheit gebracht. In seinem Tagebuch kommentiert er:

[quote]«Il y donc des hommes qui vivent avec une pareille certitude quand d’autres la recherchent à grands frais? (…) Sa sérénité m’avait fait mal. En d’autres circomstances elle m’aurait éloigné de Dieu. Elle m’avait alors profondément troublé.» (Albert Camus, «Carnets mai 1935-février 1942», Paris 1962, S.233) [/quote]

Das Echo dieser Erfahrung finden wir wieder in «Der Fremde» in der Szene im Gefängnis, wo Meursault mit dem jungen Priester spricht und ihm die Grundlosigkeit seiner Sicherheit vorwirft. In dieser Zeit war Camus, wie er selbst zugibt, noch nicht vom Gott entfernt. In den nächsten Jahren beobachtet man aber eine Veränderung in seinen Gedanken über Religion.

Am Anfang von der Philosophie Bergsons beeinflusst, der das Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit in der Intuition und dem Instinkt, nicht aber in der Vernunft sieht, schreibt Camus der Religion diese erkennende Rolle zu. Wie der Heilige Thomas von Aquin glaubt er an „den Instinkt des Glaubens“, der den Menschen Gott annähert. In diesen Jahren ist Camus noch überzeugt, dass nach dem Tode noch etwas zu erwarten ist. Erst die Lektüre der mystischen Autoren, wie Ruysbroek oder der Heiligen Theresa von Avila, der Camus am Anfang der 30-er Jahre nachgeht, zeigt ihm, dass die direkte Erkenntnis der Wahrheit dem Menschen nicht zugänglich ist, genauso wenig wie Gott selbst. Dieser Agnostizismus ist für das spätere Werk Camus’ charakteristisch und bildet den Beginn der religiösen Skepsis des Autors. Gleichzeitig fängt Camus an, gegen das Schweigen Gottes gegenüber das Leiden der Unschuldigen zu rebellieren, was später in „Die Pest“ thematisiert wird. Die spätere Suche nach dem Sinn des Lebens endet mit der Überzeugung, dass es gar nicht zu finden ist. Sie bringt nur das Gefühl der Müdigkeit, welche später zu einer totalen Verzweiflung wird.

Bereits mit zwanzig verliert Camus letztendlich den Glauben. Dies bestätigt der unpublizierte Text aus dem Jahr 1933/1934:

[quote] „Tout à l’heure, n’était-je pas riche et de quelle richesse puisque je pouvais croire encore à un autre monde et combien meilleur. Mais voici que j’ai compris et que plus rien me reste que le présent. L’éternité est là et moi je l’espérais. Hélas, hélas notre royaume est de ce monde». (Albert Camus, 1933/1934; der Text wurde zitiert von Jacqueline Lévi-Valensi auf der Konferenz „Camus und das Heilige“, in Centre international d’études francophones in Paris, Januar 1986) [/quote]

Es ist eine bittere Feststellung, die eine Nostalgie nach dem verlorenen Glauben ausspricht. Sie ist aber unwiderruflich. Beraubt des Glaubens, versucht Camus sich auf andere Art und Weise selbst zu verwirklichen. Um die transzendentale Leere zu erfüllen, tritt er der kommunistischen Partei bei. Er hofft, dazu beizutragen, das Leiden der Menschen geringer und die Welt besser zu machen. Es zeigt sich aber, dass den jungen Schriftsteller zu viel von der idealisierten Partei trennt. Er trennt sich von ihr im Jahre 1937 und stellt fest, dass es seine Aufgabe ist:

[quote] „de donner aux miens ce que j´ai de meilleur, je veux dire essayer de les défendre contre le mensonge“ (Albert Camus, Jean Grenier, „Correspondence 1932-1960“, Paris 1981, S. 131). [/quote]

Dieser Kampf gegen die Lüge wird auch zur Hauptrichtlinie des Verhaltens von Meursault in “Der Fremde“.

[quote] Der Roman ist, wie Camus selbst sagte: „une histoire d’un homme qui (…) accepte de mourir pour la verité» (Albert Camus, Préface à l’édition universitaire américaine, in «Théatre, Récits, Nouvelles» , Hrsg.Roger Quillot, Paris 1962, S.1920) [/quote]

Die Desillusionierung nach der Periode der Tätigkeit in der kommunistischen Partei, die Niederlage der religiös-philosophischen Recherchen, sogar die Enttäuschung nach der zerbrochenen ersten Ehe mit schöner aber unberechenbaren Simone Hié haben Camus gezwungen sich trotz seinem Durst nach Wahrheit, mit der Welt zufrieden zu stellen, die ihm ohne Bedeutung schien.

Die Folgen dieser Enttäuschung sehen wir später im Roman „Der Fremde“: Meursault ist einfach eine Verkörperung aller Erfahrungen und Weltanschauungen Camus’. Es ist wie eine lebendige Zusammenfassung – Meursault beschreibt nichts, aber durch sein Verhalten widerspiegelt er alles, woran Camus glaubt. Es ist so, als hätte Camus einen neuen Menschen geschaffen, der bereits alle Erfahrungen gemacht hat und jetzt enttäuscht und voll Skepsis sich in die Gleichgültigkeit flüchtet, um sein Leben ruhig und konfliktlos zu verbringen. Er drängt nicht nach vorn, denn er hat schon alles probiert und weiß, dass die Mühe sich sowieso nicht lohnt. In diesem Licht gesehen, erscheint die Indifferenz Meursaults begründet und keine seiner Reaktionen zufällig.

 

 

Quellen

Albert Camus, 1933/1934; der Text zitiert von Jacqueline Lévi-Valensi auf der Konferenz „Camus und das Heilige“, in Centre international d’études francophones in Paris, Januar 1986

Albert Camus, Préface à l’édition universitaire américaine, in „Théatre, Récits, Nouvelles“ , ed. Roger Quillot, Paris 1962, S.1920

Albert Camus, „la Nausée de Jean-Paul Sartre“  in „Algér Republicain“ , von 10 Oktober 1938 , II 1914

Grenier, Jean, Albert Camus:  „Correspondence 1932-1960“, Paris 1981

 

Werke von Camus:

„Carnets mai 1935-février 1942“ I, Paris 1962

„Carnets janvier 1942-mars 1951“ II, Paris, 1964

„L`Envers et l’Endroit“ , Paris 1959

„Essais“ , Paris 1965

„La Mort heureuse“ , Paris 1971

„Théâtre, Récits, Nouvelles“ , Paris, 1962

 „Caligula“ in  „Dramen“, Hamburg 1959

„Der Mythos von Sisyphos“, Hamburg 1959

„Hochzeit des Lichts“ , Zürich – Hamburg 1995

„Der Fremde“, Reinbek bei Hamburg, 2002

 

Gespräch mit unserem Wächter, freundliche Gesichter in der Stadt und ein Gefühl der Bedrohung

Donnerstag hatten wir wegen dem Wochenende nur den halben Tag Unterricht. Es war total warm, ich saß eine ganze Weile mit Mohammad, dem Wächter, in der Sonne und wir unterhielten uns auf Englisch über dies und jenes. Er war mit mir einig, wie blödsinnig es ist, die Hälfte der Menschen vom öffentlichen Leben ausgrenzen zu wollen, ihre Energien und ihre Macht und Kreativität. Es war ein ganz angeregtes Gespräch, ich bin mir aber nicht sicher, ob ich nicht zu viel von Deutschland erzählt habe, was ihn befremdet. (Nicht heiraten, viele Kinder, deren Eltern nicht mehr zusammen sind usw.) Er meinte, gegenüber den Frauen solle mensch halt einen guten Mittelweg wählen. Ich antwortete, bei uns hätten die Männer das gar nicht zu entscheiden, in wie weit sich Frauen einbringen. Ich weiß nicht, ob er sich so was überhaupt vorstellen kann. Später sind Astrid und ich noch mal zu einem Spaziergang raus. Neben all den vielen freundlichen Gesichtern gab es diesmal drei Jungendliche, die irgendetwas zu uns sagten und dann offensichtlich über uns lachten. Kurz darauf fuhr ein Auto direkt auf uns zu, obwohl die Straße leer war und wich im letzten Moment aus, nachdem wir uns schon ganz an den Rand der Strasse gequetscht hatten. Kurz darauf rief uns jemand aus einem Auto mit bösen Gesicht etwas zu. Vielleicht war alles harmlos, aber es fühlt sich bedrohlich an, wenn ich die Sprache nicht verstehe. 14. November

Unterwegs in Kabul: Kein Internet im Interkonti und Bakschisch, Handeln und Taxifahrten

Wir fuhren in die Flowerstreet, die Touristeneinkaufstraße. Ein Junge wollte mir die Schuhe putzen und bettelte mich wegen Bakschisch an. Er war sehr hartnäckig und bald kamen noch mehr Kinder, die immer aggressiver wurden. Auch ein Mann mit nur einem Bein gesellte sich zu uns und eine Tschadori-Frau, die auf der Erde gesessen hatte. Die Kinder belagerten später auch unser Auto, machten die Türe noch mal auf, als wir losfahren wollten. Der Fahrer verjagte sie dann. Viele dieser Kinder tragen eine oben offene Coladose an einem Drahthenkel mit sich herum, aus der es entsetzlich qualmt. Im Boden sind Löcher für die Luftzufuhr. Jemand meinte, das sei noch etwas „Vor-Islamisches“, um böse Geister zu vertreiben. Von zu Hause sind Astrid und ich nach dem Kochen und Essen im Laufschritt zum Interkonti, ich, um meinen ersten Rundbrief zu schreiben, Astrid wegen der Bewegung. Leider konnte ich nur ganz kurz etwas an Marianne schreiben und dann, bei einem Brief an Jakob, brach die Internetverbindung für alle ab und kam auch nicht wieder. So etwas Doofes. Wir warteten noch etwas und sind dann wieder gegangen. Oben am Hotel war es (im Dunkeln) wieder das gleiche Spiel mit den 5 Dollar. Nach meinem ‚bisjar kimmat as’ (das ist sehr teuer) ließ der Taxifahrer sich zu 3 Dollar erweichen, was uns immer noch zu teuer war. Wahrscheinlich muss er den Wächtern an den Schranken etwas abgeben. Wir sind also zu Fuß den Berg hinunter. Auf dem Weg kam uns ein schwarzer Geländewagen mit verdunkelten Scheiben und vier Männern entgegen, die uns für 2 Dollar anboten, mit ihnen zu fahren. Mir war das gar nicht geheuer und ich lehnte ab. (Die Gespräche muss ich alleine führen, mich auch vorne zu dem Fahrer setzen). Unten an der Straße erkannte mich der Ladenbesitzer von vor ein paar Tagen wieder und sprach mich freundlich an. Wie immer, waren sofort viele Leute da. Besonders ein kleiner Mann mit dunkler Hautfarbe, stechenden Augen, Armeekleidung und einer Kalaschnikow, wollte uns unbedingt helfen. Sein Parka war ihm viel zu groß und die ganze Szene hatte im spärlichen Licht des Ladens (der Strom war ja ausgefallen), etwas Gespenstisches. Ich hatte wirklich Angst, obwohl der kleine Mann richtig nett war. Zum Glück hielt bald ein Taxi und ich akzeptierte den Preis von 100 Afghani (ca. 1,80 €), um schnell nach Hause zu kommen. Bedauert habe ich, dass die doofen Taxifahrer oft mehr Geld bekommen, als die Netten. Im Gästehaus gab mir Klaus seinen alten Laptop, damit ich diesen Rundbrief auf Diskette schreiben kann. Allerdings hatte ich dann die Diskette und wusste nicht, was ich damit anfangen soll. Ausdrucken konnte ich es ja auch nicht bei ihm und schon gar nicht versenden.

Frauenhilfeprojekt Bäckerei

Wir sind nach unserem Vormittagskurs mit der Lehrerin Neda zu einem Frauenprojekt, dass von der GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) finanziert wurde. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind es Frauen, die von Pakistan kamen oder denen die Rückkehr nach Kabul aus Pakistan mit diesem Projekt schmackhaft gemacht worden war. Es ist ein Ausbildungsprojekt für Bäckerei gewesen, eine Art von Keksen haben sie gemacht, allerdings viel zu wenig, als dass sich ein Verkauf gelohnt hätte. Auch gab es für diese Kekse sowieso schon eine Unmenge von Läden in der Stadt. Zusätzlich bekamen sie noch Unterricht in Dari und Rechnen. Die Frauen, zumeist Witwen mit manchmal fünf bis sieben Kindern, bekamen 10 Dollar im Monat. Die Maßnahme läuft 6 Monate (jetzt noch 2 Monate), und am Ende bekommen die Frauen noch mal 30 Dollar. Das ist eigentlich nur zum direkten Sterben zu viel. Wir waren in dem Klassenraum und zum Teil redeten die Frauen alle durcheinander. Mich hatten sie mehrfach gebeten, auch mit in den Raum zu kommen, aber zuerst wollte ich nicht. Ich wusste nicht, wohin ich dann gucken sollte. Später bin ich dann auch mit hinein und setzte mich (wie die Frauen) auf den Boden. Die anderen von uns standen, bis auf Klaus, der draußen blieb. Es gab zwei Klassenräume, jeweils 40 Frauen in einem, je cirka 2,5 x 4 Meter groß. Lehmräume, Holzbalkendecke. Die Frauen erzählten zum Beispiel: “Ich habe 5 Kinder, die Taliban haben meinen Mann so geschlagen, dass er nicht mehr arbeiten kann.” – “ Wir waren beim Essen und dann kamen die Taliban und haben meinen Mann mitgenommen.” Sie meinten 10 Dollar sei zwar besser als gar nichts und schlimmer wäre es, dass die Maßnahme bald aufhören würde. Aber die 10 Dollar würden auch nicht für Waschmittel oder Kleidung reichen, eigentlich nur für Essen und Miete. Besonders, dass nun der Winter vor der Tür steht, würde sie bedrücken. Wenn es wenigstens einmal eine Hilfe für den Winter gäbe. Sie kamen aus verschiedenen Stadtteilen, hatten zum Teil einen Fußweg von einer Stunde. Es gab öfter kein Krankenhaus in ihrer Nähe. Sie luden uns ein, zu ihnen nach Hause zu kommen, um zu sehen, wie sie wohnen. Die Frauen von uns gingen dann auch mit zu einer Witwe, die in der Nähe wohnte. Sie erzählten mir später, da sei ein Raum gewesen, gemietet für ungefähr die Hälfte des Monatslohnes. In einer Ecke lag der Vater der Frau auf dem blanken Boden unter einer Decke und dämmerte vor sich hin. Eine der Frauen erzählte noch, dass sie aus Pakistan kam. Aber hier sei es auch nicht besser. In Pakistan hätten sie wenigstens keinen Tschadori tragen müssen. Die Frauen waren etwa 15-40 Jahre alt, trugen in den Räumen keinen Tschadori, ein paar Frauen hielten sich das Kopftuch vor den Mund, als ich den Raum betrat. Zum Teil ist es für sie sehr schwierig, zu dieser Ausbildungsstätte zu kommen, weil sie niemanden haben, der dann auf ihre Kinder aufpasst. Normalerweise sind sie bis 12 Uhr dort und eine Frau erzählte: Meine Älteste ist erst sieben und muss so lange dann auf die Geschwister aufpassen. Gemeinsam können sie auch nicht die Kinder betreuen, weil es zu viele Kinder sind und ihre Wohnungen zu klein sind. In den Mietwohnungen können nicht so viele Kinder sein. Sie würden sich gerne selbständig machen, überlegten ob mit Nähen, Seifenherstellung oder eben Keksproduktion, aber sie hatten ja sowieso kein Startkapital. Auf unsere Frage, wie viel Geld sie bräuchten, um mit 10 Frauen eine eigene Bäckerei aufzumachen, konnten sie nicht antworten. Sie überlegten, wie viel Geld sie für sich und ihre Kinder bräuchten, für Miete und Heizmaterial und blieben dabei stecken. Dann schenkten sie uns etwas von ihrem Gebäck und zeigten uns noch die Räume für die Teigzubereitung und den Ofenraum, alle ebenerdig um einen kleinen Innenhof. Wir waren mit zwei sehr jungen, sehr selbstbewussten Frauen dort, die wohl von einer anderen Organisation aus (‚care’?) dieses Projekt mitbetreuten. Zusätzlich gab es einen Mann, der dieses Projekt nach außen vertrat und zwei, drei Frauen, die eher auch leitende Funktion hatten, wie auch immer. Zusätzlich waren noch zwei Männer, wohl Wächter, dort und zwei sehr geschminkte, sehr junge Lehrerinnen. Der Mann meinte: Die EU hätte damit gedroht, wenn die Regierung in Kabul die Frauenrechte nicht mehr beachten würde, würde sie ihre Unterstützung einstellen. Aber wenn die Frauen in Afghanistan nicht unterstützt würden, dann würde es noch schlimmer werden mit der Frauenunterdrückung. Deutlich war auch zu spüren, dass die Frauen sich Hoffnungen machten, dass wir ihnen irgendwie helfen könnten. Als Astrid, Neda und Martina die Witwe besuchten, machte ich noch ein paar Fotos von der Umgebung. Ein junger Mann sprach mich auf Englisch an. Wir redeten eine Weile miteinander und bald kam schon die Frage: Ob ich nicht Arbeit für ihn hätte? Später meinte Klaus: Ist Euch nicht aufgefallen, wie sauber das alles war? Die Frauen passen doch überhaupt nicht in die Backstube, auch in zwei Gruppen nicht. Die Bleche sahen aus wie neu, jedenfalls nicht wie nach 4-monatiger Benutzung. Es gab keinerlei Backmaterial dort, kein Mehl, kein Zucker, nichts. Auch keine Tafel, Schreibmaterial und nur unter zwei Tischen ein paar Backformen. Astrid meinte noch, die Bleche seien auch größer als die vier Ofenklappen gewesen. Klaus erzählte uns auf der Rückfahrt von einem ehemals schwedischen Projekt in Uganda. 400 Kinder, zum Großteil Waisen, lebten in 2 Schlafräumen, drei Betten übereinander und so dicht aneinander, dass die Kinder zum hintersten Bett über alle anderen Betten krabbeln mussten. Es gab einen großen Topf für alle 400 Kinder in der Küche, in dem meist ein Maisbrei gekocht wurde. Für die ‚Mechanikerausbildung’ gab es ein einziges Schrottauto, für die ‚Schreinerausbildung’ eine einzige Werkbank. In den Ferien wurden die Kinder an Familien zum Arbeiten verliehen, die Mädchen kamen öfter schwanger wieder zurück. Geleitet wurde das Projekt von ‚Vater Eisak’, der in einer schönen Wohnung wohnte, mit für ugandische Verhältnisse sehr hohem Komfort. Klaus erzählte auch einmal, dass sie in Uganda irgendwann alle Entwicklungsdienst-Autos in die Hauptstadt bringen mussten. Dort wurden diese Autos dringend gebraucht (allerdings nicht vom Entwicklungsdienst), um die Slums um Kampala weit ins Umland abzutransportieren, weil ein Besuch der Queen bevorstand. Dienstag, 12. November

Endlich nach Hause telefonieren

Am Montag gab’s zwei Überraschungen (außer, dass es wieder regnete): Zuerst brachte ein Auto vom Entwicklungsdienst schon morgens in aller Frühe (vor sieben) unsere Chips und Prepaid-Karten zum Telefonieren. Und mittags kam Gustav noch zusätzlich mit Post an, für mich eine E-Mail von Svenja und eine Nachricht von Karla , die mir nun verriet, wie ich sie treffen kann (mein Kontakt zu der Frauenorganisation AFA). Leider gingen meine beiden Handys nicht. Das eine, weil ich es nicht aufladen konnte, das andere, weil es den Chip nicht annahm. Zum Glück hatte Klaus auch noch ein zweites Handy mit und konnte mir eines abgeben. Ganz aufgeregt bin ich gewesen, habe auf den Anrufbeantworter von Svenja gesprochen und war völlig aus dem Häuschen, als ich abends dann tatsächlich mit ihr sprechen konnte. Montag, 11. November

Armut und Reichtum in Afghanistan

Ich kann schwer einschätzen, wie arm die Leute hier sind. Klar, es gibt die ganz Armen, wie die in den Zelten und die ganz Reichen, wie Ismael Khan in Herat zum Beispiel, die Kriegsgewinnler und die, die hier 15 Taxi für sich fahren lassen und 10 Häuser besitzen, die sie an Hilfsorganisationen vermieten. Das Entwicklungsdienst-Büro ist in einem solchen Haus, das für 3500 Dollar im Monat gemietet ist. Davon können 175 arme Familien leben. Und der Besitzer wohnt dann oft auch nicht in Kabul, sondern in Pakistan und zieht das Geld auch noch ab. Möchte nicht wissen, wie wenig Leuten diese Häuser letztendlich gehören. Die Reichsten von Afghanistan haben soviel Geld, dass niemand zu hungern und zu frieren bräuchte in diesem Land. Aber das ist in z.B. in Amerika ja noch viel extremer der Fall. Oft sieht mensch diese Karren, vor die eigentlich ein Ochse gehören würde, nach unserem Verständnis, mit denen sich zwei (meistens Hazara, die mongolisch aussehenden Schiiten) abplagen. Manchmal kommen sie, schweißtriefend, nicht vom Fleck, weil ihre zweirädrigen Karren zu dolle beladen sind. Öfter sehe ich auch (meist) Männer mit einem Bein, aber auch Kinder mit Krücken oder einem Arm. Oder beim Händeschütteln merke ich, dass ein Finger fehlt. Einmal kam ein junger Mann an uns vorbei, der sich einen Schuh unter den einen Ellenbogen gebunden hatte und mit Hintern und diesem Ellenbogen durch den Staub und den Stadtverkehr robbte. Ein anderer lag auf einer Art Skateboard und ruderte mit der Hand vorwärts. Auf dem freien Platz, der als Müllhalde dient, suchen Kinder mit Tüten in dem Abfall Metall oder Plastik. Oder der alte Mann, der seinen Krämerladen in einem kleinen Karren untergebracht hat, in der Mitte auf einem Kissen sitzt und seine ganzen Sachen sind schon total staubig (was allerdings recht schnell hier geht). Er spricht selbst nur Pashtu und kommt auch mit meinen neuen Afghani- Scheinen nicht zurecht. Irgendein junger Mann holt aus seinem eigenen Portemonnaie dann das Wechselgeld für uns und sagt in unsere verblüfften Gesichter: ‚chub as’: Okay, es ist gut! Ich kann mir auch kaum vorstellen, das diese unglaublich vielen Läden in den Außenbezirken genug einnehmen. Oft dämmern in zehn Containern nebeneinander die Männer vor sich hin, die genau die gleichen Schrotteilen verkaufen wollen (Getriebeachsen….). Schade, dass ich inzwischen schon nicht mehr alles sehe, was anders ist als bei uns. Mensch gewöhnt sich halt doch sehr schnell. Sonntag, der 10. November

Mittagspause in Kabul

An diesem Mittag sitze ich in der prallen Sonne (es ist bestimmt um die 20 °C warm) an einem Tisch mit Mohammad, einem der Wächter, und schreibe weiter. In der Mittagspause und nach dem Lernen gehen wir jetzt oft (zu zweit) ein bisschen raus, etwas einkaufen und unser frisch gelerntes Dari ausprobieren. Viele Häuser haben keine eigenen Pumpen, sondern holen ihr Wasser an öffentlichen Handpumpen in Eimern oder alten Plastikkanistern. Das Wasser schmeckt mir ganz und gar nicht (abkochen muss ich es sowieso, meist trinke ich es dann heiß). Gemüse kostet zwischen 10 und 50 Afghani das Kilo, je nach Art, das sind etwa 15 bis 85 Cent. Mit dem neuen und dem alten Geld vertun sich auch die Afghanen, es wird aber beides akzeptiert. Sonntag, der 10. November

Dari-Sprachkurs

Nach dem Essen (für das wir immer die Vorhänge schamhaft zuziehen, damit die Wächter uns nicht beim Essen zusehen müssen, weil der Eß- und Lernraum genau gegenüber von ihren Zimmern liegt) haben wir endlich richtigen Sprachunterricht gemacht. Der Unterricht von Mir Afzal ist sehr klar und straff, er hat auf Englisch schon in Pakistan Dari- Unterricht gegeben. Dari ist allerdings nicht seine Muttersprache und so spricht er die Wörter etwas anders aus, als Neda, die uns am Nachmittag unterrichtet. Ein Vollprofi als Lehrer ist er trotzdem, wirklich sehr gut und klar strukturiert. Neda hat lange Französisch unterrichtet, ihre Muttersprache ist aber Dari. Auch ihr ist anzumerken, dass sie professionelle Lehrerin ist. Sie hat den Ehrgeiz, uns neben dem gewöhnlich gesprochenen Dari auch die aus der Schriftsprache hergeleitete Hochform des Dari beizubringen. Das ist sehr anstrengend, weil es sozusagen noch eine dritte Form ist. Wir lernen für ‚bitte setzen Sie sich!’ also: ‚Lotfan beschinen’, ‚Beformayn beschinyn’ und ‚Boformayen beschinyd’. Um die Verwirrung komplett zu machen, kann sich Neda nicht so recht auf eine Schreibweise festlegen, wahrscheinlich weil sie uns sowieso lieber gleich in der arabischen Schrift unterrichten würde. Und die ist wirklich schwierig, wenn auch spannend. Im Wörterbuch habe ich heute ein Wort entdeckt, was in der gleichen Schreibweise drei verschiedene Aussprachen hat und auch drei verschiedene Dinge bedeutet: sar – Kopf, serr – Geheimnis und sor – rutschig. Wie jemand das lernen soll ist mir ein Rätsel. Fast so wie Chinesisch, wo mensch halt jedes Wort einzeln schreiben lernen muss. Zusätzlich haben wir SchülerInnen natürlich alle unsere Schwierigkeiten damit, plötzlich wieder die Schulbank zu drücken. Das kann sich dann in besonders vielen Ratschlägen auswirken, was die LehrerIn so alles besser machen könnte. Und wir hatten ein unterschiedliches Lerntempo und mussten uns erst untereinander ein bisschen zanken, wie schnell wir vorgehen wollten. -Jetzt hat mich der Stromausfall aber kalt erwischt. Ich habe mich im Dunkeln im Haus umher tasten müssen, bis ich Streichhölzer und eine Petroleumlampe entdeckt hatte. Sonntag, der 10. November

Ramadan, Stromausfall, warm Wasser und ein kaputter Kaltwasserhahn

Um etwa 6.00 Uhr wird es hell, bis dahin müssen die Afghanen gegessen haben. Wenn es aus der Moschee ruft, dann ist Sense mit Essen. Deshalb gibt es abends von etwa fünf bis um zehn Strom und morgens von 4.00 bis 6.00 Uhr (in etwa), wenn es nicht gerade generellen Stromausfall gibt, wie die ersten zwei Tage. Morgens in der Frühe vor dem Ruf des Muezzin, um Essen vorzubereiten. Dadurch, dass es Strom gibt, ist auch der elektrische Boiler in Betrieb. Für mich hat das den Nachteil, dass ich nicht kalt duschen kann. Der Kaltwasserhahn funktioniert nämlich nicht. Also fülle ich mir Wasser in eine Schüssel jeden Morgen und wasche mich in der Badewanne aus dieser Schüssel, die ich anschließend über mich ausgieße (später benutzte ich das zweite Bad im Erdgeschoss). Sonntag, der 10. November