Ramasan in Kabul, eine Schreinerei in der Nähe und ein Gespräch mit unserem Wächter Mohammad über kulturelle Unterschiede

Zum Glück habe ich mit der kalten Seite des Hauses vorlieb genommen. Das ist zwar wirklich kalt, aber im Augenblick, während Ramasan (Ramadan), tönt jede zweite Nacht der Lautsprecher der nahen Moschee. Die Hazara sind Schiiten und die nehmen es mit dem Koran vorlesen noch genauer als die Sunniten. Und diese Moschee ist eben auf der Seite des Hauses, wo die anderen ihr Zimmer haben und nachmittags die Sonne drauf scheint. Bei uns in der Nähe ist eine größere Schreinerei, die zum Teil für die GTZ oder andere Organisationen Möbel bauen. Eine Woche vorher hatte ich mir die angesehen. Dort kauften wir nun gedrechselte Kleiderständer für unsere Zimmer. Einer zerbrach allerdings, als ich ihn etwas fester anfasste. Aber sie haben ihn anstandslos eingetauscht. Die Wächter essen übrigens gemeinsam aus einer Schüssel, wenn sie kochen. Sie nehmen dann ein Brot in die Hand und schaufeln damit den Reis und so weiter. Als ich mal mit aß, gaben sie mir selbstverständlich eine Gabel und einen eigenen Teller. Mohammad erzählte mir (als wir über verschiedene Kulturen redeten), dass er eine Weile im Iran war. Dort ist er Bus gefahren. In Afghanistan haben die Busse offene Türen und du kannst jederzeit aussteigen (bzw. abspringen). Im Iran sind die Türen zu und die Fahrer halten auch nicht an, außer an markierten Haltestellen. Prompt sei er viel zu weit gefahren und musste ein weites Stück zu Fuß zurücklaufen. Er hätte es kaum fassen können, dass der Fahrer einfach nicht anhielt, obwohl er genau an der Stelle vorbeifuhr, wo er hin musste. Das nächste Mal sei er gleich zu Fuß gegangen. Ihm sei es sehr schwer gefallen im Iran, obwohl sie dort die gleiche Sprache sprechen. Donnerstag 28. November

Einblicke ins Kabuler Leben, ein Ausflug aufs Land und Forschung zur Rolle von NGOs bei der Friedensbildung in Afghanistan

Für ihre Forschung über die Rolle von NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) in Afghanistan besuchte Tina Hennecken das Land im November 2006. Im Gespräch mit Saghar Chopan berichtet sie über ihre Herangehensweise und Schwierigkeiten bei der Recherche für die Magisterarbeit, persönliche Erlebnisse während des Aufenthalts in Kabul und die Motivation sich mit Afghanistan zu beschäftigen.Direkter Link: http://video.google.de/videoplay?docid=-6246431862773030957

Spaziergang in Kabul: Schweißen auf der Straße und eine bewegungslose Bettlerin im Tschadori

Bei einem Spaziergang entdecken wir auf einer Freifläche ganz tiefe Löcher im Boden, so etwa fünf Meter tief, unten Wasser und Müll. Sind die, um Wasser für die Lehmziegeln zu haben? Oder waren das früher Brunnen von Häusern, die es nicht mehr gibt? Mehrfach sehe ich Leute beim Schweißen, völlig ohne Schutzschild. Arbeitsschutz gibt es hier nur rudimentär, auch an den Schreinereimaschinen, die ich bisher gesehen habe. Die Armen, die zum Teil stundenlang an der Kreuzung arbeiten müssen. Einmal sah ich eine Bettlerin, die an einer dicht befahrenen Straße mit ihrer ausgestreckten Hand auf der Erde lag. Ich weiß gar nicht, wie die es schafft, nicht überfahren zu werden. Unter ihrem Tschadori ist das Sehen sowieso schon schwer, aber die hat gar nicht mehr geguckt. Vielleicht war sie auch tot. Bettler, die auf der Straße übernachten, habe ich öfter gesehen; einer lag so reglos da, mit Erfrierungen an Händen und im Gesicht, dass er gut auch tot sein konnte. Es ist nachts jetzt richtig kalt, ich denke, mehr als 5 Grad minus. Donnerstag 28. November

Einkaufen in Kabul: Handwerkszeug und keine Lust zum Handeln

Mit Mir Afzal gehe ich zusammen Handwerkszeug für das Gästehaus einkaufen, weil wir nicht mal einen Schraubenzieher hatten. Ein ganz neuer Stadtteil und ich bin mal wieder erstaunt, was es in diesen winzigen Läden so alles zu kaufen gibt. Ich habe keinen einzigen Laden mit mehr als 60 qm gesehen und mit um die 50 qm auch nur zwei oder drei. Die meisten haben höchstens 15 qm und sind oft voll gestopft mit manchmal unglaublich vielen Dingen. Einmal gehe ich mit Astrid einkaufen, bin ein bisschen kränklich und habe keine große Lust zum Handeln, will einfach nur meine Sachen kaufen. Ein junger Afghane spricht mich auf Englisch an: “You paid too much. They said: Oh please, come often!” und später ruft er mir noch zu: ”You need a translater!” womit er wohl sich selbst meint. Aber ich bezweifele, dass das dann billiger für mich würde, unterm Strich. Klar habe ich bei manchen mehr bezahlt, aber nicht bei allen, denn viele sagen faire Preise. Später beobachte ich, dass die Preise am niedrigsten sind, wenn ich alleine einkaufe. Bin ich mit einem anderen Europäer oder gar mit einem Übersetzer unterwegs, dann schnellen die Preise in die Höhe. Und eigentlich finde ich es auch richtig, bei den Reichen mehr zu verlangen, als bei den Armen. Mir als Schreiner ist es oft genug anders herum passiert: Richtig Reiche wollten komplizierte Sachen von mir, haben den Preis noch gedrückt, hinterher hat es viel länger gedauert, als geplant und heraus kam ein winziger Stundenlohn. Donnerstag 28. November

Ein paar Tage WG mit Arun und ein Gefallen für den Wächter

Mittags kommt Arun. Er will mit uns WG machen. Warum mit uns und was er darunter versteht, ist mir nicht ganz klar. Später denke ich, dass er vielleicht etwas deutsche Kultur als Ruhemöglichkeit sucht. Aber vorerst gibt er sich total Mühe, will richtig einsteigen. Haushaltskasse, einkaufen, und er kocht schon am zweiten Tag für uns. Ich sage ihm: ”Arun, Du sollst hier nicht noch eine anstrengende Arbeit haben, du musst dich auch ein bisschen ausruhen.” “Wir machen hier so, wie es in der Vorbereitungszeit in Deutschland war”, sagt er. Das hat ihm wohl gut gefallen. Über mich hat er viele lobende Worte, dass ich mich wirklich einsetzen würde usw. Das tut mir auch mal gut zu hören. Während seiner Zeit bei uns kommt er einmal völlig geschafft und erledigt nach Hause. Bekannte von früher hatten ihn eingeladen und pausenlos auf ihn eingeredet. Nur leidvolle Geschichten aus Mujaheddin- und Taliban Zeiten: Tote, Folter, Flucht, Verlust von Menschen, Gesundheit und Besitz. Und er war nur als stummer Zuhörer gefordert. “Wenn ich wenigstens auch mal hätte irgendetwas jammern dürfen, wie: Ja, stimmt, 1998 im Juni, da hat mir mein rechter Arm auch fürchterlich wehgetan…” Einmal fragte Mohammad, der Wächter mich, ob Arun ihm nicht helfen könne, an eine Wohnung zu kommen. Ich fragte Arun. Ein paar Tage später brachte er für Mohammad ein Papier mit, mit dem dieser ein Anrecht auf den Erwerb eines Stückes Bauland bekam. Die anderen beiden Wächter wollten natürlich auch so ein Papier. Sie brachten deshalb einen Brief, der ganz offensichtlich an jemand anderes adressiert war und baten Arun, ihnen bei der richtigen Zustellung dieses Briefes zu helfen. Ganz nebenbei fragten sie dann bei dieser Gelegenheit nach der Anrechtsurkunde. Mir wurde da erst klar, in welche blöde Lage ich Arun mit meiner Frage gebracht hatte. Relativ abschiedslos verschwand Arun ein paar Tage später wieder und war im Grunde für uns auch nicht mehr erreichbar. Schade. Mittwoch, 27. November

Die belgische Kolonialzeit in Ruanda und die einseitige Bevorzugung der Tutsi

Nach dem Abzug der deutschen Kolonialherren in Ruanda, wurde die auf rassistischen Vorstellungen über Ethnien basierende Politik von der folgenden Kolonialmacht Belgien fortgeführt. Vereinfachungen der ursprünglich durchaus komplizierten Zusammenhänge der Gesellschaftsstruktur trafen sie genauso rigoros wie ihre deutschen Vorgänger. So wurde der Grundstein für zukünftige Konflikte gelegt.

Die „indirekte Herrschaft“, wie die Deutschen ihre Führung bis 1916 nannten wurde von den Belgiern zunächst weitergeführt, bald jedoch zu einer „direkten Herrschaft“ umgestaltet. Mit den Jahren gestanden die Belgier den ruandischen „Hutu-Chefs“ immer weniger Rechte zu und entmachtete sie von den meisten Kontrollfunktionen. Dies hatte immer problematischere persönliche Beziehungen zwischen den Kolonialherren und den einheimischen „Chefs“ zur Folge. Bald herrschten die Belgier ganz über die Könige und Chefs; das Mitbestimmungsrecht wurde ihnen Jahr für Jahr konsequent aberkannt. So räumten die Belgier den Tutsi mehr und mehr Macht ein, da die Kolonialherren von deren höherer Intelligenz und strategisch besseren Führungsgabe überzeugt waren. Im 1923 waren schließlich alle Hutu-Chefs durch Machthaber der „Tutsirasse“ eingelöst.

Bald darauf erfolgte die institutionelle Festschreibung der Ethnien in die Personalausweise. Neben biologischen Messungen sah man auch den Viehbesitz als ein  Merkmal ethnischer Zugehörigkeit. Menschen mit Vieh waren automatisch Tutsi, Menschen ohne Vieh Hutu. So einfach war das (vgl. Harding, 1998: 26 ff). Die Einführung der Personalausweise hatte nicht nur zur Folge, dass von nun an klare ethnische Kategorien im sozialen Kontext standen, da die Ungleichheit offiziell ausgesprochen und nicht mehr veränderbar wurde. Sie bewirkte auch, dass die neu produzierten Identitäten sich verfestigten und die  konstruierte körperliche und geistige Verschiedenartigkeit beider „Rassen“ als eine Natürlichkeit angesehen wurden. Durch die künstlich geschaffenen ethnischen Gruppen entstanden immer mehr Konflikte zwischen den Ruandern untereinander, die sich im Laufe der Jahre noch verstärken sollten (vgl. Hoering, 1997: 22 ff).

Alle höheren politischen Ämter lagen bis zum 2. Weltkrieg in den Händen der Tutsi. Nun wurden die Proteste und Beschwerden seitens der Hutu immer lauter, so dass selbst die Kolonialmacht die Notwendigkeit sah, politische Schritte gegen die aufkeimende Anti-Tutsi-Stimmung einzuleiten: Sie errichteten ein Quotensystem, bei dem eine gerechtere Verteilung der Arbeitsplätze auf beide „Ethnien“ ermöglicht werden sollte. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass den Hutu in der Öffentlichkeit mit wesentlich weniger Respekt gegenübergetreten wurde als den Tutsi. Zudem standen die Belgier zu diesem Zeitpunkt schon zwei künstlich definierten Ethnien gegenüber. Das Quotensystem konnte die vor Jahren gelegte Weichenstellung nicht mehr ungeschehen machen.

Besonders in den 50er Jahren spielte die Ethnizität eine nicht zu unterschätzende Rolle, so rückte sie sogar in das Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Zu dieser Zeit war immer noch der Großteil der Bevölkerung auf dem Land beschäftigt: die Hutubevölkerung, wie aber auch 90 % der Tutsi (vgl. Harding, 1998: 37 f). Es zeichnete sich grundsätzlich ab, das ein ethnisches Zugehörigkeitsgefühl einerseits Hutu- aber auch die Tutsi- Massen zusammenhielt: Die Tutsi-Bauern empfanden sich ethnisch mit der Tutsi-Elite verbunden und stellten ihre Position gegenüber denen der Hutu als höherwertig dar. Der einfache Tutsibauer sah sich dem einfachen Hutubauer als körperlich und geistig stark überlegen an. Diese   Differenzen spitzten sich mit den Jahren immer weiter zu.

Alte Aufzeichnungen zeigen, wie hart, streng und ungerecht die belgische Besatzungszeit war: Während ihrer Herrschaft flüchteten mehrere Tausend Hutu in Nachbarländer wie Uganda (vgl. Semujanga 2003: Kap. 2: 10).

Nach dem 2. Weltkrieg kam Ruanda unter die Treuhandschaft der Vereinten Nationen. Die Entwicklungen vor Ort wurden untersucht und man wollte Ruanda auf eine baldige Unabhängigkeit vorbereiten (vgl. Harding, 1998: 40 f). In dieser Zeit wurde auch das „Manifest der Hutu“ veröffentlicht (vgl. unten)

Missionierung – Einfluss der Kirche

Die christlichen Missionare spielten in der Kolonialzeit eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auch sie stützten sich bei Konvertierungsversuchen der Ruander in ihrer Argumentation auf die Hamitentheorie. Überzeugt, dass die „Schwarzen verflucht wurden und unzivilisiert sind“, priesen sie, dass nur eine Konvertierung zum christlichen Glauben die Rettung ihrer Seele herbeiführen könnte. So zogen die Missionare während der gesamten Kolonialzeit (von ca. 1899 bis 1962) bewaffnet durch das Land um Bekehrungswillige zu finden. Die Konvertierung sollte „von oben nach unten“ verbreitet werden: zuerst suchten die Missionare das Gespräch mit einzelnen Chefs um später mit deren Hilfe auch die Masse zu erreichen. Die Taktik fruchtete: 1934 waren 90 % der Chefs zum christlichen Glauben konvertiert. Diese erkannten schnell, dass man als Christ beruflich die besseren Aufstiegschancen hatte (vgl. Harding, 1998: 30 ff).

Die ersten Missionsschulen, in denen es separate Klassen für die Tutsi-Schüler gab, wurden in den 20er Jahren gegründet. Generell durften die Schulen nur nach einer Konvertierung betreten werden. Die ersten Schulen waren fast ausschließlich für Tutsi-Kinder bestimmt; so wurden bald neben 16 Hutu-Schülern 431 Schüler mit einem Tutsi-Ausweis unterrichtet. Mädchen und Frauen war es zu dieser Zeit allgemein nicht erlaubt, Bildungseinrichtungen zu nutzen (vgl. Semujanga, 2003: Kap. 2: 11).

Um an Bildung zu gelangen blieb den Hutu also nur die Konvertierung. Immer mehr Hutu besuchten die Missionsschulen, was bald die Folge hatte, das sich neben der mächtigen Tutsi-Elite eine immer stabiler werdende Hutu-Elite (aus Ladenbesitzern und Handwerkern) etablieren konnte. Diese konnte lesen und schreiben und bildete bald ein Gegengewicht zu den gebildeten Tutsi (vgl. Harding, 1998: 33f).

In den 50er Jahren wurde die große Hutumasse von den Missionaren regelrecht unterstützt, da sie diese „Ethnie“ als unterdrückt und daher unterstützenswert ansahen. So konnte sich bei den Hutu bald eine ganz neue, selbstbewusste Wahrnehmung ihrer eigenen „Ethnie“ herausbilden. Die Hutu fingen an öffentlich gegen die „Unterdrückung“ der Tutsi anzukämpfen und forderten politisches Mitbestimmungsrecht.

Besonders die kirchliche Presse wurde ein wesentlicher Bestandteil der immer besser organisierten Hutu- Propaganda. Das Medium Presse half, die Meinungen der Hutu schneller zu verbreiten und somit auch die Massen besser mobilisieren zu können. Christliche Missionare waren mehr als nur Unterstützer: Sie waren Mitarbeiter und Verbreiter der Agitation und verhalfen der Hutu-Masse zu einem eigenen, stolzen, ethnischen Bewusstsein (vgl. Harding, 1998: 48 f).

Das Manifest der Hutu

Das von den Hutu 1957 veröffentlichte Manifest beinhaltete u.a. die Forderungen, umgehend von den Tutsi emanzipiert zu werden. Ferner strebten sie selbst Machtpositionen an. Unterstützung erhielten sie von den Priestern, die sogar das Manifest schriftlich verfassten. Grund für die Zusammenarbeit waren die Erkenntnisse seitens der Kirche, dass die Hutu-Mehrheit ethnisch von der Tutsi-Elite unterdrückt und diskriminiert wurde. Dem wollten sie sich entgegensetzen. Es folgte eine blutige Revolution, ausgelöst durch die Hutu. In ihrem Manifest behaupteten sie, schon vor der Kolonialzeit von den Tutsi „überrannt“ worden zu sein. Ferner drohten sie den Tutsi, ihnen bald die Macht zu entreißen. Nun seien die Hutu an der Reihe ihre Macht auszuüben, da die Versklavung sogar schon von den Kolonialherren (besonders den Belgiern) Unterstützung fand.

Als dann am 24. Juli 1959 der damalige König Mutura III auf noch heute ungeklärte Weise verstarb, begann eine Gegenrevolution, diesmal von den Tutsi ausgehend; sie waren überzeugt, die Hutu als Mörder identifizieren zu können. Blutige Auseinandersetzungen und gewalttätige Übergriffe, die auch auf politischer Ebene bis 1960 ausgetragen wurden; hatten das Ergebnis von insgesamt 200 Toten.

Heute erscheint die Reaktion der Belgier auf die Revolution grotesk: Die Ursache, so meinten sie, sei ein Stammeskonflikt, da beide Rassen ethnisch zu verschieden seien. Konflikte und Reiberein seien in solchen Ausgangssituationen normal (vgl. Semujanga, 2003: Kap. 2: 13 f).

Die Hutu dichteten den Rassenmythos, der von den Deutschen und Belgiern ins Land gebracht wurde, um und behaupteten, die Tutsi-Herrschaft sei schon immer von schrecklicher Tyrannei geprägt und der Machtanspruch eigentlich den Hutu gehöre. Die Gewaltbereitschaft der Hutu nahm immer mehr zu und bald wurden die Tutsi auch öffentlich als Feinde charakterisiert (vgl. Harding, 1998: 27 f).

Die ersten Wahlen als Vorbereitung auf die Unabhängigkeit wurden in Ruanda im Juni 1960 abgehalten. Man kann sich bei diesem Ergebnis jedoch sicher sein, dass weder Personen noch deren Ideen und Zielsetzungen gewählt wurden, sondern lediglich Ethnien: Mit 71 % gewann die Hutu-Partei „PARMEHUTU“ (vgl. Kap. 7 dieser Arbeit). Der Sieg der Partei PARMEHUTU ist verständlich, macht man sich die Bevölkerungsstruktur Ruandas bewusst: etwa 90% der Einwohner sind Hutu, 9% Tutsi und nur 1% Twa (vgl. Wikipedia). Als Staatspräsident wurde Grégoire Kayibanda gewählt. Zum ersten Mal in der ruandischen Geschichte kehrte sich das Regierungssystem um: Die Macht lag in den Händen der Hutu-Mehrheit. Ihr Amtsbeginn war am 1.Juli 1962; am gleichen Tag galt auch die Revolution als beendet.

Ihren Wahlsieg nahm die PARMEHUTU zum Anlass, über 1000 Tutsi ins Exil zu drängen und diese „ethnische“ Minderheit aus allen politischen Ämtern zu verbannen. Später wurden im selben Jahr (1962) sogar 350.000 Tutsiflüchtlinge gezählt, die im Ausland lebten (vgl. Harding, 1998: 61). Das Töten bekam eine gewisse Systematik, so dass vor Beginn des Jahres 1963 schon allein 2000 Tutsi durch eine „vorgeschobene“ ethnische Diskriminierung und Verfolgung ums Leben kamen. Ruanda glich weniger einer Demokratie, als vielmehr einem Polizeistaat: Straßensperren und -kontrollen, Überwachungen wie auch Beschattungen verschärften die eh so angespannte Situation; wobei einst doch ein so friedliches Miteinander zwischen Hutu und Tutsi herrschte (vgl. Semujanga, 2003: Kap. 2: 15 f).

 

 

Quellen

Baratta, Mario von (2001): Der Fischer Weltalmanach 2002. Zahlen. Daten.  Fakten. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Berkeley, Bill (2001): The Graves are not yet Full. New York: Basic Books.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (1999): Afrika 1 Zeitschrift 264. Bonn: Schwann Bagel GmbH & Co KG.

Diamond, Jared (2005): Collapse. London: penguin group.

Die Bibel – Die heilige Schrift. Altes und neues Testament. Nach einer Übersetzung von Luther.

Gleichmann, Peter; Kühne, Thomas (Hrsg.) (2004): Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert. Essen: Klartext Verlag.

Harding, Leonhard (1998): Ruanda – der Weg zum Völkermord. Vorgeschichte – Verlauf –Deutung. Hamburg: Lit. Verlag.

Hoering, Uwe (1997): Zum Beispiel Hutu & Tutsi. Der Völkermord hätte verhindert werden können, befand ein UN-Bericht. Göttingen: Süd-Nord-Lamuv.

Kimenyi, Alexandre (1978): A Relational Grammar of Kinyarwanda. Volume 91. London: University of California Press.

Kimenyi, Alexandre (2002): A Tonal Grammar of Konyarwanda – an Autosegmental and  Metrical Analysis. Volume 9. New York: The Edwin Mellen Press.

Mamdani, Mahmood (2001): When Victims Become Killers. Colonialism, Nativism, and the Genocide in Rwanda. Princeton, New York: Princeton University Press.

Melvern, Linda (2000): A People Betrayed. The Role of the West in Rwanda's Genocide. London, New York: Zed Books.

Newbury, Catharine (1988): The Cohesion of Oppression. Clientship and Ethnicity in Rwanda 1860– 1960. New York: Columbia University Press.

Scholl-Latour, Peter (2001): Afrikanische Totenklage. München: Bertelsmann Verlag.

Semujanga, Josias (2003): The Origins of Rwandan Genocide. New York: Humanity Books.

Wikipedia, Ethnie: 05.10.2006, 12:35 Uhr., http://de.wikipedia.org/wiki/Ethnie

Wikipedia, Rasse: 05.10.2006, 12:40 Uhr. http://de.wikipedia.org/wiki/Rasse

Wikipedia, Ruanda: 05.10.2006, 15:40 Uhr.   http://de.wikipedia.org/wiki/Ruanda

 

Der Konflikt zwischen Kapital und Globalisierungskritikern in Australien und die Ebene der Selbstsicht: Gramsci und Hegemonie

Inwieweit wird der ökonomische Konflikt zwischen den dem globalen Kapital verpflichteten Institutionen und den globalisierungskritischen Aktivisten in Australien auf der Ebene der nationalen und kulturellen Selbstsicht ausgefochten? Eine hilfreiche theoretische Plattform zur Erklärung der Zusammenhänge zwischen dem externen und dem intra-persönlichen Spannungsverhältnis liefert das Hegemoniekonzept von Antonio Gramsci, deren Applikation im Folgenden umrissen werden soll.

Der italienische, kommunistische Theoretiker versuchte in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts am Beispiel Italien zu erklären, warum sich eine zahlenmäßig relativ kleine Gruppe an der Macht über die Massen halten kann, deren Interessen ihnen eigentlich diametral gegenüberstehen. Damit versuchte er zu erhellen, warum der von Marx postulierte Automatismus des Siegeszuges der Arbeiterklasse nicht eintritt, selbst wenn ein zahlenmäßiger Vergleich der beiden Gruppen eigentlich eine Revolution nahe legen würde. In seinen in politischer Haft verfassten Prison Notebooks findet er eine Erklärung in dem von ihm mit dem Begriff „Hegemonie“ benannten Konzept.

Obwohl er sich nie auf eine genau Definition des Begriffs einließ, lässt sich doch eine allgemeine Bedeutung seiner Auslegung konstruieren. Peter Ives schreibt: [quote] „Among all the different possible meanings for the term, one common element is that it helps explain why large groups of people continually aquiesce to, accept and sometimes actively support governments- and entire social and political systems – that continually work against their interests.“ Ives, 2004, S. 6. [/quote]

Die kleinere, aber dominante Gruppe schafft es, die anderen politischen Entitäten einer Gesellschaft davon zu überzeugen, dass ihr Einflußmonopol nicht nur im Interesse aller und somit legitim, sondern sogar alternativlos ist. Sie wird als natürlich, vom Sachzwang her unabänderlich oder gottgegeben dargestellt. Darüber noch hinaus wird selbst die Möglichkeit, sich eine andere Herrschaftsform auch nur vorzustellen, geschweige denn eine andere als die paradigmatische Gruppe mit Macht auszustatten, unmöglich gemacht. „In a nutshell, Gramsci redefined hegemony to mean the formation and organisation of consent.“ (Ives, 2004, S. 2).

Eine solche totale Kontrolle der öffentlichen und privaten Vorstellungskraft wird nur durch einen möglichst umfassenden Einfluss auf die meinungsbildenden Institutionen und die Instanzen menschlicher Sozialisierung erreicht. Der Einfluss muss bis in die Diskurse und Narrative, die das Selbstverständnis der breiten Masse ausmacht, ausgedehnt werden. Die wichtigsten Organe zur Errichtung einer Hegemonie der Wenigen sind dementsprechend auch die Medien und das Bildungssystem, obwohl auch alle anderen staatlichen und privaten Institutionen für die Weiterverbreitung des hegemonialen Absolutheitsanspruchs genutzt werden können. Nur so kann garantiert werden, dass die Bedingung der Möglichkeit von Kritik am herrschenden Paradigma für die breite Masse erst gar nicht entsteht.

[quote]„For Gramsci, the hegemonic process must go beyond corporate interests and become universal, altering people's very identities through the creation of a collective will.“ Ives, 2004, S. 112. [/quote]

Peter Ives argumentiert in Language and Hegemony in Gramsci, dass auch die herrschenden Eliten in formal liberalen Systeme und Demokratien ihre eigene, verdeckte Hegemonie betreiben. Dabei funktioniert sie vielmehr wie eine Sprache, die nicht so sehr festlegt, was gesagt wird, als vielmehr die Regeln, wie etwas gesagt wird, definiert und so das Aussagbare in einem Denkrahmen begrenzt (Ives, 2004, Kap. „Language and Hegemony in the Prison Notebooks“, S. 63-101).

Teil der Attraktivität dieses Systems selbst für diejenigen, die dadurch eigentlich geschädigt werden, ist, dass es lange Phasen politischer Stabilität garantieren kann. Die Ausübung der Herrschaft muss nicht fortlaufend mittels offen zur Schau gestellter Aggressivität erhalten werden, wenn sie auch per Diskurs und manufactured consent aufrecht erhalten werden kann.

[quote]„In other words, can we say a society is free of domination if the government or state is not using overt coercion and physical force to dominate its subjects? Gramsci would answer, no. And hegemony is a central concept in analysing domination.“ Ives, S. 6. Für eine Diskussion der Ähnlichkeiten zwischen Gramsci und Foucault, insofern ihre Konzeptionen von Macht im Diskurs betroffen sind, vergleiche Ives, 2004, 142ff. [/quote]

Sind sich die Vertreter des herrschenden Paradigmas der Wenigen allerdings der universellen Akzeptanz ihres Herrschaftsanspruch nicht vollständig sicher, werden wieder robustere Formen sozialer Kontrolle ausgeübt. Verity Burgmann formuliert mit Blick auf die Ereignisse in Seattle und danach noch allgemein:

[quote] Increasing violent repression of counter-globalisation protests on the part of nation-states could be interpreted as a sign of weakness rather than as strength. Antonio Gramsci (1971, S. 238. u.a.) argued that overt forms of social control are the resort of societies where 'hegemony' is weak such as Czarist Russia. (Burgmann, 2003, S. 326) [/quote]

Der in Melbourne ansässige Politologe Damian Grenfell erweitert die Aussage und bezieht sie auf die Situation der globalisierungkritischen Bewegung in Australien:

[quote] The police violence at S11 and elsewhere is a likely response by state authorities that are drawn into protecting the interests of global capitalism, as the state is forced to fall back upon its resources of violence to manage protest in the face of decline in its legitimacy. (Grenfell, 2001, S. 233) [/quote]

Mit der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Globalisierungskritik, selbst durch die bewusst voreingenommen Medien, tauchte der Glimmer einer Alternativmöglichkeit zum omnivoren kapitalistischen Kulturprojekt auf. Die Reaktion der zunächst verunsicherten Autoritäten war dementsprechend extrem. Die momentane Verunsicherung des Machtapparates schlug sich in Gewalt nieder. Danach folgte die öffentliche Herabsetzung und der Ausschluss

Aber auch nach dieser nach Gramsci vorhersehbaren Entgleisung bleibt es doppelt verwunderlich, dass sich im nationalen Diskurs Australiens Narrative halten, die in ihrer Grundstruktur anti-hegemonial ausgerichtet sind, die Divergenz und Widerstand zelebrieren. Auch hierzu gibt der Italiener eine Erklärung: Die wirtschaftliche Elite nutzt auch die eigentlich gegen sie gerichteten Kulturbausteine und deutet sie um oder kommodifiziert sie, indem sie radikale Anteile unter- und ihr zuträgliche Elemente überbetont.

Sowjetische Plattenbauten in Kabul

Am nächsten Tag half mir unser Lehrer Mir Afzal die sowjetische Wohnsiedlung zu finden, in der Nabil mit seiner Familie wohnt. Es gibt an den Rändern von Kabul mehrere solcher Plattenbausiedlungen, wie sie es auch bei uns gibt, manchmal ja auch ziemlich heruntergekommen. Hier ist nur überhaupt kein Grün dabei (ehemals gab es wohl welches, ein paar sehr, sehr dürre Bäume stehen oft noch herum) und die Gebäude sind voller Einschusslöcher, selten auch teilweise eingestürzt. An einer Stelle stehen noch Baukräne, das Haus dabei ist halb fertig (aber bewohnt) und Baumaterial liegt daneben. Wahrscheinlich seit Abzug der Russen. Die Plätze zwischen den Häusern sind voller Kinder, überall hängt die Wäsche und auf dem Boden Müll, zum Teil allerdings etwas ordentlicher auf einem Haufen. Direkt an dem Haus von Nabil trafen wir ihn. Mir Afzal konnte ihm erklären, dass ich erst kommen wollen würde, wenn das Gepäck da ist und dass ich leider überhaupt keine Zeit hätte, weil ich arbeiten müsse. Er zeigte uns noch seine Wohnungstür (durch ein enges, angebautes Treppenhaus ging es zum zweiten Stock). So schmuddelig alles auch ist und ganz viel roher Beton, es wird überall daran gebaut und nachgebessert und angestrichen. Mich gruselt es trotzdem, wenn ich diese Wohnblocks sehe. Ich denke das Eingesperrt -sein ist für die Frauen noch eher auszuhalten, wenn es immerhin einen Innenhof gibt, Bewegungsmöglichkeit. Zum Teil sind die paschtunischen Höfe riesig und es leben viele Menschen darin. Aber in diesen Plattenbauten, da sitzen die Frauen dann in drei Zimmern, Küche, Bad. Und wenn Besuch kommt, werden sie in den Vorratsraum gesperrt (das habe ich im Ernst schon gehört). Die Sowjets hatten natürlich ein anderes Geschlechter-Konzept. Aber nun, da sie so gründlich gescheitert sind, haben sie lauter Gefängnisse gebaut. Und Minen. Passt ja. Mittwoch, 27. November

Salsa, Zivilgesellschaft, MG’s in Bogotá, Genossenschaften in Medellin, Friedensgemeinde in San José und Relaxen in Trigaba

Bogotá liegt in den Anden auf etwa 2000m Höhe und hat etwa 7 Mio. Einwohner. Diese Stadt ist eine moderne Metropole, die jeder anderen Weltstadt in nichts nachsteht (naja, es gibt keine U-Bahn ;-)). Das Erste, was einem auffällt, wenn man sich in der Stadt aufhält, sind die Polizei- bzw. Militärwachen, die wirklich an jeder Ecke stehen. Junge Männer in meinem Alter (wahrscheinlich meist etwas jünger) mit riesigen Maschinengewehren. Schon einschüchternd. In den ersten Tagen besuchten wir die Universidad Nacional und einige der Museen Bogotás (Goldmuseum, Botero). Wir waren auch auf einer Veranstaltung namens Lucha Libre (Übersetzung: freier Kampf), so eine Art Ringen, bei dem alle Teilnehmer dämliche Masken tragen und eigentlich alles nur einstudiert ist und wenig frei. Die erste halbe Stunde war sehr amüsant, danach fragt man sich nur noch, warum sich Menschen dafür begeistern können. Die ersten Salsastunden bekamen wir beim Ausgehen auch recht zügig. Höhepunkte des Besuchs in Bogotá waren Ausflüge in die Stadtteile Usme und die Cuidad Bolivar, beide ihres Zeichens Marginalviertel, in denen eher sozial schwächere Bewohner der Stadt anzutreffen sind. In Usme wurden wir zu einer Rancha geführt. Sehr ländlich wurde dort Vieh gehalten. Leben dort schien zeitversetzt, nur eben schaute man beim abendlichen Bier von den Bergen aus auf das Lichtermeer Bogotás. Die Cuidad Bolivar erkundeten wir mit Hilfe eines Bekannten, dieser arbeitet vor Ort in einer Stiftung, die Projekte mit Kindern und Jugendlichen organisiert. Ziel: Bildung einer Zivilgesellschaft. Dass das manchmal schwierig ist, zeigt der Fakt, dass einige der Lehrer und Leiter auf Grund ihrer kritischen Lehrinhalte schon ermordet wurden.

Von Bogotá aus machten wir uns auf den Weg nach Medellin, diese Stadt erlangte in den 80er Jahren Berühmtheit als Heimatstadt des Drogenkartells von Pablo Escobar. Bis Anfang der 90er Jahre galt sie als gefährlichste Stadt Südamerikas gemessen an der hiesigen Mordrate. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Nur die großen Fincas der ehemaligen Drogenbarone der Stadt erinnern heute noch an diese Zeit, die Besitzer haben allerdings längst die Hände gewechselt. Ein anderes Überbleibsel ist die ausgedehnte Rotlichtszene, in deren Mitte sich unser Hotel befand. Gleich ganze Familien schlafen dort nachts auf der Strasse. Im Eingang des Hotelfoyers stand ein Mann mit Skimaske und einem Schlagstock. Medellin genießt ebenfalls den Ruf als „Stadt des ewigen Frühlings“. Das Klima war im Gegensatz zu Bogotá recht angenehm. Die Tage vor Ort hatten wir einen Stadtführer, einen Mitarbeiter einer der größten Genossenschaften Medellins. Interessantes Phänomen: Kleinunternehmer schließen sich zu Genossenschaften zusammen um so Resourcen zu poolen und Risiken zu mindern. Die Taxifahrer beispielsweise können innerhalb dieser Genossenschaften entscheiden, wie ihre Beiträge verwendet werden, welche Projekte gefördert, welche Kredite vergeben werden. Im Falle von Reparaturen kümmert sich die Genossenschaft um die Instandsetzung. Das passiert, weil der öffentliche Kreditmarkt für diese Personen nicht zugänglich ist. Zurück zu Medellin. In Medellin gibt es das erste S-Bahnnetz Kolumbiens. Das hat rund 80 Mio. Pesos gekostet, allerdings nur, weil das Projekt 3mal gestartet werden musste. Die ersten beiden Male sind wichtige Entscheidungsträger mit dem Geld durchgebrannt. Interessant in diesen Großstädten ist außerdem, dass man sich ohne Probleme in europäischen Verhältnissen bewegen könnte, wenn man wollte. In jeder Stadt gibt es eine Zona Rosa, so eine Art Spaß-Viertel, in dem uns bekannten Ketten ihre Vertriebspunkte haben oder Restaurants und Clubs dem europäischen oder amerikanischen Zeitgeist hinterher rennen. Dort bewegt sich in der Regel die Oberschicht der Stadt.

Auf dem Weg in den Norden zur Karibikküste Kolumbiens machten wir einen letzten Halt in der Friedensgemeinde San José. Die oben erwähnte Militärpräsenz in Bogotá sowie im ganzen Land lässt sich erklären durch anhaltende Kämpfe zwischen Guerilla, Militärs und Paramilitärs. Um ehrlich zu sein, bin ich bis an’s Ende der Reise nicht ganz dahinter gestiegen, warum wer gegen wen kämpft. Dies würde wahrscheinlich wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Fest steht, dass diese Friedensgemeinde mit derzeit etwa 200 Bewohnern keine Autoritäten auf ihrem Gelände duldet. Dies führt natürlich dazu, dass die gewaltbereiten Truppen eine Zusammenarbeit mit der jeweils anderen Partei befürchten. Im letzten Jahr sind etwa 10% der Bevölkerung der Gemeinde durch Massaker und Morde gestorben. Wir fuhren mit Jeeps zu dem Gelände, welches derzeit einen Stützpunkt der Peace Brigades International beherbergt. Wir hatten uns vorher mit den Leuten vor Ort verständigt und so die Sicherheitslage oder etwaige Anfahrtsschwierigkeiten mit ihnen besprochen. Die beiden Mitarbeiter von den Peace Brigades stellten uns den Dorfbewohnern vor und erklärten uns ihre Aufgaben in der Gemeinde. Die Gemeinde war beeinruckend. Überall rannten Hühner, Schweine, Katzen und Hunde durch die Gegend. Zwischen Ihnen spielten Kinder. Eine ärztliche Versorgung gibt es nicht. Die Eltern geben den Unterricht in der Schule. Alles wirkte unheimlich idyllisch und friedlich. Doch unmittelbar im Dorf nebenan wurde von der kolumbianischen Regierung eine Militärbasis errichtet, so dass es von bewaffneten Soldaten außerhalb des Geländes nur so wimmelte. Die Leute aus der Gemeinde berichteten, dass es vor einiger Zeit in dem benachbarten Dorf einen Angriff der Paramilitärs gegeben hat, bei denen u.a. 20 Häuser in Brand gesetzt wurden. Nach dem Abzug der Paramilitärs erschienen dieselben Leute in Militäruniform und halfen beim Löschen. Solche Geschichten tragen zum Unverständnis der Lage vor Ort bei und erklären trotzdem ganz gut, warum sich solch eine Gemeinde bildet. Wir wurden mit viel Gastfreundlichkeit empfangen und das Interesse Außenstehender wurde begrüßt.

Der letzte Tag sollte etwas zur Entspannung dienen. Etwas weiter im Norden nahmen wir ein Schnellboot an einen abgelegenen Strand namens Trigaba. Als wir dort ankamen, fühlte ich mich etwas wie im Film „Die blaue Lagune“. In der ganzen Bucht gab es 4 oder 5 Häuser, die normalerweise schon als Hotels dienen, die aber zum Zeitpunkt unserer Anreise völlig leer standen. Bei einer älteren Frau, die ein bisschen die Rolle der guten Omi übernahm, kamen wir unter. Regenwald, Papageien, ein altes Fischerboot in der Bucht, ein Wrack, das vor wenigen Monaten erst gesunken war, Geckos an den Wänden unserer Hütte – Wahnsinn! Wir waren tatsächlich die einzigen Besucher. Wir wurden mit leckeren Meeresfrüchten versorgt, schnorchelten um das Wrack, lagen faul am Strand, tranken Bier und spielten Skat. Die Fischer des Bootes luden uns schließlich auch noch ein und schenkten uns riesige Muscheln, die sie beim letzten Fang mit im Netz hatten. Schade, dass wir nicht mehr Zeit hatten 🙁

Die Rückreise nach Bogotá dauerte mehr als 24 Stunden. Alle Busfahrten waren für mich mehr als unangenehm. Eine vernünftige Infrastruktur gibt es in Kolumbien nicht. Bedingt durch die Anden sind die meisten Strassen Serpentinstrassen und oft gibt es keinen Asphalt. Ich glaube fest, dass die Busfahrten die gefährlichsten Aktionen waren, die wir in diesem Land unternommen haben.

Mein Fahrrad ist da, aber…

Zu Hause war mein Fahrrad da, das mir Rafiulah stolz vorführte. Ich bedankte mich sehr, merkte aber bald, dass es einiges zu reparieren gab, bevor ich damit würde fahren können. Vor allem die Konstruktion der Bremsen hielt einer einfachen Benutzung nicht stand. Mit Rafiulah stimmte auch irgendetwas nicht und ich bekam durch Nachfragen heraus, dass das Fahrrad nun doch etwas teurer geworden war. Das ließ sich einfacher regeln, als die Reparaturen. Kurz darauf kam Nabil, der Cousin von Bhopal (mit dem ich in Deutschland Dari angefangen hatte zu lernen). Leider war Nabils Englisch ausgesprochen schlecht. Er verstand mich überhaupt nicht, was ich erst nach einer Weile herausfand, weil er immer das Gegenteil behauptete: „Yes, yes, I understood you!” Ich setzte ihm Tee und ein paar Süßigkeiten vor, die er am Ende einfach alle mitnahm. „That’s your gift!” behauptete er. Warum ich mich noch nicht gemeldet hätte. Ich solle auf jeden Fall morgen zu ihm kommen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich immer noch auf mein Gepäck warte und dass ich erst zu ihm wolle, wenn ich die Sachen mitbringen könne, die mir Bhopal mitgegeben hätte. “Yes, I understand.” – Na super. Kaum war er weg, merkte ich schon, dass es mit ihm sehr anstrengend ist. Ich war total müde nach dem kurzen Besuch. Dienstag, 26.November