Ostern in Peru: Märchenfilme, Traurige Musik bei der Prozession, freudige Lieder bei der Auferstehung, Besuch, leckeres Essen

Ich komme aus einer kleinen Stadt in Peru mit dem Namen „Concepcion“. In meiner Stadt gibt es 2000 Einwohner. Zu Ostern wird bei uns ein großes Fest gefeiert. Viele Menschen kommen dann sogar aus den großen Städten zu uns.

Für uns beginnt alles bereits am Mittwoch Abend. Meine Schule war und ist immer noch sehr katholisch. Deshalb organisieren die Nonnen und Lehrer der Schule eine große Prozession. Ganz früh am Mittwoch Morgen beginnen wir unseren Umzug. Er dauert ungefähr 4 Stunden. Vorne läuft der Religionslehrer und liest die Bibel und wir gehen dahinter und singen und beten den Rosenkranz.

Die Leute essen ab diesem Tag kein Fleisch mehr – bis Sonntag, wenn die auf Auferstehung ist. Im Fernsehen laufen nun fast den ganzen Tag Kindermärchen (für Groß und Klein). Es beginnt vormittags für die Kinder und später laufen für die Filme für die Erwachsenen, wie zum Beispiel der Film „Die Passion von Christus“.

Am Donnerstag Abend treffen sich die Jungendlichen mit Freunden und wandern in die Berge. Dort übernachten wir mit einem Lagerfeuer, denn am Donnerstag gibt es keinen Unterricht. Es wird Gitarre gespielt und wir singen bis spät in die Nacht (…aber manchen machen auch andere „Sachen“).

Am Freitag gehen wir in die Kirche. Dort hat der Priester zusammen mit den Gläubigen ein Theaterstück einstudiert, wo die Passion von Christus nachgespielt wird. Während dessen arbeiten andere Gläubige an der Vorbereitung für die Prozession. Viele haben schöne Teppiche dafür gemacht. Andere haben etwas auf den Boden gemalt. Danach verteilen die Gläubigen die schönsten Blumen auf der Erde.

Die Prozession am Karfreitag ist in zwei Gruppen geteilt, eine mit Jesus und eine andere mit der Jungfrau Maria- Sie beginnen an verschiedenen Kirchen und verlaufen im Kreuz um den Zentralpark von Concepcion. Die Leute begleiten die Heilige Statue mit traurigem Gesang und Gebeten.

Am Sonntag sind die traurigen Tage vorbei. Es ist jetzt die Auferstehung von Christus. Es gibt keine traurigen Lieder mehr. Jetzt spielen Bands traditionelle Folklore auf der Straße. Viele Leute Tanzen mit Masken und sehr bunten Kostümen. Es ist auch eine Zeit, um die Familie wieder zu sehen. Bei mir zu Hause ist es so, dass meine Oma immer viele Besucher bekommt. Um die Besucher glücklich zu machen, ist es wichtig, dass es viel zu essen gibt. Wir haben ganz lecker gekocht, zum Beispiel Meerschweinchen (mit leckerer Soße, Kartoffeln und Reis).

Aber die echte Arbeit, das ist die traditionelle Pachamanca. Um das vorzubereiten hat mein Vater ein Loch in die Erde gemacht. Dort werden Steine mit Feuer heiß gemacht, damit das Essen gekocht werden kann. In das Loch kommen zuerst Bohnen, Kartoffeln, süße Kartoffeln, Schweinefleisch, Rindfleisch und kleine Kuchen die aus Mais gemacht wurden. Dann wird das Essen mit den heißen Steinen zugedeckt und am Ende mit Erde. So bleibt es ungefähr eine halbe Stunde. Dann ist es fertig und wir können essen! Wenn schönes Wetter ist, essen wir in unserem Garten auf dem Rasen oder wir gehen in einen Park … aber im Park gibt es schon viele Leute, die auch dort essen.

Bei diesem großen Essen sind alle bei uns zu Besuch. Also auch die Brüder und Schwestern von meiner Oma, meinem Opa und meiner Mutter. Natürlich haben alle ihre Kinder mitgebracht. So können meine Cousins und Cousinen miteinander spielen. In Wirklichkeit ist es ziemlich hart an diesem Tagen, weil wir viel vorbereiten müssen…

Am Montag beginnt dann wieder Schule.

Afrika und Kuba

Durch den Sklavenhandel, der in früherer Zeit durch die Spanier auf Kuba betrieben wurde, ist ein großer Teil der Bevölkerung, man schätzt etwa 50%, afro-kubanischer Abstammung und somit farbig. Der überwiegende Teil davon lebt im Osten der Insel.

In den 70er und 80er Jahren standen deren religiöse Rituale unter Strafen und die Priester wurden öffentlich schikaniert. Anfang der 90er Jahre wechselte die Regierung Castros ihre geistige Haltung und kooperiert seither mit einigen dieser religiösen Gruppen.

Bei einem Spaziergang durch die Stadt blieb ich neulich vor einem Haus stehen, aus dem laute Musik and Getrommel tönte. Nach kurzer Zeit bat mich eine ältere Frau herein. Im Inneren war eine Zeremonie im vollen Gange. Eine Priesterin der Religion Oruba lief mit einem Palmenwedel durch die Gegend und schlug damit den vor ihr knienden Gläubigen auf den Rücken und gab dabei ein etwas gruselig klingendes Gelächter von sich. Auf dem Altar waren eine Reihe von Opfergaben aufgetürmt, darunter Früchte, Süßigkeiten, Fleisch und Fisch. Eine Gruppe von etwa 5 Trommlern spielte energiegeladene, afrikanische Rhythmen und in einem viel zu kleinen Raum rieben sich Massen schweißgebadeter, schwarzer Körper aneinander. Was für ein Schauspiel!

Unterricht mit Afghanen: In der Schreinerwerkstatt in Hezarak

Ich glaube, Einnullah kann recht gut erklären und die Azubis haben viel (fachlichen) Respekt vor ihm. Aber als praktischen Lehrer muss ich ihn immer wieder auffordern, nicht alles selbst zu machen, sondern zu zeigen und dann machen zu lassen und vor allem, dann auch dabei zu bleiben. Oft steht er nur herum und wartet, dass jemand ihn anspricht. Dabei sehe ich bei meinen Rundgängen durch die Werkstatt so vieles, was ich korrigieren, erläutern oder zeigen kann. Und er sieht ja mit Sicherheit mehr, weil er vertrauter mit dem Handwerkszeug ist.

Was ihm vor allem aber fehlt, ist Struktur und Planung. Wenn ich ihn bitte, im theoretischen Unterricht (meist so 1 – 2 Stunden am Anfang des Tages, da ist die Werkstatt eh noch sehr kalt) zum Beispiel über den Hobel zu erzählen, dann läuft er zu Höchstform auf. Die Leute hören interessiert zu und können hinterher auch gut wiederholen, was er gesagt hat. Unseren Unterricht machen wir in dem etwa 12 qm großen Raum, in dem ich zuvor geschlafen habe. Es gibt Sitzmatten und eine weiße Tafel für abwaschbare Filzstifte. Den theoretischen Unterricht finde ich übrigens das Tollste überhaupt. Weil die Schüler so wach und aktiv sind.

Es ist einfach, sie zu bitten, nach vorne (das hört sich nach Raum an, aber die vorderen müssen sich nur umdrehen, so eng sitzen wir) zu kommen und selbst etwas zu erklären. Und meinen Ausführungen lauschen sie wirklich gebannt. Ich glaube auch, dass sie viel verstehen, weil ich sie öfter wiederholen lasse und weil sie oft auch richtig gute Fragen stellen. Die wollen wirklich wissen, wie ein guter Schreiner arbeitet.

Einmal habe ich sie auch Klassenstunden machen lassen und heraus kam eine ganze Liste mit Sachen, die sie noch brauchen, z.B. eine abwaschbare Decke für das Essen oder Plastikkannen für das Waschwasser vor dem Mittagsgebet. Zwischendurch habe ich selbst etwas ausprobiert, eine eher komplizierte Rahmenverbindung für eine Kistenecke, also aus drei Richtungen. Die war zu meinem eigenen Erstaunen ohne Leim bombenfest und hat meiner (fachlichen) Autorität bestimmt auch gut getan.

Etwas vermurkst habe ich mich dagegen mit meiner Art, meine Säge zu schärfen. Meine Säge ist danach scharf, aber sie ist in 2 oder 3 Punkten entgegen dem deutschen Lehrbuch (und ich glaube, das Lehrbuch ist besser als ich) und zusätzlich glaube ich, dass die afghanische Art, die Säge zu schärfen, besser ist als das deutsche Lehrbuch. Nun habe ich aber schon einigen Lehrlingen meine Art gezeigt und auch Einnullah traut sich nicht mehr so richtig, seine Art und Weise den Lehrlingen zu zeigen. Mal sehen, wie ich da wieder rauskomme.

16. Januar

Einnullah, der Co-Teacher auf dem Schreinerhof in Hezarak

Irgendwann bekomme ich Abdul Einnullah vorgestellt: Er sei ein sehr guter Schreiner, mit ihm solle ich zusammenarbeiten. Abdul Einnullah ist etwa dreißig Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann mit einer spitzen Nase, spitzbübischem Gesicht und braungebrannt. In der Zeit bevor ich kam, als ein Teil meiner Azubis und andere für das UNHCR-Programm Fenster bauten, war er mit als Ausbilder beschäftigt. Er sei ganz arm, wird mir berichtet, gerade arbeitet er in Kabul in einer anderen Werkstatt mit, hat aber eine Frau und ein kleines Kind in der südlichen Nachbarprovinz Logar. Er zeigt mir sein Zimmer in Kabul: Etwa 2,5 x 3,5 m groß und sie übernachten dort, soweit ich zählen konnte, zu sechst.

Ich frage ihn, ob er mit mir Werkzeug für die Auszubildenden einkauft und zusammen (auch Svenja ist mit dabei) ziehen wir zwei Tage später los. Das hat viel Spaß gemacht, mit ihm zusammen Hobelmesser zu begutachten, die Zähne der Sägen genau anzuschauen und mit den Fingern über Bohrerspitzen zu streichen. Schnell wurde mir aber klar, dass er nicht allzu gut verhandeln kann und auch die Preise weniger gut kannte, als ich zuerst dachte: Er ist nie zur Schule gegangen und die Worte, die er schreiben kann, hat er sich selbst beigebracht. Leider haben wir viel zu viel Zeit gebraucht und es war schon abends und ich durchfroren, als wir endlich nach Hause sind. Eingekauft hatten wir in einer so engen Gasse, dass das Auto (für einen Tag vom Entwicklungsdienst) dort nicht hinkonnte. So hatte ich zwei Leute mit einer Schubkarre als Träger (oder Fahrer?) bezahlt, die mir das Zeug zum Auto brachten. Auch ein Gewerbe: Betriebsmittel Schubkarre. Für eine Fahrt verdienen sie normal 5 – 10 Afghani, also etwa 10 – 20 Euro-Cent.

Danach bat ich ihn, mir bei der Planung (inhaltlich und zeitlich) meiner Ausbildung zu helfen, zusammen mit meinem Übersetzer. Das war sehr anstrengend, zwei Tage lang, aber hat auch viel Spaß gemacht. Halima, die Putzfrau, bat ich für ein Extrageld, für uns zu kochen, weil ich wusste, dass einfach so Brot und Butter zum Mittagessen für die Afghanen undenkbar ist.

Leider stellte sich später heraus, dass die Zeitvorgaben von Einnullah recht unrealistisch waren. So hatten wir am Ende der Ausbildung geplant, sie alle einen kleinen Schrank für sich selbst bauen zu lassen. Aber nachdem wir für das erste Fenster anstelle der veranschlagten 3 Tage 3 Wochen gebraucht hatten, war klar, dass wir das gesamte Programm zusammenstreichen mussten. Und ich war in der doofen Lage, auch gegenüber den Verantwortlichen von NGE, irgendetwas vorweisen zu müssen, was wir denn so produzieren und zwar nicht für die Auszubildenden privat. Sie bekommen ja schon Werkzeug, Geld für die Ausbildung, Essen, und wir ließen sie eine Werkzeugkiste für sich bauen.

Als ich ihnen also irgendwann erklären musste, dass das mit dem Schrank wohl nichts werde, wurde es sehr unangenehm für mich. Sie hätten ihren Eltern schon davon erzählt, das müsse jetzt auch gebaut werden. Nur mühsam konnte ich die Wogen glätten. Aber ich glaube, nun bin ich nicht mehr der so ganz tolle Fremde. Einnullah, der Schlingel, der daran ja nicht ganz unbeteiligt war, stellte sich der Einfachheit halber auf die Seite der Schüler und bat mich, den Schrank doch bauen zu lassen. Ich war begeistert. Später stellte sich diese meine Androhung, den Schrank nicht bauen zu können, als sehr gelungene Aktion heraus: die Lehrlinge arbeiteten sehr viel schneller und einen gemeinsam erarbeiteten Zeitplan konnten wir so gut einhalten, dass schließlich doch noch Zeit für den Schrank übrig war.

Am Anfang bedachte ich Einnullah noch mit kleineren Geschenken, z.B. mit einem meiner Pullover, weil er immer im dünnen Hemdchen herumlief und ganz offensichtlich fror. Dass er barfuss in Plastiksandalen im Schnee herumläuft, ist dagegen hier ganz normal. Strümpfe würden ja auch nass. Das Taxi und das Essen bezahlte ich, klar. Er mühte sich auch, mir etwas zurück zu schenken, z.B. einen bemalten Holzvogel oder einmal, als ich ihn besuchte, kaufte er mir beim vorbeifahrenden Händler eine Tüte voll Pistazien. Ich war gerührt.

Nach dem ich aber so kräftig an meinem Image des superreichen Deutschen gebastelt hatte, versiegten diese Gegengeschenke verständlicherweise und wurden eher zu Forderungen an mich. Mir passierte dann das Gleiche, wie jedem anderen Fabrikbesitzer: meine tolle Gönnermiene kann ich nur aufbehalten, wenn ich freiwillig schenke und nicht mit eingeforderten Rechten konfrontiert werde. Ich reagierte also verstockt und ließ ebenfalls deutlich nach in meinem Geschenkeifer. Besonders, nachdem mir Einnullah seine Gehaltsforderung präsentierte: 300 Dollar pro Monat. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob er wirklich weiß, wie viel das ist. Jedenfalls ist es mehr als die vergleichsweise gutverdienenden Ingenieure von NGE verdienen, nur Said Machmat und Mir Rachim verdienen mehr.

Von Anfang an war nicht klar, wer Einnullah denn nun eigentlich bezahlt. Mir Rachim von NGE meinte, das sei Sache vom Entwicklungsdienst. Für Einnullah hätten sie auch kein Geld. Was mich sehr erstaunte bei dem vielen Geld, das sie für meinen Workshop bekommen sollten. Ich rechnete nach und kam auf höchstens 6000,- Dollar, die an Kosten anfallen würden, inklusive Bezahlung von Einnullah.

Meine Berechnungen legte ich meinem Ansprechpartner Said Machmat vor, mehr zur Kenntnisnahme und ohne groß darauf herumreiten zu wollen. Ich wollte nur, dass sie wissen, dass da jemand nachrechnet. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, dass ich damit immer mehr in ihre finanziellen Geschichten involviert wurde, z.B. in das im Vergleich zum Ergebnis zu hoch abgerechnete Essensgeld für meine Auszubildenden.

Zusätzlich fühlte ich mich aber auch verantwortlich für den Lohn von Einnullah. Irgendwie hatte ich es ja akzeptiert oder bejaht, oder gewollt, mit ihm als Co-Teacher zusammen zu arbeiten. Zeitweilig überlegte ich gar, ihn notfalls für zwei Wochen selbst zu bezahlen. Einnullah hatte auf das Versprechen der Einstellung hin inzwischen seine Untermiete bei dem anderen Schreiner in Kabul aufgegeben.

Ich fragte also beim Entwicklungsdienst nach, wie und ob eine Einstellung möglich sei. Nein, meinte Holger Balke, einstellen könnten sie ihn nicht. Aber es sei möglich, dass der Entwicklungsdienst einen u.U. hundertprozentigen Gehaltszuschuss an NGE zahle. NGE müsse dafür einen Antrag stellen. Ich ging wieder zu NGE und erzählte davon.

Aus Versehen erwischte ich die falsche Hierarchieebene: Ich sprach mit dem (Holländer) Peter Beckum und verärgerte Said Machmat, der den Antrag aber schließlich schrieb. Beim Entwicklungsdienst war Karl Anders inzwischen aus dem Urlaub zurück, der offensichtlich auf jedweden Antrag verärgert reagiert und deshalb einfach nichts tut, bis man ihn fragt. Das bemerkte ich zwei Wochen später und hatte dann ein rundherum unerfreuliches Gespräch mit ihm. Seine Entscheidung ließ er weiterhin offen, so dass ich immer noch nicht wusste, ob und wie hoch Einnullah bezahlt wird.

Während unserer theoretischen Vorbereitung des Workshops holte ich Einnullah und meinen Übersetzer Sadat auch einmal von zu Hause ab, auch um zu sehen, wie Sadat denn so wohnt. Zufällig wohnt er ganz in der Nähe von Einnullah, von meinem Gästehaus aus aber am anderen Ende der Stadt. Im Grund sind die Häuser immer ziemlich gleich. Ein von hohen Mauern umgebener Hof, drinnen Lehmbauten mit großen Fenstern nach innen zum Hof hin. Die Freifläche fast immer vertrocknet und mit mehr oder weniger viel Gerümpel. Und in einem Raum, in dem sich garantiert keine Frauen aufhalten, gibt es Tee. In dem Raum sind meistens auch keine Möbel, manchmal ein Wandschrank, meist rohe Lehmwände, an der Decke sind die schmalen Holzbalken, auf denen Schwarten liegen, durch die wiederum ein Strohlehmgemisch sichtbar ist. Auf dem Boden Teppiche, rings rum an den Wänden Sitzkissen, manchmal in einer der Ecken gestapelte Matratzen.

Auf dem Hinweg hatte ich einen dieser “Milli”- Busse gesehen (Milli ist wohl irgendein Name) und die Idee bekommen, statt mit dem Taxi, mit einem dieser Busse zum Gästehaus in Taimani zurückzufahren. Sadat war hellauf begeistert: Da kommt dieser weiße Snob, der sich alles leisten kann, auf so eine Schnapsidee und anstelle bequem im Taxi zu sitzen, müssen sich nun drei Leute in enge Busse quetschen und da es keinen zentralen Omnibusbahnhof gibt, quer durch das halbe Stadtzentrum laufen, um den Anschlussbus zu bekommen.

Ich war ebenfalls hellauf begeistert: Die Busse fand ich weniger eng besetzt, als zu meiner Schulzeit, gehalten wird überall, wo jemand aussteigen oder einsteigen will. Fahrpläne gibt es nicht, nur Stellen, wo sehr wahrscheinlich demnächst ein Bus kommt und sich deshalb Leute sammeln. Auch unser Gang durchs Zentrum war toll: Vorweg ein unglaublich schneller und wendiger Einnullah, danach ich, zwischen all den Leuten verzweifelt nach Einnullah Ausschau haltend, Wasserpfützen und Schlammloch meidend (bloß keine Frau anrempeln) und vor plötzlich auftauchenden 4-jährigen mit einem Bauchladen voll Kaugummi strauchelnd, und weit hinterdrein ein missmutiger Sadat.

Im Bus ist immer vorne der Einstieg nur für Frauen, der mittlere eigentlich nur für Frauen, im Gang eine Schnur, die die Geschlechter trennt und hinten dann nur für Männer. Weil der Bus noch nicht voll war, wartete er noch, drei Bettler(innen), zwei junge Kaugummiverkäufer und einer mit Streichhölzern klapperten alle Reihen ab mit anfänglich gutem, später abnehmendem Ergebnis – und es wurde voller.

Als ich meinen Sitzplatz einem alten Herrn anbot, war Sadat endgültig entsetzt: Der Sitte entsprechend musste nun auch er aufstehen und es mir gleich tun. Und zu allem Überfluss werde ich zwei Haltestellen später (nach dem mich alle hatten Englisch reden hören) von mehreren Seiten handgreiflich genötigt, einen freigewordenen Platz einzunehmen, während er die ganze Fahrt stehen musste.

Als der (meistens halb zur Tür raushängende Schaffner) das Geld einsammelte (der darf übrigens zu der Frauenhälfte) erfuhr ich so nebenbei den Fahrpreis (1 Afghani = 2 Eurocent) und dass Einnullah und Sadat bisher ein ganz gutes Geschäft gemacht hatten, als ich ihnen das Taxi hin und zurück bezahlte (140 Afghani) und sie mit dem Bus gefahren sind. Sage und schreibe schon anderthalb Stunden später waren wir wieder in Taimani. So richtig eilig darf mensch es auch in Deutschland schließlich nicht haben, wenn frau Bus fährt. Die Afghanen haben aber auch eine etwas schnellere und auch billige Transportmöglichkeit: Sie steigen in schon besetzte Taxis mit dazu und zahlen dann zwischen 5 oder 10 Afghani. Das sind ‚Linientaxis’, die fahren bestimmte Routen.

Auch durch die Mithilfe von Svenja konnten wir den Container fast fristgerecht fertig stellen. Er war jedenfalls so weit, dass ich darin schlafen konnte. Und am 13. Januar fingen wir mit dem eigentlichen Kurs an. Ich hatte dieses Datum Said Machmat schon zwei Wochen vorher gesagt. D.h. wir wollten den Kurs anfangen, aber unsere Lehrlinge standen noch nicht fest. Said Machmat hatte sich, wie schon zuvor mit dem Essen und anderen Dingen auch, darum nicht gekümmert. Ich war zuerst stinksauer. Es stellte sich dann als gar nicht so schlecht heraus: mit Zweien baute ich zuerst die restlichen Sachen am Container fertig. Dreie, die kamen und behaupteten, sie gehörten auf jeden Fall zu dem Kurs, gab ich die Aufgabe, unseren Werkstattraum mit Planen und Stangen gegen den Winter zu schützen (anderthalb Seiten waren ja völlig offen gewesen). Und Einnullah gab ich mit zwei anderen die Aufgabe, für den Vorratsraum zwei Regale zu bauen, um unsere Materialien (und auch das Werkzeug, das ich noch verteilen wollte) zu lagern.

Dieses simple Kellerregal war eine echte Herausforderung für Einnullah, oder besser eine einzige Katastrophe. Danach wusste ich, dass ich diesem wirklich guten (so war er mir schließlich ja vorgestellt worden) Schreiner auch handwerklich überlegen bin. Da, wo er konstruktiv ganz gute Ansätze hatte, machte er sie durch miserable Ausführung wieder wett. Meine Vorschläge ignorierte er anfangs vollständig. Zum Beispiel baute er das Regal zusammen, ohne vorher den Türrahmen auszumessen, durch den er hindurch musste.

Das Regal wieder auseinander zu nehmen war aber schwierig, weil er die Konstruktion so gewählt hatte (auch gegen meinen Vorschlag), dass die Nägel ein Auseinandernehmen verhinderten. Schrauben schlug er mit dem Hammer ein, so dass die meisten krumm wurden und auch der Kopf nicht mehr zu benutzen war. Und zu guter Letzt war ein Regalbrett ganze acht Zentimeter schief im Regal (was ihn aber nicht störte).

Entgegen meinem Vorsatz, von ihm lernen zu wollen, bin ich letztendlich sehr massiv geworden, und habe ihm vorgeschrieben, wie er arbeiten sollte, zum Beispiel die Querteile des Regalrahmens einstemmen und nicht nur nageln.

Meine Frau Svenja zu Besuch in Afghanistan

Ja, und dann kam meine Frau Svenja mich in Hezarak besuchen. Erst war es überhaupt nicht klar, ob sie mit nach Hezarak kann. Weder Entwicklungsdienst-Anders noch ZIM- Van den Berg noch NGE- Beckum wollten sich daran die Finger verbrennen. Nur die NGE- Afghanen sagten von Anfang an: kein Problem! So war es denn auch. Wir waren insgesamt dreimal zwei Tage in Hezarak, eine Nacht ist Svenja wegen Bauchschmerzen nach Kabul zurückgefahren.

Svenja war die einzige Frau auf dem Hof während dieser Zeit (nur im Auto saßen mal zwei Frauen unter dem Tschadori mit dabei) und hat viel mitgearbeitet. Schon das allein war für mich toll. Zum Beispiel, weil endlich mal die Kommunikation einfach war und es auch mit dem Container voranging. Mehrere dieser Tagen waren (unerwarteterweise) arbeitsfreie Tage aus, so dass wir auf dem Hof teilweise nur mit einem oder zwei der Intellektuellen waren.

In der einen Nacht, in der Svenja wieder nach Kabul gefahren ist, war ich sogar mit zwei der Wachleute allein. Mir war das auch nicht ganz geheuer, so dass ich ganz froh gewesen war, dass Svenja nicht in Mundul geblieben ist.

Ich hatte die ganze Zeit, auch in Kabul schon, sehr große Sorge, dass Svenja etwas passieren könnte. Mir war klar, dass ich mir mein Leben lang dann Vorwürfe machen würde.
Unter den NGE-Leuten, den Intellektuellen, den Köchen, Wächtern und so, fühlte ich mich mit Svenja aber sehr sicher. In die Gespräche abends mit Hermid, Samea, Mir Shah, Mir Wais, Khalid, Haschir und Said Machmat wurde sie vollständig mit einbezogen, wenn auch mit ein bisschen Scheu. Es war schön zu erleben, wie die Ingenieure ihre Herzlichkeit auch gegenüber Svenja zeigten. Schön auch, Svenja inmitten der Schreinerjungs arbeiten zu sehen. Die haben sich, glaube ich, auch bald an sie gewöhnt.

Beide hatten wir mehr Lust, nach dort oben zu fahren, als in Kabul zu bleiben. Zwei der sechs Tage, die ich mit ihr in Hezarak war, waren Urlaubstage von mir gewesen. Am 5. Januar (Sonntag, also Wochenanfang) fuhren wir wieder nach Hezarak. Ein Teil der Möbel sollte geliefert werden und ich zeigte den Weg. Die Möbelfirma hatte sich bereit erklärt, die Möbel bis Hezarak zu liefern. (Fast) europäische Qualität, schöne, helle Möbel aus einer Kiefernart, aber eben auch europäische Preise: Ein Stuhl 50,- Euro, für afghanische Verhältnisse also unglaublich teuer.

Oft hörte ich das afghanische Sprichwort: Man sieht, dass Deine Frau da ist, Deine Augen glänzen!

5.Januar

Mein Übersetzer Sadat

Mit meinem Übersetzer hatte ich zuerst so meine Probleme. Mir Rachim oder Said Machmat von NGE hatten ihn für mich ausgesucht. Er sollte von Hezarak stammen, Gebiet und Leute kennen. Darauf hatte der Chef bestanden. Ich hätte lieber Mohammad gefragt, dessen Englisch ich super verstehe, und den ich auch sonst sehr gut mag. Ich hatte mir aber grundsätzlich das Recht vorbehalten, Nein zu sagen oder ihn wieder zu entlassen, wenn ich nicht mit ihm klarkomme.

Sadat ist ein junger, hagerer, verkrampfter Mann voller Selbstzweifel und Ängste, der gerne wortreich erklärt, wie gut er wie viele Sprachen kann und wie gut er auch sonst in allem ist. Ein armer Kerl, der in Pakistan als Flüchtling gelebt hat und der dort einmal fast erschossen wurde, zum Glück nur ein Streifschuss quer über die Brust und ein Handdurchschuss.

Innerhalb der ersten zwei Stunden erklärte er mir gegenüber, dass mein Englisch aber sehr schlecht sei, dass mein Dari noch viel schlechter sei, fiel mir ständig ins Wort und erzählte mir ganz viele Geschichten, die ich gar nicht wissen wollte. Oh je, dachte ich. Er war mir einfach unsympathisch und mein Ärger erst mal so groß, dass ich ihm schriftlich10 Regeln gegeben habe. Die erste Regel war, dass er mir nur dann übersetzen soll, wenn ich darum bitte und ansonsten die Klappe halten soll.

Geärgert hatte er mich auch, weil er immer wieder davon anfing, mehr als 150 Dollar pro Monat zu wollen. Ich hatte ihn zuvor gefragt, welchen Lohn er abgesprochen hätte und daraufhin sagte er: „150 Dollar.“ In dieser Höhe bekam er seinen Vertrag. Mir Rachim erklärte auf Rückfrage, sie hätten gar nichts abgesprochen (was auch nicht stimmen muss). Jedenfalls war Sadat mit der Höhe seines Lohnes kurz darauf unzufrieden. Andere Organisationen würden für einen Dolmetscher 300 Dollar bezahlen.

Als er dieses Thema zum dritten oder vierten mal vor allen in Hezarak ansprach, war ich so sauer, dass ich ihm antwortete, sein Englisch wäre immerhin auch ziemlich schlecht (Hermid, der Wasserbauingenieur, meinte entsetzt zu mir, ich solle nicht so unfreundlich reden). Seitdem habe ich also meine Ruhe vor diesem Thema und sein Englisch ist wirklich schlecht. Er könnte sich immerhin auch mal entschuldigen für die etlichen Male, wo er steif und fest behauptet, dieses oder jenes würde in Englisch so oder so heißen und dann mit Hilfe des Wörterbuches feststellen muss, dass ich Recht hatte. Irgendwann habe ich ihn (ich glaube sogar freundlich) gebeten, mit mir während des Übersetzens nicht über Vokabeln zu diskutieren.

Jetzt, einige Wochen später, kommen wir sehr gut miteinander klar und ich bin auch froh, dass er von Hezarak stammt. Er kann mir doch manchmal ein paar Hinweise geben, die nur ein Insider weiß. Und ich glaube, er arbeitet inzwischen gerne mit mir zusammen, auch wenn ich ihn manchmal zurückpfeife. Neulich wollte er erst irgendwas schreiben, als ich ihn zum Übersetzen brauchte. Said Machmat habe ihm aufgetragen, das zu schreiben. Wie selbstverständlich ich mir schon in meiner Herrscherrolle bin, als ich ihm sagte: „Ich bin Dein Boss, nicht Said Machmat.“

Ich hatte ihn auch extra vom Entwicklungsdienst einstellen lassen. Ich sagte ihm zu, dass er nicht entlassen würde, auch wenn er mit NGE in Konflikt gerät. So hat er mir dann auch gesteckt, dass einer der NGE- Leute ein Taxi für NGE zur Verfügung stellt, für die Horrorsumme von 25,00 (Dollar) pro Tag. Damit kann er seinen doppelten Monatsverdienst (ca. 250,00 Dollar) noch mal nebenher verdienen. Wenn es stimmt, was Sadat mir sagte.

Vater des entführten Ajmal Naqshbandi sagt “Mein Sohn ist ein Journalist, nicht nur ein Übersetzer” und bittet um Freilassung

Soeben erhielt ich eine Email mit der Info, dass der Vater des zusammen mit dem bereits frei gelassenen Italiener Daniele Mastrogiacomo entführten Ajmals Naqshbandi NAI (http://nai.org.af) einen Brief überreichte. Darin fordert er, dass sein Sohn als Journalist bezeichnet wird. Hintergrund ist sicherlich, der Versuch die Aufmerksamkeit stärker auf seinen Sohn zu lenken und die verschiedenen Seiten dazu zu bringen, sich verstärkt, um das Freikommen des Afghanen zu bemühen. Viele Studenten mit denen ich über das Thema sprach, äußerten ihr Unverständnis über die Vorgänge. “Warum wurde der Ausländer frei gelassen und der Afghane nicht?” und “Warum musste ein Afghane sterben?”, fragen sie.

Ajmal Naqshbandi wurde vor mehr als zwei Wochen zusammen mit dem italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo von den Taliban entführt. Der Italiener kam aufgrund eines Deals mit den Entführern frei. Fünf hochrangige inhaftierte Taliban wurden auf freien Fuß gesetzt. Im Gegenzug wurde Mastrogiacomo frei gelassen.

Der Fahrer von Mastrogiacomo wurde einige Tage zuvor von den Taliban getötet. Ajmal Naqshbandi befindet sich offensichtlich weiterhin in der Hand der Talibankämpfer. In der Berichterstattung wird er als Übersetzer bezeichnet, der für Mastrogiacomo tätig war.

Zusammen mit dem Brief übergab der Vater NAI eine Kopie des Presseausweises von Ajmal Naqshbandi, der ihn als “Assistent Correspondent” für die Tokyo Shimbun (bzw. die Chunichi Shimbun), eine japanische Zeitung, ausweist (http://www.tokyo-np.co.jp). NAI ist eine afghanische Medienorganisation die unabhängige Medien in Afghanistan unterstützt.

In dem Brief spricht Ajmals Vater die Talibankämpfer, die seinen Sohn entführten direkt an und bittet sie sich und seiner Familie einen “Gefallen” zu tun und seinen Sohn frei zulassen. Er sei lediglich als Journalist in der Provinz tätig gewesen und hatte keine anderen Ziele verfolgt. Hiermit spielt der Vater offensichtlich auf Vorwürfe der Taliban an, die behaupten bei den Begleitern von Mastrogiacomo handelt es sich um Spione ausländischer Truppen. Der Fahrer der Journalisten wurde aufgrund dieser Vorwürfe von den Taliban getötet. Er habe die Vorwürfe gestanden so ein Sprecher der Taliban.

In der afghanischen Bevölkerung scheint derweil der Unmut über die Geschehnisse zu wachsen. In meinen Gesprächen mit afghanischen Studenten tauchen immer wieder Fragen auf, wie: “Ist denn ein Afghane weniger wert als ein Ausländer?” oder Aussagen, wie: “Die Regierung sollte sich um den Afghanen genauso kümmern, wie um den Ausländer.” Der Tenor zeigt eine allgemeine Unzufriedenheit sowohl mit den Taliban als auch mit der Regierung in dem Fall. Wie die Situation in den Provinzen aussieht, kann ich allerdings nicht beurteilen.

Glasscheiben und Besuch in meinem Container in Hezarak

Für meinen Container brauchte ich auch Glasscheiben für die Fenster. Arnold wollte die besorgen und mitbringen, kein Problem. Hat er aber nicht. Mir Shah, einer der Ingenieure meinte dann, ich könne die auch bei dem Schreiner Wudood bestellen. Das fand ich eine gute Idee, weil ich gerne die örtliche Wirtschaft unterstützen will. Habe also Wudood die Maße gegeben und er hat mir versprochen, das Glas zuzuschneiden.

Am nächsten Montag bin ich mit einem Auto nach Hezarak gefahren, mit Sadat, meinem Übersetzer, Assad, dem Übersetzer von Arnold, und dem Fahrer von Arnold. Das Dorf des Schreiners lag (fast) auf dem Weg, aber alle außer mir waren der Meinung, es sei besser, erst mal nach Mundul zu fahren. Zum Glück wusste ich ja von der Woche vorher, wo er genau wohnte und setzte mich gegen alle durch. Dickkopf halt, denn er war tatsächlich nicht da, hatte (angeblich) seine Werkstatt abgeschlossen und vor allem (wie sich hinterher herausstellte) hatte er auch weder Glas, noch Glas zugeschnitten. Ich war also immer noch ohne Glas und eher blamiert. Der Fahrer hat mir zum Glück drei Tage später aus der Stadt Glas besorgt, das auch (fast) gepasst hat.

In dieser Woche (ich hatte inzwischen die großen Containertore zugemacht und meine Tür eingebaut) kamen wieder eine ganze Menge Leute, um den Container zu sehen, z.B. ein ganz alter Schreiner. Der Hausmeister von NGE (der nur Dari und Pashtu kann), Nasim, kam zu mir und ließ mir über Sadat sagen, dass ich diese Leute nicht in den Container lassen dürfe, die wären gefährlich. Ich antwortete, dass ich niemanden aus meinem Container rausschmeißen würde, die sollten ruhig alle gucken kommen.

Wenig später kam Mir Wais, einer der Intellektuellen (der aber nur sehr schlecht Englisch kann) und wiederholte, ich dürfe diese Leute nicht in den Container lassen. Ich meinte daraufhin, ich möchte niemanden meinen Container verbieten. Es sei ihre Aufgabe, diese “gefährlichen” Leute gar nicht erst in den großen Hof zu lassen. Abends sprach ich das Thema noch einmal an. Die anderen waren sich in Grunde einig, dass ich nicht jeden in mein Zimmer lassen dürfe und ich war mir auch einig, dass ich diese Arbeit nicht machen will. Zudem ich das Gefühl hatte, dass zum Beispiel der alte Schreiner völlig in Ordnung war, nur irgendwelche finanziellen Probleme mit der NGO hatte (irgend jemand munkelte: Der will noch Geld für Fenster, die er gebaut hat.).

Zum Glück fiel mir der Lösungsvorschlag ein, dass immer, wenn jemand Fremdes in meinen Container kommt, ich Sadat frage (der ja von Hezarak ist) und der dann wiederum im Zweifelsfalle einen der Ingenieure fragt. Und der muss dann eben kommen und meinen Gast vor die Tür setzen, wenn sie das unbedingt wollen. Das sei in Ordnung, meinten sie.

22.Dezember

Mit der chinesischen Maschine schaffst Du nicht mal ein Loch

Letzte Woche kam mich Arnold leider schon vormittags abholen. Dann habe ich zwar länger Wochenende, aber ich hatte es (nach einer Woche) endlich geschafft, Strom von dem großen Generator zu bekommen, der den anderen Schreinern gehört (der kleine Generator von NGE ist nämlich nicht stark genug für die Flex, mit der ich die Löcher in den Container schneiden will). Ich hatte also gerade angefangen, da kam Arnold und wollte auch sofort fahren.

Heute habe ich endlich wieder Strom bekommen und nach 20 weiteren Zentimetern war die Maschine kaputt. Ich hatte eine billigere chinesische Maschine gekauft, weil ich sie ja eigentlich nur für zwei, drei Stunden brauchte. Hans-Jürgen, der Heizungsbau- Entwicklungsdienst´ler brauchte seine selber. Arnold meinte schon: “Mit der chinesischen Maschine schaffst Du nicht mal ein Loch.” Was habe ich geflucht! Die zweite Woche fast rum und ich habe immer noch keine Tür im Container. (Der Generatorschreiner war schon zu Hause, es war Schneetreiben (die Schneeflocken sind in den Container geflogen und ich konnte die gesägte “Tür” wegen Licht auch nicht ganz schließen), die Finger sind mir abgefallen vor Kälte und ich habe überlegt, woher ich eine Maschine bekommen soll. Voller Ärger bin ich Englisch stammelnd zu den Ingenieuren und habe um Hilfe gebeten. “What do you want us to do?” war die verständliche Frage von Hermid, nachdem ich mein Problem mehr oder weniger massiv geschildert hatte. Sie konnten ja auch nichts machen.

Na ja, dann habe ich versucht, die Maschine zu reparieren, auf relativ abenteuerliche Weise: ich dachte, sie muss ja nur noch ein paar weitere Zentimeter aushalten. Ich habe im Getriebe einen Spannring entfernt und irgendwo (anstelle einer U-Scheibe) etwas Draht hineingeflickt. Dann hatte ich aber keinen Strom mehr, der Schreiner wohnt drei Dörfer weiter und ich glaubte auch nicht, dass das funktionieren kann. Einer der Ingenieure wollte mir helfen, den Generator ohne den Schreiner zu starten, aber der hatte einen entscheidenden Schlüssel mitgenommen. Also sind wir mit dem Auto los (“wirklich kein Problem!” sagten sie ), um den Schlüssel zu holen: Zwischen zwei Bergen hindurch, an einer sprudelnden Quelle vorbei (die hat hier früher das ganze Gebiet versorgt, sagte der Ingenieur Mir Shah), das Bachbett entlang, den Hang hinauf, über eine große Ebene.

Ich komme mir vor wie in Nevada, zumindest wie ich es mir vorstelle: Die Ebene steinig, karg, ganz flach und im Hintergrund hohe, braune Berge mit Schnee. Am Rand der Berge drei Dörfer, eine Ansammlung dieser Lehmfestungen: hohe Mauern, darinnen die Häuser. Wir fahren auf eines zu, halten vor einem Tor (aus einem Container herausgeschnitten wie fast überall) und nach einigem Hupen und einiger Zeit kommt tatsächlich der Schreiner heraus, der auch mitkommt (was hatte er gerade getan? Hat er wirklich Zeit?)

Wir fahren aber vorerst nicht nach Hause, sondern biegen ab zu dem Bachbett, an dessen Rand eine etwa 4 Meter im Durchmesser und 5 Meter tiefe runde Grube ausgehoben ist. Auf dem Grund mauern zwei Männer an einer ebenfalls runden Mauer. Einer dieser Beiden friert so entsetzlich, dass ich ihm meine Jacke hinunterwerfen will. Mit dem Hinweis, er habe seine eigene Jacke dabei, werde ich gerade noch daran gehindert. Aber er will auch seine Jacke nicht anziehen, sondern friert weiter. Diese Gruben sollen später als Wasserspeicher die Bewässerung sicherstellen, ich habe aber nicht verstanden, wie.
Danach sind wir zurück zum NGE- Hof, der Schreiner schmeißt den Generator an (ich gebe ihm Extrageld, das er erst mal höflich wie alle Afghanen ablehnt) und die Flex funktioniert tatsächlich. Am nächsten Tag war es sogar möglich, noch die beiden Fensteröffnungen aus dem Container herauszutrennen.

Mein Tagesablauf auf dem Schreinerhof in Afghanistan

Morgens gegen 6.00 Uhr wache ich spätestens auf. Um 6.00 Uhr dämmert es schon ein bisschen. Man sieht aber noch die unglaublich hellen und vielen Sterne. Quer über den Hof gehe ich zu jener Toilette, die aus lediglich einem Loch im Boden besteht. Irgendjemand trifft zu meinem Leidwesen noch nicht mal dieses Loch genau. Diese Toilette ist auch eher etwas für die Ingenieure, draußen, außerhalb des Hofes gehen einige der Anderen sich auf freiem Feld entleeren. Nach meinem Toilettengang wasche ich mich. Erstaunlicherweise ist es leicht möglich, sich mit dem Generator das Bad zu teilen und zum Glück hat mir Entwicklungsdienst-Kollege Egon für meinen Container Styroporplatten überlassen (die dünnen mit Alu für hinter die Heizung). Eine davon nehme ich um nicht festzufrieren beim Waschen. Ich könnte auch warmes Wasser haben, aber ich glaube, ich würde dann nachher noch mehr frieren als mit kaltem Wasser. Das Wasser habe ich mir holen lassen in einem eigenen Kanister. Allerdings nehmen das jetzt meine Jungs, um ihre rituellen Waschungen vorzunehmen vor dem Beten. Herrlich erfrischt öffne ich das Schloss meines Containers und stelle die Kisten und den ganzen Krempel wieder raus, die ich auf Geheiß der NGO immer einschließe über Nacht. Weil das alles in der Kälte etwas langsam geht, ist es danach meist schon 7.00 Uhr und es gibt Frühstück: Tee und Brot. Wie gesagt, ich habe zum Glück mein Müsli. Ich bin immer schon eine Weile am Arbeiten, wenn dann gegen halb neun die Schreiner ankommen. Abends verschwinden sie gegen drei oder vier wieder mit der Begründung, dass der Weg so weit ist. Der Weg ist sehr viel weiter, wenn ich eine unangenehme Arbeit habe, dann müssen sie schon um drei Uhr weggehen, sonst gegen vier. Ich arbeite dann noch zwei, drei Stunden, ab halb fünf mit meiner “pressure lamp”, die wirklich sehr helles Licht macht. So gegen sechs Uhr schalten die NGO- Leute auch ihren Generator an. Aber das nützt mir in meinem Container natürlich bisher nur insofern, dass ich den Akku der Bohrmaschine aufladen kann. In der Regel habe ich abends eher NGO- Leute in meinem Container und tagsüber eher andere. Zwischen 18.00 und 19.00 Uhr gibt es noch mal warmes Essen, oft interessanter (weil mit Gemüse) als der Reis mit Rosinen und Fleisch(-soße), den es grundsätzlich mittags gibt. Anschließend sitze ich noch bei den NGO- Leuten. Gestern habe ich begonnen, ihnen Doppelkopf beizubringen. Meine Schmerztabletten (aus der Entwicklungsdienst-Apothekenschachtel) habe ich ganz verschenkt, weil abends oft Jemand irgendwie krank ist und ich ihnen ersparen wollte, wegen jeder einzelnen Tablette fragen zu kommen. Das war allerdings ein Fehler, wie sich später herausstellte. Ing. Mir Shah, dem ich die Tabletten gegeben hatte, steckte sie alle sofort für sich selbst ein. Gegen 21.00 oder 22.00 Uhr verkrümle ich mich in meinen Raum, den ich trotz allen Ankündigungen doch alleine habe. Heute habe ich zum ersten Mal den kleinen Holzofen angemacht, weil es doch sehr, sehr kalt war im Raum. Sonst ging es eigentlich, ich hatte eine warme und eine dünne Decke und den Schlafsack und noch eine Reihe von Klamotten an. Nur an den Füßen habe ich juckende Frostbeulen, weil ich gar nicht merke, dass ich (vor allem morgens nach dem Waschen) kalte Füße habe.