Offiziell keine Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen in Santa Clara, Kuba

Ein weiterer Höhepunkt in den vergangen Wochen war der Besuch der Abschlussveranstaltung des Stadtentwicklungsprojekts (ASA). Das Ziel des Engagements der deutschen Entwicklungshelfer auf Makroebene war es den Grundstein für die nur in Keimen existierende kubanische Zivilgesellschaft zu legen. Da hier ja grundsätzlich fast alles verboten ist, hält sich das Demokratieverständnis der Kubaner stark in Grenzen und Partizipation wird zwar in einigen großen Organisationen gefördert und „unterstützt“, ist jedoch auf individueller Ebene fast unbekannt.

In der Mikroebene ging es darum mit den Menschen in dem marginalisiertesten Viertel der Stadt, dem Condado, Strategien zu entwickeln um dieses zu verbessern. Ich fand dieses Thema deshalb besonders spannend, weil es offiziell keine Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen in Santa Clara gibt. Auf meine Fragen in der Universität bekam ich energisch zu hören, dass die Lebensverhältnisse in allen Stadtteilen ähnlich wären und dass es eine Bündelung sozial schwächerer Schichten hier nicht gäbe. Diese Behauptung bereitet bei genauer Betrachtung Bauchschmerzen, denn genau aus genau diesem Grund wurde das Projekt, gefördert durch die Bundesrepublik, auf den Weg gebracht.

Das Condado hat historisch den Ruf erlangt, dass dort die größten Schwarzmarktgeschäfte abgewickelt werden. Des Weiteren gibt es dort erheblich mehr Kriminalität. Ende der 90er Jahre sollen etwa ¾ der nationalen Pesoreserven Kubas auf dem Schwarzmarkt kursiert sein, das veranschaulicht hervorragend das Ausmaß dieser Schwarzmarktaktivitäten.

Jeder „Mittelklassebürger“ rümpft also schon beim Namen „Condado“ die Nase und bemerkt nebenbei, dass er dort abends nicht allein auf die Strasse gehen würde. Ziel der Veranstaltung der deutschen Studenten war es also, möglichst viele der lokalen Entscheidungsträger des Viertels zusammenzubringen, d.h. alle Delegierten und Leiter ansässiger Organisationen wurden eingeladen. In Workshops wurde diskutiert, welchen Ruf das Condado hat, woraus eben dieser resultiert und welche Probleme die Menschen in den einzelnen Distrikten haben. Es wurde analysiert, welche öffentlichen Plätze Schlüsselpositionen im sozialen Gefüge haben und was die Menschen am Ehesten ändern würden. Am Häufigsten fiel, zu meinem Entsetzen, das Schlagwort Alkoholismus, der in der kubanischen Gesellschaft generell ein weit verbreitetes Problem zu sein scheint. Essentiell für mich war, wie unbeholfen die Menschen hier mit solchen Veranstaltungen sind. Es mangelt also nicht an der Kreativität oder der Motivation der Kubaner, sondern mehr an dem Wissen um die Technik der kollektiven Entscheidungsfindung, Demokratie eben.

Von Togo nach Burkina Faso: Ein Besuch bei meiner Gastmutter, ein Krokodilen-Ritt und ein kaputtes Moto

Wir sind unterwegs im Togo Richtung Norden. In Sokodé wollen wir so schnell wie möglich weiter, denn das ist eine ziemlich hässliche und dreckige Stadt mit vielen Idioten. Kleine Tamberna-Dörfer von Voodoos an denen wir vorbei kommen sind da schon touristischer. In Dapaong habe ich dann schließlich meine Gastmutter vom letzten Aufenthalt wieder gesehen, sie hat jetzt ein kleines Kind. Leider war es alles nicht so herzlich und schön, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich sollte gleich Geld für Essen und Unterkunft zahlen und Dzifa hatte dabei eigentlich nie Zeit. Schade. An einen Abend durften wir aber einer Schulaufführung beisitzen. Dort wurde traditionell getanzt, gesungen und Theater gespielt. Meisterhaft!

Bald haben wir die Grenze zu Burkina Faso überquert und in Ouagadougou – einer sehr schöne, großen und gar nicht so lauten Stadt – machten wir mit meinem ausgeliehenen Moto eine Tour nach Bazolé zu den Krokos und ganz ohne Leine oder Schnickschnack saß ich auf einem dieser Monster. Na ja und das Moto – bei der Hinfahrt riss uns mitten auf der Straße im nichts die Kette. Wir konnten dann aber doch Mechaniker finden, die das reparierten. Doch die Geschichte mit dem Moto ist noch nicht zu Ende erzählt: Innerhalb von vier Tagen war ich schon fünf Mal in der Werkstatt… Werkstatt – das was halt in einem der ärmsten Länder der Welt eine Werkstatt ist. Dreimal die Kette, einmal die Bremse und einmal die Pedale und heute tickt es schon wieder so komisch.

25 Jahre Partnerschaft der Universität Santa Clara in Kuba und der Universität Magdeburg

Anfang November fanden an unserer Uni die Festlichkeiten zum 25jährigen Bestehen des Kooperationsvertrages zwischen Magdeburg und Santa Clara statt. Eine Reihe von deutschen Professoren erhielt für ihr hiesiges Engagement einen Ehrentitel und ergoss aus diesem Anlass schier endlose Reden über die Anwesenden. Dabei durfte (!) von deutscher Seite nicht vergessen werden auch die Gleichwertigkeit der Partnerschaft zu betonen oder dem Bildungsministerium für seine Kooperation zu danken. Was für eine Farce! Fast das gesamte IT-Material der Uni wurde von einer belgischen Stiftung gespendet, der DAAD unterstützt ebenfalls großzügig die Kooperation, die gesamte Festveranstaltung wurde von der Uni-Magdeburg finanziert. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass die anwesenden deutschen Studenten während der gesamten Veranstaltung keine Rolle spielten, wenngleich Fernbleiben von derselben mit scharfer Kritik geahndet wurde. Die abschließenden lockeren Begegnungen beim Volleyball oder der Abendveranstaltung mit Gitarrenmusik erweckten aber zu meiner Freude den ehrlichen Anschein als wäre die Partnerschaft über die Jahre gewachsen und verbünde nun auch einige Freunde.

Zwei Mädchen in Lomé – Hauptstadt von Togo, Brunnenduschen und ein Ausflug nach Kpalimé

Gleich am ersten Tag tauschten wird Geld auf dem Schwarzmarkt, um für die nächsten Wochen gewappnet zu sein. Das Preis-Leistungsverhältnis hat sich in den letzten drei Jahren wo ich hier war nicht im geringsten geändert: Ein Essen an der Straße kostet ca. 20 Cent. Am ersten Sonntag ging’s dann in die Kirche wo gerade ein besonderer Gottesdienst war, nämlich extra für kranke. Das war total interessant. Wir wurden irgendwie gleich zu dem Chor gesetzt und kamen uns ein bissel verloren vor neben all diesen 500 schwarzen Menschen.. aber es war toll!

Dann haben wir noch Ausflüge gemacht und sind schließlich in mein Lieblingsstädtchen Kpalimé gefahren wo ich vor 3 Jahren gelebt und gearbeitet habe. Es hat sich eigentlich gar nichts verändert, nur das der Strom irgendwie öfters ausgefallen ist. Ja, und denkt jetzt nicht: hach wie gemütlich! Stromausfall, nein, nein: Die sonne geht schon ab 6 Uhr abends unter und danach sieht man einfach mal nichts. Und wenn man dann gerade auf dem Plumpsklo balanciert und schwups man nichts mehr sieht, ja dann braucht man einen guten Orientierungssinn.

Duschen und ähnliches hatten wir die letzten drei Wochen auch nicht. Man schöpft Wasser aus einem Brunnen und schöpft es sich nach und nach über den Körper – aber der Mensch ist ja ein Gewöhnungstier.

In Kpalimé habe ich meine Freunde wieder getroffen, wir haben eine Wanderung gemacht und kleine Höfe gesehen, wo die Kinder vor Angst vor uns Weissen weg gerannt sind. Es gibt wirklich noch Menschen, die noch nie einen Weißen gesehen haben. Mit unseren verpackten Lollies konnten sie dann auch wenig anfangen. Die Wanderung war so schön – Bilder werden es beweisen. Und man fühlt sich wie im Paradies – so zwischen Kaffeeplantagen und Boababs (Affenbrotbäume).

Das schönste an Kpalimé war einfach, dass ich mich zuhause gefühlt habe, irgendwie angekommen. Ich habe mich sicher und aufgenommen gefühlt, vielleicht sogar mehr als vor drei Jahren. Auch ein paar meiner ehemaligen Schüler habe ich gesehen: Mein alter Englischlehrer ist leider schon in Rente gegangen.

Kabuler Alltag vor meiner Abreise

In den letzten Wochen hat es immer wieder geregnet, zum Teil richtig heftig. Toll für Afghanistan nach diesen Jahren der Dürre. Der Kabulfluss ist wieder ein richtiger Fluss. Da der Strom von Kabul (unter anderem) aus drei Wasserkraftwerken kommt, gibt es inzwischen auch wieder fast 24 Stunden Strom. Die Straßen sind allerdings nach einem Regen eine Katastrophe. Selbst die geteerten Straßen haben als Bürgersteige rechts und links nur Lehm und sind dann völlig aufgeweicht. Erstaunlich aber, wie viele Straßen dann doch geteert sind in Kabul, und immer wieder kommen welche dazu. Im Straßenbau, der oft von Deutschland mitfinanziert wird, gibt es auch regelrechte Frauenbrigaden. Auch die Straßenbeleuchtung wird von Woche zu Woche vollständiger, inzwischen sind so gut wie alle HauptStraßen beleuchtet und in einigen Vierteln auch die kleineren Straßen.

Letzte Woche habe ich einen tollen Fahrrad- und Fußgängerweg entdeckt, als kleine ParallelStraße neben der grossen Straße nach Taimani heraus und mit sehr wenig Schlaglöchern. Die große Straße ist meistens mit Autos, Fahrrädern und Lastkarren zu und natürlich auch völlig verpestet. Überhaupt hat mensch eigentlich immer die Wahl, entweder holprige Nebenstraßen ohne Verkehr zu fahren oder auf den asphaltierten und chaotischen Hauptstraßen.

Nachts hören wir öfter die Raketeneinschläge, die dem ISAF- Camp gelten, aber im Grunde fast nie Schaden anrichten. Vor drei Tagen war die Explosion so laut, dass wir dachten, das muss in unserem Viertel eingeschlagen haben. Hatte es aber nicht, sondern wie üblich in dem gut fünf Kilometer entfernten ISAF- Camp. Der Explosionskrater ist dafür meist erstaunlich klein, einen Meter oder so.

Allgemein wird das damit erklärt, dass Al Qaida- Leute nur zeigen wollen, dass sie noch da sind. Ich halte das für Unfug: Die würden doch versuchen, zu treffen und nicht nur sich der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden.

Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass Regierungstruppen zeigen wollen, dass Taliban und Al Qaida noch da sind, um Gelder für die eigene Aufrüstung zu bekommen. Das würde erklären, warum tatsächlich fast nie jemand verletzt wird bei diesen Anschlägen. Einmal ist es auch aufgedeckt worden: Eine bestimmte Regierungseinheit wollte eine Lohnerhöhung und versuchte mit einem fingierten Anschlag zu zeigen, wie wichtig sie für die Sicherheit sind. Klarer kann mensch eigentlich nicht demonstrieren, dass der Frieden grundsätzlich von jeder Art bewaffneter Truppen bedroht ist.

Letzte Woche konnte ich am helllichten Tag eines der knapp über die Hausdächer donnernden Flugzeuge sehen, dass von mehreren Leuchtraketen beschossen wurde. Außer mir hatte das auf der Straße weiter keinen beeindruckt. Später erfuhr ich, dass es eine Art Übung für den bevorstehenden ‚Freedom Day’ war. Am selben Tag gab es auch eine große Übungsparade auf dem Paradeplatz im südlichen Teil der Stadt.

Erstaunlich, wie viele Afghanen Englisch sprechen können. Nur zum Teil sind es die Pakistan-Rückkehrer, die in der ehemaligen britischen Kolonie Englisch gelernt haben. Englisch gilt als Schlüssel für gute Jobs und so werden es täglich mehr, die Englisch lernen. Die Kinder rufen gerne schon von weitem “how are you”, was sich manchmal allerdings mehr nach dem Geschrei der allgegenwärtigen Maultiere (in Jallalabad waren es mehr Esel) anhört.

Letzte Woche bin ich einmal in eines der großen und über die ganze Stadt verteilten Postoffice gegangen. Das ganze Gebäude war bestimmt 8 mal 15 Meter groß und in einem kleinen Raum saß ein Postangestellter hinter einem Resopal-Schreibtisch, sonst gab es nichts. In dem kleinen Raum war wirklich nichts weiter als der Angestellte, zwei Stühle und dieser Schreibtisch. Auch der Rest des Gebäudes war, bis auf Postfächer, leer. Auf meine Nachfrage kramte er in einer der Schubladen, holte einen abgewetzten Briefumschlag hervor und bot mir verschiedene Briefmarken an. Zum Teil waren sie noch mit der alten Währung. Er hatte auch keine Ahnung, wie viel ein Brief denn so kosten könnte, schon gar nicht nach Europa. Ich habe mir dann einfach eine kleine Auswahl zusammengestellt und sie später auf zwei Postkarten einigermaßen gerecht verteilt.

Wie beschrieben, habe ich mich mit meiner Kleidung inzwischen schon recht angepasst, nur die kleineren Feinheiten gehen mir etwas verloren. So ‚darf’ mensch ja auch in Deutschland eigentlich nicht ein Ökooutfit mit einer Amischirmmütze mischen.

Ich musste also erst ein paar Erfahrungen sammeln. Das ‚Palästinenser-Tuch’ ist in der Stadt sehr häufig zu sehen, weil es erstens durch die aus den arabischen Staaten kommenden Gotteskrieger in Kabul üblich wurde und nun auch typisch ist für die Panjirifraktion. Außerhalb von Kabul sind diese aber oft nicht gerne gesehen und die Araber sind sowieso nicht beliebt, weil sie im Krieg häufig besonders grausam waren.

Mein weißes Käppi hingegen bestürzte die Wächter des Gästehauses: Du siehst ja jetzt aus, wie ein Mullah! Als ich in der Stadt einmal einen Container bestiegen habe, um von dort ein Bild zu machen, bin ich ein bisschen ängstlich gefragt worden, ob ich vielleicht ein Al Qaida sei. Weil eben meine Kleidung so kunterbunt zusammengestoppelt war.

Ein anderes Mal wollte ich unbedingt einen sehr malerischen Bettler fotografieren. Leider war er nicht nur malerisch, sondern auch verwirrt und irrte eine Straße mehrfach hoch und wieder runter, verschwand in Läden, kam wieder raus. Und ich, im Begehren ein super Foto zu machen, immer hinter ihm her.

Mit meinem Fotoapparat, ansonsten aber dem Afghanenkleid, Sandalen mit Strümpfen und dem bunten Käppi erregte ich das Aufsehen eines Geheimdienstmannes, dem klar war, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Er ließ sich auch nicht davon überzeugen, dass ich ein Deutscher bin. Ich meinerseits hatte nicht die geringste Lust, ihm meinen Pass zu zeigen, sondern war richtig sauer.

Wenn er mir nicht glauben würde, solle er mir bitte folgen, meinte ich zu ihm und brav folgte der Security- Mann mir zum in der Nähe liegenden Entwicklungsdienst- Büro. Dort konnte ihn sehr schnell einer der Fahrer von der Wahrheit überzeugen. Er hat sich sogar entschuldigt.

Ein anderes Mal war mir mulmiger. Auf der Straße war eine riesige Pfütze, die ich umfahren wollte. Allerdings kam mir eines dieser Autos mit getönten Scheiben entgegen. Voller Verwunderung bemerkte ich, dass es langsamer fuhr, so dass ich um die Pfütze noch herum kam. Bedankt habe ich mich dafür mit der erhobenen Hand.

Das wurde allerdings missverstanden, zum Glück war ich schon ein bisschen weiter. Das Auto hielt vollends und der Fahrer rief mir hinterher: ‚Ich komme dich gleich holen!’ Erfreulicherweise tat er es nicht, ich weiß nicht, ob ich ihm hätte so schnell verständlich machen können, dass ich kein Araber bin.

Wann Afghanen sich gegenseitig helfen und wann nicht, habe ich nie verstehen können. Manchmal habe ich kleine Jungen mit umgekippter Schubkarre gesehen, die sich verzweifelt abmühten, diese wieder aufzurichten. Einer weinte sogar, aber niemand half. An anderer Stelle konnte ich aber viele helfen sehen, als zum Beispiel ein Motorrad ins Wasser gerutscht war. Oder wenn ein alter Mann über die Straße wollte.

Vielleicht liegt es an der Art der Arbeit, die die Hilfe erfordert. Unsere Wächter sind zum Beispiel noch immer der festen Überzeugung, alles Auf- und Abladen der Autos sei ihre Arbeit. Und auch in Hezarak sah ich, dass die Ingenieure für viele Arbeiten keinen Finger krümmten. Niemals wären sie auf die Idee gekommen, ihr Essen selbst auf- und abzutragen. Und als ich mich anbot, mitzufahren, um Wasser zu holen, waren die Wächter schwer empört.

Ich habe auch von einem Fahrer erzählt bekommen, der sich zwar ohne zu Zögern unter das Auto legte, um es zu reparieren, aber als seine Windschutzscheibe beim besten Willen nicht mehr durchsichtig war, einfach nur anhielt und nicht mehr weiter fahren konnte. Das war nun eindeutig nicht seine Arbeit. Öfter wird es auch einfach davon abhängen, wie hilfsbereit die Leute sind, die gerade so etwas beobachten. Das ist in Deutschland auch nicht anders.

25. April

Enttäuschungen und Überraschungen bei einer Konferenz der Wirtschaftwissenschaften in Kuba

CICE steht für Internationale Konferenz der Wirtschaftwissenschaften und selbige fand Ende Oktober 2006 in Santa Clara statt. Als Delegierter unserer Fakultät wurde ich zu dieser eingeladen. Das hat weniger etwas damit zu tun, dass man mir etwas Gutes tun wollte, sondern mehr damit, dass die Eintrittsgelder auf westlichem Niveau lagen und gutes Geld mit der Tagung verdient werden konnte und wurde.

Auf dem Plan standen etwa 180 Präsentationen wissenschaftlicher Arbeiten von einem internationalen Publikum in den Bereichen Wirtschaftsinformatik, Tourismus und allgemeinen ökonomischen Themen. Ich startete die Tagung also erwartungsfroh und freute mich auf Vorträg zu Themen wie „der kubanische Tourismus und seine nachhaltige Entwicklung“, „die globale Wettbewerbsfähigkeit kubanischer Unternehmen“ oder „Kooperativismus versus neoliberaler Wettbewerb“. Ich notierte mir etwa 20 Vorträge, die ich mir anschauen wollte. Am ersten Tag sah ich, wie üblich, keinen davon. Auf mein verzweifeltes Anfragen erklärte mir die Vizedekanin, dass ein guter Teil der Vortragenden nicht angereist sei. Ein anderer Teil meiner Wünsche würde nicht vor dem Symposium diskutiert, sondern lediglich auf Leinwänden ausgestellt.

Einer der ersten Vorträge, die ich sah, wurde von einer Professorin der hiesigen Wirtschaftsfakultät gehalten und beschäftigte sich mit Arten und Wirksamkeit unterschiedlicher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Der Vortrag war dermaßen enttäuschend, dass ich überlegte mein Geld zurückzuverlangen. Wie man auf einer wirtschaftswissenschaftlichen Tagung einen derart unwissenschaftlichen Beitrag präsentieren kann, in dem keine Zahlen, keine Prozente und keine Sachfakten genannt werden, ist für mich nicht nachvollziehbar. Auch der kausale Zusammenhang zu Kuba fehlte komplett, denn offiziell haben ja hier fast alle Arbeit (die offizielle Arbeitslosenrate beträgt etwa 2.5%). Ein Schüler der Oberstufe hätte mit einem Tag Vorbereitungszeit wahrscheinlich Ähnliches auf die Beine gestellt. Insgesamt waren etwa 60 der 180 Beiträge nicht auffindbar oder fanden gar nicht statt, das ist ein stattliches Drittel. Zu diesem Drittel gehörte der Großteil meiner notierten Veranstaltungen. Einer der Höhepunkt dieses 3-tägigen Events war der Vortrag unseres Dekans, der die Tourismuswirtschaft Mexikos mit der Kubas verglich. Wenigstens er arbeite akademisch korrekt mit allerlei Gleichungen und Elastizitäten und kam überraschenderweise zu dem Schluss, dass Kuba derzeit entscheidend besser aufgestellt sei als Mexiko, jede investierte Geldeinheit bewirke hier mehr positive Effekte in Bezug auf Arbeitsplätze und soziale Wohlfahrt. Zu allem Übel bekam er dafür von den anwesenden mexikanischen Forschern großen Beifall.

Mein tatsächlicher Favorit kam schlussendlich aus Kanada und untersuchte die Auswirkungen des Tourismus in Ballungsgebieten auf  die Gesundheitssituation der Bevölkerung sowie Veränderung der Geschlechterrollen in der Gesellschaft (Gender). Der gute Mann schlug die Kubaner mit den eigenen Waffen, zitierte auf jeder dritten Folie Fidel und übte konstruktive, wenn auch keine systembezogene Kritik.

Zwei Tage in Jallalabad

Ab Ende März kamen vier EntwicklungshelferInnen neu aus Deutschland, machten die Auslandsvorbereitung und wohnten mit mir im Gästehaus.‚Ab Ende März’, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten einreisten. Heiner, der als erster neuer Mitbewohner kam, hatte das Pech, auf die anderen noch drei Wochen warten zu müssen. Ich dagegen hatte Glück: Ich konnte mich einfach ihrer Studienfahrt nach Jallalabad anschließen, die Teil ihres Vorbereitungskurses war. Anstatt Heiner, der einen Tag, bevor es losgehen sollte, krank wurde.

Wir sind morgens um sieben losgefahren, erst die altbekannte Strecke zu dem ISAF- Camp raus, dann weiter Richtung Pul-e-chari, von wo aus ich jede Woche rechts hoch in die Berge gefahren bin. Wir, das waren der Sprachlehrer Mir Afzal (der auch das Reiseprogramm organisierte), das Ehepaar Pukmann, beide über sechzig und sehr agil, Bob (der meist eher schlecht gelaunt hinten im Wagen saß), die zwei Fahrer (wir waren ja wieder mit zwei Autos unterwegs) und ich.

Diesmal ging’s nicht nach rechts, sondern geradeaus weiter und erstaunlich schnell ebenfalls mitten in die Berge rein, aber nicht hoch, sondern die nächsten vier Stunden nur bergab. Ich hatte irgendwie erwartet, dass es eine Weile durch die Berge geht und dann spätestens nach der Hälfte (bei Sarobi) in eine Ebene hinein. So sah es jedenfalls auf der Karte aus. Aber die Berge haben uns nie verlassen, mal enger, mal etwas weiter das Tal dazwischen.

Selbst Jallalabad ist umgeben von Bergen, genau wie Kabul. Anders ist nur, dass Jallalabad in einem lang gestreckten Tal liegt, also auch die ganze Stadt eine Hauptverkehrsader hat, wenn auch mit mehreren Parallelstraßen und auf der südlichen Seite mit einer zweiten Ebene oberhalb der Stadt. Kabul dagegen liegt in einem sehr großen Talkessel und ist mehr sternförmig aufgebaut.

Zuvor aber ging’s durch wirklich enge Schluchten, einmal stürzte der Fluss so jäh in die Tiefe, dass die Straße beim besten Willen nicht mehr mitkam, sondern sich mit mehreren Tunneln durch den steilen Fels bohren und anschließend in einigen Serpentinen wieder zum Fluss hinunterwinden musste. Wunderschön und beeindruckend war das. Der Fluss tief unten, braun und ungestüm.

Auffallend die vielen bunt bemalten LKWs, die hauptsächlich in Richtung Kabul voll bepackt waren (zum Teil rückkehrende Flüchtlinge) und leer wieder zurückfuhren. Kabul produziert so gut wie nichts, vieles kommt aus Pakistan, anderes aus Iran, den GUS-Ländern oder aus Dubai und anderen arabischen Staaten. Die Außenhandelsbilanz von Afghanistan muss eine Katastrophe sein.

Wir fuhren an drei Staudämmen vorbei, mindestens einer produzierte Strom. An dem großen Damm, der für Kabul den Strom produziert, führte die Straße allerdings in einem weitem Schlenker vorbei. Wir konnten ihn nicht sehen. Das ist auf Höhe von Sarobi, dort ist das Tal stellenweise breiter und lässt einiges an Grün und Feldbau zu. Auch die Berge sind bei weitem nicht so steil und schroff.

Immer wieder war Kriegsgerät zu sehen, meist ausgebrannt, manchmal aber an strategischen Punkten durchaus noch in Betrieb, inklusive einem Haufen Soldaten, die MG lässig über den Knien liegend. Links und rechts der Straße oft Minenfelder, geräumte und aktive. Auf der Hinfahrt sahen wir ebenfalls Dutzende Minenräumer, zum Teil im Berg (ich fragte mich, wie in dem Fels jemand Minen legen kann), zum Teil direkt neben der Straße, mit Metalldetektor, mit Hunden, mit schwerem Minenräumfahrzeugen. Tags drauf sahen wir sie vormittags an einer Moschee für einen toten Kollegen Spalier stehen und mittags zufällig im Restaurant.

Auffällig war das viele Grün, sobald es das Tal zuließ; der Weizen schon richtig hoch und viele Bäume, selbst an den Hängen krallten sich Büsche und Bäume. Im Hintergrund immer wieder Aussicht auf schneebedeckte Berge.

Die Straße selbst war zur knappen Hälfte asphaltiert, ansonsten Schotter. Manchmal gab es zwanzig Meter Asphalt, dann wieder Schotter, dann wieder Asphalt. Das reicht natürlich nicht zum schnell fahren. An den Schotterabschnitten waren öfter Kinder, Greise oder ein einbeiniger junger Mann, die tatsächlich oder nur den Eindruck erweckten, die Straße zu reparieren, wie schon in Logar. Dafür wollten sie Geld von uns, dass wir unter der Windschutzscheibe liegen hatten und je nach Bedarf aus dem Fenster warfen. An anderen Stellen wurde die Straße wirklich repariert. Noch vor einem halben Jahr hat es wohl 7 Stunden nach Jallalabad gedauert, wir haben mit Pausen jetzt nur noch 4 Stunden für die etwa 150 Kilometer gebraucht.

Auf dem Rückweg sahen wir Wasserlaster, die die Straße nass machten, um den Staub in Grenzen zu halten. Nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt machten wir Halt an einer Raststätte, die mich etwas an die Wüstenraststätten erinnerte, die manchmal in amerikanischen Filmen auftauchen. Nur dass hinter dem Haus ein kleines Wäldchen und dann der Fluss war.

In dem Wäldchen waren Männer mit Maschinengewehren verteilt, die offensichtlich ein paar Europäer beschützten, die dort aßen. Direkt neben dem Wäldchen sah ich auch mein erstes Mohn/Opiumfeld. Zwei junge Männer waren gerade bei der ersten Ernte. Hinter einem Baum hervorlugend habe ich mich getraut, ein Bild zu machen.

Später sahen wir dann noch öfter Mohnfelder, allerdings bei weitem nicht so viele, wie ich nach Erzählungen erwartet hatte. Wahrscheinlich sind die meisten Felder auch nicht so direkt von der Straße aus zu sehen. Etwas Wegstrecke nach dem Restaurant kam von Norden her ein größerer Fluss aus den Hindukusch-Bergen und brachte Bäume mit, die ihn säumten und sich gleichsam in unser Tal ergossen, ein grünes, breites Band, dass uns dann, bis auf kurze Ausnahmen, nicht mehr verließ.

Kurz vor Jallalabad, am letzten Stausee, kehrten wir in einem Fischrestaurant ein, ein überdachter Raum mit Veranda zum See hin und aßen frisch gefangenen und gebratenen Fisch. D.h., die anderen aßen, ich und Christel Pukmann nahmen mit etwas Gemüse und Brot vorlieb. Durch einen weiteren Tunnel kamen wir dann ins offenere Tal von Jallalabad.

Jallalabad selbst ist deutlich kleiner als Kabul, aber sehr viel grüner. Vor allem viele Bäume gibt es in der ganzen Stadt. Manchmal konnte man die Bebauung vor lauter Bäumen nicht sehen. Ich habe deutlich weniger Frauen auf den Straßen gesehen, als in Kabul. Dafür waren aber mehr Frauen ohne Burka. Allerdings kann das auch ein wenig täuschen, weil diese Frauen ohne Burka vielleicht Kutschi- Frauen waren, also Nomaden Frauen, die die Burka eigentlich nie akzeptiert haben. Denn insgesamt ist Jallalabad als Paschtunen- Stadt sehr viel konservativer als Kabul, so etwas wie das Bayern Afghanistans.

Jallalabad schien mir insgesamt auch reicher, jedenfalls gab es weniger dieser ganz kleinen Läden oder Straßenhändler als in Kabul. Witzig war die Ladenzeile mit den Geldhändlern, die ihr Geld in Glasvitrinen zur Schau stellten. Die vielen, vielen Stoffhändler mit den schillernden, glitzernden, farbenfrohen orientalischen Stoffen und die Stände mit den bunten Gewürzen haben mich zweimal zum Einkaufsbummel verlockt.

Wie in Kabul gab es viele Musikkassetten oder fliegende Händler, die kleine Bilderchen verkauften. Die Bananen sind auffällig größer und zu meiner großen Freude gab es auch Kokosnüsse. Wie in Kabul gibt es auch Rohrzucker, zum Teil unverarbeitet zum Lutschen, zum Teil als braune Zuckerklumpen, die nach Gewicht verkauft werden.

Gewohnt haben wir in dem Entwicklungsdienst- Gästehaus, einem geräumigen Anwesen mit mediterranem Flair. Der Garten üppig, mit Palme und Sonnenblumen, vielen Bäumen, einem Volleyballfeld und einer binsengedeckten Veranda. Innen waren vier Zimmer, (ich habe mit einem Fahrer in einem Raum geschlafen) mehrere Flure, eine große Essdiele und eine Winterküche.

Die Sommerküche befand sich in einem Anbau, um zu verhindern, dass das Kochen das Haus noch mehr aufheizt. Ich hatte etwas Angst vor Kälte nachts, wegen der dünnen Decken, aber das war völlig unbegründet: Durch die viel höhere Luftfeuchtigkeit und das viele Grün kühlte es nachts kaum ab und ich habe eher geschwitzt als gefroren.

Am ersten Nachmittag besuchten wir einen großen Viehbetrieb aus Sowjetzeiten. In den weitläufigen Stallungen standen noch ein paar magere Kühe. Es wurde gerade Milch verkauft, 200 Liter produzieren sie an einem Tag, bei etwa 40 Milchkühen, also nicht besonders viel. Die Stallungen sind für mehrere hundert Kühe ausgelegt und mit viel Auslauf. Wir waren im Nu umringt von einer großen Schar Afghanen. Schade, dass es im Stall so dunkel war, sonst hätte ich ein paar schöne Bilder machen können, besonders zwei alte Afghanen und drei, vier kleine Mädchen hatten es mir angetan.

Anschließend sind wir zum Fluss und haben dort in einem Gartencafe Tee getrunken, Pommes und mit Kartoffeln gefüllte Teigtaschen gegessen. Sieben Leute und nachher haben wir zweieinhalb Euro für alles bezahlt. Dazu ein schöner Sonnenuntergang, warme Luft und der Blick auf den schillernden Fluss: Urlaub vom Feinsten.

Gleich nach dem Frühstück am nächsten Tag fuhren wir zum alten Winterpalast des Königs. Der ist im Gegensatz zum Palast in Kabul nicht zerstört, sondern wunderschön, bewohnbar und umgeben von einem recht gepflegten Park. Auch hier wieder alles voller Blüten und die Pflanzen auf mehreren Ebenen. Ich habe mich gewundert, dass wir dieses Anwesen überhaupt betreten durften. Wir wurden aber vom Verwalter persönlich herumgeführt und das war mir auch ganz lieb, denn überall waren Wachsoldaten. Ein großes (aber leeres) Schwimmbad gab es, eine langgestreckter, frisch renovierter Bau mit vielen Wohnungen für die Bediensteten und ein richtig schönes Schloss mit vielen kunstvollen Details (zum Beispiel aufwändig geschnitzte Türen und Fenster). Gebaut wurde es von dem ‚eisernen Emir’ Abdul Rahman, vor etwa 120 Jahren.

Abdul Rahman war ein Herrscher von Englands Gnaden, einer der Versuche Englands Afghanistan unter Kontrolle zu bekommen. Er versuchte zum Teil mit Massenmord an den Hazara und den Nuristani Afghanistan zu einem einheitlichen Staat zu formen. Er hat die Nuristani (die mir immer vorkommen wie Iren, mit ihren roten Haaren und Sommersprossen) auch gewaltsam islamisiert. Und wie so oft nach einem solchen Traumata sind die Nuristani nun eher besonders eifrige Moslems. In den 20iger Jahren ist der Palast im Zuge eines Umsturzes zerstört, bald aber wieder aufgebaut worden.

In der Nähe gab es auch eine Moschee mit sämtlichen Gebeinen der Großfamilie Abdul Rahman. Die ist allerdings sehr viel öffentlicher: auf dem Gelände der Moschee unter einer schönen Allee gab es eine Art Flohmarkt mit ganz vielen Bettgestellen und Kinderwiegen aus Metall. Die Milizionäre, die alles bewachen, wie üblich mit einem Zelt, davor Holzbetten, auf denen sie herumlungern, und eine Menge Unrat oder ein auf dem Boden verstreutes Kartenspiel.

Danach sind wir raus aus der Stadt, in eine Siedlung im Umland. Ich habe leider nicht verstanden, was es war. Mit dem künstlichen, etwa zehn Meter hohen Erdhaufen in der Mitte und Resten von irgendwelchen Anlagen, Bewässerungskanälen, Becken und Mauern wirkte es auf mich, wie die Ruinen von einer aztekischen Tempelanlage.

Wir sind zu zweit auf diesen Erdhaufen, oben gab es eine kleine, gemauerte Nische und so etwas wie eine öffentliche Toilette. Von weitem riefen uns Milizionäre und kamen uns entgegen, als wir wieder abstiegen. Ich hatte etwas Muffe, aber sie waren sehr freundlich, als sie merkten, dass auch ich ein Ausländer bin. Sie hatten wohl die Tage zuvor Beschwerden bekommen, dass junge Afghanen diesen Hügel bestiegen haben und dann in die umliegenden Höfe gucken (und womöglich Frauen sehen) konnten. Insgesamt scheinen alle Erhebungen mehr oder weniger dem Militär vorbehalten zu sein, dass war schon in Hezarak so. Schade, ich gucke so gerne ins Land.

Zu Mittag haben wir in einem gehobeneren Restaurant gegessen. Davor saß einer dieser Schuhputzerjungen, der mir zuerst meine sauberen Schuhe putzen und nach meiner Absage nur noch etwas zu essen wollte. Ein Stück Kuchen von mir hatte er schnell hinuntergeschlungen und deshalb brachte ich ihm nach dem Essen all unsere Reste vor die Tür. Das war ein richtiger Berg Reis und Fleisch gewesen, aber binnen ein paar Minuten sah ich ihn den Teller wieder zurück ins Restaurant bringen. Vielleicht musste er auch etwas an andere abgeben, ich weiß es nicht.

Mit Christel machte ich einen Einkaufsbummel, aber die vielen Blicke, praktisch die Aufmerksamkeit der ganzen Straße, fand ich schon sehr anstrengend. Ich habe auch während unserer ganzen Zeit außer einer Frau im Auto keinen einzigen anderen Europäer in Jallalabad gesehen. Christel hatte es nicht so stressig empfunden, aber für mich war der Unterschied zum alleine durch die Straßen laufen schon gewaltig.

In Kabul werde ich nicht mehr beobachtet, selbst mit der Kamera bin ich meist so schnell, dass keine Straßenkinder zum Betteln kommen. In Jallalabad haben immer wieder ein paar Leute registriert, dass ich ein Fremder bin, wenn ich alleine war, aber eher beiläufig, aus den Augenwinkeln.

Nach einer Mittagspause im Gästehaus mussten wir zuerst den Kollegen Bob suchen, der sich seit ein paar Stunden kommentarlos abgesetzt hatte. Wir waren ziemlich in Sorge. Bob, als wir ihn fanden, aber war quietschvergnügt.

Wir machten noch einen kleinen Ausflug erst zum Fluss und später in die südlichen Berge hinein, was ich allerdings nicht sehr spannend fand: Mehr als die Straße und die üblichen kahlen Berge, eine Militärkontrolle und eine Raststätte war dort nicht zu sehen. Lediglich auf dem Weg dorthin konnten wir große Olivenhaine und die Ruinen einer ehemaligen Olivenölfabrik bewundern. Außerdem war der wie ausgestorben wirkende, im Umfeld weiträumig verminte Flughafen von Jallalabad interessant zu sehen. An einer Stelle sahen wir auch Dutzende voll bepackte LKWs aus Pakistan, die hier auf die Zollabfertigung warteten. Die Zolleinnahmen gehen wohl hauptsächlich an einen Warlord, der hier die Polizei, das Militär und den Geheimdienst unter Kontrolle hat. Der eigentliche Gouverneur hat kaum etwas zu sagen.

Ich bin sehr früh schlafen gegangen, weil ich wieder so starkes Kopfweh hatte. Am nächsten Morgen ging’s zurück nach Kabul. Auch den Rückweg habe ich sehr genießen können. Irgendwie sieht alles noch mal anders aus, wenn mensch es von der anderen Seite her betrachtet. Gegen elf Uhr kamen wir wohlbehalten in Kabul an.

Als wir an einer Tankstelle hielten, brauste kurz darauf eines dieser Fahrzeuge mit den dunklen Scheiben ebenfalls auf den Platz. Ein gedrungener Muskelmann mit abstehenden Armen, einem steifen Rücken, einigen Pistolen, Sonnenbrille und offensichtlich nichts im Hirn stieg aus und stampfte auf den Fahrer des anderen Entwicklungsdienst-Autos zu. Der Fahrer hatte wohl gewagt, das Auto dieser Kriegers zu überholen und der verlangte nun nach Genugtuung. Zum Glück war es helllichter Tag, mitten in Kabul und der Entwicklungsdienst-Fahrer geübt in der Deeskalation, so dass das Ganze noch ohne Schaden abging.

Als besondere Geste notierte sich der Typ noch die Autonummer und fuhr dann wieder. Er selber und ein zweites, wohl zu ihm gehörendes Auto hatte selbstverständlich kein Nummernschild. Willkommen in Kabul!

20.-22. April

Honig aus Afghanistan: Mein Bienenprojekt

Anfang April waren meine Abschlussberichte für meine drei Organisationen und meine Zeugnisse für die Lehrlinge endlich geschrieben. Ich hatte nun Urlaub und etwa drei, vier Wochen Zeit, mich um mein privates Projekt zu kümmern: Eine Imkerinnen-Ausbildung, in Zusammenarbeit mit AFA.

Im Januar hatte ich zusammen mit einem anderen deutschen Unterstützer ein weiteres Gespräch mit Nadia gehabt. Peter, der Deutsche, war einer der Spendensammler von AFA und besonders von dem Bienenprojekt angetan. Deshalb haben wir eine Schreinerinnen-Ausbildung nicht mehr weiter verfolgt.

Abgesprochen war nun, dass ich mich die inhaltliche Vorbereitung kümmern sollte und um den Imkereibedarf, wie Bienenkästen und Honigschleuder. AFA sollte sich um den organisatorischen Rahmen kümmern, wie Ort und ausbildungswillige Frauen und außerdem um Bienenvölker. Stattfinden sollte das Ganze in Jallalabad, ab Anfang April und bis dahin wollten wir jeweils unseren Teil vorbereitet haben. Gefreut hat mich, dass ich von Karl Anders die Zusage bekam, während dieser Zeit im Gästehaus des Entwicklungsdienst in Jallalabad wohnen zu dürfen.

Von einer befreundeten Imkerin bekam ich aus Deutschland einiges Material über den Bau (und die Maße) von Bienenkästen (‚Beuten’) zugeschickt. Sie hatte auch herausgefunden, dass in Afghanistan zwar auch gelegentlich mit der europäischen Honigbiene geimkert wird, eigentlich aber eine andere Art heimisch ist. Ich war etwas entmutigt, als ich feststellen musste, dass diese Bieneart deutlich anders beimkert werden muss, als ich das in Deutschland gewohnt bin. Zum einen fliegt diese Biene nicht so weite Strecken, wie die europäische. Das bedeutet, dass sie doch nicht so gut von einem Hof aus betreut werden kann, sondern immer wieder auch zu den Orten gebracht werden muss, wo es gerade Tracht gibt (es blüht). Das wiederum macht es schwer für Frauen, Bienen zu halten. Die Völker dieser Bienenart sind kleiner, so dass auch die Beuten kleiner sein müssen, als in Europa üblich. Von dieser Freundin bekam ich auch kleinere Ausrüstungsgegenstände zugeschickt. Was noch fehlte, waren die Honigschleuder und die Beuten selbst, die zu groß waren, um sie zu schicken.

Für meinen Container hatte ich ein paar Schlosserarbeiten gebraucht und einen Schlosser gefunden, der mir die entsprechenden Teile gebaut hatte. Diesen Schlosser zu finden, war schwierig gewesen. Bei einem anderen Schlosser war ich immer nur wieder vertröstet worden, selbst eine Anzahlung hatte nichts genutzt. Nach einigem Hin und Her rückte er das Geld ein paar Tage später tatsächlich wieder heraus. Mit dem zweiten Schlosser war ich sehr zufrieden und nach ein paar Aufträgen begrüßten wir uns wie alte Bekannte. Besonders die kleinen Jungs, die vor seiner Werkstatt an irgendwelchen Metallstücken herumhämmerten, riefen mir schon von weitem zu, wenn sie mich kommen sahen.

Nur wenn meine Wünsche gar zu kompliziert waren, hatten mein Dari und meine Zeichnungen nicht ausgereicht. Einen durch die Luftzufuhr zum Ofen gekühlten Ofenrohrstutzen musste ich zum Beispiel wieder umbauen, weil er nicht so geworden war, dass ich ihn benutzen konnte.

Nach diesen Erfahrungen versuchte ich für das komplizierte Bienengeschirr jemanden zu finden, der entweder Englisch oder sogar Deutsch versteht. Die Holzarbeiten hätte ich gerne in meiner Werkstatt in Hezarak bauen lassen. Nach einigem Überlegen war mir aber klar, dass sich das aus verschiedenen Gründen verbat: Wie passen diese Bienenkästen in den Ausbildungsplan, den ich mir mit Einnullah zusammen ausgedacht hatte? Wer würde den Preis festlegen und wem müsste ich das Geld geben? Vor allem aber wollte ich den Anschein vermeiden, ich würde diese Ausbildung benutzen, um etwas für mich abzuzweigen.

Über mehrere Ecken hörte ich von einem christlichen Orden, der mit einigen Brüdern schon viele Jahre in Afghanistan arbeitet und sowohl eine Schlosserei als auch eine Schreinerei betreibt. Weinig später saß ich dann in der Nähe von Taimani bei einem Ehepaar. Andreas war ursprünglich ein Mitglied dieses Ordens gewesen, hatte dann aber Beate kennen gelernt. Beate war ebenfalls schon unter den Taliban für eine andere Hilfsorganisation nach Afghanistan gekommen.

Sie wohnten in einem kleinen Haus mit Garten mitten in Kabul, der Obstbaum blühte schon. Zu meiner Verwunderung war die Tür nicht abgeschlossen, das hatte ich bisher noch nicht erlebt. Andreas sagte nur: Früher war hier kaum eine Tür abgeschlossen. Plaudernd habe ich einen schönen Nachmittag bei ihnen verbracht. Als ich allerdings von AFA erzählte, wurde Beate ärgerlich: „Weißt du nicht mehr,“ meinte sie zu Andreas: „Das sind die Frauen, die uns alle mit ihren radikalen Aktionen während der Taliban-Zeit in Gefahr gebracht haben.“

Mit Andreas fuhr ich ganz in den Süden von Kabul, wo er unter anderem eine Schreinerei leitete. Das Gelände war enorm groß, die Schreinerei wegen Umbauarbeiten aber gerade in einem Verschlag untergebracht. Zusammen mit Andreas erklärte ich zwei sehr alten Schreinern, welche Art von Beuten ich haben wollte. Auch hier waren im Moment keine Maschinen in Betrieb, sondern alle Arbeit wurde von Hand gemacht. Als ich diesen alten Handwerkskollegen gegenüberstand, wurde ich sehr ehrfürchtig. Was diese runzeligen Hände wohl schon alles gebaut haben mögen, und was diese faltigen Gesichter schon alles gesehen?

Es stellte sich heraus, das beide auch schon Bienenbeuten gebaut hatten und so vereinbarte ich mit ihnen, dass sie zwei Kästen auf afghanische Art und drei Kästen nach meinen Zeichnungen fertigen sollten. Glücklicherweise war hier der Samstag immer Arbeitstag, so dass ich an mehreren Samstagen die fertigen Arbeiten begutachten konnte. Das war auch gut so, denn an den Beuten nach meinen Zeichnungen und den von Andreas übersetzten Erklärungen waren doch einige Fehler nach zu bessern. Selbst Andreas war manchmal erstaunt, wie wenig die beiden doch erfahrenen Schreiner verstanden hatten.

Einen dieser Samstage verbrachte ich damit, selbst den kompliziertesten Teil, das Bodenteil mit dem Einflugloch, zu bauen, damit sie für die beiden anderen Kästen eine Vorlage hatten. Wieder war ich überrascht, wie schnell das Arbeiten ohne Strom geht. Ganz stolz war ich, mitten unter diesen Kollegen zu arbeiten und mit ihnen zusammen Pause zu machen.

Wenn ich handwerklich arbeite, können sie sehen, dass ich nicht nur Aufträge oder Befehle erteilen kann. Ich bin mit ihnen auf einer Stufe, ein Schreinerkollege halt und das schafft eine andere Verbindung, eine andere Art der Verständigung. Ich genieße das sehr. Ich weiß, dass die Entwicklungshilfe mehr und mehr in die Richtung geht, möglichst weit oben an zu setzen. Nicht ausbilden, schon gar nicht selbst schreinern, sondern möglichst die Lehrer ausbilden, oder noch besser: die Lehrpläne für die Lehrerausbildung erarbeiten.

„Gibst Du einem Armen einen Fisch, so hat er einen Tag etwas zu essen. Lehre ihn fischen, so hat er ein Leben lang zu essen.“ Massiv gefördert wird dadurch aber das Herrenmenschen-Bild: Die Weißnasen wissen alles besser.

Schwieriger war es, die Honigschleuder bauen zu lassen. Thomas, der Ordensbruder, der für die Schlosserei verantwortlich war, war für einige Zeit in Deutschland und sollte erst gegen Ende April wieder zurück kommen. Andreas hat mir deshalb die private Schlosserei eines Mitarbeiters gezeigt.

Der war ein sehr fähiger Schlosser, aber die Arbeiten an der Schleuder zogen sich sehr in die Länge. Zum Glück war seine Schlosserei ganz in der Nähe des Entwicklungsdienst-Gästehauses, so dass ich oft hinfahren konnte. Das musste ich auch.

Termingerecht fertig geworden ist sie nicht. Das war auch nicht mehr nötig, denn Nadia hatte offensichtlich das Interesse an dem Bienenprojekt verloren. Ich habe mehrere Tage lang halbstündlich unter zwei Telefonnummern versucht, sie an zu rufen, aber außer zwei sehr kurzen Rückrufen („ich rufe Dich in einer halben Stunde noch einmal an“), hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihr.

Obwohl sie wusste, wo ich wohne und dass ich auf sie warte, auch das ganze Material schon hatte, schrieb sie später an Peter, es sei nicht möglich gewesen, mich zu finden. Sie sei davon ausgegangen, dass ich mit AFA nichts mehr zu tun haben wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als die ganzen Sachen zu einer anderen Hilfsorganisation zu bringen, von der ich gehört hatte, dass sie auch ein Bienenprojekt plante. Auch einen Imker konnte ich ihnen noch vermitteln.

Zu meiner großen Erleichterung bezahlte mir Ole van den Berg von ZIM das Bienenmaterial. Ich glaube, es war eine Anerkennung für meine Arbeit in Hezarak. Ich habe keine Ahnung, aus welchem Topf er das Geld bezahlen konnte, war ihm aber ausgesprochen dankbar.

Arnold erzählte mir, dass er unter anderem ein Tischlereiprojekt für Frauen betreut. War das also doch möglich! Eigentlich alle, die ich noch Deutschland als Afghanistan-Experten gefragt hatte, rieten mir, mir solche westlichen Spinnereien aus dem Kopf zu schlagen: „Frauen können in Afghanistan nicht als Schreiner arbeiten!“

Ich habe Arnold sofort nach seinen Erfahrungen mit den Frauen gefragt, denn darauf war ich selbst die ganze Zeit sehr neugierig gewesen. Er meinte: „Du musst mit afghanischen Frauen ganz normal umgehen, ob mit Tschadori oder ohne. Dann kannst du schnell einen ganz normalen Kontakt herstellen. Inzwischen kommen die Frauen aus diesem Projekt mit alltäglichen Problemen zu mir, um sie zu besprechen. Mich hat das selbst gewundert, wie schnell sich da eine recht offene Situation entsteht.“

Im Grunde gingen auch meine wenigen Erfahrungen in diese Richtung. Anfangs war ich doch sehr gehemmt, besonders den total verschleierten Frauen gegenüber. Inzwischen grüßen mich die Teenagerinnen hier aus der Straße schon von weitem, wenn auch meist kichernd. So wie gleich am ersten Tag, als ich ohne mir dabei etwas zu denken, die Frauen im Nachbarhof grüßte und diese zurück winkten.

Nach wie vor finde ich den Tschadori, die Burka, aber sehr bedrückend. Und es ist nicht nur die natürlich gravierende Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Frauen. Sondern die damit einhergehende Kultur suggeriert zusätzlich, dass ich als Mann in irgendeiner Form eine sexuelle Bestie bin. Das verleidet mir die ganze Freude am Mannsein. Nach wie vor fällt es mir schwer, mit einer Frau unter einer Burka ‚ganz normal’ zu reden.

Ein Nebeneffekt von meinem missratenen Versuch, für Frauen in Afghanistan etwas zu tun, ist, dass ich nun noch etwas Zeit in Afghanistan habe, bevor ich wieder nach Deutschland fliege.

So kann ich eine Reise nach Jallalabad unternehmen und mich noch etwas in Kabul umsehen. Mit einem Bekannten wollte ich weit ins Landesinnere, in das Hazarajat fahren, aber das vereitelte meine Angst, mir könne in den letzten Tagen in Afghanistan noch etwas zu stoßen: Ich bekam eine fürchterliche Darminfektion, die meinen Aktionsradius für mehrere Tag auf ein paar wenige Meter beschränkte.

19. April

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Reinhard Schlagintweit über seine Liebe zu Afghanistan, Fehler gegenüber den Taliban und den Einsatz deutscher Soldaten

Saghar Chopan im Gespräch mit Reinhard Schlagintweit. Bereits 1958 war er in Kabul an der Botschaft tätig: Ein Interview über sein Leben als Botschaftsangestellter und seine Reise als Vorsitzender von UNICEF nach Afghanistan kurz nach der Eroberung durch die Taliban. Weitere Themen sind die Sicherheitslage im Land und mögliche Fehler der Vergangenheit gegenüber dem Talibanregime. Zum Einsatz von deutschen Soldaten insbesondere im Süden hat Schlagintweit eine gespaltene Meinung: „… auf der einen Seite … dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen selbst … gestalten können … ist zuviel verlangt.

Während der Zeit als Botschaftsmitarbeiter wohnte Herr Schlagintweit mit seiner Familie in Kabul. Sein jüngster Sohn kam hier zur Welt. „Seitdem bin ich in das Land verliebt – die ganze Familie. Das war mit die schönste Zeit, die interessanteste Zeit in unserem Leben. Wir haben uns unheimlich wohl gefühlt. Das Land ist wunderbar. Die Menschen sind sehr freundlich und offen. … Und seitdem bin ich an dem Land interessiert geblieben. Ich habe versucht zu verfolgen wie es sich entwickelt hat. Die tragische Geschichte des Landes, die jüngsten Ereignisse…“

Folgend erhalten wir Einblicke in die Erlebnisse eines Zeitzeugen, der Afghanistan aus einer romantischen Leidenschaft heraus in den 1950er und 60er Jahren erlebte und lieben lernte. Damals konnte man sich im Land frei bewegen und fühlte sich durch zahlreiche persönliche Kontakte mit dem Direktor der deutschen Schule in Afghanistan oder Angestellten zu Hause und in der Botschaft sehr wohl. „Das war fast ideal. Man wusste natürlich, dass das Land sehr arm war, dass sehr vieles fehlte, aber irgendwie hat die Armut damals eine andere Rolle gespielt, wie heute. Man war der Armut nicht so nah oder es war so sehr Teil der Tradition, dass man sich nicht soviel Gedanken gemacht hat, wie man das heute tut. Und es waren natürlich auch nicht die furchtbaren Zerstörungen des Krieges und die Zerstörungen der Strukturen, die heute so schlimm sind.“

Auch die Einstellungen zum Tod erschienen den Schlagintweits anders als zu Hause. „Wenn ein Kind gestorben ist, dann waren die Eltern sehr traurig, aber sie haben gesagt, Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen.“

Der letzte Besuch nach Afghanistan führte Herrn Schlagintweit 1996 mit Unicef nach Kabul. „Das war zufällig gerade, wie die Taliban Kabul einverleibt hatten. Das war … traurig … wie nach einem Bombenangriff. Das war furchtbar… aber der Zauber der Menschen war vorhanden.“

Auch „… die Frage der Sicherheit ist immer eine schwere Frage in Afghanistan gewesen. … Ich war im Jahr 2000 der Meinung, dass wenn wir eine positive Haltung zu den Taliban eingenommen hätten und sie anerkannt hätten und auch ihren Stolz damit anerkannt hätten und dann langsam mit ihnen gehandelt hätten und sie beeinflusst hätten, dann wäre das Land nicht da, wo es jetzt ist. Jetzt ist es ein bisschen überhitzt meiner Meinung nach, auch die westliche Präsenz… aber bestimmt wäre das Land weiter als es damals gewesen ist. Heutzutage kann ich keinen Rat geben. Ich glaube, dass jeder versucht das Beste zu tun, aber dass man vielleicht auch … die Kapazitäten von Afghanistan … überschätzt werden. … In der Zentralmacht fehlt das notwendige Personal um die Hilfe auch sinnvoll umzusetzen. Ich glaube einfach man muss Geduld haben. Man kann einen Staat, der so kaputt ist durch die Bürgerkriege nicht innerhalb von ein paar Jahren aufbauen. … Ich glaube ein gutes Schulsystem ist das A und O, das Allerwichtigste.“

Abschließend befragt Saghar Chopan Herrn Schlagintweit zum Einsatz der Deutschen im Süden Afghanistans: Sollen die Deutschen dahin gehen und aktiv mitkämpfen an der Seite der Amerikaner? Schlagintweit: „…Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich kein ganz genaues Bild habe, was im Süden los ist, wer gegen wen kämpft. … Und ich bin gespalten. Ich finde auf der einen Seite, wenn wir Mitglied der Nato sind, dann dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen mit selbst gesetzt haben und gestalten können und damit auch Risiken auf uns zu nehmen, ist zuviel verlangt.

Saghar Chopan: Herzlichen Dank.