Aufbau der frühchristlichen Gesellschaft und die Würde des Menschen

Das jeder Mensch würdevoll zu behandeln ist und alle vor dem Gesetz gleich sind, ist für uns keine Neuigkeit, war jedoch in frühchristlicher Zeit, wo Sklaven gehandelt, geschlagen und gekauft wurden, nicht selbstverständlich. Aus diesem Grund ist die Beleuchtung der frühchristlichen Gesellschaft für das Verständnis von Würde, wie wir sie heute verstehen, wichtig. Denken wir über die Würde nach, bemerken wir rasch, dass das frühchristliche Material in deutlichem Kontrast zu unseren von individualistischen Vorstellungen geprägten Empfinden steht (vgl. Lampe, 2001: 288f).

Für die westliche Glaubenswelt ist die freie persönliche Entfaltung des Individuums ein wesentlicher Bestandteil der würdevollen Lebensgestaltung. In der Antike hingegen hat das Individuum vielmehr durch seine Zugehörigkeit im sozialen, gemeinschaftlichen Organismus Würde erfahren. Hier wurde der Einzelne sehr wohl wahrgenommen und nicht anonymisiert. Jedoch lagen Forderungen nach „Freiheit“ und „Grundrechten“ für die Persönlichkeitsentwicklung eines Individuums eher fern. Unsere Vorstellungen von einer liberalen Eigenständigkeit sind nicht im Geringsten mit unserem antiken Erbe zu vergleichen. Sprechen wir heute von „Würde“, so sprechen wir auch gleichzeitig von unseren Grundrechten; doch damit treffen wir nicht die Grundbefindlichkeit der antiken Menschen und ihrer Vorstellungen von Würde und Gerechtigkeit.

Pyramidaler Sozialverband

Schon im römischen Reich gab es vertikale, pyramidale Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Römer, die mit Hilfe deren ihre Gruppenzugehörigkeiten ordnen konnten. Dabei sind diese Verhältnisse nur annähernd mit unseren heutigen Abhängigkeitsverhältnissen, die wir z.B. zu unseren Vorgesetzen haben, zu vergleichen.

Jeder Haushalt wurde von einer patronalen Spitze, dem Vater der Familie (pater familias), geleitet. Der Familienoberste ging ein Treueverhältnis mit einem reichen mächtigen Adligen ein und verpflichtete sich, ihm neben Dienstleistungen auch politische Unterstützung zu garantieren. Als Gegenleistung erhielt der pater familias Schutz und Unterstützung. Diese Lösung hatte für beide Parteien seine Vorteile (vgl. Lampe, 2001: 290f). Generell hatte im Christentum der wirtschaftlich Stärkere für den Schwachen zu sorgen und der Schwache dem Starken dafür in loyaler Referenz zu begegnen. Diese patronalen Beziehungen gab es auch zwischen sich zwischen Lehrern und Schülern. Politische Handhabungen dieserart ließen ganze Großfamilien und Gemeinden an Adlige binden. Vertikale Grenzziehungen in diesem recht gut organisierten sozialen System unterschieden die Mitglieder der Unterschichten untereinander und markierten die heterogene und vielseitige Abhängigkeit zu den Patronen.

Auch das gesamte Kaiserreich kann als homogene, vertikale, in sich existierende Pyramide gesehen werden. Der Kaiser (pater patriae: Vater des Vaterlandes) stand an oberster Spitze der sozialen Gesellschaftspyramide. So musste ihm das Volk loyal gegenüberstehen, ihm Steuern zahlen und treu dienen. Im Gegenzug war der Kaiser jedoch auch der „defensor plebis“ (Verteidiger des Volkes) und unterstützte Gemeinden nach Erdbeben, Hungersnöten etc.

In der urchristlichen Tradition existierte neben der Kaiserpyramide auch eine Alternativpyramide, bei der Gott und Christus an der Spitze standen. Diese Pyramide war für die Christen ebenso real wie die des Kaisers, was bezüglich der Glaubwürdigkeit und Kompetenz des Kaisers einige Divergenzen mit sich zog. Gott stand für damaliges Empfinden auf gleicher sozialer Ebene wie der Kaiser. Die klare Trennung von Kirche und Staat wurde zu der damaligen Zeit noch gezogen; die Vermischung der sozialen Gesellschaftsordnung mit religiösen Vorstellungen erscheint uns heute sehr fern und unverständlich. In unserer heutigen Gesellschaftsform wird gegenteilig dazu eher die Trennung von Staat und Kirche heran getrieben. Grenzfälle bieten für die Medien und bei der Bevölkerung viele Diskussionsgrundlagen: Die Kopftuchdebatte ist nur eines der zahlreichen Beispiele.

Definition von Würde und der Gottesebenbildlichkeit

Das pyramidale System definierte Würde anhand der Nähe zum Patronus. So genossen Gruppenmitglieder, die dem Patron gut gesonnen waren, eine besondere Betreuung. Je näher man dem Patronus, dem höchsten der jeweiligen Spitze, stand, desto besser auch das gegenseitige Verhältnis. Gute Tugenden wurden belohnt, schlechte gerügt.

Die christliche Alternativpyramide kannte das Abhängigkeitsprinzip in ähnlicher Form. Durch Christus- bzw. Gottesnähe genoss man Würde. Sozial-hierarchische Vorstellungen spielten hier jedoch im gleichen Maße eine Rolle wie im pyramidalen Sozialverband. Auch hier gab es eine Würdeskala, in der der Ehemann Gott am nächsten steht und die Frau zuerst der Abglanz des Ehemanns ist. Erst durch ihren Mann konnte sie Würde von oben erwarten. Die christliche Pyramide stellt Christus als erstgeborenen Bruder aller berufenen Menschen dar (Lampe, 2001: 293f). Für alle „nicht- Berufenen“ ist Christus jedoch nicht der Bruder, sondern einzig für auserwählte Gemeindemitglieder. Um möglichst viel Würde zu erfahren und Gott nah zu sein, nah zu kommen, strebten die Frühchristen die sog. Gottesebenbildlichkeit an. Der Zustand mit Gottes Ebenbild (imago dei) eins zu werden ist jedoch im menschlichen Sein unmöglich. Erst im Eschaton, nachdem man den Rücken zu unserer Welt gekehrt hat, sei es dem Gläubigen möglich, Christus nahe zu kommen, ja sogar sein Ebenbild zu werden. Hier definiert sich der größte Unterschied zu der kaiserlichen Pyramide: Zwar konnte man dem Kaiser nicht ebenbürtig in die Augen schauen, jedoch war der soziale Auf- und Abstieg stets auf das Diesseits bezogen, und nicht, wie bei der Christusebenbildlichkeit auf das Jenseits. Die kaiserliche Pyramide war demnach fassbarer und begreifbarer, da sie theoretisch noch in Lebenszeit zu erklimmen war. Wobei die Christuspyramide hingegen gänzlich nach dem Tod Anerkennung der würdigen Menschen versprach. Die Christusebenbildlichkeit gehörte damit nicht zur menschlichen Grundausstattung, sondern zu einem Zustand, der im wirklichen Leben nicht erreicht werden konnte, zu dem sich ein Streben aber lohnen sollte.

Die Gottesebenbildlichkeit kann auch als eine, so Hamm in „Jahrbuch für Biblische Theologie, Bd 15“ 2000 im Vorwort, „von Gott verliehene funktionale Würdestellung und Beauftragung gegenüber der Tierwelt und den Mitmenschen, (…)“ (Hamm, 2001: 2) definiert werden. Im Gegensatz zu der Aufklärung, in der versucht wurde, die Würdestellung zu definieren und zu analysieren (ebd.: 3), versuchen die Psalme diese Stellung an keinem besonderen Merkmal festzumachen. Die Psalme (vgl. Bibel, AT Gen: Psalm 8) lieferten für die Frühchristen genügend Beweis, dass der Mensch eine „königliche“ Repräsentanz Gottes sei. Da die Erreichbarkeit des göttlichen Ziels für die Erdenbürger nur nach dem Leben möglich ist, wurden seine Fehlbarkeiten, sein Schutzbedürftigkeit und seine Mängel auch als menschlich angesehen. Jedoch sollte er sich stets um ein frommes Anstreben der Gottesähnlichkeit bemühen (vgl. Hamm, 2001: 3f). Hamm fasst dies treffend zusammen:

„Gott will den Menschen – mit dem Existenz- und Herrschaftswechsel in der Taufe beginnend und vollendend in der Auferstehung – in das Bild Christi, der das wahre Bild Gottes ist, verwandeln. So soll die Gottesebenbildlichkeit des Menschen neu konstituiert werden. In der Berufung dazu liegt die Würde aller Menschen“ (Hamm, 2001: 5)

Das Verständnis von Würde in frühchristlicher Epoche grenzt sich stark von unserem Würdeempfinden ab. Früher war die Würde vom sozialen Organismus abgeleitet und nur die Spitze dieses Organs hatte ein Recht und die Befähigung Würde zu erhalten und auszustrahlen. Wo heute lediglich die ethische Kompetenz dem Vordergrund steht (vgl. Kap. 3 dieser Arbeit), so erkannten die Frühchristen die Würde eines Menschen nur an, wenn er befähigt war, mit dieser Kompetenz etwas umzusetzen, was für die Allgemeinheit diente. Sprach man von Würde, implizierte dies auch die normative Eingliederung in einen Organismus, in ein kollektives Ideal. Gläubige Meister lebten das Ideal vor und priesen den täglichen Gehorsam zu Gott mit dem Ziel im Paradies Seinesgleichen zu werden. So konnte der Mensch seine eigene Würde nur aus der Anerkennung Gottes erhalten. Großes Ansehen erreichte derjenige, der seine eigene Vielseitigkeit in den Hintergrund schob um in einzigartiger Konformität zu glänzen. D.h. Originalität sollte zugunsten von Normen und Traditionen der Gesellschaft vernachlässigt werden. Die einzigartige individuelle Leistung definierte sich rein aus dem quantitativ Besonderen einer Person. So bezeichneten die hohen Geistlichen eine individuell außergewöhnliche Tugend als solche, wenn sie für das Kollektiv nachahmbar war. Für eine positive Resonanz sollte das Gemeinwesen im Vordergrund stehen. Durch sein überangepasstes, vorbildliches Verhalten wurde der Einzelne schließlich aus der Gemeinschaft hervorgehoben. Ein kreatives, eigenwilliges Leben wurde dahingehend eher bestraft als belohnt (ebd.: 300f). Der Gemeinschaft würdevoll vorleben war das Gebot zur antiken Zeit. Die Rettung der Menschen ist damit nicht vorprogrammiert, sondern vielmehr als ein von Gott gnadenvoll geschenktes Gut zu bezeichnen.

In unserer westlichen Glaubenswelt kann diese antike Würdevorstellung als klarer Gegenentwurf zu unserer heutigen modernen Weltanschauung gesehen werden. Jeder hat das Recht auf freie, individuelle Lebensführung. Dabei wird die Würde des Menschen besonders individuell definiert und in keinen gesellschaftlichen Rahmen gedrängt. Dazu später mehr.

Würde und Elend

Im alten Testament schließen sich die Begriffe „Würde“ und „Elend“ nicht unbedingt aus. Beide Bezeichnungen wurden sogar in einem Atemzug genannt, das Eine gehörte unweigerlich zum Anderen. Für unser heutiges Verständnis scheint diese Zusammenführung so absurd wie unverständlich und muss explizit erläutert werden. Wie beschrieben, erlangten die Frühchristen ihre Annerkennung, und damit auch ihre Würde durch eine konforme und huldvolle Lebensführung. Das Wohl der Allgemeinheit galt es zu schützen und tatkräftig, durch individuelle Anstrengung zu optimieren. So kamen kreative Individualisten nicht in den Ruhm würdevoller Anerkennung der oberen Geistlichkeit und der Adelsfamilien.

Lampe geht in seinen Ausführungen noch einen Schritt weiter (vgl. Lampe, 2001: 301f). Konnte die Gottesebenbildlichkeit in der Frühchristenzeit nur im Jenseits erreicht werden, so musste man jedoch im Diesseits durch würdevolles Verhalten schon darauf hinarbeiten. Die Menschen identifizierten sich mit dem leidenden Christus; er galt als ihr absolutes Würdesymbol. Dem Christus an der Spitze ihres Glaubensbekenntnisses sollten sie durch die Taufe näher kommen. Der gekreuzigte und wieder auferstandene Christus, dessen Leid ein Opfer für alle Gläubigen Christen war, galt als ihr Identifikationssymbol. Die Christusidentifikation war die Basis aller christlichen Lebensausrichtung (vgl. ebd.: 302). Die Bibel beschreibt, dass aufgrund seiner aufopfernden, unstillbaren Liebe jegliches Eigeninteresse Jesu’ am Kreuze aufgegeben wurde (vgl. Bibel, 2 Kor 6.4). Diese Leidensbereitschaft und körperliche wie selige Hingabe des eigenen Seins galt als zu erreichendes und nachahmendes Optimum. Zwei Beispiele aus der Bibel sollen dies unterstreichen:

„Wir leiden mit ihm, damit wir auch mit ihm verherrlicht werden“ (Röm. 8,17)

„Stets tragen wir das Todesleid Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar werde. Denn wir (…) werden ständig um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleisch sichtbar werde.“ (2 Kor 4,10f).

Eigenes Leid wird positiv interpretiert, Elend wird als Würde greifbar. Der leidende Zustand ist anzustreben, so die Frühchristen, damit ein Heil von oben überhaupt erwartet werden konnte. Gläubige waren überzeugt, dass Christus nach seinen Leidesqualen auferstanden von den Toten ist und nur so das Paradies erreichen konnte (vgl. Lampe, 2001: 303 f). Lampe gewinnt der Christusebenbildlichkeit etwas Positives ab:

„Die paulinische Einladung an den Menschen, sich mit dem gekreuzigten Christus zu identifizieren, bietet eine herausfordernde Alternative zur Verführung der Massenmedien, sich vorschnell immer wieder nur mit dem Stärkeren, Jüngeren und Schöneren zu identifizieren“ (Lampe, 2001: 303).

Doch wie äußerten sich die Frühchristen bezüglich der Gewaltausübung von außen? Können vergewaltigte Frauen, die psychisch und physisch ihr Leben lang leiden, dadurch eine Würde erfahren? Wie ist dies heute mit Opfern von Amokläufen zu vereinbaren? „Lohnt“ sich das Elend und der Schmerz eines Kindes, welches seine Eltern durch AIDS verloren hat? Kann dieses Kind durch sein Leid nach dem Tod wieder „auferstehen“? Diese Fragen beantworte ich klar mit nein. Und doch beinhaltet die oben beschriebenen Theorie etwas Positives: Meiner Meinung nach geht es vom biblischen Grundgedanken her um das Bewusstsein des eigenen Ichs und der Aufopferung für würdevolle Ziele. Auch wenn der Weg oftmals schwer und auch elendig lang erscheint, kann der Leidende doch auf ein glückliches Endziel hoffen. Das Elend ist nach diesem Gedankengang eher philosophisch zu definieren. Der richtige und würdevolle Weg zu einem ehrenhaften Leben ist nicht immer der einfachste – deshalb soll auch das Elend, moderner gesprochen: der Schmerz, die Trauer und Depressionen – überwunden werden. Trotz Allem ist die ursprüngliche Auffassung der Gottesebenbildlichkeit, bzw. der Christusebenbildlichkeit in unserem modernen, westlichen Denken nicht mehr verankert. Der manchmal auch schmerzliche Weg eines jeden findet aber – damals wie heute – noch seine Interpretationsmöglichkeiten.

 

Quellenverzeichnis

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http://www.koeblergerhard.de/derwbhin.html.

Gerhard Schulzes Modell der Erlebnismilieus

Um Zielgruppen „zu entlarven“ und die Unternehmenskommunikation nach Außen zu erleichtern, bedient sich die Wirtschaft moderner soziologischer Modelle. Eines dieser Modelle bildet der Ansatz von Gerhard Schulze. Schulze ist es gelungen, in einer Zeit, die als Individualisierungsphase angesehen wird, soziale Gruppen zu entdecken, deren Mitglieder sich „durch erhöhte Binnenkommunikation auszeichnen und typische Existenzformen aufweisen“ (G. Schulze, 1993, S. 15). Diese Gruppen treten bei Schulze als Erlebnismilieus in Erscheinung, die sich durch charakteritische Lebenstile und bestimmte Ausprägungen von Lebensalter und Bildung darstellen lassen.

Indem die Theorie von Schulze solche Phänomene wie die Ausdehnung der Freizeit und die zunehmende Konsumorientierung umfasst, versteht sie sich als Gesamtdarstellung des gesellschaftlichen Aufbaus. Damit unterscheidet sie sich von solchen Begriffen wie „Konsumgesellschaft“ und „Freizeitgesellschaft“, die nur bestimmte Blickwinkel ansprechen, aus denen eine Gesellschaft beobachtet werden kann. Die Erlebnisgesellschaft von Schulze fasst den Menschen als Ganzheit mit all seinen Lebens- und Verhaltensformen auf. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass auch aus dem Blickwinkel der Erlebnisgesellschaft keine allumfassende gesellschaftliche Beobachtung möglich ist. Auch Schulze wählt eine spezifische Perspektive, durch die er nur bestimmte Merkmale der deutschen Gesellschaft betrachtet. „Der Titel besagt nicht: diese Gesellschaft ist eine Erlebnisgesellschaft, sondern: sie ist es mehr als andere und zwar in einem Ausmass, dass es sich lohnt, ihre soziologische Analyse auf diesen Aspekt zu fokussieren“ (G. Schulze, 1995, S. 15). Schulze betont, dass sich Individualisierung und Gemeinsamkeit in der Gesellschaft nicht ausschliessen. Individualisierug bedeutet nicht nur, “dass eben jeder jetzt tue, wozu er Lust habe“ (G. Schulze, 1995, S. 33), sondern es bedeutet auch, “dass mit der Vereinfachung des Weges zu immer mehr potentiellen Zielen die Schwierigkeit, ein sinnvolles Leben zu führen, zunimmt“ (G. Schulze, 1995, S. 33). Daher wird Erlebnisorientierung im Sinne einer unmittelbaren Suche nach Glück und Erfüllung zu einer kollektiven Basismotivation.
Empirische Daten

Die empirischen Resultate Schulzes beruhen auf einer persönlichen Befragung von 1014 Einwohnern der Stadt Nürnberg im Alter von 18 bis 70 Jahren, die im Frühjahr 1985 stattfand. Der Fragebogen, der als Basis zur Erstellung der ästhetischen Schemata diente, enthielt Items zu Freitzeitaktivitäten, kulturellen Präferenzen und Gewohnheiten, aber auch zur Wohn- und Arbeitsituation der Befragten. Außerdem beantworteten die befragten Personen schriftlich 180 Fragen zu einer Vielzahl an persönlichen Eigenschaften und subjektiven Aspekten ihrer sozialen Situation. Anhand von Faktorenanalyse und Methoden der klassischen Testtheorie wurden die alltagsästhetischen Schemata bestimmt, die einen Variablencharakter aufweisen.

Subjekt und Situation

In seiner Theorie geht Schulze von einem aktiven Menschen aus und entwickelt eine Handlungstheorie auf der Basis von Subjekt und Situation. Dabei meint er mit dem Subjekt eine unauflösbare Einheit von Körper und Bewusstsein und als Situation beschreibt er alles, was das Subjekt umgibt und mit ihm in Beziehung steht.

Subjekt und Situation tangieren und beeinflussen sich gegenseitig, sie bleiben dennoch immer klar voneinander getrennt. Wie sich das Verhältnis zwischen Subjekt und Situation verändert, ändern sich auch die Lebensumstände für den Menschen. Da sich das Angebotsvolumen im Alltag des Menschen immer weiter ausbreitet, leidet er nicht mehr unter der Notwendigkeit, sondern eher unter der Qual der Wahl. Bei den Entscheidungen orientiert sich der Mensch an seinen inneren Bedürfnissen: das „Projekt des schönen Lebens“ steht im Mittelpunkt des Handelns. Auch bei der Wahl der Interaktionspartner genießt das innenorientierte Subjekt viel mehr Freiheiten als früher: die Beziehungsvorgabe ist der Beziehungswahl gewichen. Durch das Auflösen traditioneller Vorgaben und festgeschriebener Rollen werden die Gesellschaftsmitglieder dazu veranlasst, ihr Sein selber zu definieren und ihre Kommunikationspartner frei zu wählen.

In der Gesellschaft, in der die sozialen Zwänge wegfallen und wo man die eigene Biographie selbst gestaltet, sorgt die soziale Wahrnehmung für die Herstellug von sozialen Kontakten, für das Zustandekommen sozialer Beziehungen. Die Intensität eines Kontaktes hängt im großen Maße von dem Grad der Ähnlichkeit der Interaktionspartner ab, auf dessen Grundlage sich die sozialen Milieus bilden können. Laut Schulze manifestiert sich diese Ähnlichkeit nach den Variablen Alter, Bildung und Lebensstil einer Person. Die sozialen Gruppen werden vor allem über den Lebenssil definiert, der Gemeisamkeiten des Denkens und Handelns offenbart.

Lebensstile

Lebensstile sind Ausdruck der Persönlichkeit und enthalten Informationen über Geselligkeit, Mediennutzung, Freizeitverhalten und Konsumformen. Sie dienen bei der Zielgruppenanalayse der Beschreibung von Gruppen, Milieus und Konsumenten. Auch Schulze bedient sich der Lebensstile, um Menschen zu identifizieren und sie in Gruppen einzuteilen.

Die Auflösung der ökonomischen und sozialen Zwänge und eine wachsende Autonomität des Individuums in vielen Lebensbereichen führen zu einer zunehmenden Vielfalt der individuellen Optionen und zu einem Pluralismus der Lebensstile. Bei Schulze wird die Suche nach Erlebnissen zum hauptsächlichen Zweck sozialen Handelns, welche die Bildung der Lebensstile bestimmt. Diese Suche nach Erlebnissen verläuft bei jedem Menschen anders – jeder wendet sich in seinem Alltag bestimmten Angeboten zu, die im Endeffekt seinen persönlichen Lebensstil ausmachen. So ergeben sich individuelle aber doch milieutypische, kollektive Stile der Erlebnisorientierung. Trotz der Vervielfältigung der Handlungsalternativen gibt es gruppenspezifische Regelmäßigkeiten und Ähnlichkeiten. Der Mensch hat von Natur aus ein grundlegendes Bedürfnis nach Ordnung und Vereinfachung, daher orientiert er sich bei der Ausrichtung seines Lebensstils an seinem sozialen Milieu. Schulze hat es erkannt und fasst die unendlich große Vielfalt der Lebensstile in drei kollektiven Schemata alltagstäglicher Präferenzen zusammen, an denen sich die sozialen Milieus in ihren Handlungen orientieren.

Alltagsästhetische Schemata

Diese drei zentralen Schemata haben sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in der kulturellen Entwicklung Westdeutschlands herausgebildet: Zu ihnen gehören: das Trivialschema, das Spannungsschema und das Hochkulturschema. Sie haben sich nach Schulze in drei Phasen der Nachkriegsgeschichte entwickelt: eine restaurative Phase in den 50er und frühen 60er Jahren, eine Phase des Kulturkonflikts ab Ende der 60er Jahre und eine Phase der Herausbildung der sogenannten „Erlebnisgesellschaft“ in den 80er Jahren.

Das Trivialschema hat sich in der 50er Jahren mit der Lebensphilosophie Wohlstandorientierung, Heimorientierung und Antimodernismus und den ästhetischen Zeichen wie: Heimatfilm, Regenbogenpresse, Schnulze und Gartenzwerg herausgebildet.

Auf der anderen Seite steht das Hochkulturschema, das sich durch elitären Konsum, Vorliebe für klassische und ernste Musik, Lektüre von „Literatur“, von Die Zeit und Spiegel und dem häufigen Besuch in Theater und Ausstellungen auszeichnet.

Das Spannungsschema ist erst aus den kulturellen Strömungen der 60er Jahre hervorgegangen. Es charaktierisiert sich durch ein Bedürfnis nach starken Reizen, der sogenannten „Action“. Die Zugehörigen dieser Gruppe entwickeln eine Vorliebe für Rock- und Popmusik, gehen häufig ins Kino, Nachtsclubs und Diskotheken, interessieren sich für Krimis und oft Besuche untereinander.

Die Schemata bilden Dimensionen eines historisch gewordenen, dreidimensionalen Raums der Alltagsästhetik, in dem sich die gegenwärtigen milieuspezifischen Erlebnisorientierungen verorten lassen und sich die Handelnden durch die Auswahl der Erlebnisangebote und die Ausbildung persönlicher Stile selbst verorten. Die empirisch nachweisbaren aktuellen stilistischen Kombinationen dieser drei grundlegenden alltagsästhetischen Schemata – dargestellt durch die Nähe bzw. Distanz zu den Dimensionen des Raums der Alltagsästhetik – ergeben fünf Varianten der Erlebnisorientierung, denen entsprechende Erlebnismilieus korrespondieren: das Streben nach Rang, nach Konformität, nach Geborgenheit, nach Selbstverwirklichung und das Streben nach Stimulation.

 

Quellenverzeichnis

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Selling Advertising Space – Priority Task of Search Engine Companies?

According to Theo Röhle of the University Hamburg (Germany) the commercial exploitation of advertising space has become the main task of search engine companies. In ‘Think of it first as an advertising system’: Personalisierte Online-Suche als Datenlieferaant des Marketings” (pdf) he analyses the elicitation of user data of search engines with a focus on personalized search.

Personalized online search as offered by Google and Yahoo can indeed help to improve search results and increase their relevance for the individual user.  But what makes these services interesting to search engine companies is the protocoling and interpretation of user behavior and the profiling of its users. Thus collected user data can be used for commercial interests, possibly without time limits.

As listed companies search engine firms are depending on investors and financial markets. Therefore it is indeed their strong interest to maximize profits. Google is a (close-to) monopoly in the search engine market. Investors need companies that grow steadily. It is hard for a company like Google to grow in the search engine market, which it controls in big parts. However Google can grow "in depth", meaning it can grow by collecting more information and utilizing it commercially.

Also Theo Röhle comes to the conclusion, that user data and information that was firstly ascertained to improve search engine results will be, because of the "commercial pressure to be exploited", utilized. This information is indeed the capital of search engine companies.

The question hence: Do I, as a user, want to participate in this process of capitalization of my personal data? And: What alternatives would there be?

In regards to the findings of Theo Rhöle search engines based on Free Software and Free Algorithms become a vital interest of every Internet user, who wants to protect his/her private data and continue using modern Internet services. Only Free search engines based on Free layers can avoid monopolistic structures, where one commercial party (nearly) controls the flow of information, public as well as private.

Der Karneval von Cienfuegos

Mitte November fand in der nach dem Revolutionär Camillo Cienfuegos benannten Stadt ein Karneval statt, der mich stark an Bilder erinnerte, die ich sonst nur von Reportagen aus Brasilien kannte. Prachtvoll gestaltete Wagen mit bunt kostümierten Tänzern und Tänzerinnen schoben sich an der karibischen Promenade der Stadt entlang. Zehntausende von Menschen wohnten dem Spektakel bei und verwandelten die kleine Hafenstadt in eine pulsierende Metropole. Auf riesigen Bühnen traten bekannte kubanische Bands auf und auf festlichen Umzügen präsentierten Künstler typisch kubanische Tänze. Der Staat lässt sich das kulturelle Leben auf der Insel Einiges kosten, auch in Santa Clara gibt es wöchentlich zwischen zwei und drei Konzerte, oft von international bekannten, kubanischen Größen. Das alles kostet die Kubaner nichts.

Das eigentlich prägende Erlebnis dieses Abends war der Versuch nach Hause zurückzukehren. Das wie immer defizitäre Verkehrswesen zeigte sich von seiner besten Seite und es gab für viele hundert Leute genau einen Zug nach Santa Clara gegen vier. Wohl wissend, was den Leuten bevorstünde, wenn sie diesen Zug nicht bekämen, brach die übliche Drängelei vor dem Kartenhäuschen aus. Eigentlich normal, denkt man sich. Nur an diesem Tag entschieden die Polizisten im Bahnhof, dass der Einsatz von Tränengas angebracht wäre. Dieses kam gleich mehrfach und völlig grundlos zum Einsatz. Keiner der vielen Passagiere verursachte Probleme, keiner schmiss Flaschen, niemand wurde verletzt, auch die Polizisten wurden nicht beleidigt. Wenig später verließ der Zug überfüllt wie immer den Bahnhof und ließ Massen von Studenten mit stark angeschwollenen Gesichtern zurück, die vor dem Bahnhofsgebäude versuchten sich die Reste der ätzenden Substanz aus dem Gesicht zu waschen. Auf meine Frage nach dem Grund dieses Einsatzes antworte der verantwortliche Polizist, dass ich das als Ausländer nicht verstehen würde. Die Kubaner wüssten an vielen Orten nicht sich zu benehmen. Man müsste dafür sorgen, dass der Respekt gegenüber der Öffentlichkeit gewahrt würde. Der Repressionsapperat funktioniert hier so gut, dass sich nicht einmal jemand traut die Handlung der Polizisten in Frage zu stellen – macht einen wahrscheinlich ohnehin gleich zum Konterrevolutionär.

Der Großteil der Anwesenden schlief also anschließend auf dem Bürgersteig, da andere Möglichkeiten zur Heimkehr nicht existierten. Das änderte sich auch am nächsten Morgen nicht. Wir konnten schließlich nach unzähligen Versuchen gegen 8.30 Uhr ein illegales Taxi anwerben, das uns für einen Betrag von mehreren kubanischen Monatslöhnen nach Hause fuhr.

Open Business – Spreadshirt and Jamendo

Some time ago Andreas Milles of Spreadshirt had a presentation at the Berlin Webmonday about his companies Open Logo Contest. They had developed a community that worked on the development of their new logo. In the end they actually took the logo design of a free designer, who they only knew through his contributions on the website. They also granted the people most involved in the process some money and presents. Andreas saw this as a new way to do business and even went so far as to call it Open Marketing.
Another example of how concepts of free software development and business models can be transferred to other sectors shows the music site jamendo.com

“jamendo is a new model for artists to promote, publish, and be paid for their music. On jamendo, the artists distribute their music under Creative Commons licenses. In a nutshell, they allow you to download, remix and share their music freely. It's a "Some rights reserved" agreement, perfectly suited for the new century.”

So, check it out! They have some great music. Half of their advertising revenue goes to the artists and you also have the chance to donate to your favorite artists. I call that Fair Biz!

Die christlichen Wurzeln der Menschenwürde

„Die Würde des Menschen ist unantastbar…“ – dies beschloss der parlamentarische Rat im Deutschen Grundgesetzbuch am 23. Mai 1949 in Bonn. Doch was genau bedeutet die „Würde“ und wie zeichnet sie sich aus? Was sind ihre Grundlagen? Mit einer regelrechten Selbstverständlichkeit sprechen wir uns dafür aus, die Menschenwürde zu wahren und zu schützen, können den Begriff jedoch nicht ganz erklären oder gar deuten. Klar ist, dass das deutsche Volk nach dem 2. Weltkrieg ein Gesetz benötigte, welches sich rein mit dem Menschen befasst um ihn vor Staat und anderen Mitmenschen zu schützen. Völkermorde von Deutschland ausgehend sollten wenigstens formal unmöglich gemacht werden.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlicher Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ (GG Art. 1 Abs. 1 – 3)

Der Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist, bezogen auf alle Grundgesetze und Verfassungen weltweit, einmalig in seiner Ausführung. Seit Mai 1949 kann sich jeder Deutsche zu jeder Zeit auf diesen Artikel beziehen, sobald er sich „unwürdig“ behandelt fühlt. Das Recht auf Würde ist dementsprechend subjektiv und unabdingbar; es steht gegenüber dem mehrheitlichen Willen des Volkes. In unserem deutschen, gewaltengeteilten Staat kann der Einzelne dieses Recht gegen den Willen von 80 Mio. Deutschen geltend machen. Der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes zeigt, dass der Staat um des Menschen Willen da ist, und nicht umgekehrt: der Mensch um des Staates Willen. Die Würde ist also die Grundlage und Wurzel der wesentlichen Freiheits- und Gleichheitsgrundrechte Deutschlands; die gesamte Verfassung baut auf ihr auf. Artikel 1 Abs. 1 steht über allen anderen Grundsätzen und Richtlinien des deutschen Volkes. So wirkt auch die Wertgebundenheit des ersten Artikels auf jedes folgende Grundgesetz.

Folgend befasse ich mich mit den christlichen Wurzeln der Menschenwürde. Dabei thematisiere ich den Aufbau der frühchristlichen Gesellschaft und die Definition des „Würdebegriffs“ zu jener Zeit. Das frühchristliche antike Material steht in deutlichem Kontrast zu unserem modernen, von individualistischen Vorstellungen geprägten Nachdenken über menschliche Würde. Vorab muss ich betonen, dass auch dieser Beitrag keine gemeingültige Definition von „Würde“ darlegen kann. Dafür ist der Würdebegriff einerseits viel zu schwer fassbar, andererseits zu komplex und vielschichtig.

Alle Menschen sind gleich – Grundkenntnisse zur frühchristlichen Bezeichnung von „Mensch“

Der Geschlechterunterschied im humanistischen Menschenbild muss zu Anfang dieser Arbeit erwähnt werden, da ihr gesamtes christliches Erbe auf ihm ruht. Wird im Anschluss dieses Kapitels von Menschen und deren Freiheiten gesprochen, so waren im ursprünglichen Sinne nicht alle Menschen damit gemeint. Zwar liefert die Bibel auch viele Möglichkeiten der Gleichheitsgrundlage aller Menschen, jedoch gibt es wesentlich mehr Gegenbeweise, die u. A. die Diskriminierung von Frauen mit sich tragen.

„Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ (Gen 1,27).
Diese Aussage ist wohl eine der radikalsten Freiheitsvorstellungen überhaupt. Wenn jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, gibt es in der Kernwendung der Rechtsordnung keine Standes- und Rangunterschiede. Jeder Mensch ist mit Personalität, mit Würde ausgestattet und deshalb zur Freiheit befähigt und berechtigt. Doch die weltliche Wirklichkeit widerspricht dieser schöpferischen Theorie der Bibel. Diskriminierungen, Unterdrückungen und Versklavung sind nur einige Schlagwörter, die das freiheitliche und gemeinschaftliche Leben der Menschen schon seit ewigen Zeiten gehindert haben.

In frühchristlicher Zeit wurden dem Mann wesentlich mehr Qualitäten (geistig wie körperlich) zugetraut als der Frau. Der Mann war ein freier Bürger und hatte unter Anderem das Recht am politischen Leben teilzunehmen, aber auch jeglichen Beruf auszuüben. Frauen und Sklaven war es hingegen nicht gestattet bestimmte Berufe zu erlernen, oder sich politisch zu äußern (In Deutschland dürfen Frauen auch erst seit 1918 wählen!). In dem etymologischen Wörterbuch von Gerhard Köbler (1995) wird der Begriff „Mensch“ sogar mit „Mann“ umschrieben. (Vgl. http://www.koeblergerhard.de/derwbhin.html. Köbler (1995) setzt in seinem etymologischen Online-Wörterbuch „Mensch“ auch mit „denken“ gleich. Im Gegenzug dazu wird „Mann“ auch mit dem Begriff „Mensch“ erklärt. Germanisch „manna“ (vgl. ebd.)) Das Wort „Frau“ hingegen stammt lediglich von dem mittelhochdeutschen Wort „vrouwe“ ab und bedeutet „Herrin, Geliebte, Gemahlin“(Auch hier ist Köblers Wörterbuch zu zitieren: http://www.koeblergerhard.de/derwbhin.html.).

Der Begriff „Mensch“ wurde also durch einen Verallgemeinerungsprozess des männlichen Selbstverständnisses geprägt und festgeschrieben. Alles, was Männer selbst an sich schätzen, war normativ eindeutig männlich. So waren Durchsetzungsvermögen, Rationalität und Macht männliche Eigenschaften (vgl. Pieper, 2001: 23). Weiblich hingegen war alles, was die Männer weniger an sich schätzen: Emotionalität, Schwäche und Mitleid sind zu nennende Charakteristika. Männer und Frauen galten so (wie stark wissenschaftlich das zu jener Zeit bewiesen wurde möchte ich nicht ausarbeiten) naturbedingt als unterschiedlich ausgestattet. Der Mann sei das Geisteswesen: klug und zur Herrschaft geboren; die Frau hingegen wurde als anmutiges Leibeswesen gesehen: zum Dienen geboren (vgl. ebd: 23f). Der Begriff Würde wurde dem Mann gleichgesetzt und als Grundlage seiner Identität herausgestellt: Das einstige Menschenbild war patriachal aufgeteilt. Freie und gleiche Menschen waren somit weder Frauen, noch Sklaven, sondern einzig Männer: „Alle Menschen werden Brüder…“ (vgl. Europahymne). Betrachtet man die Deutschlandhymne wird einem rasch bewusst, dass dieses Gedankengut stark in der Gesellschaft verankert ist: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland…“.

Wenn ich in den folgenden Kapiteln von pyramidalen Sozialverbänden spreche, so ist zu unterstreichen, dass die Spitze dieser Pyramiden nur von Männern erreicht werden konnte. Im Gegenzug ist auch nur männlichen Herrscher (Adlige, wie auch Jesus) die oberste Spitze dieser Pyramiden vergönnt gewesen. Das Frauen- und Männerbild in der frühchristlichen Zeit war so klar und akkurat strukturiert, dass es nicht mehr hinterfragt wurde; es erschien einleuchtend und in sich stimmig. Ungleichheiten wie: arm versus reich, Römer versus Barbaren etc. sind – laut Bibel – Klüfte welche erst die Sünde in die Welt gebracht hat.

Die angeborene Ungleichheit der Menschen erkannte auch Cicero. Er selbst erklärte die Sklaverei für unbedingt notwendig, da diese Arbeiten für einen freien Bürger (einem freien Mann) als unwürdig bezeichnet wurden (vgl. Hermann, 1998: 4).

Merkmale dieser männlich-orientierten Gesellschaftsordnung findet man heute noch in vielen Sprachphänomenen: Im Französischen heißt „homme“ Mann und „Homme“ Mensch – eine gemeinsame Wurzel des Begriffes ist nicht abzustreiten. Die Bezeichnungen „Dämlich“ und „Herrlich“ aus dem deutschen Vokabular verstärken die oben genannten Erkenntnisse ebenso. Die Benachteiligung der Frau ist auch heute noch ein politisch brisantes Thema, Frauen dürfen sich z.B. in Deutschland erst seit 1918 an Wahlen beteiligen. Die Politik arbeitet noch sehr jungfräulich, was die Gleichstellung beider Geschlechter betrifft. Im Gegensatz zu der Antike sind jedoch schon umfassende Fortschritte bezüglich der Gender- Politik zu verzeichnen. Eine Frau hat heute genauso viel Recht auf Würde wie ein Mann und muss bei Verletzung der Würde eines Anderen die gleichen staatlichen Konsequenzen befürchten wie ein Mann.

Der Begriff der „Würde“ Abgrenzung zu den Menschenrechten

Mit der Bezeichnung „Menschenrechte“ können wir, zumindest in der westlichen Welt, etwas anfangen. Uns fallen Stichworte wie z.B.: Recht auf Meinungsäußerung, Recht auf Freiheit, Recht auf soziale Hilfe und noch viele mehr ein. Menschenrechte sind für uns so selbstverständlich wie greifbar, doch wird meist von ihnen gesprochen, wenn gegen sie verstoßen wird. An die Bedeutung des Wortes „Menschenrechte“ nähert man sich zunehmend anhand positiver Definitionen: Menschenrechte geben jedem Menschen den Anspruch auf Schutz durch das Gesetz. Außerdem ist jeder Mensch vor dem Gesetz gleich (vgl. Watzal, 2004: 41ff).

„Menschenwürde“ hingegen ist ein schwer definierbarer Begriff. Juristen wie Ethiker lassen ihn einerseits unbestimmt, andererseits offen – in Schriften erklären sie dieses Wort oft mit sich selbst. Und dabei bildet die Menschenwürde doch die moralische Grundlage unseres allgemeinen Rechts und auch der Menschenrechte. Wir haben also ein Anrecht auf spezifische Untersuchung des Begriffs, zumal unser gesamtes Grundgesetz auf dem 1. Artikel basiert.

Die Bezeichnung „Menschenwürde“ stammt aus der humanistischen Tradition Europas. Menschen untereinander unterscheiden sich durch ihre Hautfarbe, Kleidung, Religion, Sprache etc. Von anderen Lebewesen grenzt sich der Mensch vor allem durch die Würde der Person ab. So sind die Menschenrechte im Würdebegriff verankert. Jedes Menschenrecht kann nur eingehalten werden, sofern Rücksicht auf die Würde der Person genommen wird (vgl. Pieper, 2001: 19). Umgekehrt ist es ähnlich: Bei Wahrung der Würde einer Person, muss auch zugleich dessen persönliches Menschenrecht geschützt werden.

Nähern wir uns also dem Begriff als solchen: Laut Duden (vgl. Müller, 1972: 773) wird die Würde mit Ansehen, Ernst und Vornehmheit beschrieben. Der Begriff „würdelos“ hingegen wird positiv mit sich selbst erklärt: unwürdig, menschenunwürdig, unterwürfig; womit wir wieder am Anfang der Diskussion stehen. Die Betrachtung des Bedeutungswörterbuches (vgl. Grebe, 1970: 781) bewirkt eine explizitere Herangehensweise an den Begriff: „Haltung, die durch das Bewusstsein vom eigenen Wert oder von einer geachteten Stellung, die man innehat, bestimmt wird.“ (Grebe, 1970:781).

Etymologisch stammt der Begriff vom mittelhochdeutschen „wirde“ ab. Das Wort Wert stammt aus der gleichen Wortgruppe. Würde ist dem Wort Wert entlehnt (Diese Erkenntnis habe ich aus dem etymologischen Wörterbuch im Internet gezogen: http://www.koeblergerhard.de/der/DERW.pdf). Damit ist gemeint, dass jeder Mensch einen eigenen Wert hat.

Mit derselben Herangehensweise an diese Wortproblematik befasst sich auch Annemarie Pieper in ihrem Eröffnungsvortrag „Menschenwürde – ein abendländisches oder ein universelles Problem“ aus der Reihe „Menschenbild und Menschenwürde“ von 2001 (vgl Pieper, 2001:19ff). In ihrem Aufsatz zieht Pieper die Definition der Bezeichnung „Eigenwert des Menschen“ der Erläuterung des Würdebegriffs vor, da sie das Wort „Wert“ problemloser untersuchen kann. Laut Pieper kann der Eigenwert eines Menschen, der seine Würde ausmacht, anhand sechs Kriterien analysiert werden:

Der Wert des Menschen ist angeboren und somit eine untrennbare Qualität des Menschseins. Dieser Wert ist weder erlernbar noch durch besondere Anstrengung erwerbbar – er steht und fällt zusammen mit dem Menschsein.

Pieper stellt des Weiteren heraus, dass der Wert jedes Menschen unteilbar ist. Jeder Mensch hat diese Qualität, sie darf/ kann niemandem abgesprochen werden. Eine Unveräußerlichkeit des Wertes führt außerdem zu der Erkenntnis, dass er nicht an eine weitere Person übertragen werden kann. Es handelt sich bei dem Wert eines Menschen um ein inneres Phänomen (wie auch die Seele ein inneres Phänomen ist), welches nie äußerlich am Körper erkennbar ist.

Bei der vierten Definition stützt sich Pieper auf Kant; sie spricht von der „Unverrechenbarkeit“ des Wertes. Er ist nicht in andere Preisklassen einzuordnen und kann nicht mit materiellen oder ökonomischen Wertobjekten verglichen werden. Das Sein jedes Menschen ist unveräußerlich mit seinem Wert gekoppelt. D.h. sein Wert ist unverlierbar.

Die fünfte Definition zeigt auf, wie schwer die Herangehensweise an den Würdebegriff ist: sie beschreibt den Wert als unableitbar. Da es keinen höherrangigen Wert gibt, als die Würde des Menschen selber, kann dieser auch nicht von einem anderen Wert abgeleitet werden. Er ist in sich konstant und stets präsent.

Die wohl bekannteste Definition des Menschenwertes, bzw. der Menschenwürde ist die Unantastbarkeit dessen. Der Wert eines Menschen ist nie in Frage zu stellen (vgl. Pieper, 2001: 19f).

Bei Betrachtung dieser Definitionsversuche fällt Folgendes auf: Fünf der sechs Kriterien sind allesamt mit einem negativen Präfix ausgestattet, dem „un-“. Hier lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der negativen Bestimmung von Menschenwürde und der via negativa erkennen. Mit der Analogienlehre der via negativia wird versucht anhand einer negativen Aussageweise die Nichtweltlichkeit Gottes zu erklären. Da die Menschen existieren, kann Gott nicht existieren, weil man Existenz nur raum- zeitlich denken kann; und Gott ist weder zeitlich noch räumlich (Die hier nur rudimentär angerissene Analogienlehre stammt aus dem Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Analogielehre#Negative_Aussageweise_.28via_negativa.29). Im Gegensatz zu den Menschen wird Gott als un-sterblich, un-endlich und un-fehlbar umschrieben. Da Gott ein so schwer zu fassendes Phänomen ist, scheint die Analogienlehre mit ihrer negativen Aussageweise die einzigen plausiblen Definitionen vorzuweisen.

Bei dem Präfix „un-„ des Wortes „unantastbar“ handelt es sich bei einer Abgrenzung der Definition von Wert zu der von Gott – laut Pieper – jedoch vielmehr um eine normative Forderung: man soll den Wert eines Menschen nicht antasten, nicht verrechnen. Jedoch streiten hier Fachleute, es heißt: Die Menschenwürde ist unantastbar. Bedeutet dies wirklich, dass man sie nicht antasten kann (d.h. es ist unmöglich die Würde eines Menschen in Frage zu stellen, die man sie nicht verlieren kann), oder dass man sie nicht antasten soll (d.h. es gibt Richtlinien, an die man sich halten muss. Wenn dies nicht der Fall ist, kann auch die Würde eines Menschen in Frage gestellt werden)?

Ganz gleich wie man sich die Frage für sich selbst beantwortet, das Christentum hat bis in die heutige Zeit das individuelle und kollektive Selbstverständnis entscheidend mitgeprägt und die ersten Definitionen des Wortes „Würde“ entwickelt. Der erste Artikel kann also nur als Erbe unserer christlichen Vorfahren gesehen werden, weshalb die Signifikanz der Annäherung an den Begriff auf der Hand zu liegen scheint.

Die Erlebnisgesellschaft und der Markt

Die letzten Jahrzehnte haben viele Veränderungen in Lebensstil und –auffassung von Menschen rund um den Globus mit sich gebracht. Das „wirtschaftliche Wunder“ in vielen Teilen der Welt und die rasante Entwicklung von Technologie und Wissenschaft haben erhebliche Verbesserungen und Erleichterungen in unsere Existenz eingeführt. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft mit hohem Lebensstandard, deren Mitglieder, nachdem sie die Bedürfnisse aus der untersten Stufe der Maslow-Pyramide gedeckt haben, sich anderen Bereichen des Lebens widmen können, wie bspw. Hobbys, Sport, Kultur und Unterhaltung. Dabei werden auch diese Bereiche von Marktregeln beherrscht und stellen dem Verbraucher ein riesiges Angebot an Produkten und Dienstleistungen zur Verfügung. Das Konzept der Erlebnismilieus von Schulze scheint wie geschaffen für unsere Zeiten, wo „Erleben“ zu einem Handlungsimperativ wird und wo alle Produkt- und Dienstleistungsanbieter mit schönen Erlebnissen locken.

Erlebnistrend

Seit mehreren Jahren lässt sich in der deutschen Gesellschaft ein zunehmender Erlebnis- -Trend beobachten. Der Begriff „Erlebnis“ wird immer größer geschrieben und scheint omnipräsent zu sein. Zahlreiche Produkte lassen uns ihren besonderen Geschmack, Duft oder andere Qualitäten „erleben“; ein Besuch im Kino, Museum oder Vergnügungspark ist ein großes „Freizeit-Erlebnis“ und eine exotische Reise oder eine extreme Sport-Aktivität bedeutet gleich richtiges „Leben-Erlebnis“. Kaum eine Werbung oder Produktbeschreibung lässt die Kategorie „Erlebnis“ ausser Acht. Sie scheint einfach zum Zeitgeist zu gehören. Es entstehen sogar ganze „Erlebniswelten“. Man spricht von Erlebniswelt-Ikea, Erlebniswelt-McDonalds, Erlebniswelt-Ebay. Sogar Produktmarken wie „Marlboro“, „Coca-Cola“ oder „Milka“ haben ihre eigenen Erlebniswelten entwickelt, die vor allem für die Werbung konstruiert werden. Generell werden die Werbespots durch emotionale Ansprache dominiert, die den informativen Inhalt verdrängt.

Die Anzahl von Erlebnisangeboten und auch von Erlebnistätigkeiten steigt an. Der Medienkonsum hat in den letzten Jahren enorm zugenommen und auch die Medienangebote werden immer unterhaltungsorientierter (Wobei mit Unterhaltung nicht nur lustige Inhalte gemeint sind, sondern auch solche, die starke Emotionen auslösen wie Ekel, Angst, etc. ). Neben neuen Fernsehgenres und Gattungen wie Reality Shows, Talk-Shows etc. erscheinen komplett neue Medien wie Internet, die bis jetzt noch unbekannte Erlebnisse liefern (einerseits rasanter, grenzenloser Informationsaustausch, andererseits virtuelle Realität und Spielen mit eigener Identität).

All das krönen aber die Erlebniswelten, wo Erlebnisse nicht als Nebenprodukt sondern als Hauptware in attraktiver Form angeboten werden. Dazu gehören Freizeit- und Unterhaltungsparks, Wellness- und Badeanlagen, Theater, Kinos, Schaubühnen, Stadien, Einkaufszentren etc. Sie schießen wie Pilze aus dem Boden und erfreuen sich heutzutage größerer Beliebtheit als je zuvor.

Diese Trends hat der Soziologe Gerhard Schulze am umfangreichsten beschrieben. In seinem Buch „Erlebnisgesellschaft“ stellt er fest, dass im Zuge der Veränderung der Beziehung von Menschen zu Gütern in der Nachkriegszeit der eigentliche Gebrauchswert der Produkte (so die These Schulzes) zu Gunsten von Erlebniswerten in den Hintergrund getreten ist. Ursprüglich attributive Nebenaspekte wie Prestige, Stil, Erlebniskonsum etc. sind inzwischen zu den wichstigsten Merkmalen moderner Produkte avanciert. Im Zuge dieser Entwicklung hat sich ein Erlebnismarkt etabliert, in dem Milionen „Erlebniskonsumenten“ einer Vielzahl von privaten und öffentlichen „Erlebnisanbietern“ gegenüberstehen und der in zunehmendem Maße dynamisiert. In seinem Milieuansatz geht Schulze davon aus, dass sich soziale Realität vor allem unter Berücksichtigung von subjektiven Erlebniswerten sinnvoll erklären lässt. In Zeiten, in denen sich die verschiedenen Produkte und Dienstleistungen einzelner Kategorien nicht mehr anhand ihres Gebrauchswertes unterscheiden lassen, treten subjektive Erlebniswerte als differenzierende und entscheidungrelevante Merkmale zunehmend in den Vordergrund (G.Schulze, 1993, S. 59 ff.).

Angesichts der Austauschbarkeit der hochqualitativen Produkte und der gesättigten Märkte hat sich in der Wohlstandsgesellschaft ein sinnlich-orientierter Lebensstil herausgeprägt, dessen Leitmaxime „Erlebe dein Leben“ (G. Schulze, 1993, S. 59) lautet. Der historische Aufstieg der Erlebnisorientierung wird als „Ästhetisierung des Alltags“ (G. Schulze, 1993, S. 33) und Entfaltung des neuen Vergemeinschaftungstypus als „Erlebnisgemeinschaft“ beschrieben.

Entstehung der Erlebnisgesellschaft

Die Erlebnisgesellschaft hat sich nach Schulze als Folge wirtschaftlichen Wandels herausgebildet. Diesen Prozess hat Horst W. Opaschowski in seinem Buch Schöne, neue Freizeitwelt? sehr gut wie folgt zusammengefasst:

„Nach dem Kriege haben die Menschen um das Űberleben gekämpft und für den eigenen Lebensunterhalt gearbeitet. Wirtschaft und Produktion waren darauf angelegt, in erster Linie materielle Befriedigug zu gewähren. Seit den 80 Jahren verändern sich in Zeiten von Wohlstand und auch Űberfluss die menschlichen Bedürfnisse: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung erwartet jetzt psychologische 'Extras' in Form von Freitzeiterlebnissen.“ (H. W. Opaschowski, 1994, S. 2)

Unsere Gesellschaft ist laut Schulze eine Űberflussgesellschaft, deren Grundbedürfnisse längst befriedigt sind, der nichts mehr fehlt und der mittlerweile existentielle Langeweile droht. Den Menschen geht es generell besser – sie haben nicht nur mehr Geld sondern auch mehr Zeit zur Verfügung. Es lebt sich in der Regel länger, bequemer, angenehmer, auf einem technisch höheren Niveau. Der Alltag ist einfacher geworden: von dem Kampf ums nackte Überleben – im Sinne der Nachkriegszeit – sind jegliche Spuren verschwunden. Dank der wirtschaftlichen Entwicklung und der Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen verbleibt genügend Zeit für Entspannung und Vergnügen.

Mit dem Übergang von einer Mangel-Gesellschaft zu einer Überfluss-Gesellschaft hat sich eine Erlebnisgesellschaft entwickelt, die das ganze Leben als ein riesiges Erlebnisprojekt sieht. Das „Projekt des schönen Lebens“ wird zum kategorialen Imperativ unserer Zeiten.
Der Erlebnis-Trend überträgt sich auf den gesamten sozialen Rahmen:
„Die Gesellschaft wandelt sich zu einer Erlebnisgesellschaft, das Marketing zu einem Erlebnismarketing und das Einkaufszentrum zu einer Erlebnisinsel. Erleben wird vielfach mit Leben gleichgesetzt.“ (H. W. Opaschowski, 1994, S. 69

Wie es bereits 1970 der amerikanische Futurologe, Alvin Toffler prognostiziert hat, befinden wir uns gerade in einem „Erlebniszeitalter“, in dem sich die Freizeitindustrie in den Bereichen Tourismus, Medien, Sport, Kultur und Konsum zu einer gewaltigen Erlebnisindustrie entwickelt hat. Nach der Auffassung von Hermand leben wir in einer „unterhaltungsorientierten Gesellschaft ohne höhere weltanschauliche Ambitionen“ (J. Hermand, 1988, S. 1859) mit einer immer stärker auftretenden Tendenz zur Zerstreuung und „vorprogrammierter Sinnlosigkeit“. Die Suche nach angenehmen Erlebnissen wird zum Hauptmotor des Handelns des heutigen Homo ludens.

Erlebnis

An dieser Stelle wäre es interessant herauszufinden, was sich überhaupt hinter dem Begriff „Erlebnis“, der in Deutschland bereits eine lange Geschichte hat und längst vor Schulze seine Blütezeit erlebte, verbirgt. Auch die Leitmaxime, das eigene Leben erlebnisintensiv zu gestalten, ist nicht brandneu. Um die Jahrhundertwende nahm sie die Form einer lebensphilosophischen Kampfansage an den Rationalismus der Aufklärung an. Max Weber sprach von dem „Jagen nach Erlebnis“ (M. Weber, 1975, S. 28), das als Gegenreaktion der in zunehmend rationalisierten, wissenschaftlich-technisch bewältigten Gesellschaft lebenden jungen Generation, die mit dem entzauberten Alltag nicht zurecht kam, zu verstehen war.

Auch Aldous Huxley thematisiert dieses Problem in seinem berühmten Roman, „Die schöne neue Welt“. In seiner von Arbeit entlasteten und mir der Freizeit belasteten Welt leben Menschen, die ihren Sinn- und Freiheitsverlust kompensieren, indem sie ihre Sinne und ihren Verstand tagtäglich betäuben und diese Betäubung als Glückseligkeit empfinden.

Bereits 1944 stellten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ fest, dass der moderne Mensch seinen Triumph über die „äussere Not“ mit wachsender „innerer Not“ bezahlt (M. Horkheimer, T.W. Adorno, 1969).

Bei der Suche nach der Antwort, wie man mit dieser Situation fertig wird, stösst Weber auf die paradoxe Struktur der Moderne. Denn während sich die Zweckrationalität gesellschaftlich durchsetzt, kommt es zur Ausbildung einer „subjektivistischen Kultur“( M. Weber, 1988, S. 20), die dem Mega-Trend zu widerstehen trachtet. Ihre Anhänger favorisieren den Lebensstil, der Sinn und Freiheit in der Steigerung des eigenen Erlebens zu finden hofft. Ähnliches finden wir bei Schulze wieder, der die Mitglieder der modernen Gesellschaft ihr Glück im Erleben suchen lässt. Ist die Erlebnisgesellschaft nun ein Typus der Wohlstandsgesellschaft, die einen Groβteil ihres Kapitals (ökonomischen, sozialen und kulturellen) kollektiv wie individuell in Erlebnisse investiert, so trifft für sie in besonderem Maße zu, was Georg Simmel der Moderne generell attestiert hat: Ihr Wesen ist „Psychologismus, das Erleben und Deuten der Welt gemäß den Reaktionen unseres Innern und eigentlich als einer Innenwelt“ (G. Simmel, 1983, S. 152).

Zurück zum Begriff Erlebnis: Hans Joachim Klein definiert Erlebnis als ein Ereignis, „welches zu gefühlsbetonter, spontan empfundener Beeindruckung führt, die zeitlich nachwirkt und Einstellungs- oder Verhaltensänderungen auslösen kann. Ein solches Erlebnis kann kollektiver oder isolierter Natur sein, durch Personen oder Dinge hervorgerufen. Wesentlich ist die subjektive Wertung einer Begegnung des „Ich‚ mit der Außenwelt“ (H. J. Klein, 1985, S. 12). Das Erlebnis ist also ein Ereignis im individuellen Leben eines Menschen, das sich vom Alltäglichen so sehr unterscheidet, dass es ihm lange im Gedächtnis bleibt und ihn stark beeinflussen kann. Erlebnisse sind selbstbezügliche “innere“ Ereignisse, die direkt nur der Selbstbeobachtung zugänglich sind. Schulze versteht Erlebnisse als Produkte des Subjekts, „als verknüpfte Prozesse in Körper und Bewusstsein“ (G. Schulze, 1995, S. 47). Ein schönes Erlebnis ist eine positive innere Reaktion auf eine Situation. Und es ist das Ziel des erlebnisorientierten Handelns der Menschen, was vor allem in ihrem Kaufverhalten seinen Ausdruck findet.

Marktsegmentierung

Die Masse der Produkte gleicher Qualität und mit austauschbaren Eigenschaften zwingt den Konsumenten, sich bei der Wahl des Kaufobjekts auf seinen eigenen Geschmack zu verlassen. Die Kaufentscheidung wird also nicht aufgrund der primären Funktion des Produkts getroffen, sondern wegen zusätzlicher Komponenten wie Duft, Farbe, Form usw. Die Unternehmen tun daher alles, um ihre Waren mit dem größten Erlebniswert auszurüsten. Unabhängig davon, wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren: die Existenz-berechtigung der Unternehmen ist, die Produkte zu verkaufen und möglichst großen Absatz zu erreichen. Dabei bedienen sie sich verschiedener Stategien, um ihre Ziele auf dem Markt durchzusetzen. Einer der wichtigsten Linien der Unternehmenskommunikation ist, die Zielgruppe für eigene Produkte zu definieren. Eine ziemlich schwierige Aufgabe, denn die Individualisierung der Biographien und Pluralisierung der Lebensstile stellen Firmen vor große kommunikative Probleme. Unternehmen können es sich nicht leisten, alle für sie interessanten Individuen auf ihren Lebensstil zu untersuchen und sie können auch nicht jeden persönlich ansprechen. Um den Dialog mit den sogenannten Zielgruppen möglichst treffsicher anzugehen, versuchen sie daher, ihre kommunikativen Anstrengungen den gesellschaftlichen Trends anzupassen.

„Unternehmen, die im Interesse eines qualitativen Wachstums verstärkt Zusatzbedürfnisse mit ihrem Angebot befriedigen wollen, müssen (…) Märkte stärker zu individualiseren suchen und zwar im Sinne mehrerer spezifischer, in sich homogener Teilmärkte.“ (J. Becker, 1992, S. 222)

Die Marktsegmentierung ist also der Schlüssel zum Erfolg. In der Fachliteratur finden sich zahlreiche Definitionen für Marktsegmentierung, welche sich tendenziell zwei Hauptrichtungen zuordnen lassen: Marktsegmentierung als Prozess der Marktaufteilung und als Marketingstrategie. Die Marktaufteilung befasst sich mit der Informationsseite der Marktsegmentierung. Der heterogene Gesamtmarkt soll mit Hilfe bestimmter Segmentierungskriterien in homogene Teilmärkte (Käufergruppen, Segmente) unterteilt werden. Diese Segmente sind in sich möglichst homogen und im Vergleich zu anderen Segmenten weitgehend heterogen. Je nach Segmentierungsansatz werden bspw. soziodemographische, psychografische, geografische oder verhaltensorientierte Kriterien zur Abgrenzung der Segmente verwendet. Die zweite Hauptrichtung stellt die Marktbearbeitung in den Vordergrund. Die Bearbeitung folgt einer Aufspaltung der Bevölkerung in Gruppen, um die Konsumenten gezielt und damit streuverlustminimal anzusprechen. Dabei werden die Marketing-Instrumente (Preis-, Produkt-, Distributions- und Kommunikationspolitik) segmentspezifisch ausgerichtet und eingesetzt.

Die Fokusgruppe jeder Marketingstrategie ist der Verbraucher, der Konsument. Unternehmen greifen daher gern zu Modellen, die ausführliche Informationen über den Konsumenten als Menschen liefern, über seine Vorlieben, Bedürfnisse, Hobbys, Gewohnheiten, etc. Deshalb setzt Marktforschung verstärkt auf soziologische Kenntnisse, wenn es darum geht, Zielgruppen anhand typischer Lebensstile zu identifizieren. Sehr beliebt sind hier die sozialen Milieus, weil sie erlauben, trotz bestimmter Individualisierungstrends, gruppentypische Verhaltensweisen und Orientierungsmuster, die man auf bestimmte Merkmale oder Eigenschaften der Menschen zurückführen kann, zu identifizieren. Sie dienen auch häufig als fertige Zielgruppen, da sie wichtige Informationen über Kauf- und Medienverhalten erhalten.

Der Zweck der Zielgruppenanalyse ist, Regelmäßigkeiten im Konsumverhalten zu entdecken und gesellschaftliche Gruppen anhand ähnlicher Lebensstile zu definieren. Gruppen spielen in der Soziologie eine wichtige Rolle, da sie von den Menschen freiwillig gebildet werden. Der Mensch sucht von Natur aus Bestätigung bei den anderen und umgibt sich mit Personen, die ihm selbst ähnlich sind. Die Gruppe dient als Vergleichsplattform und gewährleistet soziale Reflexivität und ein Sicherheitsgefühl. Die nach Ähnlichkeitsprinzip gebildeten Gruppen und ihre Verhaltensnormen ermöglichen dem Menschen eine Orientierung in der modernen Gesellschaft, auch auf dem Markt. Gerade im Konsum will man einen eigenen individuellen Stil und gleichzeitig die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausdrücken. So gibt es trotz der Individualisierungstendenzen ein typisches Konsumverhalten und Lebensstile, die sich voneinander unterscheiden und die es den Unternehmen erlauben, gruppenspezifische Merkmale zu analysieren und ihre Zielgruppen zu definieren. Als Zielgruppe kann man ein Kollektiv von Menschen beschreiben, das aufgrund ähnlicher Einstellungen, Meinungen und Funktionen ähnliche Verhaltensdispositionen demonstriert. Die Regelmäßigkeiten in den Handlungsweisen lassen sich wiederum auf bestimmte Kategorien wie Alter, Bildung oder Medienkonsum zurückführen. Diese Tatsache spielt für die Marktsegmentierung eine besondere Rolle.

 

 

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Freedom of Exchange of data and information in Freifunk free wireless networks

It is often stated that the Internet is the basis of the free
communication and exchange of software and content – all kinds of information and
knowledge. Yes, the Internet especially in the 1990’s could be regarded
as a free infrastructure that enabled free exchange. This is changing
rapidly throughout the world, as we see a trend to censoring of
information all over the world and privately
enforced censoring with the help of copyright and patent laws.

The less free the Internet becomes the more attractive free
community networks, like the Freifunk networks, will appear to the
masses. It is the aim of Freifunk enthusiasts to create truly free networks, which are
comparable to public spaces like a street where everyone can freely
walk and communicate with others. As in a city with its free public
spaces, we have a public space in the cyberspace. Public spaces
guarantee our basic rights like freedom of speech, freedom of
information and freedom of the press. However, also crimes happen in
public spaces. There is no solution that will prevent crimes to a
hundred percent without also reducing our freedoms, neither in the
virtual world nor in the real world.

Still, neither people involved in free infrastructure projects like Freifunk regard their networks as a space free of the rule of law. The
completely decentralized structures of these networks, however, (and
for good reason) make it impossible to control the traffic centrally. The solution to
reducing crime and fighting terrorism seems to be to require IPSs to control and
protocol the traffic of all its users (entire populations e.g. in Germany). In fact the observing the traffic of all internet and network
users in the world is rather questionable. Firstly concerning the
duties of network operators, who should not and are in no position to
take over police duties, secondly it is questionable in regards to the
misuse that is possible with these huge amounts of data, that
compromises of information like who communicates with whom, when, how
long and possibly even what. Besides its drive of innovation and opportunities for businesses free decentralized freifunk networks also propose a
solution to trends of digital mass control in politics.

Fidels 80. Geburtstag

Der Geburtstag Fidels ist am 13. August 1926. Pünktlich zu seinem Jahrestag gibt es jährlich große Feierlichkeiten, an denen alle Kubaner mehr oder weniger freiwillig teilnehmen. Koordiniert wird diese Teilnahme durch die CDRs, die Komitees zur Verteidigung der Revolution, eine der großen Organisationen, der fast alle Kubaner angehören (Mitgliedschaft etwa 90% der Bevölkerung).

Auf Grund des Gesundheitszustands des Maximo Lider waren Feierlichkeiten bisher nicht angebracht. Da es ihm mittlerweile angeblich etwas besser geht, so zumindest die Pressemeldungen in den letzten Monaten, hat man beschlossen, seinen Geburtstag nachzufeiern. Als Ausweichdatum hat man den 2. Dezember gewählt, das Datum, an dem Fidel und seine Revolutionäre im Jahre 1958 mit ihrem Boot, der Grandma, von Mexiko nach Kuba übersetzten.

Konkret sahen die Feierlichkeiten so aus, dass innerhalb jeden Blocks auf der Straße eine typisch kubanische Suppe, die Caldoza, gekocht wurde. Dazu wurde Kuchen gereicht und auch Erfrischungsgetränke. Auf den Transparenten neben den Ständen waren reichlich Glückwünsche zu lesen: „Fidel für immer“ oder „Wir bleiben Dir treu, Fidel“.

Dass der Jefe sich an seinem Ehrentag aber weder im Fernsehen noch im Radio präsentierte und dieser Tag auch sonst völlig ereignislos verstrich, beunruhigt(e) die Kubaner doch merklich. Man beginnt zu mauscheln. Die größte Angst, die alle haben, ist der Tod des Kommandanten. Warum? Weil Politik „nach Fidel“ nie öffentlich thematisiert wurde und alle Angst vor einem abrupten Wechsel haben. Angst davor, dass das Wenige, was die Gesellschaft ihnen bietet, auch noch verloren geht. Interessant erscheint an dieser Stelle die unglaublich starke Medienpräsenz Hugo Chavez’, dessen Politik hier täglich in den Nachrichten gehuldigt wird. Vielleicht kommt „die Lösung danach“ gar nicht aus Kuba?!

Kuba und die sexuelle Befreiung

Santa Clara ist das Köln Deutschlands oder das San Francisco Amerikas, hier gibt es eine Unmenge Homosexuelle und Transvestiten. Landesweit hat Santa Clara den Ruf als Hauptstadt der sexuell Andersdenkenden erlangt.

Dieser Fakt bestimmt das städtische Leben merklich, so findet z.B. jeden Samstagabend in dem Kulturhaus der Stadt eine Veranstaltung nur für Homosexuelle statt, gekrönt wird diese durch eine Drag-Show, also das Verkleiden von Männern als Frauen. Abends findet man auf dem Marktplatz stattliche Gruppen von Damen mit viel zu breit geratenen Schultern und Bartschatten. Das diese einem permanent und penetrant hinterher rufen oder auf dem Heimweg unauffällig hinter einem her schleichen, nervt manchmal schon gewaltig.

Bei der Bevölkerung verursacht diese Bewegung unterschiedliche Reaktionen. Neulich unterhielt ich mich mit einem Künstler, der an einer Ausstellung zur Heterosexualität arbeitet. Er möchte in dieser Form an den Familiensinn der Menschen und an das natürliche Zusammenleben von Mann und Frau erinnern. Dass diese Bewegung auch Ausdruck von jugendlichem Widerstand ist, halte ich für nicht unwahrscheinlich, denn gemessen an der Größe der Stadt und dem sonst eher „machistischen“ Bild des Mannes in der kubanischen Realität, ist das Ausmaß der Homosexualität beachtlich.