Erasmus in Berlin: Harsche Umgangsweisen, ein paar nette Berliner und internationale Parties mit aller Welt

Liebe Weihnachtsmänner und –frauen, Es geht mir sehr gut hier. Ich habe meine mittlere Krise überwunden. Bin wieder gesund. Heimweh habe ich aber immer noch ein wenig. In den letzten Wochen habe ich viel unternommen und habe vor meinem Heimflug auch noch so einiges vor. Also, da waren Manu und Moni, die mich besucht haben. 36 Stunden, die vergingen wie Sekunden. Schöne Spaziergänge, Shoppingtouren und feines Essen sollen den Mädels in Erinnerung bleiben. Eine Meisterleistung der Beiden war allerdings auch in dieser kurzen Zeit möglichst vielen unfreundlichen Leute zu begegnen. Es gibt tatsächlich einige Sitten und Umgangsweisen hier, die Herr und Frau Schweizer nicht gewohnt sind. Beispiel A) Busfahrer wartet nicht, bis man ausgestiegen ist. Beispiel B) Kellnerin verdreht die Augen, wenn man sich berechtigterweise beschwert. Beispiel C) wer im bedienten Café noch eine zweite Sahne möchte: „Hol sie selbst, ich hab hier noch was zu tun!“). Positiv daran ist, dass ich lerne mich zu wehren und jemanden darauf hinweisen kann, dass er sich im Ton vergreift oder eben in gleicher Weise zu kommunizieren. So „sind wir auf Nadeln“ und warten nur, bis uns einer blöd kommt. Man muss sich eben anpassen können. Privat bin ich aber kaum in Kontakt mit Berlinern oder dann nur mit sehr netten. So verbringe ich meine Freizeit mit Schweizern, Franzosen, Spaniern, Finnen, Italienern und Angehörigen anderer Nationen. Letzte Woche zweimal WG-Party, Ausflug nach Potsdam. Ah ja und der absolute Knüller war der Besuch in der „Rose“: Wände aus rotem weichem Plüsch, Deko aus kitschigen Plastikrosen, Diskokugeln, Spiegeln und süssen Gemälden. Der vorwiegend männlichen Klientel steht auf der Toilette neben Seife auch Lotion zu Verfügung. „Love this town.“ Diese Woche sind noch ein paar Weihnachtsessen und –partys geplant, bevor ich dieses Treiben in der Schweiz fortsetze. Bin sehr froh, wieder zwei super liebe Frauen kennen gelernt zu haben, mit denen man Pferde stehlen kann!

Ich will ehrlich sein

Eine Italienerin 8 Monate in Berlin. Ich will ehrlich mit dem Land sein, das mich so viel am Anfang meines Aufenthalts erstaunt hat und am Ende so verzaubert! „Meine Mauer im Kopf“ ist dafür eine gute Metapher, die meinen Clichées, den Sorgen entspricht, die ich vor einem Jahr als Erasmus-Studentin hatte. Es war mein erstes Mal in Deutschland und besonders in einer so großen, multikulturellen und einzigartigen Stadt wie Berlin, die aus so vielen Bezirken besteht. Ich komme aus einem kleinen Dorf mit 25.000 Einwohnern am Gardasee, wo alles aus Gold zu sein scheint und auch die Leute sind so artifiziell, als ob sie aus Gummi gestaltet wurden. Als ich in Deutschland am 28. September 2004 ankam, fühlte ich mich unwohl, wegen vieler kultureller Unterschiede und der Mentalität und ich habe gedacht: „Deutschland ist wirklich ein komisches Land.“ Zum Glück sind diese Gedanken – die „Mauer in meinem Kopf“ – gefallen, wie die Berliner Mauer vor 16 Jahren 🙂 Mein erster Eindruck auf der Brücke am Halleschen Tor nach einem Monat in Berlin: „Hunde in der U-Bahn, nackte Frauen und Männer gemeinsam in der Sauna, Radfahrer, die kein Ziel haben. Was passiert hier? Warum machen sie das? Was soll das? – wie die Deutschen sagen, aber damals verstand ich diese Frage natürlich noch nicht. Ich finde diesen Ausdruck „Was soll das“ ganz lustig! Was einer jungen Italienerin so alles bei den Deutschen auffiel… vor einem Jahr, den 10. Oktober 2004. In den nächsten Tagen berichte ich euch mehr!

Weihnachten: Zu dieser Gelegenheit erzähle ich gerne, was wir in Griechenland in diesen Tagen machen

In jedem Land gibt es verschiedene Sache die zu Weihnachten Tradition sind und es ist immer interessant zu wissen, was jeder von uns zu Weihnachten macht, wenn man in die Heimat fährt. Zu dieser Gelegenheit erzähle ich ihnen deshalb gerne eifrig und mit Liebe, was wir in Griechenland in diesen Tagen machen. Und wenn ich in Griechenland sage, meine ich eigentlich in Thessaloniki, die Hauptstadt Nordgriechenlands.

In Griechenland gibt es keinen Weihnachtsmarkt. Wir machen keine Weihnachtsfeier auf der Arbeit. Und wir feiern Silvester auch nicht auf der Strasse. Vielleicht hört sich das ein bisschen traurig an, aber ich bin der Meinung, dass es nicht traurig ist, sondern relaxter.

Weihnachten fängt für uns am 24. Dezember an und nicht im November, wie in Berlin. Das ist nicht gut. Aber es geht. Denn ich finde es so wie es in Berlin ist schön – diese Stimmung in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt. Am 24. aber, sind wir auch alle in Griechenland bereit. Es ist Feiertag!

Auf dem Zentralmarkt an der Tsimiskistrasse gibt es tausende Leute. Manche kaufen für das Abendessen ein. Manche suchen noch nach Geschenken. Andere verbringen einfach Zeit, um einen Kaffee zu trinken und den anderen Gestressten zuzugucken, weil sie schon alles gekauft haben.

Wenn wir mit dem Kaufen fertig sind, dann fangen wir mit dem Trinken an. Wir treffen uns in einer Kneipe im Zentrum und wir trinken einfach ein Bier oder einen Wein, als Aperitivo, bevor wir nach Hause gehen, um mit den Eltern zusammen zu essen.

Nachdem wir mit dem Abendessen fertig gewesen sind, ziehen wir uns ganz schnell um, um auszugehen. Am diesen Tag will niemand zu Hause bleiben und das wird auch niemand machen.

Bis 6 oder 7 am Morgen tanzen alle und danach ist es Zeit um eine Bougatsa mit Käse oder mit Creme oder mit Fleisch oder mit Spinat (spanakopita) zu genießen. Dazu gibt es immer einen Kakao.

Schließlich wartet das Bett auf uns. Wir müssen ein Paar Stunden schlafen, denn wir am nächsten tag.. Ich meine ein paar Stunden später.. sind wir schon bei Verwandten zum Weihnachtessen eingeladen. Aber darüber werde ich morgen etwas schreiben. Bis dann!

Jung-Geun Oh überwindet Zwischenräume.. Warum ich das interessant finde?

Jung-Geun Oh ist ein Maler. Er hat ein Basecap auf und sieht so irgendwie auch jünger aus, als er ist. Nimmt er sein Basecap ab, sieht er irgendwie fast älter aus, als er eigentlich ist. Also, er ist 36 Jahre und er hat eine Frau, Yoon-Jung CHO. Sie ist ebenfalls Malerin. Dann hat er einen Sohn, In-Hwan OH. Er ist vier Jahre alt. Gestern hat mir Jiyoung von ihm erzählt und ich wollte ihn unbedingt kennenlernen. Seine Geschichte faszinierte mich sofort. Zusammen mit seiner Frau hatte er beschlossen nach Deutschland zu kommen. Sie haben ihr Haus verkauft und alles in Korea zurück gelassen, nur um in Berlin weiter Malerei zu studieren. Sechs Jahre wollen sie hier bleiben. Warum ich das interessant finde? Nun, wer macht das schon, einfach so wegzugehen und etwas Neues anzufangen? Es ist normal als Erasmusstudent einige Zeit wegzugehen, aber wer schon Familie und Kinder hat.. Jung-Geun möchte zuerst deutsch lernen, um sich besser ausdrücken zu können und in einer Meisterklasse studieren zu können. Trotz der Sprachbarriere versteht er es schon jetzt einem begreiflich zu machen, was ihn bewegt. Er spricht von der Widerspiegelung seiner selbst in seinen Werken und von den „Zwischenräumen“. Das interessiert ihn. Das ist sein Thema. Der Zwischenraum. Wenn ihn etwas inspiriert, beschäftigt er sich zunächst lange mit dieser Sache. Erst dann wählt er eine Form des Ausdrucks und das Material, das diese Idee für ihn am besten verdeutlichen kann. Holz, Papier Karton sind seine Werkstoffe. Installationen, Aquarelle, Ölbilder, lithografische Drucke, alle diese Formen nutzt er. Seine Werke hängen in Seoul, Tokio und Beijing. Besonders beeindruckend finde ich seine Holzdrucke. An einem Holzdruck über eine ursprünglich traditionelle Straße in Seoul, Insadong, arbeitete er fast zwei Jahre. Faszinierend! Ja! Und Jung-Geun Oh ist ein faszinierender Mensch, der sein Leben selbst bestimmt! …und dafür alle Zwischenräume überwindet.

Fahr doch mit der Mitfahrzentrale!

… irgendwann von B. nach D. / Abfahrt Alexanderplatz: Fahrer: wohlgenährt, in pastellfarbenem Satin, preiswertes Gefährt Passagier 1: Koreaner, 27 Maschinenbaustudent Passagier 2: Koreaner, 25 Koch Passagier 3: Ich, 28 müde Fahrer: Ich fahre fast jeden Tag in eine andere Stadt zur Oper oder zum Konzert. Seit 13 Jahren. Alle: Aha. Fahrer: Oh, da ist die Polizei. Da schnalle ich mich wohl besser an. Ach nein, da ist ja ein Unfall, da achten die wohl kaum darauf ob ich angeschnallt bin. (Schnallt sich an.) Fahrer zu K1:Heute hat schon ein anderer Vietnamese abgesagt. Der hieß Li. Ich dachte du wärst es gewesen. Ich hab mir überlegt, dass ich überhaupt keine Vietnamesen mehr mitnehme. Ich: Das sind aber keine Vietnamesen sondern Koreaner. Fahrer: Ich war viel in Korea, viel, ganz oft. Geschäftlich. Fahrer zu K1: Ich verkaufe Nutzfahrzeuge. Weißt du was Nutzfahrzeuge sind? Es gibt Personenfahrzeuge und Nutzfahrzeuge. K1: Waren Sie schon in ……(eine Stadt in Korea) Fahrer: Ja. Dort gibt es eine Mühle. Weißt du was eine Mühle ist? (Koreaner deutet Kaffeemühle an.) Fahrer: Nein. Viel größer. Da hab ich was verkauft. In Korea gibt es viel Korruption. Man muss den Keyman einer Firma finden. Da behaupten alle wichtig zu sein. Aber jetzt muss ich erstmal tanken. Ich erzähl später weiter. … Fahrer: Korea ist ganz gefährlich. Chinesen sind dumm. Koreaner sind intelligenter oder viel mehr gerissener. Clever. Wissen sie was das ist? K1: Klug? Fahrer: Ja klug, aber mit einer anderen Nuance. Klug ist positiv. Clever ist etwas anderes. K1: Können wir noch mal über die Korruption sprechen? Fahrer: Nein ich sage Ihnen erst was ein Nutzfahrzeug ist. LKW. Verstehen sie? K1: Nein. (distanziert) Fahrer: Na, vielleicht sehen wir einen. Beamtenbestechung. Die Beamten werden ständig vom Staat ausgetauscht und das bezahlt der Kunde. Als ich in diesen ganzen Ländern war… Taiwan, China … da habe ich natürlich immer viele Vorstellungen verpasst. In Korea gibt es viele Tanzshows, aber da war keine echte Musik. Alles nur vom Band. Wissen Sie was eine Mühle ist? Damit wird Mehl gemahlen. Wissen sie was Mehl ist? K1: Ja. Hefe. Fahrer: Nein keine Hefe. Früher hatte ich einen Mercedes. Jetzt ist es mir egal. Hauptsache es fährt von A nach B. Die Trommel der Nutzfahrzeuge, die ich verkaufe, ist aus Aluminium. Aluminium wird in Korea nicht hergestellt und man muss 300 Prozent Zoll bei Einfuhr zahlen. Da ist es billiger ein ganzes Fahrzeug zu importieren. (Am Spiegel hängen 3 Duftbäume verschiedener Gerüche.) K2 zu mir: Was studierst du? Ich: Gartenbau. Und du? K2: Ich bin Koch. Ich: Ah. Mein Bruder ist auch Koch. K2: Ich möchte in Deutschland leben. Ich mache Sushi. Ich: Wo? K2: In Frankfurt. Ich: An der Oder. K2: Nein, am Main. Was schreibst du denn da? Gedichte? Ich: Nein. Science Fiction. K2: Willst du Schriftstellerin werden? Ich: Nein. … (Ich friere.) Ich zu K2: Ist dir kalt? K2: Nein. Ist dir kalt? Ich: Ich weiß nicht. K2: Als ich das erste mal nach Deutschland kam habe ich mir den Mond angesehen und gemerkt, dass er genau so aussieht wie in Korea. (schaut sich den Mond an) … K2 merkt, dass ich wirklich friere, aber zögere den Fahrer zwecks Heizung anzusprechen. Nimmt sein Jacke vom Hacken, hält sie aber nur in der Hand und sagt: Jetzt ist mir kalt. Ich zum Fahrer: Können sie bitte etwas wärmer machen? … K2: Ich möchte in Deutschland ein Restaurant eröffnen. Weißt du in Korea muss eine Frau 20 Tage vor der Entbindung schon im Bett liegen bleiben und der Boden ist warm. So war es bei meiner Frau auch. Ich: Was für ein Sternzeichen bist du? Verstehst du? Horoskope. Ich bin Steinbock. Im Chinesischen Drachen. (K2 versteht nicht) Ich: Drache der Feuer spuckt. K2: Ach so, ich bin Hund. Meine Frau ist auch Hund und mein Sohn Drache. Ich: Ja. …. Ich werde ziemlich plötzlich an einer Ampel ausgeladen. Koreaner 1 der schon bei der Begrüßung meine Hand freundlich zwischen beide Hände nahm, springt aus dem Auto um mein Gepäck aus dem Kofferraum zu holen und sagt: Bis zum nächsten Mal! Ich reiche Koreaner 2 die Hand und wünsche ihm viel Glück. Der Fahrer sieht mein Winken nicht.

Der Flug nach Griechenland via Italien (Teil I: von Berlin nach Bergamo)

Findet ihr den Titel dieses Artikels komisch oder ungewöhnlich? Selbstverständlich ist er ein bisschen komisch. Aber das ist heutzutage ganz normal. Man fliegt nach Italien und nachdem man dort ein paar Tage geblieben ist, fliegt man nach Griechenland, z.B. nach Thessaloniki via Athen, einfach nur damit man zwischendurch noch einen Freund aus Athen sehen kann.

Eigentlich kann man auch direkt von Berlin nach Thessaloniki fliegen, ohne den Umweg über Italien zu machen, aber die Freunde in Italien wollen mich auch mal wieder sehen.

Na ja, heutzutage ist so etwas ganz einfach möglich! Das, was ich bisher beschrieben habe, kann heutzutage mit weniger als 300 Euro realisiert werden. Air Berlin, Austrian Airlines, Condor, HLX, LTU, Germanwings, und andere günstige Fluggesellschaften haben dazu beitragen. Mit diesen Gesellschaften kann man z.B. nur hinfliegen, ohne unglaubliche Geldbeträge zu bezahlen, wie es damals (in der alten Zeit) üblich war.

Als Folge dieser Gegebenheit haben die großen Fluggesellschaften Europas diese Politik adaptiert und deswegen können die Passagiere überall in Europa ganz einfach fliegen und wenn man den Flugschein lange genug im Voraus kauft, dann kann man wirklich einen guten Preis bekommen, wie z.B. mein Freund Mario. Er ist nämlich für 29 Euro nach Italien geflogen, um nicht zu sagen, dass ich für 39 Euro (hin und zurück) nach Tallin geflogen bin (was für eine schone Stadt…).

Außerdem ist billiges Reisen durch Europa ganz wichtig für den Erfolg der europäischen Vereinigung, damit die Leute Chancen haben, die verschiedenen Kulturen auch wirklich kennen zu lernen.

Internationale Studenten in Berlin: 你 好!Ni hao, Jing!

Jing wohnt im Studentenwohnheim am Ostbahnhof. Für manche das neue Szeneviertel, denn hier befinden sich viele neue Clubs und Bars wie die Panoramabar, das BKA und das Maria am Ostbahnhof und auch die Spree mit den vielen neuen Strandbars ist nicht weit… Obwohl es jetzt natürlich schon viel zu kalt ist, hier zu sitzen.

Mario: Hallo Jing! 你好!Ni hao! 你好吗?Ni hao ma? Wie geht’s?
Jing: 你好!Ni hao! (sie lacht) Ja gut! Und Dir?

Mario: Na klar, gut! Wenn ich Dich so glücklich sehe, freu ich mich! Also, machen wir ein kurzes Interview, ja?
Jing: Ja klar, wie Du willst!

Mario: Jing, kannst Du mal bitte kurz sagen, woher Du genau kommst?
Jing: Also, ich komme aus Tianjin. Das ist eine der größten Städte Chinas in der Nähe von Peking.

Mario: Wie findest Du es in Berlin?
Jing: Na ja, das Wetter! Hier ist es immer so kalt, aber die Luft ist besser!

Nun gehen wir ins Haus. 20 Etagen und zwei Fahrstühle.

Jing: Eigentlich reichen zwei Fahrstühle aus, aber manchmal ist einer kaputt und dann muss man sehr lange warten. Notfalls kann man ja immer laufen, aber das ist doch ziemlich anstrengend. Ansonsten ist es relativ anonym hier…

Zusammen mit einem Studenten aus Senegal fahren in den 13. Stock. Man grüßt sich kurz.  

Jing: … Ja, und viele grüßen gar nicht. In so einem Hochhaus ist das manchmal ziemlich unpersönlich, aber das ist kein Problem!

Im Wohnheim sind die Studenten in 4-6-Raumwohnungen untergebracht. Jing wohnt zusammen mit einem anderen  Mädchen aus China und zwei weiteren Mädchen aus Georgien. An der Klingel steht: 1 x klingeln für Jing, 2x klingeln für Nana, 3 x klingeln für Tao  und 4x für Shoanna. Sie haben ein Bad mit Toilette und eine Extra-Toilette falls das Bad besetzt ist. Die Küche befindet sich auf dem Hausflur und wird von der ganzen Etage genutzt. Am Klingelschild befinden sich vier Namen. Im Flur stehen ein Schrank, ein Regal mit Tellern, Besteck und Gewürzen, ein Tisch und ein Kühlschrank. Jings Zimmer ist 15 qm groß, genauso wie ihr Zimmer in Tianjin. Für viele Chinesen wäre das schon Luxus, doch für die Chinesen aus den Küstengebieten und aus der Nähe von Beijing ganz normaler Standard.

 

Jing: Qing jin! Das ist mein Zimmer… Hier sitze ich und lerne… Es gibt schönere Wohnungen in Berlin, aber der Ausblick hier ist genial und mit meinen Mitbewohnern verstehe ich mich super! Nana…
 
Mario: Und wie ist das Leben hier?

Jing: Eigentlich muss man zu den Waschautomaten in den Keller gehen, um seine Wäsche zu waschen, aber wir haben hier eine kleine Waschmaschine mit der wir selbst waschen können und sparen somit Geld. Um nicht Gefahr zu laufen, dass das alte Ding die ganze Wohnung einmal überflutet, stellen sie sie immer in die Dusche, wo das Wasser notfalls einfach ablaufen kann.

Im Gemeinschaftszimmer, das eigentlich nur eine größere Ecke des Flurs ist und ich bekomme einen grünen Tee aus Hangzhou. Jing berichtet wie es war als sie vor 2 Jahren nach Berlin kam…

Jing: Am Anfang war es ein großes Abenteuer und ich wollte alles sehen! Ich habe auch alle möglichen Parties besucht… Die meisten Chinesen bleiben eher zu Hause und studieren. Für mich was alles so interessant und ich war so neugierig! Leider habe ich das Studium ein bisschen vernachlässigt gehabt und einige Klausuren nicht bestanden. Na ja, aber irgendwie geht es immer weiter in Berlin und wenigstens habe ich eine Firma gefunden in der ich ein bisschen Geld verdienen kann. Heutzutage brauchen alle (Firmen) Chinesen, damit sie Business mit China machen können.

Mario: Verstehe und wie ist es hier? Hast Du manchmal Heimweh?
Jing: Als ich hierher kam, war es ziemlich schwer. Ich habe viel geweint, aber mit der Zeit geht es. Ich habe Freunde aus aller Welt  hier gefunden. So ist es nicht zu schwer. Im Großen und Ganzen fühle ich mich ganz wohl. Na ja, es gibt immer verschiedene Zeiten, aber ich habe ich auch die Unterstützung von chinesischen Freunde.

Mario: Gibt es eigentlich viele Chinesen in Berlin?
Jing: Ja, schon eine ganze Menge. Einige habe ich auch aus meiner Region und sogar aus meiner Stadt getroffen! China ist so groß. Die Unterschiede zwischen den Menschen aus den verschiedenen Regionen sind  so groß. Ich bin den Menschen aus meiner Region am meisten verbunden. Trotzdem, vermisse ich meine Familie, meine Eltern und meine Tante. Aber jetzt gibt es wenigstens Internet und Telefon, sodass ich immer mit ihnen in Kontakt stehen kann, auch wenn es hier im Wohnheim leider kein Internet gibt. Aber ansonsten haben wir hier CCTV4, den chinesischen Auslandskanal. Das ist wirklich einzigartig! Und so konnte ich zum Beispiel gleichzeitig mit meiner Familie das letzte Mal zum chinesischen Neujahr die große Show im Fernsehen sehen. Fast 900 Millionen Chinesen habe sie gesehen!

Mario: Ok, danke für das interessante Interview!
Jing: Kein Problem! Danke auch!

Der 9. November 1989?!?

9. November 1989?!? Ein Datum, das ein Symbol geworden ist. Aber,… auch für eine Italienerin vom Gardasee? Tausende Mal hat man mich über meine persönliche Meinung über diesen Tag gefragt. Und tausende Mal habe ich auf dem Gymnasium, an der Uni in Modena, an der Humboldt-Universität in Berlin mit Freunden, mit Lehrern und mit Dozenten versucht, nicht zu idiotisch zu antworten… Heute, den 9. November 2005, hat auch mein Lieblingsfreund Mario aus Berlin mir die gleiche Frage gestellt. Meine Antwort? Ganz einfach: Am 9.November 1989 war ich zu jung und unselbstbewusst, um zu verstehen, was sowohl in Deutschland als auch in Italien passierte. Damals war ich 7 Jahre alt mit einem einzigen Traum im Kopf: Balletttänzerin zu werden. Ich hatte keinen anderen Platz im Kopf für andere beanspruchende Themen… Wahrscheinlich, im gleichen Moment, als die Mauer gefallen ist, als das bedeutendste historische Ereignis der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert geschehen ist, probte ich, ein „unschuldiges Kind“, vor dem Spiegel eine Choreografie… sorry, so habe ich alles verpasst… ;-(

Kreuzberg ist kein „Banlieue“ von Paris

Heute habe ich viel über die Situation in Frankreich nachgedacht, nicht weil ich in Frankreich wohne oder weil ich Franzose bin, ich wohne in Kreuzberg in Berlin. Das ist der Bezirk mit dem höchsten Ausländeranteil in Berlin.

Als ich am Morgen ins Institut gefahren bin und im Radio hörte, dass sie Autos in Kreuzberg und Moabit angezündet hatten, war ich sehr erstaunt. Warum? Heißt das, dass die Situation in Berlin jetzt so gefährlich wie in Frankreich ist?

Die Türken in Berlin, denke ich, sind überhaupt nicht verdächtig etwas so wie in Frankreich zu verursachen. Sie haben ansonsten keinen Grund. Kreuzberg, wo viele Emigranten in Berlin wohnen, ist im Gegenteil zu den „Banlieues“ um Paris, eine tolle Gegend Berlins. Viele Deutsche wollen in Kreuzberg wohnen und außerdem ist es ein super cooler Ort um auszugehen. Es ist besser in Kreuzberg zu wohnen als in Marzahn, wo viele Deutsche wohnen. Wohl fast alle Berliner werden mit dieser Meinung einverstanden sein. Natürlich gibt es Probleme in Berlin, aber diese betreffen die Deutschen genauso, wie viele Ausländer, die heute schon Teil der deutschen Gesellschaft sind. Deshalb müssen alle daran arbeiten die Situation insgesamt zu verbessern.

Studieren in Italien: Nicht nur piano, piano und immer mit der Ruhe

Morgens um fünf geht es am 2. März mit Czech Airlines zuerst von Berlin nach Prag und dann weiter nach Rom. „Das ist die billigste Variante“, meint Jana im Reisebüro. Von Rom dann noch drei Stunden mit dem Zug und ich sollte gegen 23 Uhr ankommen. Doch unterwegs in Italien wartet schon eine Überraschung auf mich, denn es gibt Streik und das heißt: Es gibt keinen Anschlusszug. Streik, „Sciopero“, das ist also ein Wort, das man sich merken muss. Doch Streik in Italien ist mit Streik in Deutschland nicht zu vergleichen. Irgendwie funktioniert trotzdem alles. Und nachdem einige Mitreisende mächtig Krach machen, bucht der Stationschef zwei Taxis für die übrig gebliebenen 8 Reisenden. Die anderen ca. 20 Personen, die ebenfalls in unsere Richtung wollten, sind offenbar schon anders weitergekommen.

Im Taxi sitzen wir zu fünft. Der Fahrer, zwei Frauen, ein aufgeweckter 13-jähriger und ich. Und wie sie sich alle so offen und munter miteinander unterhalten, fühle ich, jetzt bin ich in Italien angekommen. Zwei Stunden sind wir unterwegs, viele Themen werden abgehandelt. Das Fernsehen und die Politiker, vor allem Berlusconi, bekommen ihr Fett weg, soviel verstehe ich.

Zufälligerweise lebte eine der Frauen lange Zeit in Deutschland und spricht dann auch noch perfekt deutsch. Ich nutze die Gelegenheit, um mir einiges erklären zu lassen. „Sagen denn alle Du zueinander in Italien?“ „Nicht alle, aber auf dem Lande die meisten.“ Zumindest sind der Taxifahrer und der 13jährige Junge auf „Du und Du“. Die andere Frau versucht etwas ihr Englisch mit mir und freut sich, dass ich sie verstehe. Leider spricht sie kein deutsch, sagt sie, aber sie gibt mir die Telefonnummer von einem Mädchen, „multo carina” – sehr hübsch, das ebenfalls in Macerata studiert und mir bestimmt irgendwie weiterhelfen kann.

In Macerata angekommen, treffe ich gleich zwei Erasmusstudenten aus England, die mich durch die kleinen Gassen zur Herberge bringen. Dort kann ich wohnen bleiben, wenn ich will, doch ich bevorzuge es, eine Unterkunft mit ein paar Italienern zu suchen.

Keine langweilige WG

Im Erasmusbüro am nächsten Tag geht es ziemlich streng zu und ich denke, „das ist doch gar nicht Italien…“. Wie sich herausstellt, kommt die Beauftragte auch aus Frankreich, was die Verständigung leichter macht, denn ich habe italienisch gerade erst angefangen.

Da treffe ich auch Andrea, in Italien ein Männername, der demnächst nach Nancy will und mir gerne hilft bei der WG-Suche. Nachdem wir alle Aushänge an der Uni durchstöbert und eine ganze Menge Anrufe getätigt haben, treffen wir Laura mit einem Gipsarm auf der Straße. Sie hatte vor der Disko mit ihrer Vespa einen kleinen Unfall, erzählt sie und nimmt uns mit auf einen Espresso zu sich nach Hause. Die Mitbewohner Giovanna und Francesca dort sind auch gleich einverstanden, dass ich bei ihnen einziehe. Zag, eigentlich Alessandro, ist gerade nicht da. Mit ihm soll ich in einem Zimmer wohnen. Ob er denn nicht gefragt werden sollte, meine ich, und die Mädels meinen, das geht schon klar. Anscheinend haben sie das Sagen dort. Also hole ich meine Sachen aus der Herberge und ziehe ein. Wie sich herausstellt, ist Zag auch nur 1-2 mal pro Woche da / wo er sonst schläft, weiß ich nicht. Auch Francesca bleibt öfters mal eine Woche zu Hause bei den Eltern, um zu lernen.

Eigentlich brauche ich jetzt noch eine offizielle Aufenthaltserlaubnis, die „Carta di Soggiorno“ und einen „Code Fiscale“, aber nachdem ich zur Behörde gehe und sich dort etwa 100 Leute an zwei Schaltern drängeln, denke ich, darauf kann ich vielleicht verzichten. Da ich ja jetzt in einer WG wohne, muss ich die Bescheinigung ja auch keinem Vermieter vorlegen und das Mobiltelefon habe ich mit dem „Code Fiscale“ von Andrea gekauft. Also, was soll’s.

Eines erkenne ich gleich: Für die Kommunikation in Italien ist ein Handy wirklich unabdingbar. In der WG klingelt abends ungefähr alle vier Minuten ein Handy. Das sind oft auch nur „Squilli“ und keine echten Anrufe. „Squillo“ heißt auf deutsch „Klingeln“. In Italien lässt man das Handy des anderen oft nur einmal klingeln. Das heißt dann, dass man nur „Hallo“ sagen will oder dass z.B. ein SMS angekommen ist. Man nimmt also auch erst nach dem zweiten Klingeln ab, um sicherzustellen, dass ein Anruf kein „Squillo“ ist. „Squilli“ haben den entscheidenden Vorteil, dass sie nichts kosten und sind keineswegs nur Spielereien für „junge Leute“, sondern weit verbreitet.

Das Leben in der WG ist abwechslungsreich. Einmal essen abends fast 20 Leute bei uns, ein anderes Mal ist gar keiner da. Ansonsten leben wir fast wie im Kommunismus. Alles wird geteilt, das heißt im Endeffekt ist der Kühlschrank öfters leer. Ab und zu kommt Giovanna’s Mutter mit dem Auto vorbei und bringt Kisten voll mit Pasta und Tomatensoße. Dann wird immer aufgeräumt, alles abgewaschen und sauber gemacht. Ich soll doch aber bitte sagen, ich bin gerade nur zu Besuch vorbeigekommen. Giovanna’s Eltern wissen nicht, dass sie mit Jungs zusammen wohnt und selbstverständlich auch nicht, dass ihr Freund hier öfters mal übernachtet. Am Wochenende, wenn sie nach Hause nach Porto San Giorgo fährt, führt sie ein „bürgerliches Leben“ und geht wie die meisten, die ich hier kennenlerne, am Sonntagmorgen mit den Eltern zur Kirche. Außer Laura, sie hat nicht viel mit der Kirche am Hut. Wenn sie da ist, schläft sie mit Francesca in einem Zimmer. Ansonsten übernachtet sie bei ihrer Freundin und Geliebten. Der kleine Hund „Dixie“, gerade 3 Monate alt, hat in unserer WG das größte und schönste Zimmer, eine Art Wintergarten mit Ausblick auf die ganze Region. Naja, einige Dinge muss man nicht verstehen. Wenigstens ist das Zimmer gekachelt und somit leicht zu säubern, denn stubenrein ist Dixie noch nicht.

Durch Zag und Giovanna aus der WG lerne ich viele Leute kennen, unter anderem die Band, in der Zag Gitarre spielt. „Ibicus Quintett“ heißen sie und machen eine ziemlich verrückte Musik, Rock mit Oboe. Ab und zu sessen (eine Session machen oder Musik machen) wir zusammen, was immer sehr spaßig ist. In punkto Nachtleben ist in Macerata sonst nicht viel los. Immerhin drei Bars, die nicht um 20 Uhr zumachen, außerdem eine Disco, „Palazzo“, die zum Sommeranfang allerdings schließt, da dann alle am Strand feiern. Das ist 30 Minuten von hier und nur mit dem Auto zu erreichen, denn nachts fahren kaum Züge. Mit dem Auto kommt man auch nach Porto San Giorgio, wo es ein bunteres Nachtleben gibt. Ganz so arm können die Leute hier auch nicht sein, denn der Eintritt inklusive Drink kostet in den Klubs immerhin um die 16 Euro, außer man hat „Invities“ (Flyer, um kostenlos hineinzukommen) oder kennt jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt… und man so hineinkommt.

Styling ist immer wichtig

Wenn nicht schon am Tag, dann sind sie hier abends in der Disco so richtig „aufgestylt“. Vielen Frauen sieht man an, dass sie einige Zeit vor dem Spiegel verbracht haben. Die Männer dürfen so bleiben, wie schon am Tag, ziemlich ordentlich, casual und nicht zu schlabbrig. Einige von ihnen trainieren aber auch, um abends eine gute Figur zu machen. Eine gute Figur ist überhaupt sehr wichtig, vor allem für die Frauen. Im Fernsehen gibt es in jeder Werbepause Spots, in denen für Tabletten zum Abnehmen geworben wird. Und in Rom findet man in vielen U-Bahn-Stationen Werbeplakate für Zeitschriften mit Tipps zu den neuesten Diäten. Richtig dicke Italiener sieht man dann auch nur selten auf der Straße.

Die Mode spielt eindeutig eine große Rolle im Gegensatz zu Berlin oder anderen Teilen der Welt, wo es große Modetrends, die alle mitmachen nicht mehr zu geben scheint. Vor allem sind die guten alten Stonewashjeans etwas verändert wieder in. Auch die Rucksäcke sind klasse! Sehr bunt und manchmal mit Sprüchen beschrieben, wie man sie selbst in der fünften Klasse hatte. Sie sind hier auch bei Studenten noch weit verbreitet. Die neuesten Modeerscheinungen kann man außerdem jeden Sonntag Nachmittag z.B. in der Hauptverkehrsmeile von Civitanova beobachten. Dort trifft sich die ganze Stadt. Man läuft auf und ab, und ab und zu hält man ein „Schwätzchen“. Auch Evaristo „gibt zu“, dass er dort sonntags öfters anzutreffen ist. Ihn habe ich bei einem großen Abendessen mit Freunden kennengelernt. Ein notorischer „Zu-Spät –Kommer“, lacht gern und sagt, er fühlt sich hier beengt. „Es gibt zu viele Leute, die nicht offen und aufgeschlossen sind.“ „Aber die gibt es doch überall auf der Welt..“, sage ich. Jetzt arbeitet er an seiner Abschlussarbeit zur russischen Literatur, obwohl Literatur eigentlich nicht so sein Fall ist. Aber an der Uni wollen sie eben nur Themen mit Literatur im Russischdepartment. Am liebsten will er etwas Praktisches machen mit Sprachen und Business, vielleicht in Berlin, noch nebenbei an der Abschlussarbeit schreiben, während er sich einen Job sucht. Mit ihm verstehe ich mich jedenfalls blendend und so ist es schon fast klar, dass wir zusammen in Berlin eine WG gründen werden. Er ist ein echter Glücksfall für mich, hilft und erklärt mir, wie verschiedene Sachen hier so funktionieren.

Dazu gehört auch zu verstehen, dass man einige Sachen einfach akzeptieren muss, so wie die Art zu kommunizieren, z.B. dieses Gespräch: „Ahh, Du schnallst Dich immer an! Das ist gut!“ – „Ja, es ist doch sicherer und auch vorgeschrieben.“ – „Naja, da hast Du recht.“ – „Warum schnallst Du Dich nicht an?“ – „Ach, es wäre schon besser, aber ich fahre sicher und trinke nicht.“ So verlaufen manche Gespräche. Wann einem nun Recht gegeben wird im Sinne „Ich kann Dich verstehen“ und wann im Sinne „Ich stimme Dir zu“, muss man lernen zu unterscheiden.

Die Studenten sind oft bei den Eltern, vor allem die Jungs

Die Universität von Macerata ist eine altehrwürdige. Sie wurde am 1. Juli 1540 von Papst Paul III. eröffnet, mit allen Fakultäten der Epoche: Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie. Insgesamt gibt es 13008 Studenten. Damit man sich zurechtfindet, gibt es schöne Stundenpläne. Sie sind aber nicht unbedingt bindend und können sich auch schon mal von einer auf die andere Woche ändern. Studieren in Italien kostet, aber es gibt Stipendien oder „Börsen“ vom Staat. Die Studenten sind alle sehr nett. Ein Gespräch ergibt sich schnell, denn die Italiener sind immer sehr neugierig und wollen wissen, woher man kommt. Echte Freundschaften entwickeln sich aber trotzdem nur selten. Viele Studenten fahren über das Wochenende nach Hause zu den Eltern oder kommen nur selten zur Universität und lernen lieber zu Hause. So ist es schwierig, immer Kontakt zu halten, aber ein Mobiltelefon erleichtert schon einiges.

Da es keinen Studentenclub gibt, bleibt nur die Mensa, um mal echtes studentisches Leben kennen zu lernen. Hier treffe ich auch Gianluca, Spitzname „Herr Duden“. Zufälligerweise studiert er deutsch und ist nach dem Militärdienst und Zwischenjahren mit 32 bald fertig mit dem Studium. Anders da Annalea, ganze 23 Jahre, fasziniert von der Ausdrucksstärke der deutschen Sprache und hatte einen deutschen Freund, eigentlich einen Ägypter, als sie einmal 3 Wochen in Deutschland war. Er ist jetzt leider mit einer anderen zusammen, aber sie ist glücklich für ihn.

Neben vielen US-Amerikanern, die selbstverständlich lieber unter sich bleiben (Vorurteile bestätigt!), gibt es die Erasmusstudenten aus ganz Europa. Alles aufgeschlossene Leute, ich beobachte jedoch auch hier die Tendenz zur Gruppenbildung zwischen gleichen Nationalitäten. Der Balkan ist nicht weit und so findet man auch Studenten aus Kroatien und Albanien, und auch aus Griechenland kommen sie nach Italien. In Griechenland ist es sehr schwierig, in eine Universität aufgenommen zu werden. „Das schaffen nur die Allerbesten“, erklärt mir eine Griechin. Sie arbeitet in Griechenland in einer Firma und reist hier am Semesterende immer für die Prüfungen an.

Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in Macerata. Es ist ein ganz anderes Leben hier in dieser wunderschönen mittelalterlichen Stadt nahe der Adria und zum nächsten Strand sind es nur 20 Minuten mit dem Zug. Aber auch Ende Juli bin ich einer der wenigen, die ins Wasser gehen, denn für die Italiener ist es noch zu kalt.

Deutsche gibt es ansonsten nicht so viele, ganze 5 Mädchen plus mich als Jungen. Die deutschen Mädels sind dann auch noch blond oder zumindest dunkelblond. Das kommt bei den Italienern gut an. Nicht nur von den deutschen Frauen gibt es immer schöne Geschichten über ihre Beziehungen mit Italienern zu hören. Schon im „Lonely Planet Guide“ wird vor „Macken“ italienischer Männer gewarnt. Aber manche Mädels finden es vielleicht ganz „süß“, wenn er beim Ausflug in Florenz seine Lieblingsbettwäsche auspackt. „Er nimmt sie überall mit hin, da hat er schon als Kind drauf geschlafen.“ Ansonsten wohnen auch mit über 30 noch viele zu Hause. Es soll sogar jeder Dritte sein. Gründe gibt es sicherlich viele, finanzielle sind da nicht ganz unwichtig. Hochschulsport soll es in Macerata auch geben, aber außerhalb der Stadt und nur mit dem Auto zu erreichen. So hält sich meine sportliche Betätigung in Grenzen, aber die Stadt ist „bergig“, und so bleibe ich wenigstens ein bisschen in Form.

Unterwegs ist man am besten und bequemsten mit der Bahn, am billigsten jedoch mit den regionalen Bussen. Während einer Fahrt von Macerata nach Mailand wird mir auch noch einmal klar, dass ich mich in einer seit Jahrtausenden intensiv genutzten Kulturlandschaft befinde. Bis auf einige Gebiete in den Bergen sieht man kaum Wälder. Dafür fällt mir auf, dass auf dem Lande anscheinend überall etwas verbrannt wird. Soweit man aus dem Zug erkennen kann, ist das nicht nur harmloses Laub. Die See an der Adria ist leider auch nicht immer sauber. Vieles wird aus Kroatien angespült, meinen die Italiener. Doch das Öl im kleinen Hafen von Civitanova kommt garantiert nicht aus Kroatien.

Einkaufen und immer Zeit für ein Schwätzchen

Hier ist billiger als in München, aber teurer als in Berlin. Vor allem im Supermarkt sind Dinge wie Milch und Schokolade teuer. Gut kommt man weg, wenn man viel Obst und Gemüse isst, denn das wird nicht weit von hier produziert und ist viel preiswerter als in Deutschland. Am besten, man geht am Mittwoch immer auf den Markt. Da gibt es die Händler aus Napoli, die Obst und Gemüse um bis zu 40% billiger anbieten als im „Supermercato“. Doch aufgepasst: Die Napolitaner verstehen oft mal vier, anstatt zwei Kilo und schlagen manchmal zwanzig Cent drauf, damit der Betrag leichter abzurechnen ist. Das macht die Sachen dann manchmal wieder etwas teurer, wenn man nicht sofort reklamiert. Und da es ja sonst „sooo“ billig ist, lässt man die zwanzig Cent oft als Trinkgeld durchgehen. Generell ist in Italien jedenfalls mitrechnen unabdingbar und: Das Wechselgeld prüfen!

In Macerata gibt es noch richtig freundliche Verkäufer. Für ein kleines Schwätzchen ist immer Zeit, auch wenn hinter mir noch Kunden warten. Das würde es in Berlin nicht geben. Vielleicht ist es aber auch nur der Gegensatz zwischen Großstadt und Kleinstadt, der mir hier bewusst wird. Am Mittwoch, wenn die ganze Innenstadt ein großer Markt ist, kann man auch viele modische Schnäppchen erstehen, aber wahrscheinlich nicht immer Originale. Über Probleme in manchen Geschäften erzählen mir die deutschen Mädels. Zwischen italienischen Frauen gibt es große Konkurrenz. Das macht auch vor Verkäuferinnen und Kundinnen nicht halt. Anke und Mareike, deutsche Austauschstudentinnen, meiden einige Geschäfte, „denn dort wird man erst einmal von oben bis unten gemustert. Das ist nicht sehr angenehm.“

Brot, lecker Essen und jeden Tag Eis

Das Brot: In jeder Region gibt es anderes Brot. Das in Macerata war leider nicht so mein Fall. Neben feingemahlenem Vollkornbrot, ohne Körner und mit viel Luft, gibt es das Salatbrot. Da ist auch Salz mit drin, was bei den meisten Broten nicht der Fall ist. In Florenz war das Brot sehr lecker und aber eben auch teuer. Generell ist Brot in Italien eine Beilage. Die Nudeln sind dafür umso besser und das sogar in der Mensa.

Zum Essen allgemein: Es ist nicht ganz so, wie man es in Deutschland immer denkt, Pasta – ja und immer, mittags und abends, das alles „al dente“ außer Gnocchi, die sind nicht so mein Fall. Aber ansonsten lieben sie hier Fleisch sehr. Und Giovanna in der WG isst generell weder Gemüse noch Salat. Unvorstellbar! Ein vegetarisches „Ristorante“ sucht man vergeblich. Vielleicht gibt es in Rom irgendwo eines. Schlecht ist das Essen nicht, viel Olivenöl und Parmesan, dazu immer Wein. In der WG ist das oft der billigste, der in der Fünf-Literflasche. Zumindest die Studenten hier sind nicht solche Weinverköster, wie die Freunde in Berlin. Gegessen wird öfters und nicht nur bei Studenten von Plastiktellern, das spart den Abwasch. Auf dem Markt gibt es allerhand von Köstlichkeiten, Tomaten in Öl, frischgemachte Nudeln und Caperino, einen leckeren Streichkäse.

Stolz sind die Italiener auch auf ihr Nutella. Erfunden hat es der Konditor Pietro Ferrero 1946 als billigen Brotaufstrich, damals noch „Pasta Gianduja“. Ab 1964 dann „Nutella“, und seit 1965 wird es auch in Deutschland verkauft. Das liest man auf der Website.

Cafés heißen in Italien meistens Bar. Wenn man einen Kaffee bestellt, bekommt man einen Espresso. Den bestellt und trinkt man am besten an der Bar. Wer am Tisch bestellt, zahlt um ein Vielfaches mehr. In Macerata ist alles nicht so streng und man kann auf den Kaffee auch an der Theke warten und ihn dann zum Tisch mitnehmen.

Eis wird in Italien wirklich fast jeden Tag gegessen. Dass die alten Chinesen bereits Eis gemacht haben sollen, hören die Italiener gar nicht gerne. Sie bestehen darauf, dass Eiscreme, zumindest so wie sie heute gemacht wird, eine italienische Erfindung ist. Schließlich wurde Eis schon im 16.Jahrhundert am Hof der Medici serviert. Beim Thema „typisch italienisch“ darf man die Pizza nicht vergessen. Einen Pizzabäcker findet man an fast jeder Ecke. Erstaunlicherweise machen jedoch sogar die Pizzastuben mittags und abends zu. Essen kann man auch noch in der Mensa, aber da kostet ein Mahl für Studenten doch allen Ernstes 3,51 Euro.

Und ein Generalstreik

„Sciopero Generale“ – Der Streik am 16. April 2002 war ein großer Erfolg für die Gewerkschaften in Italien. Erstmals seit 20 Jahren legte ein Generalstreik Italien praktisch lahm und brachte einen Großteil der Gesellschaft auf die Strasse, so berichtet die Presse weltweit an diesem Tag. Aber es gibt auch das kleinstädtische Italien.

In Macerata bekomme ich nicht viel mit von den Streiks und Demonstrationen. In den Tagen davor ist der angekündigte Generalstreik schon ein Thema zwischen den Studenten. Es geht in erster Linie jedoch darum, ob die eine oder andere Vorlesung stattfinden würde oder nicht. Auf die Frage, ob sie denn am Streik teilnehmen und gegen die Politik der Berlusconiregierung mit auf die Strasse gehen, meinen die meisten „nein“. Schließlich unterrichte der Professor und da könne man die Vorlesung nicht versäumen. Im Café nach dem „Pranzo“ (Mittagessen) frage ich dann einfach mal am Tisch, warum denn eigentlich gestreikt werde. Zu meinem Erstaunen wissen ganze drei von neun Medien- und Kunststudenten, dass es um den „Articolo 18“ geht. Dieser Artikel regelt den Kündigungsschutz in Italien, den Berlusconi auflockern will. Da kann ich mir die Antwort, was wohl am Tag des Generalstreiks in Macerata passiert, fast denken. Und in der Tat ist an diesem Tag von dem landesweiten Protest nicht viel mitzubekommen. Geschäfte und der Supermarkt sind geöffnet. Einzelne Fakultäten und Universitätsgebäude sind dann aber doch geschlossen. An der Tür hängt ein Schild: „Causa per lo sciopero la facoltà rimane chiuso“ (Wegen des Streiks bleibt die Fakultät geschlossen). Leider macht am Nachmittag auch das Computer- und Medienzentrum der Universität zu. Doch zur Großveranstaltung der Gewerkschaften werden die Techniker es wohl nicht mehr schaffen, aber vielleicht haben sie einen schönen Nachmittag mit der Familie.

Warum in manchen Teilen Italiens weniger gestreikt wird, ist vielleicht mit einer Statistik zu erklären, die im Mai veröffentlicht wurde. Sie bestätigt, dass es in Italien schon mehr selbständig Beschäftigte gibt (50,3%), als Lohn- und Gehaltsempfänger. In Rom könnte die Situation schon ganz anders aussehen, aber in einer Kleinstadt wie Macerata ist dieser Anteil sicherlich noch viel höher. Die meisten Geschäfte und Betriebe sind Familienbetriebe und das heißt, dass deren Mitglieder natürlich nicht gegen sich selbst streiken. Des weiteren ist der Fußball wichtiger als alles andere.

Eine große Demonstration gab es auch zum 1.Mai in Rom mit 200 000 Leuten, aber der eigentliche Event des Tages war das kostenlose Konzert auf der “Piazza San Giovanni“. Es kamen 800 000 Menschen. Neben italienischen Stars wie Zucchero, traten auch Oasis auf. Aber wirklich revolutionär war es am Abend nicht mehr, das war klar, als es eine 10-minütige Werbeunterbrechung für das Fernsehen gab.

Der unschlagbare Star Valentina

Neben dem Regionalblatt, das nicht gerade viel über Internationales und ganz Italien Betreffendes berichtet, liegt in den Cafés meist noch der „Corriere dello Sport “ aus. Eine Zeitungskultur wie in Deutschland, wo die Zeitung bei den meisten morgens auf dem Frühstückstisch liegt, gibt es nicht, und viele mit denen ich gesprochen habe, informieren sich größtenteils im Fernsehen. Das wird von Silvio Berlusconi kontrolliert. Sein Firmenimperium kontrolliert die TV-Kanäle von Mediaset mit fast 50% Marktanteil. Ende Februar wurde der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk RAI mit drei Kanälen ebenfalls mit Berlusconitreuen neu besetzt. Proteste und Mediaparaden, wie die „Reclaim The Media-Demo“ im März in Rom konnten daran auch nichts ändern.

Um 20 Uhr läuft auf „Canale 5“ „SARABANDA“. Die Show gibt es auch in Frankreich. Dabei spielt eine große Band Songs. Dazu tanzen viele halbnackte Mädchen (wie in fast allen italienischen Shows). Die Mitspieler müssen dann die Lieder raten und wer sie alle kennt und dazu noch am schnellsten auf den Drücker haut, kann es bis zum Endausscheid schaffen. Da gibt es dann einen Jackpot, den man nur knackt, wenn man in 20 Sekunden sieben Lieder erkennt und das schneller als der Gegner. Falls man den Jackpot nicht knackt, darf man als bester Songkenner allerdings am nächsten Tag wieder antreten. Bei der Show ist Valentina gerade der unschlagbare Star. Als Kandidat ist sie bereits seit über vier Monaten dabei. Da sie nicht sehen kann, hat sie offensichtlich einen Ausgleich gefunden und die Zeit genutzt, um sich in moderner Popmusik weiterzubilden. Sie erkennt die Lieder meist schon nach wenigen Sekunden. Gewonnen hat sie den Jackpot ja eigentlich schon, doch weil es solch einen Spaß macht, hat sie nur die Hälfte des Geldes genommen (ca. 150 000 Euro) und beschlossen, den Rest wieder in den Jackpot zu geben und weiterzumachen. Den anderen Mitspielern sieht man indes an, dass sie mit ihrer Nebenrolle häufig nicht sehr glücklich sind.

San Remo – Eurovision auf italienisch

Musik ist in Italien sehr wichtig. Hier singt man viel öfter, ohne sich zu genieren. Im Fernsehen kann man das am Sonntagmittag beobachten, wenn mit dem Publikum regelmäßig alte Gassenhauer angestimmt werden, die nur die Italiener kennen. Nino d’Angelo gibt es auch in Italien, doch das ist ein ganz anderer, als der den wir aus Deutschland kennen. Hatte der nicht lange Haare und in Amerika unter der Brücke geschlafen? Nein der echte, italienische Nino d’Angelo kommt aus Napoli und singt Lieder im Stil seiner Region. Er durfte sein Lied auch bei dem italienischen Musikereignis des Jahres anstimmen, bei „San Remo“. Bei der Eurovision macht Italien nicht mit, dafür gibt es ein eigenes Festival und das dauert ganze 5 Tage. Telefonisch abstimmen darf man leider nicht. Es gibt hier immer noch eine Jury, die von wichtigen Leuten aus dem „Showbiz“ besetzt ist und über die Kandidaten abstimmt. Wenn man die Austauschstudenten über die Musik in Italien befragt, bekommt man generell ein positives Feedback.

Mir gefällt das Leben hier. Italien ist vielseitig und interessant. Es macht Spaß, und wenn man es schafft, die Leute zu verstehen, umso mehr. Einprägen sollte man sich hier auch „piano, piano“ = „langsam, langsam“ und „tranquillo“, will soviel heißen wie „immer mit der Ruhe“. Diesen Aussagen wird jeder Italiener in fast jeder Situation zustimmen können. Bei dem ganzen Wirbel in der italienischen Gesellschaft bringt dieser Weg einen anscheinend immer noch am weitesten. Das Land ist auf keinen Fall langweilig. Vielleicht bleibe ich ja eines Tages länger.