Medien- und Informationspolitik in Kuba

Ich bin erschreckt darüber wie reglementiert Informationen hier an die Öffentlichkeit gelangen. Kontakte in’s Ausland werden über die Preise der Telekommunikationsmittel geschickt unterbunden, eine Stunde WWW im (monopolistischen) Internetcafe, im lokalen Telepunto, kostet 6 Dollar und somit etwa ein Drittel Durchschnittsgehalt, mitgebrachte Speichermedien sind dort verboten. Ein Telefongespräch nach Deutschland etwa kostet rund 4.5 Dollar pro Minute. Häusliche Internetanschlüsse und Mobilfunkverträge sind grundsätzlich nur Ausländern und Privilegierten zugänglich. Ich könnte mir also für bescheidene 150 Dollar monatlich (plus 100 Dollar Anmeldegebühren) eine 56k-Flatrate zulegen, würde ich denn in einer offiziellen Unterkunft wohnen, deren Adresse ich auch im Laden angeben könnte.

Die öffentlichen Medien werden bestimmt durch eine Lokalausgabe und eine landesweite Zeitung (Granma), sowie ein bis zwei öffentliche Fernsehsender. Alle sind direkt der PCC, also der Partei, unterstellt und es existiert ein Gremium, das Departamento de Orientación Revolucionaria, welches alle negativen Meldungen über Prostitution, Armut, Selbstmord, Arbeitslosigkeit und Machtspiele gekonnt totschweigt. Dementsprechend zügig ist man mit dem Inhalt der Nachrichten vertraut und die Abwechslung hält sich in Grenzen.

Als Kontrast dazu gibt es noch einen amerikanischen Radiosender mit Basis in Miami, Radio Martí, dieser betreibt dasselbe Spiel mit umgekehrten Vorzeichen und beschallt Kuba mit allerlei Hetze gegen die Regierung in Havanna.

Internationale Presse lässt sich hier nicht beschaffen. Die Funktionäre werden durch eine Zeitung, das Panorama Mundial, mit Informationen versorgt, diese gibt es je nach Hierarchie der Funktionäre noch einmal in drei unterschiedlich langen Versionen.

Ostern in Peru: Märchenfilme, Traurige Musik bei der Prozession, freudige Lieder bei der Auferstehung, Besuch, leckeres Essen

Ich komme aus einer kleinen Stadt in Peru mit dem Namen „Concepcion“. In meiner Stadt gibt es 2000 Einwohner. Zu Ostern wird bei uns ein großes Fest gefeiert. Viele Menschen kommen dann sogar aus den großen Städten zu uns.

Für uns beginnt alles bereits am Mittwoch Abend. Meine Schule war und ist immer noch sehr katholisch. Deshalb organisieren die Nonnen und Lehrer der Schule eine große Prozession. Ganz früh am Mittwoch Morgen beginnen wir unseren Umzug. Er dauert ungefähr 4 Stunden. Vorne läuft der Religionslehrer und liest die Bibel und wir gehen dahinter und singen und beten den Rosenkranz.

Die Leute essen ab diesem Tag kein Fleisch mehr – bis Sonntag, wenn die auf Auferstehung ist. Im Fernsehen laufen nun fast den ganzen Tag Kindermärchen (für Groß und Klein). Es beginnt vormittags für die Kinder und später laufen für die Filme für die Erwachsenen, wie zum Beispiel der Film „Die Passion von Christus“.

Am Donnerstag Abend treffen sich die Jungendlichen mit Freunden und wandern in die Berge. Dort übernachten wir mit einem Lagerfeuer, denn am Donnerstag gibt es keinen Unterricht. Es wird Gitarre gespielt und wir singen bis spät in die Nacht (…aber manchen machen auch andere „Sachen“).

Am Freitag gehen wir in die Kirche. Dort hat der Priester zusammen mit den Gläubigen ein Theaterstück einstudiert, wo die Passion von Christus nachgespielt wird. Während dessen arbeiten andere Gläubige an der Vorbereitung für die Prozession. Viele haben schöne Teppiche dafür gemacht. Andere haben etwas auf den Boden gemalt. Danach verteilen die Gläubigen die schönsten Blumen auf der Erde.

Die Prozession am Karfreitag ist in zwei Gruppen geteilt, eine mit Jesus und eine andere mit der Jungfrau Maria- Sie beginnen an verschiedenen Kirchen und verlaufen im Kreuz um den Zentralpark von Concepcion. Die Leute begleiten die Heilige Statue mit traurigem Gesang und Gebeten.

Am Sonntag sind die traurigen Tage vorbei. Es ist jetzt die Auferstehung von Christus. Es gibt keine traurigen Lieder mehr. Jetzt spielen Bands traditionelle Folklore auf der Straße. Viele Leute Tanzen mit Masken und sehr bunten Kostümen. Es ist auch eine Zeit, um die Familie wieder zu sehen. Bei mir zu Hause ist es so, dass meine Oma immer viele Besucher bekommt. Um die Besucher glücklich zu machen, ist es wichtig, dass es viel zu essen gibt. Wir haben ganz lecker gekocht, zum Beispiel Meerschweinchen (mit leckerer Soße, Kartoffeln und Reis).

Aber die echte Arbeit, das ist die traditionelle Pachamanca. Um das vorzubereiten hat mein Vater ein Loch in die Erde gemacht. Dort werden Steine mit Feuer heiß gemacht, damit das Essen gekocht werden kann. In das Loch kommen zuerst Bohnen, Kartoffeln, süße Kartoffeln, Schweinefleisch, Rindfleisch und kleine Kuchen die aus Mais gemacht wurden. Dann wird das Essen mit den heißen Steinen zugedeckt und am Ende mit Erde. So bleibt es ungefähr eine halbe Stunde. Dann ist es fertig und wir können essen! Wenn schönes Wetter ist, essen wir in unserem Garten auf dem Rasen oder wir gehen in einen Park … aber im Park gibt es schon viele Leute, die auch dort essen.

Bei diesem großen Essen sind alle bei uns zu Besuch. Also auch die Brüder und Schwestern von meiner Oma, meinem Opa und meiner Mutter. Natürlich haben alle ihre Kinder mitgebracht. So können meine Cousins und Cousinen miteinander spielen. In Wirklichkeit ist es ziemlich hart an diesem Tagen, weil wir viel vorbereiten müssen…

Am Montag beginnt dann wieder Schule.

Afrika und Kuba

Durch den Sklavenhandel, der in früherer Zeit durch die Spanier auf Kuba betrieben wurde, ist ein großer Teil der Bevölkerung, man schätzt etwa 50%, afro-kubanischer Abstammung und somit farbig. Der überwiegende Teil davon lebt im Osten der Insel.

In den 70er und 80er Jahren standen deren religiöse Rituale unter Strafen und die Priester wurden öffentlich schikaniert. Anfang der 90er Jahre wechselte die Regierung Castros ihre geistige Haltung und kooperiert seither mit einigen dieser religiösen Gruppen.

Bei einem Spaziergang durch die Stadt blieb ich neulich vor einem Haus stehen, aus dem laute Musik and Getrommel tönte. Nach kurzer Zeit bat mich eine ältere Frau herein. Im Inneren war eine Zeremonie im vollen Gange. Eine Priesterin der Religion Oruba lief mit einem Palmenwedel durch die Gegend und schlug damit den vor ihr knienden Gläubigen auf den Rücken und gab dabei ein etwas gruselig klingendes Gelächter von sich. Auf dem Altar waren eine Reihe von Opfergaben aufgetürmt, darunter Früchte, Süßigkeiten, Fleisch und Fisch. Eine Gruppe von etwa 5 Trommlern spielte energiegeladene, afrikanische Rhythmen und in einem viel zu kleinen Raum rieben sich Massen schweißgebadeter, schwarzer Körper aneinander. Was für ein Schauspiel!

Kuba: „Manche sind Gleicher“

Ein Ausflug zu den Cayos Santa Maria: An einem Wochenende vor Kurzem planten wir einen Ausflug in den Norden, zu den Cayos, einer Inselgruppe, die durch eine 70 km lange Schnellstraße durch das Meer mit dem „Festland“ Kubas verbunden ist. Als wir in unserem Bekanntenkreis herumfragten, wer uns begleiten wolle, damit wir nicht mit einem halbvollen Wagen fahren, bemerkten wir recht schnell, dass die Kubaner nicht in der Lage waren uns zu begleiten, weil dieses Gebiet „in nationalem Interesse“ nur Touristen bzw. Ausländern zugänglich ist.

Von diesen Sektoren gibt es eine Vielzahl, die schönsten Strände der Insel um Varadero sind von dieser Regelung ebenfalls betroffen. Man könne Anträge stellen um eine Besuchserlaubnis zu erhalten, diese Anträge würden aber regelmäßig nicht bewilligt oder gar nicht erst bearbeitet. Wenige weitere Besuchsmöglichkeiten bestehen außerdem durch FDG-ähnliche Objekte. Die Arbeiter der Hotels werden täglich in speziellen Shuttles transportiert, diese passieren regelrechte Grenzübergänge mit Passkontrollen. Die Joint-Ventures, die die Anlagen betreiben, zahlen den (Dollar-)Lohn an die kubanische Regierung, diese wiederum zahlt den Kubanern (einen Bruchteil davon) in Peso Nacional aus. Auf den Inseln angekommen, treffen wir auf eine Traumkulisse wie in einem anderen Land: Palmenstrand, weißer Sand, blaues Wasser… Irgendwie haben es doch noch einige Kubaner an den Strand geschafft. Leider konnten wir nicht herausfinden, wer diese Personen waren.

Unterricht an der Universität in Santa Clara: Nuevo Hombre vs. Homo Oeconomicus

Die Uni in Santa Clara: Nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit meinen Kursen und der Einschreibung erhalte ich mittlerweile quasi-privaten Sprachunterricht. Gemeinsam mit Enes, einem Chinesen aus der Nähe von Shanghai, lerne ich täglich etwa 3 Stunden Spanisch. Leider sind die Möglichkeiten begrenzt: Es gibt kaum Papier bzw. Kopiermöglichkeiten, keine Audio- bzw. Videoabspielgeräte, keine Overhead-Projektoren und auch keine Lehrbücher.

Internetzugang haben die Studenten ab 20.00 Uhr, wobei die gesamte Uni über eine einzige Leitung von 100Mb/s verfügt (einen besseren Haus- bzw. regulären Büroanschluss in Deutschland). Daran sind hunderte von Computern angeschlossen, was zur Folge hat, dass das einfache Abrufen von 3-5 Mails normalerweise 1.5 Stunden dauert. Oft ist die Seite fast fertig aufgebaut und dann wird plötzlich aus irgendeinem Grund der Zugang verweigert.

Kreide und Tafel sorgen für’s Nötigste beim Lernen. Unsere Professorin beglückt uns beständig mit linientreuen Texten, so lerne ich viel über die kapitalistische Ausbeutung des Landes vor der Revolution, über die Schlachten Chés gegen das Batista Regime und über die gegenwärtigen Erfolge des Sozialismus. Hierzu gehört unter anderem Material zur Schaffung des „Nuevo Hombre“ oder dem neuen Menschen. Dieser widerspricht dem Menschenbild des „Homo Oeconomicus“, welches in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschend ist, in fast allen Punkten. Oft ist von altruistischen Taten die Rede, vom freundlichen, allzeit bereiten Arbeitern und Mitbürgern. Es wird appelliert an Mitgefühl und Zusammenhalt. Diese Nachrichten werden psychologisch verstärkt durch die sozialistischen Parolen, die an Stelle der heimischen Werbeplakate überall am Straßenrand zu finden sind. Diese beteuern, dass „eine bessere Welt möglich ist“, vergleichen Patriotismus mit Menschlichkeit und gipfeln in meinem Lieblingsspruch „Sozialismus oder Tod“. Letzterer spiegelt phantastisch die Schwarzweißmalerei wider, die das Weltbild dieses Landes bestimmt.

Ansonsten habe ich noch zwei andere Kurse belegt, nämlich Qualitätsmanagement in Tourismusbetrieben und Organisationspsychologie. Die akademische Messlatte ist hier nicht ganz so hoch anzulegen. Zugegebenermaßen erlauben die Umstände natürlich auch keine Lernqualität wie bei uns, dennoch besteht die Aufgabe der Studenten lediglich darin den Wortlaut der Professoren möglichst genau zu kopieren. Kritisches Denkvermögen ist hier nicht gefragt. Leider war das in meinem bisherigen Studium auch oft nicht anders, dennoch empfand ich es als nicht so offensichtlich wie hier. Interessant am Unterricht ist, dass viele der wirtschaftlichen Konzepte aus dem Westen ihre Anwendung finden. Oft werden die Namen der Wissenschaftler nicht genannt, aber auch in der Bibliothek findet man bei genauer Suche (alte Ausgaben der) Werke von Kotler, Porter, Samuelson und Co. Im Qualitätsmanagement werden außerdem regelmäßig die ISO-Normen zitiert, man gibt sich also weltoffen. Regelmäßig fallen auch deutsche Namen von Wissenschaftlern oder Institutionen, überhaupt ist Deutschland in der Wirtschaftsfakultät recht präsent. Ein guter Teil der Professoren hat den Doktortitel in Kooperation mit den Unis in Leipzig, Rostock oder Magdeburg erhalten und pflegt zum Teil noch immer den Kontakt. Gestoppt wird die Diskussion oft an den wirklich interessanten Stellen, nämlich wenn die Entlohnung in’s Spiel kommt. Dass mehr Verantwortung auch mit höherer Entlohnung einhergeht und dass Entscheidungen von den Personen getroffen werden sollten, die über das entscheidungsrelevante Wissen verfügen, sind hier politisch nicht tragbare Konzepte.

Sozialismus im Klassenzimmer: Neulich wurde das Gespräch im Spanisch-Kurs politisch. Enes fing an zu wettern über das sozialistische Regime in China. Es gäbe zu viel Vetternwirtschaft, zu viel persönliche Vorteilnahme und die Partei nehme zu viel Einfluss auf das Leben der Individuen, dennoch sei das Leben dort immer noch 1000mal freier als in Kuba. Es gäbe mehr zu Essen, das Verkehrswesen sei fortgeschrittener und auch sonst sei die Lebensqualität wesentlich höher. Schon während seines Monologs bekam die Professorin einen roten Kopf und forderte Enes wiederholt auf zu flüstern bzw. komplett zu schweigen. Ich fühlte mich etwas wie im Kindergarten, begegnete den Aufforderungen der Professorin mit verständnislosem Kopfschütteln. Kaum hatte Enes ausgesprochen, unterrichtete sie uns flüsternd, man dürfe so etwas nicht sagen, noch nicht einmal denken, immerhin wäre die Überwachung hier sehr streng. Nervös hielt sie dabei Blickkontakt mit der Tür. In jedem Land gäbe es gute und schlechte Seiten des Lebens. Und Kuba hätte viele enorme Dinge erreicht. Dann kam die Leier mit dem Gesundheitswesen und der Armut, mit der man hier täglich konfrontiert wird. Enes grinste die ganze Zeit hocherfreut, weil er der Meinung ist, dass ihm als Ausländer hier nichts passieren kann. Zu Hause müsste er sich mit solchen Äußerungen natürlich auch vorsichtig verhalten, hier allerdings sieht er sich dazu nicht gezwungen.

Am nächsten Tag haben wir bei einer Vertretung Unterricht, diese ist nur mäßig motiviert und versucht uns in ein Gespräch zu verwickeln. Ob wir denn schon mit Kubanerinnen in Kontakt gekommen seien, will sie wissen. Wir wären doch als Ausländer bestimmt fürchterlich interessant?! Eigentlich erwartete sie gar keine Antwort und fing gleich an uns in puncto sexueller Aufklärung eine Nachhilfestunde zu geben. Ob wir denn schon Kondome gekauft hätten und ob wir uns der Bedeutung selbiger im Klaren sind? Ausländische Studenten, das schließt mich ein, werden vor dem Antritt ihres Studiums zu einer Blutprobe gebeten, die sämtliche Risiken aus dem Weg räumt. Wie viele Bürgerrechtsbewegungen sich bei einem solchen Schritt in Deutschland zu Wort melden würden, wäre mehr als interessant. Junge Menschen dieses Landes werden bei häufigem Partnerwechsel, der hier permanent als schmeichelhafte kubanische Tugend verkauft wird, auch schon einmal vom Doktor um die Ecke auf eine persönliche Sprechstunde eingeladen, bei der der aktuelle Krankheitsstatus gecheckt wird. Dieser Vorgang ist mitunter nicht ganz freiwillig und bedarf natürlich auch einer gewissen Kontrolle…

Kuba: Im Nabel der Revolution in Santa Clara

Einige Wochen sind vergangen, seit ich in meinem Studienort Santa Clara angekommen bin. Diese erste Zeit war durchzogen von frustrierenden und nervigen Erlebnissen und einigen kleinen Lichtblicken. So ziemlich alles, was an Warnungen in meinem studentischen Kuba-Führer stand, hat sich bewahrheitet.

Ein Nachtrag zu Bogotá: Als Einführung zu meiner Reise habe ich Ché Guevaras „Motorcycle Diaries“, also seine Reisetagebücher, gelesen. Mit seinem Freund Alberto besuchte Ché im Sommer 1952 die Haupstadt Kolumbiens und schrieb dazu Folgendes (ich las die englische Version):

[quote] „There is more repression of individual freedom here than in any other country we’ve been to, the police patrol the streets carrying rifles and demand your papers every few minutes, which some of them read upside down.“ [/quote]

Ein ähnliches Bild hatte ich in meiner letzten Mail auch geschildert und ich war erstaunt zu lesen, dass dieser Zustand offensichtlich schon über 50 Jahre fortbesteht. Nachdem ich im Kuba des 21. Jahrhunderts angekommen bin, könnte ich mir aber durchaus vorstellen, dass dieses Land mittlerweile den Spitzenplatz einnimmt, was die Unterdrückung seiner Bewohner angeht.

Santa Clara: Die Hauptstadt der Provinz Villa Clara liegt ziemlich zentral, wenn man Kuba als Ganzes betrachtet. Die Stadt hat etwa 200.000 Einwohner und die zweitgrößte Universität der Insel befindet sich hier. Bekannt geworden durch die entscheidende Schlacht Chés, der hier im Dezember 1958 im Zuge der kubanischen Revolution einen Eisenbahnzug beladen mit Waffen zum Entgleisen brachte, zeugen diverse Mahnmale und Museen von seinen heroischen Taten. Sonst allerdings gibt es nicht viel zu sehen. Von den modernen deutschen Wagen, von denen ich noch am Flughafen von La Habana berichtete, findet man hier keinen mehr. Die Stadt ist für Touristen uninteressant, es gibt weder Strand noch gute Restaurants, auch an historischen Bauten mangelt es. Insgesamt ist sie aber umso besser geeignet um sich ein Bild vom realen kubanischen Alltag zu machen.

Meine Unterkunft: Ich habe ein eigenes Apartment auf dem Dach des Hauses. Klein aber fein. Warmes Wasser gibt es auch hier nicht, geduscht und gespült wird mit Hilfe eines Eimers. Da sich die Universität leider recht weit außerhalb der Stadt befindet, habe ich zwar nervig lange, heiße und unbequeme Anfahrtswege, die mir einen guten Teil meines Tages rauben (2.5 – 3 Stunden für eine Strecke von zweimal 7km), komme aber um den Genuss des hiesigen Studentenwohnheims herum. Mehr dazu später. Für viele Familien ist so ein ausländischer Untermieter eine sehr willkommene Einnahmequelle, allerdings ist die Vermietung von Zimmern ohne staatliche Genehmigung illegal und mit hohen Strafen belegt. Nur Personen von gutem gesellschaftlichem Stand können sich dieses Vergnügen ohne Parteigenehmigung leisten. Für eine staatliche Unterkunft bezahlt man mehr als für ein Zimmer in Berlin.

Im Folgenden die Herausforderungen, die ich während meinen ersten Wochen Kuba als größten Kraftakt empfunden habe.

Lektion 1:Warten!

Ich habe noch nie so viel Zeit mit Warten verbracht wie hier! Man muss überall warten und immerzu. Am Bus, in der Bank, im „Supermarkt“, beim Essen, bei Gesprächen mit Profs oder Verwaltungsangestellten. Eine Herausforderung für meine Geduld. Fast pathetisch wird dennoch überall gefragt: „El Ultimo?“ (der letzte?) um sich seinen genauen Platz in der Schlange für alle ersichtlich zu sichern. Das ist besonders dann lächerlich, wenn schon 150 Mann vor einem an der Bushaltestelle stehen und auf einen fahrbaren Untersatz warten. Kommt der Bus dann angerollt, kommen sonst schon vergessene Urinstinkte zum Vorschein und die kräftigsten und größten Jungs drängeln sich nach vorne durch. Gern wird auch gebissen, geschubst, getreten oder anderweitig nachgeholfen. Hauptsache man ergattert einen der begehrten Sitzplätze.

Im Büro für Internationale Beziehungen habe ich meinen Studentenausweis beantragt. Gleich am ersten Montag schickte mich die Frau über den kompletten Campus, damit ich mir alle Dokumente, Photos etc. besorgen könnte um den Ausweis Dienstag in die Bearbeitung geben zu können. Nachdem ich Alles besorgt hatte, stellte sich Dienstag heraus, dass auf einem Formular die Namen und Angaben meiner Eltern fehlten. Das Ausfüllen exakt dieses Formulars ist allerdings das Einzige, was die gute Frau den lieben langen Tag lang macht. Der weiterführende Bearbeiter ist nur montags und dienstags in der Uni, damit müsse die restliche Bearbeitung bis nächste Woche warten. Auch nach 6 Wochen habe ich noch keinen Studentenausweis.

Lektion 2: Regeln akzeptieren!

Im eben erwähnten Büro fragte die Frau wiederholt eindringlich nach meinem Aufenthaltsort. Mit der Antwort, dass ich bei einer befreundeten Familie in der Stadt wohnen würde, gab sie sich nicht zufrieden. Laut des Abkommens unserer Universitäten wäre ich verpflichtet im Uni-Wohnheim zu schlafen, das wäre immerhin auch umsonst. Gut, denke ich, dann werde ich mich offiziell dort anmelden, vielleicht tut sich ja damit auch eine zweite Schlafgelegenheit auf dem Campus auf. Mit einem blöden Schreiben warte ich darauf, dass die Assistentin eines Profs von der Mittagspause wiederkommt, um mit ihr einige Kursdetails zu besprechen. Als ich vom Warten die Nase voll habe und zur nächsten Person im Wohnheim gehe, ist diese bereits nach Hause gegangen. Am letzten Tag der ersten Woche ist es dann soweit, ich bekomme meinen Schlüssel für ein 10-Mann Zimmer im Studentenwohnheim. Derzeit sei ich wohl der Einzige im „Zimmer für Westeuropäer“, die beiden Franzosen, die bis vor Kurzem noch hier wohnten, haben die Flucht ergriffen. Die Frau zeigt mich durch das Zimmer. Doppelstockbetten, wie man sie aus dem Kinderferienlager kennt, mit Presspappe als Unterlage. Schränke gibt es nicht, dafür aber ein „eigenes“ Bad (meint: nicht das Gruppenklo im Flur). Die Frau, ihr Name ist Julia, wiederholt ständig, dass die Umstände hier nicht die besten seien, man gebe aber, was man könne. Und immerhin sei ja alles umsonst. Im Bad angekommen, begrüßen mich im Klo schwimmend die fauligen Überreste der Franzosen. Ach ja, Wasser gibt es diese Woche nicht. Sonst eigentlich auch nicht, wie ich mittlerweile weiß. Die zweite Uni-Woche fand wegen Wasserausfällen gar nicht erst statt. Der Strom fällt leider auch oft aus. Bei genauer Betrachtung des Elends in der Toilette bemerke ich, dass mich da zwei Augen anstarren. Erst dachte ich an Ratten, dass wäre deckungsgleich gewesen mit dem, was in meinem Studentenführer stand. War dann aber doch nur eine harmlose fette Kröte. Julia meinte, die Mädchen hätten oft Angst vor denen, aber die Jungs würden sie dann einfach aus dem Fenster werfen. Bei der Überlegung, wie man diese Kröte aus dem Klo, geschweige denn aus dem Fenster bekommen sollte, wurde mir übel. Naja, jedenfalls wohne ich jetzt offiziell im Wohnheim.

Lektion 3: Essen ist Triebbefriedigung!

In meinem Führer steht: „Das Essen ist schlecht, aber billig.“ Ich finde, dass ist geschmeichelt. Das Attribut „scheiße“ trifft den Charakter des Essens schon eher. Meiner Meinung nach war das Essen in Kolumbien schon ziemlich eintönig und übel, allerdings konnte man für europäische Preise auch vernünftiges Essen bekommen, war also alles eine Frage der persönlichen Kompromissbereitschaft. Das ist hier nicht der Fall, da nutzen auch die Devisen nicht viel. In den öffentlichen Gaststätten gibt es vor Fett triefende Pizzen belegt mit Käse oder Zwiebeln und Reis mit Bohnen, ggf. ein Stück Fleisch, bei dessen Anblick man freiwillig zum Vegetarismus übertritt. Mein Körper hat nach den ersten Tagen mit einer Selbstreinigung begonnen und gab jegliche Lebensmittel recht schnell wieder frei. Hunger hab ich nicht mehr. Von dem Assistenten einer Professorin aus Deutschland bekomme ich eine Portion Zwieback und einige Arzneimittel gegen Magenbeschwerden. Billig ist das Essen jedenfalls, so viel stimmt.

Zur allgemeinen Situation Kubas kann ich noch nicht viel sagen. Ich freue mich auf die Gespräche mit Einheimischen, hatte aber schon bei den ersten Treffen das Gefühl, dass über viele Dinge nicht offen gesprochen wird. Zwei andere Deutsche arbeiten derzeit in einem Entwicklungsprojekt (ASA) in Santa Clara in einem Marginalviertel am Stadtrand. Einer ihrer ambitionierten Partner wollte im örtlichen Forschungsinstitut eine Studienarbeit zum Thema „Armut in Santa Clara“ schreiben. Dies war nach Absprache mit den ansässigen Verantwortlichen nicht möglich. In Kuba gibt es keine Armut! Sollte er das Thema bearbeiten wollen, dann wenigstens nicht so, dass das Wort Armut in der Überschrift vorkommt. Themen wie Medienmanipulation, Arbeitslosigkeit und Rassismus sind auf jeden Fall brandheiß und existent, darüber werde ich demnächst hoffentlich mehr erfahren.

Beim Schlendern durch die Stadt treffe ich auf einen Mann Mitte 40. Er heißt Ernesto und irgendwie kommen wir ins Gespräch. Wir setzen uns im Stadtpark auf eine Bank und er erzählt mir von sich. Er wohnt in einem Viertel etwas außerhalb der Stadt und arbeitet in einer Bäckerei. 72 Stunden in der Woche für 200 kubanische Pesos monatlich, das sind 8 Dollar. Er hat eine Frau und eine Tochter, seine zweite Tochter ist vor einigen Jahren gestorben. Ernesto wirkt abgemagert. Meine Einladung auf ein Getränk lehnt er ab. Seine Schuhe sind zerfetzt und die Hose ist schlammig, in seinem Viertel gibt es kein Abwassersystem. Immer wieder murmelt er, dass es nicht leicht sei, das Leben hier (was nebenbei der O-Ton bei allen Gesprächen ist und irgendwie für die derzeitige Geisteshaltung der Kubaner spricht). Er fragt mich, was dieser Sozialismus soll, wenn er sich das Paar Schuhe für 4 Dollar nicht leisten könne. Für eine Mindestversorgung der Bevölkerung sorgt derzeit noch immer der Staat, in so genannten „Librettas“, Lebensmittelheftchen, wird Buch geführt über die erhaltenen Güter. Dass diese Lebensmittel eine hinreichende Versorgung nicht gewährleisten, sieht man Ernesto an.

Um diesen Rundbrief nicht nur beladen mit negativen Erfahrungen zu veröffentlichen, sei gesagt, dass viele der Kubaner, die ich treffe, wirklich nett und hilfsbereit sind. Die Studenten sind mir gegenüber sehr aufgeschlossen und einige haben mich gleich in den ersten Tagen gebeten ihnen etwas Deutsch-Unterricht zu geben. Meine Gastfamilie gibt sich größte Mühe mir alle Wünsche von den Augen abzulesen und auch die abendlichen Salsa-Konzerte im Park sind durchaus angenehm.

Kuba, La Habana: BMW’s und 50er Jahre Cheverolets, Peso Nacional und Peso Convertible und eine Spritztour durch die Stadt

La Habana: Auf meinem Flug hierher war ich umgeben von venezolanischen Stipendiaten, die gerade auf dem Weg waren ihr Medizinstudium in Havanna fortzusetzen. Ich wohne (illegal) bei einer älteren Frau, die mir Freunde in Bogotá empfohlen haben. Der Unterschied zu Kolumbien ist schon groß. Während man dort wirklich kaum Entbehrungen hinnehmen musste, wird man hier gleich in den ersten Tagen mit einigen erheblichen Veränderungen konfrontiert.

Am Flughafen trifft man sofort auf Reisekommerz, schöne neue Taxis (meist deutsche Autos) fahren die Touris zu zünftigen Preisen in die Stadt. Auf den Straßen und in der Stadt bietet sich ein gemischtes Bild von moderner Gesellschaft und totalem Rückschritt. Vor den Hotels parken 5er BMWs und E-Klassen, während sich die Bevölkerung mit 50er Jahre Cheverolets und rostigen Bussen fortbewegt. Diese sind für Touristen verboten.

Das Haus, in dem ich wohne ist einfach. Aus dem Wasserhahn tropft ein Rinnsal. Warmes Wasser gibt es schon seit Berlin nicht mehr. Im Kühlschrank gibt es keine Marmelade, keinen Käse, keine Wurst. Ich gehe mit Frau Hernandez zum Kiosk um die Ecke. Dort kaufe ich Milchpulver für Instant-Milch, trockenes Brot und eine Packung Ostsee-Butter (keine Ahnung, wieso die ausgerechnet hier gelandet ist).

Es gibt 2 Währungen auf Cuba, den Peso Nacional und den Peso Convertible. Touris bezahlen grundsätzlich alles in Peso Convertible, der steht derzeit ziemlich mittig zwischen Dollar und Euro, man bezahlt also quasi eins zu eins. Für meine Notration bezahle ich 7 Peso Convertible. Teuer! Interessant wird es, wenn man Peso Nacional eintauscht und feststellt, dass man damit quasi Nichts bekommt. Umberto, der Sohn von Frau Hernandez, erzählt mir, dass man mit dem Geld für Kubaner eigentlich nur noch Obst und Fahrkarten kaufen kann, der Rest wird auch von ihnen in Peso Convertible bezahlt. Da aber alle Kubaner in der Nationalwährung bezahlt werden, müssen sie den Convertible teuer eintauschen. Das heißt, auch Frau Hernandez hätte für diesen winzigen Einkauf 7 Euro bezahlt. Das erklärt vielleicht den leeren Kühlschrank.

Im Haus wirkt irgendwie alles geflickt. Die Lampen haben Wackelkontakte, die Ventilatoren klappern laut. Umberto legt mir ein T-Shirt auf den Tisch und fragt, ob ich es nicht tauschen wolle. Warum nicht?! Bei einer Spritztour durch die Stadt zeigt er mir das alte Havanna. Tolle Innenstadt, viele alte Kolonialbauten, alles schön und restauriert, mitten in der Innenstadt üben Pioniere das Marschieren – ich bin schwer beeindruckt. Dabei erzählt mir Umberto (der Sohn von Frau Hernandez), dass in diesem Land eigentlich Alles verboten sei. Was das genau heißt, werde ich hoffentlich in den nächsten Monaten erfahren.

Salsa, Zivilgesellschaft, MG’s in Bogotá, Genossenschaften in Medellin, Friedensgemeinde in San José und Relaxen in Trigaba

Bogotá liegt in den Anden auf etwa 2000m Höhe und hat etwa 7 Mio. Einwohner. Diese Stadt ist eine moderne Metropole, die jeder anderen Weltstadt in nichts nachsteht (naja, es gibt keine U-Bahn ;-)). Das Erste, was einem auffällt, wenn man sich in der Stadt aufhält, sind die Polizei- bzw. Militärwachen, die wirklich an jeder Ecke stehen. Junge Männer in meinem Alter (wahrscheinlich meist etwas jünger) mit riesigen Maschinengewehren. Schon einschüchternd. In den ersten Tagen besuchten wir die Universidad Nacional und einige der Museen Bogotás (Goldmuseum, Botero). Wir waren auch auf einer Veranstaltung namens Lucha Libre (Übersetzung: freier Kampf), so eine Art Ringen, bei dem alle Teilnehmer dämliche Masken tragen und eigentlich alles nur einstudiert ist und wenig frei. Die erste halbe Stunde war sehr amüsant, danach fragt man sich nur noch, warum sich Menschen dafür begeistern können. Die ersten Salsastunden bekamen wir beim Ausgehen auch recht zügig. Höhepunkte des Besuchs in Bogotá waren Ausflüge in die Stadtteile Usme und die Cuidad Bolivar, beide ihres Zeichens Marginalviertel, in denen eher sozial schwächere Bewohner der Stadt anzutreffen sind. In Usme wurden wir zu einer Rancha geführt. Sehr ländlich wurde dort Vieh gehalten. Leben dort schien zeitversetzt, nur eben schaute man beim abendlichen Bier von den Bergen aus auf das Lichtermeer Bogotás. Die Cuidad Bolivar erkundeten wir mit Hilfe eines Bekannten, dieser arbeitet vor Ort in einer Stiftung, die Projekte mit Kindern und Jugendlichen organisiert. Ziel: Bildung einer Zivilgesellschaft. Dass das manchmal schwierig ist, zeigt der Fakt, dass einige der Lehrer und Leiter auf Grund ihrer kritischen Lehrinhalte schon ermordet wurden.

Von Bogotá aus machten wir uns auf den Weg nach Medellin, diese Stadt erlangte in den 80er Jahren Berühmtheit als Heimatstadt des Drogenkartells von Pablo Escobar. Bis Anfang der 90er Jahre galt sie als gefährlichste Stadt Südamerikas gemessen an der hiesigen Mordrate. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Nur die großen Fincas der ehemaligen Drogenbarone der Stadt erinnern heute noch an diese Zeit, die Besitzer haben allerdings längst die Hände gewechselt. Ein anderes Überbleibsel ist die ausgedehnte Rotlichtszene, in deren Mitte sich unser Hotel befand. Gleich ganze Familien schlafen dort nachts auf der Strasse. Im Eingang des Hotelfoyers stand ein Mann mit Skimaske und einem Schlagstock. Medellin genießt ebenfalls den Ruf als „Stadt des ewigen Frühlings“. Das Klima war im Gegensatz zu Bogotá recht angenehm. Die Tage vor Ort hatten wir einen Stadtführer, einen Mitarbeiter einer der größten Genossenschaften Medellins. Interessantes Phänomen: Kleinunternehmer schließen sich zu Genossenschaften zusammen um so Resourcen zu poolen und Risiken zu mindern. Die Taxifahrer beispielsweise können innerhalb dieser Genossenschaften entscheiden, wie ihre Beiträge verwendet werden, welche Projekte gefördert, welche Kredite vergeben werden. Im Falle von Reparaturen kümmert sich die Genossenschaft um die Instandsetzung. Das passiert, weil der öffentliche Kreditmarkt für diese Personen nicht zugänglich ist. Zurück zu Medellin. In Medellin gibt es das erste S-Bahnnetz Kolumbiens. Das hat rund 80 Mio. Pesos gekostet, allerdings nur, weil das Projekt 3mal gestartet werden musste. Die ersten beiden Male sind wichtige Entscheidungsträger mit dem Geld durchgebrannt. Interessant in diesen Großstädten ist außerdem, dass man sich ohne Probleme in europäischen Verhältnissen bewegen könnte, wenn man wollte. In jeder Stadt gibt es eine Zona Rosa, so eine Art Spaß-Viertel, in dem uns bekannten Ketten ihre Vertriebspunkte haben oder Restaurants und Clubs dem europäischen oder amerikanischen Zeitgeist hinterher rennen. Dort bewegt sich in der Regel die Oberschicht der Stadt.

Auf dem Weg in den Norden zur Karibikküste Kolumbiens machten wir einen letzten Halt in der Friedensgemeinde San José. Die oben erwähnte Militärpräsenz in Bogotá sowie im ganzen Land lässt sich erklären durch anhaltende Kämpfe zwischen Guerilla, Militärs und Paramilitärs. Um ehrlich zu sein, bin ich bis an’s Ende der Reise nicht ganz dahinter gestiegen, warum wer gegen wen kämpft. Dies würde wahrscheinlich wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Fest steht, dass diese Friedensgemeinde mit derzeit etwa 200 Bewohnern keine Autoritäten auf ihrem Gelände duldet. Dies führt natürlich dazu, dass die gewaltbereiten Truppen eine Zusammenarbeit mit der jeweils anderen Partei befürchten. Im letzten Jahr sind etwa 10% der Bevölkerung der Gemeinde durch Massaker und Morde gestorben. Wir fuhren mit Jeeps zu dem Gelände, welches derzeit einen Stützpunkt der Peace Brigades International beherbergt. Wir hatten uns vorher mit den Leuten vor Ort verständigt und so die Sicherheitslage oder etwaige Anfahrtsschwierigkeiten mit ihnen besprochen. Die beiden Mitarbeiter von den Peace Brigades stellten uns den Dorfbewohnern vor und erklärten uns ihre Aufgaben in der Gemeinde. Die Gemeinde war beeinruckend. Überall rannten Hühner, Schweine, Katzen und Hunde durch die Gegend. Zwischen Ihnen spielten Kinder. Eine ärztliche Versorgung gibt es nicht. Die Eltern geben den Unterricht in der Schule. Alles wirkte unheimlich idyllisch und friedlich. Doch unmittelbar im Dorf nebenan wurde von der kolumbianischen Regierung eine Militärbasis errichtet, so dass es von bewaffneten Soldaten außerhalb des Geländes nur so wimmelte. Die Leute aus der Gemeinde berichteten, dass es vor einiger Zeit in dem benachbarten Dorf einen Angriff der Paramilitärs gegeben hat, bei denen u.a. 20 Häuser in Brand gesetzt wurden. Nach dem Abzug der Paramilitärs erschienen dieselben Leute in Militäruniform und halfen beim Löschen. Solche Geschichten tragen zum Unverständnis der Lage vor Ort bei und erklären trotzdem ganz gut, warum sich solch eine Gemeinde bildet. Wir wurden mit viel Gastfreundlichkeit empfangen und das Interesse Außenstehender wurde begrüßt.

Der letzte Tag sollte etwas zur Entspannung dienen. Etwas weiter im Norden nahmen wir ein Schnellboot an einen abgelegenen Strand namens Trigaba. Als wir dort ankamen, fühlte ich mich etwas wie im Film „Die blaue Lagune“. In der ganzen Bucht gab es 4 oder 5 Häuser, die normalerweise schon als Hotels dienen, die aber zum Zeitpunkt unserer Anreise völlig leer standen. Bei einer älteren Frau, die ein bisschen die Rolle der guten Omi übernahm, kamen wir unter. Regenwald, Papageien, ein altes Fischerboot in der Bucht, ein Wrack, das vor wenigen Monaten erst gesunken war, Geckos an den Wänden unserer Hütte – Wahnsinn! Wir waren tatsächlich die einzigen Besucher. Wir wurden mit leckeren Meeresfrüchten versorgt, schnorchelten um das Wrack, lagen faul am Strand, tranken Bier und spielten Skat. Die Fischer des Bootes luden uns schließlich auch noch ein und schenkten uns riesige Muscheln, die sie beim letzten Fang mit im Netz hatten. Schade, dass wir nicht mehr Zeit hatten 🙁

Die Rückreise nach Bogotá dauerte mehr als 24 Stunden. Alle Busfahrten waren für mich mehr als unangenehm. Eine vernünftige Infrastruktur gibt es in Kolumbien nicht. Bedingt durch die Anden sind die meisten Strassen Serpentinstrassen und oft gibt es keinen Asphalt. Ich glaube fest, dass die Busfahrten die gefährlichsten Aktionen waren, die wir in diesem Land unternommen haben.