Die Russen kommen (Teil 1)

 

Nationalismus ist nicht das Erwachen des Selbstbewußtseins von Nationen:

Er erfindet Nationen, wo sie nicht existieren.“

Du hast gekocht als würden die Russen kommen!“

 

Du hast gekocht als würden die Russen kommen!

 

Russen, was für Russen? Wo kommen die her? Wieviele? Was wollen die hier? Und wie lange wollen die hier übernachten? Was für Russen?

Jan, mein Freund …

Was für Russen, Kommode?

Armee.

Was, zum Übernachten? Du hast einen Haufen Russen eingeladen. Wo sollen die denn schlafen?

Jan, die Russen stehen vor Berlin.

Haha witzig, wie die Türken vor Wien, ja!

Nein, nicht wie Türken. Türken mit Pferden und kamen über Balkan. Russen haben Panzer und kommen durch Polen.

Polen, Polen, Kommode? Mit dem Zug oder mit dem Bus aus Polen, und wieviele, verdammt nochmal?!

Ich weiß nicht. Noch nicht. Vielleicht zehn Divisionen von Armee, kann man nicht sagen. Eine ganze Front von Armee, vielleicht mehr. Hier, du kannst sehen.

Kommode drehte einen seiner drei Bildschirme in meine Richtung. Darauf war ein grünlich blaues Satellitenbild zu sehen, auf dem sich vage die Umrisse der Ostsee abzeichneten. Mit der Maus zoomte er tiefer, biß man einzelne Felder und Straßen erkennen konnte. Auf einigen waren kleine Kästchen zu sehen, wie viereckige Ameisen.

Siehst du, Armeefront, viele Panzer. Das ist Bild von heute nachmittag, viertel nach drei.

Woher hast du das denn?

Alter Sattelit von NASA aus Siebziger Jahren. Alt, ohne Benzin. Kann nur fliegen über Europa; wie sagt man in Deutsch? Ist fest über der Erde.

Geostationär?

Ja. Und es gibt auch Bilder von Wettersatellit. Auch sehr alt. Ich habe gutes Login von der Universität von Budapest. Hier kannst du sehen Bilder von später, sechs Uhr dreißig.

Er zoomte wieder ein Stück zurück, bewegte die Karte etwas nach links, und zoomte wieder rein. Dann ließ er die Bilder von vorher und nachher hin und her springen. Die Kästchen hüpften von rechts nach links. Kommode drückte Menübefehle. Eine gezackte rote Linie erschien im Bild links.

Das ist Grenze von Deutschland und Polen. Und hier mit diese Platscharis, die Flecken, kannst du sehen die Bewegung?

Ja, und? Die Russen machen ein Herbstmanöver, oder vielleicht die Polen. Oder das sind gar keine Panzer, sondern Schwertransporter, Laster. Vielleicht reparieren sie auch ein paar Straßen auf einmal und das sind Baumaschinen. So viele Panzer gibt es doch gar nicht. Schon gar nicht in Polen.

Sehr richtig, mein Freund. Es gibt nicht, deshalb Russen. Und es ist total wahr: Polen und Russen haben gemacht ein Manöver in Schlesien, Westen von Krakau.

Er drückte noch einen Menüknopf mit der Maus. Ein Teppich kleiner, roter Punkte mit Beschriftungen erschien auf der Karte.

Jan, hier ist Frankfurt an der Oder, achtzig Kilometer von Berlin. Und kannst du sehen hier, lange, lange Schlange ist vor der Brücke über Fluß Oder. Ja, Jan, kannst du sehen? Die Russen kommen mit Panzern.

Erstmal das Grinsen unterdrücken. Die Kommode-Show wird immer besser. Keiner kann ernster aussehen als er, wenn er dir Quatsch erzählt. unbedingt mitmachen, bis er alle Register gezogen hat. Es gibt so oder so nichts mehr zu lachen in der Wohnung und er hat sich so viel Mühe gemacht mit den Bildern. Moment, wo ist mein ernstes Gesicht?

Kommode, das geht gar nicht. Das können nicht die Russen sein. Das würde doch einer merken. Ich meine, es gibt doch richtige Satelliten, und so. Die Amis, die NATO. Und da leben doch auch Leute, drüben in Frankfurt. Die müssen doch was sagen, wenn da plötzlich so viele Panzer angerollt kämen. Das ist ein Witz. Irgendwer hat sich da eingehackt und spielt jetzt dritten Weltkrieg mit Pixeln auf Landkarten. Kommode, ich sage es ungern, aber das kann ich nicht ernst nehmen.

Doch, doch, Jan. Hier ist Blog von Polen in der Nähe von Grenze. Er schreibt, dass er Panzer gesehen hat. Stehen vor Haustür bei ihm in der Straße. Das ist sehr, sehr richtig, mein Freund. Russen sind auf der Straße nach Berlin, morgen hier.

Nee, echt. Is' bestimmt Teil von dem Manöver. Vielleicht haben sie sich auch verfahren, oder es sind doch die Polen. Kommode, die russische Armee und die Panzer und so, die können nicht hierher kommen. Das ist total crazy. Echt geile Idee. Und schöne Bilder, gut gemacht. Echt crazy.

Hm, ja. Crazy.

Naja egal, wenigstens kriegen wir nicht auch noch Besuch die nächsten Tage. Ist so schon schlimm genug alles hier. Und wenn die Russen doch kommen, dann können sie ja bei Georg im Zimmer schlafen.

Sehr witzig. Sieh mich lachen: Haha, hoho. Du wirst sehen, Jan. Fast sind Russen da.

Schon klar, Kommode. Hoffentlich haben sie genug zu Essen dabei. Ich geh dann mal wieder, Kommode. Kannst du vielleicht die Müllsäcke runterbringen morgen?

Hm.

Danke. Bis morgen. Gute Nacht, Kommode.

Hm.

Flurbereinigt

Ich rannte nach Hause. Meine Biostofftaschen klatschten mir gegen die Beine. Hoffentlich platzt die Milch nicht. Eigentlich gab es keinen Anlaß zu rennen, aber die Räder auf den Hochbahnschienen hatten den gleichen Krach gemacht, der mich zuhause erwartete. Schnell jetzt. Es ging die Treppe hoch wie hundert Meter Hürden und Tütenweitwurf. Die Stufen knarzten und krachten wie ein Tieffliegerangriff auf eine Holzhandlung. Ab dem dritten Stock keuchte ich ungesund durch die staubige Hausluft. Auf unserem Absatz kam der heftige Dunst von fünf prall gefüllten gelben Säcken dazu. Hinter der Tür dann die richtig dicke Luft. Alle Zimmertüren waren zu und kein Laut zu hören.

Jemand hatte die Schuhe am Eingang zusammen sortiert und parallel ausgerichtet. Nicht gut. Vor dem Bad stand pointiert ein blitzender Putzeimer, so als wäre er nach besonders dreckigem Gebrauch mit einem frischen Lappen gewienert worden. Hier war ein grausames Ritual gefeiert worden und die Wunden der Opfer bluteten. Das frisch gespülte und abgetrocknete Geschirr roch nach Zitrusfrische aus der Küche bis in den Flur. Ich konnte die Marterschreie schon hören. Neben dem Telefon lag ein neues Blatt für die Abrechnung. Die Linien waren wie mit dem Rohrstock gezeichnet. Dann der Todesst0ß. Hinter dem Putzeimer stand eine Sprühflasche Fensterglasreiniger mit der Verschlußkappe auf scharfem Strahl. Daneben lagen zwei Putzschwämme parallel ausgerichtet – einer mit dem Wort „Toilette“ darauf – und davor im rechten Winkel ein Filzschreiber. Aus, aus, aus. Das war's. Ein einsames Staubkorn tanzte unter der unsichtbaren Oberlichtscheibe hindurch. Nichts rührte sich in den sechs Zimmern des Ganges, die zusammen heute morgen noch eine WG waren, aber jetzt eine multiple Single-Wohnung mit bewegter Vergangenheit.

Ich brachte erst mal mit verrenkten Füßen die Einkäufe in die Küche, ohne mit den Schuhsohlen den frisch gewischten Boden ganz zu berühren. Die Fächer für die Vorräte hatten kleine Schildchen dran, aber ich wußte wie immer nicht, ob ich den Reis unter „Stärke“ oder „Ballaststoffe“ einordnen sollte. Neben Georgs Vorstellungen von Ordnung war das bürgerliche Recht der alten Römer eine Kinderladenselbstverpflichtung. Die Taschen flogen erstmal hinter die Kammertür. Da waren nur schon die drei Stiegen Kaiserpils gestapelt, die eigentlich neben die Badewanne, unter die Klo-Comics gehört hätten. Aber Lebensmittel im Badezimmer waren ja unhygienisch in Georgs blitzender Welt, die er gnädig mit uns teilte. Dagegen lehnte sich prall aber lässig ein blauer Müllsack, aus dem ein Handschuh und die Spitze von unserem schrottigen Regenschirm herausragten. Die Wohngemeinschaft war fertig, total durch, am Arsch. Alles sauber und deswegen am Ende. Wo könnte man jetzt auf die Schnelle neue Leute herbekommen? Eigentlich könnte das Georg gleich mit übernehmen, wenn er sich nach stundenlangem Putzdruckablassen noch bewegen kann. Wo war Georg? Georg mußte jetzt ran, nach der aseptischen Wüste von einer ehemaligen WG die er hier fabriziert hat. Mal klopfen. Als ich die Türe aufzog brachen alle Dämme.

Du Georg, hi …

Gut das du endlich irgendwoher kommst. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los war, was ich hier durchgemacht habe. Es war furchtbar. Es war unmöglich. Es war entwürdigend. Ich, ja ich, habe den ganzen Tag damit verbracht, hier ein bißchen Ordnung zu machen. Irgendwer mußte ja mal irgendwas tun. Und dann, und dann, dann kommt diese, diese, also irgendeine diese … also Tania, sie kommt nach hause und sagt zu mir, sagt zu mir dass …

Georg, wo ist Tania?

Das ist mir scheißegal wo diese Person ist. Irgendwie scheißegal, sag ich dir. Und die anderen sind mir auch scheißegal. Und du kannst dieser Schaluppe sagen, sagen kannst du ihr… Irgendwas!

Eine Tür am anderen Ende des Ganges flog auf und ein Block von einer Frau stampfte auf den Flur.

Was kannst du wem sagen, du mieser kleiner Pseudoschwuler. Du verdammter Korinthenkacker. Was soll die Scheiße mit dem Putzwasser und der Tür heute, du kleiner …

Die Tür vorne rechts öffnete sich und Katharina Maria Christina Elena kam heraus.

Ich kann nicht verstehen, wie ihr könnt schreien, dass ich kann nicht hören, was ich muß arbeiten. Könnt ihr nicht leise sein, wie man braucht, für arbeiten.

Halt dein dummes Maul, du dumme Schlampe!

Georg!

Georg, das kannst du nicht machen.

Ist mir scheißegal, ich hab den ganzen Tag geputzt und keiner hat…

In diesem Moment überschlug sich seine Stimme und er kiekste ein paar mal. Katharina schüttelte ihre blonden Haare, das die Silberohrringe glitzerten, aber Georg hatte sich schon wieder gefangen, bevor sie etwas sagen konnte.

Überhaupt keiner hat es irgendwie gewürdigt.

Es herrschte lange genug Ruhe damit alle über das Wort „Würde“ im Zusammenhang mit Georg nachdenken können. Da würde ich mal sagen:

Georg beruhige dich!

Am Ende des Flurs klickte eine dritte Tür einen Spaltbreit auf, als sich Katharinas volle Figur in Position warf.

Georg, ich finde, du mußt anderen Ton finden zu reden mit Leuten. In Polen …

Ich will es nicht hören! Ich habe letzte Woche extra einen Zettel neben das Telefon gelegt und keiner hat was gesagt und keiner hat sich blicken lassen. Keiner! Und dann hab ich heute auch noch die Fenster geputzt, obwohl ich gar nicht dran wäre bis übernächsten Monat.

Tanias Stirn verfinstert sich wie das Harzgewitter, unter dem sie geboren ist.

Und dann hast du, verdammt noch mal, Wasser unter meiner Tür durchgeschüttet, damit ich mich auf die Fresse lege, wenn ich nach Hause komme.

Hab ich nicht.

Doch hast du, da iss'en Riesenfleck jetzt.

Ja, wenn du mal selber deine Bude aufräumen würdest. Und überhaupt tropft bei dir doch eh ständig Schweiß auf die guten Dielen. Wie wir das wieder wegbekommen sollen. Das gibt doch Stellen! Wie sollen wir da unsere Kaution wieder bekommen, wenn wir hier rausmüssen?

Was geht dich das denn an? Jan, erklär mir, warum ihn das was angeht. Oder geht ihn das was an, mein Boden, oder wie oder was? Du verdammte Stewardess!

Hach! Hörst du das? Sie hat mich Stewardess genannt. Du bist so eine, irgendwie, du bist so eine Obelixschwester!

WAAASS, ich bin nicht dick, du magersüchtige Marketingschwuchtel, und auch keine beschissene …

Leute, bitte!

Die Tür gegenüber von Georgs Zimmer ging auf. Achim der Expunk, in seinen Arbeitsklamotten, Anzug, Krawatte, schwarze Lackschuhe, kam heraus, mit einer großen Papiertüte in der Hand. Seine Augen sahen aus, als wollten sie auf die eigenen Kontaktlinsen fokussieren. Er latschte die vier Schritte bis zur Badtür, schwenkte sie auf, schlurfte rein und zog sie ungerührt von innen wieder zu. Vier Augenpaare folgten ihm ungläubig, um dann zum Thema zurückzurucken.

Jan, jetzt sag doch auch mal was.

Also ich …

Jan!

Ja, Katharina?

Ich kann nicht so machen. Ich werde ausziehen hier, diesen Sonntag. Ich gehe nach Charlottenburg.

Die spaltoffene Tür am Ende des Flures krachte zu. Katharinas Tür machte es ihr nach.

Willkommen bei uns. Das Problem ist nicht, dass wir eine schlechte WG wären; oder dass wir nicht zusammen wohnen wollen mit anderen Leuten. Das Problem sind nicht die leeren Versprechungen, die endlosen Spülplangespräche, die heftige Enttäuschung vager Erwartungen oder das nur halbherzige Einfangen wild gewordener Gefühle. Hier ist es nicht wie bei den Altkommunarden ohne emotionale Intelligenz und Geschlechterkompetenz. Auch das Putzproblem wird, selbst mit Georg als Mitbewohner, maßlos überschätzt. Tödlich ist nur, dass wir alle sonst nichts zu tun haben, außer uns sanft und milde scheiße zu finden.

Das hinter der Tür war Kommode. Keine Ahnung, wie er sonst wirklich heißt. Auf seinem Untermietvertrag steht etwas unlesbares Ungarisches, aber unterschrieben hat er mit „Kommode“. Kennt ihr Geschichte von Mann der gebaut ist wie Schrank? Bin ich auch, nur kleiner. Er kommt aus Budapest, ist für ein Jahr in Wien zur Schule gegangen und spricht Deutsch wie ein Kaiserundkönigskind. Aber sehen und hören kann man ihn meißtens nur, wenn man ihn in seinem Kabelsalat aufsucht. Draußen bewegt er sich nur, wenn er dem Pizzamann aufmacht, oder zum Elektronikladen gehen muß. Und man sieht ihn nie, nie und selten auch manchmal gar nicht wenn Katharina-Maria in der Nähe ist. Am Anfang haben wir ja alle gedacht, er könnte sie nicht riechen – Konkurrenz ehemals kommunistischer Länder und so. Stalinismusopferwettkampf. Aber das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur riecht er sie, er schmeckt, fühlt und weiß alles über unsere Miss Krakau mit den spitzen weißen Schuhen. Keine Ahnung, wie er das macht, wenn sie eigentlich nie zusammen in einem Raum sind, aber Türspalte, Spiegel und die kleine Kamera, die wir beim Streichen vor Weihnachten gefunden haben, scheinen eine Rolle zu spielen. An der Rückseite seiner Zimmertür hängt jedenfalls ein Zeitplan, auf dem in verschiedenen Farben Jazz-Dance Kurse, Frisörtermine und Beichtstunden eingetragen sind. Es kann natürlich sein, das das so was wie sein heimliches Fantasieleben ist, das er nur nicht schafft einzuhalten, solange er noch wie eine kurzrasierte Kartoffel auf zwei Beinen aussieht und von Jedi-Kräften träumt, die man mit selbstgebauten Antennen auffangen kann. Bisher hat sich noch keiner getraut ihn zu fragen. Aber alles zusammengenommen gehört Kommode auf die gute Seite der Macht. Er ist der einzige, der mit Achim klar zukommen scheint. Jedenfalls reden die beiden gelegentlich auf dem Flur; am ersten Wochenende im Monat, wenn alle guten polnischen Töchter zu ihren Eltern fahren und die freie Wildbahn außerhalb seines Zimmers nicht begegnungsgefährdet ist. Dann sprechen er und Achim manchmal vor meiner Zimmertür über Halbleitertechnik, obwohl es dem formelsurrenden Klang nach auch Raketenforschung sein könnte, oder Linux.

Leck mich, Jan!

Hä, was?

Leck mich sonstwo, er will es nicht kapieren. Die alte Pseudotucke rafft es nicht. Es ist vielleicht meine Sache, ob ich beim Gewichtheben mir ordentlich die Suppe läuft und davon was auf den Boden tropft. Was geht den das an? Das ist Biologie. Das sind Nachrichten ans andere Geschlecht. Und an das gleiche.

Tania kann lachen wie ein 500 Kubikzentimeter Motortopf der über den Parkettboden donnert. Sie hat wirklich mal einen reparaturbedürftiges Motorrad allein in den fünften Stock gewuchtet, aber Georg hat so ein Geschrei gemacht wegen Ölflecken, daß sie den Motor raus genommen hat, und den Feuerstuhl nur noch als Sofa benutzt.

Es ist ja nich' so, als ob ich es hinterher nicht wegwischen würde. Und überhaupt, Georg, bist du meine Mutter, oder meine Schnitte, dass du glaubst hier rumnölen zu können.

Ja, äh, klar, Tania. Also Schorschi … bist du ihre Mutter?

Jan, also das war zuviel. Ihr glaubt zwar alle, dass mir das nicht wehtut, aber irgendwann kann ich auch nicht noch mehr Therapiestunden in der Woche machen, um eure miesen Beleidigungen irgendwie aufzufangen. Mir reicht's. Ab nächste Woche könnt ihr euch alleine einen putzenden Mann suchen. Das hat mit mir gar nicht mehr irgendwas zu tun.

Georg zog seine Tür leise hinter sich zu. Er schlägt keine Türen, wenn man mit stiller Grazie und einem abschätzigen Ganzkörperzucken nach hinten viel besser beleidigt sein kann. Die Tür ging aber noch wie in Zeitlupe kurz auf, für ein tiefstimmig vorgetragenes:

Und ich bin keine Schwuchtel, du Schlampe!

Das stimmt, Georg ist nicht schwul. Aber keiner glaubt es ihm. Er kann noch so oft irgendwelche Frauen anschleppen, zum Krafttraining gehen und das Bier faßweise in sich reinschütten. Die Leute nehmen nur an, dass er mit den Damen in seinem Zimmer Prosecco schlürft und ihnen Bilder zeigt, die er heimlich von den knackigen Kerlen im Studio gemacht hat. Ich weiß auch nicht woran das liegt. Manche Leute sind eben so. Dabei ist er eigentlich nur mit dem weiblichen Teil seiner Seele in harmonischer Ausgeglichenheit und Balance – wie ein Elefant und ein Wattebausch auf einer Balkenwaage. Aber er putzt gerne und gibt damit an. Vielleicht ist er doch schwul.

Tania, muß das sein? Haben wir das auch noch gebraucht?

Nee, was soll das denn jetzt heißen? Wir haben das Putztheater so sehr gebraucht wie noch eine WG-Konferenz, Jan. Das ist halt Georg, und das muß echt alles anders werden. Ich wollte es dir die ganze Zeit schon sagen, dass ich mich in der Szene umgehört habe, und ich glaube, dass Janine oder Willi, eine von denen, jetzt auch bald soweit sein wird. Dann suchen wir. Und wenn wir was gefunden haben, dann wirst du als erster was hören, versprochen.

Aha.

Ja, ich will sie jetzt eh gleich anrufen. Vielleicht war heute ja was dabei. Und mach mal die Telefonrechnung! Ich muß die letzten zwei Monate nachzahlen und jetzt kann es ja schnell gehen. Ich will hier nicht mit Schulden raus. Bis später Jan, ciao.

Ich wollte mich hinsetzen, am besten im Zimmer. Aber im Zimmer waren die Geschichtsstapel, da konnte man sich nicht ausruhen. Ich ging zu Kommode rüber und klopfte an Kommodes Tür, an der auf der Rückseite der Mädchenplaner hing.

Reinkommen!

Kommode schien heute noch mit keinem realen Menschen kommuniziert zu haben. Jedenfalls hat er den Pußta-und-Paprikaakzent nur, nachdem er länger kein Deutsch gesprochen hat. Eine Wiese aus kleinen Lämpchen blinkte fröhlich vor sich hin, am alten Laptop, am neuen Laptop, am Hauptdesktop, am Rendersklaven, am Haupt- und Nebendrucker, an den drei externen Festplatten, an den parallel geschalteten Monitoren, am alten und am kleinen Fernseher, an der Ergo-Tastatur und an der Zwanzigerstromsteckerleiste. Darüber rankten sich Kabellianen von einem Elektronikfelsen zum nächsten und rüber ans Fenster zur Antennenstange. Mitten drinnen in dem ganzen Gewirr ragte der warzige Joystick empor, der nicht blinkte. Dafür tat das der vieretagige Funkwecker neben der Luftmatratze an der anderen Wand.

Mein Freund, guten Tag. Die Russen kommen.

Ja klar. Deshalb mußt du jetzt auch ausziehen, wie alle Anderen. Georg und Tania und Katharina-Maria.

Ah, ich kann nicht verstehen, warum diese Frau etwas macht. Aber ich kann sagen, dass Georg sicherlich will ausziehen, weil er mehr Platz zum Putzen braucht.

Nur Kommode konnte so etwas sagen, ohne zu grinsen.

Und Tania, eine sehr starke Frau ist Tania. So, sie will ausziehen, weil sie ihre Schweiß lieber auf den Boden von ihrer Freundin tropfen lassen will.

Jetzt lachte er doch glucksend wie aufgewärmtes Gulasch. Ungarischer Humor ist zum Glück meißtens unübersetzbar. Besser nicht darüber nachdenken.

Ja ja, und, was wird mit uns? Wo sollen wir jetzt so viele neue Leute her bekommen?

Ich weiß nicht, mein Freund. Es wird alles so werden wie es wird.

Irgendwo in Ungarn hat es ein Kombinat gegeben, dass die Volksversorgung mit Lebensweisheiten sichergestellt hat. Nach der Wende wurde es privatisiert, billig von Investoren aus dem Westen gekauft und in den Konkurs geschickt. Seitdem wird in Ungarn wieder von Hand gearbeitet.

Katharina-Maria will auch ausziehen, Kommode.

Ja, du hast gesagt.

Ja, sicher. Du hast es bestimmt auch gehört.

Hm.

Egal. Ich geh dann mal rüber, Kommode. Wir sehen uns morgen.

Jan!

Ja?

Wegen der Telefonrechnung. Ich muß noch bezahlen zwei Monate. Willst du jetzt? Zeit für Abrechnung ist nah, und ich will nichts übrig lassen von diesem Leben.

Schon gut, Kommode. Ich mach das schon.

Nichts wie weg hier. Ich ging rüber in meine Büchertruhe. Wenn meine Zwischenprüfung eine unüberwindliche Mauer ist, dann sind die ganzen Bücherstapel die Wachttürme dazu. Und das Ganze bröckelt zwar mit jedem Semester mehr ab. Aber noch bewachten die Bauernkriege das Fenster. Der zweite Weltkrieg blockierte das Waschbecken. Die Frühantike hielt heroisch den Lattenrost vom Bett hoch, wenigstens an einer Ecke. Der Turm über das frühe Mittelalter und die Völkerwanderung war vor ein paar Tagen eingestürzt und lag wie drapiert neben dem Schreibtisch. Ein bißchen Staub marmorierte die Titelseiten. Alles zusammen faules und verfallenes Abendland bereit für den Hunneneinfall. Die demokratische Mehrheit im WG-Rat hatte meine Putzfrauenresolution abgeschmettert; Georg aus Prinzip und weil er es selber viel besser konnte, Tania wegen des Geldes und Katharina-Maria weil sie nicht wollte, dass eine andere Frau ihre Sachen durchwühlte. Ich hatte stundenlang argumentiert, dass man unter diesen Bedingungen nicht geistig arbeiten könne. Bei diesen Gegebenheiten kann doch kaum von einem erwartet werden, sinnvoll über das Historische-an-sich nachzudenken. Zur Sicherheit hatte ich noch ein dichtes Heideggerzitat nachgeschoben, das ich gerade im Seminar gehört hatte, was aber die Anderen, antiintellektuelles Berufsausbildungspack, nicht überzeugt hat. Heidegger, Prüfung, Mauer, Telefonrechnung, Völkerwanderung, Ausziehen. Diesmal schlug mal endlich so richtig eine Tür, als ich die von Kommode aufschmiss und durchkrachte wie vom römischen Katapult geschossen.

Russen! Was für Russen?

 

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Teil 1 des Romans: Die Russen kommen

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I love fake

I love fake. During my last trip to Vietnam and China I just realised how much I love fakes and copies. I find them funny and innovative. Shoes, shirts, pants, belts, caps, even computers and telephones.. People are so creative. Actually what I love most is not the real looking fake. I love the real fake be it “Erke”, “Adiboss” or “Nuvea”. I took these pics in Doha, Qatar on December 13.

Unfortunately they did not have my size!

adiboss in Doha, Qatar, December 2007
White Adiboss shoes with stripes in different colors

adiboss in Doha, Qatar, December 2007
Brownish Adiboss shoes

erke in Doha, Qatar, December 2007
Blue Erke in Doha

Der Karneval von Cienfuegos

Mitte November fand in der nach dem Revolutionär Camillo Cienfuegos benannten Stadt ein Karneval statt, der mich stark an Bilder erinnerte, die ich sonst nur von Reportagen aus Brasilien kannte. Prachtvoll gestaltete Wagen mit bunt kostümierten Tänzern und Tänzerinnen schoben sich an der karibischen Promenade der Stadt entlang. Zehntausende von Menschen wohnten dem Spektakel bei und verwandelten die kleine Hafenstadt in eine pulsierende Metropole. Auf riesigen Bühnen traten bekannte kubanische Bands auf und auf festlichen Umzügen präsentierten Künstler typisch kubanische Tänze. Der Staat lässt sich das kulturelle Leben auf der Insel Einiges kosten, auch in Santa Clara gibt es wöchentlich zwischen zwei und drei Konzerte, oft von international bekannten, kubanischen Größen. Das alles kostet die Kubaner nichts.

Das eigentlich prägende Erlebnis dieses Abends war der Versuch nach Hause zurückzukehren. Das wie immer defizitäre Verkehrswesen zeigte sich von seiner besten Seite und es gab für viele hundert Leute genau einen Zug nach Santa Clara gegen vier. Wohl wissend, was den Leuten bevorstünde, wenn sie diesen Zug nicht bekämen, brach die übliche Drängelei vor dem Kartenhäuschen aus. Eigentlich normal, denkt man sich. Nur an diesem Tag entschieden die Polizisten im Bahnhof, dass der Einsatz von Tränengas angebracht wäre. Dieses kam gleich mehrfach und völlig grundlos zum Einsatz. Keiner der vielen Passagiere verursachte Probleme, keiner schmiss Flaschen, niemand wurde verletzt, auch die Polizisten wurden nicht beleidigt. Wenig später verließ der Zug überfüllt wie immer den Bahnhof und ließ Massen von Studenten mit stark angeschwollenen Gesichtern zurück, die vor dem Bahnhofsgebäude versuchten sich die Reste der ätzenden Substanz aus dem Gesicht zu waschen. Auf meine Frage nach dem Grund dieses Einsatzes antworte der verantwortliche Polizist, dass ich das als Ausländer nicht verstehen würde. Die Kubaner wüssten an vielen Orten nicht sich zu benehmen. Man müsste dafür sorgen, dass der Respekt gegenüber der Öffentlichkeit gewahrt würde. Der Repressionsapperat funktioniert hier so gut, dass sich nicht einmal jemand traut die Handlung der Polizisten in Frage zu stellen – macht einen wahrscheinlich ohnehin gleich zum Konterrevolutionär.

Der Großteil der Anwesenden schlief also anschließend auf dem Bürgersteig, da andere Möglichkeiten zur Heimkehr nicht existierten. Das änderte sich auch am nächsten Morgen nicht. Wir konnten schließlich nach unzähligen Versuchen gegen 8.30 Uhr ein illegales Taxi anwerben, das uns für einen Betrag von mehreren kubanischen Monatslöhnen nach Hause fuhr.

Durch Ouagadougou wie ein alter Burkinabé, die Welt zwischen Diplomaten und unvorstellbarer Armut und zwei Hühner auf dem Moto

Nach vier Wochen in Ouagadougou gefällt es mir echt gut, langsam Dödel ich durch die Straßen wie ein alter Burkinabé und es ist einfach schön, Orte zu haben, die man kennt (ich habe jetzt schon mein Lieblingscafé gleich nebenan und einen guten "Bäcker", zu dem ich jeden Morgen gehe). Für mich ist das ein wichtiger Unterschied zu einem touristischen Aufenthalt. Ich merke langsam, dass ich hier lebe, hier wohne, auch wenn mir täglich an die 50mal "Nassara – Weißer auf Mooré" entgegen schrien wird, was mich dann doch daran erinnert, dass, egal wie wohl ich mich hier fühle, ich für die anderen Einwohner immer eine Fremde bleiben werde – Die Hautfarbe ist einfach zu eindeutig (auch wenn ich mich wahnsinnig bemühe dagegenzuwirken…). Ja, ansonsten arbeite ich jede Tag in der Botschaft und ich habe mich mit ein paar Mitarbeitern angefreundet. Ist komisch hier in den beiden Welten, der Welt der feinen Diplomaten mit Pool, Köchin etc pp. und der schlimmsten Armut, die man sich vorstellen kann. Mein Gemüt wechselt ständig, mal komme ich mit der Armut "gut" zurecht und arrangiere mich mit ihr, mal eben nicht. Aber ich glaube, dass das normal ist.

Ansonsten mache ich gerade meine Recherche bezüglich meiner Abschlussarbeit. Ich werde (so wie s sich grad raus kristallisiert) über Kinderarbeit, Straßenkinder, Koranschüler schreiben und mache diesbezüglich meine Interviews. Am vergangenen Wochenende war ich in einem kleinen Dorf von einem Freund (ohne Strom, fließendes Wasser, ohne Toilette, selbst mein Essen und Trinken musste ich mir aus Ouaga mitnehmen). Die Erlebnisse dort waren sehr einschneidend.

Einmal habe ich mit dem "chef de terre" (Erdchef), dem Dorfchef und vielen anderen reden können. Und manche wusste noch nicht mal wie viele Kinder sie eigentlich haben. Der eine so ca. 21 etc (und dann natürlich auch 6 Frauen!). Die Menschen sterben aufgrund der Wassernot, aber es gab doch glatt in einer Hütte Cola zu kaufen (jedoch kein Wasser) – Kapitalismus lässt grüßen. Der Dorfchef hat mir dann auch gleich seine traditionelle Medizin gezeigt und erklärt – ein Glück hatte ich keine Kopfschmerzen, denn sonst hätte Lust gehabt an mir einen Selbstversuch zu unternehmen…

Die Erlebnisse kann ich alle gar nicht beschreiben. Als Dankeschön meines Kommens habe ich dann schließlich auch zwei lebende Hühner geschenkt bekommen – Na ja, wat soll ick denn nu mit Hühnern anfangen?! Die wurden dann über das Lenkrad meines Motos gebunden und ich habe zu Hause eine kleine Vorrichtung aus Stühlen für sie gebaut. Denn essen kann ich die nicht!

Die Zeit in Ouagadougou nutze ich daneben um ins Kino zu gehen. Hier ist nämlich gerade das größte afrikanische Filmfestival. Viele Leute aus der ganzen Welt sind und da habe ich einige Journalisten kennen gelernt und am Samstag auch gleich einen Auftritt im Radio gehabt. Es waren fast ausschließlich afrikanische Filme zu sehen. Besonders ein Film aus Nigeria über Kindersoldaten hat mich beeindruckt.

Studieren in Kuba: Das Alltagsleben in Santa Clara

Ich habe mich derzeit an die widrigen Umstände vor Ort gewöhnt und angepasst. Ich genieße die ewige morgendliche Zugfahrt vorbei an den Bananenplantagen der Stadt, mache mich über die Geschwüre lustig die den widerwärtigen, stetig präsenten, streunenden Hunden aus dem Körper hängen und schlafe ein mit dem Geklapper der Pferdehufen auf dem Asphalt. Die dazugehörigen Kutschen dienen hier als reguläres Transportmittel. Ich frage mich nicht mehr täglich, warum alle Häuser von oben bis unten eingezäunt sind, wenn es hier keine Kriminalität gibt. Auch die Urin- und Kotflut in den universitären Sanitäranlagen ohne Wasser gehört zum normalen Tagesprogramm. In den Bussen schließt man sich dem sozialdarwinistischen Verhalten der Kubaner an. Ich esse nicht mehr außerhalb. Was das Warten angeht, braucht man immer was Gutes zu lesen. Wenn Sachen nicht klappen, wundert mich das nicht mehr, ist ja eher Normalzustand als Ausnahme.

Überglücklich und schwitzend von Ouagadougou nach Tomegbé und ein Besuch im Voodoodorf

Nun lebe ich hier seit knapp 2 Wochen in Ouagadougou in Burkina Faso, in einer großen Villa mit 2 Terrassen die 25 min Fußmarsch von der nächsten Asphaltstrasse entfernt ist, in einem Viertel, wo nur jedes zwanzigste Haus Strom hat (meines inklusive) und einem Gartenwächter, der nachts vor meinem Gartentor steht. Seltsames Gefühl so eine Villa für sich alleine zu haben, wenn Leute neben mir zu zehnt in einer Blechhütte wohnen. Ja und vor ein paar Tagen haben wir mit dem Chef von AGBE einen Ausflug in das Dorf Tomegbé gemacht und dort einiges erlebt..

Die Fahrt nach Tomegbé war der blanke Horror. Vier Mal umsteigen und jedes Mal in ein Buschtaxi, das absolut und völlig überfüllt war, Hühner auf dem Boden machten uns die Fahrt schwierig und die 3 Pannen sorgten für üble Verspätungen. Dennoch, irgendwann am Abend trafen wir ein, mit Sack und Pack, ach ja, und 1600 BH's von der firmt Triumpf. Die BH's wurden an einen süddeutschen Verein übergeben, der die BH 's verteilen soll. Das war dann unsere Aufgabe. Aber dazu kommt gleich noch eine Anekdote.

Das Dorf Tomegbé ist relativ groß und mitten in den Bergen gelegen. Insgesamt gibt es ca. 3 Asphaltstraßen, weder Elektrizität noch Wasser und man lebt mit der Sonne. Bis um 7 Uhr schlafen ist reiner Luxus. Mein Tag beginnt hier um 5 Uhr, zusammen mit der Sonne. Die Leute waren so interessiert und freundlich, dass sie uns gebeten haben, viele Fotos zu machen, so dass es ein bisschen mehr in die Öffentlichkeit kommt, was gut für uns war. Somit konnten wir ungestört durch das Dorf marschieren und die tollsten Fotos überhaupt machen.

Am Samstag dann haben wir Superglück gehabt. Und zwar durften wir bei der offiziellen Wahl der Minister beiwohnen, die sich um die Region des Dorfes Tomegbé kümmern. Was unglaublich ist, dass der Dorfchef (bei dem wir auch eine kurze Audienz hatten) seit 5 Jahren der Chef des Dorfes ist. Der davor ist schon vor 25 Jahren gestorben. Man brauchte dann eine lange Übergangszeit (5 Jahre) um auszuwählen welcher Chef (natürlich aus der gleichen Familie des alten Chefs) nun an Tomegbés Spitze sein darf. Und dann hat es einfach noch mal 19 Jahre gedauert, bis man sich geeinigt hatte und bis man meinte es sei nun langsam an der Zeit die Minister zu wählen. Und just an diesem Tag waren wir da.

Die ganze Zeremonie ist einfach zusammengefasst: Ab halb acht wurde angefangen sich zu besaufen – in der glühenden Hitze – und es wurde mit Handzeichen gewählt. Auch eine Frau ist mit von der Partie. Anschließend wurde getanzt, gesungen und weiter getrunken. Der Dorfchef ist dann später in der Kirche eingeschlafen. Interessant ist auch, dass an der Hütte des Dorfchefs die "declaration de droit de l'homme" angebracht war, dass eine Art Gesetzbuch für die Bewohner hier ist. Ist nur doof, dass die Analphabetenrate über 50 Prozent liegt und Wenige überhaupt wissen was draufsteht, aber immerhin ein guter Anfang.

Und dann am nächsten Tag hatten wir das glück den Voodoostamm nähe des Dorfes kennen zu lernen. Und das war was! Alle Achtung! Ein bisschen Angst, oder zumindest Respekt hatten wir schon. In dem Voodoodorf werden keine Schuhe getragen und tote Hühner und deren Füße werden auf kleinen Lehmbopseln zusammengehäufelt. Und die Voodoopriesterin, die natürlich kein französisch sprach (alles wurde aber für uns übersetzt) war eine liebe alte, dicke Frau, die Kräuter, Stoff und eine Zahnbürste auf ihrem Tischchen hatte. Also echt wie im Voodoofilm. Überall waren Fetische und das Tolle, dass nichts künstlich für Touristen gemacht wurde. Ein paar der BHs verteilten wir an sie (mir persönlich war das sehr wichtig. somit standen wir bei ihr in einem guten Licht, und das kann ja ganz hilfreich sein bei Voodoo-Leuten).

Am Abend haben wir dann eine Einladung zu der Voodoofete gehabt. Die Voodoos wollten am nächsten Tag auf Reisen gehen, für 2 Tage, und vorher mussten die Götter gefragt werden, ob auch alles gut laufen würde. Und und diese Fete, ach du grüne Neune! Es wurde getanzt, ein Kind wurde durch die Gegend geschleudert und gesungen und weiss angemalt und in komische Strohkleidung gesteckt. Eine Frau war so stark in Trance, dass sie bald "abgeführt" wurde. Heiße Steine wurden noch verteilt, die man an die Bauchkettchen hängen muss. Ein kleiner Junge, der Narben im Gesicht hatte, war die Verkörperung eines Geistes und als dann der Voodoomeister auf einmal „Salemaleikum“ rief, meinte man später zu uns, dass dies von den Göttern gesagt wurde und keine richtigen Worte seien. Seltsam. Am Ende hatten die Voodoos jedenfalls ihre BHs und wir hatten einen spannenden Abend.

Von Togo nach Burkina Faso: Ein Besuch bei meiner Gastmutter, ein Krokodilen-Ritt und ein kaputtes Moto

Wir sind unterwegs im Togo Richtung Norden. In Sokodé wollen wir so schnell wie möglich weiter, denn das ist eine ziemlich hässliche und dreckige Stadt mit vielen Idioten. Kleine Tamberna-Dörfer von Voodoos an denen wir vorbei kommen sind da schon touristischer. In Dapaong habe ich dann schließlich meine Gastmutter vom letzten Aufenthalt wieder gesehen, sie hat jetzt ein kleines Kind. Leider war es alles nicht so herzlich und schön, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich sollte gleich Geld für Essen und Unterkunft zahlen und Dzifa hatte dabei eigentlich nie Zeit. Schade. An einen Abend durften wir aber einer Schulaufführung beisitzen. Dort wurde traditionell getanzt, gesungen und Theater gespielt. Meisterhaft!

Bald haben wir die Grenze zu Burkina Faso überquert und in Ouagadougou – einer sehr schöne, großen und gar nicht so lauten Stadt – machten wir mit meinem ausgeliehenen Moto eine Tour nach Bazolé zu den Krokos und ganz ohne Leine oder Schnickschnack saß ich auf einem dieser Monster. Na ja und das Moto – bei der Hinfahrt riss uns mitten auf der Straße im nichts die Kette. Wir konnten dann aber doch Mechaniker finden, die das reparierten. Doch die Geschichte mit dem Moto ist noch nicht zu Ende erzählt: Innerhalb von vier Tagen war ich schon fünf Mal in der Werkstatt… Werkstatt – das was halt in einem der ärmsten Länder der Welt eine Werkstatt ist. Dreimal die Kette, einmal die Bremse und einmal die Pedale und heute tickt es schon wieder so komisch.

25 Jahre Partnerschaft der Universität Santa Clara in Kuba und der Universität Magdeburg

Anfang November fanden an unserer Uni die Festlichkeiten zum 25jährigen Bestehen des Kooperationsvertrages zwischen Magdeburg und Santa Clara statt. Eine Reihe von deutschen Professoren erhielt für ihr hiesiges Engagement einen Ehrentitel und ergoss aus diesem Anlass schier endlose Reden über die Anwesenden. Dabei durfte (!) von deutscher Seite nicht vergessen werden auch die Gleichwertigkeit der Partnerschaft zu betonen oder dem Bildungsministerium für seine Kooperation zu danken. Was für eine Farce! Fast das gesamte IT-Material der Uni wurde von einer belgischen Stiftung gespendet, der DAAD unterstützt ebenfalls großzügig die Kooperation, die gesamte Festveranstaltung wurde von der Uni-Magdeburg finanziert. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass die anwesenden deutschen Studenten während der gesamten Veranstaltung keine Rolle spielten, wenngleich Fernbleiben von derselben mit scharfer Kritik geahndet wurde. Die abschließenden lockeren Begegnungen beim Volleyball oder der Abendveranstaltung mit Gitarrenmusik erweckten aber zu meiner Freude den ehrlichen Anschein als wäre die Partnerschaft über die Jahre gewachsen und verbünde nun auch einige Freunde.

Zwei Mädchen in Lomé – Hauptstadt von Togo, Brunnenduschen und ein Ausflug nach Kpalimé

Gleich am ersten Tag tauschten wird Geld auf dem Schwarzmarkt, um für die nächsten Wochen gewappnet zu sein. Das Preis-Leistungsverhältnis hat sich in den letzten drei Jahren wo ich hier war nicht im geringsten geändert: Ein Essen an der Straße kostet ca. 20 Cent. Am ersten Sonntag ging’s dann in die Kirche wo gerade ein besonderer Gottesdienst war, nämlich extra für kranke. Das war total interessant. Wir wurden irgendwie gleich zu dem Chor gesetzt und kamen uns ein bissel verloren vor neben all diesen 500 schwarzen Menschen.. aber es war toll!

Dann haben wir noch Ausflüge gemacht und sind schließlich in mein Lieblingsstädtchen Kpalimé gefahren wo ich vor 3 Jahren gelebt und gearbeitet habe. Es hat sich eigentlich gar nichts verändert, nur das der Strom irgendwie öfters ausgefallen ist. Ja, und denkt jetzt nicht: hach wie gemütlich! Stromausfall, nein, nein: Die sonne geht schon ab 6 Uhr abends unter und danach sieht man einfach mal nichts. Und wenn man dann gerade auf dem Plumpsklo balanciert und schwups man nichts mehr sieht, ja dann braucht man einen guten Orientierungssinn.

Duschen und ähnliches hatten wir die letzten drei Wochen auch nicht. Man schöpft Wasser aus einem Brunnen und schöpft es sich nach und nach über den Körper – aber der Mensch ist ja ein Gewöhnungstier.

In Kpalimé habe ich meine Freunde wieder getroffen, wir haben eine Wanderung gemacht und kleine Höfe gesehen, wo die Kinder vor Angst vor uns Weissen weg gerannt sind. Es gibt wirklich noch Menschen, die noch nie einen Weißen gesehen haben. Mit unseren verpackten Lollies konnten sie dann auch wenig anfangen. Die Wanderung war so schön – Bilder werden es beweisen. Und man fühlt sich wie im Paradies – so zwischen Kaffeeplantagen und Boababs (Affenbrotbäume).

Das schönste an Kpalimé war einfach, dass ich mich zuhause gefühlt habe, irgendwie angekommen. Ich habe mich sicher und aufgenommen gefühlt, vielleicht sogar mehr als vor drei Jahren. Auch ein paar meiner ehemaligen Schüler habe ich gesehen: Mein alter Englischlehrer ist leider schon in Rente gegangen.

Enttäuschungen und Überraschungen bei einer Konferenz der Wirtschaftwissenschaften in Kuba

CICE steht für Internationale Konferenz der Wirtschaftwissenschaften und selbige fand Ende Oktober 2006 in Santa Clara statt. Als Delegierter unserer Fakultät wurde ich zu dieser eingeladen. Das hat weniger etwas damit zu tun, dass man mir etwas Gutes tun wollte, sondern mehr damit, dass die Eintrittsgelder auf westlichem Niveau lagen und gutes Geld mit der Tagung verdient werden konnte und wurde.

Auf dem Plan standen etwa 180 Präsentationen wissenschaftlicher Arbeiten von einem internationalen Publikum in den Bereichen Wirtschaftsinformatik, Tourismus und allgemeinen ökonomischen Themen. Ich startete die Tagung also erwartungsfroh und freute mich auf Vorträg zu Themen wie „der kubanische Tourismus und seine nachhaltige Entwicklung“, „die globale Wettbewerbsfähigkeit kubanischer Unternehmen“ oder „Kooperativismus versus neoliberaler Wettbewerb“. Ich notierte mir etwa 20 Vorträge, die ich mir anschauen wollte. Am ersten Tag sah ich, wie üblich, keinen davon. Auf mein verzweifeltes Anfragen erklärte mir die Vizedekanin, dass ein guter Teil der Vortragenden nicht angereist sei. Ein anderer Teil meiner Wünsche würde nicht vor dem Symposium diskutiert, sondern lediglich auf Leinwänden ausgestellt.

Einer der ersten Vorträge, die ich sah, wurde von einer Professorin der hiesigen Wirtschaftsfakultät gehalten und beschäftigte sich mit Arten und Wirksamkeit unterschiedlicher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Der Vortrag war dermaßen enttäuschend, dass ich überlegte mein Geld zurückzuverlangen. Wie man auf einer wirtschaftswissenschaftlichen Tagung einen derart unwissenschaftlichen Beitrag präsentieren kann, in dem keine Zahlen, keine Prozente und keine Sachfakten genannt werden, ist für mich nicht nachvollziehbar. Auch der kausale Zusammenhang zu Kuba fehlte komplett, denn offiziell haben ja hier fast alle Arbeit (die offizielle Arbeitslosenrate beträgt etwa 2.5%). Ein Schüler der Oberstufe hätte mit einem Tag Vorbereitungszeit wahrscheinlich Ähnliches auf die Beine gestellt. Insgesamt waren etwa 60 der 180 Beiträge nicht auffindbar oder fanden gar nicht statt, das ist ein stattliches Drittel. Zu diesem Drittel gehörte der Großteil meiner notierten Veranstaltungen. Einer der Höhepunkt dieses 3-tägigen Events war der Vortrag unseres Dekans, der die Tourismuswirtschaft Mexikos mit der Kubas verglich. Wenigstens er arbeite akademisch korrekt mit allerlei Gleichungen und Elastizitäten und kam überraschenderweise zu dem Schluss, dass Kuba derzeit entscheidend besser aufgestellt sei als Mexiko, jede investierte Geldeinheit bewirke hier mehr positive Effekte in Bezug auf Arbeitsplätze und soziale Wohlfahrt. Zu allem Übel bekam er dafür von den anwesenden mexikanischen Forschern großen Beifall.

Mein tatsächlicher Favorit kam schlussendlich aus Kanada und untersuchte die Auswirkungen des Tourismus in Ballungsgebieten auf  die Gesundheitssituation der Bevölkerung sowie Veränderung der Geschlechterrollen in der Gesellschaft (Gender). Der gute Mann schlug die Kubaner mit den eigenen Waffen, zitierte auf jeder dritten Folie Fidel und übte konstruktive, wenn auch keine systembezogene Kritik.