Das Wachstum des Indymedia-Netzwerks: Das erste global agierende alternative Mediennetzwerk

Indymedia wird zu Recht von vielen als erstes global agierendes alternative Mediennetzwerk angesehen. Das rasante Wachstum Indymedias wird bereits bei der Betrachtung der Website deutlich. Hier sind 165 Medienkollektive, die offiziell Teil des Netzwerks sind, aufgelistet – in mehr als 70 Ländern und auf allen Kontinenten. Das Wachstum des Netzwerks vollzog sich bisher vor allem in der westlichen Welt und Lateinamerika. Seit 2005 schwächte es sich hier jedoch erheblich ab. In anderen Weltregionen, zum Beispiel in Asien, bilden sich weiterhin neue Medien-Kollektive, jedoch nicht in dem Umfang wie es bisher im Westen zu beobachten war. Nichtsdestotrotz muss dies nicht zwangsläufig als ein abflauender Trend angesehen werden. Einerseits operieren bestehende Indymedia-Kollektive fortlaufend weiter und sind für neue Mitglieder offen. Andererseits sind in einigen Ländern vermehrt auch Indymedia-Kollektive aktiv, die keine eigenen Webpräsenzen betreiben und bereits bestehende Websites und andere Kanäle, zum Beispiel Blogs, für die Medienpublikation nutzen. Dennoch das Ziel der verstärkten Einbeziehung von unabhängigen Medienmachern und Bürgerreportern aus Afrika und Asien in das Netzwerk stellt die Indymedia-Macher vor neue Herausforderungen. Im Hinblick auf die verstärkte Zusammenarbeit der großen kommerziellen Internetdienste mit Regierungen (Geschäfte im "weltweit größten Gefängnis" für Internetnutzer, Keiner gewinnt, der Datenschutz verliert), könnte die mögliche anonyme Mitarbeit bei Indymedia, das Netzwerk insbesondere für Bürgerreporter aus Afrika und Asien jetzt wieder attraktiver machen.

[quote]“Indymedia is the first form of alternative media able to operate in a truly global manner. In a way never before realized, this alternative medium is able to connect voices of dissent across continents.” (Jankowski, Jansen 2003: 2)[/quote]

Indymedia entsteht 1999 als Alternative zu den führenden Medienmonopolen während den Demonstrationen gegen die World Trade Organisation in Seattle. Tausende berichten rund um die Uhr. CNN, Reuters America Online, Yahoo und BBC Online verlinken die Website. Sie wird allein während der Demonstrationen über 2 Millionen Mal abgerufen (vgl. Indymedia About Abruf 2.11.2005, Knapp, 2 Dez. 1999, Nach Kitaeff 2003 wurde die Site während der Proteste in Seattle 1.5 Millionen Mal abgerufen. Kitaeff, L. (Jan/Feb 2003): „Indymedia“. In: Utne, USA. 115, 85-86.).

[quote]„Despite having no advertising budget, no brand recognition, no corporate sponsorship, and no celebrity reporters, it received 1.5 million hits in its first week–more than CNN got in the same time.“(Whitney: 27 Jul 2005) [/quote]

Ursprünglich ist lediglich eine Berichterstattung während der Proteste gegen die WTO geplant, doch das Konzept erweist sich als längerfristig Erfolg versprechend und wird fortgesetzt. Nach der Battle of Seattle werden folgend viele nationale und lokale Seiten ins Netz gestellt, die alle am „i” mit Radiowellen zu erkennen sind. In den ersten 10 Monaten wächst das Netzwerk auf 33 Indymedia-Center an, die in 10 verschiedenen Ländern ansässig sind (vgl. Coleman, 2004, Meikle 2002). 2001 sind es bereits über 50 (CQ Researcher. 28 Sep. 2001: Reality according to www.indymedia.org.) und im September 2002 existieren ca. 90 Kollektive in 31 Ländern weltweit (Downing, 2003 [1]). Anfang 2003 gibt es 110 Indymedia Center (IMC) (Herndron, 2003), ein Jahr später, Anfang 2004, 134 Kollektive mit Webpräsenzen, sowie spezielle Indymedia-Projektseiten zu Themen wie Ökologie und Biotechnologie oder Indymedia-Radio– und TV-Projekten. Heute erhält die globale Website ca. 100.000 Hits pro Tag, während Großereignissen können es bei weitem mehr sein. Allein die italienische Website erhält zu Beginn des Irakkrieges 500.000 Hits pro Tag. In der Woche des Gipfeltreffens der G8 in Genua 2001 verzeichnet die Indymedia-Websites ca. 5 Millionen Seitenaufrufe (vgl. Indymedia FAQ Version 29.9.2005).

1 Wachstum der Anzahl der Kollektive von Indymedia

Die Größe des Netzwerks von Indymedia zeigt sich, sowohl bei der Betrachtung der Anzahl der Websites als auch im Umfang der Daten (vgl. Indymedia Website 2005). Bereits die Recherche bei den gegenwärtig marktbeherrschenden Suchmaschinen verdeutlicht dies. Bei einer Suche ohne Stichwort und der Einschränkung auf die Website indymedia.org listet Google 4,6 Millionen Webpages von Indymedia (vgl. Google 5. Februar 2006, Abruf 16:54 CET), Yahoo 5,34 Millionen Resultate (5. Februar 2006, Abruf 16:54 CET) und MSN 151,268 Resultate (5. Februar 2006, Abruf 16:54 CET) auf.

Laut Indymedia-Website haben sich weltweit mittlerweile 169 lokale Kollektive (165 offiziell assoziiert) mit eigenen Websites gebildet (vgl. Datenerhebung, Indymedia Website 2005), die auf Basis der Grundsätze von Indymedia, operieren. Die folgende Tabelle zeigt die Anzahl im Netzwerk organisierter Kollektive mit einer eigenen Domain oder Subdomain von 1999 bis zum 31. Dezember 2005. Als Datum der Kollektiv-Gründung wurde der Tag des ersten Posting auf den Websites festgelegt. Einbezogen wurden zudem Daten von Kollektiven, die nicht mehr aktiv sind (In der Vergangenheit lösten sich Kollektive nach einer anfänglichen Periode des Aufbruchs aufgrund mangelnder Mitwirkung (IMC Prag) oder politischer Probleme (IMC Zimbabwe) auf).

Jahresende

Anzahl der Indymedia-Kollektive

1999

1

2000

39

2001

70

2002

106

2003

136

2004

162

2005

169

Tabelle: Anzahl weltweiter Indymedia-Kollektive (eigene Datenerhebung auf Grundlage vorangegangener Untersuchungen und Raphael, vgl. http://lists.indymedia.org/pipermail/imc-normal-illinois/2004-December/0117-ac.html, Mon. Dezember 13 20:29:25 PST 2004, Mit einbezogen: Kollektive, die den Indymedia-Assoziierungsprozess noch nicht vollständig durchlaufen haben.)

Eine weitere grafische Übersicht verdeutlicht das rasante Wachstum insbesondere zwischen den Jahren 2000 und 2004. Aus der Darstellung geht ebenfalls hervor, dass die Expansion des Netzwerks sich im Jahr 2005 verlangsamt hat. Dies legt den Schluss nahe, dass Indymedia in Bezug auf die Anzahl von Kollektiven mit eigenen Websites ist Indymedia in eine Phase der Stabilisierung getreten ist.

Darstellung: Indymedia-Wachstum bis 31. Dezember 2005

Darstellung: Indymedia-Wachstum bis 31. Dezember 2005

Ein Trend erschließt sich bei der reinen Betrachtung der Anzahl der Kollektive mit Websites jedoch nicht. Im Netzwerk findet zunehmend eine Diversifizierung auf lokaler Ebene statt. Es bilden sich verstärkt örtliche Kollektive, die die bereits vorhandenen Websites und Ressourcen nutzen. Dies zeigt sich in Deutschland zum Beispiel beim Kollektiv aus Nordrhein-Westfalen, dass regelmäßig auf der deutschen Website Indymedias unter dem „Logo“ NRW publiziert (vgl. Indymedia NRW, Version 4. Januar 2006). Aber auch in Italien erfährt eine ähnliche Entwicklung. Hier finden sich zudem Kollektive, die zwar über eine eigene Website verfügen und von anderen lokalen Kollektiven der Region verlinkt werden, nicht jedoch von der globalen Website oder von Kollektiven in anderen Ländern. Nationale Websites als Aggregationsseite für lokale Indymedia-Kollektive, wie bei den United Kollekives in Großbritannien oder dem IMC Oceania mit Kollektiven aus Australien, Indonesien, den Philippinen und Neuseeland.

In der nachfolgenden Darstellung ist das Wachstum in Regionen in denen sich Indymedia-Kollektive gebildet haben einzeln dargestellt. Die Regionen East Asia, South Asia und Oceania sind in der Darstellung in einer Linie zusammengefasst. Ersichtlich wird ebenfalls, wann das erste und letzte Kollektiv in einer Region gegründet wurde. Die Einteilung basiert auf die Einordnung auf der Website von Indymedia. Die Grafik verdeutlicht, dass das Wachstum Indymedias in erster Linie in Nordamerika und Europa vonstatten ging.

 

Darstellung: Indymedia-Wachstum nach Regionen bis 3.Januar 2006

Darstellung: Indymedia-Wachstum nach Regionen bis 3.Januar 2006

 

1.1 Indymedia in Nordamerika

Das erste Posting von Indymedia erscheint am 24. November 1999 im Vorfeld der Anti-WTO Proteste (Seattle). Im folgenden Jahr gehen allein in den USA 19 weitere lokale Indymeda-Websites online. In den darauf folgenden Jahren 2001 und 2002 werden jeweils weitere 11 Kollektive pro Jahr gegründet. 2003 folgen weitere 10 neue Kollektive, 2004 – 8 Kollektive und im Jahr 2005 ein weiteres Kollektiv in Omaha. Die Daten zeigen vor allem in Nordamerika eine Verlangsamung des Wachstums der Anzahl von Kollektiven. Dieses Bild ergibt sich auch bei der Betrachtung der Entwicklung in Kanada. Die meisten Kollektive gründen sich in der Anfangszeit Indymedias. Als erstes Kollektiv in Kanada gründet sich am 2. Mai 2000 in Windsor. Einen Monat später folgen Alberta (11.6.2000, zwischenzeitlich inaktiv), Hamilton (18.6.2000) und Ontario (18.6.2000), dann Vancouver (13.8.2000) und Montreal (21.9.2000). Im Jahr 2001 gründen sich zwei weitere Kollektive – Maritimes (18.3.2001) und Victoria (7.8.2001), 2002 drei Kollektive und im Jahr 2004 findet die letzte Gründung in Kanada in Ottawa (26.11.2004) statt.

1.2 Indymedia in Lateinamerika

Das erste Indymedia Center in Lateinamerika entsteht bereits im Juni 2000 in Mexiko (21.06.2000). Im gleichen Jahr folgen Kolumbien (13.10.2000) und Brasilien (23.12.2000). Im Jahr 2001 bildet sich lediglich ein Kollektiv in Argentinien (01.04.2001). Den größten Zuwachs an Kollektiven in Lateinamerika erfährt das Netzwerk 2002. Neun Kollektive bilden sich in acht verschiedenen Ländern. 2003 folgen zwei Kollektive und 2004 weitere drei lokale Kollektive in Chile. Insbesondere das Indymedia-Center in der autonomen Provinz Chiapas in Mexiko erfuhr in der Vergangenheit auch in anderen Medien große Aufmerksamkeit. Die Medienmacher des IMC Chiapas sind eng mit der Zapatistischen Bewegung und dem Sprecher Subcommandante Marcos verbunden. Die aktive Nutzung der Möglichkeiten der neuen Medien, z.B. der Produktion von Radiosendungen durch Frauen in ländlichen Gebieten (www.radioinsurgente.org), bildet ein Vorbild für unabhängige Medienmacher weltweit ( Zapatistenradio im Internet). Die Sendungen können sowohl vor Ort als auch im Web empfangen werden.

1.3 Indymedia in Europa

Die europäische Geschichte von Indymedia beginnt mit dem Launch der Webpräsenz der britischen Indymedia am 1.Mai 2000 in London (vgl. Undercurrents History, Abruf 14. Mai 2005). Vier Wochen später folgt ein Kollektiv in Belgien (28.52000), dann in Frankreich (Das IMC Frankreich löste sich später auf. An seine Stelle traten lokale Websites von Kollektiven in ganz Frankreich.) (17.6.2000), Prag (11.8.2000, historische Site), Portugal (11.8.2000), Finnland (5.12.2000, historische Site) und regionale Seiten auf dem ganzen Kontinent. Die deutsche Website von Indymedia geht Anfang 2001 (vgl. Hintz 2003) online und gilt am Anfang vor allem als Forum für die Castortransport-Gegner (vgl. Hintz 2003). 2002 erhält das deutsche Indymedia-Kollektiv einen Poldi-Award für „praktizierte eDemocracy“ (vgl. Wegscheider 24. Dez. 2005) und wird folgend auch für den Grimme-Online-Award nominiert (vgl. Grimme Online Award, Abruf 30 Mai 2005). Während der Castortransporte im Jahr 2001 besuchen bereits täglich bis zu 8.000 User die Indymedia.de-Homepage, danach pendelt sich die Besucherzahl auf 4.000 ein (vgl. Freitag 20.04.2001). Bei der Betrachtung der Entwicklung von Indymedia in Europe ist auffallend, dass immerhin drei von sechs (Frankreich, Prag, Finnland) Indymedia-Websites, die in der Anfangsphase im Jahr 2000 gegründet werden, aufgrund von Problemen und mangelnder Mitwirkung später geschlossen wurden. Dennoch, insgesamt betrachtet, setzt sich das starke Wachstum Indymedias in Europa in den folgenden Jahren beständig fort. 2001 gründen sich in Europa 11 Kollektive, 2002 – 8 Kollektive, 2003 – 10 Kollektive, 2004 – 9 Kollektive und 2005 – 3 Kollektive (Ukraine indymedia.org.ua ist noch nicht offiziell assoziiert). Hier zeigt sich der gleiche Trend wie in Nordamerika.

1.4 Indymedia in Afrika

Das erste afrikanische Kollektiv gründet sich während der Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban Südafrika im September 2001 (28.8.2001). Kollektive entstehen folgend in Nigeria (15.11.2001), Zimbabwe (28.02.2002, gegenwärtig inaktiv), in der Region Ambazonia (10.04.2002) und den Kanaren (09.09.2003). Im Mai 2003 geht die grenz- und kontinentübergreifende Website MadiaqIMC online (06.05.2003). Sie umfasst die europäisch-afrikanische Grenzregion Andalucia, Granada, Jerez, Malaga, Sevilla und Magreb.

1.5 Indymedia in der Region East Asia, South Asia und Oceania

Die Daten zeigen, dass sich von Anfang an auch in der Region East, South Asia, Oceania Kollektive etablieren. Hierbei handelt es sich jedoch in erster Linie um Kollektive, die in Australien und Neuseeland entstanden – vorwiegend anglophon geprägten Ländern, die sprachlich und kulturell westlichen Ländern näher stehen als umliegenden Nachbarländern. Die starke Integration Australiens in das Indymedia-Netzwerk kann zudem auf die starke Vernetzung des australischen Softwarekollektivs Catalyst mit Indymedia-Aktivisten in Seattle zurückgeführt werden. Die Gruppe programmierte die erste Software für die Website für Indymedia in Seattle (vgl. Madhava. “Reclaim the Streets, Reclaim the Code.” Punk Planet No. 43 (May, 2001) 101-103) und betreut auch heute noch viele Indymedia-Kollektive vor allem in Australien.

Die erste lokale Indymedia-Gruppe in Sydney Australien wird somit bereits im Juni 2000 (19.6.2000) Teil des Netzwerks. Das erste Posting von Aotearoa (Neuseeland) datiert auf den 1. Juli 2000. Einen Tag später geht Indymedia Melbourne online, dass folgend bei den Protesten gegen das World Economic Forum im September 2000 eine zentrale Rolle für die alternative Berichterstattung einnimmt. In den folgenden Jahren gründen sich Kollektive in Adelaide (1. April 2001), Perth (2.Februar 2003), Darwin (16. Februar 2004) und Brisbane (29. August 2004, historische Site).

In anderen asiatischen Regionen verläuft das Wachstum langsamer. Die erste Website eines Kollektivs in Asien geht am 3. November 2000 mit einem Kollektiv in Indien online. Erst zwei Jahre später gründet sich in Mumbai ein weiteres lokales Indymedia-Kollektiv (21.Juli 2002). Andere Kollektive in den verschiedenen asiatischen Regionen entstehen in Westasien in Israel (3.11.2001), Palästina (25.02.2002), Jerusalem (25.03.2002, nicht mehr aktiv), Beirut (16.07.2003) und Armenien (21.07.2005); im asiatisch-europäischen Raum in Russland (27.02.2001) und Istanbul (18.01.2003) und in Ostasien/Ozeanien in Jakarta (09.11.2001), Japan (05.03.2003), Manila (09.10.2003), Burma (17.11.2004) und Quezon City (Philippinen) (23.12.2004).

Zudem existieren in Asien weitere nicht offiziell assoziierte Websites, zum Beispiel das Taiwan IMC, das bereits seit dem 10. Juli 2004 online ist oder Indymedia South Korea, das seit dem 7. März 2005 ein Blog führt und sich derzeit in einem Assoziierungsprozess nach den Prinzipien des Indymedia-Netzwerks befindet. Daneben finden sich andere nicht assoziierte Websites, die unberechtigt unter dem Namen Indymedia operieren, wie zum Beispiel die nicht mehr aktive Website Indymedia Thailand (Abruf 5. Februar 2006).

2 Globale Verteilung von Indymedia-Kollektiven

Die folgende grafische Übersicht veranschaulicht die globale Verteilung des Netzwerks. Auffallend ist: 71,18% aller Kollektive mit eigenen Webpräsenzen bildeten sich in Nordamerika und Europa. Der Rest der Kollektive verteilt sich auf die übrigen Weltregionen.

Die meisten Indymedia-Kollektive finden sich in den USA mit 61 lokalen Gruppen (Ende 2005), gefolgt von Kanada mit 12 Kollektiven. Europa rangiert an zweiter Stelle mit 28,24% der Kollektive mit eigenen Websites. Indymedia ist auch in hoch technologisierten asiatischen Ländern bisher nicht vergleichbar stark vertreten wie in Europa und den USA. Dies ist trotz der starken Verbreitung des Internets und einer zunehmenden Internetaffinität vor allem in den Zentren Asiens der Fall [2].

Darstellung: Globale Verteilung von Indymedia-Kollektiven am 3.Januar 2006

Darstellung: Globale Verteilung von Indymedia-Kollektiven am 3.Januar 2006

Gründe und Ursachen für die ungleiche globale Verteilung von Indymedia-Kollektiven sind neben dem unzureichenden Zugang zum Internet in vielen Regionen nicht immer ausschlaggebend. Im Netzwerk wird dieses Problem zwar oft auf einen Mangel an Ressourcen und Wissen von potentiell Interessierten zurückgeführt, jedoch ebenfalls auf Kommunikationsprobleme und Sprachbarrieren durch eine englischzentrierte Kommunikation innerhalb des Netzwerks, sowie eine technikfokussierte Sichtweise von Aktiven.

[quote]„fact is that in most imcs i know mostly already quite priviledged white male students do the bigger part of the work cause they have enough money without having to work much, plus the technical knowledge and hard ware.“ (Anna, 27 Juni 2004)[/quote]

Die Gründe für die Konzentration von Kollektiven in Nordamerika und Europa sind jedoch nicht ausschließlich auf das Netzwerk zurückzuführen. Im Gegensatz zur Zeit der Gründung Indymedias 1999, stehen Internetnutzern heute eine Reihe von neuen kostenlosen Diensten – Blogs, Podcasts etc. – für die unabhängige Berichterstattung im weiteren Sinne zur Verfügung. Sie lassen ebenfalls eine einfache Publikation von Informationen zu. Hier kann für die Nutzer ferner als Vorteil gelten, dass der Produzent von Beiträgen in der Regel eine größere Kontrolle über die eigenen Beiträge innehat als bei Indymedia. Er kann sie auch nach dem ersten Posting noch verändern oder später gar wieder löschen. Dies ist bei Indymedia in der Regel nicht möglich.

In einigen Ländern haben sich weiterhin kommerzielle Medienprojekte etabliert (wie z.B. Ohmynews in Korea). Ohmynews bezieht seine Leser ebenfalls in das Publikationssystem mit ein. Erfolgreiche Beiträge von Nutzern werden zudem oft mit einem geringen Entgelt vergütet. Dies schafft einen weiteren Anreiz hier zu veröffentlichen. Andere Probleme Indymedia-Kollektive zu etablieren existieren in Ländern in denen eine starke Zensur ausgeübt wird und Internetangebote gefiltert und blockiert werden. Die Websites von Indymedia werden zum Beispiel in China und Singapur vollständig blockiert. Eine Mitarbeit in einem Indymedia-Kollektive kann hier als Konsequenz zu Gefängnisstrafen, wie Berichte von Reporter ohne Grenzen über Internetzensur in China belegen (vgl. Verdict in cyberdissident Li Zhi case confirms implication of Yahoo !, 27. Feb. 2006). Eine Erklärung zu Filtertechniken findet sich auch auf der Website von Indymedia [3].

[quote]„IMC China does not exist (yet?). One reason is that ch1nese g0vernment uses an internet f1ltering technique which will disallow acce55 (almost) anything the g0vernment does not like the countries' inhabitants to see. This f1lter can also trigger an advanced mechanism which will notify the author1ties that a possible non-conf0rmant person has accessed a disliked web site.“ (Indymedia Wiki, IMC China, 10 Aug 2005)[/quote]

3 Fazit

Indymedia-Kollektive haben sich auf allen Erdteilen etabliert. Die meisten Indymedia-Center haben sich zwischen 1999 und 2004 in der westlichen Welt und in einem geringeren, aber dennoch hervorstechenden Maße, in Lateinamerika gebildet. Das Wachstum hat sich hier im Jahr 2005 abgeschwächt. Nichtsdestotrotz muss dies nicht notwendigerweise als ein nachlassender Trend der unabhängigen Medienberichterstattung im Netzwerk von Indymedia interpretiert werden. Denn, bestehende Indymedia-Kollektive operieren fortlaufend weiter und sind für neue Mitglieder offen. Gleichzeitig entstehen Gruppen und Kollektive, die ohne eigene Webpräsenz operieren oder nur lokal und national verlinkte Webpräsenzen oder andere Kanäle, wie Blogs, für die Medienpublikation nutzen.

Außerhalb des Westens finden sich in anderen Weltregionen insbesondere in Bezug auf die Bevölkerungszahl bisher nur relativ wenige Indymedia-Kollektive mit eigenen Websites. Das Netzwerk wächst hier zwar weiterhin beständig, jedoch bisher nicht in vergleichbarer Geschwindigkeit und Umfang, wie zuvor in den westlichen Ländern. Hier ist ein Wachstumspotential unabhängiger Medienmacher vor allem im Hinblick auf den zunehmenden Zugang zum Internet vorhanden. Dennoch, letztendlich lässt die Auswertung der Zahlen dieser Regionen keine eindeutige Schlussfolgerung über die zukünftige Entwicklung der Anzahl von Kollektiven zu. Denn neben Fragen des Zugangs zum Internet, spielen für die Bildung von Kollektiven auf der einen Seite kulturelle Fragen eine Rolle. Hier stellt sich zum Beispiel die Frage, inwieweit sich Nutzer anderer Regionen, zum Beispiel aus Asien, in dem vorwiegend westlich-anglophon geprägten Netzwerk mit seiner spezifischen Netzwerkkultur und Geschichte wieder finden und dies annehmen. Sehen diese sich in der Lage das Netzwerk entsprechend ihrer Bedürfnisse zu nutzen und zu formen? Auf der anderen Seite existieren bereits zahlreiche andere kostenlose Publikations- und Kommunikationsdienste (die jedoch meist auf kommerzieller Basis operieren). Hierbei wird sich für Nutzer die Frage stellen, inwieweit das Netzwerk von Indymedia eine bessere und komfortablere Alternative bei der Informationsverbreitung und einen Mehrwert bietet. Im Hinblick auf die zunehmende Kontrolle von Regierungen, zum Beispiel in China (Chinas Ministerpräsident verteidigt Internet-Zensur), liegt dieser Mehrwert für die Mitarbeit im Indymedia-Netzwerk offensichtlich vor allem auch in der Möglichkeit der anonymisierten Verbreitung von Informationen. Diese können kommerzielle Anbieter oft nicht garantieren (Keiner gewinnt, der Datenschutz verliert). Ein Problem für Gruppen in Ländern mit restriktiver Zensur und Verfolgung von Dissidenten besteht jedoch darin, dass Vorraussetzungen für die Bildung transparent, offen und nachvollziehbar operierender Kollektive kaum gegeben sind. Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind jedoch wesentliche Grundsätze bei Entscheidungsprozessen im Indymedia-Netzwerk. Auch die in vielen Indymedia-Kollektiven oft üblichen Treffen in der nicht-virtuellen Welt könnten unter diesen Vorraussetzungen zum persönlichen Risiko für im Netzwerk engagierte Aktivisten werden.

 

 

Originalversion: Behling, Mario (Version: 15.03.2006): Das Wachstum des Indymedia-Netzwerks. Das erste global agierende alternative Mediennetzwerk. Frankfurt (Oder): Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). URL: http://www.student.euv-frankfurt-o.de/~euv-6136/Wachstum des Indymedia-Netzwerks.pdf.

 

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[1] Downing, J. D. H. The independent media center movement and the anarchist socialist tradition, in: Curran, J. & Couldry, N. (Hrsg.), Contesting media power; alternative media in a networked world, Oxford/UK 2003, S. 243–258.

[2] Aus einer Studie des Pew Internet und American Life Projects, die 13000 Internetnutzer in den USA zu ihrer Nutzung befragt hat, geht hervor, dass Amerikaner asiatischer Abstammung das Internet häufiger nutzen als andere Bevölkerungsgruppen. „Asian-American are far more likely to have used the Internet and are more likely to use it on a daily basis than whites, blacks or Hispanics.“ (Budha 2003: 89)

[3] Der Autor versucht Filtertechniken zu umgehen indem er Wörter absichtlich verändert. Für Menschen bleiben die Inhalte jedoch verständlich.