Nationale Narrative und Globalisierungskritiker in Australien

In diesem Beitrag geht es um die in Australien kanonischen Nationalmythen, die ihrem ursprünglichen Gehalt nach antiautoritär und aufrührerisch sind, Ned Kelly, die Eureka Stockade und andere.[1] Es soll untersucht werden, inwieweit diese Narrative heute noch wie und für wen wirksam sind; mit speziellem Augenmerk auf den Grad des Einflusses, den sie auf heutige politische Aktivisten haben, die alternative Visionen zum australischen politischen und ökonomischen Mainstream vertreten und sich vor allem im Jahr 2000 gegen weitere Angleichung des Landes an die Vorgaben internationaler Wirtschaftsorganisationen wie der Welthandelsorganisation (WTO) gerichtet haben.

Insbesondere geht es hier darum herauszufinden, wie das Verhältnis australischer Globalisierungskritiker zu Ned Kelly und zu Eureka aussieht. Um dieser Frage nachzugehen, habe ich vier Monate in Melbourne zur Feldforschung und Abfassung dieser Arbeit genutzt. Sie basieren auf meinen Erwägungen und der Rezeption der Literatur, wie ich sie hier in Australien vorgefunden habe. Von den Antworten und Ergebnissen, wie ich sie im Weiteren entwickeln werde, erhoffe ich mir eine Erweiterung unseres Verständnisses der australischen Gesellschaft in unserer Zeit. Australien ist eine junge Nation. Fragen der kulturellen Identität, der Demokratie und des Umgangs mit Minderheiten berühren Kernsensibilitäten der Bevölkerung und bestimmen täglich neu den Gegenstand der öffentlichen Debatte. Wie ich zeigen werde, ist die Interpretation der Vergangenheit und ihre Nutzbarmachung für aktuelle politische Machtfragen ein umstrittenes Feld. Aber gerade deshalb erscheint mir ein eingehender Blick darauf besonders viel versprechend für unseren Erkenntnisgewinn. Im Letzten geht es darum, wie sich Australier selbst sehen, und was sie antreibt, wenn sie sich am Gemeinwesen beteiligen.

Dem Hauptanliegen dieses Beitrags liegt eine Beobachtung zugrunde, die zunächst einmal jeder Besucher des Landes ohne größere Umstände machen kann. Zum Kanon dessen, was man wissen muss, um Australier zu sein, zum australischen kulturellen Kapital, gehören Geschichten und historische Begebenheiten, die ihrem ursprünglichen Gehalt nach nicht staatstragend sind. Es sind Erzählungen von „underdogs“, die gegen gewaltige Übermacht kämpfen und untergehen. Die bekannteste populär-historische Figur im Land ist Ned Kelly, ein Räuber und Pferdedieb, der angeblich den Reichen nahm, um es den Armen zu geben, Polizisten erschoss und zu seinem legendären letzten Gefecht in einem Stahlpanzer erschien, und schließlich erhängt wurde. Dieses Jahr wird der 150. Jahrestag der sog. „Eureka Stockade“ begangen, dem Aufstand von Goldsuchern gegen ein von den britischen Kolonialautoritäten eingeführten Lizenzsystems, der in weitreichenden demokratischen Forderungen mündete – nur um in einem halbstündigen Gefecht niedergeschlagen zu werden. Das Lied Waltzing Matilda hat mittlerweile den Status einer semi-offiziellen zweiten Nationalhymne erreicht. Es wird zu großen öffentlichen Anlässen, wie etwa Sportereignissen oder politischen Versammlungen, gleich nach der offiziellen Hymne intoniert. Der Text erzählt die Geschichte eines Schafdiebes im australischen Busch, der dem Zugriff durch die Polizei durch seinen Selbstmord entkommt. Im Refrain werden alle Zuhörer aufgefordert, ihm in seinen diebischen Aktivitäten nachzueifern.

Betrachtet man nur diese Narrative, und ihre ikonische Stellung in australischer Gesellschaft, könnte man die naive These konstruieren, dass tatsächlich alle Australier mit Leuten sympathisieren, die diese Geschichten des Widerstandes heute wiederaufleben lassen. Man müsste annehmen, dass Australier durchweg positiv reagieren auf Demonstranten, die in häufiger Konfrontation mit der Polizei stehen, und versuchen , die Macht der Mächtigen in Staat und Wirtschaft nach unten umzuverteilen. Umgekehrt müssten solche politischen Aktivisten all ihr Tun immer in den Kontext dieser nationalen Narrative stellen können und wollen. Sicherlich ist weder das eine noch das andere der Fall in so kompromissloser Form, die einer naiven Projektion gleichkommt. Aber damit hat sich das Potential der polarisierten Vorstellung noch nicht erschöpft. Es gilt jetzt, die Grauzonen auszuloten. Bis zu welchem Grad lässt sich doch eine Identifikation von Aktivisten und Mythen finden? Welche Kräfte berufen sich heute noch auf sie und für welchen Zweck – und wie interagiert das wiederum mit dem Aktivistengebrauch? Welche Prozesse haben stattgefunden, auf dem Weg zwischen den ursprünglichen historischen Ereignissen und ihrer heutigen Stellung in der australischen Gesellschaft?

Wie schon angedeutet, ist die Aktivistenszene in Australien breit gefächert. Weltweit ist die Zersplitterung im linken politischen Spektrum sprichwörtlich, und ebenfalls weltweit ist gerade die Antiglobalisierungsbewegung stolz auf ihre Diversität. Es muss also auch im Detail untersucht werden, welcher politischen Richtung die Bewegung vertreten und welchen Praktiken sie sich verschrieben haben. So lassen sich die Nuancen in den jeweiligen Beziehungen zu den Nationalmythen herausarbeiten.

1. Nationalnarrative in Australien

Die historischen Ereignissen um Ned Kelly und den Goldgräbern auf dem Eureka Feld wurden im Laufe der Zeit ikonische Bestandteile der australischen Kulturgeschichte. Stehen sie zunächst noch allein, als unabhängiges Ereignis ihrer Zeit, bekommen sie über Jahrzehnte hinweg ein zweite Bedeutung als Bestandteil des typisch „Australischen“, der Vorstellung vom nationalen Typus des unabhängigen anti-autoritären Kämpfers für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung wie sie im Konzept des „Fair Go“ verkörpert sind. Vor allem in der Zeit um 1890 werden sie in die Schnittmenge von Nationalismus und links-politischem Klassenkonflikt aufgenommen und als historische Legitimationsinstanz konstruiert. Sie werden zu Bausteinen der sich bildenden Nation und zu Kernstücken der aufkeimende Tradition von Widerstand in Australien. Mit fortlaufender Repräsentation in populären Werken im 20. Jahrhundert geht Ned Kelly in das Selbstverständnis des Querschnitts der australischen Gesellschaft ein. Ähnlich wird auch das Andenken Eurekas durch künstlerische Darstellung bewahrt. Vor allem linksgerichtete Gruppen, Irischstämmige und Gewerkschafter halten Eureka und seine Flagge im politischen Diskurs präsent.

Gleichzeitig mit der Eingliederung der historischen Ereignisse in den ikono-australischen Kanon wurden die Mythen auch Gegenstand von hegemonialen Bestrebungen. Je mehr diese Geschichten als etwas typisch „Australisches“ angesehen wurden, entstand bei der herrschenden Minderheit Interesse, sich mit diesen Mythen zu identifizieren und sie zu kontrollieren, um ihre Dominanz zu festigen. Mit dem Erreichen der Interpretationshoheit von Bestandteilen des national characters sollte der jungen Nation ein kultureller Kristallisationspunkt gegeben werden, aus denen Gemeinsamkeiten konstruiert werden konnten, die gesellschaftliche Homogenität und die Akzeptanz von Herrschaft ermöglichte. Vor allem die Australian Labor Party leitete aus der ursprünglichen Verbindung zu Eureka über ihren Gründungsmythos im 1891er Schererstreik eine Verbindung zu den aufständischen Goldsuchern ab.

Die sich langsam entwickelnde Entradikalisierung der Gewerkschaften und der ALP spiegelte sich auch in deren Interpretation der identitätsstiftenden Narrative wider. Erzählungen von Auflehnung sollen heute den status quo legitimieren. Um diesen Prozess der Aneignung jedoch bis heute vollziehen zu können, musste augenscheinlich eine semi-bewusste Anpassung an Mittelklassewerte und an das jeweils aktuelle ökonomische Paradigma stattfinden. Das trug dazu bei, Abweichungen vom hegemonialen Standard zu unterbinden, nationale Kohäsion zu wahren und ihnen inhaltlich nicht entsprechende, potentiell konfliktgeladene Entscheidungen, wie etwa die uneingeschränkte Marktglobalisierung Australiens, zu unterstützen.

Diese Aufweichung folgt anscheinend im Wesentlichen zwei Deutungsmustern: Zum einen werden die in den Narrativen beschriebenen Konflikte als überwunden erklärt. Gab es auch in der Vergangenheit große Ungerechtigkeiten, soziale Zurücksetzungen und Demokratiedefizite, so seien diese heute weitgehend ausgeräumt. Eventuelle Unzufriedenheit mit politischen Missständen könne über die heute gebräuchlichen Methoden der parlamentarischen Demokratie vorgetragen und bereinigt werden. Deshalb seien auch militante Taktiken zur Durchsetzung von Reformen nicht mehr nötig.

Zum anderen werden die tatsächlich militanten Elemente der historischen Ereignisse im Vergleich weniger betont als solche, die sich in Anpassung heute verwandeln lassen. So steht zum Beispiel für die ALP der Multikulturalismus, die harte Arbeit und die Selbstständigkeit der Goldsucher von Eureka eher im Vordergrund als ihre umfassende politische Vision. Eureka und Ned Kelly werden reduziert und als nur für ihre Zeit relevant angesehen. Dazu werden sie ihrer militanteren Aspekte bereinigt, während gleichzeitig hegemoniell brauchbare Aspekte transzendieren können. Beide dürfen nicht als Blaupausen für den Kampf Unterdrückter gegen Unterdrücker gesehen werden, die auch heute noch zur Anwendung kommen könnten. Und diese Disassoziation wird so weit geführt, dass selbst einige Derjenigen, die sich eigentlich darauf berufen könnten, von den historischen Ereignissen keinen Gebrauch mehr machen. So konnte am Endpunkt dieses Prozesses zum Beispiel die Blockade von S11 gewaltsam aufgebrochen werden und darüber hinaus die Demonstranten als „unaustralisch“ bezeichnet werden, obwohl sie gerade Grund gehabt hätten, sich im Licht der angeblich australotypischen Mythen zu präsentieren und zu legitimieren.

2. Methodologie

2.1 Vorbemerkung: Konstruktivismus

Die vergangenen zwanzig Jahre haben einen Paradigmenwechsel in der soziologischen Methodologie hervorgebracht. Das Postulat einer absoluten und objektiven Abbildung von Wirklichkeit ist zum Teil unter dem Einfluss neuerer philosophischer Strömungen abgelöst worden durch ein Bekenntnis zu einem konstruktionistischen Forschungsmodell. Eine der Kernforderungen besteht darin, den Einfluss des Forschers auf die Ergebnisse anzuerkennen.[2] Eine Studie wird in ihren Ergebnissen nicht nur durch Aussagen und Verhalten der Beobachteten, sondern mindestens genauso durch die Entscheidungen und Voreinstellungen des Beobachtenden determiniert. Jede sozialwissenschaftliche Studie ist also ein gemeinschaftliches Produkt von beiden beteiligten Parteien mit gehobenem, aber nicht letztlich objektiven, Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Entscheidend im Ablauf der Untersuchung ist, dass der Untersuchungsleiter sich über die Vorraussetzungen und Implikationen im Klaren ist, denen seine Materialsammlung und seine Auswertung unterliegt:

[quote] What is crucial is that researchers choose their actions with a self-conscious awareness of why they are making them, what the effects are likely to be upon that relationship – and indeed whether their own theories and values are getting in the way of understanding those of the respondents. (Bryman, 2004, S. 17). [/quote]

Dabei sind Prämissen und persönliche Einflussnahme nicht unbedingt von Nachteil für die Relevanz von Ergebnissen. Ihre Existenz anzuerkennen ist Teil des Erhebungsprozesses. Die Anerkennung dieser Verzerrungen und die Grundlegung im Konstruktivismus werden die weitere Vorgehensweise informieren.[3]

2.2 Semi-strukturiertes Tiefeninterview

Mein Forschungsinteresse liegt auf Fragen der Identität, persönlicher Vorlieben und Loyalitäten, Entwicklungsgeschichten, Ansichten und Einschätzungen von komplexen Sachverhalten. Das passende Instrument hierfür ist das sog. unstrukturierte Tiefeninterview. Es wurde ursprünglich für die psychologische Marktforschung entwickelt (Salcher, 1995, S. 28). Es handelt sich dabei um eine relativ offene Form der Befragung, die vor allem dazu bestimmt ist, frei formulierten Text zum Thema zu produzieren, mit einem möglichst großen Anteil von Wertungen und Einschätzungen von Seiten des Befragten:

[quote] The interviewer typically has only a list of topics or issues, often called an interview guide or aide memoire, that are typically covered. The style of questioning is usually informal. The phrasing and sequencing of questions will vary from interview to interview (Bryman, 2004, S. 113). [/quote]

Die zweite zu stellende Hauptfrage, neben der Involviertheit des Interviewers selbst, im Bezug auf soziologische Forschung, ist die nach der Weitmaschigkeit des Forschungsinstruments. Um eine Momentaufnahme der Einstellung meiner Zielgruppe zum Gegenstand zu bekommen bietet das unstrukturierte Tiefeninterview die meisten Vorteile. Zunächst einmal kann sich die befragte Person hauptsächlich in ihren eigenen Worten ausdrücken und somit ein subtileres, dataillierteres Bild konstruieren, als bei enger gefassten Methoden. Wie Bryman schreibt, geht es darum, ein möglichst umfassendes Verzeichnis von Aussagen aufzubauen:

[quote] For to understand other persons' construction of reality we would do well to ask them (rather than assume we can know merely by observing their overt behaviour) and to ask them in such a way that they can tell us in their terms (rather than those imposed rigidly and a priori by ourselves) and in a depth which addresses the rich context that is the substance of their meanings (rather than through isolated fragments squeezed onto a few lines of paper). (Jones, Sue 2004) [/quote]

Ein weiterer Vorteil der Methode ist ihre Flexibilität. Sie erlaubt es, neue Prämissen bzw. bereits gewonnenes Wissen in die späteren Befragungen einfließen zu lassen. So würde sich über den Zeitraum der verschiedenen Interviews der Fragenkanon abändern, der spezifischen Gesprächssituation anpaßen und auf möglichst großen Erkenntnisgewinn durch den jeweiligen Gesprächspartner ausrichten lassen. Das bedeutet keineswegs Strukturlosigkeit, als vielmehr die Widerspiegelung eines sehr subtilen Prozesses von gegenseitiger Herausforderung durch die Gesprächspartner.

Einer der großen Nachteile der Methode entsteht in einem späteren Schritt des Forschungsprozesses: der Auswertung der Daten. Da sich der ursprüngliche Gesprächsleitfaden weiterentwickelt und den jeweiligen Gegebenheiten angepasst wird und relativ wenig Kontrolle über Art und Umfang der Antworten besteht, lassen sich diese nicht eins zu eins miteinander in Beziehung setzen. Somit fallen rein statistische Auswertungsmethoden, sowie das klassische Kodieren als Auswertungsinstrumente weg. Die andere in den Sozialwissenschaften besonders bevorzugte Methode, narrative Analyse, ist sehr stark auf Interviews ausgelegt, die sich auf selbst erlebte Ereignisse und komplette Lebensgeschichten beziehen. Dabei wird vor allem aus der Sequenz des Erzählten auf dessen Wichtigkeit geschlossen, was aber keine adäquaten Ergebnisse für emphatische Verhältnisstudien gibt (Siehe Bryman, 2004, S. 412). Ein ähnliches Problem ergibt sich für sog. Grounded Theory Verfahren, die in der klassischen Variante sehr kleinschrittig sind und schon auf der Ebene des Satzbaus mögliche Auswertungskathegorien entwickeln (Bryman, 2004, S. 401ff). Allerdings übernehme ich deren Grundprinzip für meine Auswertung, das im Wesentlichen im Abgleich von Thesen – in der Literatur Kathegorien genannt – anhand der Interviewdaten besteht. Die Ausgangsvermutung, die auch die Frage formuliert hat, wird zu einem sich wiederholenden stimmt/stimmt nicht Vergleich herangezogen (Bryman, S. 403, Box 19.4.). Die Ergebnisse werden dann unter den Interviewpartnern verglichen und in Zusammenhang gestellt. Am Ende ergibt sich ein differenzierter Vergleich der Beziehungen der Gesprächspartner zum Gegenstand.[4]

Insgesamt werden die Probleme der Auswertungsmethodik durch die Vorteile der Methode aufgewogen. Unstrukturierte, bzw. strukturangepasste Tiefeninterviews bieten die größte Wahrscheinlichkeit auf wertvolle Einsichten und Einschätzungen zu stoßen, die sich für die Beantwortung der Forschungsthesen eignen.

2.3 Auswahl der Testgruppe

Dies gestaltete sich als einer der anspruchsvollsten und langwierigsten Teile der Studie, da die Auswahl der Kandidaten für die limitierten Interviewplätze die Endergebnisse entscheidend beeinflussen würde.[5] Zunächst hätte eine Fülle von Kandidaten aus der Bewegung und den einzelnen Gruppen zur Verfügung gestanden.

Es galt, ca. 10 Probanden auszuwählen, die eine der größeren Gruppierungen, die an der Antiglobalisierungsbewegung beteiligt gewesen sind, repräsentieren könnten: die ökologische Fraktion, die Sozialisten, die Anarchisten, die Akademiker und die Gewerkschaften. Wenn möglich sollte jeweils ein Vertreter mit niedrigem und einer mit hohem Status innerhalb seiner Gruppe gefunden werden. Als Kontrast sollten noch Stimmen aus dem nicht-gruppengebundenen Lager und ein Repräsentant der Staatsregierung zu Wort kommen. Idealerweise würden alle Probanden möglichst artikuliert sein und durch ihre Bindung an die Gruppe bzw. ihr Engagement während der Hochphase der Bewegung, nicht aber durch eine besondere Beziehung zu den Narrativen, hervorstechen.[6] Damit wäre gewährleistet, dass nicht die besonders historisch Interessierten die Ergebnisse verzerren würden, sondern eher eine im vorgegebenen Rahmen möglichst breite Repräsentanz innerhalb der unterschiedlichen Fraktionen gewährleistet wäre.

Letztendlich wurden nach diesen Anforderungen acht Probanden aus dem Kreis der Gruppengebundenen selektiert: Mick (Sozialist, hoher Status)[7], Seb (Sozialist, niedriger Status), John (Gewerkschafter, hoher S.), Jerome (Sozialist, niederiger S.; Gewerkschafter, hoher S.), Cam (Umweltaktivist, hoher S.), Ian (Umweltaktivist, niedriger S.), Joe (Anarchist, hoher S.), Liz (Studentenbewegung, hoher S.). Die beiden Dozenten, Prof. Stuart McIntyre und Dr. Damian Grenfell, wurden durch ihre Forschungsinteressen zu wahrscheinlichen Kandidaten, wobei Damian auch zusätzlich noch freier Aktivist ist. Amy (Freie Studentenbewegung, n.S.) und Vivienne (Freie Demokratieaktivistin, h.S.) meldeten sich auf entsprechende Aushänge hin. Die Beauftragte der Landesregierung für die Eurekafeierlichkeiten, Allison Dutka, wurde mir auf Anfrage durch deren PR-Firma vermittelt. Alles in allem wurden somit 13 ca. einstündige Interviews durchgeführt.

2.4 Der Leitfaden

Der ursprüngliche Fragebogen für die Aktivisteninterviews war in vier Teile aufgeteilt. Auf die Erläuterungen zur Vertraulichkeit und zum allgemeinen Thema der Gesprächs folgten: Persönliche Datenerhebung und Hintergrund des Befragten, Fragen zum historischen Ereignis Eureka Stockade, Fragen zum Vergleich der globalisierungskritischen Bewegung und Eureka, Fragen zu Ned Kelly.

Dazu kam die Einstiegsfrage nach australienrelevanten Narrativen und die nach dem unaustralischen Aktivismus.

  • What sort of activism have you been engaged in and for how long?
  • If someone migrates to Australia, which stories would he or she have to learn about?
  • The Eureka Stockade, please name your immediate associations.
  • Please recount the events as you remember them.
  • Where did you first learn about it?
  • How important is it for yourself? (frequency, last occasion)
  • Would you have liked to be there, why?
  • How important was it for Australia in the past?
  • What are the feelings of most Australians towards Eureka today?
  • What qualities do the miners represent?
  • Were the miners of Eureka the same sort of people as protesters today?
  • Is Eureka inspirational for the anti-global movement? In what ways?
  • Does Eureka belong more to John Howard or the anti-global movement, why and in what regards?
  • Was S11 reminiscent of Eureka in any way?
  • A typical Australian has just watched a TV documentary on the Eureka stockade. Then he sees footage from S11 on the news. Would he make a connection? What would his comments be?
  • Anti-global activism has been labeled un-Australian. Please comment!
  • Is Ned Kelly an inspiration to you / the antiglobal movement / Australians?
  • Where did you first learn about him?

Die Fragen wurden zum Teil in unterschiedlicher Reihenfolge gestellt, je nach Gesprächssituation und in verschiedenen Formulierungen. Relativ früh im Gespräch stellte sich meistens heraus, ob sich ein Gesprächspartner eher zu Eureka oder zu Ned Kelly äußern konnte. Dementsprechend wurden die weiteren Fragen angepaßt. Hinzu traten noch optionale Fragen, die sich vor allem aus den Gesprächen selber bzw. der besonderen Situation des Aktivisten und seiner Gruppe ergaben.

Als eine der entscheidenden Kriterien für die Anwendung der ursprünglichen Fragen erwies sich die Abstraktionsfähigkeit des Befragten und seine Bewandtheit in der Materie. Wo sich die Möglichkeit ergab, eigene differenzierte Betrachtungen abzufragen, habe ich dem den Vorzug vor meinem niedrigschwelligen Ansatz gegeben, bzw. beide nebeneinander gestellt.

2.5 Fragebogen

Als Ergänzung zu den Tiefeninterviews wurde eine semi-quantitative Erhebung durchgeführt. Sie bestand aus einem Fragebogen mit 20 offenen Fragen ähnlich denen aus den Interviews. Kernstück waren allerdings drei geschlossene Komplexe, in denen die Teilnehmer Gewichtungen per Zahlenskala ausdrücken sollten zu ihrem Verhältnis zu Ned Kelly und Eureka, sowie eine Einschätzung, welche gesellschaftliche Gruppe in Australien sich am ehesten mit diesen identifizieren würde. Die Teilnehmer waren Aktivisten aus Victoria (sowohl aus Melbourne als auch des Hinterlands), die sich zu einer Demonstration gegen weitere neoliberale Reformen durch die Howard-Regierung angemeldet hatten, aus Anlaß der Eröffnung des neu gewählten Commonwealth-Parlaments in Canberra am 12.11.2004. Aus einer 200-köpfigen Gruppe wurden per Zufallsprinzip 35 ausgewählt. Von diesen gaben 15 ausgefüllte Bögen zurück. Die Ergebnisse werden zu Beginn des nächsten Kapitels besprochen.

3. Auswertung

Zuerst wird der begleitende Fragebogen untersucht, danach die Tiefeninterviews. Den Abschluss des Kapitels bildet eine teils interviewgestützte Betrachtung der aktuellen Haltung der ALP zur Eureka Stockade.

3.1 Fragebogen

Mit dem Fragebogen wird ein breiteres Bild vom Verhältnis der Aktivisten zu Eureka und Ned Kelly gewonnen, als durch die Interviews erreicht werden kann; es geht außerdem in einer Frage um gesamtgesellschaftliche Resonanz.

3.1.1 Integrationsfrage

Diese ist im Wesentlichen mit der Frage aus den Interviews nach den ikonisch australischen Geschichten, die ein Einwanderer zu lernen hätte, identisch (vgl. 4.4). Es gab von acht der fünfzehn Personen konkrete Vorschläge, insgesamt 26 verschiedene. Zwei Personen nannten spontan die Eureka Stockade, eine Ned Kelly.

3.1.2 Wichtung der Identifikation gesellschaftlicher Gruppen

Es wurden zwölf Vertreter von verschiedenen Sparten der australischen Gesellschaft vorgegeben, die untereinander verglichen wurden. Die Ergebnisse wurden aus allen eigegangenen sechzehn Wertungen addiert und ergaben folgendes Ergebnis, wobei ein niedriger Wert einer hohen Identifikation entspricht. Die Reihenfolge der Auflistung folgt hier der Rangfolge in der Kategorie Eureka:

Gruppenvertreter

Eureka:

Rang

Ned Kelly:

Rang

Gewerkschaftsfunktionär

14

1.

33

3.

Bauarbeiter

27

2.

26

1.

S11 Demonstrant

34

3.

26

1.

Älteres Mitglied des Kriegsveteranenverband (RSL)

46

4.

55

6.

Student der Geisteswissenschaften

49

5.

40

5.

Chinesischer Immigrant

53

6.

66

7.

Polizist

55

7.

77

9.

Steve Bracks (Landesregierungschef)

70

8.

71

8.

Schülerin mit Nebenjob

72

9.

39

4.

Pauline Hanson (Politikerin der One Nation Partei)

91

10.

83

10.

Rupert Murdoch (Medienmogul)

97

11.

95

11.

John Howard (konservativer Regierungschef)

97

11.

98

12.

Der Gewerkschaftler, der Bauarbeiter und der S11 Demonstrant werden laut der Aktivisten also am ehesten mit Ned Kelly als auch Eureka verbunden. Danach folgt der ältere Veteran. Student und Immigrant nehmen das obere, der Polizist, Steve Bracks und die Schülerin das untere Mittelfeld ein. Den Abschluss bilden Pauline Hanson, Murdoch und Howard.

3.1.3 Inspirierende Elemente Eurekas

Die Befragten sollten die Anteile des Mythos benannt werden, die für den eigenen Aktivismus anregend seien. Genannt wurden jeweils:

  • willingness of miners to take action, their sense of justice, the violent repression • anti-authoritarianism, internationalism, fighting for your rights
  • determination, solidarity, creative fight for workers' rights
  • legitimate uprising, underdogs, perseverance, courage
  • stood up for their believes, courage, questioned authority
  • grassroots democracy, challenged the state, international solidarity
  • boldness, dedication, seeking justice
  • courage, hope, getting together to refuse to be bullied
  • people fighting against authority
  • sense of adventure, uprising in hopeless situation
  • ordinary people fighting for their rights, courage, collective action
  • patience, people who stood up for their rights
  • resistance, courage, working together
  • determination, courage, passion, ingenuity
  • courage, determination, sense of justice, standing up against authority

Die Beiträge, die besonders häufig genannt wurden, fielen in fünf Kategorien:

Kampf für Gerechtigkeit

8

Mut

8

Anti-autoritäres Handeln

7

Entschlossenheit

6

Kollektives Verhalten

6

3.1.4 Inspiration gewichtet

Auf einer Skala von eins bis zehn sollte eine Einschätzung der Identifikation mit Eureka und Ned Kelly gegeben werden, wobei 1 für wenig und 10 für umfassende Identifikations steht. Es ergaben sich folgende Ergebnisse:

Alter

19

19

21

21

22

23

24

25

27

37

39

50

51

60

62

Eureka

1

4

0

1

2

7

4

1

2

3

3

4

3

5

7

Ned

1

2

0

1

3

7

6

1

4

4

3

4

7

6

9

Von den 30 Werten sind acht über der Mittelmarke, und davon sind fünf in der Altersklasse über 50. Die fünf Personen mit den niedrigsten Wertungen sind jeweils unter 25, während die fünf mit den höchsten Wertungen bis auf jeweils eine Ausnahme die ältesten sind. Es scheint sich eine Tendenz abzuzeichnen, dass ältere Aktivisten sich eher mit den Narrativen identifizieren als jüngere.

Nur bei drei von fünfzehn Aktivisten liegt der Identifikationsgrad über oder gleich der Halbwertsmarke. Bei Ned Kelly sind es fünf.

3.1.5 Abschluss Fragebogen

Die Aktivisten scheinen weder Kenntnisse über Eureka noch Ned Kelly für eine notwendige Bedingung für die Integration in die australische Gesellschaft zu halten. Aus verschiedenen australischen Gesellschaftsgruppen würden ihnen zufolge mit Eureka und Ned Kelly vor allem Gewerkschafter und Bauarbeiter assoziiert. Letztere vermutlich wegen der bekannten Verbindung zwischen der militanten Baugewerkschaft und Eureka. Besonders interessant ist hier, dass die Globalisierungskritikern von S11 bei Eureka den dritten und Ned Kelly den ersten Platz einnehmen. Ihnen wird also eine hohe Identifikation mit diesen beiden Narrativen eingeräumt – ob aus strukturellen oder inhaltlichen Ähnlichkeiten bleibt ungeklärt. Beachtenswert ist auch das relative niedrige Abschneiden von Steve Bracks, dem Landesregierungschef, dessen angestrebte enge Assoziation mit Eureka ihm scheinbar von den Aktivisten abgesprochen wird (siehe 5.3).

Eureka selber besitzt für die sie in so fern Inspirationswert, da es für das Kämpfen für Gerechtigkeit, Mut, gegen Autoritäten gerichtetes Handeln, Entschlossenheit und Vorgehen im Kollektiv steht. Die individuelle Motivation durch Eureka und Ned Kelly ist allerdings bis auf Einzelfälle bei den jüngeren Aktivisten eher gering und bei den älteren durchschnittlich. Bei dieser einzelnen Querschnittsfrage fällt allerdings die kleine Fallzahl besonder ins Gewicht. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für statistische Fehler. Die Daten sind nicht repräsentativ.

4.2 Gruppenspezifische Auswertung der Interviews

Im Folgenden werden die Haltungen der fünf verschiedenen Strömungen der globalisierungskritischen Bewegung zu den Nationalnarrativen Eureka Stockade bzw. Ned Kelly, untersucht. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf drei Kategorien, denen jeweils Auszüge aus den Interviews zugeordnet werden: Stellung der Narrative in der australischen Gesellschaft, Beziehung der jeweiligen Gruppe zu ihnen und drittens die persönliche Bindung. Dies geschieht auf der Basis von Zusammenfassungen des Rohmaterials, wie sie im Anhang zu finden sind. Jene Kurzfassungen der Interviews bilden bereits selber einen Abstraktionsschritt, der allerdings durch den Umfang des Materials notwendig geworden ist. Er wurde vorgenommen in Anlehnung an die Praxis des Australian Centres der Universität Melbourne und in Absprache mit dem Betreuer der Abschlussarbeit, die diesem Beitrag zugrunde liegt. Dies geschah, um einen mehrere hundert Seiten umfassenden Anhang klassischer Abschriften der Aufnahmen zu vermeiden. Es kommen dabei sowohl wörtliche Zitate besonders prägnanter Stellen in englischer Sprache, als auch deutsche Paraphrasierungen zum Einsatz. Das Originalmaterial wird hinterlegt. Den wörtlichen Zitaten wird jeweils eine Minutenangabe daraus zugewiesen. Eine detailliertere Beschreibung der Personen und ihrer Stellung innerhalb der Organisationen befindet sich im Anhang II. zu Beginn des jeweiligen Interviews. Aus Gründen der Diskretion werden die befragten Aktivisten nur mit Vornamen genannt.

4.2.1 Anarchisten

Die Anarchisten stellen innerhalb der Bewegung eine kleine, aber auffällige Minderheit dar. Ihre Hauptbasis haben sie mit etwa 25 Mitgliedern auf dem Campus des RMIT (Royal Melbourne Institute of Technology), der größten technischen Hochschule Australiens. Dazu kommt noch einmal die gleiche Anzahl außerhalb. Die meisten Aktivitäten finden unter dem Namen Anarchist Network statt, einer Gruppe, die vor allem von ca. 10 älteren Aktivisten getragen wird. Sie veranstalten wöchentliche Treffen, unterhalten eine Webseite und werben für ihre Ideen über den innerstädtischen offenen Radiokanal 3CR.

Von allen hier beschriebenen Gruppen beziehen sie sich am direktesten auf die Eureka Stockade. Sie sehen sich als deren Erben und Verwalter des wahren Geistes von Eureka. Joe, einer der Sprecher des Netzwerkes, nimmt an, dass die Goldsucher zu ihrer Zeit sich zwar nicht Anarchisten genannt haben, aber doch nach eben solchen Prinzipien gehandelt haben.

[quote] We are like the returned servicemen for ANZAC day, because we see ourselves as the direct historical descendants of the men and women at Eureka. They [the Eureka Centre and the Government of Victoria] may have the money and the institutions, but we have the spirit and are therefore always ahead of them. (b 3) [/quote]

Zentraler Punkt sei dabei der Schwur von Eureka, der sowohl Elemente der radikalen Demokratie, von militantem Handeln, von Solidarität und unbedingter weltweiter Gleichheit und Zusammenarbeit enthalte.

[quote] Anarchism is about creating a society where there are no rulers, where people make decisions on the basis of direct democratic principles, where people work together, solidarity, where race, religion and sexual orientation is not important, and where direct action is an essential element, because people themselves believe that they have the capacity to carry out their affairs without the need of professionals or the state or a ruling class or a bureaucracy. So in many regards, although people at Eureka didn't think of themselves as anarchists, the mechanism they constructed were anarchist. And what we have attempted for the past three years is to claim that radical spirit which is not acknowledged by the left as well as governments, as well as historians. ('5) [/quote]

Deshalb sehen sich die Anarchisten auch als die einzig wahren Vertreter der Goldsucher heutzutage und setzen das auch in konkrete Aktivitäten um. Jedes Jahr organisiert das Reclaim the Spirit of Eureka Collective und das Anarchist Network eine eigene Feierstunde in Ballarat am 3. Dezember, um die ihrer Meinung nach de facto anarchistische Rebellion zu würdigen.

Dementsprechend unzufrieden sind sie mit der Stellung von Eureka in der australischen Gesellschaft. Es würde zum einen als Aufstand und nicht als genuine Rebellion missinterpretiert. Außerdem werde es nicht durch einen Feiertag besonders hervorgehoben. Ned Kelly hingegen werde allgemein zu einem Supermythos stilisiert, obwohl seine Legende es an politischem Gehalt missen lasse:

[quote] We ignore the moments of confrontation when the power of the ruling class was under threat, but we line on the idea of the independent rebel who is fighting a hopeless cause without actually challenging the state apparatus. ('21) [/quote]

Außerdem würde Eureka auch falsch eingeordnet und als mehr oder minder isolierter Aufstand über vereinzelte Streitpunkte bezeichnet, nicht aber als umfassende und in ihren Forderungen radikale Rebellion gegen das herrschende System, wie es von der damaligen Kolonialverwaltung repräsentiert wurde. Um so schärfer noch lehnen sie die staatliche Ausschlachtung Eurekas durch die ALP Landesregierung ab, die sie verdächtigen, die 150 Jahrfeier vor allem für ökonomische Zwecke aufzubauschen.

[quote] They pick up the 150th anniversary, because they think they can create a continuum between 1854 and 2004 in terms of representative government. So, there was the political factor as well as the business factor – but more the business factor. ('16) [/quote]

Ebenso würde man laut den Anarchisten z.B. mit der akademischen Konferenz dem eigentlich radikalen Anspruch von Eureka in so fern nicht gerecht, da bewusst eine Gelegenheit verpasst würde, über echte Demokratie nachzudenken. Es würde stattdessen eine abgeschottete, historisierende Veranstaltung ohne konkretes Ergebnis daraus gemacht.

Ähnlich gelagert erscheint den Anarchisten besonders offensichtlich, dass sich eine Kluft auftut zwischen dem militanten historischen Geschehen und der Art, wie es durch die australische Führungsschicht heute dargestellt und zelebriert würde. Mit Eureka ließe sich Nationalgefühl aufbauen, aber nur in stark angepasster Form. Dabei bliebe aber ein Restgehalt übrig, der sich eben nicht vollständig vereinnehmen ließe. Eureka mit parlamentarischer Demokratie in Verbindung zu bringen sei demnach völlig unzulässig ('9).

[quote] It is about creating national identity, which is based on struggle, but not really accepting what had actually happened, but trying to massage it into a form that suits the current political line. But even the Labour party to some degree kept away from Eureka. Because it can be a two-edged sword having that association with the only armed rebellion in this country, apart from Vinegar Hill. ('17) [/quote]

Persönlich hat Eureka für den Sprecher der Anarchisten, Joe, vor allem in seiner Jugend und dann wieder in den letzten zehn Jahren eine wichtige Rolle gespielt, in denen er ein gesteigertes Interesse an Eureka beobachtet hat. Er hat sich selber stark in die Vorbereitungen für S11 eingebracht, dass er zumindest indirekt mit Eureka in Verbindung bringt. Es stehe in so fern auf gleicher Stufe, da auch dort die Landesregierung Gewalt gegen Andersdenkende angewandt hätte:

[quote] The violence started only on day two. And it started because the state government, through the premier, gave overt permission, and the prime-minister, to physically intimidate, harass and bash the protesters. That's the problem they have with Eureka. And that is why it is quite extraordinary that they intend to take it over for their own purposes. And that is why we were there – to mark that rebellion. ('23) [/quote]

Alles in allem ergibt sich ein hoher Identifikationsgrad der organisierten Anarchisten mit Eureka, das sie als Teil ihrer politischen Tradition und Vorbild für ihr heutiges Engagement ansehen. Der wahre Wert von Eureka scheint ihnen in der australischen Gesellschaft durch die Umdeutungen einer voreingenommenen und ihre eigenen wirtschaftlichen Ziele verfolgenden Staatsmacht verfälscht.

4.2.2. Sozialisten

Die sozialistische Haltung zu den Nationalnarrativen auszuloten wird dadurch erschwert, dass sie sich in drei Gruppen gespalten haben. Von den eigentlichen Nachfolgern der in den 60er Jahren sehr Eureka begeisterten Marxistisch-Leninistischen Partei, der Democratic Socialist Party (DSP) stand keiner der Organisatoren für ein Interview bereit. Eine der zwei trotzkistischen Gruppen, die Internationalist Socialist Organisation (ISO) befindet sich gerade in der Auflösung. Deshalb beziehe ich mich hier auf einen Vortrag der DSP zum Thema Eureka und zwei Interviews mit Mitgliedern der anderen trotzkistischen Gruppe, Socialist Alternative (SA).

Grundsätzlich sehen sich alle drei Gruppen in der Tradition von Eureka. Die Einleitung zu dem Vortrag über Eureka von dem DSP Mitglied Colleen bringt die bestimmende Haltung gut zum Ausdruck:

[quote] The Eureka stockade was very much a rebellion of ordinary people against the powers-that-be and is as relevant today as in 1854. But socialists don't talk about these things out of a sense of nostalgia or historical interest, but rather that the lesson, ordinary people being prepared to fight and making a stand are just as relevant for next the few years with the Howard government that is intent on undermining working-class organisations, trade-unions and student unions. (Vortrag Colleen '1) [/quote]

Es geht also anscheinend darum, den historischen Kern von Widerstand in die heutige Situation zu übertragen und für einen sozialistischen Umschwung fruchtbar zu machen, gegen den vermuteten Feind der Arbeiterklasse und der Studentenbewegung: die aktuelle Regierung Australiens. Es ist allerdings interessant zu sehen, dass die Sozialisten eine feine Abstufung eingeführt haben, was die einzelnen Beteiligten der historischen Geschehnisse angeht. Betrachtet man zum Beispiel den Artikel von dem späteren Interviewpartner Mick über Eureka in dem SA Magazin, so lässt sich feststellen, dass zwar die Identität der Goldsucher als ordinary folks gewahrt bleibt, sie werden aber nicht als Arbeiter im klassischen Sinne gesehen. Vielmehr wird ihr Status als selbständige Unternehmer ohne direkte Vorgesetzte anerkannt.[8] Positiv erwähnt werden dann die militanten Taktiken, die Entmachtung der verhandlungswilligen moral force Chartisten und der gewaltsame Widerstand in der Stockade selber. Noch mehr aber liegt die Betonung auf dem Nachspiel in Melbourne und dem Einfluss der nicht näher spezifizierten Aktivisten in Melbourne, die für die Freilassung der gefangenen Anführer von Eureka agitierten.[9] Es scheint, als wären für die sozialistische Interpretation von Eureka die Ereignisse auf den Goldfeldern vor allem als Ausgangspunkt für eine verstärkte Radikalisierung der öffentlichen Meinung in Melbourne von Relevanz, weniger in ihrer ursprünglichen Bedeutung als Aufstand in Ballarat.

[quote] The miners' revolutionary stand had provided a focus for the mood of revolt that was sweeping the colony. In Melbourne a giant mass meeting called by respectable middle class figures to support the Governor's stand was taken over by radicals. A motion supporting the miners was carried overwhelmingly. An amazing victory had been won by bold revolutionary action.[10] [/quote]

Der Artikel setzt an anderer Stelle die Goldsucher in Verbindung mit den eher urbanen Aktivisten für eine Revolution nach amerikanischem Muster. So wird Eureka losgelöst von den ursprünglichen Forderungen und gelesen als Revolte mit letztlich republikanischen Zielen.

Wie Eingangs bereits erwähnt, wollen sozialistische Gruppen sich durchaus in die Tradition von Eureka stellen und das Ereignis mit heutigen Konflikten in Verbindung bringen. Um noch einmal Colleen zu nennen:

[quote] [T]he Eureka stockade reminds us, that the democracy we have today, has been won through fierce struggle. And that the limits on the powers-that-be are only there, because some people were prepared to stand up and fight. And if we are accused of just being nostalgic about it, we have to argue the relevance of the event today for campaigns like the refugee movement, against voluntary student unionism and the Iraq war. (Colleen '18) [/quote]

Demgegenüber malt Sebastian ein etwas vorsichtigeres Bild vom Umgang mit den historischen Narrativen. Grundsätzlich ist er dafür, diese zu verwenden, weil sie zumindest potentiell immer noch Menschen zu politischem Protest motivieren können:

[quote] I think, the way it's important is because, given it is a founding story of the country, how it is interpreted can have an effect on how people act in the future in the country and how we try to make social change and those things in general. So, even though it is very unlikely that obviously something exactly like Eureka will ever happen again, or, when we are in movements or on protest we don't associate back and say „Ah well, we need to build a stockade!“, I think it's still important, because it points people in a particular direction of action, depending of how they read that event. (Sebastian '21) [/quote]

Allerdings gäbe es kaum reale Manifestationen von Rückbesinnungen auf Eureka im täglichen Aktivistenleben. Es ist nicht etwas, auf das man bei Protesten oder beim Agitieren auf der Straße angesprochen würde (Sebastian '17). Auf die Frage, ob Eureka für S11 Protestierende inspirierend gewesen sei, antwortet Sebastian mit einem „not directly“. Vielmehr seien die schrecklichen Umstände in der Welt vor allem ausschlaggebend. Dann kämen die motivierenden Geschehnisse in Seattle (WEF). S11 im Allgemeinen sei allerdings vergleichbar mit Eureka in so fern, als es auch ein militanter, direct action Protest gewesen sei, der die Masse angesprochen hätte.

[quote] I mean I guess the other similarity might be, and I might be drawing a long bow, is that, there was an element to S11, I don't necessarily mean this in a bad way, there is these globals, multi-nationals, foreign companies that make all these decisions which affect everyone, unelected people who can only make these decisions because of their wealth, and so there is that idea that you need to protest and build a movement to actually take back some control. So, all those things are obviously very similar to those events that culminated at the Eureka stockade. So, although we might not be able to draw a direct line, it is obviously from events like Eureka a 150 years ago there, that this tradition has been kept alive in all sorts of ways, through the labour movement, you know, the socialist movement and all sorts of protest. The idea that protesting makes a difference and you have an impact and you have a right und you need to protest if something is wrong, that is how these things are related. (Sebastian '35) [/quote]

Damit wäre Eureka also vor allem für die heutigen Protestaktivitäten ein motivierender Faktor, insofern es ein gewichtiger Teil der Tradition von Wiederstand und Protest sei. Nicht aber so sehr als individuelles Ereignis, auf das man sich häufig berufen würde. Für Mick hingegen hatte S11 definitiv keine Ähnlichkeiten mit Eureka – schon weil Eureka langfristig gesehen ungleich wichtiger gewesen sei (Mick '18).

Wie einflussreich Eureka für die heutige australische Gesellschaft im Allgemeinen ist, könne man jetzt laut Sebastian gut herausfinden, da die Hundertfünfzigjahrfeiern anständen. Allerdings könne man auch so nicht um Eureka nicht herum kommen, niemand könne es ignorieren. Dieses Gewicht komme aber nicht aus dem historischen Geschehen, sondern aus dem Blick auf die fortgesetzte Interpretation und die Diskussion darum herum. Auch wenn es nicht wahrscheinlich sei, dass so etwas wie Eureka noch einmal geschehen würde, könne es doch Auswirkungen auf die Diskussion um soziale Veränderungen in der Zukunft haben (Sebastian '19).

Mick hingegen sieht eher die Negation als das Potential des radikalen Kerns von Eureka, sowie Ned Kelly. Zu weit sei der Prozess der Vereinnahmung bereits fortgeschritten, um noch viel Wirkungskraft entfalten zu können. Der Originalmythos werde sinnentleert durch Kommodifikation und Verlagerung des ursprünglichen radikalen Inhalts ausschließlichen in die Vergangenheit. Durch die Verlagerung und den zeitlichen Abstand sei es allerdings möglich, daraus wieder einen cause celebré zu machen:

[quote] The powers-that-be try to co-opt the rebels and make them into harmless icons. Or it was all done in the past. It was terrible then, but look, now we have got John Howard and what a terrific job he does. And it is a long time in the past, so it is safely in the past, just like people can be proud of a convict in their ancestry now. (Mick '21) And added to that, all these icons are tourist things these days. (Mick '26) [/quote]

Den Bedeutungsverlust für heutige Aktivisten und Australien im allgemeinen erklärt sich Mick dann im weiteren sowohl aus dem zeitlichen Abstand, als auch vor allem aus den bewussten Versuchen der Mittelklasse und ihren Vertretern an der Macht diese Geschichten von ihrem radikalen Kern abzutrennen:

[quote] It is partly the time gap. It is partly that they seem to be corny. It is precisely because the bourgeoisy has incorporated them they don't have the same radical potential, which gives them … . They have been neutred. It just seems to be another story like captain Cook. I might be wrong about it, this is speculative. It just seems another Australian history thing. (Mick '65) [/quote]

Ähnlich wie Mick erklärt auch Colleen die mangelnde Deckung zwischen der Aufwertung von nationalen Mythen und der gleichzeitigen Unterdrückung Andersdenkender durch die Regierung:

[quote] I want to show how Eureka has been co-opted as part of the nationalistic hysteria. None other than John Howard himself in fact celebrates the Eureka spirit of the fair go. Now, do any of you who have been denounced as un-Australian on demonstrations like S11, it seems a little bit incongruous, that the same man would hold up an armed uprising as the essence of the Australian spirit. And yet it is precisely in making it a nationalist myth, that it reduces the radical context of it to mere folklore and mere legend. It is though as if it were perfectly justified that back in the 1850s to take up arms and demand these things, but it has no bearing today as Australian society is very, very different, says Howard. And the Australian Labour party goes on with similar forms of rhetoric. […] And so, by relegating it to the stock of history makes it seems as if it was only relevant for the past. What is more, it plucked the stockade form it's real class content. (Colleen '4) [/quote]

Was Ned Kelly anbelangt, so spielt er für Sebastian keine größere Rolle, während er für Mick vor allem in seiner Kindheit und der irisch stämmigen Familie sehr präsent gewesen ist. Ned Kelly wurde damals vor allem als Opfer der Engländer gesehen, der für seinen typisch irischen Mut Polizisten zu töten und sich zu wehren sehr stark verehrt wurde, der „Larrikin who shoved it up them protestant, middle-class, english wowsers“ (Mick '20). Außerdem beobachtet Mick in den vergangenen zehn Jahren ein erneutes und zunehmendes Interesse für Ned Kelly.

Für die Fraktion der Sozialisten in der globalisierungkritischen Bewegung stellt Eureka eine Motivationsquelle und einen Anknüpfungspunkt im Selbstverständnis dar – wenn auch nicht die einzige, oder eine besonders hervorgehobene. Vielmehr scheinen sie das aktuelle Interesse anderer gesellschaftlicher Gruppen aufzunehmen und für die Hervorhebung der radikaleren Anteile des Geschehens zu verwerten. Einen besonderen Anschub von Protestaktionen wie S11 können beide Probanden nicht sehen, allerdings schlägt zumindest einer vor, es als Teil einer sich durch die australische Geschichte ziehenden Tradition von Widerstand zu sehen und damit auch als Inspiration für heutige ähnliche Aktivitäten im Allgemeinen. Das Eureka und auch Ned Kelly von vielen Australiern gefeiert werden, ohne radikaldemokratische Folgen, sehen alle Beteiligten der Intervention des Regierungsapparates geschuldet, dessen Darstellung der historischen Ereignisse den eigentlich radikalen Kern verdeckt.

4.2.3. Gewerkschaften

Für viele Australier ist Eureka vor allem mit der Gewerkschaftsbewegung verbunden, symbolisiert durch die Eureka Flagge, die viele von ihnen in ihrem Corporate Design nutzen und auf Demonstrationen zur Schau stellen. Auch in den Augen anderer Aktivisten wird dieser Zusammenhang spontan hergestellt. Elf von dreizehn Gesprächspartnern (die Ausnahmen waren Damian Grenfell und Vivienne) haben im Gespräch explizit darauf hingewiesen. So sagte zum Beispiel Mick gegen Ende seines Interviews:

[quote] For many people Eureka is a symbol of the BLF among the working class and the BLF is seen as this radical, militant organisation. But those myths would be stronger among an older than a younger building worker. (Mick '68) [/quote]

John, ein Vertreter der Bau-, Wald- und Minenarbeitergewerkschaft (CFMEU), geht aber über die reine Nutzung der Flagge hinaus: Es gäbe auch weitläufige inhaltliche Anlehnungen. Mithin wird Eureka als der Beginn der Gewerkschaftsbewegung angesehen.

[quote] We regard Eureka as the starting point of the struggle of the working class and the ordinary working man against the efforts of the rich and powerful to keep them in their place and not hand the power that the rich posessed down to the ordinary working person. (John '7) [/quote]

Sein Gegenpart Jerome, einfaches Mitglied in der gleichen Gewerkschaft stimmt den beiden Aussagen zunächst zu: „The unions use the iconography all the time, which is a living sort of tradition.“ ('35) Allerdings gäbe es nach seiner Darstellung selbst in der sehr militanten Gewerkschaft Distanz zwischen den Arbeitern und den oberen Rängen. Den Mythos Eureka würde aber jeder kennen, er käme nur in der Gewerkschaftsrethorik eher selten vor, was sich allerdings in diesem Jubiläumsjahr (2004) etwas geändert hätte und Eureka öfters erwähnt würde. Diese Beobachtung deckt sich mit Johns Aussage, dass er selber Eureka nur sporadisch für den Construction Worker einsetze. Jerome würde es hingegen manchmal doch verwenden in seinen Gesprächen mit politischen Kontakten auf der Baustelle – z.B. wenn er begründen würde warum die politischen Rechte in Australien so sauer verdient seien. Alles in allem bleibt er aber skeptisch, was die Aufmerksamkeit für Eureka und andere Nationalnarrative angeht: „You are doing a thesis on something we don't even care about.“ (Jerome '23) Auch John muss im weiteren Verlauf seines Gesprächs zugeben, dass es in den unteren Gewerkschaftsrängen weniger Interesse für diese „alten Geschichten“ gäbe. Es sei einfach nicht Teil der Populärkultur, die den Horizont vieler Arbeiter vor allem ausmache.

[quote] Standing around talking to people on site, I don't think you would get a mention of Ned Kelly. It is not part of …, it's not part of … this is an awful thing to say – there is no series of Eureka or Ned Kelly on the telly, staring Russel Crow. If you had staring as Ned Kelly, or Peter Lalor, you would have a lot of people talking about Eureka. The Ned Kelly film came and went. (John '55) [/quote]

Außerdem sieht er nur sehr schwaches Interesse bei jüngeren Gewerkschaftsmitgliedern und noch weniger bei anderen Australiern. Es bliebe vor allem die Domäne von älteren Aktivisten, sich mit historischen Kontexten und Ikonen eingehender zu befassen (John '38).

Jerome und John entfernen sich voneinander in ihrer Einschätzung zur Bedeutung der Nationalnarrative für heutige Protestierende. Auf die Frage, ob die heutigen Protestierenden von Eureka motiviert sind, antwortet Jerome:

[quote] Yes definitely, I don't think you want to overstate that, but yes, for sure. It is important for people to know that there is a continuous history of resistance and revolt in Australia going right from the start with the blacks and the convicts. And that can be important for people to know we are part of a tradition. But people need to know that it is a living tradition. […] And I don't know that people really feel we are living it in any sort of way and keep in contact with it. (Jerome '32) [/quote]

Er sieht also zwar die Notwendigkeit für eine Verbindung in die Vergangenheit und für ein Wissen um die Wurzeln der Bewegung. Er bleibt jedoch skeptisch, ob diese Forderung in der Tagespraxis von gewerkschaftlichem Aktivismus zur Zeit umgesetzt werde. In den Beispielen, die er für eine lebendige Tradition anbringt, wird deutlich, dass er im Vergleich dazu im Andenken an Eureka eher ein folgenloses Lippenbekenntnis sieht. Es fehle an echter Emotion, die aus dem Ereignis entspränge (Jerome '33). Auch für ihn sei Eureka zwar motivierend, wie viele andere eher internationale Aktionen auch, aber im Vergleich mit dem Spartakusaufstand oder der Französischen Kommune würde es eher sogar einen niederen Status einnehmen. Jerome erklärt sich den Einflußverlust der Nationalnarrative auch damit, dass mittlerweile so viele Menschen mit anderen Hintergründen in Australien eingewandert seien, die damit wenig anfangen könnten, auch wenn Eureka mit seinen vielen Nationalitäten eigentlich doch dazu passen würde (Jerome '23).

John hingegen möchte vor allem die fortgesetzte Tradition von Eureka bis heute betonen.

[quote] As far as the CFMEU is concerned, that battle that was the undercurrent of Eureka is still going on. We claim, and continue to claim, that there are vested interest in Australia, and with globalisation overseas, who have a vested interest in retaining their power. At the end of the day, it is the interests of ordinary people versus the power of these large establishment and companies. (John '10) [/quote]

Und auf Nachfragen bestätigt John noch einmal, dass es auch um ausländische Einflüsse gehe. Während Jerome die Bedeutung für den Einzelnen anzweifelt, sieht John vor allem die strukturellen Ähnlichkeiten. Wie zur Zeit Eurekas würden sich in der Globalisierung die Gegensätze der Interessen der Wohlhabenden gegenüber den weniger Begüterten wieder zuspitzen:

[quote] So, we have a situation where 150 years on, there is still a gathering of working people, of miners, and the redcoats are out there and still attacking them. They may be attacking them in the courts and with their civil rights, and in parliament and the senate, but we consider they are attacking us. And things haven't changed 150 years on, which is why we still fly the Eureka flag.(John '13) [/quote]

Außerdem hält John fest, dass eben vor allem die Flagge nach wie vor einen hohen Wiedererkennungseffekt in der weiteren australischen Gesellschaft hätte und der Assoziationsgrad zwischen Flagge und Gewerkschaften sehr hoch sei.[11] Dies würde noch verstärkt dadurch, dass es von der Regierung des Commonwealths keine Anstrengungen gegeben hätte, sich an den Jahrestagsfeiern zu beteiligen. „Now they have handed it to the trade-unions. Eureka will now be permanently associated with the trade-union movement for the next fifty years. It's our flag. It's our rebellion. And I think the tories have blown it. They could have spun off that, but they didn't.“ (John '24) Von Gewerkschaftsseite aus gab es hingegen eine breite Beteiligung an den Feierlichkeiten in Ballarat, zu denen allein einige Hundert aus den Reihen der CFMEU teilnahmen (John '33). Außerdem wurde von der Maritime Union Australia (MUA) eine Gedenkfeier ausgerichtet, auf der verschiedene Gewerkschaftsfunktionäre vor einigen hundert Mitgliedern und Aktivisten den Geist von Eureka beschworen. John Maitland, President der CFMEU, formulierte:

[quote] I am not quite sure what the major political parties would be saying about Eureka and what those miners were all about; if they are the Labor party's aspirational voters or John Howard's little battlers. But I am glad we have this opportunity, because it gives us time to think about what these people were doing – and that was struggling against oppression. (Vortrag 8, '47) [/quote]

Bei der gleichen Gelegenheit verglich der Historiker Humphrey McQueen den Kampf der Maritime Union mit der Polizei 1998 mit Eureka:

[quote] In 1998 this building [die Büros der MUA] became the Eureka stockade! That was the commemoration of the Eureka stockade that we want to celebrate and to carry forward. We don't want to think that the great heroes of the working class were all in the past. The spirit of Eureka and its virtues are still very much with us. The battle that we still have to fight is the battle that was fought at Eureka a 150 years ago. It leads through people who are prepared to defend their rights and their friends and workmates up to the present day. (Vortrag 8, `12) [/quote]

Das deckt sich mit den Beobachtungen von John. Für ihn hätte sich eher der als Analogie zu Eureka im kollektiven Gedächtnis von Gewerkschaftern festgesetzt. Man höre gelegentlich sogar wenn das Gespräch auf die Räumungskämpfe käme, „I remember when all the horses came down and the cops. It was bit like Eureka.“ (John '55). Was konkrete Protestaktionen wie S11 angeht sehen sowohl John als auch Jerome keine besondere Verbindung zu Eureka. Für Jerome verweisen eben alle Protestaktionen aufeinander.Für Jerome ist dieser Abstand zu Symbolen, die für Nationalismus genutzt wurden, wertvoll. Es mache keinen Sinn, sich diese (wieder-) anzueignen:

[quote] „If we can learn one thing out of the class-struggle over the last century, it is the danger of giving any concessions to nationalism. We might end up marching off to war under the Eureka flag.“ (Jerome '50). [/quote]

Damit wäre auch ein Versuch, Eureka und Ned Kelly wieder neu für die Antiglobalisierer von Nutzen zu machen, zum Scheitern verurteilt, bzw. der Bewegung eher abträglich.

Die Interviews mit John und Jerome legen ein differenzierteres Bild vom Verhältnis Eureka und Gewerkschaften nahe, als dies in der öffentlichen Wahrnehmung ansonsten der Fall ist. Stehen Johns Aussagen vor allem für den Anspruch eine direkte Verbindung zu halten und Eureka auch weiterhin als Blaupause für den Kampf gegen Klassengefälle und globalistischen Ausverkauf an die Mächtigen zu sehen, so betont Jerome vor allem die Distanz zwischen den historischen Narrativen und dem einfachen Gewerkschaftsmitglied. Im Tagesgeschäft nutzen die Gewerkschaften Eureka vor allem als überall präsente visuelle Anspielung und als Zitat in Form der Flagge. Ein expliziterer verbaler oder schriftlicher Bezug findet eher selten bis gar nicht statt, was sich auch im Jubiläumsjahr nicht fundamental geändert hat. Allerdings scheint es nach wie vor noch einen erheblichen Kreis von vor allem älteren Arbeitern zu geben, die zumindest ein Wissen um diese Dinge an Uneingeweihte weitergeben und mit Bedeutungsschwere versehen. Für einen gewerkschaftlich organisierten Arbeiter ist es demnach wahrscheinlicher, von den historischen Begebenheiten zumindest gehört zu haben, als für einen nicht-organisierten. Auf der Führungsebene hingegen gehört Eureka ohne Abstriche zum akzeptierten Kanon der Gewerkschaftsidentität. Das drückt sich auch nicht zuletzt in der massenhaften Teilnahme an den Jahrestagsfeierlichkeiten aus.

4.2.4. Ökologisch orientierte Gruppen

Cam und Ian vertreten den ökologischen Flügel der Bewegung, wobei Ian sich auch der Gruppe der undogmatischen Studentenbewegung zurechnen ließe, für die er als Beauftragter für den Nahverkehr an der Monash University in Melbourne arbeitet. Sie sind beide aktiv in der Partei der Grünen, die vermutlich am ehesten als Dachorganisation für die vielen ökologisch aktiven Gruppierungen fungiert. Eine der größten und aktivsten ist Friends of the Earth, die vor allem im urbanen Raum angesiedelt sind. Dazu kommen organisierte Vegetarier und Veganer, universitäre Gruppen, organische Landkommunen und verschiedene militantere Ökologiegruppen wie etwa das Gaia Network, das regelmäßig auf Demonstrationen mit Großperformances vertreten ist.

Zunächst einmal offenbart sich bei beiden ein sehr unterschiedlicher Werdegang, was Eureka und Ned Kelly angeht. Ians Beziehung zu Eureka ist auf die letzten fünf Jahre in denen er in Victoria gelebte hat beschränkt. Er kam eigentlich erst jetzt mit der Hundertfünfzigjahrfeier damit in Kontakt. Das verbindet er vor allem mit seiner Herkunft in einem anderen Bundesland. Die Ausnahme wäre die Eureka Flag, von der er auch in seinem Geburtsort in Queensland gehört hätte.

Cam dagegen hat in der Schule in Melbourne von Eureka gehört. Allerdings wäre es eher abgewertet worden und Cam vermutet, dass das damit zu tun hat, dass Eureka nicht zum Mythos von der friedlichen Besiedlung des Kontinents passen würde. „It was portrayed as depoliticized. But I think it has been reclaimed over the last ten to fifteen years as something that people can relate to“ (Cam, a '11). Und er vergleicht das mit der Wiederentdeckung von Gallipoli, ebenso wie von Ned Kelly. Schon in den 70ern hätte es viel Interesse an Volksmythologie gegeben, und das käme jetzt eben wieder. „People are interested in their roots again and are sort of sniffing around to see what the stories are.“ (Cam, a '13).

Dieses allgemeine Interesse würde sich decken mit dem von Aktivisten, die sich vermehrt um die Geschichte von Wiederstand in Australien bemühen würden:

[quote] In the last years there has been a resurgence of interest in the history of resistance. In the sixties and seventies the movement was to a large sort of ahistorical. I was as if the world had started now. Whereas now, people sort of look back and see themselves in a tradition. And I think that is fantastic. (Cam, b '25) [/quote]

Es hat also eine Wandlung in der Einstellung von Aktivisten zu den historischen Ereignissen, die vom Nationalismus bemüht werden, stattgefunden. Allerdings würde das nicht von den Regierenden ausgehen, die laut Cam kaum ein Interesse daran haben dürften, Aufmerksamkeit auf einen Aufstand zu richten. Etwas Ähnliches geschehe gerade mit Ned Kelly.

[quote] There is quite a bit of debate around him. Because he was Irish, he was from the working-class of the working-class who were very marginalised and bullied by the police. Now, the police in those days tended to be English. So there is quite a cultural thing between the overlords and the underdogs. A lot of people interpret his writing not quite as revolutionary, but as definitely politicized through injustice. And there is other people around who say that he was just a common criminal. And the right tends to say that while the left says that in what he wrote he had quite a political analysis. But it was not formed by Marxism. It was just formed by being on the bottom of the pile. So, it is interesting that there is this looking back and re-inventing of where we have come from and putting it under the spotlight of political views. (Cam, a '14) [/quote]

Ned Kelly dagegen ist Ian im Gegensatz zu Eureka auch eher vertraut:

[quote] Ned Kelly is sonenone who is held up as one of our national heroes and part of our character building. I think, he is largely linked to white Australian fantasies, of it being a sun-burned country, hard and rugged, battlers and all that kinds of concepts and clichés. Obviously very important for how people see themselves. I guess, with narratives like that, it is almost irrelevant the reality of it, it's how they are perceived by people. When you learned about it in primary school and high-school, you learned about the bushrangers and the romantic sort of pictures of the Robin Hood in the bush. I don't think there was much criticism of the … the lawlessness was certainly not seen as necessarily a bad thing. (Ian, '18) [/quote]

Für Ian steht Ned Kelly in der australischen Gesellschaft für den battler, für den in Anführungszeichen „victimized“ weißen Australier, der es angeblich besonders hart habe, wie John Howard und Mark Latham (Anführer der Oppositionspartei auf nationaler Ebene) es nennen würden. Auch wenn diese Figur des Battlers stark konstruiert worden sei, für verschiedene politische Zwecke: „It is used politically as something that immediately appeals to people and captures their imagination and can be built into whatever political message.“ Zusätzlich würde damit auch die selbstsüchtige Seite der Leute angesprochen, weil sich jeder in seinem Ausgenutztsein damit identifizieren könne.

Das sich Politiker heute auf diese Geschichten berufen können, funktioniert laut Ian, weil es damals um britische Autoritäten ging, weil es keine direkte Logik des Wiedererkennens und des direkten Vergleichs gibt und weil sie von heutigen Politikern selektiv benutzt würden. Deshalb sind sie heute keine destabilisierenden Geschichten mehr. Aber sie werden durchaus für „nation building“ benutzt – genau wie ANZAC. Diese Geschichten werden unter anderem von den Medien ausgewählt um für das zu stehen, was Australien angeblich sei. „It is all part of the quintessential Australian. People like to imagine themselves as being lawless.“ Das liege daran, dass Australier sich selber als isoliert sehen, und deshalb Geschichten erfinden um sich selber einzigartig zu machen. „People go along and create stories to say that they are different from whatever origins they had.“ (Ian '29). Cam verstärkt diesen Gedanken noch. Gerade wegen der Mythologisierung hätte der ursprüngliche Kern keine Wirkungskraft und Zugkraft in der australischen Gesellschaft mehr:

[quote] The myth of the Larrikin is just that, it is a myth and not based in a great deal of reality. When push comes to shove, people tend not to stand up. There is a tradition of struggle, but it is not really broad based.(Cam b '19) [/quote]

Somit wäre ein Bedeutungsverlust also einer mangelnden Anbindung an andere historische Wiederstandsakte geschuldet, bzw. mangelnder Anwendung und Erklärung der Zusammenhänge.

Vergleicht man Ned Kelly und Eureka, so scheint er in den Augen von Cam und Ian eine größere Rolle im kollektiven Bewusstsein Australiens zu spielen als Eureka:

[quote] He has been more consistently in the psyche than Eureka has been. And that is only changing now. But he loomed more in mythology. Eureka would be kind of one step back. So, yes, he was more of the first order, with a whole lot of other historical figures and I think Eureka was one step behind that. (Cam a '21) [/quote]

Mit Bezug auf die Frage, wie sehr die Narrative die Bewegung beeinflussen würden, geben beide relativ ähnliche Einschätzungen. Ian sieht ganz klar einen Einfluss, wenn es auch nicht nur die dominanten nationalen Geschichten seien, die als Inspiration herangezogen würden:

[quote] Yeah, definitely. Maybe not necessarily only those dominant stories, but people take out elements just as other people would take others. And those dominant stories would be dominant within resistance movements as well. (Ian '31) [/quote]

Cam hat einige Male erlebt, dass Eureka oder Ned Kelly auf einer Demonstration verwendet wurden. In den 80ern verkleideten sich Umweltaktivisten als Ned Kellys, um Holzlaster (wood-chip trains) aufzuhalten. Ebenso in Tasmanien, unter dem Slogan „Bushrangers need Bush.“ Außerdem erwähnt er die Verbindung von der Builders Labourers Federation (BLF) und ihren Nachfolger, der CFMEU, mit Eureka. Eingeborenenaktivisten haben in den 70ern und 80ern eine Landrechteflagge mit dem Südkreuz verwendet. „So, particularly Eureka pops up in the iconography and the mythology of the movement pretty consistently – most strongly through trade-union movement.“ (Cam b '2) An S11 hat er viele Eurekaflaggen gesehen, und einige Mitglieder der kommunistischen Partei benutzten sie ebenso.

[quote] But a lot of people on the left are cautious about nationalist icons anyway. So, a lot of people would tend to not go for national flags. I think, it is probably a minority of people at S11 who were using that image, the Southern Cross flag, the Eureka flag.(Cam, b '4) [/quote]

Allerdings würde Eureka kaum in Ansprachen verwendet und es gäbe ein klares Defizit an historischem Detailwissen.

[quote] Probably, if you cornered activists, most people wouldn't know a great deal about it, for that reason of it being more of a second order thing as a historical event. It is something that people are a bit hazy about and tend not to invoke it. And maybe that is changing a little bit now with the 150 year event. So, maybe that will change with people being exposed to that sort of interpretation of the event. (Cam, b '2) [/quote]

Eureka würde wenn, dann als allgemeines Schlagwort für Widerstand in der Geschichte Australiens verwendet, weniger als spezifisches Handlungsmodell oder erstrebenswerte Taktik.

Cam selber denkt an Eureka eher selten. Seiner Theorie zufolge besteht der Hauptgrund dafür, dass Eureka keinen allzu großen Anklang unter Aktivisten finden würde darin, dass sie es nicht als Teil der Tradition sehen würden, die für viele nur bis in die 60er Jahre zurück reichen würde. So vermutet er, dass der Bedeutungsverlust damit zu tun habe, dass Australien keine durchgehende Tradition des Widerstands hätte.

[quote] Eureka is just an event out there that is not connected to anything else. So, that is why people on the left probably don't think about it all that much. (Cam, a'18). It has been incorporated into the discourse, but more as an isolated event. It is not seen in a context of historical circumstances. If you look at it as an island. Because it is like an island and most of it is under water, you can't really see the connection between Eureka and the war in Iraq or the resistance in the Vietnam era and the Aboriginal resistance. (Cam, a'20) [/quote]

Allerdings scheint es ihm selber sehr offensichtlich, dass man es einreihen könne in die Tradition von Castle Hill, Eureka, dem Streik der Scherer, Vietnam, Irak in den frühen 90ern usw. Zu dieser Tradition gehören dann auch die Protesttage um S11 herum:

[quote] You can definitely see it in that continuum of popular resistance against government rule. And even though they were corporate entities, nowadays governments and corporates are so closely aligned, and especially our government aligned itself so strongly with the WEF, and even though it was a Labour government it was seen as so ideologically interlinked with that concept of the corporate rule. So, in that sense it was definitely a popular uprising. Obviously different from Eureka in that it was a non-violent uprising, but it was very much grass-roots and based on alliances of diverse groupings of people. It was a really conscious thing that it wasn't just activists as such. It was a whole lot of people with concerns about how their lives were being impacted by globalisation. (Cam, b'11) [/quote]

Dabei liege der eigentliche Gewinn von S11 nicht so sehr in den flüchtigen Folgen der Blockade, sondern vielmehr sei es eines der wichtigsten Ergebnisse von S11 gewesen, dass es endlich eine Debatte über Globalisierung in den Medien gab. „It was never really so much about the blockade. It was about creating a situation where society could have a discussion, could have an argument about where we are going.“ (Cam, b '35) Somit sei S11 nicht so sehr in seiner direkten Militanz erfolgreich gewesen, sondern als Teil einer reformistischen Zielsetzung, die ultimativ auf die Sympathien eines größeren Teils der australischen Bevölkerung hofft, welche mit entsprechend spektakulären Aktion wie S11 über die Medien zu erreichen seien.

Für Cam ergibt sich aus den Anschuldigungen in Richtung der angeblich unaustralischen Demonstranten nicht unbedingt die Notwendigkeit, den Begriff des „Australischen“ ganz aufzugeben. Man könne ihn immer noch wieder besetzen, indem man auf die oben erwähnte Tradition von Protest in der australischen Geschichte, inklusive Eureka, verweise.

[quote] I reckon there is a good political tradition in this country that can be traced back to Eureka and beyond, and I am part of that. I think it is good to reclaim that word [Australian]. Not in nationalistic sense, but in an ethno-cultural sense. (b '14) [/quote]

Sowohl Ian als auch Cam stellen also für die vergangenen Jahre ein erhöhtes Interesse an nationalen, historischen Narrativen fest. Vor allem Ned Kelly habe einen hohen Bekanntheitsgrad, aber nicht genug politische Fundierung, um für heutige Aktivisten Vorbild zu sein. Ihm und Eureka fehle es an Zugkraft unter Aktivisten, da die historische Perspektive von vielen maximal bis in die 60er Jahre zurück reiche. Allerdings ließe sich vor allem Eureka relativ gut in die Tradition von Protest innerhalb der australischen Geschichte einreihen, aus den ähnlichen äußeren Gegebenheiten und den ähnlichen Motivationen der Handelnden heraus, auch wenn dieses von vielen Aktivisten eben nicht vollzogen würde. Die persönliche Inspiration für beide ist vergleichsweise gering und wird zusätzlich eingeschränkt durch die Durchschaubarkeit nationaler Verzerrung der Ursprungsgeschichten. Ned Kelly scheint deshalb beiden nicht relevant. Für Cam ist aber zumindest Eureka bemerkenswert als Teil der Tradition von Protest in Australien, die er sehr schätzt.

4.2.5. Freie studentische Aktivisten

Erwartungsgemäß gehen die beiden Befragten für primär studentische Globalisierungskritiker am weitesten auseinander in ihren Einstellungen zu den Nationalnarrativen, es handelt sich um eine zwar zahlenmäßig große Fraktion, die aber auch am wenigsten stringent organisiert und motiviert zu sein scheint. Dementsprechend werden die beiden Beispiele als Vertreter zweier möglicher Extrempositionen gewertet und unabhängig von einander behandelt. Das eine Ende des Spektrums wird verkörpert durch Amy, deren Interview mit der Integrationsfrage nach den kanonischen Geschichten mit der folgenden Antwort begann:

[quote] You would need to know Ned Kelly, you need to know Eureka stockade, you need to know Mel Thornton chaining herself to the railway tracks in Brisbane, you need to know all about Gough Whitlam and how he got out. I guess, you'd need to know some swaggy stuff and you need to know Waltzing Matilda. All that sort of rebellious, anti-authoritarian, sort of anti-hierarchy history which unfortunately is now being called un-Australian. So [laughs], you would maybe be a little outdated, but I mean, you see all the protests these days being called un-Australian, even people braking out of refugees camps are un-Australian. And I think that's an really interesting thing, what happened to that proud history of we are egalitarian and we are into protest, that sort of thing, even armed struggle. So I would tell you to look up Ned Kelly stuff. (Amy '7) [/quote]

Und sie fährt fort die Tugenden von Ned Kelly aufzulisten:

[quote] Ned Kelly is about being poor and victims of racism and about being constantly victimized and standing up and working often with the Aboriginal people in the community and taking on the cops, taking on the courts and eventually obviously being killed for it and taking a heroic stance for other people and for the right thing, and I suppose, that ties in with the Eureka stockade as well. (Amy '8) [/quote]

Auch ihr Freundeskreis an der Universität würde sich zu einem hohen Grad damit identifizieren. Auf die eigentlichen Geschehnisse angesprochen, bekennt sie schnell ihre Unkenntnis der genauen Abläufe, um dann doch zusammenzufassen, dass es um Grundrechte, Mindestlohn und Schutz durch die Regierung ging. „The cops came in and shot a few people. The movement was put down violently. But it's formed a big heroic image for Australia (Amy `7)

Anscheinend ist Amy zuerst durch Folk-musik mit den Narrativen in Kontakt gekommen. Auf Folk-Festivals werden sie immer wieder benutzt und wiederholt, zusammen mit Liedern über den gescheiterten Aufstand der Schafscherergewerkschaft 1890. Auch in ihrer Familie war das Thema, aber als einheitliche Kultur von Überzeugungen nahm sie die Geschichten vor allem auf den Festivals auf, „and there you start thinking about the political significance and how it all links in with what they are talking about today which might be refugees or the war in Iraq. That's where I started situating it as part of a broader culture.“ In der Schule gab es keinen Kontakt. Dementsprechend optimistisch sieht sie den vergangenen und heutigen potentiellen Einfluss der Narrative auf die australische Gesellschaft und diagnostiziert ein verstärktes Interesse an ihnen in den letzten Jahren.

[quote] There is obviously cultural currency still there. I think, there is maybe a back-clash of those things. I think when John Howard started calling people un-Australian, he opened a can of worms for him, in terms of bringing back the currency of those old historical symbols. (Amy '15) [/quote]

Diese historischen Symbole ständen nämlich in starkem Kontrast zu dessen kulturellem Projekt der Individualisierung durch den verschärften Konkurrenzdruck, im Kontrast zum multikulturellen identitätsstiftenden Projekt der 70er Jahre.

[quote] They [the stories] represent what Australia was. And a re-examination of them would challenge what the Australian identity has become and why that has changed so dramatically in the last ten years. And I think in the last ten years there has been a real shift from the currency of those stories as a source of, yeah, collective pride. (Amy '18). [/quote]

S11 scheint laut Amy zuerst keine Ähnlichkeit mit Eureka zu haben, sie nennt dann aber doch den Aspekt Polizeigewalt gegen Massenproteste, der sich durch die australische Geschichte ziehe. Aber S11 erschien ihr zu umfassend im Bezug auf die Rassen und das Geschlecht der Demonstranten, so dass ein direkter Vergleich nicht möglich sei.

Für Amy scheinen die Narrative eine sehr starke Rolle sowohl persönlich als auch in der australischen Gesellschaft zu spielen. Für sie selber sind sie der Schlüssel zu ihrer Identität als australische Aktivistin. Sie geben aus dem Bezug auf die Vergangenheit Zugang zum Verständnis heutiger Verhältnisse und motivieren sie zum Handeln. Für Australien würden sie in so fern eine Rolle spielen, da sie in potentia die durch die Regierenden vorgenommene Umwertung australischer Ikonographie zusammen mit ihrem neo-liberalen Kulturprojekt untergraben könnten. Es scheint, als diene jede Erwähnung von Elementen der Narrative auch gleichzeitig einer Politisierung der Rezipienten. Selbst aus den populären Verwertungen der historischen Ereignisse ließe sich Kapital schlagen zum Gewinnen weiterer Aktivisten. Dementsprechend befürwortet Amy eine neue Aneignung von national verwerteten Mythen, wenn sie nur wieder im Lichte ihrer ursprünglichen Radikalität gesehen würden.

Es ließe sich sicherlich argumentieren, dass Amy, im Bezug auf die allgemeine Studentenschaft, in ihrer Vorliebe die statistische Ausnahme und vereinzelte Minderheit sei. Dagegen sprechen aber drei Gründe. Zum einen die Sozialisation durch die Folk-festivals, mit denen ein breiterer Adressatenkreis über Jahrzehnte hinweg angesprochen wurde; zum zweiten der Hinweis auf ihre Freunde und Bekannten an der Universität, und drittens die Art ihrer Rekrutierung, die nicht nach Eureka oder Ned Kelly fragte, sondern allgemein nach globalisierungskritischem Aktivismus. Alles drei spricht zumindest für eine Gruppe von Aktivisten, die Amy's Einstellungen teilen.

Das Gegenbeispiel in der persönlichen Haltung und Einschätzung der Relevanz wird von der Probandin Liz repräsentiert. Sie hörte von Eureka zuerst von ihrer Mutter, die Geschichtslehrerin ist und eine starke emotionale Bindung an Ned Kelly besitzt. Sie wusste früh, dass Eureka ein bewaffneter Aufstand war, und dass Chinesen auf den Goldfeldern eine Rolle gespielt haben. Ned Kelly war noch eher als Eureka ein Gesprächsthema in ihrer Familie, aufgrund ihrer irischen Herkunft. Heute hat sich ihr Enthusiasmus für nationale Ikonographie sehr stark verringert, was zum Teil mit der Entwicklung ihrer politischen Haltung zu tun hat – sie hat ursprüngliche liberal-demokratische Elemente abgelegt – in Verbindung zu stehen scheint: „It does not interest me that much. It is part of that history of left nationalism – certainly not the politics that I identify with.“ (Liz '31)

Liz baut vor allem einen Gegensatz in der Relevanz für Arbeiter und intellektuelle Mittelklasse auf. Studenten spielen als deren zukünftige Angehörige keine große Rolle unter den an Eureka interessierten Gruppen. Dazu betont Liz sehr stark den angeblich rassistischen Gehalt der Eureka Legende, die sie auch mit antichinesischen Gewalttaten auf den Goldfeldern in Verbindung bringt. Diese Linie hätte sich über die links-nationalistische bis hin zur faschistischen Aneignung fortgesetzt und Eureka damit für sie als Inspirationsbezugspunkt unakzeptabel gemacht:

[quote] Of course the union movement identifies really strongly with Eureka as a symbol of resisting state authority. But I am not sure that any of that message actually comes across. It is more like they were struggling for democracy and that's pretty much it. In terms of the circles that I move in, it is not something that uni students, intellectual circles, would very much identify with, I think. Here I am on my middle-class trajectory, but it is something that the organised working class identifies with very strongly, but also organised fascists. (Liz'30) [/quote]

Nicht nur für Studenten an sich sei Eureka nicht von Bedeutung, sondern auch für die Antiglobalisierungsbewegung, mit Ausnahme der Gewerkschaften:

[quote] I think the Eureka stockade is inspirational for the Australian trade union movement, for the anti-capitalist movement in general I don't think the Eureka stockade has much resonance, particularly because of the racial overtones, because it is so explicitly part of that nationalist movement. (Liz,'36) [/quote]

Ned Kelly fällt in eine ähnliche Klasse der Irrelevanz, bzw. der Abwertung durch die Aufnahme in nationalistische Strömungen, diesmal vor allem der irischen. Für Menschen mit einem anderen Hintergrund ergeben sich kaum Berührungspunkte:

[quote] I don't think Ned Kelly has much resonance on the student left. Maybe because it is inevitably tainted with this left Irish nationalism. The Irish working class myth that is pretty exclusive to people of my cultural stock. There is just nothing in there for the masses. There isn't much progressive in it for people who are not of English-Irish background and therefore even worth ditching. (Liz,'35) [/quote]

Kelly und Eureka kommen bei ihrer Arbeit und ihrem Aktivismus vor allem in Zusammenhang mit der Gewerkschaftsbewegung vor, die die Flagge von Eureka übernommen haben. Ihre eigene Flagge sei es bestimmt nicht, da sie auch von rechten nationalistischen Gruppen beansprucht wird.

[quote] That is why it is so contested. It is just as much a symbol of the white supremacist movement as it is of the trade union movement. It is a symbol of the relationship of … like the left nationalism and the working class getting its shit together and forming the labour party. The Australian labour party was a reaction to the influx of foreign workers. It is explicitly tied to the most awful racist politics and the white Australia policy. This shit didn't come from the Liberals. That is what the Eureka stockade flag is a pretty good symbol of as well. (Liz,'24) [/quote]

Somit lässt sich für Liz eine sehr niedrige persönliche Identifikation vor allem mit Eureka konstatieren. Sowohl dafür, als auch für Ned Kelly sieht sie keine Bedeutung innerhalb der Bewegung, die über den Gewerkschaftsanteil hinausgehen würde. Auf studentischer Seite gäbe es so gut wie keine Anknüpfungsmöglichkeiten. Einen gehobenen Stellenwert für Australien allgemein sieht sie zwar, er wird von ihr aber vor allem negativ besetzt und in Verbindung mit verwerflichem Rassismus und Nationalismus gebracht. Als „Internationalistin“ schließt sie einen Gebrauch der Narrativen in der weiteren globalisierungskritischen Arbeit aus (Liz '46).

Aufgrund ihres hohen Status innerhalb der organisierten Studentenschaft Australiens als ehemalige Vorsitzende des Studentenbundes und jetzige Beauftragte für Studentenrechte am RMIT, lässt sich davon ausgehen, dass ihre Einstellungen sich umfassender in einer Vielzahl von Aktivisten widerspiegeln. Es besteht zwar kein Zusammenhang zwischen einer Meinung zu Eureka und besonderem Erfolg bei Studentenwahlen, aber Liz ist durch ihren Aufstieg und die dazugehörige Zustimmung eines breiten Teils der Gruppe als repräsentativer anzusehen als etwa Amy.

Es ist allerdings noch anzufügen, dass Liz im Gespräch auch verschiedene Personen aus ihrem engsten Freundes- und Mitarbeiterkreis benannt hat, die in ihrer Haltung zu Eureka und vor allem Ned Kelly eher der von Amy ähnlich sind (Liz '7).

4.2.6. Akademiker

Im folgenden geht es vor allem um die Interpretation der Nationalnarrative durch führende Intellektuelle des linken Spektrums australischer Politik. Der Historiker Prof. Dr. Stuart McIntyre repräsentiert den älteren Flügel der New Left, die aus den politischen Auseinandersetzungen der 60er und 70er Jahre hervorgegangen sind. Dr. Damian Grenfell arbeitet sowohl als promovierter Politologe über soziale Bewegungen in Australien als auch als freier Aktivist innerhalb der globalisierungkritischen Bewegung. Die Interviews beschäftigten sich vor allem mit dem Stellenwert von Eureka und Ned Kelly in der politischen und kulturellen Landschaft Australiens.

McIntyre benennt zunächst den Wert des Ereignisses, das in der australischen Geschichte, die sonst so arm an bewaffneten Auseinandersetzungen im Innern sei, eine Sonderstellungen einnähme. „Eureka is always sort of there, as a very unusual event in the history of Australia.“ (McIntyre '2) Grenfell ordnet Eureka mit Ned Kelly ein in den Kanon der Mittelstandsvision von typisch Australischem: „Like Gallipoli, like Ned Kelly, they stand for a more generalised bourgois cultural realm of national iconography, for those kinds of moments that are thought to be defining for what Australian is supposed to be.“ (Grenfell '16) Allerdings gäbe es Abstufungen. So habe Ned Kelly in der Vergangenheit einen höheren Rang in der Liste der Kulturikonen zugesprochen bekommen als Eureka. Dies könne sich allerdings im Moment gerade ändern.

[quote] Ned Kelly has been accepted as a cultural icon of the mainstream. Eureka has been more ambiguous. It hasn't been that accepted in the sense of that mainstream you have been referring to earlier. But it may be that it is changing. Maybe because of historical circumstances, but probably not. These things do not happen without a purpose. It needs to have purchase. The musical for example is good way for the ruling classes to see what works, what resonates. A similar example would be the Eureka centre out in Ballarat. It is supposed to be there to generate income but it wouldn't work if people didn't have an interest already. (Grenfell '17) [/quote]

Gegenüber des populären Vorzugs für Ned Kelly hält Grenfell aber Eureka für einflussreicher, in Hinsicht auf konkrete politische Folgen. Es gehe eben nicht nur um die individuellen Forderungen der Goldsucher, sondern um den Ausdruck weitreichenderer Unzufriedenheit in der Kolonie insgesamt. Daraus ergebe sich auch eine strukturelle Ähnlichkeit mit S11, das ebenfalls vor allem als Gradmesser für tiefergehende Strömungen in der politischen Großwetterlage Australiens gesehen werden müsse und nicht als isoliertes Ereignis mit kurzfristiger medialer Aufmerksamkeit:

[quote] It is important in the sense that we tend to construct historical moments that typify a sentiment. It was the resentment. A resentment that was actually much broader than the Eureka stockade might show. But it symbolized resentment. It was a historical moment, like S11 in Melbourne, and I make the comparison directly, it is a far broader social concern around an issue that had carried on before and after that time. Now we hook into that because it gives us a chance to talk about the Eureka stockade that is not that dissimilar in that sense. It is a dramatic moment that typifies people's general feelings. So, yes in that sense it was important. It was important politically, it was important for the changing labour relations in Victoria. (Grenfell '13) [/quote]

Angesprochen auf den ursprünglichen antiautoritären Kern der Mythen erklärt Grenfell, dass die Geschichte voller Beispiele sei, in denen solche radikalen Momente vom Mainstream aufgenommen worden seien. Solange sie weit genug zurücklägen, könnten sie sicher vermarktet und in Produkte umgewandelt werden. „We forged this land and made it our own, is as much a narrative that can be projected over Eureka as of this was a resistance against bourgois domination. ('24) Grenfell führt das zurück auf ein verstärktes Bestreben der Regierenden, Australien als Begriff und Entität inhaltlich zu besetzen, um Homogenität und Kohäsion zu bewahren, in der Abwehr von abweichenden politischen Vorstellungen wie sie sich etwa bei S11 ausgedrückt hätten:

[quote] With successive right-wing government, be it Labor or Liberal, in the past decade, we have seen not only rampant economic rationalism but an increased desire to manage the nation culturally, be it with the 1988 bicentenary of federation, or tall ships coming to Australia, or the Olympics, a whole lot of different cultural representations of the nation where the past is effectively commodified in order to, I guess, provide some sort of homogeneity and citizenship. You know, I will tell you point blank, and I might sound like a paranoid Marxist here, but these techniques of cultural management are exactly the methods a state needs to employ to contain the kind of dissent we have seen at S11. And you can see that flow into those demonstrations by the use of the term un-Australian as well. It is a way to root us in national narratives that probably mean shit, but are enough to lure us into a sense of national unity.(Grenfell '19) [/quote]

Es bleibt noch die Frage nach den direkten Ähnlichkeiten zwischen S11 und Eureka, nicht nur den allgemein strukturellen. Grenfell sieht einige Anknüpfungspunkte. So gebe es auch bei S11 eine räumliche Assoziation zwischen dem Protest und dem Protestort. Das eine ist in die Geschichte des anderen übergegangen. Auch die Belagerungstaktik erinnere teilweise an Eureka, wenn es auch noch genügend Unterschiede gebe – vor allem in der Geisteshaltung der jeweiligen Beteiligten:

[quote] But in the sense that it was an act of resistance that is highly tied to a place, then yes. Crown Casino still holds the aura of the events of S11 now. And in the sense that there was a kind of reverse stockade mentality, then yes. But they are a million miles apart as expressions of resistance. The world view of the miners and the activists are probably quite different. (Grenfell '30). [/quote]

Die Beeinflussung der gesamten Bewegung durch ein Andenken an Eureka sieht Grenfell zumindest nicht direkt gegeben. Die historische Ebene hätte keine große Rolle in deren Argumentation gespielt. Allerdings gäbe es eine tiefergehende, allgemeine Motivation von Protest aus der historischen Tradition heraus:

[quote] Something like Eureka doesn't sit at the forefront of peoples minds. But then again that is the nature of national iconography, that it doesn't sit at the forefront and is still potent. And at S11 there were very few genuine references to Eureka and there wasn't much of a sense of being connected to history. But that doesn't mean though that different people wouldn't draw on historical narratives … I mean if someone said to me that his resistance had a long history in Australia, I wouldn't disagree and I know that he would be talking about Eureka. We wouldn't have to say it, we wouldn't have to know what decade it was in. (Grenfell '32) [/quote]

Ned Kelly hingegen habe nach Grenfells Beobachtungen in der Bewegung gelegentlich auch konkrete Erwähnung gefunden. So war laut ihm an S11 eine Ned Kelly Figur zu sehen mit typischem Helm und Panzer. Der Demonstrant in Verkleidung sei dann angeblich von Polizisten mit Stöcken geschlagen worden, als er den Helm kurz abnahm, und musste daraufhin für sechs Monate ins Krankenhaus.

Was die anderen Beweggründe für die Aktivisten der globalisierungskritischen Bewegung angeht, so divergieren die Meinungen der beiden Historiker. McIntyre ist von der These der Motivation durch Klassenunterschiede, die sich hier in neuer Form äußern würden, nicht überzeugt: „Anti-globalisation activists are certainly an issue in Australia. But I don't think they can be seen as just the latest manifestation of the left.“ (McIntyre '17) Grenfell hingegen ist dem eher zugeneigt, hält er doch die kulturaustralischen Einflüsse für tendenziell vernachlässigenswürdig: „S11 didn't express much concern about the defence of Australian culture. There is not enough that is unique about the place to actually be defended.“ ('53)

Grenfell wie auch McIntyre sehen sich allerdings persönlich inspiriert von Ned Kelly und Eureka – ersterer vor allem wegen des Gedanke des Kampfs gegen Polizisten. Diese träten jedoch nur neben viele andere Geschichten von Wiederstand.

Eine weitere Probandin, die Doktorandin für Community Activism an der Universität Melbourne, Vivienne, sieht sich ähnlich angesprochen und inspiriert von den Werten, die in dem Ereignis Eureka ausgedrückt wurden. Die Goldsucher stellen für sie, durch ihr Eintreten für das Recht auf eine abweichende Meinung, ein nachahmenswertes Beispiel für tendenziell apathische Australier dar:

[quote] Maybe not Eureka as Eureka, but what they stood for. I just think that they were brave courageous men and good on them. There should be more of them. There should be more dissent when people feel unjustly treated and Australians don't really protest that much. And Eureka to me is about justice, about freedom, about people's rights. It's about all those issues that are about as relevant today as they were then. Here were these people who felt exploited and there were those who they felt exploited by and they stood up for what they believed in. And in terms of those things it permeates my life. ('33) [/quote]

Über Ned Kelly denkt sie kaum jeden Tag nach, aber sie sieht ihn vor allem als relativ unpolitisierten Teil der Geschichte ihres Bundeslandes.

Die Problematik einer möglichen Wiederaneignung der Narrative durch die Protestbewegung kommentierten alle drei unterschiedlich. Vivienne sieht anscheinend Potential, ebenso wie McIntyre, der die vorschnelle Aufgabe des Nationalgedankens von Seiten der Linken im 20. Jahrhundert beklagt:

[quote] At a certain point in the 20th century the Left abandoned nationalism and perhaps it underestimated its potency. And it has now become a resource of the right. That is why you can call protesters or environmentalists that are perceived as set against the national interest as un-Australian. And I think in a sense we give up that resource too easily. (McIntyre '22). [/quote]

Grenfell zieht es hingegen eher vor, die versuchte Ausgrenzung durch die Verwendung des Begriffs „unaustralisch“ zu ignorieren und keinen Kampf um dessen Wiederbesetzung zu führen.

[quote] One [possibility] is to ignore it and say, I couldn't care less and that is what many people did. Or, when they try to pull you into the mainstream, you can try to counter it and say that you are Australian exactly for what you do. And I would prefer to actually ignore it. (Grenfell '28). [/quote]

Somit sehen alle drei zwar die Möglichkeit, an einer Aufwertung der historischen Dimension von Widerstand zu arbeiten, geben aber unterschiedliche Einschätzungen, ob das einen Gewinn für die Bewegung oder einen Rückfall in zweischneidigen Nationalismus darstellen würde. Sie diagnostizieren ein gesteigertes Interesse für diese Narrative, was allerdings Grenfell zufolge vor allem auf ein Interesse des Staates und der Regierung zurückzuführen sei, die Nation auch kulturell zu kontrollieren. Damit bewegt er sich eng an der in 3.3 vorgeschlagenen These vom hegemonialen Konflikt in der australischen Gesellschaft. Ebenfalls für alle drei lässt sich eine persönliche Beziehung zu Eureka postulieren. Die Antworten auf die Frage nach dem Klassenaspekt der globalisierungskritischen Bewegung gehen jedoch auseinander.

5.3 Landesregierung und ALP

In den vorhergehenden Interviewauswertungen wurde unter anderem der Vorwurf erhoben, dass Eureka und andere Nationalnarrative ausgebeutet würden zum Zwecke von Machterhalt. Der folgende Abschnitt versucht nun dieser Frage nachzugehen und den Standpunkt der Bundesstaatenregierung und der ALP im Allgemeinen zu Eureka nachzuvollziehen. Dazu dient ein Interview mit der Beauftragten für die Eureka Feierlichkeiten von Victoria, Allison Dutka, und die Rede des damals amtierenden ALP Vorsitzenden im australischen Parlament, Mark Latham sowie ein Ausschnitt eines langfristigen Politikentwurfs für die ALP und Australien.

Am schärfsten formulierte die Sozialistin Colleen die Vorwürfe gegenüber der ALP in ihrem Vortrag zu Eureka in Zusammenhang mit ähnlich gelagerten Anschuldigungen an die Howard Regierung:

[quote] At various times, the leaders of the Labour party have clothed themselves in the Eureka flag and proclaimed to embody the Eureka spirit. They say: the permanence of Eureka is, that it was the first affirmation of our determination to be masters of our own political destiny. But what they mean by this, is that the ALP themself will be the Master of ordinary people's destiny, to fairly dire consequences obviously. (Colleen '4). [/quote]

Zunächst einmal formuliert Dutka relativ neutral, dass das eigentliche Anliegen der Regierung darin bestehe, die Bevölkerung wieder näher an das Gedankengut hinter Eureka heranzuführen, im Gegensatz zur Stadt Ballarat, die vor allem ein erklärtes ökonomisches Ziel verfolge – nämlich Touristen anzulocken.

[quote] From the governments point of view, they want people to have a greater awareness of Eureka, that it still has a contemporary impact, that the principles of Eureka still have some currency. From Ballarats point of view, they want people to go there. And they hope that it will keep up visitation beyond the actual event. (a '12) [/quote]

Allerdings gäbe es durchaus weitere Anknüpfungspunkte. So sähe sich die Regierung von Victoria eigentlich als Ausführende einiger der unerfüllt gebliebenen Forderungen der Goldsucher nach mehr Demokratie. Es ginge dabei vor allem um eine Verfassungsreform, die das Wahlverfahren für das Oberhaus repräsentativer und weniger arbiträr machen würde und in 2005 beschlossen werden soll.

[quote] This government, which has a reform agenda, sees itself as actually making the parliament more democratic, so you could say, that there is an alignment. From the governments perspective, Eureka was an important step on the way to better representation of the people. The catchcry of the Ballarat reform league 'no taxation without representation' has been picked up by this government as underpinning what they think is a Labour view of democratic rights. (a '10) [/quote]

Doch am Ende des Gesprächs führt Dutka noch aus, dass sich die Landes-ALP auch durchaus mit dem unternehmerischen Geist, dem „spirit of moving forward and building“, assoziieren lassen möchte, auch wenn dies eher unterschwellig als offen intendiert sei. (b '66)Insgesamt schüttet der Bundesstaat Victoria 1,9 Millionen AUD aus (ca. 1 Mill. EUR). Etwa ein Viertel fließt in die Erneuerung des Eureka Parks, ein weiteres in neue Kunstwerke zu Eureka und der Rest in Öffentlichkeitsarbeit, die akademische Konferenz und die eigentlichen Feierlichkeiten. Dutka erklärt dann, dass es auch um den Tourismuseffekt gehe, aber nicht nur. Auf die Frage, welche ökonomischen Effekte der Staat sich erhoffe, antwortet Dutka:

[quote]„It is not done for economical return as such. It was done on the basis that this is an important historical event. The main reason is to actually celebrate it.“ (b '7) [/quote]

Allerdings erhoffen sie sich, die Touristenrate in Ballarat zu verdoppeln. Der Premier von Victoria, Steve Bracks, hat 2004 selber drei Reden zu Eureka gehalten: zum Start der Kampagne, zur Eröffnung der Universitätskonferenz in Ballarat und zur Eröffnung einer Fußgängerzone dort am eigentlichen Jahrestag. Dabei hat er vor allem historische Abläufe und Zitate von den ALP Persönlichkeiten aus den 70er Jahren wiederholt, Doc Evans und Gough Whitlam, die Eureka vor allem als Wiege der australischen Demokratie dargestellt haben. Kommentare, die eine direkte Verbindung zwischen der ALP und Eureka herstellen, hat er dabei vermieden, bis auf die Erwähnung der Analogie zwischen der Vielvölkergemeinschaft auf den Goldfeldern und seiner eigenen multikulturellen Kulturpolitik (Bracks, 29.11.2004). Im Kontrast zu den eher zurückhaltenden Aussagen der Landesregierung stehen die des Vorsitzenden der australischen ALP und Führers der Opposition im Commonwealthparlament. Zunächst führt Mark Latham aus, wie sehr Eureka ihn anspricht: „Eureka is such a powerful story for a Labor leader.“ Im weiteren wird es dann als Teil des nationalen Charakters affimiert: dem solidarischen, seine Rechte verteidigenden Larrikin, während er sich gleichzeitig mit diesen positiven Elementen durch Affirmation in Kontinuität setzt:

[quote] That's why we have gathered here this evening for the conference and the celebrations ahead. To honour the memory of Eureka and reaffirm its centrality to the meaning of our nation. Call me sentimental, but I love the thought of it. The spirit of solidarity. Tough and ambitious self-made men, fighting for their rights, against the self-serving establishment. And through this struggle, forging a new national identity: the authentic Australian character, with its rebellious, larrikin streak. This is a great Australian story. (Latham, 25.11.2004) [/quote]

Noch stärker kommt die Selbstidentifikation mit Eureka aber in der Abgrenzung zum politischen Gegner zum Vorschein. Er wertet die konservative Interpretation des Premierministers der 50er Jahre, Robert Menzies, stark ab, der bekanntermaßen das Vorbild des jetzigen Premierministers Howard und dessen kultureller Vision ist. Im Anschluss werden letzterer, sein Stellvertreter und potentieller Nachfolger mit den Gegnern der Goldsucher im damaligen Victoria gleichgesetzt.

[quote] Prime Minister Menzies described Eureka as a movement for the proper control of public finances. Well, he would say that, wouldn't he? I dare say John Howard and Peter Costello see it the same way. On the side of authority and the collection of new taxes. For its centenary in 1954, Eureka had been recaptured by the squatters and the merchant class. (Ebd.) [/quote]

Im Rückschluss beerbt also die ALP die Goldsucher in ihrem Kampf gegen die Landeigentümer und Großkaufleute. Dementsprechend schließt er seine Attacke auch mit dem Anspruch, die tatsächlichen Vertreter der Goldsucher und von Eureka zu sein.

[quote] Of course, the story of Eureka is fundamental to the story of Labor. But it's much more than that. It's fundamental to Australia's story. And on its sesquicentenary, it should be embraced by all Australians, across the political spectrum. The celebration of Eureka is an event of national significance. It's at the centre of our history and national identity. So I am disappointed, as I understand it from media reports, that the Prime Minister won't attend any of the Eureka celebrations, and nor will the senior ministers of his government. This is what I've been saying in recent weeks. Labor is the true party of the self-employed, the small entrepreneurs, the economic independents. (Ebd.) [/quote]

Aus dem nationalen Anspruch von Eureka ergibt sich gleichsam ein nationaler Führungsanspruch der wahren Hüter von Eureka, der ALP. Diese könnte an der Macht dann wiederum dafür sorgen, dass das populäre Ereignis noch weiter an Bedeutung gewinnen könnte. Geschickt wird so Eureka für das politische Projekt der ALP fruchtbar gemacht worden. Gleichzeitig werden allerdings die Goldsucher von damals auf ihre Rolle als selbstständige Unternehmer reduziert, während die militanteren Aspekte unterbelichtet werden. Dieser Konflikt zwischen den verschiedenen Ebenen von Auseinandersetzung, Protest und Militanz hat auch in dem Interview mit Dutka zu Widersprüchen geführt. Zum einen vertritt sie die Linie, dass das Recht auf Wiederstand sich in verbalen Äußerungen und Märschen erschöpft.

[quote] We are talking about the right to have a different view, like judges. It is not about making revolution, that would be quite a different thing. And I think what the government is saying is part of democracy is the right to have a different view and write to the newspaper about it. Taking up arms or hitting someone is not. That is against the law, but dissent is a right within the law. That means you have the right to disagree with something the government does and you have the right to go to a certain length to voice your dissent and to organise other people. That is what people do on strikes and when they are marching in the streets. And I think the government is saying, that we are the government, but we should not repress those things. We would want them to be peaceful, we would want them respect other people's rights as well. If you start thinking that you don't have the right to do so, then you should start thinking about the type of democracy we have. You can cross the floor in parliament. That is dissent. (b '33) [/quote]

Andererseits sieht sie auch, dass diese Rechte fortwährend untergraben werden, z.B. durch die Nutzung des Ausdrucks „unaustralisch“ im öffentlichen Diskurs:

[quote] We are also talking about dissent and the right to dissent. And that does raise the issue of the usage of the word un-Australian. I mean, I find that a really alarming word. What is wrong with saying I don't agree with that; I thought that was quintessentially Australian. My own personal view is, that we see the erosion of those democratic customs recently. (b '13) [/quote]

An diesem Punkt führe ich die Frage nach den Ereignissen um S11 ein, indem ich Dutka auf die möglichen Traditionen und Ähnlichkeiten zwischen den Goldsuchern und heutigen Dissidenten anspreche. In ihrer Antwort verweist Dutka zunächst darauf, dass im Gegensatz zu Governor Hotham 1854, der heutige Premier Steven Bracks sehr wohl gut zuhören könne. Man könne allerdings nicht erwarten, dass wirklich alle Leute der Reformagenda dieser Regierung zustimmen würden. „The Premier is particularly of the opinion that you loose those democratic rights if you ...“(b '16, ihr Satzabbruch). Es folgt eine längere Erklärung, inwiefern die Anführer von Eureka damals doch sehr respektable Leute gewesen seien, und sich nur zu einem Aufstand entschlossen haben, nachdem sie lange versucht haben, die verfügbaren, offiziellen Mittel ausgeschöpft hatten. Sie fährt fort:

[quote] I think that issue about dissent is not about supporting people to be ratbags and jumping up and down and making demands. It is actually about saying you have a right to dissent and there are procedures for that dissent. And in those days, there were procedures and they tried every last one of them and only then started talking about hesitatingly taking up arms. What I am trying to say about dissent is, we should never drive people to come to that point. (b '19) [/quote]

Noch einmal direkt auf S11 angesprochen und die staatliche Repression Andersdenkender, die dort anscheinend stattgefunden habe, antwortet Dutka:

[quote] This is a purely personal view, I am not speaking as a government person. I have no doubt it was. At S11 you had a lot of people who felt that something was wrong with the world, particularly with the World Bank, that it was negative for some countries and they wanted to show by demonstrating that they weren't in support of it. What happened there, was that there were other people who joined in who had other issues with the government. I don't think that makes the protest invalid. It simply says that we are running more than one agenda here. (b '22) [/quote]

Und auf die Nachfrage zum Vergleich zwischen S11 und Eureka fährt Dutka fort: „I think the echoes are there.“ (b '25) Auf das Problem angesprochen, dann als staatliche Autorität Dissidenten zu ehren, antwortet Dutka, dass die Goldsucher eben nicht eine Revolution wollten.Über diese persönlich geprägten Eindrücke hinaus, gibt eine kürzlich erschienene Monographie Auskunft über die Beziehung der ALP und Eureka. Fünf jüngere Akademiker und Bürokraten, die der ALP nahe stehen, haben einen Generalentwurf für das Australien der nächsten Dekade verfasst. Unter anderem befürworten sie einige der umstrittenen politischen Vorhaben, die im Zusammenhang mit weiter gehender Globalisierung stehen (MacGregor u.a., 2004, Kapitel„Recapturing the nation-building zeal“ und „Sustaining Growth and Prosperity“). In ihren Erläuterungen zum weiteren Ausbau der nationalen Identität Australiens haben sie für Eureka eine prominente Rolle vorgesehen: „Eureka offers great potential to a nation floundering for a national story“ (Ebd., S. 24). „We strongly believe that Australia should adopt the Eureka flag as our new national flag.“ (S. 29) Und im Weiteren heißt es:

[quote] Eureka – a seminal story with great power and symbolism – should be re-elevated to its previous position as a central legend of Australian nationalism, standing for those distinctly Australian values – egalitarianism, mateship, fairness – together with democracy, freedom, republicanism and multiculturalism. (Ebd., S. 25) [/quote]

Allerdings müsste vor einer Neubelebung von Eureka vor allem eine Aufwertung stattfinden, bzw. eine Umdeutung und Wiedereroberung Eurekas aus den Händen von anderen gesellschaftlichen Gruppierungen, die mit ihren unakzeptablen militanten Einstellungen für ihren Niedergang verantwortlich seien:

[quote] In 2004, Australia commemorates the 150th anniversary of the Eureka uprising. Yet never before has the story of Eureka and its place within Australian history, been so marginal and unimportant for most Australians. The explanation is surely that the Eureka legend has been, in recent decades, appropriated by a number of hard-left unions and by certain right-wing nationalist groups. These groups see Eureka as a story of militant struggle and protest against the entrenched powers of the status quo, and they have adopted the absurd view that they are the only rightful heirs to this radical tradition. But the mere fact that fringe Australian groups have co-opted a national story should not prevent us from reclaiming it. (Ebd.) [/quote]

Hier lässt sich am klarsten erkennen, wie sehr von Seiten der ALP eine Verbindung mit Eureka gewünscht ist, auch wenn nicht unbedingt deutlich wird, wie sich die Autoren die Umsetzung des anscheinend ungerechterweise nur von den Gewerkschaften verkörperten radikalen Erbe und Tradition in der Labor Party vorstellen. Die erste Serie von Aussagen stellt noch einmal klar, dass sich die ALP und auch die Landesregierung mit Eureka als Ereignis und den assoziierten Gedankengut in Zusammenhang setzen will, bzw. verbunden sieht. Dabei wird im Rückgriff auf das Ereignis auf dessen militantere Aspekte verzichtet. Der zweite Teil mit den Interview drückt genau den Rahmen aus, wie die ALP sich heute das Anbringen abweichender Meinungen vorstellen: Abweichendes kann formuliert werden und findet vielleicht auch Ausdruck in etablierten Institutionen wie dem Parlament, darüber hinaus ist eine gewalttätige Option wie zu Zeiten Eurekas mittlerweile passé. S11 hat anscheinend zumindest in den Augen des Premiers in Taktik und Forderung diesen Rahmen verlassen. Trotzdem gibt es anscheinend bei einigen Angehörigen der ALP Sympathien für die Anliegen des gemäßigten Teils der globalisierungskritischen Bewegung. Im letzten Teil kommt das Bedürfnis nach (Wieder-)aneignung eines verkürzten und bereinigten Eurekamythos durch die ALP am deutlichsten zum Ausdruck. Der extremen Unterstellung durch die Sozialisten vom Anfang hat also wenigstens zum Teil Substanz in so fern, dass die ALP tatsächlich versucht, sich Eureka politisch von Nutzen zu machen und gleichzeitig in ihrem ursprünglichen radikalen Gehalt zu limitieren.

5. Fazit

Mit den festgehaltenen Aussagen lassen sich Ergebnisse formulieren für die Leitfragen der Untersuchung. Zum einen lässt sich ein genaueres Bild der Stellung der Nationalnarrative in der australischen Gesellschaft zeichnen und ihre Einbindung in Gramscianische Hegemoniebestrebungen.

5.1 Nationalnarrative und Aktivisten

Anne Beggs-Sunter schreibt in ihrer Arbeit über die Eureka Stockade, dass sie im Laufe der australischen Geschichte motivierend wirkte für eine Palette von Gruppen, die sich um gesellschaftliche Veränderungen bemühten:

[quote] Their [the Eureka digger's] story became an inspiration to other groups fighting for causes – seamen in 1870, shearers in 1891, anti-conscriptionists in 1917, waterside worker in 1939, Communists in 1951, republicans in 1975, waterside workers in 1998. (Sunter, 2002, S. 237) [/quote]

Reihen sich in diese Aufzählung auch die Aktivisten der globalisierungskritischen Bewegung in Australien ein? Spielen die australischen Nationalmythen, Eureka und Ned Kelly, eine Rolle für heutige anti-autoritäre Abweichler vom herrschenden politischen und ökonomischen Paradigma? Nach der Auswertung der gesammelten Daten kann dies unter einigen Einschränkungen vorsichtig bejaht werden.

Den größten einschränkenden Faktor stellt die Diversität innerhalb der Bewegung dar. Man könnte z.B. von einem uneingeschränkten Einfluss der Narrative auf die Protestbewegung sprechen, wenn sie öffentlich, flächendeckend, bewusst und mit Berufung auf den ursprünglichen radikalen Kern benutzt würden. Das ist nicht der Fall. Auf den größten Manifestationen der Bewegung, den Protesten wie z.B. S11, werden die Narrative nur von einzelnen Gruppen, bzw. Individuen verwandt. So wurde Ned Kelly etwa von Ökologiegruppen auf verschiedenen Demonstrationen und von einzelnen Demonstranten bei S11 verwandt. Eureka wird vor allem von den Gewerkschaften aufgegriffen, die das Flaggenmotiv in ihren Demonstrationsblöcken breit gestreut einsetzen. Sie allein werden von allen anderen Gruppierungen mit diesem Symbol und den dahinter stehenden historischen Ereignissen uneingeschränkt assoziiert. Dazu kommen noch einige linke Splittergruppen, wie die Maoisten und die Anarchisten, die davon auch auf Protesten Gebrauch machen. Trotzdem ist das Kriterium flächendeckend öffentlich nicht vollständig erfüllt.

Ähnliches trifft auch auf die organisationsinternen, inhaltlichen Positionen der Teilgruppen zu Eureka und Ned Kelly zu, die zum Teil sehr unterschiedlich ausfallen. Der „Buschmann“ scheint von keiner Gruppe als Vorbild für inhaltlich politische Ausrichtungen genommen zu werden, was sich relativ leicht aus der Tatsache erklären lässt, dass dessen einziges überliefertes Dokument, der Jerilderie Brief, sich denkbar schlecht als politisches Manifest eignet. Eureka bietet da andere Möglichkeiten und hat mehr inhaltliche Identifikation auf seiten der globalisierungskritischen Gruppen hervorgerufen. Am stärksten identifizieren sich die Anarchisten mit dem Erbe von Eureka, in dem sie exakte Parallelen zu ihrer eigenen Agenda sehen. Dabei stellen sie vor allem die mit Eureka verbundenen Elemente der Demokratisierung, Solidarität und Militanz in den Vordergrund. Eine ähnliche Haltung nehmen die Gewerkschaften ein, die sich auf Eureka als Teil ihrer Entstehungsgeschichte berufen. Allerdings scheint es ein Gefälle in der Identifikation zwischen den oberen Rängen der Arbeiterbewegung und den einfachen Mitgliedern, sowie eine Abstufung je nach Alter zu geben. Zudem ist Eureka ein Kampf von Vielen, auf den Gewerkschafter zurückschauen und nimmt nur durch das Symbol der Fahne eine Sonderrolle ein, aber nicht durch inhaltliche Aspekte, die nur in Eureka zu finden wären. Analog dazu nutzen die Sozialisten Eureka, wenn es um Beispiele für siegreiche militante Proteste geht. Allerdings nehmen sie tendenziell weniger die Goldsucher, als vielmehr die Gesamtheit der umstürzlerischen Bewegung in Victoria zu der Zeit zum Vorbild. Bei ihnen ist auch der institutionalisierte Widerstand gegen das Aufnehmen von nationalistisch verbrämten Symbolen am größten. Eine automatische Gleichsetzung von Goldsuchern und Arbeiterklasse nehmen sie nicht vor. Für die vor allem ökologisch orientierten, „weicheren“ linken Gruppierungen bilden Ned Kelly und Eureka vor allem eine Tradition, in die sie ihr eigenes Tun stellen, ohne dies auch institutionell festigen zu müssen. Die freien studentischen Aktivisten sind als Gruppe zu wenig ausmachbar, um hier Tendenzen feststellen zu können. Aber es lässt sich festhalten, dass es zumindest Vertreter glühender Anhängerschaft gibt, wie auch scharfer Ablehnung.

Allen Gruppierungen ist gemeinsam, dass eine mögliche Nutzung der Narrative durch Aneignungsanstrengungen von seiten der Regierenden in Frage gestellt werden. Durchgehend wiesen die befragten Aktivisten in unterschiedlichen Formulierungen auf das Problem hin, dass via deren Verwendung für Nationalismus die radikalen Mythen für die Machtfrage instrumentalisiert wurden und werden, und deshalb zumindest Vorsicht geboten sei im Umgang damit. Die Reaktionen darauf fallen allerdings wieder unterschiedlich aus. Auf der einen Seite legen die Anarchisten sehr vehement und die Ökologischen sowie einige Akademiker vorsichtig nahe, dass man genuin australisch Besetztes auch als eben solches wieder für die australische Linke nutzbar machen sollte. Auf der anderen Seite wollen die Sozialisten etwa Eureka keinen besonderen Status im Vergleich zu anderen, internationalen, Freiheitskämpfen einräumen.

Gegenüber der durchgehenden Einschränkung durch Diversität und der daher nötigen Wahl einer Forschungsmethode, die auch feine Tendenzen erfassen kann, führt ein Einzelergebnis jedoch zur vorsichtigen Annahme der Ausgangsthese: Alle Interviewpartner, bis auf Liz, haben zwar bestritten, dass Eureka und Ned Kelly von direkter Bedeutung für die Bewegung im Allgemeinen sei, aber sie fühlten sich alle persönlich inspiriert. Es scheint, als sei im Querschnitt der Führungskader der Antiglobalisierer einschließlich sympathisierender Intellektueller im eigenen Engagement durch die australo-ikonischen Widerstandsmythen motiviert. Je höher die Position in der jeweiligen Gruppierung, gepaart mit dem Alter – wie unter anderem der Fragebogen nahelegte – umso eher scheint sich die eigenen Protestaktivität aus australischen, historischen Quellen zu speisen.

Eine Erklärung liefern unter anderem die Interviews mit Cam und Damian. Es scheint, als sei vor allem Eureka zwar nicht fortlaufend präsent im Tagesgeschehen, aber zumindest für die Strömung der breit gefächerten Gesellschaft Australiens die sich verstärkt auf radikalen Protest beruft, ist Eureka Teil ihrer eigenen Tradition. Es ist etwas, dass nur australische Aktivisten zu ihrem Einsatz anspornt. Fast alle Aktivisten, bis auf Ian, der in Queensland aufwuchs, haben von Eureka und Kelly bereits sehr früh gehört – in der Schule bzw. von den Eltern. Allerdings scheint es, als bedarf es innerhalb des eigenen Aufstiegs in politisch interessierten Kreisen eines Moments, in dem der radikalere Gehalt der ursprünglich in verharmloster Form dargebotenen Narrative wieder für sich entdeckt würde – teilweise aufgrund von Eigeninitiative (Damian, Stuart, Sebastian, Jerome, Mick, Joe, Vivienne) oder durch Kontakt mit anderen, zum Teil älteren Aktivisten (Amy, Ian). So entsteht das relativ homogene Bild des persönlichen Ansporns durch historische Widerstandsereignisse, die nationale Bedeutung erlangt haben.

Es variiert zwar der Grad der institutionellen Verbundenheit und Verwendung von einschlägiger Eureka und Ned Kelly Symbolik auf Demonstrationen, aber beide scheinen tatsächlich als stiller Faktor der persönlichen Motivation zum Widerstand zu wirken, wenn dies auch nur selten bewusst gemacht und verbalisiert wird. Das Wissen um die Tradition, die mit Eureka begann, und unter anderem von dem exponierten Australier Ned Kelly fortgesetzt wurde, ist gleichsam die Bedingung der Möglichkeit, selber in der australischen Gesellschaft Hegemoniebestrebungen in der aktuellen Manifestation als rücksichtslos globalisierter Marktwirtschaft entgegenzutreten. Neben die materialistische, klassengebundene Erklärung des globalisierungskritischen Engagement wie sie von Verity Burgmann vorgeschlagen wurde, und dem Anschub durch internationale Ereignisse wie Seattle, tritt also auch ein drittes, landesspezifisch kulturelles Element: die im kulturhistorischen Diskurs Australiens liegende Widerstandstradition, zu der auch Eureka Stockade und Ned Kelly gehören.

5.2 Ausblick

Die nationale Ikonographie hat im Aufbau und Erhalt des Australischen Commonwealth eine Rolle gespielt und wird dies auch weiterhin tun. Sollte es in naher Zukunft zu einem Staatsformwechsel kommen, könnte eine neue Diskussion um ihre Verwendung aufflammen. In der Vergangenheit hat Australien eine relativ künstliche Nationwerdung durch den Aufbau eines nationalen Mythos um die Landung australischer Soldaten bei Gallipoli im ersten Weltkrieg aufgefangen, der zum Zusammenhalt Australiens bis heute beiträgt. Zum jetzigen Zeitpunkt sind sowohl die ALP, als auch der wahrscheinliche Nachfolger des jetzigen Premierministers der konservativen Liberals, dem Gedanken verpflichtet, Australien in eine Republik umzuwandeln. Eine junge Republik Australien aber könnte sich um andere historische Erklärungsmuster bemühen, aus der sie ihr Grundverständnis beziehen könnte. Es gibt Anzeichen, dass dann die Eureka Stockade an Bedeutung zunehmen könnte. Es wird dann darauf ankommen, unter wessen Führung ein solcher Wechsel der Staatsform von statten ginge. Wie im Abschnitt 5.3 gezeigt, bemüht sich Labor bereits heute darum, eine bereinigte Version von Eureka als Vorbild für Australien aufzubauen. Sollt die ALP der Transformation vorstehen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie Eureka zu prominentesten historischen Bezugspunkte für eine Republik Australien machen würde. Wenn also die Republikfrage wieder auf die politische Tagesordnung kommt, wird auch Eureka als Gegenstand Australischen Selbstverständnisses für australische Landeskunde erneut von besonderem Interesse sein.

Quellenverzeichnis

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1.1 Eureka

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2. Zeitungs- und Journalartikel

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„The Eureka Project is Unfinished“; „Cradle of Democracy or a small uprising? Historians assess the meaning“; „Rebels, Redcoats and a Bloody Dawn“. The Age, 3. Dezember 2004.

Bracks, Steven. „The Brief Battle that Hastened our Democracy“. The Age, 3. Dezember 2004.

3. Filme

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1948/1995: Ned Kelly. MGM Home Entertainment. Regie: Tony Richardson.

2000: The Birth of a Nation. Eureka Video Inc. Regie und Produzent: David Griffith.

2001: The Story of Ned Kelly. Picture Pond Media. Regie und Produzenten: Darren Jones und Michael Spencer.

2001: Melbourne Rising: S11 – Protest against the World Economic Forum. Ska TV. Editor: Julia Robertson.

2002: Australian History Part 1 – From Contact and Colonisation to the 1920s. Classroom Video. Regie: Dannaher Brenden.

2003: Ned Kelly. Universal Studios. Regie: Gregor Jordan, Produzent: Nelson Woss.

3. Brochüren

State Government of Victoria. Eureka 150 – Diversity, Dissent, Democracy. 2004

State Government of Victoria. Eureka 150, leaflet. 2004

University of Ballarat. Eureka 150 – Democracy Conference. 2004

University of Melbourne. Rush to Rebellion – Victorian Gold Rushes 1851-1854.



[1]Im weiteren werde ich, mangels einer überzeugenden deutschen Übersetzung und weil es sich im Australischen um einen feststehenden Ausdruck handelt, den Begriff „Eureka Stockade“ auch als einen solchen im deutschen Text verwenden und weder hervorheben noch übertragen.

[2]Die Trennlinie verläuft entlang der Unterscheidung zwischen:Interview-data-as-resource: the interview data collected is seen as (more or less) reflecting the interviewees' reality outside the interview.Interview-data-as-topic: the interview data collected is seen as (more or less) reflecting a reality jointly constucted by the interviewee and interviewer. The data-as-resource approach has undergone considerable critique from those working in consctucitonist traditions. Much of this critique stems from highlighting that interviews are inherently interactional events, that both speakers mutually monitor each other's talk (and gestures), that the talk is locally and collaboratively produced. The citique also centres on the ideal that data-as-resource researchers often incorrectly assume that interview-talk is only about the official topic of the interview. Tha talk in an interview may be as much about the person producing themselves as an 'adequate interviewee', as a 'specific type of person in relation to this specific topic'. In this sense, interview data may be more a reflection of the social encounter between the interviewer and the interviewee thatn it is about the actual topic itself.“ Rapley, 2004, S. 16, seine Hervorhebungen.

[3]Ähnlich wie Bryman heißt Sue Jones den Forschenden die Besonderheiten der auf Konstruktivismus beruhenden Forschungsmethoden zu bedenken: „In qualitative research the notion of some kind of impersonal, machine-like investigator is recognised as a chimera. An interview is a complicated, shifting, social process occuring between two individual human beings, which can never be exactly replicated. We cannot get at some 'objective truth' that would be there if only the effects of interpersonal interaction could be removed“. Jones, 2004b,S. 259.

[4]Dadurch entsteht eine Reziprozität aus These, Fragstellung und Auswertung. Dieses wird in der neuesten Literatur als gegeben und unvermeidbar dargestellt und nicht negativ bewertet: „How you analyse interviews is always inextricably linked to your specific theoretical interests. And your theoretical interests will, in part, define what sort of questions you ask in interviews, what sort of questions you ask of the 'data', what sort of level of transciption you feel is necessary.“ Rapley, 2004, S. 27.

[5]Vgl. auch Bryman, 2004, S. 236, „Sampling“.

[6]Eine Ausnahme der letzteren Bedingung war der Probant Mick, der mir unter anderem durch das Abfassen von einem Artikel zu Eureka auffiel.

[7]Die Statuseinteilung entspricht zum Teil formalen Positionen. Da es sich aber zum Teil um Gruppierungen handelt, die nicht formal nach Führern und Geführten unterscheiden, ist die Einteilung auch meiner Beobachtung ihres informellen Status im Gesamtbild der jeweiligen Organisation geschuldet.

[8]„Many of the miners had been workers, but on the goldfields most did not work for a boss. The diggers were largely self-employed. This is important to emphasise as a corrective to many of the myths about Eureka.“ In: „The Eureka Stockade“. Socialist Alternative Magazine. Vol 84. Oktober 2004.

[9]Dementsprechend wird auch dem Zitat von Karl Marx zu Eureka viel Platz eingeräumt: „We must distinguish between the riot in Ballarat and the general revolutionary movement in the Colony of Victoria. The former has probably been suppressed by now. The latter can only be ended as a result of considerable concessions.“ Ebenda.

[10]Ebenda.

[11]Diese Verknüpfung im öffentlichen Bewusstsein ging so weit, dass sich im Vorfeld der Feierlichkeiten der Gewerkschaftsbund Trades Hall veranlasst sah, eine Verlautbarung abzugeben, nach der die Flagge keinesfalls ausschließlich von den Gewerkschaften in Anspruch genommen werde. Vielmehr sei sie öffentliches Eigentum, das von ihnen nur genutzt, aber nicht vereinnahmt. „Eureka Flag Furore“. Herald Sun, 15. November 2004.

Australische Nationalnarrative: Der Volksheld Ned Kelly

Zur Zeit der Geschehnisse um die Eureka Stockade, 1854/55, wurde in der Nähe von Melbourne Edward Kelly, genannt Ned, geboren. Er war der älteste Sohn einer irischen Einwandererfamilie mit acht Kindern.[1] Mit 14 Jahren, schon bald nach dem Tod seines Vaters, hielt Ned die hungerleidende Familie mit Pferdediebstahl über Wasser. Nachdem er zum ersten Mal in Verdacht gekommen war, sich mit gewalttätigen Gesetzlosen (bushrangers) abzugeben, kam seine ganze Familie in den Blick der Victorian Police Force, was eine über Jahre andauernde Fehde in Gang setzte. Mit 16 kam er zum ersten Mal ins Gefängnis, nachdem er seine Schwester vor den handgreiflichen Avancen eines Lokalpolizisten geschützt hatte. Nach seiner Entlassung begann er zusammen mit seinem Bruder die Herden der lokalen Großgrund- und Viehbesitzer zu bestehlen, was ihn wieder in Konflikt mit dem Gesetz brachte. Nach einem erneuten Zusammenstoß mit dem seiner Schwester nachstellenden Konstabler, bei dem dieser verletzt wurde, begann Kelly zusammen mit seinem Bruder Daniel ein Leben als Geächteter in der Wildnis Australiens. Von 1878 an schafften sie es zwei Jahre lang, sich zusammen mit ihren Kumpanen Thomas Hart und Steve Byrns im Grenzgebiet zwischen Victoria und New South Wales zu verstecken und den sie verfolgenden Autoritäten zu entgehen. Zum Teil angefacht durch das Interesse der Medien in Melbourne wuchs ihre Popularität währenddessen vor allem bei der verarmten Bevölkerung immer stärker an.

Die Taten von Ned Kelly waren Tagesgespräch. So zum Beispiel, als die Kelly Gang ihren Verfolgern nach einem offenen Feuergefecht entkam, bei dem sie zwei Polizisten erschoss. Danach machten sie, außer durch kleinere Aktionen gegen Großgrundbesitzer, Furore durch drei Banküberfälle. Der bekannteste davon ist der in Jerilderie, wo der des Schreibens nicht mächtige Ned einen von ihm diktierten Brief hinterließ, in dem er seine eigene Situation und Geschichte darstellte, die Polizei ob ihres korrupten und brutalen Verhalten wüst angriff und in vagen Worten ein gerechteres Gemeinwesen forderte.[2] Es ist dieser Jerilderie Letter, der bis heute einen großen Teil der Kelly-Legende ausmacht.

Im Februar 1880 kam es dann zu dem bekanntesten Teil der Kelly Geschichte: der Belagerung von Glenrowan. Nach dem Banküberfall von Jerilderie wurden die Bemühungen der Polizei, Kelly und seine Mannen zu stellen, noch verstärkt. Bis heute ist unklar, ob nach monatelangem Schweigen nicht doch jemand aus der sonst loyalen Lokalbevölkerung der Polizei einen Tipp gegeben hat. Auf jeden Fall wusste Ned, dass eine direkte Konfrontation bevor stand. Er verbrachte Wochen damit, diese vorzubereiten. Unter anderem schmiedete er für sich und seine Mittäter jeweils einen Satz Stahlpanzer, die Kugeln abhalten sollten. Außerdem präparierte er die Eisenbahnschienen, über die der Zug mit den Polizisten die Gegend erreichen würde, so dass er entgleisen würde. Dann ritt er in die Provinzmetropole Glenrowan, besetzte den lokalen Pub und nahm alle Gäste als Geiseln. Das Warten auf die Polizei wurde allerdings verkürzt durch Gesang und Tanz der Gang mit den Geiseln, unter denen sie viele Freunde und Bekannte hatten. Dem Schulmeister der Stadt allerdings gelang es zu entkommen und den Polizeizug vorzuwarnen. Im Morgengrauen des nächsten Tages begann dann der Angriff der Staatsmacht auf die Gastwirtschaft. Acht Stunden lang schossen Polizisten und Geächtete aufeinander. Das Gefecht endete mit einem Ausfall der Gang in voller Metallpanzerung. Von den Vieren überlebte aber nur Ned mit 28 Schusswunden in den Beinen. Er wurde nach Melbourne gebracht, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Am 11. November 1988 wurde Edward Kelly im Innenhof des Melbourne Gaol gehenkt.[3] Es ist schwer, den Bekanntheitsgrad von Ned Kelly im heutigen Australien zu übertreiben. All die möglichen Bedingungen, die den Bekanntheitsgrad von Eureka einschränken, gelten für Kelly nicht. Über die Staatengrenzen hinweg hat jeder Australier von dem Bushranger mit dem Metallpanzer, der mit der Polizei kämpfte, gehört. Dieser Panzer und der Jerilderie Letter sind staatlich geschützte und museal verehrte Reliquien.[4]Kellyana“ findet man sowohl auf Bierflaschenkühlern und als riesige Betonfigur in Glenrowan, als auch in den Kulturtempeln des Landes als Ballettaufführung. Der Stoff ist in zahlreichen Kunstwerken verewigt worden und jeder einzelner Aspekt seiner Lebensgeschichte ist von seriösen und Amateurhistorikern untersucht worden. Allein in Australien gibt es mehr als 50 000 Internetseiten, auf denen sein Name vorkommt.[5] Die ABC beschreibt in der Besprechung einer ihrer Programme zu Ned Kelly seine Stellung folgendermaßen:

[quote] Ned Kelly is arguably the largest figure in Australian folklore. The famous helmet is instantly recognisable by Aussies everywhere. Nearly all of us are familiar with Ned's exploits, and everyone seems to have a keen opinion on the Kelly Legend [sic.]. Australia has had a host of criminals through the years, but none seem to have captured the public imagination like the Kelly Gang [sic.]. Why? The answer lies somewhere in the mix of timing, place, irresistible force of personality and the political significance of his cause. Then of course there is the highwayman code. Ned was always careful to behave according to the best Robin Hood code of practice.[6] [/quote]

Der Vergleich „Robin Hood der südlichen Hemisphäre“ wird und wurde oft angestellt.[7] Er geht zurück auf die ursprüngliche, konfliktgeladene soziale Situation, in der sich Kelly bewegt hat, mit den Großgrundbesitzern (squatters) auf der einen und den verarmten Landarbeitern (selectors) auf der anderen Seite. Richard White erklärt in Inventing Australia, wie Kelly in der zweiten Welle der Begeisterung für seine Person in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, vor allem von Kommunisten mit einem rebellischen sozialistischen Erbe verknüpft wurde, während gleichzeitig Katholiken Kellys irische Qualitäten und seinen Beitrag zum typisch Australischen betonten (White, 1981, S. 157).[8] Das wurde flankiert von den Darstellungen, der „Heiligsprechung“ Kellys , in der Kunst – mit bekannten Beispielen im Bühnenstück von Douglas Stewards (1942), den Bildern von Sidney Nolan (1945-47) und dem Borovansky Ballet The Outlaw von 1951. Nach dem Krieg wurde die Umsetzung der Kelly Saga in einen akademischen Nationalismus in den kommunistischen Zirkeln um die Literaturmagazine Meanjin und Overland fortgesetzt (Ebenda, S. 154).

Diese zweite Welle folgte auf die ursprüngliche, kurz nach den Ereignissen selber, als in den 1890 Jahren die Frage nach dem ureigenst Australischen und einem australischen Nationalismus ausbrach. Aber bereits 1879, noch vor Glenrowan, schrieb George Hall ein Buch über Ned, Outlaw of the Wombat Ranges, und publizierte eine Sammlung von Balladen und Liedern über ihn. Die ganze Geschichte wurde dann im 1892 in London veröffentlichten Buch The Last of the Bushrangers von F. Hare dargestellt. Das wiederum passte gut in die von Henry Lawson, Banjo Patterson und dem Bulletin angeführten Verherrlichung des Lebens im Busch, das angeblich den echten und unverwechselbaren australischen Charakter hervorgebracht hatte.[9]

Eine dritte Welle begann in den späten 80er Jahren und hält immer noch an.[10] Dabei sind vor allem drei Werke und die medialen Wellen um sie von größerer Bedeutung. Zum einen Robert Drewes fiktionale Nacherzählung der letzten Tage der Kelly Gang von 1991, die einen komplexen Kelly darstellt, der sich seiner Rolle im politischen Geschehen und den Medien seiner Zeit sehr bewusst war. Auf diesem Buch baut auch der jüngste Spielfilm über Ned Kelly auf, der 2001 erschienen ist, und der nicht zuletzt wegen der einfühlsamen und angemessenen Darstellung Kellys durch Heath Ledger viel Beifall bekommen und finanziellen Erfolg eingefahren hat.[11] Daneben steht die True History of the Kelly Gang von Peter Carey, welche im Jahr 2001 mit dem Booker Preis, die höchste Auszeichnung für englischsprachige Romane, dotiert wurde, und damit den Kelly Mythos auch wieder in den höchsten Kritikerkreisen salonfähig gemacht hat.

Das alles zusammengenommen, ist Ned Kelly nicht nur die bekannteste und populärste historische Figur Australiens; seine Person steht auch als Chiffre für alles, was Australier bewundern und für sich als wahrhaftig australisch in Anspruch nehmen.

 


[1]Für den historischen Abriss beziehe ich mich auf die Ned Kelly Biographie von Ian Jones, 1995, mit Ergänzungen aus dem einschlägigen Artikel in der Wikipedia Enzyklopädie.

[2]So spricht er zum Beispiel davon, dass sich die irische Bevölkerung von Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten verbünden könnte, um die britische Krone und das ungerechte Kolonialsystem zu stürzen. Kelly, Ned. The Jerilderie Letter. Alex McDermott [Hrsg.], S. 66f.

[3]Eine der verbrieften Anekdoten um Ned Kelly bezieht sich auf seine letzten Worte, mit denen er seinem Richter drohte, Redmond Barry, der ihn auch zu allen vorherigen Strafen verurteilt hatte, drohte, ihn alsbald im Jenseits zu sehen. Barry starb zehn Tag nach Kelly. Seine allerletzten Worte auf dem Galgen sind zu einem geflügelten Wort in Australien geworden: „Such is Life!“ Wikipedia, The Free Encyclopedia (englische Version), „Ned Kelly“.

[4]Die Staatsbibliothek von Victoria stellt den Brief aus, während Teile des Panzers in allen Bundesstaaten in Museen zu sehen sind. Der zur unverwechselbaren visuellen Ikone gewordene Topfhelm wird im Polizeimuseum von New South Wales, in Sydney ausgestellt.

[5]Google Search, was die Zählung von Doppelnennungen auf einzelnen Seiten ausschließt.

[7]Zuletzt zum Beispiel in der Besprechung des letzten Ned Kelly Films im Sydney Morning Herald vom 27.3. 2003, „Ned Kelly“.

[8]The bushman was given a specifically socialist heritage. Both communists and conservative Catholics had been claiming the gold-diggers at Eureka and Ned Kelly for themselves, the communists interpreting the Australian character as rebellious, the Catholics interpreting it as essentially Irish.

[9]Vgl. White, 1981, 63-110. Kapitel „The National Type“ und „Bohemians and the Bush“.

[10]Vgl.: „Ned's Legacy“. The Age. 27.3.2003.

[11]Der letzte Versuch davor, 1970, mit Mick Jagger in der Hauptrolle, war dagegen auf wenig Anklang gestoßen, obwohl der Kellyhistoriker Ian Jones am Drehbuch mitgeschrieben hatte. Der allererste Kellyfilm von 1907 war auch gleichzeitig einer der ersten Filme in Spielfilmlänge überhaupt. Siehe Corfield, 2003, S. 127.

Australische Nationalnarrative: Die Eureka Stockade

In den frühen Morgenstunden des 3. Dezembers 1854 wurden ca. 200 aufständische Goldsucher, die sich in einer improvisierten Barrikade (stockade) in der Nähe von Ballarat verschanzt hatten, von einer Attacke durch Regierungstruppen und Polizeibataillone überrascht. Nach einem heftigen Kampf von etwa 20 Minuten war alles vorüber und die Rebellion niedergeschlagen. Insgesamt gab es 60 Todesopfer, 46 bei den Verteidigern und 14 auf der Seite der Angreifer. Die überlebenden Aufständischen wurden in Gewahrsam genommen. Viele weitere wurden verletzt, unter ihnen der Anführer der Rebellen, Peter Lalor, der mithilfe von Freunden und Sympathisanten in der Bevölkerung aber zunächst der Festnahme entgehen konnte, nur um einige Tage später doch gefasst zu werden. Diese kurze Zusammenfassung der Geschehnisse lässt kaum einen Rückschluss zu, welchen Stellenwert Eureka einnimmt, heute eines der wichtigsten australischen Nationalmythen. Um diese Frage näher zu betrachten werde ich zunächst eine Zusammenfassung der historischen Ereignisse geben. Darauf folgt eine Einschätzung der direkten politischen Konsequenzen und in einem dritten Schritt ein Abriss der Mythifizierung Eurekas. Den Abschluss bildet der Versuch, eine Einschätzung des heutigen Stellenwertes in der australischen Gesellschaft zu geben.

Historischer Kern[1]

Die wahre Brisanz der Eureka Stockade liegt nicht so sehr in der halben Stunde von Ballarat, sondern vielmehr in den Ereignissen in den Wochen und Monaten zuvor, auf den Goldfeldern, in Melbourne und London, sowie in dem direkten Nachspiel um den Prozeß der Stockader.

Im Frühjahr 1853 wurde in Victoria Gold gefunden. Die Nachricht breitete sich sofort in aller Welt aus. Ein neuer Goldrausch, ähnlich dem in Kalifornien, brach aus. Für die Kolonie hatte das weitreichende Konsequenzen. Innerhalb eines halben Jahres vervierfachte sich die Bevölkerung. Doch trotz des enormen Zustroms an Arbeitern kam die vor allem auf Schafzucht ausgerichtete Wirtschaft durch Arbeitskräftemangel so gut wie zum Erliegen. Die Mehrheit der erwerbsfähigen Erwachsenen der Kolonie fand sich auf den sich ausbreitenden Goldfeldern ein, um ihr Glück dort zu suchen. Dabei waren es nicht nur einfache Arbeiter, die sonst kaum eine Chance auf den sprunghaften sozialen Aufstieg gehabt hätten, den ein Goldfund ermöglichte. Es waren auch Gelehrte, ausgebildete Ingenieure und selbst ein Richter des obersten Gerichtshofes der Kolonie in den diggings tätig. Nicht nur kamen sie aus allen Professionen, sondern auch aus aller Herren Länder. Jedoch kam die Mehrheit aus den Vereinigten Staaten und Europa. Und mit ihnen kamen die freiheitlich-revolutionären Ideale und Praktiken, die in den Freiheitskämpfen von 1848 in Mitteleuropa gerade weite Beachtung gefunden hatten. Die besonders große Gruppe der Iren zum Beispiel stand noch unter dem direkten Eindruck des gescheiterten Osteraufstandes in Dublin. Dementsprechend gehörten politisches Agitieren und demokratische Versammlungen zum täglichen Leben auf den Goldfeldern, zusammen mit härtester physischer Arbeit, der extremen Witterung, feindlicher Natur, sich unkontrolliert ausbreitender Kriminalität und den berüchtigten Lizenzjagden.

Hierbei handelte es sich um den Versuch der Kolonieleitung, die maroden Finanzen Victorias aufzubessern. Der scheidende Governor-General La Trobe hatte ein System eingeführt, nach dem jeder Erwachsene, der die Goldfelder betrat, für die erhebliche Summe von einem Pfund eine monatlich zu erneuernde Lizenz erwerben musste. Lizenzpreller wurden mit Strafen von horrenden fünf Pfund oder fünf Jahren Haft belegt. Die Zahlung der Lizenz wurde durch regelrechte Jagden auf Goldsucher durchgesetzt, die vom Distriktkommisar geplant und regelmäßig von der notorisch gewalttätigen Hilfspolizei ausgeführt wurden. Selbst die sich sonst in ihrer Interpretation von Eureka eher opponierenden Historiker Weston Bate und Geoffrey Blainey sind sich einig, dass dieses System mit der größte Faktor war, der die Goldsucher in die Stockade und zur Rebellion trieb – obwohl sie sich zunächst damit zufrieden gaben, immer wieder und über Monate hinweg Beschwerdebriefe und gemeinsame Petitionen an den Governor-General nach Melbourne zu schreiben (Bate, 1978, S. 35).

Am 18. August 1854 kam der neue Gouverneur, William Hotham, in der Kolonie an. Er wurde vor allem auf den Goldfeldern mit viel Enthusiasmus und Hoffnung auf überfällige Veränderungen in der Verwaltung begrüßt. Aber schon bei diesem euphorischen Antrittsbesuch nutze der ehemalige Marineadmiral die Gelegenheit zum Ausspähen von nützlichen Verteidigungsstellungen und den Planungen zur Niederschlagung einer eventuellen bewaffneten Rebellion. Da ihn das Home Office in London mit dem Auftrag entsandt hatte, den Haushalt der Kolonie zu sanieren, hatte er sich früh entschieden, mit harter Hand zu regieren. Die Frequenz der Lizenzjagden wurde erhöht und der Ton der Ablehnung der Petitionen schärfer. Die Unzufriedenheit auf den Goldfeldern stieg. Es kam zu sog. monster meetings von bis zu 10 000 Goldsuchern auf einmal, bei denen radikale Agitatoren nach Veränderungen riefen. Dabei spielte vor allem die ursprünglich aus England kommende früh-sozialistische, demokratische Chartisten-Bewegung eine große Rolle, die allerdings gespalten war durch unterschiedliche Einstellungen zu gewalttätigen Taktiken (gewaltbereite radicals gegen moral force Chartisten).

Am 10. November wurde unter mysteriösen Umständen einer der bekannteren und beliebteren Goldsucher ermordet. Hauptverdächtig war der Besitzer der einzigen Kneipe auf dem großen Eureka Goldfeld, dem Eureka Hotel, mit Namen John Bentley, der dafür bekannt und verhasst war, auch Geschäfte mit der Polizei und der Distriktverwaltung zu betreiben. Bentrley wurde allerdings bei dem Prozess zehn Tage später trotz erdrückender Beweislast vom Distriktmagistrat freigesprochen. Was den diggers als eklatante Rechtsbeugung erschien, brachte sie in einem weiteren Massentreffen zusammen, auf dem Peter Lalor und andere moral force Leute noch Zurückhaltung predigten, das allerdings mit dem Abbrennen des nahe gelegenen Eureka Hotels endete.

Zunächst blieb alles relativ ruhig, aber einige Tage später wurden auf direkten Geheiß von Gouverneur Hotham drei Redner des Massentreffens festgenommen. Daraufhin organisierten sich die aufgebrachten Elemente auf dem Eurekafeld auf einer weiteren massenhaften Zusammenkunft in der sog. Ballarat Liga für Reformen (Ballarat Reform League). Nachdem in einem feierlichen Akt eine Fahne gehisst worden war[2], sandten sie eine Delegation nach Melbourne zum Gouverneur mit einer umfassenden Analyse der Zustände in der Kolonie und einer Zusammenstellung ihrer Forderungen, unter anderem der Freilassung der Gefangenen, des aktiven und passiven Wahlrechtes für das Parlament, der Auflösung des Lizenzsystems und der Untersuchung der korrupten Machenschaften von Polizei und Verwaltung auf den Goldfeldern. Hotham lehnte pauschal alles ab und nahm besonderen Anstoß an der forschen Formulierung („demands“). Stattdessen entsandte er zusätzliche Truppen nach Ballarat.

Zusätzlich angespornt von der scharfen Rhetorik seines Vorgesetzten, veranlasste der Distriktkommisar von Ballarat für den Morgen des 1. Dezember eine erneute Lizenzjagd für das aufrührerische Eureka Goldfeld. Die dabei verübten Gewalttaten brachten die Goldsucher zu Mittag in einem erneuten Massentreffen zusammen. Es wurden Reden gehalten, in denen die Vertreter von radikalen Maßnahmen diesmal die Oberhand behielten. Selbst der eigentlich zurückhaltende irische Ingenieur Peter Lalor war so aufgebracht, dass er sich zum Oberbefehlshaber der Rebellen wählen ließ. Anschließend ließ er alle Anwesenden schwören: „We swear by the Southern Cross, to stand truly by each other, and fight to defend our rights and liberties.“ (Bate, 1978, S. 123). Der radikale Intellektuelle aus Italien, Raffaello Carboni, forderte alle Anwesenden auf, dass Kreuz des Südens auf der Fahne zu grüßen als: “refuge of all the oppressed from all the countries on earth, irrespective of nationality, religion and colour.“ (Carboni, 1855/1963, S. 87).[3] Sofort danach begann der Bau einer improvisierten Verteidigungsstellung an der Straße nach Melbourne. In deren Mittelpunkt wurde eine frisch genähte Fahne gehisst, mit dem weißen Sternenkreuz des Südens auf blauem Grund.

Nach zwei Tagen waren für die Nacht die meisten der Aufständischen nach Hause gegangen, nur ein paar Hundert waren in ihren Zelten innerhalb der Holzpalisade verblieben. Im Morgengrauen dieses dritten Dezembers dann kam die Attacke.[4]

Erste Konsequenzen

Der Kern des Eureka Mythos wäre nicht komplett, ohne die Ereignisse im unmittelbaren Anschluss in Melbourne. Dort hatten nicht nur Hotham und seine Verwaltung die Entwicklungen in Ballarat aufmerksam verfolgt. Auch die Öffentlichkeit hatte via Printmedien regen Anteil genommen. Eureka war Tagesgespräch und Stoff von täglichen öffentlichen Zusammenkünften ähnlich der monster meetings auf den Goldfeldern. Als bekannt wurde, dass die Anführer von Eureka in Melbourne vor Gericht gestellt werden sollten, rief der Oberbürgermeister zu einer solchen Versammlung auf, um den Aufstand zu verdammen und die Loyalität der Kolonie zur Krone zu proklamieren. Zehntausende nahmen an diesem und einem weiteren Treffen teil. Allerdings gelang es radikalen Rednern zu beiden Gelegenheiten, die Sympathie des Volkes aufzugreifen und die Versammlungen in Solidaritätskundgebungen für die Goldsucher zu verwandeln.

Am 23. Dezember wurde dann den dreizehn Rädelsführern vor dem Victorian Supreme Court im Melbourne Gaol der Prozess gemacht. Der Vertreter der Krone hatte sich im Vorfeld auf die Anklage Hochverrat festgelegt, was bei einer Verurteilung automatisch die Todesstrafe nach sich gezogen hätte.[5] Während der Beweisaufnahme konnten aber nur Belege für bewaffneten Aufstand gefunden werden. Die Jury sprach dementsprechend alle Angeklagten frei. Sie wurden unter dem Jubel der Bevölkerung als Helden durch die Straßen Melbournes getragen. Vor allem wegen der offensichtlichen Sympathien in der Bevölkerung kam es zu keiner Neuauflage der Verfahren. Die tumultartigen Szenen in der Stadt bewegten den Gouverneur auch dazu, die wichtigsten Forderungen aus den Petitionen von den Goldfeldern zu erfüllen. So genehmigte Hotham zum Beispiel die Einrichtung von Sondergerichten auf den Goldfeldern, die von den diggers selber betrieben wurden. Das verhasste Lizenzsystem wurde mit einer Ausfuhrtaxe auf Gold und einem stark verbilligten Schürfrechtesystem ersetzt. Außerdem wurde mit der Ankunft der neuen Verfassung das allgemeine Wahlrecht für Männer eingeführt und in der Legislativkammer des Parlaments wurden Sitze für die Vertreter der Goldsucher geschaffen. Peter Lalor und der moral force Chartist Humphrey wurden die ersten gewählten Repräsentanten auf diesen Sitzen.

Ende 1855, ein Jahr nach Eureka, verstarb Gouverneur Hotham; und alle ursprünglichen Forderungen der Ballarat Reform League waren inzwischen in geltendes Recht umgesetzt worden.

Mythos Eureka

Die Interpretation von Eureka ist über die Jahre sehr unterschiedlich ausgefallen. Fast das ganze politische Spektrum hat sich beizeiten darauf berufen. Dr. Anne Beggs-Sunter fasst es gut zusammen, wenn sie schreibt:

[quote] The Eureka Stockade has been variously described as a riot, a rebellion, a revolt, an attempted revolution and a massacre. The motivations of those men who took up arms against the colonial government have been described in a myriad of ways, from greedy self-interest to ideological vision, depending wether they have been characterised as drunken ex-convicts, foreign opportunists, British Chartists or Irish republicans. Eureka has provided a message to each succeeding generation. The message has been interpreted in different ways, allowing a widely disparate spread of organisations to use its symbolism. From the anti-Chinese protesters at Lambing Flat in 1861, to the striking shearers at Barcaldine in 1891, to the Australian Army fighting the Japanese in World War Two, to the Communist Eureka Youth League formed in 1941, to National Action and the Australian Independence Movement in the 1970s, to small businessmen in the 1990, to the S11 anti-globalisation protests in Melbourne in 2000 – all have invoked the Eureka precedent of making a stand in the face of oppression. (Anne Beggs-Sunter, 2002, S. 4) [/quote]

Für eine Betrachtung der Entwicklung des Mythos Eureka Stockade sind vor allem drei Phasen der kurzen Geschichte Australiens interessant: die Jahre direkt nach 1854, die nationalistische Phase von 1890 an und die Zeit vom II Weltkrieg bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Genau ein Jahr nachdem der Eureka Hotel Pub gebrannt hatte, gab Raffaello Carboni sein Buch „The Eureka Stockade – The Consequences of Some Pirates Wanting on Quarter-deck a Rebellion.“ heraus.[6] Er beschrieb darin die Ereignisse, wie er sie selber erlebt hatte. Carboni war ein italienischer Aktivist, der auf den Goldfeldern schnell in die Führungsriege der unzufriedenen, politisch aktiven digger aufstieg, wo er als intellektuelles Sprachrohr und Übersetzer viel Arbeit leistete – so wird er zum Beispiel als eigentlicher Autor des Eides und der letzten Petition geehrt. Er gehörte mit zu den dreizehn Angeklagte in Melbourne. Sein Buch ist durchaus kritisch gegenüber den zurückhaltenden Kräften auf den Goldfeldern und spricht sich offen für radikal-demokratische Reformen aus. Es ist das meist beachtete Dokument, das zum Eureka Mythos gehört, und ist über die Jahre immer wieder neu aufgelegt und interpretiert worden. Hier ist mit Thomas Keneally, dem Herausgeber der Ausgabe von 1993, festzuhalten, dass für Carboni Eureka trotzdem wohl weniger ideologisch geladenes als Republikanismus bedeutet, sondern eher das praktische Einfordern von Gerechtigkeit („fair go“).[7]

Nachdem die progressiven Magazine in Melbourne, vor allem Argus und die neu gegründete The Age, die auch schon die Ereignisse selber wohlwollend begleitet hatte, Carbonis Buch gebührend gefeiert hatten, wurde es merklich ruhiger um Eureka. Mit Ausnahme einiger Historiker, die in ihren allgemein-australischen Geschichtsbüchern Eureka erwähnten – unter ihnen auch einer der Beteiligten, Westgarth, gab es 30 Jahre lang keine neuen Versuche die Geschichte Eurekas neu zu schreiben.[8] Nicht einmal eines der sonst so populären Volkslieder wurde den Männern von Eureka gewidmet.[9]

Dieses vermeintliche Desinteresse änderte und verkehrte sich ins Gegenteil zum Ende der 1880er Jahre hin, mit dem Erstarken nationalistischer Gefühle und Einstellungen in der Kolonie. Laut der Ikone der australischen Geschichtsschreibung, Manning-Clark, waren es vor allem die Autoren Victor Daley und Henry Lawson, die Eureka in den Mittelpunkt ihrer Kampagne zum Aufbau eines genuin australischen Nationalgefühls stellten (Beggs-Sunter, S. 15).. Es fiel Lawson zu, die Stille der Künstler um Eureka zu brechen, mit seinen Gedichten „Blood on the Wattle“ und „Republican Pioneers“, die die Heldentaten der digger glorifiziert und ihre Tapferkeit in einen breiteren Kontext von australischen Tugenden und einer australischen Republik stellt (Lawson, 1921, S. 112).[10]

Daneben arbeitete vor allem J. Archibald in seinem radikal-nationalistischen und republikanischen Magazin, dem Bulletin, am Mythos Eureka. Mit feuriger Rhetorik verdammte er nicht nur die korrupten, geldbesessenen und visionslosen Politiker, er pries auch die Goldsucher für den wahren australischen Geist, den sie 1854 vorgelebt hatten. So schrieb er zum Beispiel am 21. Januar des Jahres 1888:

[quote] The old impulse is not dead, however, though the land-thief and the labour-thief rig our markets and shark our estates; though our politicians sell us for an empty distinction and barter our birthright for a mess less that royal pottage- The people of Australia – the true, the genuine Democrats, the Australians – refuse to celebrate the landing of Phillip; they look across the Murray for the one representative act of their nationality; they look across the ocean for the one representative utterance which foretells their future, and they find their exemplars in the rebellious miner, Lalor, who by his heroic action in heading the diggers in revolt against unjust and tyrannical authority, furnished forth a precedent to Australia, which all Australians worthy of the name should inscribe in letters of indelible print within the red-laced tablets of their hearts. (Cathcart/Smith, 2004, S. 7, meine Hervorhebungen)[11] [/quote]

An gleicher Stelle forderte er nicht nur, endlich ein geeignetes Denkmal zu errichten, sondern auch den 3. Dezember zum Feiertag der Kolonie und Nationalfeiertag einer zu errichtenden Republik auszurufen. Das kam auf den öffentlichen Versammlungen in Melbourne gut an, wo alsbald auch die Flagge mit dem Kreuz des Südens wieder zu sehen war.

Der Höhepunkt der Begeisterung für Eureka kam 1891 mit dem legendären Streik der Schafscherer in Queensland, der Gründungsmoment der australischen Arbeiterpartei (ALP). Auf den von den radikalen Streikenden errichteten Barrikaden wurde wieder die Eurekaflagge gehisst und in ihren Forderungen bezogen sie sich explizit auf die „glorious revolution of 1854 in Ballarat.(Beggs-Sunter, 2002, S. 71) Selbst Mark Twain war äußerst angetan:

[quote] It is the finest thing in Australasian history. It was a revolution – small in size, but great politically; it was a strike for liberty, a struggle for principle, a stand against injustice and opression. […] It was another instance of a victory won by a battle lost. It adds an honourable page to history; the people know it and are proud of it. They keep green the memory of the men who fell at the Eureka Stockade. (Zitiert nach Beggs-Sunter, 2002, S. 254)[12] [/quote]

Und Karl Marx sah Eureka als den Beginn eines Aufstands der Arbeiterklasse und die Grundlage für die Einführung des Sozialismus in Australien (Wiedergegeben in Gold, 1917, S. 111).[13]

Allerdings kumulierte in dieser Zeit auch eine andere Tradition, nämlich diejenige, die Eureka fälschlicherweise mit den anti-chinesischen Ausschreitungen auf anderen Goldfeldern gleichsetzt und in Eureka auch einen Kampf um die Reinhaltung der anglo-keltischen Rasse und der Abwehr von billigen Arbeitskräften aus Asien sieht. Diese rassistische Lesart hat sich leider über die Scherer in die ALP fortgesetzt.

Eine Reihe Historiker des ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert haben diese Zeit des aufstrebenden australischen Nationalismus 100 Jahre vorher als den Moment bezeichnet, ab dem Eureka offensichtlich aus dem Kontext der ursprünglichen Intention herausgenommen, instrumentalisiert und appropriiert wurde. McKenna und Stephen Alomes kommen unabhängig voneinander zu der Einsicht, dass Eureka nur im Nachhinein ein Ausdruck von australischem Nationalismus wurde und dass, obwohl es eigentlich keine republikanische Rebellion war, Eureka Gewicht bekam als Symbol der Unabhängigkeit und der Träume radikaler Nationalisten. (McKenna, 1996, S. 100 sowie Alomes, 1988, S. 13). Der Kulturhistoriker Peter Cochrane geht noch einen Schritt weiter: Eureka is deliberately constructed as part of a new republican heritage. (Cochrane, 1994, S. 17). Eine Idee, die vor allem auf den einflussreichsten Kultur- und Geschichtsinterpreten Australiens nach Manning-Clark, Richard White, zurückgeht. Er hatte mit seinem paradigmatischen Buch Inventing Australia – Images and Identity 1688-1980 eine systematische Analyse der Motive und Prozesse hinter der Entwicklung von australischen Nationalstereotypen entwickelt. Auf Eureka eingehend, vermerkt er, dass es ursprünglich von der kolonialen Oberschicht als ur-Britische Erhebung gegen Tyrannei gesehen wurde, und erst in den 1880ern einen eigenen, australischen Anstrich bekam. (White, 1981, S. 56). In seiner Studie History as Social Memory geht der Kulturwissenschaftler Chris Healy mit dieser Sicht konform. Er schreibt:

[quote] The abstraction and formalisation of Eureka as a historic event was not achieved in one moment or enunciation. The transmission of 'the event' as a story told by eyewitnesses, as oral tradition and as print narrative took place simultaneously as a dynamic process which shifted and changed over many years. In the late-nineteenth and early twentith century the story of Eureka became not just an episode nor an event in a general historical narrative but lost much of its specificity in becoming a component in fully fledged meta-narratives, the two most important of which were Laborism and nationalism. (Healy, 1997, S. 154) [/quote]

Innerhalb von 50 Jahren hatte sich Eureka als Erzählung verselbstständigt und war in den Dienst von übergeordneten Narrativen, den australischem Nationalismus und dem Arbeiterklassenkampf, gestellt worden.

Mit der Vereinigung der Kolonien zum Commonwealth von Australien und seiner Beteiligung am I Weltkrieg war die Nation greifbare Realität geworden und es stellten sich neue, vor allem soziale, Fragen. Gleichsam als Gegengewicht zur ANZAC Legende beschwor der Historiker R. S. Ross in seinem Buch Eureka: Freedom's Fight of '54 (Ross, 1917) die Stockade als ersten Streik in Australien und unterstellte den Goldsuchern einen sozialistischen Hintergrund. Bewundernd sprach Ross von dem Leuchtturm Eureka, der Australien den Weg aufzeigen würde. Gleichzeitig warf er seinen Vorgängern und bourgeoisen Kollegen vor, nicht die passende Verortung in Arbeiterklassenstellung gehabt zu haben, um Eureka angemessen zu verstehen (Ebd., S. 213. ). Er forderte alle kommenden Generationen auf, dem Beispiel der „warrior-diggers“ zu folgen und eine neue Gesellschaftsordnung zu errichten (Ebd., S. 214). Damit legte er die theoretische Grundlage für die gesamte sozialistische Interpretation von Eureka im 20. Jahrhundert.

Dies begann in den späten 1930ern, als sowohl der linke Flügel der ALP als auch die kommunistische Partei Australiens die Eureka Flagge zu ihrem offiziellen Symbol machten (Ganzer Absatz sinngemäß aus Beggs-Sunter, S. 97 ff). Im Jahr 1941 dann, gründete die KP eine Jugendabteilung, die Eureka Youth League. Die linken Großorganisationen beriefen sich auf Eureka in ihren Traditionserklärungen, aber für die Liga war Eureka das Kernstück ihrer marxistisch-nationalistischen Identität. Sie war es, die die Flagge zum ersten Mal massiv auf Demonstrationen einsetzte und damit einem breiteren Publikum vertraut machte – vor allem im Kampf gegen die verschiedenen Versuche durch den Premierminister Menzies, die KP zu verbieten. In den 60ern übernahm dann die notorisch militante Gewerkschaft der Bauarbeiter (Builders Labourers Federation, kurz BLF) die Fahne und die Anlehnung an den „ersten Streik“ Eureka. Weitere Gewerkschaften folgten ihrem Beispiel (Elektriker, Lehrer, Berufsfahrer, Hafenarbeiter uvm.). Zusammen trugen sie Eurekafahnen auf den Moratoriumsmärschen gegen den Vietnamkrieg in den späten 60ern und frühen 70ern. Zu dieser Zeit übernahm eine weitere aufstrebende linke Gruppe Eureka als Leitmotiv, die Maoisten. Sehr aktiv zur Vietnamzeit hatten sie sich schon zur Zeit der Proteste rund um die Entlassung des Premierministers Gough Whitlam (ALP) in 1975 durch den Vertreter der Krone über die Bedeutung Eurekas zerstritten. Einige Splittergruppen hielten die Goldsucher von 1854 eher für Kleinbürger und Minikapitalisten und trugen zwar trotzdem weiterhin die Fahne, aber mit volksrotem Hintergrund. Whitlam selber hat den bisherigen Höhepunkt der politischen Aneignung von Eureka geschaffen in seiner Rede zur Enthüllung der restaurierten Fahne am 1.12.1973. Darin pries er die demokratiefördernden Elemente der Ereignisse, die unter anderem seine Vorstellungen von einem multikulturellen Australien unterstützen würden. Allerdings wolle er sie über die Parteipolitik der Zeit stellen und mit ihnen einen neuen, toleranten, demokratischen und humanen Nationalismus in Australien begründen.[14]

Erst recht seit seiner Entlassung und der folgenden Erstarkung der Bewegung für eine australische Republik hat sich die Fahne auch zum Symbol für die vollständige Unabhängigkeit von der britischen Krone entwickelt. Republikaner, Gewerkschafter und Maoistengruppen trugen Eurekafahnen – manche mit rotem Hintergrund – bei den Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und der Hafenarbeitergewerkschaft (MUA) im Jahr 1998 und bei den S11 Demonstrationen 2000 (Beggs-Sunter, S. 98).

Aber auch am anderen Ende des politischen Spektrums wurde Bezug auf Eureka genommen. Verschiedene Neonazigruppen – unter ihnen die Nationalsozialistische Partei Australiens in den 1940ern – stellen sich in die Tradition derer, die Eureka für australischen Nationalismus umgedeutet haben und fügen noch einen Mythos vom angeblichen Kampf der diggers um Rassenreinheit hinzu. Und auch bei dem letzten Einbruch nationalistisch-rassistischer Elemente in die öffentliche Wahrnehmung kam Eureka zum Einsatz. Pauline Hanson benutzte einschlägige Anlehnungen in ihren Reden und Eurekasymbole für das Werbematerial ihrer One Nation Partei (Ebd., S. 99). Darüber hinaus haben sich in jüngster Zeit noch viele andere Gruppen mit Eurekabezügen – meistens der Fahne – geschmückt. Dazu gehören so disparate Organisationen wie der Einzelhändlerverband, Opalminenarbeiter und Motorradrocker; und natürlich die Stadt Ballarat, wo nach vielen Irrungen das Original der Flagge in eindrucksvollem, wenn auch stark beschädigten Zustand ausgestellt ist.[15]

In den vergangenen 150 Jahren haben die Ereignisse von Eureka Eingang in so gut wie jede Kunstform, die in Australien praktiziert wird gefunden – mit der möglichen Ausnahme von Ballet. Zahlreiche Bilder, Romane, Gedichte, Lieder, TV Programme und einige Spielfilme haben den Stoff aufgenommen und sich vor allem der Apotheose des Rebellenanführers Peter Lalor gewidmet. Dabei scheint auffällig, dass, vielleicht mit Rücksicht auf den tragischen Ausgang, untypischerweise zumindest für das ausgehende 19. Jahrhundert eher Gedichte als Volkslieder produziert wurden. Die Ausnahme davon ist zum einen das Lalor verherrlichende Lied Victoria's Southern Cross, das Carboni angeblich schon in der Stockade selber verfasst und in seinem Buch über Eureka herausgegeben hat (Carboni, 1963/1855, S. 170). Zum anderen schrieben kommunistische Aktivisten aus der Eureka Youth League, Helen Palmer und Jack Blake, in den 50er Jahren mehrere Balladen über den heroischen Geist von Eureka, wie z.B. Ballad of Eureka und Beneath the Southern Cross (Beggs-Sunter, S. 126 f).[16]

Es sind über die Jahre etwa zehn Bühnenstücke produziert worden und drei unterschiedliche Musicals (1964, 1984, 2004). Obwohl letztere alle auf ein Massenpublikum ausgelegt waren, blieben sie relativ erfolglos – so musste die neueste Produktion bereits nach drei von zehn geplanten Aufführungswochen mangels Zuschauern abgesagt werden. Die Theaterstücke hingegen waren eher mit einem Auge auf politische und soziale Mißstände geschrieben worden und waren bei einem einschlägigen Publikum sehr erfolgreich. Als Beispiel ließe sich das Theaterpädagogikprojekt von David Young nennen, Eureka von 1974, das in der Form frei und mit Publikumsbeteiligung, im Inhalt anti-autoritär und auf Migranten abgezielt war (Ebd., S. 125).

Die Zahl der Romane und Kurzgeschichten, die sich mit Eureka beschäftigen ist (fast) endlos. Es scheint, dass etwa alle zehn Jahre der Stoff reif gewesen ist für eine Neubearbeitung. Hatte in den 1890ern noch das radikale Bulletin die literarische Standarte für Eureka geschwungen, so übernahmen das ab den 1950er Jahren die kommunistischen Literaturmagazine Meanjin und Overland, die die Produktion von Eurekaliteratur kritisch begleiteten. Dabei zerfällt diese grob gesagt in Abenteuergeschichten, Sozial-, Natur- und Liebesromanzen, sowie ideologisch unterfütterten Sozialrealismus mit dem Höhepunkt letzterens durch die kommunistischen Beiträge für die Hundertjahrfeier 1954.

Eines der eher auf spannende Handlung ausgelegten Bücher ist Rex Rienits Who Would be Free von 1944, das fünf Jahre später vom Filmemacher Harry Watt in einen Spielfilm umgesetzt wurde. Die beim Publikum sehr populäre Schwarz-Weiß Produktion mit der australischen Ikone Chips Rafferty in der Rolle des Peter Lalor ist bis heute die überzeugendste Filmfassung geblieben, während die zahlreichen Versuche aus der Frühzeit des australischen Films, den Eureka Stoff auf die Leinwand umzusetzen, längst vergessen sind. Ein erneuter Versuch der Verfilmung ist im Jahr 2000 an finanziellen Schwierigkeiten gescheitert. Allerdings hatte im gleichen Jahr eine Neuverfilmung der 50er Jahre TV Dokumentation durch die Australian Broadcasting Corporation (ABC) Premiere. Hinzu kommen einige Umsetzungen in speziell für den Schulunterricht produzierten Lehrvideos. Im Zuge der Hundertfünfzigjahrfeiern hat die Regierung des Bundesstaates Victoria auch neue Lehrmaterialien für den Schulunterricht herausgegeben, die die spärliche Verwendung Eurekas in bisherigen Geschichtswerken ergänzen soll.[17] Außer Henry Lawsons ausführlicher poetischer Beschäftigung mit Eureka[18], publizierten um die Jahrhundertwende auch Gravan Reilly und John Neilson aus Ballarat, sowie der Amerikaner George Hartley Gedichte über Eureka. Nach dem zweiten Weltkrieg und vor allem zur Hundertjahrfeier erschienen weitere in Overland – unter anderem von dessen Herausgebern, den späteren Maoisten Len Fox und John Manifold.

So hat sich Eureka als fruchtbarer Stoff für künstlerische Produktionen in Australien erwiesen. Dabei allerdings nicht immer ohne politisch-nationalistischen Zusammenhang. So schreibt zum Beispiel der Historiker Lance Palmer schon 1956 über die Mythisierung der australischen Geschichte in den 1890er Jahren, dass die fruchtbarsten Themen für den Mythenmacher die Episode von Eureka und die Figur des bushrangers gewesen wären[19]. Der bekannteste Vertreter der Neuen Linken Historiker, Stuart McIntyre, und Dekan für Geisteswissenschaften an der University of Melbourne will zwar die Auswirkungen von Eureka damals nur lokal begrenzt sehen, gesteht aber zu, dass die Eureka Rebellion ein formatives Ereignis in der nationalen Mythologie geworden sei.[20]

Stellung heute

Es ist sehr schwierig, über die Einschätzungen der Historiker und Kulturwissenschaftler hinaus, eine definitive Aussagen über den Popularitätsgrad von Eureka in der australischen Gesamtgesellschaft zu machen. Es gibt keine Studie, die quantifiziert hat, wie sehr sich ein Durchschnittsaustralier von Eureka berührt sieht. Aber es gibt eine Fülle von Indizienbelegen dafür, dass Eureka ein sog. household word ist, das jeder Australier zumindest einmal gehört hat. Schlägt man allein das Branchenverzeichnis von Melbourne auf, so findet man etwa 100 Betriebe, die Eureka im Namen führen. Dabei ist eine der drei großen Baufirmen (Eureka Inc.), die ihren Firmennamen auf dem höchsten Wohnhaus der südlichen Hemisphere und weiteren Baustellen weithin sichtbar präsentiert. Etwas eine Million Besucher sehen jedes Jahr in Ballarat die historische Nachstellung des Eureka Geschehens in der Sovereign Hill Experience.[21] Die Hälfte davon besucht auch das an der historischen Stelle errichtete Eureka Centre.[22]

Dazu gesellt sich ein Faktor, der den Bekanntheitsgrad von Eureka im öffentlichen Bewusstsein um ein vielfaches erhöht haben dürfte: die Feierlichkeiten und der Medienrummel um den 150. Jahrestag Anfang Dezember 2004. Das Mitte-linksblatt The Age, eine der vier großen Tageszeitungen, führte die Begeisterung an, mit einer vierwöchigen Eureka Stockade Reihe und bis zu vier Artikeln zu Eureka am Tag in den zwei Wochen vor dem 3. Dezember. Vom 22. November an gab es täglich öffentliche Veranstaltungen in Melbourne und Ballarat, Konferenzen, Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen und Filmvorführungen, die allesamt wiederum Medieninteresse hervorriefen. Am 1. Dezember begannen die eigentlichen Feierlichkeiten in Ballarat, deren Höhepunkt ein Sonnenaufgangsmarsch unter Beteiligung des Premiers und des Führers der nationalen Opposition (beide ALP) war. Alle fünf nationalen Fernsehsender berichteten bis zum 5.12. ausführlich in den Abendnachrichten über die Feierlichkeiten und assoziierte Themen. So bewegte die Nation z. B. die prominente Beteiligung des Vaters eines angeblichen Al-Kaida Terroristen an einem weiteren Marsch, die offensichtliche Nicht-Beteiligung von Vertretern der australischen Regierungsparteien (Liberals und Country Party), sowie eine Debatte über die Besitzrechte an der Eureka Flagge.[23]

Somit war die Eureka Stockade in allen TV konsumierenden Haushalten über mehrere Tage präsent. Damit lässt sich vorsichtig formulieren, dass zumindest eine Mehrheit der Australier zum Ende von 2004 mit den Geschehnissen von Eureka in Kontakt gekommen ist, das Wissen darum sprunghaft angestieg und zumindest für den Moment eine Sensibilisierung für Eurekathemen stattgefunden hat.

Eines der schwerwiegendsten Mankos bei der Einschätzung verbirgt sich hinter der Frage, wie weit das Eureka-Andenken überstaatlich verbreitet ist. Inwieweit ist Eureka nur im Bundesstaat Victoria bekannt, bzw. umfassend und in größerem Detail bekannt als in den anderen vier Staaten und zwei Territorien? Das umfassende Interesse der nationalen Fernsehsender, die allerdings sonst durchaus unterschiedliche regionale Schwerpunkte haben, würde eine Allgemeingültigkeit nahe legen, sagt aber nichts über den Grad der Vertrautheit mit Eureka über ein gewisses Grundwissen hinaus aus. Ich bleibe deshalb bei der vorsichtigen These, dass „Eureka Stockade“ der Mehrheit der Australiern ein Begriff ist und mit dem sie etwas Historisches und genuin Australisches assoziieren. Oder wie es einer meiner Interviewpartner ausgedrückt hat: „If you say 'Eureka', people don't say Archimedes!“ (Interview 10: AllisonDutka '7). Wie es sich mit eindeutig politisch interessierten Australiern verhält, soll in Kapitel 3 eingehender beleuchtet werden.


[1]Die weiteren Ausführungen stützen sich vor allem auf Bate, 1978, S. 14 ff.; und Beggs-Sunter, 2002, „A Chequered History“ S. 17-55.

[2]Diese Fahne wurde später unter dem Namen „Eureka Flag“ bekannt. Sie besteht aus einem stilisierten Kreuz des Südens mit den fünf Sternen in Weiß auf marineblauem Grund. Der Legende nach wurde sie von dem Kanadier und späteren Vizekommandeur der Goldsucher, Captain Ross, entworfen und über Nacht von den Gattinnen der Anführer in der kleinen Kirche auf dem Eureka Goldfeld unter Zuhilfenahme von Unterrockmaterial genäht. Unveröffentlichte Vorträge von Claire Wright und Anne Beggs-Sunter am 1.12.2004 an der Universität Melbourne. Vortrag5-7MU, '23.

[3]Der Hinweis auf die unterschiedlichen Bekenntnisse und Nationalitäten war nicht nur rhetorisch gemeint und an internationalistische Theorien angelehnt. Er bezog sich schlicht auf die Tatsache, dass die Goldsucher in der Stockade aus 30 verschiedenen Ländern kamen, unter ihnen auch ein Afro-Amerikaner. Die Mehrheit stellten allerdings katholische Iren wie Peter Lalor. Sein Stellvertreter, Captain Ross, war Kanadier schottischer Abstammung. Zu den ca. 200 Mann, die am eigentlichen Kampf am 3.12.1854 beteiligt waren, zählten auch drei Deutsche, mit wertvollen militärischen Erfahrungen aus ihrer Zeit im preußischen Militärdienst. Alle drei wurden bei der Niederschlagung des Aufstandes getötet. Bate, 1978, S. 135.

[4]Die Fakten , wie sie hier wiedergegeben sind, sind, dank der jahrelangen Arbeit von Prof. Weston Bate und anderen in Ballarat, sehr gut dokumentiert und im Wesentlichen unumstritten. Die Nuancen in der akademischen Debatte liegen vor allem in der Hervorhebung des einen oder anderen Ereignisses in der Interpretation des Gesamtbildes und der Auswertung für die Frage nach dem demokratischen Gehalt, nicht in der chronologischen Abfolge. Eine praktische Ausnahme bildet allerdings die genaue Lage der Stockade, die mit einer Abweichung von einigen Dutzend Metern immer noch keinen letzten Konsens finden konnte, was vor allem bei der Errichtung des neuen Eureka Zentrums für Verwerfungen gesorgt hat. Vgl. Beggs-Sunter, 2002, S. 153.

[5]Es ergab sich, dass als erster Beschuldigter ausgerechnet der Afro-Amerikaner Jones an die Reihe kam, was bis heute der damaligen Staatsmacht gelegentlich auch noch den Vorwurf einträgt, rassistisch gewesen zu sein.

Diese Anmerkung und die Erklärung für die Freisprüche habe ich den Ausführungen von Prof. der Ehrenwerte John H Phillips AC QC, Richter am Obersten Gerichtshof von Victoria, bei einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Was Justice Really Done?“ am 26.11.2004 in Ballarat entnommen.

[6]Wobei der volle Titel eine ironische Anspielung auf den Hauptgegner der Goldsucher ist, den ehemaligen Admiral Hotham.

[7]„To Raffaello and probably to the bulk of Australians Eureka stood for something less ideologically defined – a practical assertion of fair-goism.“ aus Beggs-Sunter, 2002, S. 8. Neue Ausgaben von Carbonis Werk erschienen 1855, 1870, 1942, 1963, 1993 und 2004.

Heute ist der Ausdruck „fair go“ zu einem der bekanntesten Phrasen geworden. Er bezeichnet das Verlangen des Durchschnittsaustraliers, eine ebenbürtige Chance zu bekommen, sich selbst und seine Lage zu verbessern. Wird heute aber vor allem im materiellen Sinne gebraucht.

[8]Es gibt hierfür mehrere Erklärungen: Einige Autoren vermuten, dass Eureka für die offizielle Seite, inklusive Peter Lalor, der sich in seinen 30 Jahren im Parlament immer mehr von seinen radikalen Wurzeln abwandte, einfach zu peinlich war, um groß in Szene gesetzt zu werden. Andere weisen darauf hin, dass Eureka vor allem als orale Geschichte transportiert wurde, an den Lagerfeuern und Stammtischen der Kolonie. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass viele der Protagonisten noch am Leben waren und im Lichte der Öffentlichkeit standen. Solange man sie bei Gelegenheit befragen konnte, brauchte es keine weitere formale Kodifizierung. Vgl. auch Beggs-Sunter (2002), S. 8-12.

[9]Aus einem unveröffentlichten Vortrag von Keith McKenry, „The Ballads of Eureka“, am 26.12.2004 in Ballarat.

[10]Vgl. auch Lawson, 1921, 145-49. „Pioneers“. Ein Auszug aus lautet z.B.: „And we'll sleep sound in Australian ground / 'Neath the blue-cross flag star lighted, / when it freely waves o'er the grass-grown graves / Of the pioneers unites? / When it floats and veers / O'er the pioneers / Of „Australian States United“!“

[11]An gleicher Stelle: „The Ballarat monument still remains to be erected, but alas! [sic.] the race of men in Ballarat of today are not the stalwart heroes of fifty-four. The huckster about a Stock Exchange, and their most magnificent effort at appreciation of merit is a statue to a Guelphic and foreign Sovereign. Let it pass. The men who fought for liberty are not of the brand to be pleased with flattery. Their deeds live on in default of tablets. […] 'Tis a memory of the day that Australia set her teeth in the face of the British Lion, 3 December 1854 – the Day We Ought to Celebrate.“

[12]Original in: Twain, Mark. Following the Equato: A Journey Around the World. Hartford, Conn.: American Publishing (1898). S. 233.

[13]Originalzitat in: Neue Oder-Zeitung, Breslau, 1855 (keine weiteren Angaben).

[14] Whitlam, Gough, Q.C., PM. Speech at the Unveiling of the Southern Cross Flagg on the 12th of December 1973 in the Ballarat Fine Art Galler: „Eureka will acquire an aura of excitement and romance and will stir the imagination of the Australian people.

[15]Unter anderem wurde die Fahne Jahrzehnte lang auf einem Speicher eines Kirchenküsters gelagert, der gerne jedem Interessenten ein kleines Stückchen als Souvenir abriss. Unveröffentlichter Vortrag von Anne Beggs-Sunter am 1.12.2004 an der Universität von Melbourne.

[16]Helen Palmer hat auch einen Roman über den Eurekastoff verfasst mit dem Titel Beneath the Southern Cross – Stories of Eureka.

[17]Deren Publikation sich allerdings aus technischen Gründen wohl noch bis später im Jahr 2005 verschieben wird. Siehe Anhang II. 1.10: Interview Allison '8. Bisher im sporadischen Gebrauch ist eine ca. 10 Jahre alte Publikation der Kunstgalerie von Ballarat, die unter anderem auch die Flagge beherbergt. Rich, Margaret [Hrsg.]. Eureka. Ballarat, Vic., Australia: Ballarat Fine Art Gallery (1994).

[18]Flag of the Southern Cross (1887), Song of the Republic (1887), Eureka – A Fragment (1890), The Fight at the Eureka Stockade (1890), Blood on the Wattle (1891), An Old Mate of Your Father's (1996), Australia's Forgotten Flag (1911).

[19]The two most fruitful subjects for the myth-maker were the episode of Eureka and the figure of the bushranger.“ Palmer, 1956, S. 51.

[20]McIntyre, 1999, S. 90: „the Eureka rebellion became a formative event in the national mythology.“

[21]Nach eigenen Angaben des Museumsleiters in einem nicht veröffentlichten Vortrag am 1.12.2004 an der Universität Melbourne.

[22]Eine nicht unumstrittene Institution, deren Errichtung durch jahrelangen Streit um die nationale Bedeutung der Ereignisse verzögert wurde. Vgl. Beggs-Sunter, 2002, „The Public Interpretation“, S. 181-220.

[23]Eureka Flag Furore“. Herald Sun, 15. November 2004. Allein am 3.12. nahmen die vier großen Artikel in The Age zwei Doppelseiten in Anspruch, plus 12 Leserbriefe und ein Essay des Premiers von Victoria zum Thema Eureka: „The Eureka Project is Unfinished“; „Cradle of Democracy or a small uprising? Historians assess the meaning“; „Rebels, Redcoats and a Bloody Dawn“. The Age, 3. Dezember 2004. Steve Bracks. „The Brief Battle that Hastened our Democracy“. The Age, 3. Dezember 2004. Interessant ist auch zu sehen, wie weit Eureka auch in Nischen und Partikularinteressengruppen behandelt wird. Überraschenderweise gab es in der größten Gewerkschaftszeitung, dem Construction Worker, nur eine kleinen und keine weiteren Sonderartikel zu Eureka, obwohl die CFMEU in besonderem Maße zu den Feierlichkeiten beitrug. „Spirit of Eureka – We Have it!“. Construction Worker. Vol 10,3 2004. Die katholische Kirchenzeitung Australiens hingegen widmete die Titel- und eine Doppelseite an prominenter Stelle der Lebens- und Kampfgeschichte des irischen Katholiken Peter Lalor. „Our Neglected National Hero“. Kairos – Catholic Journal. Vol 15,22 Nov./Dez. 2004