Camilleri: Schön und interessant war diese Reise durch Sizilien bis nach Deutschland

Endlich habe ich meine Arbeit über Andrea Camilleri fertig. Meine Wahl der Thematik, Camilleri: „Von Sizilien nach Deutschland“, hat sich durch die Tatsache inspirieren lassen, dass mein Professor mir diesen interessanten, aktuellen und besonderen Stoff vorgeschlagen hat. Der sizilianische Autor ist ein richtiges Phänomen in Deutschland geworden. Er hat mit seinen sizilianischen Geschichten ein Millionenpublikum verführt. Darüber war ich auch erstaunt und überrascht. Andrea Camilleri wurde 1925 auf Sizilien geboren und ist jetzt in Rom lebend. Er bedient die Literaturfreude mit unterhaltsamen Geschichten um seinen Commissario Montalbano. Daneben schreibt er aber auch überaus erfolgreiche und hintersinnige historische Romane über seine Heimatinsel, wie zum Beispiel „König Zosimo“.

Camilleris Bücher zeichnen sich durch eine besondere sprachliche Mischung des Italienischen mit zahlreichen Dialekten wie dem Sizilianischen, Milanesischen, Genuesischen und Napolitanischen und Einsprengseln anderer Sprachen, wie dem Spanischen aus. Die Sprache Camilleris ist hierdurch oft mit lokalen Mundarten so imprägniert, dass sie in manchen Ausdrücken selbst für viele Italiener nur noch durch die Stimmung und aus dem Zusammenhang heraus verständlich wird. Daraus ergibt sich die Frage, wie eine derartige Sprache übersetzt werden kann. Ist dies überhaupt möglich? Dies war das Thema meiner Abschlussarbeit. Dazu habe ich italienische Originale der Romane „Il cane di terracotta“ (Der Hund aus Terracotta – Commissario Montalbano löst seinen zweiten Fall) und „Il re di Girgenti“ (König Zosimo) von Camilleri mit den deutschen Übersetzungen verglichen.

Christiane von Bechtolsheim verfolgt die folgende Strategie bei der Übersetzung des Mafia-Krimis „Der Hund aus Terracotta – Commissario Montalbano löst seinen zweiten Fall“ ins Deutsche. Der Roman spielt in Sizilien und so finden sich viele dialektische Ausdrücke der Region im Originalroman. Sie rufen spezielle Assoziationen beim italienischen Leser hervor. Um nun in der Übersetzung die gleiche Wirkung wie im Italienischen zu erzielen, wurde der Dialekt nicht etwa durch einen Dialekt einer deutschen Region ersetzt. Stattdessen behandelt Bechtolsheim den Dialekt der Originalsprache für die Übersetzung wie eine fremde Sprache im Roman. Sie verfremdet die Sprache der Figuren und verdeutlicht dem Leser somit die Unterschiede zwischen den Charakteren. Dies ergibt durchaus Sinn, denn es wäre für deutsche Leser unverständlich und verwirrend, wenn ein Sizilianer in einem Roman plötzlich den Dialekt einer Region in Deutschland sprechen würde. Wieso sollte ein Sizilianer plötzlich zum Beispiel sächsisch sprechen? Dies wäre absolut unlogisch. Somit ist es klar bewiesen, dass man einen Dialekt nicht mit einem Dialekt übersetzen kann. Ein Dialekt wäre eine vollkommene Verfremdung und Verunstaltung.

Auch im historischen Roman, „König Zosimo“, verwendet der Übersetzer Moshe Kahn eine derartige Strategie. Basierend auf einer wahren historischen Begebenheit, erzählt Camilleri hier die Geschichte des Bauern Zosimo, der im Jahr 1718 in Agrigent nach dem Willen des sizilianischen Volkes zum König und nach wenigen Tagen gestürzt und hingerichtet wurde. Camilleri entwirft ein geradezu barockes Epos, das mit den irrwitzigen Umständen von Zosimos Zeugung und seiner Geburt einsetzt. Sizilien erlebte damals wirre Jahrzehnte; die Herrscher über die Insel – mal die Savoyer, mal sogar die Spanier – wechseln in schnellem Tempo. Der Alltag wird von Ränken und Intrigen bestimmt. Bis Zosimo das Licht der Welt erblickt, sind bereits 100 Seiten im Fluge vergangen, wissen wir alles über das harte Arbeitsleben der Landarbeiter und ihre kleinen sexuellen Freuden. Erotische Eskapaden schildert Camilleri deftig und direkt. Deshalb ist der Roman nicht nur komisch, humorvoll und spannend, sondern auch die sprachliche Raffinesse ist zu bemerken. In der Sprache lässt Camilleri nicht nur Italienisch, sondern auch Spanisch, Französisch und Latein ‚parlieren’ – grundiert von dem alten Dialekt aus Vigàta, dem fiktiven Kosmos seiner Romane.

Wie konnte nun der Übersetzer, Moshe Kahn, den Lesern diesen sprachlichen Cocktail wiedergeben? Hierfür war eine innovative Strategie erforderlich. Moshe Kahn hat diese Strategie gefunden. Er hat spanische Wörter mit einigen deutschen Wörtern kombiniert oder durch originelle Erfindungen wiedergegeben, wie zum Beispiel Verschluppungcìon = ein typisches Ende von Substantiven im Spanischen. Kahn schafft es hierdurch, die Zweisprachigkeit des Romans gekonnt ins Deutsche „zu retten“ und die Dialogfetzen von spanischen Adeligen einzuflechten. Für das alte Sizilianisch (der Dialekt aus der erfundenen Stadt Vigàta) findet er eine andere Strategie. Er „transferiert“ es zu einem archaischen Deutsch des 18. Jahrhunderts, wie es in der Übersetzung zum Beispiel bei der Figur Jean Paul deutlich wird. Zwischen all den Sprachen bleibt nur das Lateinische unverändert. Für andere Dialekte des Romans wird keine spezielle deutsche Entsprechung ‚ge- oder erfunden’. Denn, es ist schlichtweg nicht möglich all die verschiedenen Sprachen und Dialekte des Romans ins Deutsche zu übertragen. Hierdurch geht natürlich viel verloren. Das ist unvermeidbar. Aber es ist ebenso wichtig, den Ton und die Melodie eines Satzes ‚herüberzubringen’. Sie verdeutlichen den Charakter eines Menschen und die Stimmung einer Handlungssituation. Dies ist dem Übersetzer gelungen und aus diesem Grund gebührt Moshe Kahn ein besonderes Lob.

Abschließend kann festgestellt werden: Es zeigt sich eine gemeinsame Strategie sowohl bei der Übersetzung des Romans „Hund aus Terracotta. Commissario Montalbano löst seinen zweiten Fall.” von Christiane von Bechtolsheim als auch bei „König Zosimo“ von Moshe Kahn. Durch den Vergleich der Übersetzungen mit dem Original versteht man, dass man eben nicht einen Dialekt einer Sprache mit in einem Dialekt einer anderen Sprache übersetzen kann. Zudem zeigt sich, dass eine generelle Strategie bei einer Übersetzung sich nicht immer verfolgen lässt. Die Rolle der Figuren muss stets beachtet werden. Je nach Situation und Person müssen Übersetzer entscheiden, ob sie mehr oder weniger umgangssprachlich, korrekt, gespreizt oder witzig übersetzen. Zudem zeigt sich auch in anderer Hinsicht eine Übereinstimmung zwischen den zwei Übersetzter. Beide lassen hin und wieder auch in der deutschen Übersetzung sizilianische Ausdrücke oder Flüche stehen und erlauben den Lesern so, Sizilien mit seinen zahlreichen Facetten zu fühlen und zu spüren. Durch diese Strategie von Bechtolsheim und Kahn fühlen sich die Leser in die sizilianische Welt hineingezogen und begeben sich auf eine echte Reise nach Sizilien. Hierbei entdecken sie die Insel auch auf einer historischen Ebene an der uns Camilleri teilhaben lässt. Die Fäden, an denen der Autor Camilleri seine Figuren im Original tanzen lässt (bzw. wie Marionetten zieht), entspringen einer scharfsinnigen Beobachtung menschlichen Verhaltens sowie der enormen sprachlichen Ausdruckskraft Camilleris. Kahn und Bechtolsheim gelingt es diese Sprache ins Deutsche zu übertragen. Und so fasziniert die merkwürdige Mixtur Camilleris auch die Deutschen. Schön und interessant war diese Reise durch Sizilien bis nach Deutschland.

 

Ein interessantes Interview mit Camilleri im Berliner Zimmer: http://www.berlinerzimmer.de/eliteratur/camilleri_interview.htm

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Hallo Valeria! Gerade sitze ich an der Formatierung meiner Diplomarbeit zum Thema: Übersetzungsrelevante Aspekte aus Un filo di fumo von A.C.. Deine Ausführungen haben mir sehr gefallen! Und: Unsere Themen sind sich sehr ähnlich. Äußerst schwieriger Stoff (besonders der Roman König Zosimo... ) aber sehr, sehr interessant! Liebe Grüße Anne