Zur wirtschaftlichen Situation Kubas: Offizielle Berichte und mein Abgleich mit der Realität

An dieser Stelle ist es vielleicht wertvoll, offizielle Berichte und persönliche Erfahrungen der kubanischen Realität abzugleichen. In meiner Fakultät hängt seit der Jahreswende eine Übersicht ökonomischer Indikatoren Kubas des Jahres 2006. Die meiner Meinung nach wichtigsten Zahlen lauten wie folgt: Wirtschaftswachstum 12.5%, Arbeitslosigkeit 2.5%, Investitionen in Bildung und Gesundheit erreichen Wachstumsraten von über 100%.

Diese Zahlen möchte ich gern kommentieren. Bei meinen täglichen Besorgungen im Zentrum der Stadt drängele ich mich durch gestopfte Straßen und der zentrale Marktplatz ist zum Bersten gefüllt. Die Leute drücken sich an den Fensterscheiben die Nase platt, können aber ohne Geld nichts kaufen. Faszinierend ist die Anzahl der Menschen, die hier den ganzen Tag nichts zu tun haben, wie sie vor dem Haus rumgammeln oder im Park auf die nächste Gruppe Touristen warten um sich so einen schnellen Dollar zu ergattern.

Leider kann ich an dieser Stelle nur raten, aber ich halte eine Arbeitslosenrate unter 25-30% für mehr als unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass viele der Leute, die tatsächlich zur Arbeit gehen, eigentlich nur so tun als würden sie arbeiten. Die Regierung hat nach wie vor große Probleme mit der Absenz von Arbeitern an ihrem Arbeitsplatz und die Motivation der Ausübung der Tätigkeiten beschrieb ich ja schon ausgiebig in den vergangenen Nachrichten.

Eine potentielle Lösung für die dennoch geringe offizielle Arbeitslosenquote bietet sich wie folgt: Im statistischen Jahrbuch Kubas fand ich neulich die Erklärung zu den eben genannten Berechnungen. So existiert hier beispielsweise der Begriff „subempleo“, Unterbeschäftigung, d.h. jede Person, die wenigstens eine Stunde die Woche arbeitet, gilt nicht als arbeitslos, sondern lediglich als unterbeschäftigt.

Die Regierung erreicht trotz Plan und Arbeitslosigkeit offensichtlich wirtschaftlich signifikante Fortschritte und investiert dabei große Beträge in Bildung und Gesundheit. Das ist gerade mit Hinblick auf die Entwicklungslage dieses Landes beachtlich und erwähnenswert, sollte aber nicht über den Fakt hinwegtäuschen, dass keiner der beiden Bereiche mit einem entwickelten Land verglichen werden sollte.

Die Uni ist in desaströsem Zustand und die Vermittlung von Wissen alles andere als frei. Die Zustände im Krankenhaus und in den Arztpraxen sind wahrscheinlich besser als in dem Großteil anderer Entwicklungsländer/Länder Lateinamerikas, hinken aber dennoch weit hinter den Ansprüchen und Bedingungen her, wie wir sie mittlerweile haben und kennen.