Zwei Tage in Jallalabad

Ab Ende März kamen vier EntwicklungshelferInnen neu aus Deutschland, machten die Auslandsvorbereitung und wohnten mit mir im Gästehaus.‚Ab Ende März’, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten einreisten. Heiner, der als erster neuer Mitbewohner kam, hatte das Pech, auf die anderen noch drei Wochen warten zu müssen. Ich dagegen hatte Glück: Ich konnte mich einfach ihrer Studienfahrt nach Jallalabad anschließen, die Teil ihres Vorbereitungskurses war. Anstatt Heiner, der einen Tag, bevor es losgehen sollte, krank wurde.

Wir sind morgens um sieben losgefahren, erst die altbekannte Strecke zu dem ISAF- Camp raus, dann weiter Richtung Pul-e-chari, von wo aus ich jede Woche rechts hoch in die Berge gefahren bin. Wir, das waren der Sprachlehrer Mir Afzal (der auch das Reiseprogramm organisierte), das Ehepaar Pukmann, beide über sechzig und sehr agil, Bob (der meist eher schlecht gelaunt hinten im Wagen saß), die zwei Fahrer (wir waren ja wieder mit zwei Autos unterwegs) und ich.

Diesmal ging’s nicht nach rechts, sondern geradeaus weiter und erstaunlich schnell ebenfalls mitten in die Berge rein, aber nicht hoch, sondern die nächsten vier Stunden nur bergab. Ich hatte irgendwie erwartet, dass es eine Weile durch die Berge geht und dann spätestens nach der Hälfte (bei Sarobi) in eine Ebene hinein. So sah es jedenfalls auf der Karte aus. Aber die Berge haben uns nie verlassen, mal enger, mal etwas weiter das Tal dazwischen.

Selbst Jallalabad ist umgeben von Bergen, genau wie Kabul. Anders ist nur, dass Jallalabad in einem lang gestreckten Tal liegt, also auch die ganze Stadt eine Hauptverkehrsader hat, wenn auch mit mehreren Parallelstraßen und auf der südlichen Seite mit einer zweiten Ebene oberhalb der Stadt. Kabul dagegen liegt in einem sehr großen Talkessel und ist mehr sternförmig aufgebaut.

Zuvor aber ging’s durch wirklich enge Schluchten, einmal stürzte der Fluss so jäh in die Tiefe, dass die Straße beim besten Willen nicht mehr mitkam, sondern sich mit mehreren Tunneln durch den steilen Fels bohren und anschließend in einigen Serpentinen wieder zum Fluss hinunterwinden musste. Wunderschön und beeindruckend war das. Der Fluss tief unten, braun und ungestüm.

Auffallend die vielen bunt bemalten LKWs, die hauptsächlich in Richtung Kabul voll bepackt waren (zum Teil rückkehrende Flüchtlinge) und leer wieder zurückfuhren. Kabul produziert so gut wie nichts, vieles kommt aus Pakistan, anderes aus Iran, den GUS-Ländern oder aus Dubai und anderen arabischen Staaten. Die Außenhandelsbilanz von Afghanistan muss eine Katastrophe sein.

Wir fuhren an drei Staudämmen vorbei, mindestens einer produzierte Strom. An dem großen Damm, der für Kabul den Strom produziert, führte die Straße allerdings in einem weitem Schlenker vorbei. Wir konnten ihn nicht sehen. Das ist auf Höhe von Sarobi, dort ist das Tal stellenweise breiter und lässt einiges an Grün und Feldbau zu. Auch die Berge sind bei weitem nicht so steil und schroff.

Immer wieder war Kriegsgerät zu sehen, meist ausgebrannt, manchmal aber an strategischen Punkten durchaus noch in Betrieb, inklusive einem Haufen Soldaten, die MG lässig über den Knien liegend. Links und rechts der Straße oft Minenfelder, geräumte und aktive. Auf der Hinfahrt sahen wir ebenfalls Dutzende Minenräumer, zum Teil im Berg (ich fragte mich, wie in dem Fels jemand Minen legen kann), zum Teil direkt neben der Straße, mit Metalldetektor, mit Hunden, mit schwerem Minenräumfahrzeugen. Tags drauf sahen wir sie vormittags an einer Moschee für einen toten Kollegen Spalier stehen und mittags zufällig im Restaurant.

Auffällig war das viele Grün, sobald es das Tal zuließ; der Weizen schon richtig hoch und viele Bäume, selbst an den Hängen krallten sich Büsche und Bäume. Im Hintergrund immer wieder Aussicht auf schneebedeckte Berge.

Die Straße selbst war zur knappen Hälfte asphaltiert, ansonsten Schotter. Manchmal gab es zwanzig Meter Asphalt, dann wieder Schotter, dann wieder Asphalt. Das reicht natürlich nicht zum schnell fahren. An den Schotterabschnitten waren öfter Kinder, Greise oder ein einbeiniger junger Mann, die tatsächlich oder nur den Eindruck erweckten, die Straße zu reparieren, wie schon in Logar. Dafür wollten sie Geld von uns, dass wir unter der Windschutzscheibe liegen hatten und je nach Bedarf aus dem Fenster warfen. An anderen Stellen wurde die Straße wirklich repariert. Noch vor einem halben Jahr hat es wohl 7 Stunden nach Jallalabad gedauert, wir haben mit Pausen jetzt nur noch 4 Stunden für die etwa 150 Kilometer gebraucht.

Auf dem Rückweg sahen wir Wasserlaster, die die Straße nass machten, um den Staub in Grenzen zu halten. Nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt machten wir Halt an einer Raststätte, die mich etwas an die Wüstenraststätten erinnerte, die manchmal in amerikanischen Filmen auftauchen. Nur dass hinter dem Haus ein kleines Wäldchen und dann der Fluss war.

In dem Wäldchen waren Männer mit Maschinengewehren verteilt, die offensichtlich ein paar Europäer beschützten, die dort aßen. Direkt neben dem Wäldchen sah ich auch mein erstes Mohn/Opiumfeld. Zwei junge Männer waren gerade bei der ersten Ernte. Hinter einem Baum hervorlugend habe ich mich getraut, ein Bild zu machen.

Später sahen wir dann noch öfter Mohnfelder, allerdings bei weitem nicht so viele, wie ich nach Erzählungen erwartet hatte. Wahrscheinlich sind die meisten Felder auch nicht so direkt von der Straße aus zu sehen. Etwas Wegstrecke nach dem Restaurant kam von Norden her ein größerer Fluss aus den Hindukusch-Bergen und brachte Bäume mit, die ihn säumten und sich gleichsam in unser Tal ergossen, ein grünes, breites Band, dass uns dann, bis auf kurze Ausnahmen, nicht mehr verließ.

Kurz vor Jallalabad, am letzten Stausee, kehrten wir in einem Fischrestaurant ein, ein überdachter Raum mit Veranda zum See hin und aßen frisch gefangenen und gebratenen Fisch. D.h., die anderen aßen, ich und Christel Pukmann nahmen mit etwas Gemüse und Brot vorlieb. Durch einen weiteren Tunnel kamen wir dann ins offenere Tal von Jallalabad.

Jallalabad selbst ist deutlich kleiner als Kabul, aber sehr viel grüner. Vor allem viele Bäume gibt es in der ganzen Stadt. Manchmal konnte man die Bebauung vor lauter Bäumen nicht sehen. Ich habe deutlich weniger Frauen auf den Straßen gesehen, als in Kabul. Dafür waren aber mehr Frauen ohne Burka. Allerdings kann das auch ein wenig täuschen, weil diese Frauen ohne Burka vielleicht Kutschi- Frauen waren, also Nomaden Frauen, die die Burka eigentlich nie akzeptiert haben. Denn insgesamt ist Jallalabad als Paschtunen- Stadt sehr viel konservativer als Kabul, so etwas wie das Bayern Afghanistans.

Jallalabad schien mir insgesamt auch reicher, jedenfalls gab es weniger dieser ganz kleinen Läden oder Straßenhändler als in Kabul. Witzig war die Ladenzeile mit den Geldhändlern, die ihr Geld in Glasvitrinen zur Schau stellten. Die vielen, vielen Stoffhändler mit den schillernden, glitzernden, farbenfrohen orientalischen Stoffen und die Stände mit den bunten Gewürzen haben mich zweimal zum Einkaufsbummel verlockt.

Wie in Kabul gab es viele Musikkassetten oder fliegende Händler, die kleine Bilderchen verkauften. Die Bananen sind auffällig größer und zu meiner großen Freude gab es auch Kokosnüsse. Wie in Kabul gibt es auch Rohrzucker, zum Teil unverarbeitet zum Lutschen, zum Teil als braune Zuckerklumpen, die nach Gewicht verkauft werden.

Gewohnt haben wir in dem Entwicklungsdienst- Gästehaus, einem geräumigen Anwesen mit mediterranem Flair. Der Garten üppig, mit Palme und Sonnenblumen, vielen Bäumen, einem Volleyballfeld und einer binsengedeckten Veranda. Innen waren vier Zimmer, (ich habe mit einem Fahrer in einem Raum geschlafen) mehrere Flure, eine große Essdiele und eine Winterküche.

Die Sommerküche befand sich in einem Anbau, um zu verhindern, dass das Kochen das Haus noch mehr aufheizt. Ich hatte etwas Angst vor Kälte nachts, wegen der dünnen Decken, aber das war völlig unbegründet: Durch die viel höhere Luftfeuchtigkeit und das viele Grün kühlte es nachts kaum ab und ich habe eher geschwitzt als gefroren.

Am ersten Nachmittag besuchten wir einen großen Viehbetrieb aus Sowjetzeiten. In den weitläufigen Stallungen standen noch ein paar magere Kühe. Es wurde gerade Milch verkauft, 200 Liter produzieren sie an einem Tag, bei etwa 40 Milchkühen, also nicht besonders viel. Die Stallungen sind für mehrere hundert Kühe ausgelegt und mit viel Auslauf. Wir waren im Nu umringt von einer großen Schar Afghanen. Schade, dass es im Stall so dunkel war, sonst hätte ich ein paar schöne Bilder machen können, besonders zwei alte Afghanen und drei, vier kleine Mädchen hatten es mir angetan.

Anschließend sind wir zum Fluss und haben dort in einem Gartencafe Tee getrunken, Pommes und mit Kartoffeln gefüllte Teigtaschen gegessen. Sieben Leute und nachher haben wir zweieinhalb Euro für alles bezahlt. Dazu ein schöner Sonnenuntergang, warme Luft und der Blick auf den schillernden Fluss: Urlaub vom Feinsten.

Gleich nach dem Frühstück am nächsten Tag fuhren wir zum alten Winterpalast des Königs. Der ist im Gegensatz zum Palast in Kabul nicht zerstört, sondern wunderschön, bewohnbar und umgeben von einem recht gepflegten Park. Auch hier wieder alles voller Blüten und die Pflanzen auf mehreren Ebenen. Ich habe mich gewundert, dass wir dieses Anwesen überhaupt betreten durften. Wir wurden aber vom Verwalter persönlich herumgeführt und das war mir auch ganz lieb, denn überall waren Wachsoldaten. Ein großes (aber leeres) Schwimmbad gab es, eine langgestreckter, frisch renovierter Bau mit vielen Wohnungen für die Bediensteten und ein richtig schönes Schloss mit vielen kunstvollen Details (zum Beispiel aufwändig geschnitzte Türen und Fenster). Gebaut wurde es von dem ‚eisernen Emir’ Abdul Rahman, vor etwa 120 Jahren.

Abdul Rahman war ein Herrscher von Englands Gnaden, einer der Versuche Englands Afghanistan unter Kontrolle zu bekommen. Er versuchte zum Teil mit Massenmord an den Hazara und den Nuristani Afghanistan zu einem einheitlichen Staat zu formen. Er hat die Nuristani (die mir immer vorkommen wie Iren, mit ihren roten Haaren und Sommersprossen) auch gewaltsam islamisiert. Und wie so oft nach einem solchen Traumata sind die Nuristani nun eher besonders eifrige Moslems. In den 20iger Jahren ist der Palast im Zuge eines Umsturzes zerstört, bald aber wieder aufgebaut worden.

In der Nähe gab es auch eine Moschee mit sämtlichen Gebeinen der Großfamilie Abdul Rahman. Die ist allerdings sehr viel öffentlicher: auf dem Gelände der Moschee unter einer schönen Allee gab es eine Art Flohmarkt mit ganz vielen Bettgestellen und Kinderwiegen aus Metall. Die Milizionäre, die alles bewachen, wie üblich mit einem Zelt, davor Holzbetten, auf denen sie herumlungern, und eine Menge Unrat oder ein auf dem Boden verstreutes Kartenspiel.

Danach sind wir raus aus der Stadt, in eine Siedlung im Umland. Ich habe leider nicht verstanden, was es war. Mit dem künstlichen, etwa zehn Meter hohen Erdhaufen in der Mitte und Resten von irgendwelchen Anlagen, Bewässerungskanälen, Becken und Mauern wirkte es auf mich, wie die Ruinen von einer aztekischen Tempelanlage.

Wir sind zu zweit auf diesen Erdhaufen, oben gab es eine kleine, gemauerte Nische und so etwas wie eine öffentliche Toilette. Von weitem riefen uns Milizionäre und kamen uns entgegen, als wir wieder abstiegen. Ich hatte etwas Muffe, aber sie waren sehr freundlich, als sie merkten, dass auch ich ein Ausländer bin. Sie hatten wohl die Tage zuvor Beschwerden bekommen, dass junge Afghanen diesen Hügel bestiegen haben und dann in die umliegenden Höfe gucken (und womöglich Frauen sehen) konnten. Insgesamt scheinen alle Erhebungen mehr oder weniger dem Militär vorbehalten zu sein, dass war schon in Hezarak so. Schade, ich gucke so gerne ins Land.

Zu Mittag haben wir in einem gehobeneren Restaurant gegessen. Davor saß einer dieser Schuhputzerjungen, der mir zuerst meine sauberen Schuhe putzen und nach meiner Absage nur noch etwas zu essen wollte. Ein Stück Kuchen von mir hatte er schnell hinuntergeschlungen und deshalb brachte ich ihm nach dem Essen all unsere Reste vor die Tür. Das war ein richtiger Berg Reis und Fleisch gewesen, aber binnen ein paar Minuten sah ich ihn den Teller wieder zurück ins Restaurant bringen. Vielleicht musste er auch etwas an andere abgeben, ich weiß es nicht.

Mit Christel machte ich einen Einkaufsbummel, aber die vielen Blicke, praktisch die Aufmerksamkeit der ganzen Straße, fand ich schon sehr anstrengend. Ich habe auch während unserer ganzen Zeit außer einer Frau im Auto keinen einzigen anderen Europäer in Jallalabad gesehen. Christel hatte es nicht so stressig empfunden, aber für mich war der Unterschied zum alleine durch die Straßen laufen schon gewaltig.

In Kabul werde ich nicht mehr beobachtet, selbst mit der Kamera bin ich meist so schnell, dass keine Straßenkinder zum Betteln kommen. In Jallalabad haben immer wieder ein paar Leute registriert, dass ich ein Fremder bin, wenn ich alleine war, aber eher beiläufig, aus den Augenwinkeln.

Nach einer Mittagspause im Gästehaus mussten wir zuerst den Kollegen Bob suchen, der sich seit ein paar Stunden kommentarlos abgesetzt hatte. Wir waren ziemlich in Sorge. Bob, als wir ihn fanden, aber war quietschvergnügt.

Wir machten noch einen kleinen Ausflug erst zum Fluss und später in die südlichen Berge hinein, was ich allerdings nicht sehr spannend fand: Mehr als die Straße und die üblichen kahlen Berge, eine Militärkontrolle und eine Raststätte war dort nicht zu sehen. Lediglich auf dem Weg dorthin konnten wir große Olivenhaine und die Ruinen einer ehemaligen Olivenölfabrik bewundern. Außerdem war der wie ausgestorben wirkende, im Umfeld weiträumig verminte Flughafen von Jallalabad interessant zu sehen. An einer Stelle sahen wir auch Dutzende voll bepackte LKWs aus Pakistan, die hier auf die Zollabfertigung warteten. Die Zolleinnahmen gehen wohl hauptsächlich an einen Warlord, der hier die Polizei, das Militär und den Geheimdienst unter Kontrolle hat. Der eigentliche Gouverneur hat kaum etwas zu sagen.

Ich bin sehr früh schlafen gegangen, weil ich wieder so starkes Kopfweh hatte. Am nächsten Morgen ging’s zurück nach Kabul. Auch den Rückweg habe ich sehr genießen können. Irgendwie sieht alles noch mal anders aus, wenn mensch es von der anderen Seite her betrachtet. Gegen elf Uhr kamen wir wohlbehalten in Kabul an.

Als wir an einer Tankstelle hielten, brauste kurz darauf eines dieser Fahrzeuge mit den dunklen Scheiben ebenfalls auf den Platz. Ein gedrungener Muskelmann mit abstehenden Armen, einem steifen Rücken, einigen Pistolen, Sonnenbrille und offensichtlich nichts im Hirn stieg aus und stampfte auf den Fahrer des anderen Entwicklungsdienst-Autos zu. Der Fahrer hatte wohl gewagt, das Auto dieser Kriegers zu überholen und der verlangte nun nach Genugtuung. Zum Glück war es helllichter Tag, mitten in Kabul und der Entwicklungsdienst-Fahrer geübt in der Deeskalation, so dass das Ganze noch ohne Schaden abging.

Als besondere Geste notierte sich der Typ noch die Autonummer und fuhr dann wieder. Er selber und ein zweites, wohl zu ihm gehörendes Auto hatte selbstverständlich kein Nummernschild. Willkommen in Kabul!

20.-22. April

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