Reinhard Schlagintweit über seine Liebe zu Afghanistan, Fehler gegenüber den Taliban und den Einsatz deutscher Soldaten

Saghar Chopan im Gespräch mit Reinhard Schlagintweit. Bereits 1958 war er in Kabul an der Botschaft tätig: Ein Interview über sein Leben als Botschaftsangestellter und seine Reise als Vorsitzender von UNICEF nach Afghanistan kurz nach der Eroberung durch die Taliban. Weitere Themen sind die Sicherheitslage im Land und mögliche Fehler der Vergangenheit gegenüber dem Talibanregime. Zum Einsatz von deutschen Soldaten insbesondere im Süden hat Schlagintweit eine gespaltene Meinung: „... auf der einen Seite ... dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen selbst ... gestalten können ... ist zuviel verlangt.Während der Zeit als Botschaftsmitarbeiter wohnte Herr Schlagintweit mit seiner Familie in Kabul. Sein jüngster Sohn kam hier zur Welt. „Seitdem bin ich in das Land verliebt – die ganze Familie. Das war mit die schönste Zeit, die interessanteste Zeit in unserem Leben. Wir haben uns unheimlich wohl gefühlt. Das Land ist wunderbar. Die Menschen sind sehr freundlich und offen. ... Und seitdem bin ich an dem Land interessiert geblieben. Ich habe versucht zu verfolgen wie es sich entwickelt hat. Die tragische Geschichte des Landes, die jüngsten Ereignisse...“Folgend erhalten wir Einblicke in die Erlebnisse eines Zeitzeugen, der Afghanistan aus einer romantischen Leidenschaft heraus in den 1950er und 60er Jahren erlebte und lieben lernte. Damals konnte man sich im Land frei bewegen und fühlte sich durch zahlreiche persönliche Kontakte mit dem Direktor der deutschen Schule in Afghanistan oder Angestellten zu Hause und in der Botschaft sehr wohl. „Das war fast ideal. Man wusste natürlich, dass das Land sehr arm war, dass sehr vieles fehlte, aber irgendwie hat die Armut damals eine andere Rolle gespielt, wie heute. Man war der Armut nicht so nah oder es war so sehr Teil der Tradition, dass man sich nicht soviel Gedanken gemacht hat, wie man das heute tut. Und es waren natürlich auch nicht die furchtbaren Zerstörungen des Krieges und die Zerstörungen der Strukturen, die heute so schlimm sind.“Auch die Einstellungen zum Tod erschienen den Schlagintweits anders als zu Hause. „Wenn ein Kind gestorben ist, dann waren die Eltern sehr traurig, aber sie haben gesagt, Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen.“Der letzte Besuch nach Afghanistan führte Herrn Schlagintweit 1996 mit Unicef nach Kabul. „Das war zufällig gerade, wie die Taliban Kabul einverleibt hatten. Das war ... traurig ... wie nach einem Bombenangriff. Das war furchtbar... aber der Zauber der Menschen war vorhanden.“Auch „... die Frage der Sicherheit ist immer eine schwere Frage in Afghanistan gewesen. ... Ich war im Jahr 2000 der Meinung, dass wenn wir eine positive Haltung zu den Taliban eingenommen hätten und sie anerkannt hätten und auch ihren Stolz damit anerkannt hätten und dann langsam mit ihnen gehandelt hätten und sie beeinflusst hätten, dann wäre das Land nicht da, wo es jetzt ist. Jetzt ist es ein bisschen überhitzt meiner Meinung nach, auch die westliche Präsenz... aber bestimmt wäre das Land weiter als es damals gewesen ist. Heutzutage kann ich keinen Rat geben. Ich glaube, dass jeder versucht das Beste zu tun, aber dass man vielleicht auch ... die Kapazitäten von Afghanistan ... überschätzt werden. ... In der Zentralmacht fehlt das notwendige Personal um die Hilfe auch sinnvoll umzusetzen. Ich glaube einfach man muss Geduld haben. Man kann einen Staat, der so kaputt ist durch die Bürgerkriege nicht innerhalb von ein paar Jahren aufbauen. ... Ich glaube ein gutes Schulsystem ist das A und O, das Allerwichtigste.“Abschließend befragt Saghar Chopan Herrn Schlagintweit zum Einsatz der Deutschen im Süden Afghanistans: Sollen die Deutschen dahin gehen und aktiv mitkämpfen an der Seite der Amerikaner? Schlagintweit: „...Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich kein ganz genaues Bild habe, was im Süden los ist, wer gegen wen kämpft. ... Und ich bin gespalten. Ich finde auf der einen Seite, wenn wir Mitglied der Nato sind, dann dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen mit selbst gesetzt haben und gestalten können und damit auch Risiken auf uns zu nehmen, ist zuviel verlangt.Saghar Chopan: Herzlichen Dank.

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