Kabultag: Eine Schreinerei, in der Moschee und im Zoo


Am Donnerstag Morgen traf ich meine Leute dann an einer der Ausfallstraßen von Kabul. Ein Kleinbus und alle völlig gut drauf, laute Musik, einer, zwei mit Zigarette. Den Spaß mit dem Glimmstängel habe ich ihnen erst mal genommen und auch die laute Musik hat mich ziemlich nervös gemacht nach einer Weile. Ich dachte schon: Hoffentlich läuft mir dieser Ausflug nach Kabul nicht aus dem Ruder!

Aber dann wurde es sehr gut. In der Schreinerei, die ich besuchen wollte, wurden wir sehr freundlich und zuvorkommend empfangen. Ein Mitarbeiter wurde uns extra bereitgestellt, der auf alle Fragen bereitwillig Auskunft gab. Und meine Leute haben sehr viel gefragt, ich war total stolz. War wohl eine gute Idee gewesen, ihnen vorher einen Fragenkatalog zu geben und um Beantwortung zu bitten: Was wird gebaut, welche Maschinen, welche Preise, woher das Holz, was verdient ein Arbeiter?

Diese Schreinerei wird geleitet von einem recht jungen Afghanen, Qadir, der zuvor für die deutsche Welthungerhilfe gearbeitet hat und es irgendwann leid war, nur als Hilfsmafiosi zu arbeiten. „Solange wir nur ausländische Hilfe verteilen, kommen wir in diesem Land nie voran“, hatte er mir in einem Gespräch zuvor gesagt. Er selbst hat nie Schreiner gelernt, ist aber ein sehr guter Manager. Er hatte einige Unterstützungsgelder auftun können und eine richtig große, professionelle Schreinerei aufgebaut mit etwas 5o Arbeitern.

Nur zu seinen Arbeitern sei er nicht ganz so korrekt, wurde mir von anderer Seite gesagt.Die Möbel sind (fast) in europäischer Qualität und mit (fast) europäischen Preisen. Weil er aber viel für ausländische Hilfsorganisationen und deren Angehörigen arbeitet, kann er diese Preise auch durchsetzen.

In seiner Schreinerei gibt es eine kleine Polsterei, eine Korbflechterei, einen Raum, in dem Holzschnitzereien angefertigt werden, außerhalb einen überdachten Raum mit stationären Maschinen und einer sehr großen Bandsäge, mehrere Räume für die nach wie vor überwiegenden Handarbeiten, eine Drechselmaschine und einen großen Oberflächenraum (die Oberflächen sind allerdings nicht so toll, sondern kleben auch nach mehreren Monaten noch). Qadir hat sich sogar einen Holztrockenraum ausgedacht, der mit kleinen deutschen Anlagen gut mithalten kann. Von diesem Raum war ich wirklich begeistert.

In der folgenden Woche habe ich meine Lehrlinge abgefragt (nachdem ich sie in drei Gruppen untereinander das Gesehene habe durchsprechen lassen) und sie konnten mir noch einige Details nennen, die ich nicht mitbekommen habe. Unter anderem berichteten sie mir kichernd von einem Raum, in dem Frauen feine Malerarbeiten machten. Gebaut wurden Betten, Couchs, Tische, unter anderem ein Glastisch, ein Teetisch, ein Schreib- und ein Computertisch, sehr viele Stühle (unter anderem ein Schaukelstuhl), Schränke, aber auch viele kleinere Dinge, wie ein schöner Spiegel, Kleiderhaken, Bilderrahmen, ein Abfallkorb oder eine Flaggenstange.

Das Holz kommt überwiegend aus Russland oder den GUS-Ländern und ist etwas billiger als bei uns die Buche oder die Fichte, also für afghanische Verhältnisse sehr teuer. Ein kleinerer Teil kommt aus der afghanischen Provinz Kunar und aus Pakistan. In einer anderen Provinz, Nuristan, sei der Holzeinschlag verboten (was immer das dann bedeutet). Ein Arbeiter verdient 120,- Dollar pro Monat, was alle (bis auf Einnullah) ganz in Ordnung fanden.

Nazim, einer meiner Leute, bekam allerdings nicht so arg viel von all dem mit. Ihm ist irgendwie schwindlig geworden und ich habe ihn in den Bus gebracht, wo er ein wenig schlief. Sadat brachte ihm noch eine Cola.

Danach wollten alle zum Zoo und Sadat versuchte mir einzureden, dass der jetzt ganz prima auf dem Weg läge. Ich berief mich aber beharrlich auf den von den Lehrlingen selbst gemachten Plan und der lautete: Erst die Arbeit, dann der Zoo.

‚Die Arbeit’ war ein kleiner Einkaufsbummel. Ich wollte, dass sie alle die Plätze kennen lernen, wo in Kabul Schreinerwerkzeuge zu kaufen sind. Außerdem sollten sie Preise erfragen. Zusätzlich (das lag tatsächlich auf dem Weg) sind wir noch in den Möbelladen der Schreinerei von Qadir. Da haben sie dann einen Haufen Bilder gemacht, am Computertisch im Chefsessel und vor der afghanischen Fahne, gerne mit Sonnenbrille. Ich musste zum Ärger von einigen etwas bremsen, sonst hätten sie den einen Film völlig ohne Gruppenphotos verknipst.

Dann gab’s Essen, wobei die Hauptattraktion nicht das Essen, sondern der Fernseher mit sich erotisch bewegenden Sängern und Sängerinnen war. Nur Machmad, der Älteste, schaute demonstrativ nicht hin, sondern immer mal wieder entrüstet in meine Richtung. Ich habe dann auch kaum hingeschaut, es aber wahrscheinlich nicht so bedauert, wie er.

Wie immer nach dem Mittagessen wollten alle beten. Ich habe Einnullah gefragt, ob ich mitkommen dürfe und einmal mitbeten. Er fand das okay und so sind wir zu einer der großen Moscheen in Kabul. Allerdings sind wir draußen geblieben, auf dem umzäunten Gelände. Ich hatte eigentlich gehofft, hineingehen zu dürfen. Aber es war auch so spannend genug. Zuerst musste ich mich waschen. Dafür gab es (ich habe mal wieder nur Männer gesehen) als erstes unzählige kleine Kabinen, um die Genitalien zu waschen. Eine Schwingtür, etwa halbhoch, mann hockt sich hin, zwischen den Füssen eine tiefe, etwa 10 Zentimeter breite, geflieste Rinne, vor sich ein Wasserhahn. Deutlich zu riechen war, das diese Anlage auch als Pissoir genutzt wird. Ein guter Moslem, wurde mir gesagt, wäscht sich solcherart fünfmal am Tag. Und es herrschte tatsächlich ein ungeheuerer Antrag, aber so richtig sinnvoll kann ich das nicht finden. Richtig ungesund ist, dass etliche Frauen sich fünfmal täglich eine Scheidenspülung verpassen, um rein vor ihren Gott zu treten. Irgendeine Organisation versucht seit einiger Zeit, dem aufklärerisch entgegenzuwirken, zumal der Koran so was wirklich nicht vorschreibt.

Ohne Kabine werden dann die Füße, die Hände und das Gesicht gewaschen. Leider hatten Einnullah und ich keine Decke, auf der man eigentlich beten soll, aber es ging auch ohne. Ich habe mich neben Einnullah hingestellt und alles genau wie er gemacht. Zumindest habe ich das versucht, denn offensichtlich konnte man von außen gut erkennen, dass ich das nicht seit 40 Jahren mache. Und auch nicht in der Koranschule gelernt habe. Jedenfalls hatte ich bald in einer gewissen Entfernung einen wütenden Zuschauer. Ich habe ihn dann auch böse angeguckt, woraufhin er noch ein paar Meter zurückwich. Als er versuchte, andere auf mich aufmerksam zu machen, habe ich ihn auf Dari gefragt, ob es denn verboten wäre zu beten. Worauf er sich noch ein paar Meter entfernte. Hätte er weitere Anhänger für seine Wut gefunden, hätte ich mich ziemlich sofort entfernt, aber die allgemeine Stimmung war sehr freundlich. Besonders meine Lehrlinge waren begeistert. Ich habe mir gedacht, dass mein morgendliches Sonnengebet auch nicht so viel anders ist und dass ein praktizierender Moslem ziemlich beweglich bleibt.

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