Spaziergänge mit Sher Patscha

Auf einer meiner Taxifahrten hatte ich ein längeres Gespräch mit dem Fahrer. Wir unterhielten uns über Krieg und Frieden, scheiterten dann aber an meinen doch noch immer ungenügenden Sprachkenntnissen. „Sie müssen mich unbedingt besuchen kommen,“ meinte er zum Ende des Gespräches und wechselte dabei die Anrede: „Am Besten, Du kommst jetzt gleich mit mir zu einem Tee. Mein Schwager spricht Englisch!“

Normalerweise habe ich solche Einladungen nicht mehr sehr ernst genommen, weil ich gelernt hatte, dass sie oft auch nur als nette Geste gemeint waren. Einmal lud mich Said Machmat zu sich zu einem Tee ein, als wir an seinem Haus vorbei fuhren. Ich glaubte, das sei ernst gemeint und war auch neugierig, sein Haus zu sehen. Als ich einwilligen wollte, schritten zum Glück meine Mitfahrer mit Entschiedenheit ein: „ Nein, wir haben keine Zeit!“ Ich konnte an Said Machmat’s Gesicht erkennen, dass er froh war, als ich mich dann auch erinnerte, wie knapp unsere Zeit war.

Diesmal aber war die Einladung deutlich ernst gemeint; ich hatte auch Zeit und willigte ein. Ich konnte nicht ahnen, dass daraus eine meiner schönsten Begegnungen in Afghanistan würde. Der Schwager des Taxifahrers hieß Sher Patscha und arbeitete bei einer der vielen ausländischen Hilfsorganisationen. Er hatte das Glück, dass er dort eine relativ sichere Position hatte, wie ich aus den Gesprächen entnehmen konnte.

Er gehörte zu den Intellektuellen, wie ich sie schon getroffen hatte: Gebildet, interessiert und wach; es war sehr anregend sich mit ihm zu unterhalten. Bald war mir, ähnlich wie mit meinen afghanischen Kollegen, nicht mehr bewusst, dass ich in Afghanistan war. Bei unserem ersten Tee, im Beisein seines Schwagers, war Sher Patscha erst recht kühl mir gegenüber, taute aber im Gespräch schnell auf.

„Weißt du, ich habe schon so viele Europäer kennen gelernt und halte mich meist von ihnen fern. Viele schauen auf uns herab, halten sich für besser. Das können sie gerne tun, aber ich habe dann auch keine Lust, ihnen näher zu kommen. Bei Dir fühle ich mich gleichwertig,“ sagte er mir zum Abschied und verabredete sich mit mir zu einem Spaziergang durch die Stadt für die folgende Woche.

Sechs Tage später kam Sher Patscha pünktlich zu mir nach Hause, um mich abzuholen. Er hatte sich einen westlichen Anzug angezogen, was aber den Nachteil hatte, dass wir die Blicke der Leute auf uns zogen. „Ich dachte, dass Du auch europäisch gekleidet wärst und wollte dir zeigen, dass mir Deine Kleidung nicht ungewohnt ist,“ meinte er und lachte: „Das nächste Mal komme ich auch in unauffälligen Sachen!“

In den folgenden Wochen sind wir durch einige Winkel der Stadt gelaufen, den Viehmarkt und die Gassen hinter dem Großmarkt haben wir uns angeschaut und Sher Patscha hat mir sein Land erklärt. Auf einem der Hügel zeigte er mir die Versuche der Stadtverwaltung vor über zwanzig Jahren, also noch bevor der Krieg begann, grüne Oasen in der Stadt zu schaffen. Oben auf dem Hügel war ein Betonbecken, dass Regenwasser sammeln sollte. Es war geplant, den Hügel mit Bäumen zu bepflanzen, die die Zisterne bei Trockenheit bewässern sollte. Mir wurde in den Gesprächen immer mehr bewusst, wie sehr hier jemand leiden musste, der seinen Ort und die Menschen, mit denen er lebt, liebt. Vor dem Krieg hatte er mit aufbauen wollen, Afghanistan zu einem Land machen wollen, in dem es sich für alle gut leben lässt. Und stattdessen sah er jahrzehntelang nur Zerstörung.

„Weißt Du, als die Sowjets kamen, da glaubten einige von uns, dass sie dem Land auch helfen, verstaubte Strukturen zu verändern. Aber die waren ja so verbohrt. Ich habe miterlebt, wie sie eine alte Frau zur Alphabetisierung geschleppt haben. Oder einem Vater von fünf Jungen alle fünfe zum Militär eingezogen haben. ‚Nur für ein Jahr!’ Daraus wurden zwei, drei, vier. Viele der Kommunisten waren ganz junge Leute, die alles andere als sensibel mit den alten Strukturen umgegangen sind. Mit solchen und vielen anderen Geschichten haben sie ihre guten Ideen schon im Ansatz selbst lächerlich gemacht. Na ja, und dann natürlich dieses ganze Undemokratische, die Spitzel, die Gefängnisse. So etwas kannten wir schon vorher, aber es war noch schärfer, noch dazu, weil der Krieg dann ja begann.“

„Von Massoud hatte ich lange eine hohe Meinung,“ sagte er ein anderes Mal: „ich dachte, dass er demokratischer wäre und auch, wie soll ich sagen, zivilisierter. Lange hatten wir nur diese Idioten wie Rabbani, Hektmatyar oder andere dieser in Pakistan geschulten reaktionären Mörder in der Stadt. Als Massoud hier dann auftauchte, sind Freunde von mir zu seinen Truppen in die Berge, um sich anzuschließen. Oh, denen wurde übel mitgespielt! Weil sie aus Kabul waren und angeblich verwestlicht, wurden sie von Massouds Mujaheddin schikaniert und zum Teil behandelt, wie Feinde. Ich habe zwei von ihnen nie mehr wieder gesehen. Besonders, als Massouds Truppen sich dann in der Stadt festsetzten und gegen die anderen Kriegsherren kämpften, da benahmen sie sich genauso barbarisch, wie alle übrigen. Manchmal hat sich Massoud offiziell von den schlimmsten Vergewaltigungen oder Massakern distanziert, aber er hat nichts dagegen unternommen. Was waren wir enttäuscht.“

Manchmal wurde er sehr wütend über die Afghanen, die ins Ausland geflohen sind. Besonders diejenigen, die nach Europa oder Amerika fliehen konnten, jetzt reich sind (zumindest für afghanische Verhältnisse) und auch nach Kriegsende nicht zurückkommen. Ich glaube, er war verzweifelt, weil er gerade auf deren Weltoffenheit und Liberalität in Afghanistan hoffte. „Ich bin bei meinen Leuten geblieben,“ meinte er: „Die Menschen wollte ich nicht im Stich lassen. Meine Brüder sind alle geflohen, ich hätte auch das Geld gehabt. Natürlich weiß ich nicht, ob das irgendwem geholfen hat. Aber ich weiß, was es bedeutet, wenn gerade Dein Haus beschossen wird. Ich habe in Mikroyan gewohnt, als Hektmatyar angriff. Das Haus wurde voll getroffen, während wir im Keller saßen. Was ein Wunder, dass wir überlebt haben.“

Als ich ihm über den Wuluswal von Hezarak erzählte, fing er an zu schimpfen: „Diese ungebildeten Idioten! Haben nur Stroh im Hirn, haben nie etwas anderes gelernt als Töten! So Leute können nur noch von Krieg und Töten erzählen, weil sie von nichts anderem eine Ahnung haben. Ich habe das oft genug erlebt. Und sie glauben, wenn eine Frau sich wäscht, sei sie ‚sexuell’. Nur weil sie selbst und ihre Frauen stinken. Ungebildete Idioten halt.“ Ich lachte: „Du bist ein echter Kabuler, Sher Patscha! Die Kabuler haben die Leute vom Land noch nie gemocht.“ „Na ja,“ meinte Sher Patscha, „Glaub mir, so sind die Leute von der Sayyaf- Partei: Konservativ, gefährlich und dumm. Du hast doch erzählt: Die Familie vom Wuluswal wohnt in Pakistan, weil er sie dort sicherer weiß. Er kennt halt seinesgleichen. Hier ist für ihn Manövergebiet und hier will er regieren und absahnen!“

Manchmal war ich ganz schlapp nach einem Besuch von ihm, es waren so viele bittere Geschichten, die er zu erzählen hatte. Er wollte auch anfangs nicht, dass ich ihn zu Hause besuche. Als ich ihn das erste Mal getroffen hatte, war er in dem Haus seines Schwagers gewesen. Er wollte wohl kein Aufsehen im Block, weil ihn ein Europäer besucht. Ich glaube, er hat sich in den vielen Kriegsjahren an Vorsicht und Angst gewöhnt. Seine Frau trage auch die Burka, wenn sie außer Haus gehe, meinte er.

Sher Patscha wohnte in einer der Plattenbausiedlungen, die unter den Afghanen als Wohnungen sehr beliebt sind. Warum die Wohnung beliebt sind, konnte ich nicht nachvollziehen, ich fand sie sehr hässlich und eng.

Irgendwann erlaubte er mich doch, ihn zu besuchen: „Meine Kinder wollen Dich gerne sehen“, sagte er lächelnd. Sieben Kinder hatte auch er, zwei waren schon junge Männer, studierten beide. Und alle zusammen wohnten in einer kaum möblierten Drei-Zimmer-Wohnung, die Schlafmatten wurden immer ausgerollt. Ich bekam Tee und eine Süßspeise serviert und nacheinander kamen zwei kleine Jungen ins Zimmer, blieben kurz und gingen dann wieder. Seine kleine Tochter schaute ebenfalls für ein paar Minuten zu uns herein Seine Frau bekam ich auch bei ihm nicht zu Gesicht. Bilder hingen an den Wänden. „Früher habe ich geschrieben und gemalt,“ erzählte mir Sher Patscha,“ aber das kann ich heute nicht mehr. Die Kriegszeit macht so hart.“

So gerne ich mit Sher Patscha zusammen war, bei ihm wurde mir am schmerzlichsten bewusst, wie schwer es ist, über Kulturgrenzen hinaus Freundschaften zu schließen. Manchmal mag es die Sprache gewesen sein, aber oft war es unser verschiedener kultureller Hintergrund, der ein wirkliches Verstehen so schwer machte. Besonders in den Zeiten, in denen ich durch meine kurzen Wochenenden in Kabul weniger Kontakt zu den anderen Deutschen hatte, spürte ich, wie meine Freundschaft zu Sher Patscha oder anderen Afghanen die Nähe nicht ersetzen konnte, die ich von Deutschland her kannte. Es war halt doch immer noch eher ein Bilderbuch, dass ich aufschlug, eine Betrachtung von außen und kein Verstehen von innen.

6. April

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