Die Schomali-Ebene nördlich von Kabul

An einem Wochenende fuhren Benjamin und ich in die Schomali-Ebene nördlich von Kabul. Ich hatte immer mal wieder davon gelesen und wollte sie einfach gerne sehen. Sie soll sehr fruchtbar gewesen sein, voller Weinberge auch. Sie war aber immer wieder ein wichtiges Kriegsgebiet gewesen, zuletzt zwischen den Taliban und den die Nordallianz dominierenden Panjiris. Das Panjirtal grenzt im Norden direkt an die Schomali- Ebene. Die Taliban verfolgten eine Weile eine Politik der Vertreibung und etliche Schomali-Dörfer wurden in die Provinz um Jallalabad zwangsumgesiedelt. Außerdem haben sie viele Weinberge zerstört, weil sie dem Laster und der Gottesferne dienen. Mir ist die Schomali- Ebene die ganze Zeit nur ein Begriff gewesen, unerreichbar fern.

Mit dem Taxi eines Nachbarn und dessen 17-jährigen Sohn als Fahrer (der Nachbar hatte gefragt, ob ich nicht lieber selber fahren wollte, sein Sohn würde immer so schnell fahren), ging’s los. Und ich war erstaunt, wie schnell wir diese Ebene erreichten. Im Grunde mussten wir nur über einen der Hügel. Oben gab es eine Kaserne mit wirklich der riesigsten Massoud-Stellwand (dem ermordeten Kriegsfürsten der Panjiris), die ich bisher gesehen habe. Und das will was heißen, ist sein Konterfei doch überall präsent in der Stadt.

Die Amerikaner wollten eigentlich nicht, dass die Nordallianz die Stadt Kabul einnimmt, aber das hätten sie nur mit einem Krieg gegen ihre Verbündeten verhindern können. Nachdem die Taliban einmal aus Schomali vertrieben waren, brauchten die Massoud-Krieger schließlich nur noch übern Berg. Nun sitzen sie in Kabul in allen wichtigen, bzw. lukrativen Positionen, empfinden sich als Befreier oder als Besatzer und benehmen sich auch so. Das sind ja zum Teil Leute, die zwanzig Jahre nichts anderes als gekämpft und getötet haben. So einer ist dann jetzt Bürgermeister von Kabul zum Beispiel. Für den ist Kabul nur die Beute, die es auszunehmen gilt.

Aber dann lag sie endlich zu unseren Füssen, die blühende Landschaft. Grün, endlich wieder grün! Und blühende Obstbäume! Und wilde Tulpen! Die Felder waren voll davon und Kinder standen am Straßenrand, um sie zu verkaufen. Ich habe auch noch sehr viele Weinberge gesehen, wobei es natürlich keine Berge sind, sondern der Wein wird in der Ebene angebaut. Viel Kriegsschrott (beeindruckend ist so ein Schlachtfeld mit mehreren ausgebrannten Panzern und anderen Fahrzeugen schon) konnten wir auch sehen, viele Zerstörungen, Ruinen und Mienenfelder.

Aber im Grunde ist die ganze Ebene besiedelt. Überall diese Wehrburgen, aber auch kleinräumigere Siedlungen. Ein Deutscher, in dessen Werkstatt ich meine Bienenkästen habe bauen lassen, erklärte mir später, dass die Paschtunen vorzugsweise diese Festungen bauen und auch nicht unbedingt im Dorfverbund. In einem solchem Hof wohnen manchmal schon über fünfzig Menschen.

Und die Tadjiken (meine Schreibweise ist keine offizielle!) bauen eher im Dorfverbund und brauchen nicht so dringend diese hohen Mauern um ihre Anwesen. Das war mir auch in Karam aufgefallen, in Hezarak. Karam war ein sehr großes Dorf und irgendwie anders als die Dörfer sonst in Hezarak. Bis mir auffiel, dass unter anderem die hohen Mauern fehlten. Auch mein Lehrling Shirshah (übersetzt: der König der Löwen) wohnte in einem Haus ohne Mauer drum herum.

Karam ist ein Tadjiken-Dorf. In einem Paschtunen- Dorf hatte mir Mir Shah von NGE Häuser gezeigt, die sie fertig gebaut hatten, in die die Leute aber nicht einziehen wollten, weil die Mauer noch fehlte. Paschtunen bauen erst die Mauer, dann das Haus.

Mitten durch diese Ebene geht die autobahnbreite Straße, richtig mit Grünstreifen in der Mitte. Die haben die Taliban gebaut, eine echte Hitlerautobahn, aus militärischen Gründen halt. Manchmal ist sie direkt am Straßenrand vermint.

Wir haben bald Rast gemacht, in einem Restaurant zu Mittag gegessen. Das war so ein Drive-in, neu gebaut, aber nett gemacht. Und das Essen in dem großen Raum war auch gut. Leider gab es nicht mal die Andeutung einer Toilette. Warum auch, drumherum ist schließlich genug Landschaft. Wir saßen auf einem der Holzpodeste, die es –neben der Bestuhlung- oft in den Restaurants gib. Ich mag das sehr gerne, im Schneidersitz zu essen. Wir hatten natürlich bald zwei, drei interessierte Zuhörer und bekamen auch den Rat, nicht in die Berge zu fahren. Ansonsten war das große Restaurant fast leer.

Direkt neben dem Restaurant gab es einen kleinen Bach, der unter einer Steinbrücke unter der Straße entlang floss. Ihm entlang konnte ich unter grünen Bäumen in der Ferne Kinder auf einer Wiese zwischen ihren Häusern spielen sehen, ein richtig schönes Frühlingsbild.

Später konnten wir von Weitem Baghrami sehen, den großen Militärflughafen der Amerikaner, auf dem sie ihr zentrales Gefangenenlager in Afghanistan eingerichtet haben und –nach vielen übereinstimmenden Berichten- auch foltern. Wahrscheinlich in Gottes Auftrag. Je weiter wir nach Norden fuhren, desto unruhiger wurde unser Fahrer. Nach eigenen Angaben hat er Kabul noch nie verlassen, aber ich kann das nicht glauben. Vielleicht war er in diesem Jahr noch nicht außerhalb von Kabul. Jedenfalls ist für ihn, wie für jeden echten Kabuler, alles außerhalb Kabuls gefährlich.

Als Benjamin irgendwo mit seiner großen Kamera Bilder machte und auch ins Gespräch kam mit einer Volleyballmannschaft, kam er hinterher gelaufen und bat ihn wieder ins Auto: “Die haben alle Pistolen unter ihren Schawls (den großen Decken, die sie oft tragen)!”

Für mich war es sehr beeindruckend, an den Tälern vorbeizufahren, wo es nach Bamyian abgeht, dem Hazarajat also, wo die großen Buddhastatuen standen, oder dem Tal, wo es nach Salang geht, dem Hindukushpass nach Mazar-i-Sharif. Dem Pass also, den alle der vielzähligen Eroberer überwinden mussten, Alexander der Grosse zum Beispiel.

Leider wurde es dann zu spät, die Straße war auch nach der letzten Flussüberquerung (eine beeindruckend gesprengte Brücke und wir fuhren weit hinunter auf eine Ponton-Brücke) immer schlechter geworden und wir kamen kaum noch voran. Auch waren wir schon am nördlichen Rand der Ebene und es ging in die angrenzenden Hügel hinein.

Ich wäre so gerne noch bis zum Panjirtal gefahren, hätte Gulbahar gerne gesehen, wo die große Textilfabrik gestanden hatte, vor 25 Jahren der Einsatzort vieler Entwicklungsdienst-Kollegen. Aber unserem Fahrer stand allmählich die Angst im Gesicht geschrieben und wir wollten auch vor sechs wieder in Kabul sein. Auf dem Nachhause-Weg mussten wir ihn allerdings bremsen, sonst hätte er uns mit überhöhter Geschwindigkeit noch in den Straßengraben befördert. Auf einem malerischen Bazar, direkt neben dem Salangfluss, zum Teil ging’s mit kleinen Stahlbrücken über das tief eingeschnittene Tal, habe ich mir mit viel Handeln noch einen dieser Shawels gekauft, die über die Schulter getragen werden, aber auch als Sitzkissen oder Aufbewahrungsbeutel gut geeignet sind.

Ich fand diesen Ausflug super toll. Vor allem auch die Flüsse mit dem vielen Wasser haben mich sehr beeindruckt. Inzwischen hat der Kabulfluss auch recht ansehnlich Wasser, genug jedenfalls um den sogenannten ‚Titanic-Markt’, der im Flussbett war, zu vertreiben. Aber ein paar Monate lang habe ich kaum ein paar Liter Wasser auf einen Haufen gesehen.

28.März

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