Lesen lernen, ein Lehrer und Frustration über die eigene Arbeit mit den Lehrlingen


Nun ist das Ende meiner Dienstzeit immer absehbarer und ich will versuchen, noch möglichst viel aufzuschreiben, bevor ich alles vergesse. Diese Woche saß ich abends mit Ing. Mir Shah zusammen und dann kamen im Radio plötzlich die Namen meiner Lehrlinge und am Schluss auch mein Name. Hab ich mich aber gefreut! Da waren wohl an einem Tag, an dem ich noch nicht da oder schon weg war, ISAF- Soldaten im Hof erschienen und haben nach einem Musikwunsch meiner Leute gefragt.

Vor einiger Zeit hatte ich mit einem meiner Anfänger, einem lieben, schlaksigen, jungen Kerl namens Sardar, ein Einzelgespräch. Sardar ist ein ganz eifriger Lerner und auch intelligent, aber Analphabet (wie sich dass anhört, wo das hier doch ganz normal ist). Irgendwie dachte ich, ich muss ihm ein Leselernbuch oder so was beschaffen, weil ich die Schriftsprache ja selber nicht beherrsche und auch nicht unterrichten kann. Er fand die Idee toll.

Später sprach mich der ältere Machmad erneut auf Geld an und ich sann darüber nach, wie ich ihm, dem Vater von ‚acht Kindern und einem Jungen' wohl am Besten würde helfen können. Es widerstrebt mir irgendwie, den Leuten einfach nur Geld in die Hand zu drücken.

Inzwischen habe ich ihn schon oft an der Tafel unterrichten lassen (Mathe für Fortgeschrittene), ein leibhaftiger Lehrer Böckel und dann war irgendwie klar: Der soll meine Analphabeten unterrichten. Ein bisschen habe ich dabei ein schlechtes Gewissen, weil es wieder einmal ausschließlich Männer sind, die ich da unterstütze. Ich habe ihn trotzdem gefragt und er hat sich wohl ziemlich gefreut, war gleich dabei, sich die Rahmenbedingungen zu überlegen und einen Lehrplan festzulegen. Dann erzählte er mir, dass er in Pakistan schon unterrichtet hätte, ihm nur für Afghanistan irgendeine Abschlussprüfung fehlt. War ich stolz auf mich, wohl ein echter Volltreffer.

Als Bettina vom Entwicklungsdienst mich diese Woche abholen kam, hat er sie auch gleich angesprochen, ob der Entwicklungsdienst seinen Unterricht nicht vielleicht länger bezahlen könne. Bettina hat mich später danach gefragt, weil so eine Unterstützung unter bestimmten Regeln schon möglich wäre. Aber ich konnte ihr da keine Empfehlung geben, weil ich keine sinnvolle Kontrolle weiß. Und ein weiteres Problem hatte ich: Wem gebe ich das Geld für den Unterricht? Also wem kann ich so vertrauen. dass dann auch wirklich Unterricht sein wird? Ihm selbst? Den Lehrlingen? Einem von den Chefs dort?

Ich habe mich dann entschlossen, ihm den Hauptteil des Geldes zu geben und Said Machmat den anderen Teil. Said Machmat fand meine Idee toll und bot von sich aus an, das Geld treuhändlerisch zu übernehmen und später auszuzahlen. Für mich war es nicht besonders viel: 150 Euro für 50 Schulstunden. Ein Lehrer verdient normal das Einheitsgehalt aller Staatsbediensteten von 40 Dollar im Monat (soweit ich gehört habe). Das reicht eigentlich nicht für eine Familie.

Ich fragte Machmad, ob Said Machmat okay für ihn sei, ob er da sicher sei, das Geld auch zu bekommen (immerhin sind einige Lehrlinge auf NGE schlecht zu sprechen und erzählen viele böse Unterschlagungsgeschichten). Ja klar, meinte er, das ist immerhin der Sohn meiner Schwester! Oh nein, dachte ich. Erstens weiß ich jetzt auch, warum er einen Platz im Schreinerworkshop bekommen hat, obwohl er schon so alt ist und eigentlich gar nicht dazu passt. Ich dachte, dass sei eine besonders soziale Nummer von Said Machmat gewesen, weil Machmad so arm ist. Und zweitens bin ich gleich im Kopf alles durchgegangen, was ich mit meiner großen Klappe inzwischen über NGE meinen Lehrlingen erzählt habe.

Über meine eigene Arbeit war ich diese Woche etwas frustriert. Ich hatte mir doch Mühe gegeben, den Lehrlingen etwas über die Formveränderungen des Holzes beim Trocknen beizubringen. Bei der praktischen Anwendung musste ich jetzt feststellen, dass es niemand verstanden hat.  Kann natürlich sein, dass mir wieder mein lieber Kollege Einnullah dazwischengefunkt hat, der den Lehrlingen andere Anweisungen gegeben hat, als ich. Ich habe mich dann vor die Klasse gestellt und gesagt, dass ich ein schlechter Lehrer sei, weil ich es nicht geschafft hätte, ihnen dieses Wissen beizubringen. Das hat sie alle sehr beeindruckt. Und ich glaube, dass das einige jetzt wirklich behalten haben, schon alleine um mir zu beweisen, dass ich kein schlechter Lehrer bin. Vielleicht sogar Einnullah.

27.März

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