Handwerk in Afghanistan: „Es macht wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht.“

Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.

Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.

Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.

Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.

Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.

Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.

Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.

Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.

Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.

Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.

Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.

In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.

Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.

Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.

In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.

Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.

Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.

Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.

In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.

So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.

21. März

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