Begegnungen unter dem Motto: ‚Wir lernen eine fremde Kultur kennen.’


Die Tage hatte ich in Hezarak wieder eine dieser Begegnungen unter dem Motto: ‚Wir lernen eine fremde Kultur kennen.’ Said Machmat fragte mich zu allem Überfluss am Donnerstag: „Und, was hast Du diese Woche wieder über unsere Kultur gelernt?“ Ich konnte den Eindruck nicht loswerden, dass er sich lustig machen wollte über mich. Das Thema war die verschiedenen Strategie, um andere Menschen dazu zu bringen, etwas für einen zu tun. Ich bin gewohnt, um etwas zu bitten und wenn ich ein ‚Ja’ höre, kümmere ich mich nicht mehr intensiv darum, weil ich erwarte, dass es dann gemacht wird. Hier ist es oft so, dass ich ein ‚Ja’ geantwortet bekomme, aber es passiert nichts. Wenn ich es dringend brauche, muss ich den Leuten solange auf die Nerven gehen, bis es gelöst ist. “Ich mache es morgen” heißt nicht allzu oft lediglich: “Jetzt nicht!” (das gibt es natürlich auch in Deutschland, aber nicht so regelmäßig).

Deshalb ist es auch andersherum manchmal so, dass ich irgendetwas gefragt werde, ‚Ja’ sage und dann aber noch ständig damit genervt werde. Einer der Fahrer fragte mich nach einem Befestigungsbrett für seinen Fleischwolf. Als ich ihm den Preis für das Holz sagte, wurde er erst mal bleich, sagte dann aber: Okay. Ich erklärte ihm, dass ich es von den Lehrlingen bauen lassen würde, wenn es zeitlich passt. Nein, meinte er, ich solle das bauen. Und als ich sichtlich nicht begeistert von der Idee war, schob er noch nach, dass ihn das Brett immer an mich erinnern würde. Ich sagte ihm, gut, dann kann ich aber nichts versprechen, ich will sehen, wann ich Zeit dazu finde. Während des Tages habe ich mit den Lehrlingen zu tun.

In den nächsten 24 Stunden sprach er mich auf dieses Brett etwa dreimal an, zum Schluss war ich so abgenervt, dass ich demonstrativ das Thema wechselte. Beim vierten Mal, als ich versuchte, noch deutlicher darauf hinzuweisen, dass ich danach nicht mehr weiter gefragt werden will, wurde auch er ausführlicher. Ich hätte auch an meinem Container oft noch bis spät in die Nacht gearbeitet, da wäre es doch wohl kein Problem, jetzt auch die paar Minuten für ihn zu arbeiten.

Das war einfach zuviel für mich. Ich habe Hermid gefragt, um mir zu übersetzen und habe an Ort und Stelle einen wütenden Vortrag gehalten. Ich würde mir verbeten, von irgendjemanden Vorschriften gemacht zu bekommen, was ich in meiner freien Zeit zu tun hätte. Das war vor allen Wächtern und Köchen, aber er hatte mir seine Forderungen ja auch vor allen vorgetragen.

Hermid, der Ingenieur, hatte brav übersetzt, der Fahrer, Khaled, war wieder bleich geworden, hatte ‘Entschuldigung’ gemurmelt und ich war mir überhaupt nicht klar, was dieser Wutanfall für Folgen haben könnte. Es war einfach meine Grenze gewesen und irgendetwas hatte mich veranlasst sie für alle sichtbar sehr deutlich zu ziehen. Auf meine etwas unsichere Rückfrage später bei Hermid, ob ich arg doof gewesen sei, meinte er nur: „Na ja, so etwas ist halt einfach menschlich.“

Ein anderes Mal hatte ich in der Werkstatt eine besonders schwierige Schreinerverbindung gebaut, als Beispiel für meine Lehrlinge. Es hatte etwas länger gedauert, bis nach Arbeitszeitende, einige meiner Leute spielten Volleyball mit den Mitarbeitern. Irgendwie war ich total stolz auf mich und meine Verbindung, konnte mich sogar darauf setzen, wie auf einen einbeinigen Hocker. Deshalb zeigte ich sie allen Leuten (die das nicht soo sehr interessierte) und setzte mich dann darauf, um dem Spiel zuzusehen und meine gelungene Arbeit zu genießen. Mein Stolz reizte den Fahrer Aschmat: Von hinten kam er angerannt und schlug mit einem Fußtritt meine Sitzgelegenheit weg.

Muss wohl sehr komisch ausgesehen haben, der Moment, als mein Stuhl schon weg war, aber die Schwerkraft noch nicht so richtig losgelegt hatte. Besonders mein Gesicht. Ich selber habe mich spontan sehr einsam gefühlt, vor allem, als alle zuerst lachten. Ich hatte mir dabei den Finger gequetscht und war in Sorge, dass meine Arbeit von einem halben Tag vielleicht kaputt wäre. Vor allem war ich wieder richtig wütend.

“Chub na bud!” (das war nicht gut!) rufend, zog ich schmollend von dannen. Soweit noch nicht besonders Afghanistan-spezifisch, auch nicht so besonders spannend. Am nächsten Morgen (Aschmat hatte sich mehrfach ehrlich bei mir entschuldigt) hielt mir einer der Lehrlinge eine Rede: Sie hätten sich alle über den Vorfall gestern unterhalten und würden sich sehr schämen. Einer, von dem ich das nicht erwartet hätte, meinte gar: „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.“

Sie baten mich um Entschuldigung, dass sie ihn nicht an dieser schmählichen Tat gehindert hätten Sie hätten einfach zu spät erkannt, was er vor hatte. Nun wollten sie, meine Erlaubnis vorausgesetzt, einen Brief an Mir Rachim schreiben, mit der Bitte, den Fahrer dafür zu bestrafen, dass er ihren geschätzten Lehrer derart misshandelt hat. Ich war ja völlig gerührt, erklärte aber sofort, dass sich Aschmat mehrfach glaubwürdig bei mir entschuldigt und ich die ganze Sache schon vergessen hätte.

Um die Wichtigkeit von Werkzeugen für einen Schreiner zu unterstreichen, mache ich jedes Mal einen kleineren Aufstand, wenn einer meiner Leute sein Werkzeug trotz Suchens nicht finden kann. Ich fordere alle auf, mit dem Arbeiten aufzuhören, in ihren Werkzeugkisten zu gucken und das verschwundene Werkzeug zu ihrem Problem zu machen. Das ist bisher immer erfolgreich gewesen. Nur einmal war es peinlich für mich, denn das Gesuchte fand sich an meinem Arbeitsplatz und ich hatte es auch wirklich genommen und vergessen.

In den Monaten vor meiner Ankunft in Hezarak hatte NGE ja schon einmal im Auftrag von UNHCR Fenster und Türen gebaut und dafür Werkzeuge verteilt. Aber einige der Werkzeuge waren ‘gum schud’, also irgendwie verloren gegangen und es gab die wildesten Gerüchte, wer die alles geklaut haben könnte.

Ich wollte einmal erreichen, dass die von mir über den Entwicklungsdienst beschafften Werkzeuge gewertschätzt und pfleglich behandelt würden und zum anderen auch das gegenseitige Misstrauen minimieren. “Ich bin sicher, dass hier niemand etwas klaut” habe ich immer wieder gesagt und versucht, damit auch Normen aufzufrischen (die muslimische Kultur scheint mir von sich aus schon sehr empfindlich gegen Eigentumsverletzungen).

Generell ist für mich das Schwierigste, immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen, aber den kulturellen Hintergrund nicht so sicher zu kennen. Meine Gesprächspartner machen zwar oft in ihrer Frage klar, was mit Sicherheit die richtige Entscheidung sei, aber das ist eher eine Erschwernis. Selbst die Ingenieure, von denen ich ja gerne eine Hilfestellung hätte, fragen mich oft: “Now, whats your decision?” und zwar nicht als Beitrag zur Diskussion, sondern als letztes Wort. Und auch nicht in einer halben Stunde, sondern jetzt!

Auf der anderen Seite werden selbst unverständliche Entscheidungen von mir aber erst mal hingenommen. Einmal musste ich richtig lachen: Ich hatte allen wieder Obst mitgebracht und wusste aber nicht, ob die Äpfel auch schmecken. Die sind trotz gleichem Aussehens manchmal sehr unterschiedlich im Geschmack. Ich machte also irgendeine halb entschuldigende Bemerkung in die Richtung, dass niemand den Apfel essen solle, wenn er nicht schmeckt. Machmad, der fast so alt ist, wie ich, der Älteste meiner Gruppe und mit würdigem Rauschbart, meinte daraufhin: “Wir essen alles, was Sie uns bringen.”

Es ist, wie Mir Rachim mir in einem Gespräch gesagt hat: Sie sind alle Kinder des Krieges und nach kurzem Zögern hinzusetzte: Wir sind alle Kinder des Krieges.Und tatsächlich: Auch die Ingenieure essen dankbar die Bonbons, die ich mitbringe und auch an sie verteile. Anfangs glaubte ich, dass ich solcherlei Almosengehabe besser ihnen gegenüber unterlasse. Bonbons. Aber sie essen sie gerne und ich soll sie auch verteilen, weil sonst der, der sie vor sich stehen hat, alle alleine isst.

15. März

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