Die abenteuerliche Fahrt mit dem Dieselofen von Kabul nach Hezarak

Vor einer Woche war ich im Büro in Kabul und wollte mal wieder mit dem Chef sprechen, ein wenig von Hezarak berichten und nachfragen, was er von der derzeitigen Sicherheitslage dort hält. Habe ich doch über dritte Hand gesagt bekommen, dass die Amerikaner dort irgendeine militärische Aktion planen.

Ich hatte schon am Vormittag in der deutschen Botschaft angerufen und die Nachricht erhalten, dass das wohl Blödsinn sei. Er konnte das bestätigen. Er war gut drauf und in Spendierlaune, fragte mich, ob ich noch irgendetwas bräuchte. Ich erzählte, dass ich einen Antrag auf einen Ofen für den Werkstattraum gestellt hätte, aber dass das immer so seine Zeit braucht. „Du kannst einen Ofen aus unserem Lager haben“, war die spontane Antwort, ein Entwicklungsdienst-Kollege und Heizungsbauer solle ihn vorher überprüfen. Noch abends hat er das wohl gemacht und ihn auch zum Laufen gebracht.

Am nächsten Morgen brachte ich ihn zu NGE (weil die Läden am Vortag schon zu waren, habe ich Ofenrohre und einen Dieselkanister aus dem Gästehaus mitgenommen) und beim Einladen in das Auto floss die Hälfte des Diesel aus. Das war ganz gut, wie sich hinterher herausstellte, sonst wäre der Diesel sicherlich wahrend der Fahrt übergeschwappt, uns allen, die wir dicht an dicht saßen, über die Klamotten. War so schon abenteuerlich genug mit dem Ofen im dicht besetzten Auto.

Als wir den Ofen eingeladen hatten, sah ich das zweite Auto davonfahren. Nach einer Weile fragte ich den Ingenieur Mir Shah, mit wie vielen Autos wir denn nach Hezarak fahren würden. Heute nur mit einem, war die Antwort. Er wisse doch, meinte ich, dass ich nur mit zwei Autos fahren dürfe, wegen der Entwicklungsdienst-Sicherheitsbestimmungen. Ja, aber heute würde das andere Auto in die Provinz Wardak fahren. Jemand versuchte mir noch einzureden, dass läge ja praktisch auf dem Weg nach Hezarak und dass mensch dann ja die Strecke doch zu zweit fahren kann. Allerdings war das Auto schon weg und zweitens liegt Wardak genau in der anderen Himmelsrichtung.

Ich meinte also: Dann muss ich halt hier bleiben. - Ob denn ZIM kein zweites Auto hätte. -Nein, die Absprache ist, dass NGE mich bringt und ZIM dass zweite Auto zum Abholen schickt. –Vielleicht ausnahmsweise? – Gut, meinte ich, ich kann ZIM fragen. Ich bin also zum ZIM-Büro, dass glücklicherweise direkt gegenüber liegt (noch, denn sie ziehen um, beide). Aber es war so spontan natürlich kein Auto frei. – Dann können wir nur mit einem Auto fahren. – Dann muss ich halt hier bleiben. (immer das gleiche Spiel) - Gut, also, dann fahren wir mit dem Auto der Ärzte zusammen hoch. Dafür mussten wir aber noch etwas warten, bis das „Medical-car“ soweit war. An der ersten Straßenkreuzung fuhren wir nach links, die anderen geradeaus. -Wo fahren die jetzt hin? -Nach Hezarak natürlich! – Und wir? –Erst mal etwas einkaufen. – Und das haben die anderen nicht gewusst? Nein. -Also gut. Wenn wir nicht mit zwei Autos fahren, kann ich nicht mitkommen. -Ja, klar. Wir probieren doch gerade, die anderen per Funk zu erreichen, das Funkgerät geht gerade halt nicht.

Nach einer Weile: - Wir treffen die anderen in Pul-e-tschari. - Wo ist das? - Dort hinten! - Ist dort hinten vor oder nach dem ISAF- Camp? - Es ist vor dem ISAF- Camp. Wenig später fahren wir an dem ISAF- Camp vorbei, ohne dass ein zweites Auto zu sehen gewesen wäre. Das Camp ist auch schon ziemlich weit außerhalb der Stadt. - Wo sind die anderen jetzt? - Die warten dort hinten auf uns.

Als wir dann die Straße nach Jallalabad verlassen, um rechts über den Fluss und später in die Berge zu fahren, wird mir beteuert, dass das andere Auto vor dem ehemaligen Zentralgefängnis wartet. Ich erkläre, dass sie mich aber zu der Hauptstraße zurückbringen müssen, wenn das zweite Auto dort nicht ist, damit ich ein Taxi zurücknehmen kann. Mittlerweile sind alle Beteiligten ziemlich abgenervt. Entgegen meinen Erwartungen steht tatsächlich das andere Auto in der Nähe des Gefängnisses und wartet auf uns. Über Funk, der jetzt funktioniert, erzählen sie, dass sie fast eine Stunde auf uns gewartet haben und dass ich mich jetzt wohl behütet fühlen kann, weil sie immer vor uns herfahren werden. Natürlich sind sie sauer und ich auch auf den Chef vom Entwicklungsdienst, der mir das alles eingebrockt hat. Unterwegs fängt es an zu schneien. Das ist gut für Afghanistan, aber unser schnelles Fahren erleichtert es nicht gerade. An der einzigen richtig steilen Stelle kommen wir dann auch nicht weiter, das Ärzteauto muss wieder auf uns warten, bis der Fahrer die Schneeketten angebracht hat.

Später wird mir gesagt, dass die Mediziner jetzt nur eine Stunde Zeit in Hezarak hätten und danach wieder zurückmussten. Sie fahren immer hin und her, weil sie auch Ärztinnen im Team haben, die nicht mit den Männern in Mundul übernachten können.

Dann sind wir endlich in Mundul. Meine Auszubildenden warten schon anderthalb Stunden auf uns. Einer meiner Schüler hat am nächsten Tag Hochzeit und will freibekommen. Alle gucken mich erwartungsvoll an. Klar kann er freibekommen für seine Hochzeit, sage ich, aber er weiß die Regeln. Mein Übersetzer übersetzt das aber nicht so höflich, sondern sagt gleich: Aber es gibt kein Geld. Alle sind empört. Nach einer Weile, in der ich beobachte, wie die Empörung sich so entwickelt, meine ich, okay, ich werde Said Machmat fragen, wie in diesem Fall zu entscheiden ist.

Und dann lädt uns Zainulabuddin alle zu seiner Hochzeit ein. Wieder weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll, weil er uns (selbstverständlich!) während der Arbeitszeit einlädt. Erst mal sage ich: Chub as! (Toll!).
17. Januar

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