Hohe Herren: Neue Stände in Afghanistan


In der letzten Woche vor den Eid- Feiertagen kommen mich Said Machmat und sein Vorgesetzter Mir Rachim abends im Container besuchen. Irgendetwas führen sie im Schilde, denke ich, und ihr scheinbar harmloses Gespräch war deutlich vorher abgesprochen. Manchmal kann ich mir ein Grinsen nur mühsam verkneifen. So als Said Machmat mich einmal betont nebenbei, interessehalber, fragte, ob wir in Deutschland eigentlich kein Schwarzgeld hätten.

Nun entspannen sie vor meinen Ohren ein Gespräch darüber, ob es nicht sinnvoll sei, während des Workshops etwas zu bauen, was mensch auch den Geldgebern zeigen könne. Sozusagen als Arbeitsnachweis. Gemeinsam überlegten sie und kamen zu dem Schluss, dass ein Schrank vielleicht toll wäre.

Ob sie wohl den Schrank meinten, den Einnullah abends für Mir Rachim baut? Als ich ihnen dann einen Stuhl vorschlug zu bauen, war das Thema erst mal gegessen. Ob ich noch weitere Sorgen hätte? Und es wäre vielleicht gut, mich regelmäßig einmal die Woche mit Said Machmat zusammenzusetzen, dann könnte ich alles besprechen, was anstünde. Ich sollte wirklich mit allem zu Said Machmat zuerst gehen. (Das hatte mir der Finanzchef auch gesagt: Immer zuerst zu ihm selbst sollte ich kommen). Auch mit der Planung des Festes hätte ich zuerst zu Said Machmat gehen sollen. Ich meinte, ich hätte den von ihnen skizzierten Dienstweg eingehalten: Zuerst hätte ich Said Machmat's Stellvertreter gefragt, Ing. Mir Shah und dabei hätten sich Samea und Hermid angeboten.

Tags drauf wurde klar, warum sie gekommen waren: Peter Beckum und der noch recht junge, aber sehr Afghanistan-erfahrene Matthias, der Chef von Afghanistan, kamen auf den Hof gefahren. Da standen sie dann im Hof, umringt von Afghanen, schauten zu ihren Schuhen, spielten dort mit Steinchen und alles war ihnen nicht recht, vermuteten Schwarzgeld in jeder Ecke (ohne aber mal genau nachzurechnen), erklärten mir, dass sie die Auszahlung der vereinbarten drei Dollar pro Tag pro Auszubildenden gestoppt hätten, weil das zuviel Geld sei und auch die Essensrationen seien viel zu teuer und zu gut.

Ich war entsetzt: Die drei Dollar hatte ich Wochen zuvor mit Said Machmat abgesprochen und auch das Essen war gerade diese Woche nach zähem Ringen besser geworden. Nicht mehr nur Wassersuppe, nicht mehr sowenig, dass ich nachher noch hungrig war. (Said Machmat hatte mir vorgeschlagen, doch lieber mittags mit den Ingenieuren zu essen). Ähnlich war Matthias's Vorschlag: Dann sollte ich halt ein anderes Essen bekommen. Das sei nicht mein Problem, sagte ich, ich könne mich gut selbst verpflegen, wenn ich wolle. Es sei einfach schwierig, mit hungrigen Leuten zu arbeiten....

Nachdem sie gefahren waren, stand ich auf dem Hof, wie nach einem Überfall. Sie fahren in den großen Autos, bekommen mehr als das zehnfache Gehalt ihres afghanischen Gegenübers (selbst wenn der für Afghanistan gut bezahlt ist), leben in großen Häusern mit Dienstboten und Stromgenerator. Es ist fast wie die Sowjets, sage ich zu Said Machmat, der auch ganz erschlagen ist. Sie versuchen Afghanistan ihre Kultur aufzuzwingen. Diesmal nicht mit Waffen, diesmal mit Geld.

Plötzlich habe ich wieder die Seiten gewechselt und fühle mich selbst Said Machmat und Mir Rachim näher als diesen beiden. Ja, sagt Said Machmat, ich war gestern noch so stolz auf alles, was wir hier gemacht haben. Und sie haben nur Fehler und Versäumnisse gefunden. Ich muss noch viel darüber nachdenken: Wenn ich sage, ich möchte nicht, dass Said Machmat Geld unterschlägt, weil es das Geld der armen Leute von Hezarak ist, was bedeutet das? Sind nicht diese enormen Gehälter der weißen Herren auch das Geld der armen Leute von Hezarak? Nur dass es legal abgezweigt wurde? Sie waren so fremd da auf dem Hof von Mundul, diese beiden, fremd mit ihren Wertvorstellungen, ihrer Geschichte, ihrem Lebensstil. So wie ich ja auch. Und sie versuchen massiv einzugreifen, schaffen neue Regeln mit ihrer Macht zu entlassen und Gelder zu sperren. Was heißt das eigentlich, wenn Entwicklungshilfeorganisationen schreiben der Schwerpunkt ist Armutsbekämpfung? Okay, Armut ist einerseits etwas Absolutes: Wenn jemand verhungert, dann wir er zuvor offensichtlich arm. Armut ist aber auch etwas Relatives: Arme Deutsche wären mit demselben Lebensstandart in Afghanistan obere Mittelschicht. Armut entsteht auch aus dem Unterschied, aus dem, was als Muss, als Standart oder auch nur als Traum vorgelebt wird.

Eine der Witwen aus einem der uns vorgestellten Projekte während unserer Vorbereitungszeit, bekommt 10 Dollar im Monat, ich bekomme etwa 1200 Euro Grundgehalt pro Monat, freies Wohnen (möbliert), einen Mietzuschuss für Deutschland und die Sozialversicherungen bezahlt. Die überall im Stadtgebiet auffallenden großen 4-wheel-cars aus Dubai gehören immer irgendwelchen Hilfsorganisationen, wie dem Entwicklungsdienst. Diese Landrover werden nur noch von den Automonstern mit verdunkelten Scheiben der Geheimdienst -Herren übertroffen. Und das größte und renovierteste Haus im ganzen Viertel ist mein Gästehaus. Alleine lebe ich hier, zwei Häuser weiter leben etwa 12 Menschen in drei kleinen Räumen. Ehe mensch sich versieht, wird die Armutsbekämpfung zur Armutsgenese.

Und die Kabuler sehen tagtäglich mit eigenen Augen, wohin das versprochene Geld aus dem Westen geht. Und erzählen mir, dass unter den Taliban 24 Stunden Strom üblich war. Etliche Millionen Dollar Hilfsgelder später gibt es drei Stunden Strom, zweimal wöchentlich.

Als unsere Wächter von der deutschen Welthungerhilfe übernommen wurden, gab ihnen Gustav Raumann 5 Minuten Zeit, sich zu überlegen, ob sie auch für 100 anstelle 120 Euro arbeiten würden. Und an einem anderen Ort, der ihnen erst später genannt wurde. Später bekamen sie plötzlich 150 Euro, ohne zu wissen, warum.

Als unsere Ölofen in Taimani einer nach dem anderen den Geist oder besser die Folgschaft aufgeben (sie hatten deutlich noch ein Eigenleben, was sich z.B. in Öl- lachen ausdrückte) bat ich Gustav, doch gleich auch für die Wächter einen Ofen mit an zu schaffen. Auch jeglicher Logik widersprechend bekam ich zur Antwort: Die brauchen keinen Ofen, die sollen da nicht schlafen, sondern wach bleiben!

Als ein Journalist im Gästehaus für zwei Wochen als Mitbewohner auftauchte, brachte er einen Fahrer mit, der auch hier schlief. Völlig selbstverständlich, dem Standesunterschied gerecht werdend, schlief der Fahrer aber nicht in einem der fünf leerstehenden Gästezimmer, sondern in dem 3,5 x 3 Meter großen Raum mit den (nachts) zwei Wächtern. Die erfuhren davon mit dem Eintreffen des Fahrers.

4. Februar

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