Mehr Schwierigkeiten


Zwei Tage später bin ich etwas krank geworden, bisschen Fieber und sehr schlapp. Gestern hatte ich ein Gespräch mit Said Machmat über das Essensgeld. Wieso das bessere Essen der Ingenieure mit neun Mahlzeiten pro Woche nur 50 Afghani kostet und sie das schlechtere Essen der Schreinerlehrlinge mit 5 Mahlzeiten die Woche (und selbst mitgebrachtem Brot) mit ca. 500 Afghani/Woche veranschlagen.

Er meinte, dass das Essen für die Azubis in der nächsten Zeit noch besser werden kann. Schließlich wäre genug Geld da. Und die 50 Afghani, die die Leute hier zahlen, wäre nur deshalb so wenig, weil viele Sachen, wie Tee, Zucker usw. vom Büro aus bezahlt würden.

Ich glaubte die Erklärung nicht so ganz, trotzdem war ich froh über seine plausiblen Antworten, weil ich ziemlich Angst hatte, auf Konfrontation gehen zu müssen. Später redete ich noch kurz mit meinem Übersetzer über die Geschichte mit Samea (der mir, wie alle, einschärfte, doch zuerst mit ihm über jedes Problem zu reden). Er meinte, das sei auch in Afghanistan eine übliche Geschichte, in dieser Art Geld zu unterschlagen. Ich fühlte mich mit ihm sehr einig.

Kurze Zeit darauf sah ich ihn, diskutierend, mit einem Holzbalken unter dem Arm in einer ganzen Gruppe aus Wächtern und Azubis. Es stellte sich heraus, dass er dieses Holz mit nach Hause nehmen wollte. Er wurde total wütend, als ich meinte, er solle es bezahlen. Er bräuchte es dringend, aber dann würde er es eben nicht nehmen. Nach einer Weile brachte er mir noch eine Handvoll Nägel, die er auch hatte mitnehmen wollen.

Abends dann kam Said Machmat zu mir. Was denn mit mir, den Tassen und Samea gewesen sei. Irgendeiner hatte es ihm wohl erzählt. Ich hätte von mir aus mit niemandem davon geredet, aber als wir nach meinem Gespräch mit Samea zum Essen zusammen saßen, da sprach Samea mich an, was ich denn hätte. Vor allen Leuten. Ich sah wohl noch ziemlich bleich aus. Ich sagte ihm, dass mich das noch immer beschäftigen würde mit den Tassen und dem Geld. Was sollte ich auch sagen.

Gut, nun wusste es auch Said Machmat (der tags zuvor nicht da gewesen war). Ich habe es also kurz Said Machmat wiederholt. Er bräuchte aber nicht mit Samea zu reden, weil wir klar verblieben wären, dass er mir das Geld zurückgibt. Said Machmat ging und kam kurz darauf mit 400 Afghani zurück. Hier sei mein Geld, er hätte das sofort klären wollen. Oje, das wollte ich ja nun gar nicht. Ich wollte nicht zu ihm als Boss gehen, damit er Samea einen Rüffel erteilt.

Abends waren nur der alte Khalid, der Fachmann für Gartenbau und Dr. Haschir, der Veterinärarzt, auf dem Hof. Ich fragte sie, ob sie mir eine Lehrstunde in afghanischer Kultur geben könnten. Ich hätte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, ohne die leiseste Ahnung, was. Sie erklärten mir geduldig:

Samea wusste nicht, dass ich dieses Fest wirklich aus eigener Tasche bezahlt habe. Er dachte, das Geld sei vom Büro. Deshalb hat er auch geglaubt, die 200,- Dollar wären ein fester Betrag und ich bräuchte nichts davon zurück. Unmöglich zu erklären, dass ich noch sorgfältiger mit dem Geld umgehen würde, wenn es nicht meines, sondern vom Büro gewesen wäre. Für sehr gute und nahe Freunde ist es sowieso üblich, dass sie gegenseitig über das je andere Geld verfügen, soweit sie es in den Händen haben. Es sei sogar so, dass sie manchmal für irgendeinen Zweck Geld sammeln, wie z.B. dieser Todesfall. Wenn dann irgend jemand nicht da ist, dann bestimmt derjenige, der das Geld einsammelt, einfach einen Betrag. Und dieser Betrag kann sogar höher sein, als alle anderen bezahlen. Niemals würde jemand da meckern, selbst wenn für ihn das Geld knapp würde. Samea hatte sich also gerade deshalb mir gegenüber so verhalten, weil er sich mir nahe fühlte. "Ich habe das Geld doch nicht für mich genommen" hatte er gesagt.

Am gleichen Abend ist auch Sadat zu mir gekommen, mein Übersetzer, um noch mal über das Holz zu reden. Er hätte nachts große Angst gehabt, dass ich sauer auf ihn sei, meinte er. Es täte ihm leid, sagte er, konnte sich aber nicht verkneifen, hinzuzufügen, auch Nasim hätte gemeint, das sei eine böse Aktion von mir gewesen, ihm das Holz nicht zu gönnen. Wo er es doch so dringend brauchte. Und es sei so wenig gewesen, eine ganz billige Geschichte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass er, als Gebildeter, auch ein Vorbild sei. Und wenn er Holz mitnimmt, warum dann die anderen nicht? Und wenn ein bisschen, warum nicht ein bisschen mehr? Und das vor aller Augen. Ich hätte es unmöglich zulassen können. Ich würde ja auch nicht ein badboy sein wollen oder ihm das nicht gönnen. Er solle mich fragen, wir würden dann schon eine Lösung finden. Nun, meinte er, er würde ganz sicher kein Holz mehr mitnehmen.

Morgens hatte ich ein ähnliches Problem: Vor allen anderen Schülern fragte mich der Älteste (und einer der ganz Netten), er hätte zwei Tage zuvor eine dringende Arbeit gehabt und hätte deshalb nicht kommen können. Ob er dann trotzdem Geld bekommen könne für diesen einen Tag? Ich verneinte, während Sadat mir einzuflüstern versuchte, ich hätte am Anfang aber gesagt, es sei möglich, trotzdem zu bezahlen.

Kurz darauf kam ein anderer Schreiner zu mir, der meinte, er wolle gar kein Geld für seine Abwesenheitstage, aber er würde ja in der Zeit Fenster für UNHCR bauen. Ob es möglich sei, dass ich seine Fehltage nicht in das Zertifikat schreiben würde? Meine Güte, wer bin ich eigentlich? Wohin mit der ganzen Luft, die mich da aufbläst zum Halbgott? Erst mal bin ich krank geworden.

Khalid warnte mich auch: Viele im Gebiet Hezarak seien Hektmatyar-Anhänger. Wenn die Amerikaner losschlügen im Irak, könne es auch gefährlich für mich werden, weil Gulbuddin Hektmatyar ja mit Taliban und Al Qaida arbeiten würde.

Abends sehe ich Lichterblitze am Sternenhimmel aus Richtung Khost, einem Kampfgebiet. Ing. Khalid (der sehr alt ist und ein verletztes Bein hat durch einen Autounfall) meinte noch, dass einige aus dem NGE- Office auch Anhänger von Sayyaf und Hektmatyar seien. Ich war erleichtert, mit noch jemandem darüber reden zu können und erzählte ihm, dass ich das wisse. Mir Rachim , Said Machmat und Mir Shah würden eng zusammenarbeiten. Ich hatte gleich darauf schon ein schlechtes Gefühl dabei.

Eine Woche später erzählte mir jemand am Donnerstag, dass auch Khalid ein Verwandter von Mir Rachim ist. In Taimani bekam ich einen richtigen Migräneanfall und schlief zwölf Stunden. Ich bekam Angst, dass ich vielleicht in Gefahr wäre, weil ich über Mir Rahim’s und Said Machmath’s Parteizugehörigkeit geredet hatte. Mein ganzes Vertrauen war weg, meine anfängliche Unbekümmertheit dahin. Ich wusste vor allem nicht mehr, wem ich überhaupt noch trauen konnte.

Auch wenn mich jemand warnte oder zur Vorsicht mahnte, war ich mir nun unsicher, ob er nicht nur eigene Interessen damit verfolgte. Das war das erste Mal, dass ich eine Ahnung bekam, warum Überbringer schlechter Nachrichten oft selbst dafür verantwortlich gemacht werden.

Vielleicht sollte ich doch mal wieder in den verräucherten deutschen Club gehen, um auch deutsche Gesprächspartner zu haben. Ich bin so erleichtert, wenn ich das Gefühl bekomme, mit jemandem offener reden zu können, dass ich gleich mein ganzes Herz ausschütte.

Doch zurück zu dieser Woche in Hezarak: An einem der Morgende sehe ich Sher Sar, einen der Lehrlinge, an einem Holzgestell bauen. Was das denn wäre? frage ich. Das gäbe einen Stuhl, einer der Fahrer hätte ihn bestellt. Ich frage den Fahrer, der gerade auf dem Hof ist. Aber es war der andere, der diesen Auftrag gegeben hat. Ich bitte Sher Sar, immer erst mir Bescheid zu sagen, wenn er für andere Aufträge annimmt.

Am letzten Tag der Woche sehe ich abends meinen Übersetzer Sadat, wie er diesen Holzbalken doch mitnimmt. Ing. Mir Shah hätte es ihm erlaubt. Ich bin fassungslos und kann erst mal nichts erwidern.

Abends gebe ich Ing. Samea die 400 Afghani wieder, entschuldige mich und erkläre, dass ich halt noch viel über die afghanische Kultur lernen müsse. Samea meint, das sei halt wie in einer Familie, da gebe es auch manchmal Streit. Aber wir könnten es jetzt vergessen. Es war aber nicht möglich gewesen, ihm das Geld direkt zu geben. Er nahm es nicht an. So fragte ich Mir Shah in der abendlichen Runde mit den Ingenieuren nach dem Essen, ob er denn ein Freund von mir sei und mir einen Gefallen tun könne. Klar, antwortete er. Ob er dieses Geld einem anderen Freund von mir geben könne mit einer Entschuldigung. Das Geld wurde sofort an den Tierarzt Haschir weitergegeben, der es wohl für Samea an Said Machmat gegeben hatte, ohne selbst zu wissen, ob er es wieder bekommt. Zu meinem Erstaunen erzählte Samea, dass er selbst Said Machmat gebeten habe, mit mir über das Geld zu reden.

Vielleicht hatte ihn das drei Tage zuvor auch beeindruckt, dass ich mir am Ende unseres Gespräches Notizen gemacht hatte (ich konnte ja nicht mehr richtig denken und hatte Angst, alles oder Teile zu vergessen). Said Machmat hatte zu mir gemeint: Er wolle mir die 400 Afghani möglichst schnell geben, damit wir unsere Probleme in Hezarak lösen und nicht nach Kabul tragen.

Abschließend weiß ich nicht genau, ob es wirklich gut war, Samea’s Umgang mit meinem Geld im Nachhinein doch abzusegnen. Ein paar Afghanen sagen, dass es unter guten Freunden schon möglich sei, ein paar andere meinen, das sei eine böse Geschichte. Und wer weiß, was ihnen mit meinem Geld noch alles einfällt.

Am nächsten Morgen sehe ich, wie Nasim, der Storekeeper, zwei Blumenständer aus der Werkstatt trägt. Ich schaue sie mir genauer an, Nasim ist es nicht geheuer, er will sie möglichst schnell wegbringen.

Zum Frühstück spreche ich auch darüber mit den Ingenieuren. Ich bitte Nasim, mir die Blumenständer noch einmal zu geben, um sie den Ingenieuren zu zeigen. Sie sollen mir eine Regel sagen, nach der ich verfahren soll mit all diesen Nebenarbeiten. Darf so etwas gebaut werden und was sind übliche Sanktionen, wenn ich Verstöße entdecke?

Nasim ist gar nicht begeistert, die Blumenständer (ich nenne die mal so, ich weiß nicht, wofür die sind: ca. 20 cm hoch, oben eine Platte, auch etwa 20 cm im Durchmesser, und hinten ein Kreuz zur Standfestigkeit) wieder rauszurücken. Nach einer Weile holt er sie: Ich sehe, dass einer davon anders ist, als die beiden zuvor, es muss also drei geben. Darauf angesprochen, wird er noch mürrischer und meint, er hole den Dritten, bitte allein, ich könne warten. Das wird spannend, denke ich, und gehe mit ihm. Und wirklich, hinten in der Ecke ist eine ganze Kiste. Die öffnet er schnell und holt das dritte Teil hervor.

Die Ingenieure meinen dann, niemand dürfe etwas außerhalb des normalen Auftrages bauen. Ich solle Bescheid wissen, wenn es Nebenarbeiten gäbe. Jeder solle einen Antrag an Mir Shah geben, und der würde mir das dann schriftlich weiterreichen. Wer dagegen verstößt, wird entlassen. Wunderbare Entscheidung, alle finden sie toll. Bis auf mich, denn ich weiß, dass das auf keinen Fall funktioniert. Khalid z.B. bat Alisardar, ein Bänkchen für ihn zu bauen, den Tag zuvor..

Zum Unterrichtsanfang bitte ich Hermid, den Lehrlingen ihre Entscheidung bezüglich dieser Nebenarbeiten mitzuteilen. Ich habe die Blumenständer dabei und halte sie hoch und staune, wie gebannt die Lehrlinge den Worten Assads zuhören. Mal sehen, ob es etwas ändert. Danach will Einnullah etwas über den Gebrauch der Säge erzählen und ich bitte Sadat, mit mir in meinen Container zu kommen. Während ich ihm erzähle, wie sehr mich das aufregt, dass er dieses Holz nun doch mitgenommen habe, spüre ich es auch: Ich bekomme kaum Luft beim Reden.

Er meint, alle Ingenieure hätten es ihm erlaubt, später meint er, Nasim habe alle Ingenieure gefragt. Nasim habe ihm dass Holz aufgedrängt, er hätte noch gesagt: Burkhard wird sauer sein. Ich will mit ihm einen Vertrag machen: In Zukunft solle er mich fragen, ich würde das Holz für ihn bezahlen. Nein, nein, er würde das Holz bezahlen und legt 120 Afghani (ca. 3 Euro) auf den Tisch.. Er sei auch arm, sagt er. Das sei alles, was noch übrig ist von seinem Lohn (150 Euro), den er die Woche zuvor bekommen habe. Die fehlenden 30 Afghani würde er sich borgen.

Ich sage ihm, ich bezahle das für ihn, aber er solle mich bitte in Zukunft fragen. Zum Schluss erzählt er mir noch, dass Alisardar auch etwas für sich gebaut hat. Er habe ihm noch gesagt: Lass das lieber. Mein Problem ist, dass von dem Material, was ich habe einkaufen lassen, für diesen Workshop inzwischen schon ein Teil fehlt. Außerdem hatte ich durchgesetzt, dass meine Schüler nicht für Produktion, für Stückzahlen, sondern Zeit bezahlt werden. Das fanden die Verantwortlichen erst nicht so gut. Jetzt weiß ich warum. Meine Lehrlinge haben nun alle Zeit der Welt, alles Mögliche zu bauen. Wenn sie aber nach der Anzahl der von ihnen gebauten Fenstern bezahlt werden, wie soll ich da vernünftigen Unterricht machen? Und wie kann ich mit ihnen zum Beispiel Kisten für ihr Werkzeug bauen?

Zum Abschluss dieser Woche holt mich Arnold nicht ab, wir warten vergeblich. Später stellt sich heraus, dass sie ein Treffen im Büro angesetzt haben, Donnerstagvormittag. Ich erfahre Tage später nur zufällig davon.

Auf dem Hof in Hezarak ist an diesem Tag also nur ein gemietetes Taxi da, vierzehn Leute wollen nach Kabul. Per Handfunk (die große Antenne ist ausgefallen) rufen sie noch ein Auto, aber es gibt Probleme im Büro in Kabul.

Später kommt dann doch ein schlecht gelaunter Fahrer, der zu mir meint, er sei extra nur wegen mir gekommen. Kurz darauf erzählt er mir noch, dass das Taxi viel bequemer sei, als sein Auto, ob ich nicht wechseln wolle. Später stellt sich heraus, dass er Hermid gegenüber behauptet hat, ich habe sein Auto durchsucht, weil ich ihn verdächtigen würde, was zu klauen. - Ich bin sprachlos. Mir fällt ein, dass er wohl sauer ist, weil ich ihn gefragt habe, ob er den Auftrag an Sher Sar gegeben hat. Über Ing. Mir Shah entschuldige ich mich, dass ich vielleicht unhöflich gewesen sei. Ich würde nicht daran zweifeln, dass er ehrlich ist. Ich hätte ihn nur gefragt, um herauszubekommen, wer den Auftrag an Sher Sar gegeben hätte. Ich weiß nicht, ob er meine Entschuldigung akzeptiert. Klar ist, dass ich mich mit meinem Versuch, Material und Zeit meines Workshops zusammenzuhalten, nur unbeliebt mache.

In Kabul lädt mich Nasim, dem wohl nicht ganz geheuer ist, zum Essen zu sich nach Hause ein. Und Einnullah pumpt mich um 50,- Euro an (die ich aber nicht habe), weil er noch immer weder Lohn noch Vertrag hat. Dass der Entwicklungsdienst mit ihm bisher keinen Vertrag gemacht hat (der liegt noch immer auf dem Schreibtisch von Karl Anders), wird von den  Leuten und von Einnullah natürlich mir angekreidet. Ich versuche es gleich an diesem Donnerstag zu regeln, fahre ins Entwicklungsdienst-Büro quer durch die Stadt. Da ist aber niemand mehr. In meinem Brieffach statt dessen eine 2. Mahnung der Rentenkasse: Trotz mehrfacher Aufforderung ist es der Verwaltung nicht gelungen, mich abzumelden. (Ich selbst hatte es auch getan, aber das reichte nicht, weil ich eine Bestätigung brauchte.)

28. Januar

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