Einnullah, der Co-Teacher auf dem Schreinerhof in Hezarak

Irgendwann bekomme ich Abdul Einnullah vorgestellt: Er sei ein sehr guter Schreiner, mit ihm solle ich zusammenarbeiten. Abdul Einnullah ist etwa dreißig Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann mit einer spitzen Nase, spitzbübischem Gesicht und braungebrannt. In der Zeit bevor ich kam, als ein Teil meiner Azubis und andere für das UNHCR-Programm Fenster bauten, war er mit als Ausbilder beschäftigt. Er sei ganz arm, wird mir berichtet, gerade arbeitet er in Kabul in einer anderen Werkstatt mit, hat aber eine Frau und ein kleines Kind in der südlichen Nachbarprovinz Logar. Er zeigt mir sein Zimmer in Kabul: Etwa 2,5 x 3,5 m groß und sie übernachten dort, soweit ich zählen konnte, zu sechst.

Ich frage ihn, ob er mit mir Werkzeug für die Auszubildenden einkauft und zusammen (auch Svenja ist mit dabei) ziehen wir zwei Tage später los. Das hat viel Spaß gemacht, mit ihm zusammen Hobelmesser zu begutachten, die Zähne der Sägen genau anzuschauen und mit den Fingern über Bohrerspitzen zu streichen. Schnell wurde mir aber klar, dass er nicht allzu gut verhandeln kann und auch die Preise weniger gut kannte, als ich zuerst dachte: Er ist nie zur Schule gegangen und die Worte, die er schreiben kann, hat er sich selbst beigebracht. Leider haben wir viel zu viel Zeit gebraucht und es war schon abends und ich durchfroren, als wir endlich nach Hause sind. Eingekauft hatten wir in einer so engen Gasse, dass das Auto (für einen Tag vom Entwicklungsdienst) dort nicht hinkonnte. So hatte ich zwei Leute mit einer Schubkarre als Träger (oder Fahrer?) bezahlt, die mir das Zeug zum Auto brachten. Auch ein Gewerbe: Betriebsmittel Schubkarre. Für eine Fahrt verdienen sie normal 5 - 10 Afghani, also etwa 10 - 20 Euro-Cent.

Danach bat ich ihn, mir bei der Planung (inhaltlich und zeitlich) meiner Ausbildung zu helfen, zusammen mit meinem Übersetzer. Das war sehr anstrengend, zwei Tage lang, aber hat auch viel Spaß gemacht. Halima, die Putzfrau, bat ich für ein Extrageld, für uns zu kochen, weil ich wusste, dass einfach so Brot und Butter zum Mittagessen für die Afghanen undenkbar ist.

Leider stellte sich später heraus, dass die Zeitvorgaben von Einnullah recht unrealistisch waren. So hatten wir am Ende der Ausbildung geplant, sie alle einen kleinen Schrank für sich selbst bauen zu lassen. Aber nachdem wir für das erste Fenster anstelle der veranschlagten 3 Tage 3 Wochen gebraucht hatten, war klar, dass wir das gesamte Programm zusammenstreichen mussten. Und ich war in der doofen Lage, auch gegenüber den Verantwortlichen von NGE, irgendetwas vorweisen zu müssen, was wir denn so produzieren und zwar nicht für die Auszubildenden privat. Sie bekommen ja schon Werkzeug, Geld für die Ausbildung, Essen, und wir ließen sie eine Werkzeugkiste für sich bauen.

Als ich ihnen also irgendwann erklären musste, dass das mit dem Schrank wohl nichts werde, wurde es sehr unangenehm für mich. Sie hätten ihren Eltern schon davon erzählt, das müsse jetzt auch gebaut werden. Nur mühsam konnte ich die Wogen glätten. Aber ich glaube, nun bin ich nicht mehr der so ganz tolle Fremde. Einnullah, der Schlingel, der daran ja nicht ganz unbeteiligt war, stellte sich der Einfachheit halber auf die Seite der Schüler und bat mich, den Schrank doch bauen zu lassen. Ich war begeistert. Später stellte sich diese meine Androhung, den Schrank nicht bauen zu können, als sehr gelungene Aktion heraus: die Lehrlinge arbeiteten sehr viel schneller und einen gemeinsam erarbeiteten Zeitplan konnten wir so gut einhalten, dass schließlich doch noch Zeit für den Schrank übrig war.

Am Anfang bedachte ich Einnullah noch mit kleineren Geschenken, z.B. mit einem meiner Pullover, weil er immer im dünnen Hemdchen herumlief und ganz offensichtlich fror. Dass er barfuss in Plastiksandalen im Schnee herumläuft, ist dagegen hier ganz normal. Strümpfe würden ja auch nass. Das Taxi und das Essen bezahlte ich, klar. Er mühte sich auch, mir etwas zurück zu schenken, z.B. einen bemalten Holzvogel oder einmal, als ich ihn besuchte, kaufte er mir beim vorbeifahrenden Händler eine Tüte voll Pistazien. Ich war gerührt.

Nach dem ich aber so kräftig an meinem Image des superreichen Deutschen gebastelt hatte, versiegten diese Gegengeschenke verständlicherweise und wurden eher zu Forderungen an mich. Mir passierte dann das Gleiche, wie jedem anderen Fabrikbesitzer: meine tolle Gönnermiene kann ich nur aufbehalten, wenn ich freiwillig schenke und nicht mit eingeforderten Rechten konfrontiert werde. Ich reagierte also verstockt und ließ ebenfalls deutlich nach in meinem Geschenkeifer. Besonders, nachdem mir Einnullah seine Gehaltsforderung präsentierte: 300 Dollar pro Monat. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob er wirklich weiß, wie viel das ist. Jedenfalls ist es mehr als die vergleichsweise gutverdienenden Ingenieure von NGE verdienen, nur Said Machmat und Mir Rachim verdienen mehr.

Von Anfang an war nicht klar, wer Einnullah denn nun eigentlich bezahlt. Mir Rachim von NGE meinte, das sei Sache vom Entwicklungsdienst. Für Einnullah hätten sie auch kein Geld. Was mich sehr erstaunte bei dem vielen Geld, das sie für meinen Workshop bekommen sollten. Ich rechnete nach und kam auf höchstens 6000,- Dollar, die an Kosten anfallen würden, inklusive Bezahlung von Einnullah.

Meine Berechnungen legte ich meinem Ansprechpartner Said Machmat vor, mehr zur Kenntnisnahme und ohne groß darauf herumreiten zu wollen. Ich wollte nur, dass sie wissen, dass da jemand nachrechnet. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, dass ich damit immer mehr in ihre finanziellen Geschichten involviert wurde, z.B. in das im Vergleich zum Ergebnis zu hoch abgerechnete Essensgeld für meine Auszubildenden.

Zusätzlich fühlte ich mich aber auch verantwortlich für den Lohn von Einnullah. Irgendwie hatte ich es ja akzeptiert oder bejaht, oder gewollt, mit ihm als Co-Teacher zusammen zu arbeiten. Zeitweilig überlegte ich gar, ihn notfalls für zwei Wochen selbst zu bezahlen. Einnullah hatte auf das Versprechen der Einstellung hin inzwischen seine Untermiete bei dem anderen Schreiner in Kabul aufgegeben.

Ich fragte also beim Entwicklungsdienst nach, wie und ob eine Einstellung möglich sei. Nein, meinte Holger Balke, einstellen könnten sie ihn nicht. Aber es sei möglich, dass der Entwicklungsdienst einen u.U. hundertprozentigen Gehaltszuschuss an NGE zahle. NGE müsse dafür einen Antrag stellen. Ich ging wieder zu NGE und erzählte davon.

Aus Versehen erwischte ich die falsche Hierarchieebene: Ich sprach mit dem (Holländer) Peter Beckum und verärgerte Said Machmat, der den Antrag aber schließlich schrieb. Beim Entwicklungsdienst war Karl Anders inzwischen aus dem Urlaub zurück, der offensichtlich auf jedweden Antrag verärgert reagiert und deshalb einfach nichts tut, bis man ihn fragt. Das bemerkte ich zwei Wochen später und hatte dann ein rundherum unerfreuliches Gespräch mit ihm. Seine Entscheidung ließ er weiterhin offen, so dass ich immer noch nicht wusste, ob und wie hoch Einnullah bezahlt wird.

Während unserer theoretischen Vorbereitung des Workshops holte ich Einnullah und meinen Übersetzer Sadat auch einmal von zu Hause ab, auch um zu sehen, wie Sadat denn so wohnt. Zufällig wohnt er ganz in der Nähe von Einnullah, von meinem Gästehaus aus aber am anderen Ende der Stadt. Im Grund sind die Häuser immer ziemlich gleich. Ein von hohen Mauern umgebener Hof, drinnen Lehmbauten mit großen Fenstern nach innen zum Hof hin. Die Freifläche fast immer vertrocknet und mit mehr oder weniger viel Gerümpel. Und in einem Raum, in dem sich garantiert keine Frauen aufhalten, gibt es Tee. In dem Raum sind meistens auch keine Möbel, manchmal ein Wandschrank, meist rohe Lehmwände, an der Decke sind die schmalen Holzbalken, auf denen Schwarten liegen, durch die wiederum ein Strohlehmgemisch sichtbar ist. Auf dem Boden Teppiche, rings rum an den Wänden Sitzkissen, manchmal in einer der Ecken gestapelte Matratzen.

Auf dem Hinweg hatte ich einen dieser "Milli"- Busse gesehen (Milli ist wohl irgendein Name) und die Idee bekommen, statt mit dem Taxi, mit einem dieser Busse zum Gästehaus in Taimani zurückzufahren. Sadat war hellauf begeistert: Da kommt dieser weiße Snob, der sich alles leisten kann, auf so eine Schnapsidee und anstelle bequem im Taxi zu sitzen, müssen sich nun drei Leute in enge Busse quetschen und da es keinen zentralen Omnibusbahnhof gibt, quer durch das halbe Stadtzentrum laufen, um den Anschlussbus zu bekommen.

Ich war ebenfalls hellauf begeistert: Die Busse fand ich weniger eng besetzt, als zu meiner Schulzeit, gehalten wird überall, wo jemand aussteigen oder einsteigen will. Fahrpläne gibt es nicht, nur Stellen, wo sehr wahrscheinlich demnächst ein Bus kommt und sich deshalb Leute sammeln. Auch unser Gang durchs Zentrum war toll: Vorweg ein unglaublich schneller und wendiger Einnullah, danach ich, zwischen all den Leuten verzweifelt nach Einnullah Ausschau haltend, Wasserpfützen und Schlammloch meidend (bloß keine Frau anrempeln) und vor plötzlich auftauchenden 4-jährigen mit einem Bauchladen voll Kaugummi strauchelnd, und weit hinterdrein ein missmutiger Sadat.

Im Bus ist immer vorne der Einstieg nur für Frauen, der mittlere eigentlich nur für Frauen, im Gang eine Schnur, die die Geschlechter trennt und hinten dann nur für Männer. Weil der Bus noch nicht voll war, wartete er noch, drei Bettler(innen), zwei junge Kaugummiverkäufer und einer mit Streichhölzern klapperten alle Reihen ab mit anfänglich gutem, später abnehmendem Ergebnis - und es wurde voller.

Als ich meinen Sitzplatz einem alten Herrn anbot, war Sadat endgültig entsetzt: Der Sitte entsprechend musste nun auch er aufstehen und es mir gleich tun. Und zu allem Überfluss werde ich zwei Haltestellen später (nach dem mich alle hatten Englisch reden hören) von mehreren Seiten handgreiflich genötigt, einen freigewordenen Platz einzunehmen, während er die ganze Fahrt stehen musste.

Als der (meistens halb zur Tür raushängende Schaffner) das Geld einsammelte (der darf übrigens zu der Frauenhälfte) erfuhr ich so nebenbei den Fahrpreis (1 Afghani = 2 Eurocent) und dass Einnullah und Sadat bisher ein ganz gutes Geschäft gemacht hatten, als ich ihnen das Taxi hin und zurück bezahlte (140 Afghani) und sie mit dem Bus gefahren sind. Sage und schreibe schon anderthalb Stunden später waren wir wieder in Taimani. So richtig eilig darf mensch es auch in Deutschland schließlich nicht haben, wenn frau Bus fährt. Die Afghanen haben aber auch eine etwas schnellere und auch billige Transportmöglichkeit: Sie steigen in schon besetzte Taxis mit dazu und zahlen dann zwischen 5 oder 10 Afghani. Das sind ‚Linientaxis’, die fahren bestimmte Routen.

Auch durch die Mithilfe von Svenja konnten wir den Container fast fristgerecht fertig stellen. Er war jedenfalls so weit, dass ich darin schlafen konnte. Und am 13. Januar fingen wir mit dem eigentlichen Kurs an. Ich hatte dieses Datum Said Machmat schon zwei Wochen vorher gesagt. D.h. wir wollten den Kurs anfangen, aber unsere Lehrlinge standen noch nicht fest. Said Machmat hatte sich, wie schon zuvor mit dem Essen und anderen Dingen auch, darum nicht gekümmert. Ich war zuerst stinksauer. Es stellte sich dann als gar nicht so schlecht heraus: mit Zweien baute ich zuerst die restlichen Sachen am Container fertig. Dreie, die kamen und behaupteten, sie gehörten auf jeden Fall zu dem Kurs, gab ich die Aufgabe, unseren Werkstattraum mit Planen und Stangen gegen den Winter zu schützen (anderthalb Seiten waren ja völlig offen gewesen). Und Einnullah gab ich mit zwei anderen die Aufgabe, für den Vorratsraum zwei Regale zu bauen, um unsere Materialien (und auch das Werkzeug, das ich noch verteilen wollte) zu lagern.

Dieses simple Kellerregal war eine echte Herausforderung für Einnullah, oder besser eine einzige Katastrophe. Danach wusste ich, dass ich diesem wirklich guten (so war er mir schließlich ja vorgestellt worden) Schreiner auch handwerklich überlegen bin. Da, wo er konstruktiv ganz gute Ansätze hatte, machte er sie durch miserable Ausführung wieder wett. Meine Vorschläge ignorierte er anfangs vollständig. Zum Beispiel baute er das Regal zusammen, ohne vorher den Türrahmen auszumessen, durch den er hindurch musste.

Das Regal wieder auseinander zu nehmen war aber schwierig, weil er die Konstruktion so gewählt hatte (auch gegen meinen Vorschlag), dass die Nägel ein Auseinandernehmen verhinderten. Schrauben schlug er mit dem Hammer ein, so dass die meisten krumm wurden und auch der Kopf nicht mehr zu benutzen war. Und zu guter Letzt war ein Regalbrett ganze acht Zentimeter schief im Regal (was ihn aber nicht störte).

Entgegen meinem Vorsatz, von ihm lernen zu wollen, bin ich letztendlich sehr massiv geworden, und habe ihm vorgeschrieben, wie er arbeiten sollte, zum Beispiel die Querteile des Regalrahmens einstemmen und nicht nur nageln.

Kategorien: