Mein Übersetzer Sadat

Mit meinem Übersetzer hatte ich zuerst so meine Probleme. Mir Rachim oder Said Machmat von NGE hatten ihn für mich ausgesucht. Er sollte von Hezarak stammen, Gebiet und Leute kennen. Darauf hatte der Chef bestanden. Ich hätte lieber Mohammad gefragt, dessen Englisch ich super verstehe, und den ich auch sonst sehr gut mag. Ich hatte mir aber grundsätzlich das Recht vorbehalten, Nein zu sagen oder ihn wieder zu entlassen, wenn ich nicht mit ihm klarkomme.

Sadat ist ein junger, hagerer, verkrampfter Mann voller Selbstzweifel und Ängste, der gerne wortreich erklärt, wie gut er wie viele Sprachen kann und wie gut er auch sonst in allem ist. Ein armer Kerl, der in Pakistan als Flüchtling gelebt hat und der dort einmal fast erschossen wurde, zum Glück nur ein Streifschuss quer über die Brust und ein Handdurchschuss.

Innerhalb der ersten zwei Stunden erklärte er mir gegenüber, dass mein Englisch aber sehr schlecht sei, dass mein Dari noch viel schlechter sei, fiel mir ständig ins Wort und erzählte mir ganz viele Geschichten, die ich gar nicht wissen wollte. Oh je, dachte ich. Er war mir einfach unsympathisch und mein Ärger erst mal so groß, dass ich ihm schriftlich10 Regeln gegeben habe. Die erste Regel war, dass er mir nur dann übersetzen soll, wenn ich darum bitte und ansonsten die Klappe halten soll.

Geärgert hatte er mich auch, weil er immer wieder davon anfing, mehr als 150 Dollar pro Monat zu wollen. Ich hatte ihn zuvor gefragt, welchen Lohn er abgesprochen hätte und daraufhin sagte er: „150 Dollar.“ In dieser Höhe bekam er seinen Vertrag. Mir Rachim erklärte auf Rückfrage, sie hätten gar nichts abgesprochen (was auch nicht stimmen muss). Jedenfalls war Sadat mit der Höhe seines Lohnes kurz darauf unzufrieden. Andere Organisationen würden für einen Dolmetscher 300 Dollar bezahlen.

Als er dieses Thema zum dritten oder vierten mal vor allen in Hezarak ansprach, war ich so sauer, dass ich ihm antwortete, sein Englisch wäre immerhin auch ziemlich schlecht (Hermid, der Wasserbauingenieur, meinte entsetzt zu mir, ich solle nicht so unfreundlich reden). Seitdem habe ich also meine Ruhe vor diesem Thema und sein Englisch ist wirklich schlecht. Er könnte sich immerhin auch mal entschuldigen für die etlichen Male, wo er steif und fest behauptet, dieses oder jenes würde in Englisch so oder so heißen und dann mit Hilfe des Wörterbuches feststellen muss, dass ich Recht hatte. Irgendwann habe ich ihn (ich glaube sogar freundlich) gebeten, mit mir während des Übersetzens nicht über Vokabeln zu diskutieren.

Jetzt, einige Wochen später, kommen wir sehr gut miteinander klar und ich bin auch froh, dass er von Hezarak stammt. Er kann mir doch manchmal ein paar Hinweise geben, die nur ein Insider weiß. Und ich glaube, er arbeitet inzwischen gerne mit mir zusammen, auch wenn ich ihn manchmal zurückpfeife. Neulich wollte er erst irgendwas schreiben, als ich ihn zum Übersetzen brauchte. Said Machmat habe ihm aufgetragen, das zu schreiben. Wie selbstverständlich ich mir schon in meiner Herrscherrolle bin, als ich ihm sagte: „Ich bin Dein Boss, nicht Said Machmat.“

Ich hatte ihn auch extra vom Entwicklungsdienst einstellen lassen. Ich sagte ihm zu, dass er nicht entlassen würde, auch wenn er mit NGE in Konflikt gerät. So hat er mir dann auch gesteckt, dass einer der NGE- Leute ein Taxi für NGE zur Verfügung stellt, für die Horrorsumme von 25,00 (Dollar) pro Tag. Damit kann er seinen doppelten Monatsverdienst (ca. 250,00 Dollar) noch mal nebenher verdienen. Wenn es stimmt, was Sadat mir sagte.

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