4. November 1989

Heiner Müller und das Deutsche Theater in Berlin

Ein Interview mit dem Dramaturgen Alexander Weigel über Heiner Müller und das Deutsche Theater-Berlin „Jetzt weiß ich, wer Fortinbras ist... die Deutsche Bank.“ (H.M.)

Alexander Ernst traf den ehemaligen Dramaturgen des Deutschen Theaters Alexander Weigel in Berlin-Mitte (Januar 2005). Im Focus des Interviews standen die drei Műller-Inszenierungen des Lohndrückers, der Hamlet/Hamletmaschine und Mauser (1987-1991) am Deutschen Theater. Es entstand ein zeithistorisches Dokument. Im Hintergrund die erste friedliche deutsche Revolution.

Ernst: Herr Weigel, wie und wann haben Sie Heiner Müller kennen gelernt? 

Weigel: Ich kannte ihn schon länger, aber wann das genau war, dass weiß ich nicht mehr. Das ist ewig lange her. Es muss entweder in den 60er oder den 70er Jahren gewesen sein, da trafen wir uns ab und zu mal. Als Müller dann bei Benno Besson (1922-2006, A.E.) dem Intendanten der Volksbühne Ende der 70er Jahre arbeitete, sahen wir uns dann häufiger. Ich glaube sogar, dass meine erste Begegnung mit Müller gar nicht mal eine so angenehme war. Meine erste Inszenierung am Deutschen Theater entstand durch die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Adolf Dresen (1935-2001, A.E.). Eine der Absurditäten meiner persönlichen Geschichte bestand darin, dass die Beiden wichtigsten Regisseure, mit denen ich künstlerisch zusammen gearbeitet habe, also Adolf Dresen und Heiner Müller, sich leider nicht verstanden. Der Dresen auf der einen Seite, der Müller auf der anderen Seite. Und der Dresen hasste Müller. Er konnte ihn einfach nicht ertragen. Das fand ich absolut ungerecht, er fand alle seine Gedichte bescheuert. Es gibt viele bescheuerte Gedichte von Müller, aber dann auch wieder sehr schöne. Na ja, der Dresen hatte keinen Sinn dafür. Ein Grund für diese negative Einstellung könnte diese frühe Erfahrung gewesen sein, die er damals mit Müller gemacht hatte. Dresen betrachtete Müllers Schreibweise in einer eher kritischen Weise, weil Müller damals versuchte, die realen Verhältnisse der DDR zu beschreiben. Ich beziehe mich auf den Versuch mit DER UMSIEDLERIN von 1961… Da lief alles fürchterlich schief. Ich fand Dresens Haltung ungerecht, und hab es ihm auch mal gesagt. Für mich war das damals eine ganz blöde Situation. Die Nähe zu Dresen entstand erst viele Jahre später, als Müller bekannt war, in der Welt rumreiste und ab und zu mal während der Inszenierungen am Deutschen Theater erschien. Zu der Zeit inszenierte er bereits am Berliner Ensemble…

Ernst: Herr Weigel, Sie haben fast vierzig Jahre am Deutschen Theater gearbeitet, Sie kennen sich also mit der Geschichte des DDR-Staatstheaters bestens aus. Wie kam es zu dieser späten Zusammenarbeit zwischen Müller und dem DT. Man könnte ja hinzufügen wollen, dass diese Beziehung von Anfang an sehr belastet und äußerst kompliziert war.

Weigel: Ja, das war eine wirklich sehr komplizierte Beziehung. Ich habe darüber einen Beitrag in der Zeitschrift für Literatur „Text+Kritik“ geschrieben,1 indem ich versuchte dieses Thema ausführlich darzustellen. Das DT hatte eigentlich Kontakte mit Müller seit den 50er Jahren aufgenommen. Er lieferte die Stücke, aber daraus wurde nie etwas. Dann geschah der Skandal um DIE UMSIEDLERIN und Müller wurde verdrängt und vergessen… Diese lang ersehnte Zusammenarbeit ergab sich anlässlich des bevorstehenden Jubiläums zur 750-Jahres-Feier Berlins. Im Sinne eines Dramaturgen des DT kamen eigentlich nur die „Gegenwartsstücke“ von Heiner Müller und Volker Braun in Frage. Natürlich bestand der ursprüngliche Plan darin, Müllers Lessing Stück LEBEN GUNDLINGS FRIEDRICH VON PREUSSEN LESSINGS SCHLAF TRAUM SCHREI zu machen, es war aber damals sehr schwierig jemanden zu finden, der das Stück inszenieren wollte… Das Risiko war einfach zu groß.

Ernst: Warum hat Müller dem damaligen Intendanten Dieter Mann ausgerechnet den LOHNDRÜCKER vorgeschlagen? Ein „Produktionsstück“ aus den Jahren des Aufbaus der DDR. Er definierte es sogar als sein „aktuellstes Stück in der DDR“.

Weigel: Damals fand ein Gespräch mit Müller statt. Das DT wollte etwas wieder gutmachen, und so schlug der damalige Intendant Dieter Mann dem Müller vor, er solle LEBEN GUNDLINGS inszenieren. Natürlich hätte das Ganze im Rahmen der Lessing Veranstaltungen des DT „Lessing und kein Ende“ stattfinden sollen. Müller jedoch, wie Sie eben sagten, entschied sich für den LOHNDRÜCKER, er selber hielt es für sein aktuellstes Stück. Das war 1987. Eine Zeit, in der die Widersprüche der DDR immer deutlicher zum Vorschein kamen. Müller bestand sogar darauf, das Stück selbst inszenieren zu wollen, da seiner Meinung nach kein Regisseur bereit gewesen wäre, dieses alte Produktionsstück auf die Bühne zu bringen. Wir alle fragten uns warum ausgerechnet dieses alte und widersprüchliche Stück aus der Aufbauzeit in Frage käme. Warum sollte es sein aktuellstes Stück sein? Dieter Mann wollte nicht in der Vergangenheit graben und alte Wunden wieder aufreißen. Daraufhin sagte Müller entschieden: „Na, dann macht es doch selber.“

Kategorien:

Subscribe to RSS - 4. November 1989