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Geschichte der Softwareprogrammierung: „Freie Software für Freiheit und Gerechtigkeit“

Es ist eine oft zitierte Tatsache, dass wissenschaftliche Entwicklungen weit häufiger von den Weltanschauungen und persönlichen Vorlieben der Wissenschaftler abhängen, als dies der Anspruch der Exaktheit, den Akademiker oft für sich beanspruchen, zulassen sollte. Ein Beispiel ist Richard M. Stallmans GNU-Projekt, das mit der Absicht gegründet wurde das Betriebssystem UNIX zu ersetzen.

Unfreie Software - eine Gefahr für die Demokratie?

Bearbeitet von Mario Behling

Für eine funktionierende Demokratie sind politische Gleichheit sowie Partizipation der Bürger von großer Bedeutung. Politische Gleichheit und wirtschaftliche Gleichheit korrelieren positiv (vgl. Mead 2004). Ebenso hängen Partizipationsmöglichkeiten und -bereitschaft unter anderem vom wirtschaftlichen Status ab (vgl. Schultze 2004, S. 648). Unfreie Software schränkt die Möglichkeiten der Partizipation stark ein. Der folgende Beitrag wirft die Frage auf, welche Gefahren für die demokratische Gesellschaft mit der Nutzung von unfreier Software ausgehen.

Bei Software muss zwischen unfreier und Freier Software unterschieden werden. Unfreie Software stellt einen Eingriff in die Freiheiten der Menschen dar und führt zwangsläufig zu wirtschaftlicher Ungleichheit. Eine Lösung dieses Problems ist die Verwendung Freier Software, sowohl in der Bildung als auch in eigenen IT Projekten des Staates. Des Weiteren ist ein sorgfältiger und gezielter Einsatz von begrenzten geistigen Monopolen (BGMs) in der Gesetzgebung notwendig.

Arten von Software

Software kann sehr gut mit einem Kochrezept verglichen werden (vgl. Stallman 2001). Der Autor schreibt eine Liste von Anweisungen nieder aus deren Ausführung ein bestimmtes Ergebnis resultiert. Bei Computerprogrammen werden die Anweisungen im so genannten Quelltext niedergeschrieben. Es gibt eine Vielzahl von Programmiersprachen, die man dazu verwenden kann. Der Quelltext wird anschließend mit Hilfe eines Programmes, dem Kompiler, in maschinenlesbare Form gebracht. Diese maschinenlesbare Form kann dann vom Computer ausgeführt werden. Sie ist jedoch von Menschen nicht mehr interpretierbar, da sie nur aus Nullen und Einsen besteht. In Abbildung 1 sieht man den Quelltext und den schematisierten Maschinencode eines Programmes, welches in der Programmiersprache C geschrieben ist. Wird es kompiliert und ausgeführt, gibt es „Hallo Welt!“ auf dem Bildschirm aus.

Bei Software muss zwischen zwei Modellen unterschieden werden: der Freien Software und der unfreien Software. Freie Software gewährt dem Nutzer folgende vier Freiheiten: (1) unbegrenzte Nutzung zu jedem Zweck, (2) Studium und Anpassung, (3) Weitergabe durch Kopie und (4) Weiterentwicklung (vgl. Stallman 2002, S. 41ff, Stallman 1996) . Unfreie Software gewährt keine, oder nicht alle dieser Freiheiten.

Menschenlesbarer Quellcode und maschinenlesbarer Binaercode
Menschenlesbarer Quellcode und maschinenlesbarer Binaercode

Die vier Freiheiten müssen in der Lizenz der Software gewährt werden. Innerhalb der Freien Software Lizenzen wird noch einmal zwischen stark schützenden, schwach schützenden und nicht schützenden Lizenzen unterschieden (vgl. Reiter 2004, S. 85-87):

Starker Schutz / Copyleft - z.B. GNU GPL: gewährt die vier Freiheiten und schützt sie dadurch, dass die Lizenz vererbt wird. Dies „impft“ die Software dagegen, wieder unfrei zu werden.

Schwacher Schutz / Copyleft - z.B. GNU LGPL: gewährt die vier Freiheiten. Jedoch bieten schwach schützende Lizenzen nur einen begrenzten Schutz der Freiheit. Im Gegensatz zu stark schützenden Lizenzen darf unfreie Software gegen Programme unter der GNU LGPL gelinkt werden. Das bedeutet, dass zwar das Programm selbst immer frei bleiben muss, es jedoch mit anderen Programmen kombiniert werden kann, welche unfrei sind.

Kein Schutz - z.B. XFree86 License (modifizierte BSD): gewährt ebenso die vier Freiheiten, bietet aber keinen Schutz der Freiheit. Das bedeutet, dass das Programm oder Programmteile auch wieder unfrei gemacht werden dürfen. Dies hätte zur Folge, dass Benutzern die Freiheiten vorenthalten werden.

Die Abbildung 2 veranschaulicht die verschiedenen Softwarekategorien (siehe Reiter 2004, Free Software Foundation 1996). Wichtig hierbei ist, dass der gezahlte Preis für den Erwerb der Software bei dieser Definition keine Rolle spielt. Ausschlaggebend für die Unterscheidung zwischen Freier Software und unfreier Software ist nur, ob die vier Freiheiten gewährt werden oder nicht.

Software Kategorien nach (Reiter 2004, S. 86)
Software Kategorien nach (Reiter 2004, S. 86)

Probleme durch unfreie Software

Software durchdringt mittlerweile alle Bereiche unseres Lebens. Das Klingeln des Weckers, das Stellen der Stoppuhr für das Frühstücksei, das Öffnen der Straßenbahntüre, die Benutzung des Fahrstuhls, das Telefonieren mit dem Mobiltelefon und natürlich die klassischen Variante, das Benutzen des Heimcomputers; immer kommen wir mit Software in Kontakt. Nahezu jedes elektronische Gerät enthält Software. Wie stark wir von Software abhängig sind wird uns klar, wenn wir uns vorstellen welche Folgen es hätte, wenn die Geräte nicht funktionieren würden.

Unfreie Software schwächt die Wirtschaft

In unserem privaten Leben könnten wir mit den Auswirkungen einige Zeit zurechtkommen, auch wenn es uns nicht leicht fallen dürfte. Die Wirtschaft jedoch ist auf funktionierende Software angewiesen. Eine Studie der Fraunhofer Gesellschaft hat ergeben, dass 50% der deutschen Industrie und 80% der Exporte von der Informations- und Kommunikationstechnologie abhängig sind (vgl. Miller 2004). Für sie ist es fatal, wenn die Software nicht funktioniert. Förderbänder stehen still, Flugzeuge und Züge verkehren nicht, die Börse würde zusammenbrechen und fast die gesamte Büroarbeit wäre unmöglich.

Software ist also ein zentraler Bestandteil unserer Wirtschaft. Das Problem dabei ist, dass unfreie Software immer zu einem Monopol führt. Warum dies so ist wollen wir nun etwas näher betrachten.

  • Für Geschäfte ist Kommunikation notwendig.

Um Geschäfte tätigen zu können, müssen wir mit Kunden und Anbietern kommunizieren. Angebote müssen eingeholt, Verträge verschickt und Konzepte diskutiert werden. Ohne Kommunikation kann kein Geschäft stattfinden. Diese Kommunikation findet zu einem Großteil mit Hilfe von Software statt. Vermutlich werden in Zukunft immer mehr Geschäfte in elektronischer Form abgewickelt werden. Um Geschäfte ausführen zu können benötigen wir also Software.

  • Unfreie Software funktioniert nur mit sich selbst gut.

Problematisch ist, dass unfreie Software meist nur mit sich selbst gut funktioniert. Jedem wird es schon einmal widerfahren sein: eine Datei, die z.B. mit einem bestimmten Textverarbeitungsprogramm geschrieben wurde, lässt sich nur mit dem gleichen Programm wieder fehlerfrei öffnen und betrachten. Oft ist es sogar nur mit der exakt gleichen Version der Textverarbeitung möglich.

Dies ist eine zwangsläufige Folge des unfreien Softwaremodells, denn das Geschäftsmodell basiert darauf, möglichst viele Lizenzen der Software zu verkaufen. Für diesen Zweck wird es einerseits dem Benutzer schwer gemacht, zu einer anderen Software zu wechseln, andererseits werden seine Kommunikationspartner dazu gezwungen, ebenfalls diese Software einzusetzen. Dies wird dadurch erreicht, dass das Programm es zunächst ermöglicht, standardisierte Dateiformate zu öffnen. Speichert man diese jedoch wieder ab, können die Daten nicht mehr mit anderen Programmen, die den Standard befolgen, geöffnet werden1. Hierfür werden der Datei Erweiterungen hinzufügt, die von anderen Programmen nicht unterstützt werden.

Daraus folgt: benutzen wir unfreie Software, müssen wir alle das gleiche Programm verwenden, um miteinander kommunizieren zu können. Das führt zu einem Monopol beim Angebot von Software2. Für dieses Monopol müssen alle Bereiche der Wirtschaft bezahlen und die gesamte Volkswirtschaft wird durch das unfreie Softwaremodell geschwächt. Mit diesem Monopol halten einige wenige Unternehmen eine solche Marktmacht in ihren Händen, dass dadurch der Gesellschaft ein immenser Wohlfahrtsverlust entsteht. Die soziale Kluft wird dadurch immer größer.

Gefährliche Machtverteilung durch unfreie Software

[quote]„Alle Mittel, welche die Realisierung von Zwecken sozialer Akteure ermöglichen; die Akteure also mit Macht ausstatten“ werden als Machtressourcen bezeichnet (Weiß 2004, S. 499). [/quote]

Mit Software kann man sehr gut eigene Ziele durchsetzen. Der Benutzer kann die Regeln, welche in Software implementiert sind nicht missachten. Bei Software deren Quelltext nicht verfügbar ist, existiert nicht einmal die Möglichkeit, festzustellen, welche Regeln überhaupt implementiert sind. Eventuell werden manche dieser Regeln, wenn überhaupt, erst durch Zufall entdeckt.

American Online (AOL) bietet ein gutes Beispiel dafür, wie Computerprogramme Freiheiten einschränken (vgl. Lessig 1999, S. 66-71). Als Mitglied bei AOL hat man die Möglichkeit, mit anderen Mitgliedern synchron Nachrichten in einem virtuellen Diskussionsraum auszutauschen. Dazu muss man sich in diesen Diskussionsraum einloggen. Nun hat aber AOL in ihrer Software die Regel implementiert, dass nur 23 Personen pro Raum zugelassen sind. Eine Gruppe von 24 Personen hat also nicht die Möglichkeit, sich gemeinsam in dem virtuellen Diskussionsraum auszutauschen. Die Software macht hier keine Ausnahmen.

Zu diesen softwareimmanenten Beschränkungen kommen noch Beschränkungen durch das Urheberrecht hinzu. Wie machtlos dagegen sogar ganze Staaten sind, illustriert folgendes Beispiel:

[quote] „Um seine Schrift in der digitalen Welt zu bewahren und lebendig zu halten, bat [Island im Jahre 1998] Microsoft, eine Unterstützung für Isländisch in Windows zu implementieren. Es war sogar bereit, für diese Arbeit zu bezahlen, doch Microsoft sah den Markt als zu klein an und winkte ab. Ohne Zugang zum Quellcode und ohne das Recht, ihn zu modifizieren, ist das Land vollkommen abhängig von Microsofts Gnade“ (Grassmuck 2002, S. 318). [/quote]

Eine Machtressource also vollkommen in den Händen einiger Weniger zu belassen, stellt eine große Gefahr für die demokratische Gesellschaft dar.

Strategische Schritte gegen Monopole im Softwarebereich

Was können wir tun, um diese Gefahren zu verhindern? Welche Schritte können wir unternehmen, um unsere Wirtschaft vor Monopolen zu schützen? Wie können wir den Menschen ein Verständnis für eine wichtige Technik unserer Zeit vermitteln und dadurch verhindern, dass diese als Machtressource missbraucht wird? Die einfachste Methode, die Gefahren von Software abzuwenden, wäre eine gesetzliche Bestimmung, dass jede Software für jeden Zweck verwendet, studiert und angepasst, durch Kopie weitergegeben und weiterentwickelt werden darf; also jede Software frei sein muss. Da jedoch meiner Ansicht nach solche Veränderungen Zeit benötigen, wollen wir hier mehrere kleinere Lösungsschritte betrachten.

Bildung

Es ist wichtig, dass die Fähigkeit Software zu verstehen nicht in den Händen einiger Weniger liegt, sondern breit in der Gesellschaft verteilt ist. Die Fähigkeit Programmieren zu können darf ebenso wenig wie Lesen, Schreiben oder Rechnen Herrschaftswissen sein. Die Bürger sollten in der Schule mit Rüstzeug ausgestattet werden, um ihre späteren Arbeitswerkzeuge kontrollieren zu können. Sie sollten also auch Grundkenntnisse im Programmieren erlernen, um später nicht den Irrglauben zu haben, Software sei etwas Übermenschliches.

Mit Freier Software können wir des Weiteren wichtige demokratische Prinzipien in der Bildung durchsetzen (vgl. Free Software Foundation Europe 2004, Stallman 2003):

  • Freiheit

Die Schüler können mit Freier Software lernen, solche zu benutzen und zu verstehen. Dadurch, dass sie den Quelltext verfügbar haben, gibt es für ihren Wissensdurst keine Grenze. Niemand verbietet den Schülern nur bis zu einem bestimmten Grad die Software zu verstehen. Anders als bei unfreier Software können sie auf dem aktuellen Stand der Technik lernen und müssen sich nicht damit abfinden, dass manche Dinge geheim sind. Sie werden erkennen, dass es nicht nur immer einen Weg, oder ein Programm zur Lösung eines Problems gibt, sondern fast immer Alternativen bestehen.

  • Gleichheit

Es besteht eine Gleichheit zwischen den Benutzern. Die Schule kann allen Schülern, auch denen aus ärmeren Familien, die Software zur Verfügung stellen. So sind arme Schüler nicht dazu gezwungen, gegen Gesetze zu verstoßen, damit sie nicht benachteiligt sind und die Software auch zu Hause benutzen können.

  • Brüderlichkeit

Mit Freier Software lernen Schüler, dass sich Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe lohnen. Niemand vermittelt ihnen den Eindruck, dass es eine schlimme Tat ist, anderen zu helfen, indem Programme getauscht werden, und dass solche Praktiken nur von „Piraten“ verübt werden (vgl. Stallman 1994a).

Eigene IT-Projekte mit Freier Software umsetzen

Zunächst sollte der Staat darauf achten, bei seinen eigenen IT Projekten selbst Freie Software Komponenten zu verwenden. Ansonsten könnte ihm ein Schicksal, wie das oben beschriebene widerfahren.3 Des Weiteren wird durch die Verwendung von Freier Software sichergestellt, dass die Funktionsweise der Software überprüfbar ist. Und jeder Bürger sollte das Recht haben, zu wissen, welche Regeln der Staat implementiert hat, genauso wie er das Recht hat, erlassene Gesetze nachzulesen. Die derzeitige Gesetzgebung verbietet es, das System zur elektronische Patientenkarte näher zu untersuchen. Dadurch wird es nahezu unmöglich gemacht zu überprüfen, ob dabei die Privatsphäre geschützt bleibt und in diesem Sinne der Sozialstaat aufrechterhalten wird.

[quote] Bernhard Reiter kritisiert, dass „[d]ie Systementwickler [...] den Datenmißbrauch wissentlich in Kauf [nehmen] und versuchen - mit Hilfe des Urheberrechts - eine Überprüfung des Sicherheitskonzepts zu verhindern. Hier wird die Gefahr deutlich, die Softwarepatente und die Verschärfung des Urheberrechts für die Gesellschaft darstellen“ (Free Software Foundation Europe 2005). [/quote]

Wenn der Staat für alle IT Projekte Freie Software verwendet, kann diese auf legale Weise überprüft werden. So können Gefahren erkannt und frühzeitig darauf reagiert werden. Das Wissen und die Fähigkeiten von staatlich finanzierter Software sollte außerdem der Gesellschaft zur Verfügung stehen. So muss in den USA „Software, die mit staatlichen Mitteln entwickelt wurde, allen zugute kommen“(Grassmuck 2002, S. 381). Dieser Praxis sollte sich auch die Bundesrepublik anschließen. Staatlich geförderte Software sollte immer unter eine stark schützende oder zumindest schwach schützende Freien Softwarelizenz gestellt werden um sicherzustellen, dass diese auch frei bleibt. Sonst würden sich Unternehmen an der Gemeinschaft bereichern können, ohne ihr wieder etwas zurückzugeben (vgl. Grassmuck 2002, S. 306).

Bewusster Gebrauch von BGMs

Verhinderung von Monopolen im Softwarebereich kann am besten dadurch erreicht werden, dass die BGMs so gestaltet werden, dass sie ihren ursprünglichen Sinn auch verfolgen. Unter „begrenzten geistigen Monopolen“ (BGM) verstehen wir Patente, Urheberrecht, Schutzmarken, sowie andere Gesetze, deren Absicht es ist, limitierte Monopole für geistige Kreativität zu gewähren (vgl. Greve 2003, S. 35).

Meist wird heutzutage der Eindruck vermittelt, „dass naturgegebene Rechte für Autoren die akzeptierte und unumstrittene Tradition unserer Gesellschaft sind“ (Stallman 1994b). Der Sinn und Zweck sowohl des angloamerikanischen Copyrights, als auch des europäischen Urheberrechts, war es jedoch, den Fortschritt zu fördern und nicht die Autoren zu belohnen. Sie belohnen zwar „die Autoren etwas und die Verleger etwas mehr, aber dies ist gewollt als ein Mittel, um ihr Verhalten zu verändern“ (Stallman 1994b). Genauso wurden Patente als „ein zeitlich begrenztes Monopol zur Förderung der Veröffentlichung und Verbreitung von wirtschaftlich interessanten Ideen“ geschaffen (Reiter 2004, S. 90). Des Weiteren sollte bedacht werden, dass manche dieser Systeme, wie z.B. das Urheberrecht, schon sehr alt sind und auch für andere Technologien als Software geschaffen wurden.

[quote] So entstand das Copyright-System „mit der Drucktechnik - eine Technologie, die Kopien in Massenproduktion ermöglichte. Das Copyright passte gut zu dieser Technologie, da es nur die Massenproduzenten von Kopien einschränkte. Es nahm den Lesern von Büchern keine Freiheit. Eine gewöhnliche Leserin, die keine Druckerpresse besaß, konnte Bücher nur mit Stift und Tinte kopieren, und sehr wenige Leser wurden dafür verklagt. Digitaltechnologie ist flexibler als die Druckerpresse: Wenn Information in digitaler Form vorliegt, kann man sie leicht kopieren, um sie mit anderen zu teilen. Genau diese Flexibilität passt schlecht zu einem System wie dem Copyright“ (Stallman 1994b). [/quote]

Das unfreie Softwaresystem wird, wie wir gesehen haben, immer zu einem Monopol führen. Es ist auf Dauer nicht machbar, immer nur die Folgen des Systems zu bekämpfen, ohne die Ursachen anzugehen. Wie schwierig sich diese Folgenbekämpfung in der Praxis darstellt, sehen wir bei dem Kartellrechtsverfahren der Europäischen Kommission gegen Microsoft. Hierbei lässt Microsoft nichts unversucht, um die Netzwerkschnittstellen von Microsoft Windows nicht offen legen zu müssen. Durch dieses Verhalten verhindern sie jegliche Konkurrenz 4.

Der Gesetzgeber muss sich dessen bei seiner Aufgabenerfüllung immer bewusst sein. BGMs müssen mit Bedacht verwenden werden, um eine gesellschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Und speziell bei Software sollte sehr gewissenhaft darauf geachtet werden, ob das Ziel mit diesem Mittel erreicht wird oder ob es nicht doch bessere Möglichkeiten dafür gibt.

 

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1 Diese Praktik ist recht verbreitet und wird als “Vendor Lock-In“ bezeichnet.

2 Dieses Monopol bleibt nicht auf den Softwaremarkt begrenzt. Es dehnt sich auch auf den Hardwaremarkt aus. So läuft z.B. das Microsoft Betriebssystem nur auf Intel kompatibler Hardware und Computer mit Intel Chips werden mit dem Microsoft Betriebssystem vertrieben.

3 Die Isländische Regierung setzte die Lokalisierung schließlich auf der Basis des freien Betriebssystems GNU/Linux durch (vgl. Grassmuck 2002, S. 318).

4 Microsoft hat in dem Verfahren mittlerweile mehr als drei Milliarden US Dollar, das ist das Sechsfache der von der Europäischen Kommission auferlegten Strafe, an Drittparteien des Berufungsverfahrens vor dem Europäischen Gerichtshof bezahlt. Die Drittparteien bekundeten daraufhin kein weiteres Interesse an dem Fall zu haben. In Folge dessen unterstützen derzeit nur noch zwei Parteien die Europäische Kommission in dem Verfahren.

 

Literatur

Free Software Foundation: Categories of Free and Non-Free Software. http://www.gnu.org/philosophy/categories.html vom 05.01.2006, 1996

Free Software Foundation Europe: Warum Freier Software in Schulen den Vorzug geben? http://www.fsfeurope.org/projects/education/argumentation.de.html vom 05.01.2006, 2004

Free Software Foundation Europe: Diagnosen verboten: elektronische Patientenakte krankt an der Sicherheit. http://mail.fsfeurope.org/pipermail/press-release-de/2005q4/000081.html vom 05.01.2006, 2005

Grassmuck, Volker: Freie Software zwischen Privat- und Gemeineigentum. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2002

Greve, Georg C. F.: Fighting Intellectual Property: Who Owns and Controls the Information Societies? In: Heinrich B÷ll Foundation (Hrsg.): Visions in process, world summit on the information society. Geneva 2003, Tunis 2005, 2003, S. 35–38

Lessig, Lawrence: Code And Other Laws Of Cyberspace. New York, NY, 1999

Mead, Lawrence: The Great Passivity. In: Perspectives on Politics 2 (4) (2004), S. 671–675

Miller, Franz: Innovationstreiber Informations- und Kommunikationstechnik. 2004. – Forschungsbericht

Reiter, Bernhard E.: Wandel der IT: Mehr als 20 Jahre Freie Software. In: Praxis der Wirtschaftsinformatik HMD 238 (2004), August, S. 83–91

Schultze, Rainer-Olaf: Partizipation. In: Nohlen, Rainer-Olaf (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft Bd. 2. München : C.H. Beck, 2004, S. 647–649

Stallman, Richard M.: The Right to Read. http://www.gnu.org/philosophy/right-to-read.html vom 05.01.2006, 1994

Stallman, Richard M.: Warum Software keine Eigentümer haben sollte. http://www.gnu.org/philosophy/why-free.de.html vom 05.01.2006, 1994

Stallman, Richard M.: The Free Software Definition. http://www.gnu.org/philosophy/free-sw.html vom 05.01.2006, 1996

Stallman, Richard M. ; Pottonen, Hannu (Hrsg.): Intro des Filmes The Code. 2001. – Film.

Stallman, Richard M. ; Gay, Joshua (Hrsg.): Free Software Free Society: Selected Essays of Richard M. Stallman. 1. Boston : GNU Press, 2002

Stallman, Richard M.: Why schools should use exclusively free software. http://www.gnu.org/philosophy/schools.html vom 05.01.2006, 2003

Weiss, Ulrich: Machtressourcen. In: Nohlen, Rainer-Olaf (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft Bd. 1. München : C.H. Beck, 2004, S. 499

 

Originalposting unter: http://www.difficulties.de/mk/papers.html

 

Können Ethnien gemacht werden? Die Ursachen des Völkermords in Ruanda in der Kolonialpolitik

Der Völkermord in Ruanda gegen die Tutsi und moderate Hutu im Juli 1994 ereignete sich erst vor elf Jahren. Über eine halbe Millionen Menschen kamen innerhalb eines Monats ums Leben und fast 3 Millionen waren auf der Flucht.

Römische Gründungsstädte und Kastelle: Die Entstehung von Regensburg aus dem Militärkastell Castra Regina

Die erste bisher nachweisbare römische Befestigung im Regensburger Stadtgebiet entstand in den 80er Jahren des 1. Jahrhunderts nach Chr. Um die Entwicklung, die zum Bau des Militärkastells Castra Regina führte, zu verstehen und um das römische Regensburg in einen historischen Zusammenhang einordnen zu können, muss man bis in die Zeit des Kaiser Augustus' zurückblicken.

Wichtige Gründe für den Bau des ersten Kastells in der Zeit der Grenzziehung des römischen Reichs war 1. der Schutz Oberitaliens vor den Einfällen räuberischer Alpenstämme und 2. die Erleichterung einer Verkehrsverbindung vom nördlichen Alpenfuß in Reichsteile jenseits des Rheins in Gallien. Um diese Ziele zu erreichen, musste die Reichsgrenze bis zur Donau vorgeschoben werden. Das Vordringen bis zur Donau erfolgte unter Tiberius (zwischen 35 und 37 n. Chr.). Der Fluss wurde durch eine Reihe kleinerer Kastelle gesichert. Nach der militärischen Niederwerfung erfolgte mit der Gründung der Provinz Raetien auch die verwaltungsmäßige Organisation. Sie war einem kaiserlichen procurator aus dem Ritterstand unterstellt. Die ersten Verwaltungszentren waren wahrscheinlich Cambodunum (=Kempten) und Augusta Vindelicum (=Augsburg).

Limes, Regensburg
Limes, Regensburg

Die Flüsse Rhein und Donau bildeten im Laufe der Zeit nicht nur die Grenze des römischen Weltreiches, sondern sie entwickelten sich auch zu wichtigen Verbindungswegen zwischen Ost und West. Der Weg über das Rheinknie war allerdings umständlich und zeitraubend. Deshalb begann unter den Kaisern Vespasian (69 -79 n. Chr.) und Domitian (81 - 96 n. Chr.) der langsame Ausbau einer primitiven Befestigungsanlage, sozusagen der Vorläufer des "Limes". Um einige Befestigungslücken zu schließen, wurde die Anlage um mehrere Kastelle erweitert, unter anderen durch ein Lager bei Regensburg. Damit wurde der Donaubogen in das Verteidigungsnetz mit einbezogen. Allerdings waren die Römer hier nicht die ersten Siedler gewesen.

Die Kelten

Lange bevor Germanen und Römer die historische Bühne Süddeutschlands betraten, hatten sich dort die Kelten ausgebreitet. Ihr Siedlungsgebiet reichte von der Iberischen Halbinsel über Britannien, Gallien, den Donauraum bis nach Südosteuropa. Ihre ältere Epoche, die von der Durchsetzung der Eisenzeit geprägt war bezeichnen wir als Hallstattkultur. Die zweite, jüngere Phase (5. bis Mitte des 1. Jhdts. v. Chr.) nennt man die La-Tène-Zeit. Ihre markantesten archäologischen Reste sind riesige Ringanlagen, vornehmlich auf Tafelbergen, die von den Römern auch "oppida" genannt wurden. Diese Oppida-Kultur scheint im 1. vorchristlichen Jhdt. gewaltsam untergegangen zu sein. Es gibt Hinweise dafür, dass es an der Stelle des heutigen Regensburg schon eine keltische Siedlung mit Namen Radasbona gegeben hat.

Die erste römische Befestigung am Donaubogen

Es war wohl die Verkehrsgunst des Platzes, welche die römischen Strategen dazu bewog, das erste Kastell im heutigen Stadtteil Kumpfmühl (unmittelbar südlich der Kirche St. Wolfgang) anzulegen.

Plan Kastel Kumpfmuehl (Regensburg)
Plan Kastel Kumpfmuehl (Regensburg)

Von dort bot sich die Möglichkeit, den gesamten Donaubogen sowie die zwei Talmündungen (Naab und Regen) einzusehen und damit die Handelswege zu beherrschen. Das Kastell besaß eine Steinmauer mit einem rechteckigen Grundriss von 154 x 143 Metern und wurde von einer Steinmauer mit Doppelgräben umgeben.

Mauer mit Graben, Kastell (Regensburg)
Mauer mit Graben, Kastell (Regensburg)

Der antike Name der Befestigung ist nicht bekannt. Es blieben keine oberirdischen Spuren zurück. Im Lager war eine ca. 500 Mann starke Hilfstruppe (sog. Auxiliarkohorte) stationiert. Die Soldaten hatten nicht das römische Bürgerrecht und wurden meist in der Umgebung rekrutiert. Dies war möglich, weil Raetien damals noch zu den weniger bedrohten Gebieten gehörte. Die Archäologen fanden in Regensburg-Kumpfmühl in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers Spuren einer Zivilsiedlung, deren Ausstattung auf die Bedürfnisse der Soldaten ausgerichtet war. Nachgewiesen werden konnten neben einer Kneipe, Läden, Werkstätten, eine Ziegelei und v.a. eine Badeanlage.

Die Markomannen - eine unterschätzte Gefahr

Das relativ ungestörte Leben an der Donaugrenze änderte sich Mitte des 2. Jhdts. Ausgelöst durch Wanderbewegungen ostgermanischer Stämme waren auch die nördlich der Donau wohnenden Völker, darunter die Markomannen, unruhig geworden. Sie forderten neue Wohnsitze innerhalb des Reiches. Als ihnen das untersagt wurde, versuchten sie gewaltsam Einlass zu erlangen. In Rom unterschätzte man diese Gefahr und hatte große Teile der Truppen von der Donau abgezogen und an die Euphratgrenze gegen die Parther verlegt. In den 60er Jahren des 2. nachchristlichen Jhdts. geriet die ganze Donaugrenze ins Wanken und germanische Scharen drangen bis nach Aquileia an der Adria vor. Man kann davon ausgehen, dass auch das römische Auxiliarkastell von Kumpfmühl und die dazugehörige Zivilsiedlung verwüstet wurden. (In diesem Zusammenhang ist auch der Kumpfmühler Schatzfund von 1989 zu sehen).

Roemisches Geld (Regensburg, Stadtgeschichte)
Roemisches Geld (Regensburg, Stadtgeschichte)

Die Römer konnten allerdings die Markomannen aufhalten und die Donaugrenze wieder sichern. Um die Sicherheit der Nordgrenze zu garantieren, entschloss sich Kaiser Marcus Aurelius (161 - 180 n. Chr.) die III. Italische Legion zu stationieren. (Dies waren römische Truppen, keine Fremdvölker, die man in schwierigen Situationen einsezte.)

Das neue Kastell zur Sicherung der Nordgrenze

 

Castra Regina (Regensburg Stadtgeschichte)
Castra Regina (Regensburg Stadtgeschichte)

Die Ausprägung des Regensburger Kastells - Castra Regina

Die Wahl des neuen Standortes war wohl von ähnlichen Voraussetzungen bestimmt wie 80 Jahre früher: nördlichster Punkt im Donaubogen, östlich davon gelegen die fruchtbare Donauebene, gute klimatische Bedingungen. Dem neuen Bau kam eine symbolische Funktion der Abschreckung zu, deshalb wich man von der alten Baustelle in Kumpfmühl ab und baute direkt am Fluss (Reichsgrenze). Dort war das Gelände aber schwierig und musste erst durch Kiesaufschüttungen trockengelegt werden. Die neue Lagermauer hat eine Seitenlänge von 540 x 460 m und eine Fläche von 24,3 ha (= elfmal die Fläche des alten Kastells). Zur Einweihung des Lagers ließ der Legionskommandeur, der gleichzeitig auch Statthalter der Provinz Raetien war, über der Porta Principalis (Osttor), eine Steininschrift anbringen.

Bauinschrift (Regensburg)
Bauinschrift (Regensburg)

Sie war ursprünglich ca. 8 - 10 m lang. Zwei Fragmente des Mittelstückes blieben davon erhalten. Diese sog. "Gründungsurkunde" von Regensburg gibt uns ein festes Datum für die Einweihung des Lagers, nämlich 179 n. Chr. Mindestens 5 Jahre Bauzeit müssen bis dahin schon veranschlagt werden. Etwa 30.000 Kubikmeter exakt behauene Quaderblöcke wurden hergestellt. Die bewegte Steinmenge muss dabei etwa doppelt so groß gewesen sein. Die Steinbrüche befanden sich im ganzen Donautal bis nach Kehlheim. Die grob behauenen Werksteine brachte man auf dem Fluss zu einer Lände nahe am Lager. Mit Hilfe von Drehkränen, Flaschenzügen und Holzrollen wurden die Quader zur Baustelle gebracht. Die fertige Lagermauer war ohne Zinnen ca. 7,5 m hoch und hatte ungefähr 30 Türme und vier Tore. Regensburg war durch diesen Bau zum größten Garnisonsort in der Provinz Raetien geworden. Auch nach rund 1800 Jahren beeindrucken diese gewaltigen Kalksteinblöcke noch, die an mehreren Stellen im modernen Stadtbild zu sehen sind.

Die Porta Praetoria

 

Porta Praetoria (Regensburg)
Porta Praetoria (Regensburg)

Die Porta Praetoria ist das einzige der ursprünglich vier Stadttore, das noch erhalten ist. Sie befindet sich an der Nordseite des Lagers und wurde 179 n. Chr. fertiggestellt. Ehemals bestand es aus zwei nebeneinaderliegenden Toren und einem Turm an jeder Seite. Ein Tor wurde schon in römischer Zeit zugebaut. Durch das Tor verlief eine 16 Meter breite Straße, die via praetoria, die zum Praetorium (=Lagerkommandantur) führte. Die Porta Praetoria gilt neben der Porta Nigra in Trier als der größte noch erhaltene römische Hochbau in Deutschland. Auch in nachrömischer Zeit wird das Tor weiterbenützt und im Jahre 932 nach Chr. wird es Porta Aquarum (=Wassertor) genannt. (Nähe zur Donau)

Die Südostecke der Lagermauer

In den Jahren 1955 - 63 wurde am Ernst-Reuter-Platz in Regensburg die Südost-Ecke des römischen Legionslagers freigelegt und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dies war erst nach langen harten Kämpfen zwischen Archäologen, Konservatoren, Stadtverwaltung und Bauinteressenten möglich geworden.

Lagermauer (Regensburg)
Lagermauer (Regensburg)

Das Lagerinnere

Das Gebiet des Regensburger Legionslagers bildet den heutigen zentralen Altstadtbereich und war durchgehend bebaut. Die Möglichkeit großflächiger Grabungen war deshalb immer sehr eingeschränkt und wir kennen von der inneren Struktur des Lagers nur sehr wenig. Römische Militäranlagen wiesen jedoch von Britannien bis Syrien eine gewisse Regelmäßigkeit auf.

Idealtypus (Regensburg)
Idealtypus (Regensburg)

Übertragen wird dieses Schema auf den Regensburger Altstadtbereich, so können wir uns ein ungefähres Bild vom ursprünglichen Aussehen machen.

 

Grundriss Regensburg
Grundriss Regensburg

Gegliedert wurde das Lagerinnere durch die in Ost-West-Richtung verlaufende via principalis und die in Nord-Süd-Richtung führende via praetoria. Sie bildeten das Achsenkreuz des Lagers. An diesen Lagerhauptstraßen lagen die Unterkünfte für Handwerker, Verwaltungssoldaten, Lazarett usw. Die rechtwinklig abzweigenden Lagergassen führten zu den Wohnquartieren der einfachen Soldaten. Da im Lager ca. 6.000 Mann untergebracht werden mussten, nahm diese Kasernenanlage den meisten Platz ein. Im Zentrum des Lagers, im Bereich der heutigen Schwarzen-Bären-Straße, lagen die principa, das Hauptquartier. Dies war ein repräsentativer Gebäudekomplex aus wuchtigen Quadern, der einen weiten Innenhof umschloss. (Büros, Waffendepots, Repräsentationsräume, Fahnenheiligtum, Legionsadler, Kaiserbildnis, Götterbilder etc. wurden hier aufbewahrt.) Ein heute noch sichtbarer Türstock in einem romanischen Haus könnte von diesem Bauwerk stammen. Ähnlich prächtig scheint auch das praetorium, das Wohnhaus des Legionskommandanten gewesen zu sein. Durch die via principalis entlang nach Osten ging man vorüber an den mit roten Ziegelplatten aus der legionseigenen Ziegelei gedeckten Lagerbaracken und Übungshallen.

Luftbild Regensburg
Luftbild Regensburg

Die Umgebung des Lagers

Den einfachen Soldaten standen im Lager nur etwa 2 1/2 Quadratmeter überdachter Raum zur Verfügung, der zudem nicht sehr bequem war. Für die Offiziere gab es Kasinos, die im Verwaltungskomplex untergebracht waren. Außerdem waren ihre Wohnungen, meist eigene Häuschen, bedeutend bequemer. Trotzdem versuchten nicht nur die Mannschaften, sondern auch die höheren Dienstränge ihre Freizeit außerhalb des Lagers zu verbringen. Zusammen mit den Legionen waren auch eine große Menge Zivilisten gekommen. Man kann von 10.000 - 15.000 Menschen ausgehen. So entstand mit dem Legionslager gleichzeitig westlich davon eine ausgedehnte Zivilsiedlung, die sich nach Süden erstreckte. Vom Lager aus führte durch das Westtor die Verlängerung der Lager Ost-West-Achse (via principalis) eine Straße in die Zivilsiedlung. Die Straßen waren zum Teil gepflastert und mit Kanalisation versehen. Von den Hauptstraßen zweigten kleinere Nebenstraßen ab und unterteilten die canabae, wie man solche zivile Siedlungen nennt, in einzelne Häuserblöcke (insulae). Die Regensburger Zivilsiedlung erlebte in den anfänglichen Friedensjahren eine wirtschaftliche Blüte und nahm fast stadtartiges Gepräge an, wenngleich sie diese Stellung staatsrechtlich nie erreichte. Die Einbeziehung in das römische Reich bedeutete also keineswegs in erster Linie nur Unterwerfung unter eine imperialistische Macht. Vielmehr brachte die Zugehörigkeit zum Imperium bisher nicht gekannte Vorteile: Rechtssicherheit, inneren Frieden, die Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs. Für diese Dinge hatte die benachbarte germanische Gesellschaft noch nicht einmal Begriffe. Militärlager und Zivilsiedlung gehörten also zusammen. Zusätzlich lag rund um das Lager eine ganze Reihe von Bauernhöfen (villae rusticae). Der gesamte heutige südliche Landkreis war mit solchen Hofstellen aufgesiedelt, die zur Versorgung der Legion angelegt wurden.

Das Ende der römischen Herrschaft in Raetien

In der Mitte und gegen Ende des dritten nachchristlichen Jahrhunderts wurde Castra Regina in Schutt und Asche gelegt. Diesmal von den Alamannen, die den Limes an mehreren Stellen durchbrachen. Ein Teil der III. Italischen Legion (siehe oben) war schon vorher an die östliche Reichsgrenze nach Persien (Sassanidenreich) verlegt worden. Schließlich musste Rom das Gebiet nördlich der Donau völlig aufgeben (nach 259/60). Die Grenze orientierte sich wieder an Rhein, Iller und Donau. Trotz schwerer Verluste bei der Zivilbevölkerung und der militärischen Besatzung erlosch das Leben in und um das Lager nicht ganz. Die wenigen überlebenden Gutshöfe siedelten nahe am Lagerrand. Damals mauerte man möglicherweise auch je eine Hälfte der großen doppelbogigen Tore zu. (Vgl. Porta Praetoria) Die Zivilbevölkerung zog zunehmend ins Lager, so dass aus dem Kastell im Laufe des 4. Jhdts. eine mauerumwehrte Zivilsiedlung mit militärischer Besatzung wurde. Die römischen Soldaten waren großenteils in den Alamannenstürmen umgekommen. Die Militärverwaltung war gezwungen, die Grenzverteidigung immer mehr germanischen Söldnern zu überlassen. Im 3. und 4. Jahrhundert ging somit in Raetien ein Bevölkerungswechsel vonstatten. Die keltisch-italische Bevölkerung wurde langsam durch Germanen verschiedener Herkunft ersetzt. In Castra Regina war die letzte Abteilung der III. Italischen Legion Ende des 4. Jhdts. abgezogen worden und die leeren Kasernenbauten wurden von Germanen übernommen. In den schriftlichen Quellen taucht um das Jahr 551 erstmals der Name "Baibari" für das Volk auf, das in östlicher Nachbarscahft zu den Alamannen wohnte. Ein gutes Jahrzehnt später (ca. 565) bezeichnet der Dichter und Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus, die Leute östlich des Lechs als "baiovari". Vgl. Literatur: Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur Band

Die Bajuwaren, Haus der Bayerischen Geschichte

Ich will hier nicht auf die komplizierte historische Diskussion eingehen, die schließlich zur Entstehung der Bajuwaren und zum modernen Bayern geführt hat. Fest steht jedenfalls, dass das alte Römerlager, dessen gewaltige Mauern noch im 8. Jhdt. n. Christus eindrucksvoll gewesen sein müssen, zum Kristallisationspunkt des neuen bayerischen Stammesherzogtums wurde. Gegen Ende des Mittelalters verlegte dann Kaiser Maximilian I. den Immerwährenden Reichstag nach Regensburg (Ständeparlament), wodurch die Stadt eine Art Hauptstadtcharakter für das ganze Reich erhielt. Diese Bedeutung behielt sie bis 1806, als Napoleon das Alte Reich auflöste.

 

Quellen

Bosl Verlag: Handbuch der Historischen Städten Deutschland, Bd. 7 Bayern, Stuttgart, 1965

Diercke Weltatlas, Braunschweig , 1988

Harald Koschmitz , Horst Schulz: Der Limes im Raum Weißenburg- Gunzenhausen, Unterrichtsmaterialien zu Stätten aus der Römerzeit, Nürnberg, 1984

HB-Kunstführer: Regensburg- Oberpfalz Nr.63

Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur Band 6. Die Bajuwaren, Haus der Bayerischen Geschichte

Horst Lechner: Bayern in der Römerzeit, München, 1989

Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997

M.I. Finley: Atlas der klassischen Archäologie München,1979

Schindler, Herbert: Kunstführer Regensburg, Regensburg, 1983

Uni Regensburg 1: http://www.uni-regensburg.de/Fakultäten/phil_FakIII/Geschichte, am 27.10.2003

Uni Regensburg 2: http://www.uni-regensburg.de/archiv/archiv-text.htm am 27.10.2003

Walter E. Keller, Deutsche Limesstraße, vom Main zur Donau, Treuchtlingen 1997

Bildnachweise

01) Limeskarte aus: http://www.lateinforum.de/romstra.htm am 27.10.2003

02) Plan des römischen Kohortenkastells in Kumpfmühl (nach A. Faber): Deutlich sind die Doppelgräben zu erkennen, die das Lager schützten: 10 und 5 Meter breit, 3 bzw. 2 Meter tief, heute mit Erdreich zugeschüttet. Am Nordrand des Lagers erkennt man Reste einer großen römischen Badeanlage, Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.33

03) Schematische Darstellung der Römermauer (Rekonstruktion aufgrund der Grabung im Pfarrgarten von St. Wolfgang 1996) Wehrmauer: aus Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.43

04) römisches Geld aus http://www.dig-regensburg.de/jpg/mai20001.jpg am 27.10.2003

05) Plan des römischen Legionslagers "Castra Regina" (nach Th. Fischer) aus: Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.34

06) Bauinschrift des Legionslagers "Castra Regina" von 179 n. Chr. aus: Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.32

07) Porta Praetoria von Nordwesten heute,(Kräutermarkt 3) aus Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.42

08) Erhaltene Lagermauer an der Südost-Ecke aus: http://www.uni-regensburg.de/Fakultäten/phil_FakIII/Geschichte am 27.10.2003

09) Der Idealtypus eines römischen Lagerkastells aus: Harald Koschmitz , Horst Schulz: Der Limes im Raum Weißenburg- Gunzenhausen, Unterrichtsmaterialien zu Stätten aus der Römerzeit, Nürnberg, 1984, S.53

10) Grundriss Regensburg mit skizzierter Lage des römischen Lagers aus Walter E. Keller, Deutsche Limesstraße, vom Main zur Donau, Treuchtlingen 1997, S.117

11) Luftbild der Stadt Regensburg mit dem Verlauf der römischen Legionslagermauer aus: Hubel, Tillmann, Borgermeyer, Wellnhofer, Denkmäler in Bayern Band III.37 Stadt Regensburg, Regensburg 1997 S.43

Die Entwicklung der Stadt Nürnberg im Mittelalter

Im Traditionsbewusstsein des Mittelalters galt Nürnberg bereits als das Sinnbild der „alten deutschen Stadt“. Unter den zahlreichen Lobsprüchen der mittelalterlichen Besucher hat keiner die Wirkung des Stadtbildes in der Landschaft so anschaulich festgehalten wie der Kardinal Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II. im Jahre 1457. Seinem Urteil kann Gewicht beigemessen werden, im Hinblick darauf, dass er sich in Pienza /Toskana selbst eine Frührenaissance-Residenz erbaut hatte, also mit den Auswirkungen der Stadtbaukunst vertraut war.

 

[quote] „Wenn man diese herrliche Stadt aus der Ferne erblickt, zeigt sie sich in wahrhaft majestätischem Glanze. Die Kirchen sind prachtvoll, die kaiserliche Burg blickt fest und stolz herab, die Bürgerhäuser erscheinen wie für Fürsten gebaut.“ [/quote]

 

Schon die ältesten Stadtansichten des 15. Jahrhunderts halten Nürnbergs einzigartige Erscheinung fest, so vor allem die 1493 erschienene Schedelsche Weltchronik.

 

Schedelsche Darstellung Nürnberg Schedelschen Darstellung:

Die Doppelburg beansprucht die absolute Dominanz. Darunter breitet sich das zweigeteilte Stadtwesen aus. Diese beiden Hälften werden aber durch die ähnliche Erscheinung der doppeltürmigen Stadtpfarrkirchen St. Sebald und St. Lorenz zusammengehalten. Von den Tortürmen aus staufischer Zeit haben sich der Laufer Schlagturm auf der Sebalder Seite und der Weiße Turm auf der Lorenzer Seite bis heute erhalten. Die vier mächtigen Rundtürme der Haupttore und die Bastione fehlen noch. (siehe unten)

Kurzer Überblick über die Stadtentstehung und ihre Einbindung in das geo-politische Umfeld ihrer Zeit.

Als der für die Jahrtausendwende vorausgesagte Weltuntergang ausblieb, kam es im fränkischen Raum zu städtischen Neugründungen, die sich auf die weitere geschichtliche Entwicklung dieses Gebietes entscheidend auswirkten. Sie entsprangen der das Mittelalter beherrschenden Gesamtvorstellung eines ideellen Gottesstaates, der „civitias dei“ (Augustinus), der „regnum“ (weltliche Herrschaft) und „sacerdocium“ (geistliche Herrschaft), Kaiser und Kirche, in gleicher Weise dienen sollten. Kulturgeographisch spielte dabei im zentralfränkischen Bereich die Nord-Südlinie Rednitz / Regnitz als Verbindung zwischen Donau und Main eine überragende Rolle. (Vgl. schon den Bau der Fossa Carolina unter Karl d. Gr. 793; Karlsgraben als Vorstufe des R-M-D-Kanals).

Im Norden, am Einfluss der Regnitz in den Main, dominierte als geistige Metropole das kurz nach 1000 von Kaiser Heinrich II. begründete Bamberg, das bald zum „Fränkischen Rom“ aufgestiegen war. Die Kirchenfreundlichkeit Heinrichs gefährdete jedoch durch allzu großzügige Schenkungen das Reichsgut. Zu dessen Schutz wurde der frühmittelalterliche Königshof von Fürth nach Osten verlegt und auf dem Burgfelsen die erste Nürnberger Burg unter Heinrich III. (ca. 1040) errichtet. So kamen an der Regnitz im Abstand einer Generation Kirche und Reich zu ihrem Recht. Nürnberg wurde zum Schwerpunkt der Kaiserpolitik. Hauptsächlich unter den Staufern bildete es seit der Mitte des 12. Jahrhunderts die Mitte einer Pfalzkette, die vom Elsass über Schwaben und Rothenburg o. d. Tauber bis Eger reichte. Die Staufer förderten den Ausbau zur Kaiserpfalz und Reichsveste, in deren Schatten das zunächst abhängige bürgerliche Gemeinwesen entstand und unter der imperialen Förderung schon im 13. Jahrhundert zur unabhängigen Reichsstadt aufstieg. Als Folge davon war auch die Frühzeit Nürnberger Architektur eindeutig kaiserlich bestimmt. Erst nach dem Ende der Staufer (1250) und dem Interregnum (Kaiserlose Zeit am Ende der Stauferzeit, auch "Schreckliche Zeit" genannt) setzten sich die bürgerlichen Elemente durch. Die weitere geschichtliche Entwicklung Nürnbergs soll nicht dargestellt werden. Allerdings ist es unumgänglich, bei der Behandlung der herausragenden städtebaulichen Beispiele immer wieder auf historische Persönlichkeiten oder Ereignisse zu verweisen. Es folgt eine Beschreibung der wichtigsten Baudenkmäler, die das Gesamtbild der mittelalterlichen Stadt prägen.

Die Stadtbefestigung

Die eindrucksvolle Stadtumwallung, die sich heute dem Betrachter darbietet, ist bereits die dritte Befestigung. Von dem ersten Befestigungsring Nürnbergs finden sich keine Spuren. Die sog. „vorletzte Stadtbefestigung“ umfasste die Sebalder und Lorenzer Stadtseite zunächst in zwei voneinander durch das Überschwemmungsgebiet der Pegnitz getrennten Mauerringen. Wohl gegen 1250 wurde die Sebalder Stadt befestigt. Der Tiergärtnertorturm unterhalb der Burg und oberhalb des Albrecht-Dürer-Hauses entstammt wahrscheinlich noch dieser Befestigung ebenso wie der schon oben erwähnte Laufer Schlagturm.

Von der Lorenzer Stadtumwallung blieb der Weiße Turm erhalten, dem um 1300 eine sog Barbakane (Waffenhof) vorgebaut wurde. Um 1320 / 25 wurden beide Mauerringe miteinander verbunden. Am Pegnitzeinfuss hat sich davon der sog. Schuldturm erhalten. Der gut erhaltene Mauerring der letzten Stadtbefestigung umzieht in etwa 5 km Länge die parallelogrammartige Grundrissfläche der Nürnberger Altstadt .

 

Plan Innenstadt Nürnberg Plan Innenstadt Nürnberg

Die Bauarbeiten erstreckten sich von 1346 bis 1452.

 

Etwa gleichzeitig mit Dürers „Stadtbefestigungslehre“ von 1527 treten Rundbastionen am Fürther und Laufer Tor als moderne Übergangsform in Erscheinung. Die vom Stadtbaumeister Hans Behaim d. Ä. errichteten Rundbasteien in der Art Leonardo da Vincis wurden bald von den zukunftsweisenden spitzwinkligen Burgbasteien des Italieners Antonio Fazuni entwicklungsgeschichtlich überholt. Seine Basteien wurden zum Fundament der Burganlage. Nach dem Zweiten Markgrafenkrieg erfolgte zwischen 1556 und 64 eine Modernisierung der Stadtumwallung. In Anlehnung an die Ecktürme des Mailänder Kastells der Familie Sforza wurden die vier Haupttortürme durch den Stadtwerkmeister G. Unger rund ummantelt. Dadurch gewann man große Geschützplattformen (Reihenfolge der Umbauten: Laufer Torturm, Spittlertorturm, Frauentorturm, Neutorturm). Die Türme erhielten außerdem neue Durchfahrten in Form von Basteien. Der Mauerverband wurde durch 123 Türme verstärkt, von denen heute noch 88 bestehen. Besondere Beachtung innerhalb der Stadtumwallung verdienen die Überbrückungen des Pegnitzausflusses (1320-25) in Form von zwei Rundbogenarkaden über Brückenpfeilern, die vom sog. „Henkerturm“ geschützt werden. Über den fortifikatorischen Zweck hinaus sollte die Befestigung als abschreckendes Rechtsdenkmal das urbane Selbstwertgefühl dokumentieren.

Die Burg

Burg Nürnberg Burg Nürnberg

Die Nürnberger Burg zählt geschichtlich und baukünstlerisch zu den bedeutendsten Wehranlagen Europas (Zitat). Als Stätte zahlreicher Reichs-, Hof- und Gerichtstage wurde die Burg durch den häufigen Aufenthalt der deutschen Kaiser und Könige zu einem politischen Schwerpunkt des Reiches im Mittelalter. Die Staufer haben sie zur Reichsburg und Kaiserpfalz ausgebaut. Im 12./13. Jahrhundert erfolgte die Trennung zwischen der Reichsburg (Kaiserburg) und der Burggrafenburg. Letztere gelangte 1192 an die Zollern, die von hier aus ihre fränkischen und später auch ihre norddeutschen Besitzungen begründeten, jedoch 1427, nach der Zerstörung ihrer Burg (1420) wichtige Rechte an die Stadt verkauften. - Kaiser Heinrich VII. überantwortete die Kaiserburg 1313 der Reichsstadt für die Zeit der jeweiligen Thronvakanz und König Sigismund übertrug der Stadt 1422 den baulichen Unterhalt.

Kaiserburg

Die Kaiserburg besteht aus den Bauten um den inneren und äußeren Burghof von Westen bis zum abschließenden "heimlichen Wächtergang", der diese von der Freiung (siehe unten) trennt. Den trapezförmigen inneren Burghof umschießen neben den Wehrmauern im Norden und Westen der Kemenatenbau im Westen, der Palas im Süden und dem Palas östlich unmittelbar angebaut die Burgkapelle mit Heidenturm.

Die Doppelstockkapelle

Sie ist einer der ausgefallensten Sakralbauten nicht nur jener Zeit; man bezeichnet sie auch als „Fränkische Chorturmkirche“. Die neunjochige Kapelle ist aus einem Guss unter Kaiser Friedrich I., Barbarossa entstanden mit von vornherein offenem Mitteljoch der Unterkapelle. Die Eigenart der Ausstattung deutet darauf hin, dass „unten“ und „oben“ dieselben Hände am Werk waren. Der Gegensatz des gedrungenen Unterraums zu der lichtvoll hochgezogenen Oberkapelle bestand von vornherein und war gewollt. Die Doppelstöckigkeit beruht auf dem selektiven sozialen Denken jener Zeit: Oben der Kaiser mit Hofgefolge, unten Burgbesatzung und Gesinde. Als zusätzlich byzantinische Idee ist nebenher die dreiteilige Kaiserempore in der Oberkapelle noch Gestalt geworden. Der Kaiser als besonderer Mittler zwischen Himmel und Erde, als „Vicarius Christi“, hatte höhenmäßig abgesetzt von den gewöhnlich Sterblichen am Gottesdienst teilzunehmen.

Die Burggrafenburg

Sie ist nur durch die „Freiung“, einen im Mittelalter durch sein Asylrecht ausgezeichneten Platz von der Kaiserburg getrennt. Das an die Freiung östlich angrenzende, dreieckige Areal der Burggrafenburg umschließt eine lose zusammenhängende Gruppe von Sperrmauern. Zu den Hauptgebäuden zählen: das Burgamtmannshaus, die Kaiserstallung, der Fünf- eckturm und die Walpurgiskapelle.

Reichsstädtische Anlagen

Dazu zählen vor allem der „Luginsland“ , die Burgbastei (Vgl. Antonio Fazuni) und der Stadtgraben. (Vgl. Plan)

Hauptmarkt, Frauenkirche und Schöner Brunnen

Für Karl IV. (1347-78) war Nürnberg ein besonderer Anziehungspunkt. Auf Grund einer eigenen Markturkunde von 1349 konnte an der Stelle des damals vernichteten jüdischen Ghettos ein rechteckiger Marktplatz mit der zentral gelegenen Frauenkirche als kaiserliche Hofkapelle angelegt werden und zwar in nächster Nachbarschaft des eben vollendeten Rathausneubaues. Den Abschluss der Platzkomposition schuf als überleitendes Gelenkstück zum „Kaiserlichen Burgweg“ die kunstvolle Turmpyramide des Schönen Brunnens. Der weiträumig neu angelegte Hauptmarkt ergänzte sich mit den urbanen Ambitionen des benachbarten Rathauses zur reichstädtischen Machtgebärde. Seine Anlage war auf das Vorzeigen der Reichskleinodien abgestimmt.

Hauptmarkt Nürnberg Hauptmarkt Nürnberg

Im Mittelpunkt einer solchen Verehrung stand Karl IV. selbst, als er sich 1356 mit den Reichskleinodien auf dem Balkon über der Vorhalle der Frauenkirche präsentierte. Den Schlüssel zum imperialen Gesamtverständnis der Frauenkirche liefert das "Männleinlaufen". Es beleuchtet die überragende Bedeutung Karls IV. für die Reichsstadt. Erinnert das kunstvolle Spielwerk von 1506/09 doch an die 150 Jahre früher, 1356, erlassene Goldene Bulle, in der ausdrücklich verfügt wurde, dass jeder neu gewählte deutsche König seinen ersten Reichstag in Nürnberg zu halten habe. In dem ersten "Reichsgrundgesetz", wurde außerdem verfügt, dass jeder neue König in Frankfurt gewählt und in Aachen gekrönt wird. Wahlberechtigt waren die sieben Kurfürsten (vgl. Männleinlaufen). Der erste Reichstag eines neuen Königs musste in Nürnberg abgehalten werden. Dies war später für die Nationalsozialisten Der Vorwand für die "Reichsparteitage". Mit dieser Verfügung hatte Karl IV. Nürnberg gewissermaßen zur ersten Stadt des Reiches erhoben, eine unerwartete Steigerung des Symbolwertes, der weitere kaiserliche Bauunternehmungen (Sebalduschor, Lorenzer Fassade) nach Bedeutung und Aufwand entsprachen. Die Frauenkirche fällt schon nach ihrer Erscheinung aus dem Rahmen der damaligen Kirchenbauten. Der Kaiserchor (St. Michael) liegt im Westen (Hauptmarkt). Ihm entspricht im Osten der Hauptchor. Der Grundriss des Langhauses erscheint nicht weniger ungewöhnlich: dreimal drei quadratische bzw. rechteckige Joche (Vgl. Grundriss). Der Baustil dieser ersten fränkischen Hallenkirche mit gleich hohen Schiffen leitet sich nicht, wie vielfach behauptet, von älteren böhmischen Kirchen ab. Das Vorbild dieses Typus ist vielmehr auf der Nürnberger Kaiserburg zu finden, wo die romanische Palastkapelle ebenfalls vier Freistützen aufweist. (vgl. oben) Die Baumeister kamen, wie die baumschlanken Rundpfeiler verraten, vom Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd, gehörten also jener berühmten Baumeistergruppe der Parler an, die in dem Prager Dombaumeister Peter Parler europäischen Rang ereichten.

Die Stadtpfarrkirche St. Sebaldus

Der Um 1230/40 anzusetzende Baubeginn der spätromanischen Pfeilerbasilika war auf eine Doppelfunktion des künftigen Gotteshauses ausgerichtet: Pfalzheiligtum und Pfarrkirche zugleich. Heute sind davon nur mehr das Langhaus des Mittelschiffes, der Westchor mit Krypta und die Westwand des ehemaligen Querschiffes sowie die Grundstöcke der beiden dem Westwerk verbundenen Türme.

 

St. Sebald, Nürnberg St. Sebald, Nürnberg

Alle übrigen Teile der Kirche, die heutigen Seitenschiffe, der parlersche Ostchor, die Seitenportale etc. stammen aus hoch-, spät- und nachgotischer Zeit. Von vornherein hatte die Kirche Baueigenschaften, deren Stilgepräge in der späten Hohenstaufenzeit kunstgeschichtlich überholt war. Da war einmal die Zweitürmigkeit (die Pfarrkirchen selbst bedeutender Reichsstädte hatten in der Regel nur einen Turm), die das herrschaftliche Gepräge eines sakralen Pfalzbaues hervorheben sollten. Auch die Doppelchörigkeit, so nahe am Übergang zur Gotik, war ein Anachronismus. Doch sie hatte einen mystischen Bezug zur Reichsidee: Der Ostchor, der aufgehenden Sonne zugewandt, symbolisierte das ewige Reich Christi nach der Auferstehung. Der westliche, kleiner Chor, der untergehenden Sonne zugewandt, vergegenwärtigte das vorläufige Reich des Kaisers auf Erden als eines „Vicarius Christi“. Herrschaftsbezogene Bedeutung hatten auch die in St. Sebald ebenfalls vorhandenen Triforien, wie sie als Bauelement an sich damals ebenfalls schon überholt waren. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts musste das Querschiff dem geplanten parlerschen Hallenchor weichen.

St. Sebald, Innenansicht, Nürnberg

St. Sebald, Innenansicht, Nürnberg

Dem Vorbild des Einraumkirchentypus der Dominikaner, eines Bettelorden des Hohen Mittelalters, der jeden übertriebenen Schmuck für Kirchen ablehnte und auf Türme und Querschiffe etc verzichtete (Musterbeispiel: Dominikanerkirche in Regensburg und Dominikanerbau in Bamberg) folgend, hob er die Seitenschiffe zur Höhe des Hauptschiffes an. Man spricht bei dieser Bauweise, die sich von den abgestuften Ostabschlüssen mit den mächtigen Schwibbögen von Notre-Dame in Paris oder dem Regensburger Dom so sehr unterscheidet, von der „Nürnberger Sondergotik“. Es ist der erste Schritt zur Bürgerkirche.

 

Zweite Stadtpfarrkirche St. Lorenz

Die das städtische Bild in zwei Hälften teilende Pegnitz markierte ursprünglich auch die Bistumsgrenze zwischen Eichstätt und Bamberg. In dieser Zeit mag sich bereits eine gewisse Rivalität zwischen der Patrizierstadt St. Sebald und der Handwerkerstadt St. Lorenz geregt haben. Sie führte in baulicher Hinsicht zu einem heute noch stadtbeherrschenden Wettstreit zwischen den dominanten Stadtpfarrkirchen. Ungeachtet dieser Polarität blieb das verbindende Prinzip der Gesamtstadt erhalten.

Die Anfänge der Lorenzkirche reichen bis 1280 zurück. An die bereits frühgotische Anfangsphase von St. Lorenz erinnert heute noch das Langhaus mit seinem kargen Strebewerk und den streng proportionierten Spitzbogenarkaden. Offenbar wurde mit dem Bau des Kirchenschiffes ungefähr gleichzeitig von zwei Seiten begonnen, wie dies die an oberrheinische Vorbilder (Münster in Straßburg, Freiburg) anklingenden Bündelpfeiler bezeugen. Der Geist strenger Mystik (Religiös-philosophische Bewegung des Hochmittelalters mit starker geistiger Verinnerlichung: Hauptvertreter in Deutschland: Meister Eckehard, Hildegard v. Bingen) stellt mit der sog. „Sargwand“ über den Arkaden eine ausgesprochen asketische Raumgasse vor Augen und erinnert damit an einstige Bettelordenkirchen (Franziskaner und Dominikaner; vgl. FN). Die relativ kleinen Fenster im Obergaden lassen nur spärlich begrenzte Lichtwirkung zu. Auch die vierteiligen Kreuzrippengewölbe charakterisieren lineare Strenge und Zurückhaltung.

Völlig neue Tendenzen blühen um die Mitte des 14. Jahrhunderts in der westlichen Schmuckfassade zwischen den beiden älteren Türmen auf. Die ungewöhnlich reiche Dekoration der Lorenzer Schauseite hat in der Bautradition Nürnbergs keinen Vorläufer, muss also aus anderen Quellen begriffen werden.

St. Lorenz Nürnberg

St. Lorenz Nürnberg

Im Zeitalter Karls IV. kommt einerseits die Prager Bauhütte in Frage, andererseits das den Beginn deutscher Sondergotik ankündenden, von der Bauhütte der Familie Parler errichtete Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd. Zu den Glanzleistungen der Lorenzer Kirchenfassade gehört die steinerne Rosette (Durchm. 10,28 m), deren Sockel eine Scheingallerie bildet, die als vereinfachte Andeutung jener Kaiseremporen zu verstehen ist, die man von der Nürnberger Burgkapelle, über die alte Egidienkirche und St. Sebad bis zur Frauenkirche als permanentes imperiales Element beobachten kann. Für die Rosette gibt es in Nürnberg keine Vorbilder. Sie sind in Nordfrankreich, vor allem in der Kathedrale von Rouen zu finden. (Karl IV wurde in Paris erzogen und unterhielt später enge Beziehungen zum päpstlichen Hof von Avignon). Ein weiterer Höhepunkt der Lorenzer Baugeschichte ist der Hallenchor.

 

Chor, St. Lorenz, Nürnberg

Chor, St. Lorenz, Nürnberg

Im 15. Jahrhundert führte die Überweisung der Reichskleinodien nach Nürnberg zu einer urbanen Baugebärde ersten Ranges. Diese wurden in St. Lorenz aufbewahrt und von der Frauenkirche aus dem Volk präsentiert. (siehe oben) Die Bürger errichteten aus eigenem Vermögen den Lorenzer Ostchor, eine der großartigsten Schöpfungen bürgerlicher Sondergotik in Deutschland. Baumeister war der reichsstädtische Architekt Konrad Heinzelmann (1439-1454), ausgebildet in den reichsstädtischen Bauhütten Ulm und Nördlingen. Ihm folgte 1454 der aus der Regensburger Dombauhütte stammende Konrad Roritzer. Damit werden früheste Künstlernamen in der Reichsstadt greifbar. Die Reihe hervorragender Meister wird abgeschlossen mit Hans Behaim d.Ä, der rasch zum Nürnberger Stadtbaumeister der Dürerzeit aufstieg.

 

Die Schaufassade der Lorenzkirche erfüllte im städtebaulichen Zusammenhang noch eine weitere Funktion. Nachdem mit Sebalduschor, Altem Rathausgiebel (mit Rosette und Luginsland auf der Burggrafenburg die Sebalder Stadthälfte ihren Beitrag zur Ausschmückung des Königsweges zur Burg geleistet hatte, trug auch die Lorenzer Seite, die nach rechteckigem Raster angelegte Stadt der Gewerbetreibenden, ihren Teil zum Königsweg bei. Die „via imperialis“, die heutige Königsstraße wurde zur neuen Blickachse, die vom Weißen Turm auf die Schaufront der Lorenzkirche ausgerichtet war.

Ehemals war die Lorenzkirche vom Stadtfriedhof umgeben, der 1518 wegen zunehmender Pestseuchen nach St. Rochus vor die Mauern der Stadt verlegt wurde. St. Rochus ist ein Aus Südfrankreich stammender Heiliger, der in Pestzeiten angerufen wurde.

Weitere herausragende Architekturbeispiele aus dem Bereich der Profanbauten

Neues Rathaus

In der Enge der bergwärts führenden Burgstraße wirkt sich der Übergang von der Spätgotik zum Nachmittelalter durch die unmittelbare Nachbarschaft des Sebalder Hallenchores und des Neuen Rathauses aus. In den Jahren 1616/22 schuf Jakob Wolff d.J. Nürnbergs imposanten Rathausneubau, der in seinem kompakten Würfelbau deutlich Einflüsse der italienischen Spätrenaissance zeigt. Die allegorischen Gestalten auf den Giebelschrägen der Portale erinnern an Michelangelos Medicigräber in Florenz. In den Dachpavillions finden sich Anklänge an die französische Schlossarchitektur.

Fembo- und Pellerhaus - Beispiele bürgerlicher Wohnkultur

Das Fembohaus von Jakob Wolff d.Ä. ist heute das bedeutendste Nürnberger Bürgerhaus aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Es stellt eine typische Kunstleistung des sog. niederländisch-romanischen Manierismus dar. Es ist das einzig völlig erhaltene, große und repräsentative Bürgerhaus des späten 16. Jahrhunderts. Unter Verwendung der unteren Bauteile eines Steinhauses des 14. Jahrhunderts und einer Altane von 1540 entstand ein Neubau (1591-98) durch den aus ‘s Herzogenbosch (Niederlande) eingewanderten Seidenhändler Philipp van Oyrl. Der pittoreske Schweifgiebel mit Obeliskenaufsätzen kontrastiert wirkungsvoll zu der stark bewegten Dachlandschaft mit -Erkern und Kaminen. Das mächtig in die Straßenflucht des ehemaligen Kaiserweges einspringende Fembohaus verbindet in genialer Weise den sog. „Floris-Stil“ seines Fassadengiebels mit der Nürnberger Dachlandschaft. Ein besonderes Kleinod im Inneren ist ein Deckengemälde von Peter Flötner, das den Krieg überstand. Das Fembohaus vermittelt wenigstens teilweise die Erscheinung des im letzten Krieg weitgehend zerstörten Pellerhauses am Egidienberg. Von diesem schönsten deutschen Renaissancebau haben sich nur noch malerische Reste der Fassade und im Arkadenhof erhalten. Die Nachkriegsüber- und -einbauten beherbergen heute einen Teil der Stadtbilbliothek und Kulturräume.

Tucherschlösschen

Eine Nürnberger Besonderheit stellen die sog. Patrizierschlösser dar. Im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit begannen reiche Kaufmanns- und Ratsfamilien den Lebensstil des Adels zu imitieren und errichteten sich in und um Nürnberg schlossartige Anwesen, von welchen ca. dreißig noch bestehen und teilweise noch von alten Nürnberger Patrizierfamilien bewohnt werden. (Tucher, v. Führer, v. Löffelholz, Haller, etc.) Der für Lorenz Tucher einst errichtete repräsentative Bau wurde in den letzten Jahren vorbildlich restauriert (Hirsvogelsaal im Gartenhaus) und beherbergt heute ein Museum. Es wurde 1533-44 wohl nach einem Entwurf von Paulus Behaim unter Mitwirkung von Peter Flötner in Anlehnung an französische Renaissanceschlösser erbaut.

Sog. Nassauer Haus

Imposantes städtebauliches Gegenstück zur Lorenzkirche ist das benachbarte Schlüsselfeldersche Stiftungshaus, irrtümlich meist Nassauer Haus genannt. Es stellt Nürnbergs eindrucksvollstes Dokument hochmittelalterlicher Profanbaukunst dar. Dieser markante Wohnbau spielte eine bedeutende Rolle bei Kaiserempfängen. An der Schaufassade der Frauenkirche winkelte die via imperialis beim Nassauer Haus rechtwinklig ab, um in Richtung Hauptmarkt, vorbei an der kaiserlichen Hofkapelle der Frauenkirche, dem Alten Rathaus zuzustreben. Dort brachten die Bürger der Majestät ihre Huldigung dar, ehe der Zug auf der hochgelegenen Kaiserburg seinen Abschuss fand. Das Nassauer Haus ist der letzte Zeuge der einstmals in Nürnberg mehrfach vertretenen Turmhäuser. Dieser „Wolkenkratzer des Mittelalters“ kennzeichnet einen in Regensburg noch häufig anzutreffenden wehrhaften Wohnturmtypus. (Vgl. italienische Städte, z.B. San Giminiano)

Das Heilig-Geist-Spital und die soziale Armenfürsorge

Besondere Erwähnung verdient die Einrichtung des für Sondersieche bestimmten Weinstadels, eines Monumentalwerks des Fachwerkbaues. Dort wurden in der Karwoche die ärmsten Einwohner gepflegt. In den erweiterten Bereich solcher Sonderfürsorge zählte auch die mittelalterliche Gründung von "Siechköbeln" an den Hauptverkehrswegen vor den Toren der Stadt. Teils sind sie die Vorläufer der späteren weithin bekannten Außenfriedhöfen von St. Johannis und St. Rochus. Sie sind heute noch erhalten im Stadtteil Johannis hinter dem Johannisfriedhof. Pflegestätten für Arme und Sterbende; Siechenhäuser.Eine völlige Modernisierung erlebte das Spitalwesen in dem großzügigen Aus- und Umbau des Heilig-Geist-Spitals, der vorwiegend in den Händen des Nürnberger Stadtbaumeisters Hans Behaim lag. Vor ihm hatten sich schon auswärtige und einheimische Baumeister bemüht, die für die Verwirklichung des Neubauprojektes erforderliche Überbrückung der Pegnitz technisch zu bewältigen.

 

Heiliggeistspital, Nürnberg

Heiliggeistspital, Nürnberg

Dies gelang erst Hans Behaim, der anlässlich einer Nürnberger Baumeisterkrise 1489 in die Stadt berufen wurde. Ihm war es zu verdanken, dass der Spitalkomplex auch städtebaulich hervorragend gemeistert wurde. Er zählt heute zu den Glanzstücken der Nürnberger Altstadt. Besonders einprägsam ist auch der Innenhof mit seinem kraftvollen Spitzbogenarkaden, dessen Baugesinnung an Florentiner Palasthöfe erinnert. Hans Behaim d.Ä. hat mit dem Spitalbau Heilig-Geist der monumentalen „Großen Form“ der Nürnberger Bautradition ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

 

Nutzbauten

Massive Baukörper mit stadtbeherrschenden Dachaufbauten hatten schon die Hallenchöre von St. Sebald und St. Lorenz gekennzeichnet. Dies galt für den Profanbau ebenso wie für den Sakralbau, denn auch die zu ihrer Zeit allgemein gepriesenen Kornhäuser des 15. und 16. Jahrhunderts waren demselben Formprinzip unterworfen. Sie sicherten nicht nur im Belagerungsfall das Überleben der Stadt, sondern vermittelten gleichzeitig die städtebauliche Einheit des Nürnberger Stadtbildes von der Mauthalle bis zur Kaiserstallung auf der Burg. So weit bewundert waren diese Kornhäuser mit ihren gewaltigen Dachstühlen und großräumigen Schüttböden, dass sie selbst den Kaisern bei ihren Besuchen vorgeführt wurden. Die Mauthalle wurde 1498 - 1502 als Kornhaus von Hans Behaim d. Ä. errichtet. Ab 1572 diente das Gebäude als reichsstädtisches Zollamt („Maut“). Im Bogenfeld des Giebels befinden sich die drei Nürnberger Wappen von Adam Kraft. Auch das ehemalige Unschlitthaus war ein von Hans Behaim d.Ä. errichteter Kornspeicher. Er diente später als Sitz des Unschlitthandwerkes (Sammelstelle für Fette). Der Bau wurde in den Graben der vorletzten Stadtbefestigung gesetzt.

Brückenbauten

Die Verbindung der beiden historischen Stadtteile über den Pegnitzfluss hinweg hat Nürnberg noch einen weiteren Ruhmestitel eingebracht: Nürnberg bietet die reichste Brückenlandschaft Frankens, weit vor Würzburg und Bamberg. Nürnberg bietet seit dem Mittelalter eine Fülle von Varianten, darunter die noch als gotisch erkennbare Derrerbrücke am Trödelmarkt. In der Verbindung von mittelalterlicher Tradition und neuzeitlichem Stadtbewusstsein stellte Hans Beheims Flussüberquerung mit dem Heilig-Geist-Spital einen ersten Höhepunkt dar. Der Schwerpunkt des Transitverkehrs lag im Bereich der schon im Mittelalter funktionierenden Fleischbrücke. Der heutige elegant geschwungene Brückenbogen lässt die mittelalterliche Tradition vergessen, setzt an ihre Stelle eine neuzeitliche Lösung von europäischem Format. Allerdings kann man nicht, wie es vielfach, geschieht die Rialtobrücke in Venedig als einziges Vorbild verstehen. Die konstruktiven Verhältnisse in Nürnberg waren anders und erforderten eine neue Lösung der komplizierten Strukturverhältnisse. Neben dem Zimmermeister Peter Carl und dem älteren Jakob Wolff spielte wahrscheinlich der Nürnberger Ratsbaumeister Wolf Jakob Stromer eine maßgebliche Rolle. Es folgten weitere Brückenbauen (Museumsbrücke, Karlsbrücke, Maxbrücke). Endpunkt war ein erstaunliches technikgeschichtliches Werk: der Kettensteg (1824) von dem Mechanikus Kuppler, Deutschlands erste frei schwebende Flussbrücke und gleichzeitig Prototyp vieler Eisenbahnbrücken des 19. Jahrhunderts.

 

Literaturverzeichnis

Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler; Bayern I: Franken; 1999 Bosl, Karl (Hrsg): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Siebter Band; Bayern; Stuttgart;1965

Reitzenstein, Alexander v. und Brunner Herbert; Reclams Kunstführer. Deutschland. Bd. 1; Stuttgart 1970

Kriegbaum, Friedrich: Nürnberg; 1961

Mulzer, Erich: Die Nürnberger Altstadt, Das architektonische Gesicht eines historischen Großstadtkerns; 1976

HB Kunstführer: Nürnberg. Nürnberger Land. Nr.37

KPZ Zeitung: Kunstpädagogisches Zentrum im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg: Ein Rundgang durch das mittelalterliche Nürnberg. Nr.10

Ein Modell der Nürnberger Altstadt: Text von Dr. W. Schwemmer; Faltblatt des Nürnberger Stadtmuseums im Fembohaus

Koch, Wilfried: Baustielkunde, Das Standartwerk zur europäischen Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart; 2003

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Un-Australische Demonstranten

Der Konflikt um die kulturelle Identität der globalisierungskritischen Bewegung in Australien wird verschärft durch die Form des Ausschlusses von Demonstranten durch die Regierenden. Premier Bracks und Premierminister Howard sprechen ihnen beide die Zugehörigkeit zur Gruppe der Australier ab. Dies geschehe aufgrund ihrer militanten Taktiken und der Verweigerung von Kooperation. Die Rhetorik lässt in ihrer Klarheit auf eine Strategie aus dem Register sozialer Kontrolle schließen: Die öffentliche Herabsetzung. Dabei werden Mitgliedern der Gruppe in einem zeremoniellen Akt bestimmte Zugehörigigkeitssymbole und Rechte zeremoniell aberkannt, um ihr Verhalten im Nachhinein in den Augen der anderen Gruppenmitgliedern zu stigmatisieren und für die Zukunft zu tabuisieren.

Anschaulich erklärt wird die Methode auch in Roach-Anleu, Sharyn.
[quote] „Deviance and Social Control.“ In: Jureidini u. Pool [Hrsg.], 2003. S. 124. „Labelling theorists stress that becoming deviant, or acquiring a deviant self identity, is a process and does not automatically follow rule-breaking behaviour: it depends on a social audience's enforcement of a rule, which may entail a degradation ceremony in which an actor's public identity is ritually destroyed and replaced by another lower status with associated traits, which becomes the most important component of an individual's identity.“ [/quote]

Es geht in der Interpretation von S11 im Jahr 2000 in Melbourne also auch darum, was für australische Bürger zulässig ist. Damit ergibt sich die Frage, ob Widerstand gegen ein als ungerecht angesehenes Gesetz nun dem Australischen Selbstbild entsprechen soll oder nicht. Diese Fragen gehen über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus und berühren kulturelle und nationaltheoretische Themenkomplexe. Es wird im Weiteren also auch darum gehen, herauszufinden, inwieweit sich tatsächlich ein solcher intra-persönlicher Konflikt abspielt, und inwieweit sich globalisierungskritische Demonstranten via den radikal-demokratischen, kanonischen Mythen für ihren Aktivismus motiviert sehen. Kurz, inwieweit wird der ökonomische Konflikt zwischen den dem globalen Kapital verpflichteten Institutionen und den Aktivisten auch auf der Ebene der nationalen und kulturellen Selbstsicht ausgefochten?

Unterrichtsqualität: Übergeordnete Merkmale der Unterrichtsgestaltung

Die zeitgemäßen Methoden der Instruktion sind in der Regel gut theoretisch fundiert und lassen sich dann auch einer lerntheoretischen Schule recht klar zuordnen. In diesem Sinne führt Holzinger (2001) zu den Lerntheorien prototypische Lehrmethoden an oder Kunter (2005) beschreibt konstruktivistische Instruktionsformen (siehe auch Reusser, 2001). Als Beispiel einer, der Vermittlungsperspektive entsprechenden Unterrichtsgestaltung soll im folgenden Beitrag die Methode des programmierten Unterrichts (eng. programmed instruction) dienen. Exemplarisch für die Konstruktionsperspektive wird die kognitive Meisterlehre (cognitive apprenticeship) kurz skizziert werden.

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