Videoüberwachung am Beispiel Londons: Zwischen Sicherheitswahn und Überwachungsparanoia

Autoren: Matthias Feulner, Malkolm Johnsson-Zahn
Die omnipräsente Überwachung durch CCTV - Closed-circuit television zu deutsch Videoüberwachungsanlagen – konnte die Anschläge 2005 in London nicht verhindern. Dennoch fordern einige Politiker auch in Deutschland immer vehementer den Einsatz von CCTV – mit der Begründung die Schuldigen nach der Analyse der Bilder ausfindig machen zu können. Bei näherer Analyse der Diskussion ist das Verständnis des Einsatzes und der Auswirkungen von Videoüberwachungsanlagen jedoch oft nur als unzureichend zu charakterisieren. Am Beispiel des Einsatzes von CCTV-Anlagen in London mit mittlerweile mehr als 1200 Kameras sollen in diesem Beitrag die Folgen der Installation umfassender Systeme näher untersucht werden. Hierzu werden die Geschehnisse rund um die Anschläge 2005 in London nachvollzogen - vom Anschlag auf das Nahverkehrssystem, dem folgenden fehlgeschlagenen Anschlag und der Erschießung eines Unschuldigen durch die Polizei – und im Kontext der Argument für eine Videoüberwachung beleuchtet. Die Videoüberwachung in London ist allerorts präsent. In der Oxford Street überwacht ein System für 500,000₤ Passanten. In der U-Bahn und in Bussen werden bis zu 4,5 Millionen Fahrgäste pro Tag videoobserviert. Weiterhin gibt es Kameras an Bushaltestellen und im Straßenraum. Im Hinblick auf die Erfahrungen mit CCTV in London werden folgend die Annahmen die den Einsatz von CCTV befürworten – Abschreckung, effiziente Entsendung, Selbstdisziplinierung, Kriminalitätsaufklärung – hinterfragt und die Folgen des Kameraeinsatzes aufgezeigt. Hierzu zählen die Aufgabe von Eigenverantwortung, überfordertes und gelangweiltes Sicherheitspersonal und die Rolle von Kameras als Angstmacher. Nicht zuletzt muss in diesem Zusammenhang auch die Kameraüberwachung als der perfekte Disziplinierungsapparat (Focault) und als eine Manifestation einer generellen Ausdehnung von Macht sowie als eine politische Technik für die Produktion gehorsamer Individuen diskutiert werden.

Chronologie der Ereignisse in London im Sommer 2005:

7.7.2005: Anschlag auf Londons Nahverkehrssystem

Am Morgen des 07. Juli 2005 zünden vier Selbstmordattentäter, so genannte ‚Rucksackbomber’, den aus alltäglichen Gebrauchsgegenständen herstellbaren aber sehr instabilen Sprengstoff HMTD im Londoner Nahverkehrssystem und töten dadurch 56 Menschen und verletzen 700. Fast zeitgleich erschüttern an jenem Tag drei Detonationen die Londoner Subway. Die Bombe im Zug 311, der auf der Picadilly-Linie vom Bahnhof King’s Cross kommend in Richtung Russell Square unterwegs war, explodiert an den hinteren Türen des ersten Waggons und reißt 26 Menschen und den Attentäter, den 19 Jahre alten Germaine Lindsay in den Tod (Vgl. BBC News (2005), InDepth. London Attacks). Die zweite Bombe, gezündet vom 24 Jahre alten Shehzad Tanweer im zweiten Waggon des Zuges 204, der auf der Ringlinie vom Bahnhof Liverpool Street in Richtung Aldgate unterwegs war, tötet sieben Menschen und den Attentäter und verletzt 100 Menschen, mindestens zehn davon schwer. Weitere sieben Menschen sterben bei der dritten Detonation, verursacht durch den 30 Jahre alten Mohammad Sidique Khan an der Edgware Road auf der Circle-Linie. Die vierte Detonation fordert knapp eine Stunde später in einem Doppeldeckerbus am Tavistock Square weitere 13 Todesopfer. Der 18-jährige Hasib Hussain zündete diese Bombe. Aufgrund der Vorfälle wurden zunächst viele U-Bahn-Stationen evakuiert und das gesamte Bus- und U-Bahn-Netz stillgelegt. Am Abend wurde der öffentliche Verkehr teilweise wieder aufgenommen. Das Bankenviertel und weit über 40 Straßen blieben zeitweise gesperrt. Der Handel an der Londoner Börse wurde ausgesetzt. Später wurden die vier Terroristen auf Videoaufnahmen der U-Bahn-Bereiche gefunden und konnten identifiziert werden.

21.7.2005: Fehlgeschlagener Anschlag

Zwei Wochen später, am 21. Juli 2005 missglückt ein weiterer Anschlag auf Londons Nahverkehrssystem (Vgl. Wikipedia (2005): 21 July 2005 London bombings, http://en.wikipedia.org/wiki/21_July_2005_London_bombings, 14.01.2006). Nur die Zünder von vier Bomben explodieren um die Mittagszeit in Zügen auf den U-Bahn-Stationen Shepherds Bush in West London, Oval auf der Nordlinie und Warren Street auf der Victoria-Linie und in einem Doppeldecker-Bus der Linie 26 in East London. Ein fünfter Attentäter legt seine Rucksackbombe ab, ohne zu versuchen sie zu zünden. Als Reaktion werden die betroffenen U-Bahn-Linien gesperrt und evakuiert. Es kommt niemand zu Schaden und die Täter können zunächst flüchten. Am selben Tag kommt es zu zahlreichen Verhaftungen, die später von der Polizei als ‚nicht zu den Anschlägen in Verbindung stehend’ bezeichnet werden. Am Tag darauf werden Bilder der mutmaßlichen Terroristen veröffentlicht, die von Überwachungskameras aufgezeichnet wurden (s. Abb. 03). Drei Tage später, am 25 Juli 2005, identifiziert die Polizei zwei der Attentäter anhand der Bilder als Muktar Said Ibrahim und Yasin Hassan Omar. Letzterer wird von der Polizei am 27. Juli in Birmingham verhaftet. Es kommt zu weiteren Verhaftungen von Verdächtigen, die sich später als unschuldig erweisen. Am 29. Juli sind schließlich alle Gesuchten gefasst, darunter Ramzi Mohammed, sein Bruder Whabi und Osman Hussein, der in Rom verhaftet wurde. Am 8. August werden die in Großbritannien inhaftierten Attentäter verurteilt.

07.2005: Erschießung eines Unschuldigen durch die Polizei

Am 22. Juli 2005 erschießen Polizisten in zivil den 27-jährigen, in Süd-London lebenden brasilianischen Elektriker Jean Charles de Menezes (Vgl. MSNBC News (2005), U.K. police defend shoot-to-kill after mistake). De Menezes wurde fälschlicherweise mit den Anschlägen vom Vortag in Verbindung gebracht. Der Vorfall ereignete sich nachdem Polizisten in einem der nicht explodierten Rucksäcke die handschriftliche Adresse eines Apartmenthauses in der Scotia Road in Tulse Hill, wie sich später herausstellte dem Wohnhaus eines Freundes von einem der Attentäter (Vgl. Londonist (2005): More Background on Stockwell Shooting), fanden und dieses observierten. De Menezes wohnte in der Wohnung unter der des Mannes und verließ das Haus nachdem er einen Anruf bekommen hatte, er solle einen kaputten Feuermelder in Kilburn reparieren. Einer der Beamten beobachtete ihn dabei, verglich ihn mit den CCTV-Bildern der Verdächtigen und meldete, es wäre lohnenswert wenn jemand anderes die Person ‚unter die Lupe nähme’ (Vgl. Wikipedia (2005): Jean Charles de Menezes, http://en.wikipedia.org/wiki/Jean_Charles_de_Menezes), da er selbst gerade dabei sei sich zu erleichtern und daher keine Videokamera anschalten könne um Bilder der Person an „Gold Command“, der zuständigen Polizeizentrale, zu senden. Aufgrund dieser Aussage ging die Zentrale davon aus, einen Selbstmordattentäter positiv identifiziert zu haben und befahl weitere Observierung und Verfolgung des Verdächtigen. Die Beamten folgten de Menezes, der zur Haltestelle Tulse Hill der Buslinie 2 ging und dort in den Bus stieg. Mehrere in zivil gekleidete Polizisten stiegen mit ein. Während der 20-minütigen Fahrt zum Bahnhof Stockwell stieg de Menezes einmal aus, wartete einen Moment und stieg wieder ein. Später berichteten die Beamten, sie seien sich sicher gewesen den Richtigen zu haben aufgrund seiner „mongolischen Augen“ und sie kontaktierten „Gold Command“ um zu melden, dass der Verdächtige zur Beschreibung zweier Attentäter vom Vortag passe. Daraufhin erteilte „Gold Command“ die Erlaubnis für „Code Red tactics“ und befahl, de Menezes am Einsteigen in einen Zug zu hindern und ihn möglichst noch vor dem Bahnhof festzunehmen. Das Kommando wurde an die Sondereinheit SO19 übergeben, die bewaffnete Beamten zum Bahnhof Stockwell entsendete. Um ca. 10:00 Uhr betritt de Menezes den Bahnhof, anscheinend unwissend, dass er verfolgt wird. Er bezahlt sein Ticket, durchquert die Drehkreuze und nimmt die Rolltreppe nach unten. Auf dem Bahnsteig angekommen rennt er los um den gerade einfahrenden Zug zu nehmen. Er steigt ein und setzt sich auf den nächsten freien Platz. Drei Observierungsbeamte mit den Codenamen Hotel 1, Hotel 3 und Hotel 9 folgen de Menezes in den Zug. Hotel 3 setzt sich zwei oder drei Plätze links von ihm hin. Als die bewaffneten Polizisten der Sondereinheit auf dem Bahnsteig ankommen, geht Hotel 3 zur Tür, blockiert diese mit seinem Fuß und ruft „Er ist hier!“ um zu signalisieren wo der Verdächtige ist. Die Beamten der Sondereinheit stürmen den Waggon und exekutieren de Menezes, der keine Gelegenheit hat zu reagieren, mit sieben Schüssen in den Kopf (s. Abb. 04). Direkt nach dem Vorfall gibt die Polizei bekannt, dass die Erschiessung in direktem Zusammenhang mit den Untersuchungen vom Anschlag des Vortags verknüpft ist und dass die Polizei die Anordnung zur „shoot to kill“-Taktik bekommen hat, d.h. dass auf den Kopf statt auf den Körper geschossen werden soll um möglichen Sprengstoff nicht zu zünden.

Am nächsten Tag ist das Opfer identifiziert und die Polizei erklärt, dass de Menezes weder Sprengstoff bei sich trug noch in irgendeiner Weise mit den Anschlägen in Verbindung stand. Eine offizielle Entschuldigung wird von den Angehörigen nicht angenommen. De Menezes habe sich in keinster Weise auffällig verhalten oder verdächtig ausgesehen. Metropolitan Police Commissioner Sir Ian Blair erklärt, es sei versucht worden de Menezes bereits vor dem Bahnhof aufzuhalten und dass eine Warnung vor den Schüssen erfolgt sei. Augenzeugen hingegen berichten, dass die Polizei sich nicht zu erkennen gegeben hat und dass de Menezes keine Chance hatte zu reagieren bevor er erschossen wurde. Die ‚Times’ berichtet in Berufung auf Polizeiquellen, dass eine Warnung nicht erforderlich sei, wenn es darum geht, die Gefahr durch einen Selbstmordanschlag zu bannen. Im Polizeibericht steht später, dass wegen eines technischen Problems keine Videoaufnahmen des Vorfalls von Überwachungskameras vorhanden seien und dass selbst die Kamera im Waggon nichts aufgenommen hat, weil die Bänder wegen der Vorfälle des Vortags beschlagnahmt waren. Das CCTV-System auf dem Bahnsteig wird vom ‚Tube Lines consortium’ betrieben aus dem inoffizielle Quellen behaupten, die Kameras seien voll funktionstüchtig gewesen. Es wird auch berichtet, dass Quellen aus ‚London Underground’ darauf bestehen, dass mindestens drei der vier Kameras auf dem Bahnsteig funktionierten. Vorwürfe, dass die von der Polizei wegen der vortägigen Ereignisse konfiszierten Bänder nicht sofort ersetzt worden seien werden auf das schärfste zurückgewiesen.

Überwachung

[quote] CCTV: Abkürzung für “Closed Circuit Television”. Auch gleich bedeutend mit „Videoüberwachung“. Das Haupteinsatzgebiet von CCTV ist die Überwachung von Räumen oder des Verkehrs. Der Name leitet sich von der geschlossenen Kabelverbindung (engl.: closed circuit) zwischen Überwachungskamera und Bildschirm ab. Optional erlauben die Systeme eine Aufzeichnung der Bilder (beispielsweise auf Videoband). Über eine spezielle Videoüberwachungssoftware können zusätzliche Funktionen wie Bewegungserkennung, Gesichtserkennung und Speicherung der Bilder vorgenommen werden. (http://de.wikipedia.org/wiki/Closed_Circuit_Television) [/quote]

Fakten und Entwicklung

London

London ist die bevölkerungsreichste Stadt der Europäischen Union mit ungefähr 7,2Millionen Einwohnern. England hat 50 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung Londons ist im Schnitt jünger als die Großbritanniens. 25 Prozent der Bevölkerung Londons gehören ethnischen Minderheiten an. (6% ganz Großbritannien) (Vgl. Office for National Statistics (1999)). Diese sprechen über 300 verschiedene Sprachen. Londoner legen nur halb so viele Auto-Kilometer aber zweieinhalb mal mehr Eisenbahn-Kilometer zurück als andere Leute im Südosten des Landes. Es wird davon ausgegangen dass es etwa 500.000 Überwachungskameras sind die in der Hauptstadt für Sicherheit sorgen sollen (Vgl. Konstantin Binder (2004)). Ämter und Öffentliche Gebäude werden videoüberwacht. Banken haben an Schaltern und besonders im Bereich von Geldautomaten Kameras. Londoner Flughäfen (Heathrow, Gatwick, Stanstead) und die dazu gehörigen Parkplätze verfügen über CCTV Systeme zur Überwachung. Es gibt Kamerasysteme in allen großen Sportanlagen (Wembly Arena, Earls Court, Olympia Centers, Stamford Bridge...), in Museen (British Museum, National Gallery, Kew Gardens) und an vielen Sehenswürdigkeiten (Westminster Abbey, Tower Bridge...). Die Polizei verfügt über mobile CCTV-Systeme die bei Demonstrationen eingesetzt werden. Standartmäßig werden alle Personen in Polizeigewahrsam gefilmt (Vgl. Metropolitan Police (2001)). Gefängnisse werden von außen und innen mit Kameras kontrolliert, die Besucherräume und zum Teil auch die Zellen selber (McCahill/ Norris (2002)).

In ihrem Bericht über einen beliebigen Tag in London gehen die Autoren Norris und Armstrong 1999 davon aus, dass der Londoner Bürger jeden Tag im Schnitt von über 300 Kameras, gehörig zu 30 verschiedenen Systemen gefilmt wird (Vgl. Norris, Armstrong (1999)).

Entwicklung

Die Meisten CCTV Systeme im UK zeichnen analoge Daten auf. Doch es wird erwartet dass innerhalb der nächsten Jahre nahezu alles auf digitale Speicherung umgestellt wird (Vgl. Parliamentary Office of Science and Technology (2002)). Dies ermöglicht:

- die Überwachung des Überwachungspersonals (Überwachung durch Dritte möglich)

- vereinfachte Bildsuchen

- „self cleaning systems“ ,leichtere Archivierung und Speicherung

- das sekundenschnelle versenden der Bilder an Dritte

- automatische Überwachung (siehe nächsten Absatz)

Automatische Überwachung

- Automatische Gesichts und Nummernschild-Erkennung (s. Abb. 05): CCTV Bilder werden mit denen einer Datenbank verglichen und auf Übereinstimmungen hin überprüft. Besonders die Erkennung von Gesichtern ist aber oft sehr schwierig, da viele der Kameras keine klaren Bilder bekommen oder der Gesuchte sich verkleidet hat.

- Automatisches Verfolgen : Systeme können Personen oder Objekte automatisch von Kamera zu Kamera verfolgen.

- Automatisches Erkennen auffälligen Verhaltens: Computersoftware kann so genanntes auffälliges Verhalten entdecken und melden. Es handelt sich hierbei beispielsweise um schnelle Bewegungen, Menschenansammlungen oder das Abstellen von Gegenständen (Vgl. Thales Research Ltd (2003), Vgl. Parliamentary Office of Science and Technology (2002)).

London und CCTV

„Ring of Steel“

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte erlebte London einen starken Anstieg in der Verbreitung von CCTV Kameras .Im Jahr 1993 beispielsweise wurde als Reaktion auf einen IRA Anschlag ein Kameranetzwerk eingeführt, dass alle Zugänge zur Londoner City überwachen sollte (s. Abb. 06). Dieses System, genannt „Ring of Steel“ oder offiziell „Camerawatch“ wurde seitdem beständig erweitert und vereint in sich 373 verschiedene zum Großteil privat betriebene Systeme mit insgesamt 1200 Kameras (Vgl. Drury (1995), S.28).

Oxford Street

Die Oxford Street als eine der wichtigsten Londoner Einkaufsstraßen verfügt über ein 500,000₤ teures Überwachungssystem. Seine 35 Kameras werden von einem zentralen Kontrollraum überwacht, der in einer nahe gelegenen Polizeistation untergebracht ist (Vgl. Drury (1997), S.3).

London Underground

(Vgl. http://www.thetube.com)

3 Millionen Fahrgäste pro Tag

1000 Millionen Fahrten pro Jahr

500 Züge sind während der Rushhour im Einsatz

275 U-Bahn Stationen

400km Gleisstrecke

Bis zu 900 Personen pro Zug

Das erste Kamerasystem, bestehend aus fünf schwarz-weiß Kameras wurde 1961 in der „Holborn Station“ installiert (Vgl. Drury (1996), S.34). In den Neunziger Jahren wurde damit begonnen, komplett alle Stationen mittels Kameras zu überwachen. Allein die Firma Sony hatte hierfür bis zum Jahr 1996 bereits 5000 Kameras installiert (Vgl. Drury (1996), S.36). Heute gibt es Kameras neben und in den Ticketschaltern, auf den Bahnsteigen und in vielen Zügen. Allein auf der Central-Line, einer Ost-West-Verbindung durch London,die jedes Jahr 166 Millionen Passagiere befördert gibt es 500 Kameras, verteilt auf 34 Stationen (Vgl. Stecklows/Singer/Patrick (2005)). Die ab dem Jahr 2000 eingeführte Generation neuer U-Bahn Züge verfügt über ein so genanntes „track-to-train“ System, dass dem Fahrer erlaubt Aufnahmen aus dem Zuginneren, den Zugtüren und vom Bahnsteig der nächsten Stationen jederzeit einzusehen (Vgl. Drury (1995), S.28). Im Jahr 2002 wurde von der „London Underground“ die „Operation Hawkeye“ gestartet. Hierbei werden alle der 58 an die Stationen angeschlossenen Parkplätze per CCTV überwacht und von 3 Kontrollräumen aus beobachtet (s. Abb. 07).

Busse

4,5 Millionen Fahrgäste pro Tag

8000 Busse

bis zu 140 Fahrgästen pro Bus

alle modernen Busse verfügen über Kameras im Wageninneren.

Zusätzlich gibt es Kameras an den Bussen und im Straßenraum welche die Busspuren überwachen, so dass diese nicht unerlaubterweise befahren werden.

Strassen

Kameras werden im Straßenverkehr eingesetzt um Verkehrsvergehen zu ahnden. Zusätzlich zu den 650 mobilen Anlagen (Vgl. Sunday Times, 24 Februar 2002) gibt es eine Vielzahl fest installierter automatischer Kameras, die vor allem die Geschwindigkeiten und die Ampelphasen kontrollieren. Seit dem 17. Februar 2003 muss jeder der Werktags zwischen 7:00 und 18:30Uhr mit seinem Auto in die Londoner Innenstadt fährt pro Tag 5₤ bezahlen. Sämtlicher Verkehr der die 13km² große Fläche befährt wird beim passieren der Zu- und Ausfahrten von zwei Kameras gefilmt. Einmal in Farbe um das Auto und seine Umgebung abzubilden und einmal von einer Monokamera die das Nummernschild erfasst. Alle Daten werden automatisch an einen Zentralrechner geschickt, der überprüft, ob der Wegezoll entrichtet wurde. Das System kann 300.000 Fahrzeuge pro Stunde kontrollieren (Vgl. The Times (27 Februar 2002), S.10.).

3.Warum kann CCTV funktionieren?

Annahmen die den Einsatz von CCTV befürworten

- Abschreckung

Das Risiko für eine potentielle Straftat wird höher, und wird so unterlassen, oder anderswo durchgeführt.

- Effiziente Entsendung

Polizeimittel können effizienter verwendet werden, da gezielt Einsatzkräfte entsandt werden können.

- Selbstdisziplinierung

-der potentiellen Opfer: Kameras erinnern an die latente Gefahr zum Opfer zu werden und mahnen zur Vorsicht

-der potentiellen Straftäter: Nach der Foucaultschen Theorie (Vgl. Referat vom 12.01.2006) beginnen Individuen sich selbst zu disziplinieren und unterlassen kriminelle Aktionen aus Angst vor Überwachung und Strafe.

- Aufklärung

Aufgezeichnetes Material kann im Nachhinein zur Auffindung und Überführung der Straftäter führen.

4.Bedenken gegen den Einsatz von CCTV

Bürgerrechtsbedenken und Nutzungsprobleme

- Privatsphäre des Einzelnen

Durch immer leistungsfähigere Überwachungsnetze kann die Privatsphäre einzelner Personen grob verletzt werden. Durch lästige Spionage oder durch automatische Erkennungssoftware ist es möglich Personen zu diffamieren oder sogar zu kriminalisieren.

- Diskriminierung

Der Augenmerk des Kontrollraumpersonals kann sich aus diskriminierende oder rassistischen Motiven z.B. auf männliche jugendliche, ethnische Minderheiten etc. richten.

- Weitergabe an Dritte

Bilder können ohne Einverständnis des Einzelnen weitergegeben werden und z.B. in den Medien oder für Bestechungszwecke verwendet werden.

Weitere Probleme:

Verlagerung

Es besteht die Gefahr dass Kriminalität sich in Gegenden verlagert, die nicht im Bereich der Überwachung liegen.

Nutzungsprobleme

- Bildqualität: Um Vandalismus entgegenzuwirken werden Kameras oft in größerer Höhe angebracht (s. Abb. 08). Dies führt aber zusammen mit anderen Faktoren wie Beleuchtung dazu dass oft keine Wiedererkennung der gefilmten Personen möglich ist, z.B. weil durch den Winkel die Gesichter schlechter zu sehen sind.

- Material ausfindig machen: Um Beweise im gefilmten Material ausfindig zu machen ist oft sehr viel Aufwand nötig. Im Fall des “Brixton Nail Bomber” wurde 4000 Stunden lang das Material von 1097 CCTV-Bändern gesichtet (Vgl. The Parliamentary Office of Science and Technology (2002)). Auch ist die Existenz und der Standort vieler vor allem privater Systeme unbekannt und kann nicht Bestand einer systematischen Suche werden.

Technische Probleme: Die große Bandbreite verschiedener Aufzeichnungsformate verhindert eine universelle Kompatibilität der Systeme und erschwert die Suche nach nützlichem Material.

- Authentizität der Bilder: Die Echtheit der Bilder wird durch die Möglichkeiten digitale Bilder zu verändern in Frage gestellt. Zwar gibt es technische Möglichkeiten Bilder mit einer art Wasserzeichen zu markieren, doch besteht letztlich die Gefahr dass auch diese manipuliert werden können.

Menschliche Schwächen

Aufgabe von Eigenverantwortung: Wenn Zeugen einer Straftat sich darauf verlassen, dass die Beobachter der durch CCTV übertragenden Bilder Hilfe senden, bzw. sich um das Problem kümmern, schwindet die Bereitschaft, selbst einzugreifen.

- überfordertes/ gelangweiltes Personal: Da ein Wachmann oft sehr lange Zeit sehr viele Bildschirme beobachten muss, ist er mitunter überfordert, wenn es darum geht, kriminelle Vorfälle zu erkennen. Die Eintönigkeit dieser Arbeit lässt Beobachtungspersonal schnell abgelenkt und somit unaufmerksam sein.

- Kameras als „Angstmacher“: Menschen die sich an einem Ort aufhalten, der ihnen bisher eigentlich als sicher bekannt war, können sich durch die Präsenz von Kameras ermutigt fühlen, diesen Ort als gefährlich einzuschätzen, weil es immerhin für nötig gehalten wurde, ihn mit Videokameras auszustatten.

Auswertung einer Studie zu bestehenden CCTV-Systemen

In einer 2005 vom Britischen Innenministerium in Auftrag gegebenen Studie werden 14 verschiedene CCTV Systeme untersucht (Vgl. Home Office Online Report (2005)).

Die Systeme, welche im Allgemeinen alle darauf abzielten Kriminalität und die Angst vor Kriminalität zu reduzieren wurden auf verschiedene Punkte hin analysiert:

Technische Charakteristiken jedes Systems, Kontrollräume und deren Überwachungsschemen, Zu- und Abnahme der Kriminalität und Kosten-Nutzen-Analysen.

Manche der untersuchten CCTV Systeme hatten auch weiterreichende Zielsetzungen, wie die Aufwertung von Stadtzentren, oder die Reduktion von Gebäudeleerstand. Bei Systemen die offensichtlich zu einer Veränderung der Kriminalität geführt hatten wurden dann die Ursachen hierfür untersucht. Die Systeme wurden in drei Gruppen unterteilt: Stadtzentren, Wohngebiete und verschiedene Nutzungen. Die Tabelle (s. Abb. 09) zeigt die Art und die Veränderung in der Anzahl der Verbrechen, die Verbindung zur Kameraüberwachung, Parallelaktionen (z.B. Verbesserung der Straßenbeleuchtung), die mitverantwortlich sein könnten für eine Verlagerung der Kriminalität, und ob die Angst der Menschen vor Verbrechen reduziert werden konnte. Doch der Installation der meisten Systeme folgte keine statistisch relevante Veränderung der Kriminalität. Die Veränderungen können alle auch aufgrund zufälliger Schwankungen und anderer Faktoren wie landesweite Kriminalitätsverhütungskampagnen aufgetreten sein. So werden von den Verfassern der Studie nur bei zwei Systemen signifikante Rückgänge von Kriminalitätsraten festgestellt. Das „City Outskirts“-System beobachtete 68% des Zielgebietes, das ein Wohngebiet, ein Krankenhaus und ein Industriegebiet umfasst. Die Rate der Diebstähle sank um 42% und die der Autodiebstähle um 55%. Das unter dem Namen „Operation Hawkeye“ (s.o.) eingeführte System, das Parkplätze überwacht drückte die Autodiebstahlrate um 73%. Interessant ist jedoch, dass die insgesamt 646 Kameras 95-100% der Parkplätze abdeckten und trotzdem noch Autos geklaut wurden. So werden von den Verfassern der Studie nur zwei Systeme als bedeutend gewertet. Das sind: „City Outskirts“ und „Hawkeye“ die beide einen hohen Rückgang der Kriminalität verzeichneten. Zusammenfassend wurde erklärt, dass der Nutzen von CCTV Systemen stark variiert. Abhängig von der Gegend, von der Art und dem Ausmaß und den Ursachen der Kriminalität und ebenfalls von anderen Faktoren, wie dem Engagement und den Fähigkeiten der Betreiber und der Angestellten. Es wird abschließend festgestellt, dass der Glaube, CCTV allein könne komplexe soziale Probleme lösen unrealistisch sei, dass höchstens zusammen mit anderen Maßnahmen die Möglichkeit bestünde positive Resultate zu erzielen und dass noch viel Forschung betrieben werden müsse um die Gesamtheit dieser Faktoren zu bestimmen und zu optimieren.

Fazit

Die Sicherheitssysteme der Londoner U-Bahn konnten die Anschläge vom 07. Juli nicht verhindern, allerdings halfen Videoaufnahmen dabei, die Selbstmordattentäter im nachhinein zu identifizieren. Jedoch war die im gesprengten Bus angebrachte Kamera bereits seit dem Vormonat nicht funktionsfähig (Vgl. The Observer (2005)). Für die Täter vom 21. Juli waren Sicherheitssysteme auch nicht hinderlich, ihr Anschlag wurde lediglich dadurch vereitelt, dass der Sprengstoff nicht zündete. Da sie nach der Tat noch auf freiem Fuß waren, begann eine beispiellose Jagd, bei der die Täter wieder anhand von Videoaufzeichnungen schnell identifiziert und gefasst werden konnten. Jean Charles de Menezes wurde ein Opfer der Fehlinterpretation von Videoaufnahmen, da die ihn observierenden Polizisten sich auf Ähnlichkeiten mit den Bildern der gesuchten Personen stützten. Es war kein auffälliges Verhalten bei de Menezes festzustellen, auch dass jemand über den Bahnsteig rennt um den Zug zu bekommen ist normal. Er trug auch keine unangebrachte Kleidung, unter der Sprengstoff vermutet werden konnte. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er im selben Haus wohnte, das observiert wurde und dass seine und die Augen zweier Attentäter als mongolisch interpretiert wurden. Nachdem deutlich wird, dass die Existenz von Videoaufnahmen der Erschießung von de Menezes von der Polizei vertuscht wird und dass diese Aufnahmen die Polizei stark belasten könnten, stellt sich die Frage, wer die Überwacher kontrolliert. Sind Videoaufnahmen von Überwachungskameras nicht unter die Kontrolle eines unabhängigen Gremiums zu stellen um Missbrauch wie diesen zu verhindern? Die Anschläge in London haben die Möglichkeiten der Videoüberwachung aufgezeigt, indem die Behörden schnell relativ hochwertige Bilder der Attentäter präsentieren konnten. Sie haben aber auch die Grenzen von Videoüberwachung deutlich gemacht. Londons Überwachungssystem, eines der umfangreichsten der Welt, hatte den Anschlägen nichts entgegenzusetzen. Die abschreckende Wirkung von Videoüberwachung ist eben bei Tätern, die bereit sind ihr Leben zu lassen kaum zu erreichen (Vgl. Dorning (2005)). Doch obwohl die universelle Wirksamkeit von CCTV fragwürdig ist, hat das Ausmaß an Videoüberwachung, nicht nur in Großbritannien, in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Mögliche Gründe hierfür sind:

- Die augenscheinliche Logik („muss einfach funktionieren“)

- Die scheinbare öffentliche Unterstützung

- Politischer Aktionismus („wir machen was“)

- Medien-präsente Erfolge („Subway Bombers“)

Die permanente, mancherorts omnipräsente Überwachung durch CCTV ruft Vergleiche mit den panoptischen Techniken von Bentham hervor (Vgl. Fyfe/Bannister (1996), S.36-46). Wenn es einem einzigen Blick möglich wäre, dauernd alles zu sehen, wäre das, nach Foucault, der perfekte Disziplinierungsapparat (Vgl. Foucault (1977), S. 224). CCTV kann so als eine Manifestation einer generellen Ausdehnung von Macht gesehen werden, als eine politische Technik für die Produktion gehorsamer Individuen im öffentlichen Raum (Vgl. Hempel/Metelmann (2005), S.16).

CCTV im öffentlichen Raum muss Allgemeinwohl und das Recht des Individuums in Einklang bringen. Um Missbrauch entgegenzuwirken und die Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu erhöhen müssen die nötigen Schritte gegangen werden um die Operation von CCTV Systemen gemäß fairer und toleranter Gesetze sicher zu stellen.

 

 

 

Quellenverzeichnis:

BBC News (2005): InDepth. London Attacks, http://news.bbc.co.uk/1/shared/spl/hi/uk/05/london_blasts/what_happened/..., 14.01.2006

Binder, Konstantin (2004): CCTV - Smile, you're on camera!, http://www.londonleben.co.uk/london_leben/2004/07/cctv_smile_your.html, 14.01.2006

Center for Criminology and Criminal Justice, University of Hull, Michael McCahill, Clive Norris (2002): Urbaneye, CCTV in London.

Dorning, M. (2005): Terror threat sharpens focus on urban spy cameras, http://www.sunherald.com/mld/sunherald/business/technology/12350080.htm, 04.01.2006

Drury, I (1995): CCTV Today.City Challenge

Drury, I (1996): CCTV Today.Digital System Contact.

Drury, I (1997): CCTV Today.Oxford St retailers plan monitoring scheme in time for Xmas 97 shoppers

Foucault, Michel (1977): „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“.

Fyfe, Nicholas R./ Bannister, Jon (1996): „City Watching. Closed Circuit Television Surveillance in Public Spaces”.

Hempel, Leon/Metelmann, Jörg (2005): „Bild-Raum-Kontrolle, Videoüberwachung als Zeichen gesellschaftlichen Wandels“, Suhrkamp 2005. ISBN:3-518-293389-9.

Home Office Online Report (2005) :The impact of CCTV. Fourteen case studies.

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Londonist (2005): More Background on Stockwell Shooting, http://www.londonist.com/archives/2005/08/more_background.php, 14.01.2006

Metropolitan Police (2001): Custordy Suite CCTV Policy, http://www.met.police.uk/publications/special_notice_20-01.htm, 05.01.2006

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Stecklows Steve;Singer Jason;Patrick Aaron O. (2005): Terrror in London. Watch on the Thames,Surveillance Cameras Monitor Much of Daily Life in London,May Help to Identify Bombers, online.wsj.com/public/article/..., 20.12.2005

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Wikipedia (2005): Jean Charles de Menezes, http://en.wikipedia.org/wiki/Jean_Charles_de_Menezes, 05.01.2006

Comments

Der Österreicher Nino Leitner hat sich in Großbritannien umgeschaut und einen Dokumentarfilm mit Interviews zur Situation auf der Insel gemacht. Polizisten, CCTV Operateure, Forscher - u.a. Clive Norris, und Experten kommen zu Wort. Es ist ein exzellenter Film in Form und Inhalt, der vor allem die Komplexität des Themas berücksichtigt. Ich war erstaunt über manche Entwicklungen in Bezug auf Videoüberwachung, die selbst mir nicht bekannt waren. Ich habe den Film heuer auf einem Filmfestival in England gesehen, kommt aber demnächst auch zum FilmFest Osnabrück im Oktober ... Aber schaut euch einfach mal den Trailer an: http://www.EveryStepYouTake.org

Tatsächlich kann man ja in englischen Städten praktisch von jedem Standpunkt aus mindestens eine Überwachungskamera sehen. Jetzt geht es noch einen Schritt weiter: Fahrradschlösser werden aufgerüstet und alarmieren "die zuständige Kamera" und Leitstelle. Durch solch eine Vernetzung mit anderen Systemen wird die Überwachung aktiv, denn bisher konnte meist nur "post mortem" Material analysiert (Verhaltens- und Gesichtserkennung sind noch nicht wirlich "reif") werden. Ich finde dort entsteht eine neue Qualität der Überwachnung, die ahnen lässt, was noch kommen wird. Auf meinem Blog http://m2m-blog.de habe ich aus technischer Sicht einige Zeilen dazu geschrieben.