gewaltfreiheit

Gewaltfreiheit und Humanismus – Interview mit Helga Weber und Wolfgang Zucht

Helga Weber (*1935) und Wolfgang Zucht (*1929) leben in Kassel und betreiben die Versandbuchhandlung und den Verlag Weber & Zucht. Beide gehören zum HerausgeberInnenkreis der Zeitschrift Graswurzelrevolution und sind mit der War Resisters’ International (WRI) seit Anfang 1960 verbunden. Helga Weber ist Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK). Wolfgang Zucht ist Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IDK e.V.)1


Helga Weber und Wolfgang Zucht im Verlagsbüro in Kassel


Welche politischen Einflüsse gab es in eurer Jugend, die für eure weitere Entwicklung bedeutsam waren?


Helga Weber: Meine Eltern waren in den späten 1920er Jahren Mitglied im Internationalen Jugend-Bund, der Vorgängerorganisation des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK)2 und auch in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) – bis zur Entscheidung der Unvereinbarkeit einer gleichzeitigen Mitgliedschaft in beiden Organisationen. Daraufhin entschied sich meine Mutter für den ISK und mein Vater blieb in der KPD.


Meine Eltern haben unabhängig voneinander in ihrer Jugend den Kirchenaustritt vollzogen. Bei meiner Mutter geschah das als Protest gegen Kriege. Sie hatte mit 18 Jahren (etwa 1925) das Buch „Die Waffen nieder“ von Bertha von Suttner3 gelesen. Im christlichen Glauben erzogen, war für meine Mutter dieses Buch der Auslöser für ihre Empörung: Warum kann Gott überhaupt Kriege zulassen? ... und: wenn so etwas schreckliches wie Krieg in Gottes Namen passiert, dann wollte sie nicht zu der Kirche gehören, die das so vertrat. Ich habe sie leider nicht gefragt, ab wann sie sich dann als Freidenkerin betrachtet hat. – Für ihre Familie war es sehr schmerzlich und einige haben ihren Kirchenaustritt nie vergessen. Es gab ältere Verwandte, zum Beispiel die Schwester meiner Großmutter, die noch in den 1960er Jahren deshalb aus Sorge für uns gebetet hat. In der Familie meines Vaters war das anders, sein Vater und einige der älteren Geschwister sind wohl schon in den frühen 1920er Jahren aus der Kirche ausgetreten.


Während meiner Schulzeit – als wir von 1943 bis 1949 in einem kleinen Dorf als Evakuierte lebten - hat mein Vater dann auch versucht zu verhindern, dass ich zu stark mit Religion in Berührung kam. Deshalb durfte ich beim traditionellen Weihnachtsspiel nicht mitmachen. Zwar nahm ich am Religionsunterricht teil, brauchte aber nicht dafür zu lernen, weil ich ja nicht „dazu“ gehörte. Am späteren Konfirmationsunterricht nahm ich allerdings nicht teil. – Für meinen Vater war „Religion Opium fürs Volk“. Er wollte nicht, dass ich unter diesen „Rauschmittel“-Einfluss geriete. In den weiteren Jahren durfte ich dann doch mitspielen, weil meine Mutter das nur als ein Theaterspiel sah, vor allem aber nicht wollte, dass ich in dem Dorf zur Außenseiterin würde als Kind.

Meines Wissens waren wir in diesem Dorf die einzige Familie, die keiner Religion angehörte. An die Gespräche mit meinen Eltern über diese Fragen und wie sich meine Einstellung dazu im einzelnen entwickelte, erinnere ich mich nicht mehr. Aber wohl daran, dass ich recht selbstbewußt mit den anderen Mädchen mehr oder weniger kindliche Streitgespräche über Gott im Himmel und andere christliche Vorstellungen hatte.


Wolfgang Zucht: In bin in einer evangelischen Familie aufgewachsen. Mein Vater hatte eine kritische Haltung zur Kirche und zum Glauben, wie das oft typisch bei Protestanten ist. Mit dieser Haltung bin ich als Kind aufgewachsen. In der Grundschule, 1935-1939, habe ich am Religionsunterricht teilgenommen, fünf mal in der Woche immer in der 1.Schulstunde. Das war der Schwerpunkt des Schulunterrichts während der ersten vier Jahre. Daraus haben sich dann bei mir Alp-Träume entwickelt. Es war furchtbar, wenn ich die Geschichten aus dem alten Testament hörte.


Wir wohnten damals in einem Dorf in der Uckermark (Brandenburg) und wir waren in das dörfliche Leben stark eingebunden. Gute persönliche Beziehungen zum Pastor spielten eine wichtige Rolle. Als wir 1943 dann in die Stadt Brandenburg (an der Havel) zogen, waren wir freier. Meine Eltern sind dann – ich war 14 Jahre alt – aus der Kirche ausgetreten.


Nach dem Krieg hatte ich Ende der vierziger Jahre in der Schule einen Mathematik-Lehrer, der großen Einfluß auf uns hatte, mit den Erfahrungen der Nazizeit zurechtzukommen und die Demokratie und den Kapitalismus zu verstehen. Dieser Lehrer vermittelte uns Schülern eine kritische Haltung zu Krieg und Staat. Er war bis Ende der 20er Jahre Mitglied im ISK gewesen. Den hatte er verlassen, weil der ISK auch eine Art Führerideologie vertrat, die er nicht mitmachen wollte. Er vertrat einen freiheitlichen Sozialismus von unten mit Ideen des Gildensozialismus und Anarchismus. Wir hatten einen Philosophie-Arbeitskreis wo das Sokratische Gespräch gepflegt wurde, das eine Gesprächsform ohne Autorität ist. Helga und ich waren also in unserer Jugend bewusst und auch unbewusst im Ideen-Umfeld vom ISK.


Helga Weber: Das ist sicher richtig – und wird mir heute erst richtig klar. Dazu gehörten noch viele andere kleine Aspekte. Während es bei meiner Schulentlassung für mich natürlich keine Feier4 in dem Dörfchen gab, war es 9 Jahre später in Kassel, als mein Bruder aus der Schule kam, ganz selbstverständlich, dass er an der Jugendweihe und den entsprechenden Vorbereitungen teilnahm. Mittlerweile war ja die Selbstorganisation vieler Organisationen wieder möglich geworden. (Nicht zu verwechseln mit der in der DDR praktizierten Jugendweihe.)


Ein anderer Aspekt war, dass meine Eltern sich bereits während meiner Kindheit entschieden und das schriftlich bei der „Feuerbestattung“ hinterlegt hatten, dass sie und ihre Kinder im Todesfall eine Feuerbestattung haben sollten. Dazu gehörte, dass der Verein, der das organisierte, auch anbot, dass (statt des sonst üblichen Pfarrers) ein Redner dieser Organisation die Trauerfeier gestaltete. Und obwohl meine Eltern sich 1929 zur normalen standesamtlichen Trauung entschlossen hatten, wurde noch Jahre später im Freundeskreis und mit ihren Kindern darüber gesprochen, dass ja eigentlich in ihrer Jugendzeit die Vorstellung der „Freien Liebe“ – eben das Nicht-Heiraten, eine große Herausforderung war.



Nach dem Krieg gab es eine ideologische Ernüchterung, die Kirchenkritik trat in den Hintergrund – wie begann eure Friedensarbeit?


Helga Weber: In meiner Kindheit und Jugend war mir das Wort atheistisch unbekannt. In Ausweisen und Formularen war vorgegeben „gottgläubig“. Es war ein Terminus, den die Nazis vorgaben, später stand an dieser Stelle dann dissidentisch. Meine Eltern und ihre Freunde bezeichneten sich selbst als Freidenker, so dass nicht nur untergründig sondern auch anhand vieler Tagesereignisse Kirchenkritik in diesem privaten Bereich immer gegenwärtig blieb.


Auf dem Hintergrund der politischen Vorstellungen meiner Eltern, aber auch durch ihre persönliche Freundschaft, noch aus der Vorkriegszeit, mit einem befreundeten Ehepaar ging ich Anfang der 50er Jahre mit deren Tochter zur Naturfreundejugend. Die Naturfreundejugend war traditionell kirchenkritisch eingestellt, was mir als Vierzehnjähriger zunächst nicht bewusst war, insbesondere, da die ersten 2 Jahre vorwiegend Wandern, Heimat- und Kartenkunde, Volkstanz etc. beinhalteten. Dann aber öffnete sich auch die Gruppe Kassel für politische Fragen. Wir versuchte die Geschichte der Nazi-Zeit aufzuarbeiten und haben Bildungs-Reisen unternommen zum Beispiel in die KZs Auschwitz und Buchenwald, in das zerstörte Warschau. Das hat mich tief berührt und einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. In der Zeit bei den Naturfreunden wurde mir klar, was ich ablehne und was verbessert werden muss. Wir sahen das Militär als eine tragende Kultur der Nazi-Zeit und natürlich verantwortlich für Krieg.


Neben der politischen Bildungsarbeit waren Kunst und Theater, Feste, Tanz und Musik, am Wochenende und in den Ferien „Auf Fahrt gehen“, u.v.m., gleichbedeutend wichtig. Wahrscheinlich gehörten die meisten Mitglieder dieser Jugendgruppe auch einer der Kirchen an, aber unsere „Weihnachtsfeiern“ zum Beispiel waren völlig frei von religiösen Inhalten. Neben den kleinen Julklub-Geschenken spielte Antikriegsliteratur, menschliches Miteinander eine große Rolle dabei. Wir lebten ja in einer zu 85 % aus Trümmern bestehenden Stadt. Diese Trümmer, die Kenntnisse all der Leiden im Krieg und die Verfolgungen in der Nazizeit trugen ganz wesentlich zu meiner Prägung und Sozialisation bei. So war zum Beispiel Wolfgang Borcherts „Sag Nein“ immer wieder Bestandteil von öffentlichen Auftritten der Jugendgruppe, etwa bei Info-Tischen, bei Elternabenden oder größeren regionalen Treffen. Es prägte sich uns allen tief ein, dieses „Sag Nein“.


Während der Remilitarisierung der Bundesrepublik Anfang der 50er Jahre war die Naturfreundejugend Teil der Opposition gegen die Wiederbewaffnung. In dieser Zeit lernte ich die Gruppe der Wehrdienstverweigerer kennen, aus der später der Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) hervorging. Ich unterschrieb die Grundsatzerklärung der War Resisters’ International (WRI): »Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin daher entschlossen keine Art von Krieg zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten« Das war für mich ein so bedeutender Schritt, dass diese Erklärung heute nach 50 Jahren noch immer ihre Gültigkeit für mich hat.


Meine Naturfreunde-Jugendgruppe war immer auch beteiligt – zum Beispiel mit der Internationale der Kriegsdienstgegner, IDK – an Infotischen in der Stadt, um über die Wiederbewaffnung, die Kriegsdienstverweigerung, später die Atombomben und die Ostermärsche zu informieren, Unterschriften und Geld zu sammeln. Natürlich mußten wir uns mit allen Argumenten vertraut machen, die erforderlich waren, um in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Es war ja eine Zeit, in der sich die Menschen nur sehr zögerlich öffentlich äußern wollten, da sie noch unter den Einflüssen der Nazizeit litten.


Meine Beteiligung an der Friedensarbeit war ja im Freizeitbereich angesiedelt. 1964 ging ich nach Offenbach, um hauptberuflich für die Ostermärsche im Bundesland Hessen zu arbeiten. Wir hatten eine Bürogemeinschaft mit der Naturfreundejugend Hessen, dem Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) und der Ostermarsch-Koordination. Alle Angestellten waren in allen drei Organisationen Mitglied, so dass auch viel gegenseitige Unterstützung praktiziert wurde. Bis 1966 arbeitete ich weiter in diesem Büro, dann aber für den VK, durch den ich auch mit der WRI bekannt wurde.


Wolfgang Zucht: Während dieser Zeit war meine Entwicklung und Haltung zum Thema „Krieg und Frieden“ geprägt durch theoretische Auseinandersetzungen, Literatur und Diskussion. Ich gehörte vorerst zu keiner Organisation. Das war begründet durch eine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber Organisationen. Auf dem Hintergrund der Geschichte diskutierten wir Partei- und Kirchenkritik. Gewerkschaftliche Organisation, das heisst die Interessenvertretung und Selbstorganisation der arbeitenden Menschen wurde grundsätzlich positiv bewertet, aber die Bürokratie des DGB (Deutschen Gewerkschaftsbundes) und seiner Gewerkschaften kritisiert.


Ende der 50er Jahre bin ich dann der IDK beigetreten und habe damit auch die WRI-Grundsatzerklärung unterzeichnet. Über die Zeitung der WRI und Peace News haben wir Berichte aus anderen Ländern gelesen. Die britische „Campain for nuclear Disarmament, CND” und vor allem das Committe of 100 praktizierte Formen gewaltfreier Aktion und waren bereits eine Massenbewegung. Diese Erfahrungen waren wichtig für die deutsche Bewegung, besonders für die Ostermärsche.


In dieser Zeit waren die Schriften zum Beispiel von Mahatma Gandhi, Leo Tolstoi, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Kropotkin unter anderem bedeutsam. Es war die Zeit, in der sich meine Einstellung und Verbindung von Gewaltfreiheit und Anarchismus herausbildete.



Tolstoi und Gandhi stehen für eine religiöse Begründung von Gewaltfreiheit. Welche Bedeutung hatte dieser Hintergrund?


Wolfgang Zucht: Beim Lesen von Tolstoi und Gandhi haben mich religiöse Fragen zunächst überhaupt nicht interessiert. Bei Tolstoi war es beispielsweise sein Antimilitarismus, seine Haltung zu Friedenskonferenzen zwischen Regierungen. Ich stieß auch erneut auf die Frage des Vegetarismus. Dabei beeindruckten mich nicht die religiös-ethischen Argumente. Ich war auf dem Lande groß geworden, meine Eltern waren ursprünglich Bauern und das Leben mit Tieren und Schlachten für den eigenen Bedarf war für uns normal. Aber der beginnende Massenkonsum von Fleisch, das Braten der Hähnchen und der Geruch an den Straßenecken brachten uns dazu, diese neu auftauchenden Fragen zu bedenken. Von Erzählungen und Lesen über den ISK5 kannte ich deren Haltung zum Vegetarismus, den ich nicht so ganz teilen konnte, der aber heute unter ökologischen Gesichtspunkten doch wohl eine gewisse Aktualität besitzt. Das moralische Gebot der Unantastbarkeit des Lebens bezog sich nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf Tiere. Es wurde von Bruder Tier gesprochen.



Wie interpretierst du aus weltlich-humanistischer Perspektive Tolstoi und Gandhi? Gibt es nicht-religiöse Aspekte?


Wolfgang Zucht: Als 14/15jähiger während der letzten Kriegsjahre las ich die ersten Romane und Erzählungen Tolstois. Wir waren Fahrschüler und fuhren bis zu 90 Minuten täglich im Zug. Wegen Fliegeralarm waren es aber auch drei Stunden, die wir auf Bahnhöfen und in Zügen verbrachten. Dann lasen wir zu zweit oder zu dritt. Alles was wir von Tolstoi kriegen konnten und lasen wochenlang nichts anderes. Etwa 15 Jahre später las ich einige von Tolstois Schriften über Frieden, Kriegsdienst und Militarimus. Weitere zehn Jahre später hatte ich Gelegenheit in London in The Kingdom of God is Within You (Das Reich Gottes ist inwendig in Euch) zu lesen. Ich war überrascht. Hatte ich bisher angenommen oder von Anderen übernommen, dass Tolstoi ein religiöser Pazifist und Anarchist ist, geriet ich jetzt in Zweifel. Tolstoi lehnte den zentralen Aspekt christlicher Religion, ab: Die Offenbarung. Desweiteren lehnte er die Dogmen christlicher Religion ab: Jesus als Gottes Sohn, Messias oder Erlöser, die Jungfräulichkeit Marias, die Verwandlung der Hostie in den Körper Jesu. Übernatürliches und Wunder lehnte er allgemein ab, denn sie lassen sich nicht in Einklang bringen mit vernunftgemässem Denken. Und natürlich lehnte er die Kirchen ab mit dem Hokus Pokus ihrer Riten, die nur dazu dienten, die Menschen in Abhängigkeit zu halten, die Kirchen waren für Tolstoi Herrschaftsinstrumente. Einen persönlichen Gott lehnte er ab. Wie sahen Tolstois Vorstellungen vom Christentum aus? Er ging von der reinen Lehre Christi und dem Urchristentum aus. In der Bergpredigt sah er ein revolutionäres Manifest und leitete daraus fünf Gebote ab, moralische Gebote von und für die Menschen. Das Reich Gottes ist in Euch und Das Reich Gottes auf Erden haben nichts Jenseitiges. Sie bedeuten das stetige Bemühen der Menschen nach Vervollkommnung im Sinne der fünf Gebote und besonders dem Gebot Du sollst Deine Feinde lieben, im Einswerden mit dem ewigen Gesetz der Liebe. Das Göttliche besteht in diesem Gesetz der Liebe. Und indem die Menschen dem Weg der Liebe folgen, können sie Teil des Göttlichen sein, beziehungsweise am Göttlichen teilhaben. Die Frage, die sich da stellt, scheint mir zu sein: Kann man das, was Tolstoi vertrat, religiös nennen? – und eine weitere Frage, kann es ein Christentum geben, das nicht religiös ist?


Anfang 1960 las ich zum ersten Mal intensiver in Gandhis Schriften. Mich faszinierte die Autobiographie, ich las sie wie einen spannenden Roman. Seine persönliche Entwicklung sprach mich an, vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung von Aktionsweisen wie der gewaltfreien direkten Aktion und des Zivilen Ungehorsams, seine Art des Umgangs mit Behörden und Regierung. Seine Ideen zur sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnung, zu Staat und Gewalt, seine kritische Haltung gegenüber politischen Parteien. Seine religiösen Vorstellungen beachtete ich zunächst kaum.


10 Jahre später las ich einiges über seine religiösen Vorstellungen. Religion war wesentliche Triebfeder seines Lebens und Handelns, und seine Äußerungen über Religion sind daher mannigfaltig und berühren viele unterschiedliche Fragen. Dabei fiel mir eine Sache sofort ins Auge, der ich nicht zustimmen konnte. Für Gandhi durchdringt Religion alle Aspekte menschlichen Lebens. Religion liefert die moralische Grundlage für alle menschlichen Aktivitäten. Ein Ergebnis der Aufklärung ist es jedoch, dass der Mensch selbständig moralisch handeln kann.. So weit ich mich erinnere, sagte Gandhi irgendwo, dass Atheisten, die ein moralisch gutes Leben führen, auch religiös sind, weil aus ihrem Handeln der Geist Gottes spricht. Es wird wohl kaum Atheisten geben, die dem zustimmen können.


Ein anderes Problem will ich noch erwähnen: Gandhi sagte: „Wahrheit ist Gott“, und irgendwo glaube ich, sagte er auch in etwa, dass Wahrheit, Gott und Gewaltfreiheit den gleichen Stellenwert für ihn haben. In der gewaltfreien Bewegung werden die Begriffe Gewaltfreiheit und Wahrheit von Religiösen wie Nicht-Religiösen gebraucht und es scheint da keine unterschiedlichen Bewertungen zu geben. Im allgemeinen spielt das ja wahrscheinlich auch keine Rolle, aber wo liegen die Unterschiede und wann und wie wird das deutlich? Gandhis Religion ist eine übergreifende Religion der Religionen. Mit Dogmen hatte er nicht viel am Hut. Im Hinduismus, seiner eigenen Religion, vertrat er Außenseitermeinungen. Für ihn ist Metaphorik, was Andere wörtlich nahmen. Das wird für uns beispielsweise an seiner Meinung zu Jesus deutlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Jesus fleischgewordener Sohn Gottes ist. Er meinte, wenn Gott Söhne haben kann, dann sind wir alle Gottes Söhne. Und wenn Jesus wie Gott sein könnte oder Gott selbst, dann sind alle Menschen wie Gott oder Gott selbst.


Mit den Freunden, die Tolstoi und Gandhi für ihren religiösen Pazifismus gelesen haben, haben wir gut zusammengearbeitet. Die IDK-Gruppe in Hannover hatte gute Beziehungen zum Versöhnungsbund. Die Ablehnung des religiösen Glaubens von manchen von uns war nicht grundsätzlich trennend – wie zum Beispiel beim ISK in den 20er Jahren. Auch mein Lehrer berichtete nach dem Krieg, Ende der vierziger Jahre, dass es durchaus Gruppen in den Kirchen gibt, mit denen man zusammenarbeiten kann.



Ihr beide habt von 1965 bis 1973 in London gelebt und hauptamtlich auch für die War Resisters’ International (WRI) gearbeitet. Die WRI ist eine säkulare internationale Friedensorganisation und hat politisch unterschiedliche Sektionen in vielen Ländern. Darunter gibt es auch religiöse Pazifisten. Waren religiöse oder atheistische Bezüge überhaupt ein Thema in der politischen Arbeit?


Wolfgang Zucht: 1963 fuhr ich zu einem WRI-Seminar nach Frankreich und bekam dann engeren Kontakt zum Londoner WRI-Büro. Von 1965 bis 1969 habe ich dann hauptamtlich im Londoner WRI-Büro gearbeitet. In London wohnten Helga und ich mit Jeanne und Tony Smythe6 zusammen, sie waren Anarchisten und als solche auch Atheisten. In den persönlichen Beziehungen spielte die Frage der Religion (oder nicht) keine Rolle.


Eine Kollegin im WRI-Büro war Quakerin und durch sie nahm ich auch an Quaker-Meetings teil. So erinnere ich mich, dass ich dort einen wunderbaren Film über Tagore gesehen habe, auch Wanderungen, bei denen persönliche Gespräche möglich waren. Ich war überrascht, dass die religiösen Vorstellungen nicht immer einheitlich waren. Es gab unter ihnen sogar Atheisten.


Von 1969 – 1972 arbeitete ich in London in einer britischen Menschen- und Bürgerrechtsorganisation. Ein wichtiges Thema war der Nord-Irland-Konflikt, der gerade auch ein Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken war und immer noch ist. In der politischen Arbeit hatte dieser religiöse Hintergrund keine Bedeutung. Unser Thema war die Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte unabhängig von religiösen Bindungen. Andere Schwerpunkte waren die Race Relations, also die Frage der Rassendiskriminierung, die Probleme der Strafgefangen und die der Boy Soldiers. Das waren die Soldaten, die als 14jährige von den Eltern zum Militärdienst verpflichtet werden konnten und in der Armee bleiben mussten bis sie 30 Jahre alt waren. Es war ungeheuer schwer, fast unmöglich für sie vorher aus der Armee auszuscheiden.


Helga Weber: Ich lernte innerhalb und außerhalb der WRI viele Menschen kennen, die auf ihrem spirituellen oder religiösen Hintergrund Friedensarbeit machten. Und ich war oft sehr beeindruckt davon. Es war aber in erster Linie deren Einsatz in der Friedens- oder Menschenrechtsarbeit, den ich schätzen lernte. Solche Gruppen, wie die Quaker oder den Versöhnungsbund, oder auch Menschen aus jüdischen Zusammenhängen, die in verschiedenen Friedensorganisationen mitarbeiteten, hatte ich vorher noch nicht persönlich kennen gelernt. – So wurde mir klar, dass erst die Zeit in England bei mir zu einer gewissen weltanschaulichen Öffnung gegenüber Menschen führte, die sich als religiös begriffen. Aber ich habe nicht beobachtet, dass deren religiöse Vorstellungen beim gemeinsamen Organisieren besonders hervortraten.


Während ich die 1968er Geschehnisse in Frankreich und Deutschland eher am Rande wahrgenommen habe, spielten andere politische Ereignisse eine größere Rolle für uns, weil zum einen die Organisationen, in denen wir arbeiteten, oder zum anderen unsere Freunde aktiv am Organisieren beteiligt waren. In diesen Jahren (1965-1973) ging es unter anderem um den Vietnamkrieg, den Nordirlandkonflikt sowie Konflikte in Ostpakistan und Biafra – um nur einige zu nennen. Bei der WRI nahm die Unterstützung von Soldaten, die sowohl die USA-Armee (wegen Vietnam) wie die Britische Armee (wegen Nordirland) verlassen hatten, einen großen zeitlichen Raum ein. Ob religiöse oder freidenkerische, linke oder libertäre Vorstellungen unterschiedlichster Art bei Koordinierungstreffen zu Problemen führten, weiß ich nicht, da ich selbst an solchen Treffen nicht beteiligt war. Vorhandene Differenzen hatten meines Erachtens andere Hintergründe.


Allerdings war mir aufgefallen war, dass einige religiös ausgerichtete Menschen die Ansicht vertraten, gewaltloses Handeln sei nur aus einer religiösen Haltung heraus möglich. Das war für mich nicht nachvollziehbar, weil allen anderen damit die Fähigkeit abgesprochen würde, sich aus eigenem Wollen heraus gewaltlos zu verhalten, bzw. ethische Maßstäbe zu formulieren. Insgesamt hatte ich das Gefühl – sowohl innerhalb der bunt gemischten internationalen WRI wie auch bei englischen Organisationen – dass den Diskussionsprozessen sehr oft ein toleranteres Politikverständnis und freiheitlicheres Denken und Handeln zugrunde lag, als ich das bisher kennen gelernt hatte. Am spannendsten war es jedoch für mich, über Planung, Vorbereitung, Durchführung und Erfolge oder Nichterfolge von gewaltlosen Aktionen in aller Welt zu erfahren, in denen Menschen mit unterschiedlichsten politischen oder religiösen Ansichten – über ihre Unterschiede hinweg – zusammen gearbeitet haben. Ein wirklicher Augenöffner.



Wie war 1973 euer politischer Neubeginn in Deutschland?


Wolfgang Zucht: In den Organisationen der Friedensbewegung in Deutschland lief das anders als in England. Das politische Handeln in den Friedensorganisationen war von größerem Formalismus geprägt. Das waren wir nicht mehr gewohnt. Der Umgang in Konferenzen und Mitgliederversammlungen störte uns. Der „Kalte Krieg“ polarisierte auch die Friedensorganisationen. Starken Einfluss hatten die Gruppen aus dem Spektrum der DKP und auch bürgerliche Pazifisten. Wir kritisierten das vorherrschende Politikverständnis, das ausgerichtet war auf Appelle an Regierungen zur Friedenssicherung. Wir wollten Friedensarbeit machen, die die gewaltfreie Aktion in das Zentrum rückte. Es ging um konkrete direkte Aktionen zum Beispiel gegen Atomkraftwerke und Standorte von Raketen und Atomwaffen. Politische Ziele sollten mit konkretem Handeln, der direkten Aktion verknüpft werden. Damit waren einfach andere Politikformen notwendig.


Helga Weber: Wir fanden gemeinsame Freunde in den Initiatoren der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“, die wir bereits auf der WRI-Konferenz in Sheffield 1972 kennengelernt hatten. Auf einem kleinen Treffen 1973 in Lübeck – von überwiegend jungen Menschen, die sich den traditionellen KDV-Gruppen nicht recht wohl fühlten – wurde dann die Idee der „Weihnachtstreffen“ geboren. Es war eigentlich ähnlich wie bei der Naturfreundejugend. Politische Themen, Kultur und geselliges Beisammensein war gleichbedeutend wichtig – Kontroversen wurden in einer anderen Form ausgetragen. Zumindest gab es diesen Anspruch an sich selbst und es klappte auch oft. Die persönlichen Beziehungen wurden bewusst als ein wichtiger Aspekt, wenn nicht sogar als Grundlage der gewaltfreien Aktionsgruppen gesehen. Wir sprachen von Bezugsgruppen bzw. sahen sie in Aktionsvorbereitungen als erforderlich an, um den Teilnehmenden untereinander in brisanten Situationen durch Vertrautheit das Gefühl von mehr Sicherheit zu geben. Die Zeitschrift Graswurzelrevolution war das wichtige Organ der gewaltfreien Aktionsgruppen. Daneben gab es den „Informationsdienst für gewaltfreie Organisatoren“, den Wolfgang und ich in 1974 übernahmen und bis 1980 zusammenstellten. Wir arbeiteten von 1974 bis 1982 hauptberuflich für die Koordination der gewaltfreien Aktionsgruppen.


Mit dem wenigen Geld für die Koordinationsarbeit, das durch Spenden aufgebracht wurde, konnten wir nur auskommen, weil wir einen gewissen alternativen Lebensstil hatten. Wir konnten bei meiner Mutter im Haus wohnen. Dieses Haus war aufgrund der politischen Erfahrungen meiner Eltern entstanden. Sie hatten immer zur Miete gewohnt und dort viele negative Erfahrungen gemacht, indem sie von den unterschiedlichen Hauswirten denunziert, bzw. bei den Nazi-Behörden „angebracht“ wurden, weil die Besuche von Freunden wie politische Zirkel wirkten. Deshalb kauften meine Eltern bereits vor dem Krieg ein Grundstück, das aber erst später – Zimmer für Zimmer – bebaut wurde. Wolfgang und ich konnten in diesem Haus fast kostenlos wohnen und in unserer kleinen Küche die Koordination für die gewaltfreien Aktionsgruppen machen.


Zu unserem Politikverständnis gehören auch Formen von alternativem Leben. Lebensreform war auch Teil unserer politischen Arbeit. In unserem Garten zogen wir unser eigenes Obst und Gemüse (und tun das immer noch) und hatten Bienenstöcke. Aber nicht nur für uns, sondern für die überwiegend jungen Leute in den gewaltfreien Aktionsgruppen gehörte es zum politischen Anspruch an sich selbst, dass der eigene Lebensstil zu einer ökologischen, libertären und friedvollen Zukunftsvorstellung passen müsste. Damit hatten wir persönlich – wenn auch in Grenzen – fast eine Art freie und unabhängige Lebensform gefunden.


Trotz bewusst gewählter Selbstorganisation dieser gewaltfreien Aktionsgruppen gab es auch die Vorstellung, man müsse eine gemeinsame Organisation gründen. So wurde nach einer sehr intensiven dezentralen und kontroversen Diskussion aller Gruppen zum Schluss die Föderation der gewaltfreien Aktionsgruppen (FÖGA) in 1980 aus der Taufe gehoben. Zum Selbstverständnis gehörte das Bemühen um Gleichberechtigung, um gemeinsam erarbeitete Entscheidungsprozesse, die Erkenntnis, dass es sich bei Abstimmungen nicht um demokratisches Vorgehen handelt, wenn die Mehrheit nur aus 51 Prozent besteht, die sorgfältige und auch offene Vorbereitung und öffentliche Bekanntmachung von gewaltfreien Aktionen. – Das waren Entwicklungen und Aspekte, für die wir gern gearbeitet haben.


Diese Föderation besteht allerdings seit 1997 nicht mehr. Sie fällte eine interessante Entscheidung, als es viel schwieriger wurde, nicht nur Gruppen zu bilden und aufzubauen, sondern sie auch aufrecht zu erhalten. Sie legten die Förderation bewusst „zum Schlafen“, mit der Absicht, sie wieder zu beleben, wenn die Möglichkeiten dazu vorhanden wären.



Wie waren die Beziehungen in den gewaltfreien Aktionsgruppen zwischen denjenigen mit religiösem oder spirituellem Hintergrund und den Agnostikern oder Atheisten? In der Graswurzelrevolution wurde auch über freiwilliges Leiden diskutiert. Wie bewertet ihr aus der Distanz heute diese Zeit?


Helga Weber: In den gewaltfreien Aktionsgruppen gab es religiös motivierte Graszwurzler/innen, aber auch Agnostiker und Atheisten. Es gab keine offenen Konflikte in Diskussionen untereinander, aber ich weiß von einigen, dass ihnen das spirituelle Element fehlte. Diesen Mangel haben sie stark empfunden. Das Spirituelle fehlte ihnen so sehr, dass sie sich auch abwendeten, neue Gruppen bildeten, eigene Aktionen machten, sich anderen Schwerpunkten zuwandten oder sich stärker im Versöhnungsbund engagierten.


Das Thema „Leiden in der gewaltfreien Aktion“ wurde insbesondere von den Frauen in der Graswurzelrevolution aus feministischer Sicht kritisch gesehen. Es gab zu diesem Thema starke und heftige Kontroversen, denn über die Jahrhunderte mussten die Frauen schon immer „leiden“. Dieses Ertragen von Schmerz und Leid gehört auch zur christlichen Religion und in der Bibel finden wir darüber Textstellen. Aus feministischer Sicht wollten viele der Frauen das nicht – sie wollten auch nicht, dass dieses Element zu einer spirituellen Grundlage in der gewaltfreien Aktion würde.


Wolfgang Zucht: Manche argumentierten, dass Leiden auch zur gewaltfreien Aktion gehört. In gewisser Weise mag das stimmen und man kann das als ein Element in eine gewaltfreie Aktion einbeziehen, um seinem Anliegen besonders starken Ausdruck zu geben. (zum Beispiel im Fasten oder Hungerstreik). Leiden um des Leidens willen ist nicht was gewaltfreie Aktion ausmacht. Es wird wohl auch nie geplant, sondern ist eine Begleiterscheinung, der man nicht entgehen kann, besonders wenn es um zivilen Ungehorsam, gewaltfreie direkte Aktion oder Sabotage geht.



Gegen die Atom-Politik, insbesondere gegen die Atomenergie protestierte Hartmut Gründler (1931-1977) am 16.11.1977 in Hamburg indem er sich selbst verbrannte. Er engagierte sich im Umwelt- und Lebensschutz. Vorher hat er auch in der Nachfolge Gandhis Hungerstreiks für "Wahrheit in die Energiepolitik" unternommen. Welche Gründe sind euch bekannt und wie könnten wir ein solches sehr absolutes Verhalten diskutieren?


Helga Weber: Wenn ich an die vielen stets aufs engste beschriebenen Aktions- und Fastenaufrufe von Hartmut Gündler und seine tiefgehenden und ausgefeilten Texte denke, ist es fast unmöglich, hier in 2 oder 3 Sätzen eine adequate Antwort zu geben. Alles muss zu kurz greifen. Er hatte über einige Jahre versucht – durch schriftliche Appelle und persönliche Gespräche viele Gruppierungen zu mobilisieren, vor allem aber, die Regierung (zum Beispiel Bundeskanzler Helmut Schmidt, Minister Matthöfer) dazu zu bewegen, zuzugeben, dass es sich bei den von der Atomlobby verbreiteten Argumenten um Lügen und grobe Irreführungen handelte. Ebenso bei dem von Matthöfer angebotenen so genannten Bürgerdialog, bei denen die Bürger letztlich keine Chance hatten, eine Wende der Atompolitik zu erreichen. Nachdem Aufrufe und Briefe keinen Erfolg brachten, benutzte er als Druckmittel Hungerstreiks – ich habe das immer als ganz rational begriffen - , bei denen er auch einige Male Unterstützer fand, die eine Wegstrecke mit ihm hungerten, oder aber bundesweite öffentliche Aktionen (für ein Moratorium in der Atomenergie-Frage) mit ihm durchführten.


Der Erfolg war zu gering, die Unterstützung nicht groß genug, die Regierung ließ keinerlei Änderung ihres Kurses Pro-Atomenergie erkennen (Atomparteitag der SPD im November 1977). Zwei Jahre zuvor (Oktober 1975) räumte Gründler in einer Verschnaufpause während eines Hungerstreiks noch ein, dass er nichts dagegen einzuwenden hätte, in eine so genannte bürgerliche Existenz zurückzugehen – in der Hoffnung, dass Signale aus der Regierung kämen und ihm den Abbruch des Hungerstreiks ermöglichen würden. Es ging ihm nicht um ein Ende der Atompolitik, sondern um ein Ende des Schwindels in der Atompolitik. Aber schon damals argumentierte er auch, dass, wenn er die Lügen um die Atompolitik als unerträglich brandmarke, es seine Wahrheitssuche fordere, aus dem Leben zu scheiden. Denn wie sonst könnte man belegen, dass etwas unerträglich ist, wenn man einfach trotzdem weiterlebe.


In einer am Tag vor der Selbstverbrennung verfassten Presseerklärung „Appell gegen atomare Lüge“ (1977) hat er an ganz verschiedene Gruppierungen und Institutionen appelliert, sich weiterhin umfassend für ganz viele gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen und weiterhin den notwendigen Widerstand zu leisten. Er kannte Gandhis Schriften und dessen Lebenswerk gut und hat in Anlehnung daran immer Strategie und Taktik politisch im Hinterkopf gehabt. Erst kürzlich habe ich einige von Gründlers Texten nochmal gelesen und bin beeindruckt, wie intensiv er die Gegner (als Feind betrachtete er niemanden) als ansprechbare Mitmenschen betrachtete, die das Zeug zur Veränderung in sich trügen.


Wilfried Hüfler aus Reutlingen, ein enger Mitarbeiter Gründlers, war Anfang 2007 bei uns in Kassel, weil er den 30. Jahrestag von Gründlers Selbstverbrennung nutzen will, zum Gedenken an Gründler beizutragen. Im Internet findet man unter beiden Namen entsprechende Literatur u.ä. Geplant ist wohl auch eine Textsammlung zum Thema „dreißig Jahre danach“.


Wolfgang Zucht: Zur Strategie und Taktik gewaltfreier Kampagnen und Aktionen gehört die Frage, an wen oder gegen wen richtet sich die Aktion, wen und was will man erreichen, zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort wird eine Aktion oder Kampagne angesetzt. Eine andere Frage ist die, welchen Einsatz bringt ein Mensch in einer Aktion ein. Ist er bereit, persönliche Nachteile in der Familie, dem sozialen Umfeld oder im Beruf einzugehen? Als Äußerstes steht da der Einsatz des eigenen Lebens. In der Bürgerrechtsbewegung in den sechziger Jahren in den USA oder der Bewegung gegen Atomkraftwerke oder der gegen Krieg, Rüstung und Militär haben sich Menschen immer wieder dieser Frage gestellt. Was bringt Menschen dazu, sich in solche Gefahren zu begeben? Ich denke, dass die Antwort darin liegt, dass Menschen es als ihre Pflicht ansehen, sich einzusetzen und dass die Frage des persönlichen Nutzens überhaupt keine Rolle spielt. Christen im traditionellen Sinne werden sich dazu entschließen, wenn sie bedenken, wie sie im Jenseits bestehen können, wenn das Urteil über sie gefällt wird. Allerdings habe ich den Eindruck, dass heute für viele Christen die Antwort mehr in Richtung der persönlichen Gewissensforschung geht, ohne dabei an Fragen des Jenseits zu denken. Für Humanisten wird die Frage lauten, wie kann ich vor mir selbst bestehen, wenn ich die Bereitschaft zu diesem Einsatz nicht bringe? Kann ich mir im Spiegel noch in die Augen sehen, wenn ich hier versage? Es ist also eine Frage der Selbstachtung.


Helga Weber: Ich erinnere mich an eine Blockade gegen den Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf, einen Sitzstreik vor der Einfahrt. Ein Teilnehmer hatte entschieden, als Beobachter an der Aktion teilzunehmen. Als er dann sah, wie gegen die Anderen mit Wasserwerfern und Polizei vorgegangen wurde, kamen ihm die Tränen. Er konnte nicht mitansehen, was die Anderen aushalten mussten, während er wie ein Unbeteiligter in Sicherheit daneben stand. In dem Augenblick wurde ihm klar, dass auch er sich hinsetzen musste, das war er sich selbst schuldig, die Achtung vor sich selber zwang ihn dazu.


Wolfgang Zucht: Fragen, die man oft von Außenstehenden, aber nicht nur Außenstehenden, hört, ist, ob sich der Einsatz, wie beispielsweise bei Hartmut Gründler, gelohnt hat, oder welchen Erfolg die Aktion gehabt hat, oder ob sie die Bewegung ihrem Ziel näher gebracht hat, oder ob sie dem Ziel dienlich gewesen ist. Ich denke, dass solche Fragestellungen in die Irre führen, sie werden einen keinen Schritt zum Verständnis für eine solch radikale Aktion näher bringen. Fast unvermeidlich wird die Antwort in einem Kopfschütteln, also in Unverständnis enden. Auch die Frage, wie eine solche Aktion im Zusammenhang von Strategie und Taktik zu sehen ist, führt kaum zu einer Antwort, die in dem Zusammenhang Sinn macht. Eine sinnvolle Antwort liegt darin, dass ein Mensch sich in solch einer Situation seiner Würde als Mensch bewusst wird und nur so vor sich selbst bestehen kann.



Welche theoretischen Überlegungen verbinden Gewaltfreiheit und Humanismus?


Wolfgang Zucht: Für die Verbindung von Gewaltfreiheit und Humanismus ist für mich die sokratische Methode ein wichtiges Verfahren. Die sokratische Methode7 liegt in der Tradition autonomen, kritischen Denkens der Griechen der Antike. Sie ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Leonard Nelson wiederentdeckt worden und liegt in der Tradition der Philosophen Kant und Fries. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie als Sokratisches Gespräch von Gustav Heckman8 weiterentwickelt. Religion wird hier nicht völlig zur Seite gelegt. Kants große Errungenschaft lag unter anderem darin, dass er die Ethik aus der Vormundschaft der Religion befreit hat, die in den positiven Religionen, wie dem Christentum, einen großen Teil, vielleicht den größten Teil ihrer Lehren ausmacht.


Wenn man das christliche Denken betrachtet, dann kann man das moralisch Gute nur erkennen aufgrund von Gottes Gnade und man kann nur aufgrund seiner Gnade und seiner Autorität gut handeln. Kant fand heraus, und das war seine große Errungenschaft, dass ein Mensch aus eigener Kraft das moralisch Gute erkennen kann und auch gut handeln kann. Wenn man das moralisch Gute erkennen will, dann geht es auch um Wahrheit. In der christlichen Religion gibt es die Wahrheit in Gottes Offenbarung, allgemeingültig und grundsätzlich.


In der kritischen Philosophie, in der kantischen Tradition, gibt es die Erkenntnis, dass es in der Ethik Wahrheit gibt, und zwar allgemeingültige Wahrheit. Gustav Heckmann hat in seinem Buch gezeigt, wie selbstbestimmte Menschen in einem gemeinsamen Gespräch durch gemeinsames Erwägen von Gründen zur Wahrheit vordringen und darüber Konsens herstellen können. Ausgangspunkt des Gesprächs ist ein konkretes Ereignis, das vielleicht einer der Teilnehmer erlebt oder beobachtet hat. Durch Abstraktion, indem man also alles Besondere vom konkreten Beispiels abtrennt, dringt man zum Allgemeinen vor und findet darüber, jetzt etwas verkürzt gesagt, Wahrheit. In einem weiteren Schritt wird dann Evidenz erstellt, das heißt, dass es sich bei der gefundenen Wahrheit um eine grundlegende Wahrheit handelt, die sich durch keine weiteren Schritte auf andere Wahrheiten zurückführen lässt. Was ich hier nochmal hervorheben möchte, besteht darin, dass es sich um autonome Menschen handelt, die sich gemeinsam die Wahrheit erarbeiten und dass keiner für den anderen Autorität ist.


Hier sieht man auch Unterschiede zu Gandhi. Bei Gandhi ist allgemeingültige Wahrheit religiös, also nicht von Menschen entscheidbar. Der Mensch kann sich bemühen, sich der Wahrheit anzunähern, vielleicht durch Experimente, wie der Titel seiner Autobiographie andeutet. Er beschreibt auch, wie er zur Wahrheit findet, nämlich durch eine langwierige Gewissensforschung, die auch durch Fasten begleitet werden kann. Darin zeigt sich vielleicht auch, dass er mitunter allein zu Entscheidungen kam, was Mitarbeiter wie Nehru ihm gelegentlich nachgesagt haben, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Salzmarsch. Gandhi hatte in der Tat recht autokratische Züge.


In der unmittelbaren Arbeit gewaltfreier Bewegungen spielt die Frage nach der Wahrheit nicht die große Rolle, wie das aus dem eben Gesagten erscheinen mag. Da stehen andere Fragen im Vordergrund, etwa die nach sozialer Gerechtigkeit, nach Atomwaffen, nach Frieden, nach Konfliktlösungen. Besonders wenn zwischen Konfliktpartnern vermittelt werden soll und nach Auswegen gesucht wird, kommt es darauf an Positionen zu erarbeiten, denen beide Seiten zustimmen können. Dieser Konsens ist dann ein Gewinn für beide Seiten (Win-Win-Strategie). Erinnert das nicht ein wenig an das, was ich oben beschrieben habe?


Liebe Helga, lieber Wolfgang, herzlichen Dank für das Interview.



Das Interview wurde von Wolfram Beyer am 27.1.2007 in Berlin (Hermsdorf) geführt und ist zuerst erschienen in: Wolfram Beyer (Hrsg.)Kriegsdienste verweigern - Pazifismus aktuell, Libertäre und humanistische Positionen“ im OPPO Verlag, 2007. Die Textsammlung ist im Buchhandel erhältlich.

 

________________________________________________________

 

1 Bernd Drücke (Hg.): ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert. Interviews und Gespräche. Karin Kramer Verlag, Berlin 2006 – hier gibt es weitere Interviews mit Helga Weber u. Wolfgang Zucht.

2 ISK - Internationaler Sozialistischer Kampfbund, Der ISK ist entstanden aus dem 1917 vom Göttinger Philosophen Leonard Nelson und seiner Mitarbeiterin Minna Specht gegründeten Internationalen sozialistischen Jugendbund, dessen Mitglieder 1925 aus der SPD ausgeschlossen wurden und daraufhin den ISK als Partei formierten. Bereits zuvor (1922) waren Mitglieder des ISJ von der KPD für eine Mitgliedschaft ausgeschlossen worden, da die Kommunisten die Organisation früh als Konkurrenz zur eigenen Jugendbewegung verstanden. Nelson war an der Philosophie von Kant orientiert und propagierte einen ethisch motivierten antiklerikalen Sozialismus und Vegetarismus. Der Tierschutz, wie auch Esperanto als internationale Sprache, gehörten zum politischen Programm. Obwohl der ISK basisdemokratisch und nach außerparlamentarischen Prinzipien arbeitet war diese Organisation auf die „geistigen Führer“ Leonard Nelson und später auf Willi Eichler orientiert. Um Öffentlichkeitsarbeit betreiben zu können, hatte der „ISK“ von seinem Vorgänger, dem Internationalen Jugend Bund, den Verlag „Öffentliches Leben“ übernommen. Ab Januar 1926 erschien in diesem Verlag, zum ersten mal die deutsche Ausgabe vom „ISK – Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen Kampf Bundes“. Ab Januar 1929 kam zusätzlich eine Esperantoausgabe und ab April des gleichen Jahres auch noch eine englischsprachige Ausgabe des „ISK“ vierteljährlich in kleiner Auflage hinzu. Angesichts der zunehmenden Wahlerfolge der Nazis in der Spätphase der Weimarer Republik wurde der ISK mit der Gründung der von Willi Eichler geleiteten Tageszeitung Der Funke aktiv, deren spektakulärste Aktion ein Dringender Appell zur Reichstagswahl 1932 war, in dem unterstützt von bekannten Künstlern wie Heinrich Mann, Käthe Kollwitz, Kurt Hiller, Erich Kästner, Ernst Toller oder Arnold Zweig sowie Wissenschaftlern wie Albert Einstein, Franz Oppenheimer, Emil Gumbel oder Arthur Kronfeld u.v.a. zum "Zusammengehen von SPD und KPD für diesen Wahlkampf" aufgerufen wurde. 1933 wurde der ISK von den Nationalsozialisten verboten und arbeitete im Widerstand weiter. Besser vorbereitet (zum Beispiel Vernichtung aller schriftlichen Parteiaufzeichnungen) und straffer organisiert als die nun ebenfalls illegalen größeren Parteien SPD und KPD konnte der ISK seine Widerstandsarbeit (Ausschleusung politische Flüchtlinge, technische Sabotage, Verbreitung von Flugblättern unter anderem bis 1938 aufrecht erhalten. Der ISK arbeitete im Exil weiter, löste sich nach dem Krieg auf. Die meisten Mitglieder gingen zur SPD.

3 Bertha von Suttner war Mitglied der „Flamme“ (österreichischer Freidenkerverband). 1913 verfügte sie für sich die Feuerbestattung. Vgl.: diesseits (Zeitschrift des Humanistischen Verbandes Deutschlands, HVD) 1/2006, S.29

4 Konfirmation oder Jugendweihe beendeten oft auch die Schulzeit.

5 Vgl. Lou Marin: Tierausbeutung und Antifaschismus, gegen vegane Geschichtsblindheit – der Internationale Sozialistische Kampfbund. in: Graswurzelrevolution, GWR 217, März 1997

6 Nachrufe im Londoner Guardian vom 29. April 2004; in Peace News 2455, Juni-August 2004; in Graswurzelrevolution 291, Sommer 2004

7 Leonard Nelson: Die sokratische Methode, Kassel 1996

8 Gustav Heckmann: Das sokratische Gespräch, Frankfurt 1993. Der Verlag existiert nicht mehr. Das Buch kann bezogen werden von Weber & Zucht oder der Philosophisch-Politischen Akademie.

Gewaltfreier Widerstand im Zweiten Weltkrieg

Auch 61 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es unter PazifistInnen und AnarchistInnen in Deutschland manche Unsicherheiten über ihre Einstellung zu Fragen, die sich im Zusammenhang mit diesem Krieg stellen. Darunter ist auch die Frage, ob der Krieg gegen Nazi-Deutschland ein gerechter Krieg war.

Subscribe to RSS - gewaltfreiheit