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Neue Bedeutungen für die Bezeichnungen 'Hutu' und 'Tutsi' während der deutschen und belgischen Kolonialzeit

Schon seit Beginn der deutschen Kolonialmacht (1899) übten die deutschen Vertreter eine indirekte Herrschaft aus, da den Einheimischen zu jeder Zeit gewisse Machtpositionen eingeräumt wurden. Trotz indirekter Herrschaft muss sie sich mit ihrer Einteilung in eine Rassenordnung für die Grundsteinlegung der ethnischen Konflikte verantworten. Die zu deutschen Kolonialzeiten gestellten Weichen verhärteten sich irreversibel in der belgischen Kolonialzeit und führten 1994 letztendlich zu einem massenhaften, ethnisch begründeten Töten.

Die Bedeutung der Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' im Ruanda vor der Kolonialzeit

Vor der Kolonialzeit wurden die Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' wesentlich flexibler genutzt als es nach der Eroberung der Fall war. Zudem gibt es keine Hinweise auf eine ethnische Gruppierung innerhalb Ruandas vor 1894. Obwohl die Bezeichnungen schon vor dem „Einfall der Europäer“ im späten 19. Jahrhundert existierten, variierten ihre Bedeutungen in Raum und Zeit.

Zuerst entschlüsselten die Begriffe 'Hutu' und 'Tutsi' die regionale Herkunft: Im Südwesten nannten die Menschen, die nicht aus Ruanda stammten, alle Einwohner Ruandas 'Tutsi' (vgl. Hoering, 1997: 18). Später brachte nicht die Abstammung, sondern vielmehr die Frage nach dem Reichtum und Status eines Einzelnen eine wesentliche Erkenntnis darüber, ob man Tutsi oder Hutu war. Ein bedeutsamer Indikator hierfür war die Größe des Viehbesitzes einer Person. Ein „Tutsi“ wurde erst als solcher identifiziert, wenn er eine gewisse Anzahl Vieh besaß, in ansonsten gehörte er zu der zahlenmäßig weit überlegenen Hutugruppe. Ein Hutu konnte also, nachdem er zu Reichtum gekommen war und sich davon Vieh kaufte, automatisch ein Tutsi werden. Weder seine eigene religiöse Überzeugung, noch irgendein traditionelles Ritual war bei dieser Bezeichnungsänderung ausschlaggebend; ganz im Gegenteil: Der Übergang von Hutu zu Tutsi (und umgekehrt) fand fließend statt. Gleiches galt bei Hochzeiten: Ein reicher Hutu durfte sich eine Tutsi zur Frau nehmen, was zur Folge hatte, dass von da an auch er zu der Volksgruppe Tutsi gehörte. Verarmte jedoch ein Tutsi, konnte ihm von seinen Angehörigen verwehrt werden, eine Tutsi zu heiraten. Er musste diesen sozialen Abstieg in Kauf nehmen und eine Hutu- Frau heiraten. Von nun an war auch er automatisch ein Hutu, was zeigt, dass die Bezeichnungen nicht absolut, nicht starr, sondern vielmehr fließend waren. Für den Vorgang des sozialen Auf- und Abstiegs gab es sogar Benennungen in der Sprache Kinyarwanda, was den Beweis mit sich bringt, dass dieses Phänomen keine Seltenheit war. Als sozialen Aufstieg benutzte man das Wort „icyhure“ und mit dem Begriff „umuwore“ kennzeichnete man den Abstieg von Tutsi zu Hutu (vgl. Harding, 1998: 18 f).

Diese Beispiele zeigen, dass die Ruander vor der Kolonialzeit nicht verschiedenen Ethnien angehörten, sondern vielmehr in soziale Kategorien eingeteilt werden konnten. Vielleicht trifft die Bezeichnung „soziale Klassen“ den Kern. Der eigene Erwerb des Einzelnen war ausschlaggebend für die individuelle Namensgebung 'Hutu’ oder 'Tutsi'. Da sich die ökonomischen Bedingungen stets verändern konnten, waren diese Bezeichnungen dynamisch veränderbar. Durch bspw. Fleiß, Heirat, Glück oder Arbeit konnte man in die jeweils andere Klasse auf- oder absteigen. Somit bestimmten diese Verhaltensweisen die Zugehörigkeit der Ruander. 

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