Freie Software: Freiheit, Zusammenarbeit und Gemeinschaft

In diesem Beitrag geht es um Richard Stallmans Vorstellungen von Freiheit in Bezug auf Software und das GNU-Projekt. Die Geschichte der Freien Software und des GNU-Projektes beginnt mit einer Anekdote, die die Veränderungen in der Welt der Software beschreibt. Mit dieser Anekdote begründet Richard Stallman selbst sein Engagement, weshalb sie häufig dort wiedererzählt wird, wo die Geschichte Freier Software beschrieben wird[1] :

Stallman war 1971 an das Artifical Intelligence (AI oder KI für Künstliche Intelligenz) Labor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) gekommen. Stallman, der eigentlich Physik in Harvard studierte, hatte schon in der Schulzeit Interesse an Computern gehabt und das AI Lab war mit den damals modernsten Computern ausgestattet. Obwohl er nicht zu den Studierenden am Labor gehörte, wurde ihm gestattet die Computer zu nutzen – zu dieser Zeit war dies nicht so ungewöhnlich, wie es das heute wäre. Am AI Lab gab es damals eine Gemeinschaft von Forschern und Interessierten, die als Hackergemeinschaft von Steven Levy in seinem Buch Hackers[2] beschrieben wurde. In diese Gemeinschaft wuchs Stallman hinein und sie sollte ihm später als Vorbild für seine Vorstellung der Freien Software Gemeinschaft dienen.

Für die PDP-10 des Labors hatte die Gemeinschaft ein eigenes Betriebssystem geschrieben, das unter dem Namen „Incompatible Timesharing System“ (ITS)[3] bekannt war. Als Mitglied der Gemeinschaft – und inzwischen Angestellter des AI Labs – hatte Stallman selbst daran mitgeschrieben. Mit den Veränderungen in der Softwarewelt allgemein, wie sie im letzten Kapitel beschrieben wurden, kamen auch Veränderungen für die Nutzergemeinschaft am AI Lab: Den Übergang zur Ära der proprietären Software markiert für Stallman ein Geschenk, das aus seiner Sicht nicht wirklich ein Geschenk war. Die Firma Xerox hatte dem Labor einen der ersten Laserdrucker geschenkt – eine Maschine, die auf einen Fotokopierapparat zurückging und die meisten Drucker der damaligen Zeit an Qualität und vor allem Geschwindigkeit übertraf. Der Drucker stand wie der Computer in einem eigenen Raum und konnte von jedem Arbeitsplatz aus genutzt werden. Das Problem hierbei war, dass der Drucker bei derart intensiver Nutzung häufig Papierstaus hatte, die nicht im System gemeldet wurden. Das Drucken mit diesem Drucker konnte also lästig werden, da ständig jemand nachsehen und die Staus beseitigen musste.

Normalerweise hätte sich bald einer der Programmierer daran gemacht, eine Lösung für dieses Problem zu schaffen. Dieser Drucker hatte aber einen proprietären Treiber, was hieß, dass der Sourcecode nicht zur Verfügung stand. Auch auf Nachfrage beim Hersteller war dieser nicht zu erhalten und, für Stallman noch schlimmer, ein Kollege der Carnegie Mellon Universität, der Zugang zum Sourcecode des Treibers besaß, hatte ein „non-disclosure agreement“ (NDA, Geheimhaltungsvereinbarung) unterzeichnet. Mit diesem NDA hatte er – wie Stallman es ausdrückt – eine Verabredung unterzeichnet, die ihm vorschrieb, dass er sich weigern musste mit „so ziemlich der gesamten Weltbevölkerung zu kooperieren“.[4]

Stallman beschreibt seine Reaktion darauf wie folgt: „I was stunned. […] I was angry, and I had no idea how I could do justice to it. […] And I thought about it later on, because I realized I was seeing not just an isolated jerk, but a social phenomenon that was important and affected a lot of people. […] And the lesson it taught me was that non-disclosure agreements have victims. They’re not innocent“.[5]

Zwei weitere Erlebnisse sollten Stallman dann zur Gründung des GNU-Projektes führen. In The collapse of the community[6] beschrieb er, wie in den frühen 1980er Jahren die von ihm so geschätzte Gemeinschaft langsam zerfiel. Zum einen wurde im Jahr 1981 die Firma Symbolics gegründet, um den im AI Labor entwickelten LISP Rechner[7] zu vermarkten. Mit den Gründern der Firma ging ein großer Teil der Belegschaft des Labors, so dass dieses fast völlig verlassen war. Zum anderen wurde ITS 1982 durch ein proprietäres Betriebssystem ersetzt. Diese Entwicklungen stellten Stallman vor eine Entscheidung, die er als „stark moral choice“ beschreibt, und die zur Gründung sowohl des GNU-Projektes als auch der Free Software Foundation (FSF) führten.

Im Folgenden wird die Gründung des GNU-Projektes und der Foundation nachvollzogen, der Begriff der „Freien Software“, wie er dort gebraucht wird, erklärt und die rechtliche Umsetzung des Begriffes und der mit ihm verbundenen Ideale beschrieben.

GNU-Projekt und Free Software Foundation

Stallman musste sich also entscheiden, ob er – wie viele seiner alten Weggefährten – in einer Firma arbeiten wollte, die ihm wahrscheinlich auch ein NDA abverlangen würde. Wollte er dies nicht, so konnte er versuchen Arbeit außerhalb der Softwareproduktion zu finden, was ihm aber wie eine Verschwendung seiner Möglichkeiten vorkam. Beides wäre mit Einschränkungen seiner eigenen Überzeugungen verbunden gewesen und keiner der beiden Wege hätte ihm die verlorengegangene Gemeinschaft, die er in seinen Beschreibungen immer in den Mittelpunkt stellt,[8] wiedergebracht.

Die nächste Frage war also, wie er seine Möglichkeiten einsetzen konnte, um wieder eine Gemeinschaft kooperierender Hacker aufzubauen. Was neben der Gemeinschaft selbst und der Freiheit diese Gemeinschaft aufrechtzuerhalten fehlte, war ein Projekt, wie es dies am AI Lab mit dem ITS gegeben hatte: „what was needed first was an operating system. That is the crucial software for starting to use a computer. […] With a free operating system, we could again have a community of cooperating hackers – and invite anyone to join“.[9] Seine Erfahrungen als Betriebssystementwickler prädestinierten ihn dazu – in seiner Lage und mit seinem Unwillen – ein solches Unternehmen anzufangen: „So I felt, ,I’m elected. I have to work on this. If not me, who? ‘ So I decided I would develop a free operating system, or die trying … of old age, of course“.[10]

Die Entscheidung bei dem zu schreibenden freien System dem Design der Unix-Varianten zu folgen scheint im Rückblick logisch.[11] Für ein freies System war es wichtig auf möglichst vielen Computerarchitekturen zu laufen und UNIX hatte sich bereits als extrem portierbar erwiesen. Durch sein Design – viele einzelne Programme, die miteinander über definierte Schnittstellen verbunden sind – konnte das alte System Stück für Stück durch das neue ersetzt werden. Außerdem hatte die DARPA 1980 BSD und UNIX zum Standard der im ARPANET zusammengeschlossenen Rechner gemacht. Das hatte das System noch bekannter gemacht als es vorher schon war.

So logisch war diese Entscheidung für Stallman nicht. Er hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit UNIX gearbeitet und war von einigen Eigenschaften des Systems nicht überzeugt. Weshalb er sich trotzdem entschied mit seinem OS zu UNIX-kompatibel[12] zu werden, erklärte er in seinem GNU Manifesto:

„Unix is not my ideal system, but it is not too bad. The essential features of Unix seem to be good ones, and I think I can fill in what Unix lacks without spoiling them. And a system compatible with Unix would be convenient for many other people to adopt.“[13]

Auch hier stand die Gemeinschaft im Vordergrund. Möglichst vielen Nutzern den Wechsel leicht zu machen war Stallman wichtig, deshalb verzichtete er darauf, ein neues System ganz nach seinen Vorstellungen zu schreiben. Es hätte aber auch keinen Sinn gemacht, ein solches Projekt anzufangen und ein System zu schreiben, das niemand benutzen wollte, weil die Umstellung viel zu aufwändig gewesen wäre.

Nachdem die Ausrichtung auf ein Unix-kompatibles System entschieden war, musste ein Name gefunden werden. Stallman wollte dabei in der Tradition der Hacker bleiben, nach der Namen von Programmen in der Regel Wortspiele sind. Oft werden Akronyme benutzt, deren Inhalt ist, dass das benannte Programm nicht ein bestimmter Vorgänger ist.[14] Die Buchstaben I, N und U sollten also für „is not Unix“ stehen. Weil es mit „inu“ aber keine vernünftigen Worte im Englischen gibt, entschied er sich für eine Kontraktion des „is“ und bekam mit dem G das GNU und mit diesem das Tier Gnu als Maskottchen. Ausgesprochen ergibt das Akronym nun „GNU’s Not Unix“. Dadurch wird das Akronym „rekursiv“, dass heißt es verweist auf sich selbst.[15]

Am 27. September 1983 veröffentlichte er seine Pläne im ARPANET. Unter der Überschrift „Free Unix! “, die sowohl wie ein Reklamespruch als auch wie eine Aufforderung Unix zu befreien gelesen werden kann, stellte er sich und sein Projekt vor und forderte andere auf ihn zu unterstützen. Er bat Computerhersteller um Sachspenden, die sich, wie er schrieb, auszahlen würden, weil auf den entsprechenden Architekturen die neue Software zuerst laufen würde. Programmierer konnten helfen, indem sie Teile des Systems schrieben, aber auch an Geldspenden hatte Stallman schon gedacht. Mit diesen wollte er Programmierer bezahlen, denen er wichtige Teile des Systems übergeben wollte. „The salary won’t be high, but I’m looking for people for whom knowing they are helping humanity is as important as money“ schrieb Stallman, und stellte wieder die Gemeinschaft und die gegenseitige Hilfe vor das Wohl des Einzelnen.[16]

Im Januar des nächsten Jahres gab Stallman seine Stelle am MIT auf[17] und begann mit der Arbeit an GNU. Der Aufbau des Systems ließ ihm die Möglichkeit irgendwo anzufangen und jedes Teil zu einem für ihn passenden Zeitpunkt zu schreiben. Da die Schnittstellen zwischen den Teilen des Systems vorgegeben waren, würden die einzelnen Teile hinterher auch wieder zusammenpassen, unabhängig davon, wann oder auch von wem sie geschrieben worden waren. Im September begann er mit der Arbeit an GNU Emacs, einem Texteditor.[18] Diesen brauchte Stallman zum Schreiben der einzelnen Programme, die er nicht auf einem unfreien Editor schreiben wollte.

Die Vorstellung Stallmans war, das gesamte System erst zu veröffentlichen, wenn alle Teile geschrieben wären. Doch als der Editor Anfang des darauf folgenden Jahres fertig wurde, stellte sich heraus, dass auch bei anderen Programmierern Interesse daran bestand. Stallman stellte Emacs also auf einem anonymen ftp[19] zur Verfügung. Gleichzeitig bot er jedoch auch Magnetbänder an, die er für 150 $ versandte. Von den etwa acht bis zehn Bestellungen im Monat konnte er leben, weil das MIT ihm weiterhin erlaubte die Einrichtungen zu benutzen und er in einem Raum, der ihm dort zur Verfügung stand, auch wohnte.[20]

Wie bei der BSD ist auch beim Emacs verwunderlich, dass es überhaupt jemanden gab, der für ein kostenlos erhältliches Programm so viel Geld bezahlte. Stallman erklärt dies damit, dass zu dieser Zeit noch nicht alle potenziellen Benutzer des Programmes Zugang zum Netz hatten.[21] Wie bei den heutigen Distributionen der BSD- und GNU/Linux-Systeme liegt der Grund, dass Geld für Programmpakete, die eigentlich umsonst zu haben sind, gezahlt wird, darin, dass der Bezug eines fertigen Datenträgers einfach bequemer ist, als sich selbst um die Zusammenstellung zu kümmern und große Datenmengen aus dem Netz zu laden. Jedenfalls bewies Stallman gleich zu Anfang des GNU-Projektes, dass mit Freier Software auch Geld zu verdienen ist.

Im Oktober 1985 wurde die Free Software Foundation als gemeinnützige Stiftung gegründet. Ihr obliegt es Spenden zu sammeln, von diesen Programmierer für GNU-Software einzustellen und das Konzept Freier Software in der Öffentlichkeit zu vertreten. Da die Freie Software und das GNU-Projekt Stallmans Ideen sind und die FSF selbst zur Förderung dieser Ideen gegründet wurde, ist er seitdem Präsident der Foundation. Die weiteren Mitglieder werden von Stallman ausgesucht. Auch die in letzter Zeit gegründeten Zweigstellen (z.B. die FSF Europe und die FSF India, die am 20. Juli 2001 eröffnet wurde) werden von Personen geführt, die Stallman für geeignet hält, seine Vorstellungen zu vertreten.[22]

Die FSF übernahm nach ihrer Gründung den Verkauf der Produkte, so dass Stallman sich nach einer neuen Einnahmequelle umsehen musste. Er bot sich an, gegen Bezahlung Änderungen an den von ihm geschriebenen Softwarepaketen vorzunehmen. Die Resultate waren wieder Freie Software und er konnte sich als bezahlter Programmierer mit dem Schreiben von Software beschäftigen, ohne die sonst in diesem Feld zu erwartenden Unannehmlichkeiten (z.B. NDAs) über sich ergehen lassen zu müssen.

Gleichzeitig nahm das GNU-Projekt Gestalt an, jedoch nicht – wie Stallman angekündigt hatte – als Projekt, das erst nach seiner Vollendung freigegeben sollte, sondern Stück für Stück. So konnten einzelne Komponenten des Systems schon genutzt werden und dem Projekt zu Bekanntheit verhelfen. Dem Editor, einem entscheidenden Stück für das Schreiben von Software, folgte der GNU C-Compiler (gcc), der den Sourcecode in ausführbare Dateien umwandelt, eine „Shell“ (eine Arbeits­umgebung, die die Befehle des Benutzers entgegennimmt und viele Aufgaben beim Arbeiten am Rechner übernimmt) und die GNU C-Library (eine Bibliothek ähnlich der, die Hopper vorgeschwebt hatte – wenn auch wesentlich mächtiger[23] ).

Bestimmte wichtige Teile wurden von der FSF in Kommission gegeben, andere – und dies gehört zum Konzept – wurden von anderen Projekten übernommen. Zu diesen Programmpaketen gehörte das „X Window system“, das den auf dem Betriebssystem laufenden Programmen grafische Ausgaben ermöglicht. Dadurch entsteht zum Beispiel die Desktopmetapher, die von den meisten modernen Betriebssystemen bekannt ist.[24] Das X Window system ist also nicht wirklich als Teil von GNU, passt aber zum Projekt und kann benutzt werden um diese Lücke zu füllen, weil die Lizenz, unter der es veröffentlicht ist, den Bedingungen, die von der FSF an Freie Software gestellt werden, entspricht.[25] Zu den Teilen, die aus anderen Zusammenhängen stammen, gehören auch das weit verbreitete Textsatzprogramm TEX und einige Teile der BSD-Bibliotheken[26] .

Etwa 1991 war das GNU-System soweit fertig, dass nur noch der Kernel zu einem kompletten Betriebssystem fehlte. Auch bei diesem hatte sich das Projekt darauf verlegt einen fremden Teil mit eigenen Komponenten zu verbinden, um zu einem vollständigen Paket zu gelangen. In diesem Fall sollte auf den Mach-Microkernel zurückgegriffen werden, der an der Carnegie Mellon Universität geschrieben wurde. Wenn dieser fertig war, sollte ihm der zu GNU passende Oberbau aufgesetzt werden.

Es gibt grundsätzlich zwei Typen von Systemkernels: monolithische (zu diesen gehört vom Ansatz her der Linux-Kernel) und Microkernel (wie den Mach-Kernel), bei denen nur ein kleiner organisierender Teil den eigentlichen Kernel ausmacht. Der Rest, der bei Monolithen direkt mit dem Kernel verbunden ist, besteht aus kleineren, für bestimmte Aufgaben geschriebenen, Programmpaketen. Für das GNU-Projekt hätte der Microkernel den Vorteil, dass die einzelnen Prozesse, wie beim eigentlichen System, von einzelnen Personen geschrieben werden könnten, die nur darauf zu achten hätten, dass die vordefinierten Schnittstellen zwischen den einzelnen Teilen eingehalten werden.

Die Entwicklung von Mach dauerte allerdings wesentlich länger als erwartet und der Kernel ist bis heute der einzige Teil, der GNU zu einem kompletten Unix-ähnlichen System fehlt. Inzwischen hat die Carnegie Mellon Universität die Produktion von Mach aufgegeben und ein GNU Mach wird geschrieben, für den ein Oberbau namens Hurd[27] entsteht. Seit etwa 2000 gibt es stabile[28] Versionen von Hurd, die bisher aber nur auf IA32-Architekturen laufen.

Im selben Jahr, 1991, in dem das GNU-System seinen vorläufig vollen Umfang erreichte, gab es auch eine erste Version eines fremden freien Kernels. Linux, der von dem finnischen Studenten Linus Torvalds geschrieben wurde, und auf den das GNU-System inzwischen von verschiedenen Programmierern portiert worden ist, ist ebenfalls ein Unix-kompatibler Kernel. Das aus der Kombination von Linux und GNU gebildete System entstand jedoch stückweise und nicht durch die Zusammenarbeit der GNU- und der Linux-Programmierer. Deshalb ist es heute meistens nur unter dem Namen Linux bekannt, was von Stallman und den Vertretern der FSF immer wieder angeprangert wird, weil sie glauben, dass dem GNU-Projekt so nicht die ihm zustehende Anerkennung zuteil werde und den Benutzern der Zugang zur Philosophie des GNU-Projektes verborgen bliebe.

 

*Dieser Text stammt aus der Magisterarbeit „Geschichte der Freien Software“ von Joachim Korb aus dem Jahr 2001. Das Originaldokument ist abrufbar unter: http://tal.cs.tu-berlin.de/korb/Magister/

 



[1] Zum Beispiel in [Stallman2001e] und [Stallman2001c] oder [Meretz2000,S.8].

[2] Levy 1984

[3]Dieser Name ist eine Verballhornung des „Compatible Time-Sharing Systems“, das ein Vorgänger des MULTICS Systems war, das seinerseits ein Vorgänger von UNIX war. (Für „time sharing“ gibt es unterschiedliche Schreibvarianten.)

[4]Siehe z.B. Stallman 2001c, wo Stallman diese Geschichte erzählt.

[5] Stallman 2001c

[6]Stallman 2001c

[7]LISP ist eine Programmiersprache, die in der KI-Forschung einen hohen Stellenwert hat. Der von Symbolics vertriebene Rechner war so konstruiert, dass er möglichst effektiv mit LISP einzusetzen war.

[8]In Levy 1984, S.413 beschreibt Levy Stallmans Verlust. Er zitiert ihn: „,I’m the last survivor of a dead culture,‘ said RMS. ,And I don’t really belong in the world anymore. And in some ways I feel I ought to be dead.‘“ Levy 1984, S.427

[9] Stallman 2001e

[10]So beschrieb Stallman selbst diese Entscheidung bei einem Vortrag an der New Yorker Universität. Zitiert nach Stallman 2001c.

[11]Vgl. Moody 2001, S.19f.

[12]Mit Kompatibilität ist die Austauschbarkeit oder Vereinbarkeit verschiedener Systeme gemeint. GNU/Linux ist zum Beispiel in vielen Punkten zu den BSD-Systemen kompatibel. Die unterschiedlichen proprietären Unix-Varianten sind untereinander teilweise nicht kompatibel und Microsofts Windows oder MacOS von Apple sind weder untereinander noch zu den diversen Unixen kompatibel.

In diesem Fall sollte die Kompatibilität jedoch so weit gehen, dass jedes einzelne Programm, das Stallman für das neue System schreiben würde, einen Teil des Originals ersetzen konnte. (Wie dies bei der BSD-Variante ebenfalls der Fall war.)

[13] Stallman 1993

[14]Also etwa: „A ist nicht B“.

[15]Stallman beschreibt solche Wortspiele. Die englische Aussprache läst hier ein weiteres Wortspiel zu: Da im Englischen vor „n“ „k“ und „g“ nicht gesprochen werden, ergibt sich die Aussprache „new“. Deshalb stellt Stallman das „g“ extra voran, weil das System inzwischen nicht mehr so neu ist. Ausgesprochen klingt GNU also „g’ new“. Stallman 2001c

[16]Der Text der Ankündigung findet sich unter Stallman 1983.

[17]Er wollte damit der Gefahr vorbeugen als Angestellter des Institutes Software geschrieben zu haben, die dann vom MIT als Eigentum betrachtet werden konnte.

[18]Seitdem wird Emacs (kurz für Editing MACroS) ständig weiter entwickelt. Inzwischen kann man damit unter anderem Email lesen und schreiben und, mit einem Zusatzpaket, auch im Internet surfen. Version 21.1 wurde am 24.10.2001 veröffentlicht.

[19]Das „file transfer protocol“ (ftp) ist Internetprotokoll wie http. In ftp-Verzeichnissen werden Dateien ablegt. Dass das Verzeichnis „anonym“ ist, bedeutet, dass sich Benutzer nicht anmelden (oder einloggen) müssen, um darauf zuzugreifen.

[20]Vgl. die Beschreibung des Raumes, in dem Levy Stallman zum ersten Mal traf: „[…] a room cluttered with printouts, manuals, a bedroll, and a blinking computer terminal […]“. Levy 1984, S.415

[21]Vgl. Stallman 2001c.

[22]Diese enge Bindung wird gelegentlich kritisiert, weil die Freie Software-Bewegung, die durch die FSF vertreten wird, aus wesentlich mehr Programmierern besteht als die FSF Mitglieder hat. Auf der Diskussionsmailingliste der FSF Europe hat es kurz nach deren Öffnung eine längere Diskussion gegeben, in der Nicht-Mitglieder Mitspracherecht bei Entscheidungen der Stiftung forderten.

[23]Programmierer sprechen von der „Mächtigkeit“ eines Programms, wenn sie das Ausmaß seiner Möglichkeiten beschreiben.

[24]Auf Unix-Systemen läuft dabei zusätzlich noch ein Windowmanager, der die Anordnung und das Aussehen der Fenster kontrolliert.

[25]Siehe philosophischesKonzept GPL und Copyleft.

[26]BSD selbst war zu diesem Zeitpunkt noch kein freies Betriebssystem, da, um es zu benutzen noch die durch AT&T lizensierten Teile nötig waren. Ausserdem war die Lizenz, die in Berkeley benutzt wurde zwar eine Freie Lizenz, passte aber nur teilweise in Stallmans Konzept.

[27]„,Hurd‘ stands for ,Hird of Unix-Replacing Daemons‘. And, then, ,Hird‘ stands for ,Hurd of Interfaces Representing Depth‘“, lautet die Erklärung des Namens, die unter http://www.gnu.org/software/hurd/hurd.html zu finden ist. Wie der Autor der Seite sagt, ist dies vermutlich das erste Programm, dessen Name aus zwei aufeinander verweisenden Akronymen besteht.

[28] Bei der Entwicklung Freier Software gibt es, da oft viele Personen daran mitarbeiten und die meisten Programme nach ihrer ersten Veröffentlichung weiterentwickelt werden, stets mehrere Versionen. Diese werden von Projekt zu Projekt anders bezeichnet, aber meistens gibt es Entwicklerversionen, die noch in der Testphase sind, und so genannte „stabile“ Versionen, bei denen die Entwickler davon ausgehen, dass sie in für den täglichen Gebrauch stabil genug sind. So ähnlich verhält es sich bei proprietärer Software natürlich auch, nur dass die stabilen Versionen dort die sind, die verkauft werden.

Freie Kunstszene von Kabul

In Kabul konstituiert sich gegenwärtig eine junge freie Kunstszene. Felicia Herrschaft und Philipp von Leonhardi konnten einige Künstler dieser Szene kennen lernen und einen Teil ihres Schaffungsprozesse beobachten und miterleben. Folgend haben sie mit ihnen in Deutschland in der Nähe von Frankfurt am Main eine Ausstellung organisiert. Als nächstes veranstalten sie einen Workshop in Kabul und planen die Berichterstattung mit Afghanen von der Documenta in Kassel.Direkter Link: http://video.google.de/videoplay?docid=-4444938612946786077 Im Interview mit Saghar Chopan berichten Felicia und Philipp über die Situation der Kunstszene in Afghanistan. In Kabul gibt es drei Kunsthochschulen. Hier wird weitestgehend traditionell gearbeitet. Es gibt eine starke Kopistenschule, wo in erster Linie alte Werke abgemalt oder kopiert werden. Wohl vor allem aus diesem Grund hat sich daneben eine eigene unabhängige Bewegung – die freie Kunstszene – in Afghanistan entwickelt. Künstler haben sich hier zum Beispiel im CCAA, dem Center for Contemporary Art in Afghanistan, zusammengeschlossen. In diesem Umfeld entstehen moderne Arbeiten von Künstlern, die eigene Ausdrucksformen entwickeln und verschiedene Kunstformen miteinander verbinden. Ganz selbstverständlich beziehen sie Videos und Fotos in ihre Arbeiten ein. Thematisch geht es bei diesen Künstlern häufig um die mit dem System- und Regimewechsel verbundenen Veränderungen und Freiheiten. So thematisieren sie zum Beispiel die „neuen“ Freiheiten der Frauen und sowohl positiv wie auch kritisch.

Das Essen auf dem Schreinerhof in Hezarak

Es gibt zwei Köche hier und die bereiten das Essen und servieren auch. Morgens esse ich mit den Ingenieuren zusammen, allerdings mein Müsli. Das haben sie bestaunt, gemocht haben sie es überhaupt nicht. Mittags war es erst schwierig. Mit meinem Wunsch, mit den Schreiner-Jungs gemeinsam zu essen (der mir natürlich gewährt wurde), habe ich ihr System ein wenig durcheinander gebracht. Das Essen ist halt auch ein Mittel, die Hierarchie auszudrücken. Zum Beispiel bekomme ich früher zu essen als die Lehrlinge. Und ich bekomme oft Obst und nachmittags Tee serviert. Und meine Lehrlinge bekamen am zweiten Tag zuerst kein Essen. Vielleicht ist es gar nicht vorgesehen. Klar, dass sie völlig schlecht draufkamen, besonders Sher Sar stritt sich lauthals mit dem jungen Koch, war offensichtlich auch persönlich beleidigt. Sie bekamen dann doch noch Reste. Zwei Tage später bekomme ich gesagt, dass meine Gehilfen gar nichts zu essen bekommen, es sei denn, sie bezahlen. Sie wissen noch gar nicht, ob sie überhaupt etwas bezahlt bekommen dafür, dass sie mir helfen. Und dann haben sie natürlich auch kein Geld, etwas für das Essen zu bezahlen. Ich habe also dem Koch gesagt, dass ich für sie mitbezahle, wenn sonst niemand bezahlt. Und ihnen, dass sie auf jeden Fall Geld für ihre Arbeit bekommen, notfalls eben auch von mir. Ich sollte für eine Woche 50 Afghani Essensgeld bezahlen (also 1 Euro) und das sei der Preis, den alle bezahlen. Ich habe dann 150 Afghani bezahlt, weil es mir so wenig vorkam. Nach all diesem Nervkram konnte ich mit meinen Arbeitskollegen also endlich regelmäßig zu Mittag essen. Das stellte sich allerdings als gewöhnungsbedürftig heraus. Mit den Händen essen, schmatzen und einer zog nicht mal die Schuhe aus (grob unhöflich in Afghanistan). Ich habe ihn dann auch gebeten, sie auszuziehen, immerhin essen wir in dem Raum, in dem ich schlafe. Nachher sind die Reste überall verstreut und außerdem beziehen sie mich in ihre Runde nicht mal mit ein, sondern Sher Sar setzt sich immer wieder mit dem Rücken zu mir hin. Sie essen aus einem einzigen Teller, ich habe grundsätzlich einen eigenen mit Löffel. Inzwischen befürchte ich, dass ich lediglich eine Art Geldesel bin. Für das Projekt “Schreinerausbildung” zahlt meine Organisation an die ausführende NGO 6000,- Dollar (später wurde es sogar auf 11500 Dollar erhöht) und das ist eigentlich nur Geld für die Leute, die ausgebildet werden. Ich befürchte – vermute, dass sie das Geld nie sehen werden. Für Material und Ausstattung etc, zahlen sie kein Geld, dürfen sie auch nicht, wegen irgendwelcher Regeln ihrer eigenen Geldgeber. Die ausführende NGO hat dafür aber auch kein Geld und ich kann mir zusätzlich vorstellen, dass das Geld, was mich sozusagen begleitet, in andere Projekte fließt. Bestenfalls. Ich weiß noch nicht, was ich machen soll, wenn mich dann 15 hungrige Mäuler mittags anschauen, die alle kein Geld während ihrer Ausbildung bekommen. In Kabul habe ich (zumindest befürchte ich) ja schon zwei Hungertote/Kältetote gesehen, aber hier, das ist wohl noch mal eine viel härtere Nummer und ich bin viel direkter damit konfrontiert, weil ich die Leute persönlich kennen lerne. Im Vergleich zu ihnen bin ich unendlich reich und es wäre auch kein Problem, das Essen für 15 Leute zu bezahlen. Aber so ist das nicht abgesprochen, dass ich von meinem Verdienst das Gehalt (oder einen Teil davon) meiner Schüler zahle. Außerdem waren heute schon zwei Freunde mit beim Essen dabei, außer meinen Schülern und dem Übersetzer. Ich weiß nicht, woher die kamen und wieso die mitgegessen haben. Und vor allem weiß ich nicht, ob es morgen noch mehr sind. Eine Woche später bekommen die Köche genug Geld für die Lehrlinge, aber das Essen blieb sehr karg. Mehrfach redete ich mit den Köchen, unter anderem bat ich sie, wenigstens nicht noch provozierende Sprüche zu machen. Noch später musste ich einem meiner Lehrlinge verbieten, mit den Köchen zu reden und seinerseits sie zu ärgern.

Es gibt keine Dörfer in Afghanistan – Wir müssen uns von westlich geprägten Kategorien verabschieden

Saghar Chopan im Gespräch mit Dr. Conrad Schetter. Herr Dr. Schetter beschäftigt sich im Bereich der politischen Wissenschaften mit lokalen Macht- und Entscheidungsstrukturen in Afghanistan. Der gegenwärtige Forschungsschwerpunkt liegt in der Region Kundus in Nordafghanistan: „Es geht darum wie jenseits des Staates politische Entscheidungen von der lokalen Bevölkerung getroffen werden.“Direkter Link: http://video.google.de/videoplay?docid=2170641658676517346 Herr Schetter plädiert dafür, dass sich Forscher von „unseren modernen“ westlich geprägten Kategorien lösen müssen: „Wir haben eine ganz einfache Kategorie festgestellt von der wir glauben, dass sie auf der ganzen Welt zu finden ist: Das Dorf. Wir finden in Afghanistan kaum ein Dorf (… oder in der Region in der wir gearbeitet haben). Hier sind Gemeinschaften nicht in Dörfern, Territorien organisiert, sondern Gemeinschaften sind in verschiedenen Verbänden, Netzwerken, Interaktionsmustern miteinander verwoben, aber das Dorf als solches finden wir nicht. Und das ist eine Sache, die in Afghanistan faszinierend zu beobachten ist – dass wir mit unseren modernen Kategorien … in Afghanistan scheitern. Deswegen auch zu der Frage eines Staates, der gegenwärtig in diesem Land aufgebaut werden soll: Wo finden wir überhaupt den Staat in diesem Land?“ Weiterhin erfahren wir im Interview mehr über die persönliche Motivation von Herrn Schetter sich mit Afghanistan zu beschäftigen und das Bild, dass er sich bei der Forschung zu Afghanistan machen konnte: In Afghanistan zeigt sich, dass trotz des langen Krieges in vielen Bereichen bestimmte Spielregeln und Legitimitäten herrschen. Diese wurden beim Wiederaufbau bisher kaum oder nur unzureichend genutzt, könnten aber in der Tat eine Chance in diesem Prozess bilden.

Die Menschen Afghanistans hinter der Forschung nicht vergessen

Saghar Chopan spricht mit Dr. Yahya Wardak. Er lebt seit 14 Jahren in Deutschland und stammt aus der gleichnamigen Provinz in Afghanistan. Vor zwölf Jahren startete er das afghanische Informationszentrum www.afghanic.de.Direkter Link: http://video.google.de/videoplay?docid=-6999924630349619567 Das Afghanistan Information Center katalogisiert Medien über Afghanistan in europäischen und afghanischen Sprachen und stellt dies interessierten Partnern, NGOs, Studenten und Organisationen zur Verfügung. Mit einem Verein in Hamburg veranstaltet das Zentrum weiterhin die Afghanistan-Wochen, die zum Ziel haben Deutsche und Afghanen zusammen zu bringen und den kulturellen Austausch zu fördern. Bei den vielen Veranstaltungen entstanden zahlreiche Freundschaften. „Ich habe meine Frau auch im Rahmen dieser Veranstaltungen kennen gelernt.“… „Und einige Deutsche haben hier zum Beispiel hier den afghanischen Atan-Tanz kennen gelernt. Ich kann mich daran erinnern, dass wir bis … um vier Uhr in der Nacht getanzt haben.“ Daneben ist der wissenschaftliche Austausch ein Grundanliegen des Vereins. „Wir bekommen immer wieder Anfragen. Die Wissenschaftler wissen nicht, wer sich mit welchen Themen beschäftigt.“ Das Zentrum möchte die Forscher nun zusammenführen und mit Hilfe einer Internetplattform vernetzen. Abschließend gibt Herr Dr. Wardak den Forschern, die sich mit Afghanistan beschäftigen, auf den Weg, dass sie bei ihrer Forschung die Menschen dahinter – das Menschliche – nicht zu vergessen und sich auch auf einen partnerschaftlichen Austausch mit diesen Menschen einzulassen. „Ich denke dadurch bekommt man als Forscher für sich noch vielmehr davon“.

Der Kampf um die Sägespäne auf dem Schreinerhof in Hezarak

Meinen Container dämme ich im unteren Bereich einfach mit Sägespänen. Das ist nicht ganz so toll, aber besser als Luft, die frei zirkulieren kann. Ich habe mehrere Leute gefragt, welche ich dafür nehmen kann. Sie haben mir etwas gezeigt, aber zwei Tage später kam einer von NGE und meinte, das hätte er sich extra für sich bereitgestellt. Ich habe mich entschuldigt, gesagt, wie viele Säcke ich genommen hatte und angeboten, zu bezahlen (ich dachte erst, er gehöre zu der zweiten Schreinergruppe). Er wollte natürlich kein Geld, erklärte mir aber, dass ich grundsätzlich Said Machmat oder seinen Stellvertreter Mir Shah (auch ein ganz netter Ingenieur, ungefähr in meinem Alter) fragen soll. Gut, das habe ich getan und er zeigte mir die Späne, die sowohl bei den Maschinen, als auch bei den Werkbänken lagen. Die Gruppe bei den Maschinen wollte unbedingt, dass ich ihre Späne nehme, aber die waren feucht unter freiem Himmel. Ich habe mich also für die Späne von den Werkbänken entschieden, zumal die auch größer und besser waren. Wenig später waren dann auch schon die Leute dabei, diese Späne in Säcke zu füllen. Ich wollte helfen, durfte aber nicht. Meine Lehrlinge sollten das tun. Ich erklärte, dass ich gerne arbeite und nahm einen der Säcke. Sie versuchten mich wortreich zu hindern, aber ich schleppte alleine den Sack weg. Kurz darauf schaffte es Einer, mir zu erklären, dass ich diese Säcke deshalb nicht nehmen sollte, weil sie wieder für “Mir Wais” wären, als Ersatz für die Säcke, die ich zuvor genommen hatte. Oh je, wie peinlich. Der Kampf um die Sägespäne sollte mich die ganze Zeit begleiten: Meine Lehrlinge weigerten sich erst, den Werkraum sauber zu machen, wenn sie die Sägespäne nicht bekämen. Das sei in Afghanistan so üblich. Ich setzte mich durch, weil die Späne zum Heizen der Räume auf dem Hof vorgesehen waren, musste aber mit ansehen, wie die NGE- Ingenieure die Späne für sich selbst mit nach Hause nahmen. Gegenüber Said Machmat erreichte ich, dass die Lehrlinge je einen Sack für sich nehmen duften, was diese als zu wenig ablehnten. Die Arbeit selbst war sehr spannend. Zuerst hatte ich gar keinen Strom und dachte schon, dann kann ich gar nichts machen. Aber es geht tatsächlich alles auch von Hand: Die Sperrholzplatten zusägen, die Latten nageln, zum Teil auch schrauben usw. Ich machte erst mal ein Gerüst aus Latten in den Container, schraubte darauf Sperrholzplatten und in den Hohlraum zwischen Container und Sperrholz dann die Sägespäne. Oben für die Decke habe ich Schaumstoff besorgt, mit dem ich dämme, weil ich da schlecht die Späne einfüllen kann. Zum Glück gab es keine Glaswolle, die sie mir aufs Auge (besser auf die Lunge) drücken konnten. Mit viel Aufwand habe ich tatsächlich einen einzigen Laden in Kabul finden können, der mir Kreuzschlitzschrauben verkauft hat, russische. Allerdings auch nur eine Größe. Ich hatte etwas Angst, die Latten und Spanplatten nur zu nageln, weil sie dann irgendwann abfallen könnten. Am zweiten Abend habe ich meinen Akku aufgeladen, als es Strom gab, für die Akkubohrmaschine, mit der die Jungs abwechselnd arbeiten durften. Ging auch ganz gut. Am letzten Abend der Woche entdeckte ich, dass Sher Sar eine Schraube völlig vermurkst und dann Pappe darüber gelegt hatte. Ich habe das zum Anlass genommen, ihnen einen Vortrag über Fehler und wie wichtig die sind, zu halten. Ich glaube, mein Vortrag hat dem übersetzenden Ingenieur mehr gefallen als ihnen, aber wichtig fand ich ihn doch: Sie müssen mir zeigen, wenn sie etwas falsch machen.

Zuschauer und Zugucker bei der Arbeit in Afghanistan

Und dann sind da noch all die Leute, die mich fragen, ob sie für mich arbeiten können. Jeden Tag etwa zwei, drei Leute, junge, alte. Inzwischen habe ich meine drei Jungs soweit, dass sie für mich erklären, dass nicht ich, sondern Said Machmat entscheidet. Sie überwachen auch ganz eifersüchtig, was ich sage. Einmal habe ich versucht, selber einem älteren Herrn zu sagen, dass ich sehr gerne mit ihm arbeiten würde, nur leider Said Machmat das entscheidet. Das fand Sher Sar nicht so gut, weil ich kurz zuvor auch ihm gesagt habe, dass ich gerne mit ihm arbeite. Alisardar, ein anderer der drei, versteht leider nur sehr wenig Dari, musste ich feststellen. Die Menschen hier sind ja Paschtunen, die zu Hause nur Pashtu sprechen. Das erschwert meine Verständigung natürlich noch mal. Alisardar ist ein ganz Vorsichtiger, eher Schüchterner, der sich immer bedankt und richtig freut, wenn ich ihm etwas erkläre. Anfangs haben die Drei mir einiges nachgemacht, meine wenigen Dari- Worte ständig wiederholt und gelacht. Ich habe dann einen der Ingenieure gebeten, mich zu übersetzen. Ich sagte, dass ich versuchen würde, so schnell wie möglich Dari zu lernen, es jetzt aber noch nicht gut könne, dass ich aber darum bitten würde, mich nicht nachzumachen. Das hat gewirkt. Ich kann nur hoffen, dass der Ingenieur den richtigen Tonfall getroffen hat. Noch habe ich keinen Übersetzer, aber auf die Art lerne ich natürlich auch schneller. Ich werde meinen Übersetzer bitten, mich nur zu übersetzen, wenn ich nicht weiterkomme. Einmal nahm einer der zahlreichen Zugucker meinen Holzhammer und schlug Scherzes halber auf Sher Sar ein. Ich habe auch gelacht und gesagt, dass das Werkzeug zum Arbeiten da sei, nicht zum Schlagen. Das war wohl nicht ganz die richtige Ebene gewesen. Er wurde tief rot vor Scham und ist weggegangen. Meist sitzen so zwei, drei mit im Container und gucken zu. Manchmal ist der ganze Container voll, wenn es etwas Interessantes gibt. Arbeiten ist dann fast nicht mehr möglich, was außer mir aber auch keinen stört. Ich versuche, möglichst alle zu grüßen, kann mir aber natürlich überhaupt nicht merken, wen ich schon gegrüßt habe. Die meisten freuen sich sehr, wenn ich mit ihnen rede, aber es gibt auch Gesichter, die finster bleiben (wenn sie nicht extra freundlich gucken, sind für mich fast alle Gesichter erst mal finster). Ein älterer Mann mit Turban kam vorbei und sprach mich an, ob ich irgendetwas bräuchte (weil ich gerade etwas in mein Buch geschrieben habe). “Ja,” sagte ich, “ich brauche Bleistifte, aber die kaufe ich am Wochenende in Kabul.” Wie viel ich denn bräuchte, er könne die auch besorgen. Ach, sagte ich, ich wollte so zehn Stück kaufen. „Aber ich will die kaufen,“ meinte ich noch sicherheitshalber. Nein, Nein, er würde mir die schenken. Tatsächlich, am nächsten Tag brachte er mir die zehn Bleistifte (allerdings sehr schlechte) und verschwand sofort. Hermid, ein sehr netter Ingenieur und etwas älter als ich, meinte zu mir: “Ich möchte Dein Freund sein, wenn Du es auch magst.” Ich zögerte und sagte: “Ich bin sehr stolz, wenn ich Dein Freund sein darf, allerdings weiß ich nicht, ob ich Deine Erwartungen erfüllen kann. Unsere Kulturen sind verschieden und ich werde Sachen machen, die für Dich nicht in Ordnung sind.” Er lachte und meinte: “Das werden wir schon hinkriegen.” Dann sagte er zu mir: “Der, der die Bleistifte gebracht hat, ist ein bisschen komisch. Mach Dir kein Problem daraus. Du brauchst es nicht ändern, brauchst ihm auch nichts zurückzuschenken.” Ein anderer älterer Mann kam und erklärte, dass er auch Schreiner wäre und sehr gerne mit mir oder für mich arbeiten würde (wie so viele). Er würde auch gerne zu Hause arbeiten, aber er hätte noch nicht einmal eine Säge, ob ich nicht eine für ihn hätte. Ich war ziemlich beschäftigt mit meinen Gedanken und bat nur einen der Jungs, ihm zu sagen, dass Said Machmat dafür zuständig sei. Später, als ich allein war, hatte ich ein schlechtes Gewissen, ihn so unhöflich abgewiesen zu haben und bat den Dritten der Jungs, Said (dessen Onkel es wohl war), mir seinen Namen zu sagen und mich zu entschuldigen, dass ich so kurz angebunden war. Prompt stand er ein paar Stunden später wieder vor meinem Container. Ich denke nun, dass ich ihm eine Säge von meinem Geld schenke. Allerdings ist auch klar, dass er eigentlich von mir viel mehr will, als nur eine Säge….

Völkermord in Ruanda: Ethnisches Bewusstsein als Grundlage für die Durchsetzung von Machtinteressen

Tatsächlich ging es bei dem Völkermord in Ruanda 1994 um Machtkämpfe bei denen die Ethnizität lediglich gebraucht wurde, um ein Bewusstsein, ein Wir-Gefühl zu beschwören.  Hierdurch konnte die Grundlage für die Durchsetzung von Machtinteressen geschaffen werden.

Direkt nach dem Völkermord in Ruanda 1994 trat eine Empörungswelle der westlichen Welt los. Man verstand nicht, wie sich in einem Volk mit der gleichen Geschichte, Kultur und Sprache zwei so voneinander abstoßende Pole bilden konnten. Doch untersucht man die Geschichte Ruandas und die klare Rassentrennung der Kolonialherren, so wird schnell deutlich, dass die ersten Weichen für den Konflikt bereits im Jahr 1894 gestellt wurden – mit dem Beginn der Erforschung des Landes durch die Europäer und der anschließenden Kolonialisierung. Heute lässt sich feststellen: Die Kolonialherren haben durch die Einteilung der ruandischen Bevölkerung in Rassen die entscheidende Rolle bei der Grundsteinlegung des Konfliktes gespielt. Dabei waren ihnen nicht im Geringsten geschichtliche und kulturelle Wurzeln des Landes und dessen Bewohner bekannt. Doch auch durch die Medien verstärkte sich der gegenseitige „Rassenhass“. Diese haben die Vervielfältigung schriftlicher Hetzparolen, sowie mündliche, menschenrechtsverletzende Anschuldigungen von Radiosprechern zu verantworten. Der aufkeimende Völkermord wurde durch die Medien immer weiter vorangetrieben und so auch unterstützt. Sie markierten in Ansprachen die klare und bewusste Trennung beider „Ethnien“; jeder, der sich nicht als eines der beiden identifizieren konnte, wurde zum Staatsfeind erklärt. Die ethnische Politisierung fand so ihren Höhepunkt, da ein gegeneinander kämpfen fast zwanghaft wurde. Alle politischen Ziele wurden auf die Ebene der ethnischen Zugehörigkeit verlagert. 

Jared Diamonds Erklärungsversuch für den Ursprung des ruandischen Völkermords in seinem Buch „Collapse“ (2005)  wirft, auch wenn dieser von historischen wie auch linguistischen Phänomenen absieht, einen ganz eigenen Blick auf die Grundsteine des massenhaften Mordens in dem kleinen afrikanischen Staat. Das explosionsartige Bevölkerungswachstum in Ruanda bildet für ihn einen wesentlichen Indikator der Auseinandersetzungen und letztendlichen Hassbildung. Er betont hier, dass die Hutu während des Völkermordes auch andere Hutu brutal um ihr Leben brachten (vgl. Diamond, 2005: 312 ff). Ich habe auch diesen Fakt in meiner Arbeit erwähnt, wobei ich bei den Opfern von moderaten Hutu gesprochen und den Bevölkerungsanstieg dabei nicht als Ursache gesehen habe. Diamond unterstreicht den Fakt, dass sich die einzelnen Höfe durch eine zu große Bevölkerungsdichte nicht ausbreiten konnten, und die Menschen nicht genügend Anbaufläche für ihre Grundnahrungsmittel hatten. So waren zu Zeiten des Völkermordes wohlhabende Hutu mit Landgut zeitweise im gleichen Maße gefährdet, wie die Tutsi im Allgemeinen: „High population densities and worse starvation were associated with more crime.“ (Diamond, 2005: 325). Je reicher ein Mensch war, desto gefährdeter war sein Leben in Zeiten des Völkermordes. Worauf Diamond hier anspielt wird deutlich: Auch für ihn sind die Ursprünge des Völkermordes in Machtkämpfen zu suchen. Auseinandersetzungen ethnischer Basis wurden gegen die Tutsi im besonderen Ausmaß gesucht, da diese oft reicher waren, als der gewöhnliche Hutubauer. Stand diesem Bauer jedoch viel Land zu, war auch er vor seinen eigenen Landsleuten nicht mehr sicher. Einem Hutu wurden dann spontan Tutsieigenschaften angedichtet, sodass der Mörder einen „gerechten“ Grund in der Tötung sah, nur um selbst an dessen Reichtum zu gelangen. Macht, Geld, Nahrung und Vieh waren der eigentliche Antrieb der „ethnischen Verfolgung“. Dies zeigt deutlich, wie willkürlich das „Etikett“ Ethnie verwendet und wie gelassen darüber hinweg gesehen wurde, wenn man nur irgendwie an Reichtum kam. 

Klar wird: Das Phänomen, wie es sich in Ruanda zugetragen hat, zeigt, dass ethnisches Zugehörigkeitsgefühl einem Menschen nicht unbedingt „in die Wiege“ gelegt werden muss. Auch äußere Einflüsse – die Kolonialherren – und hartnäckige Propaganda können Identitäten formen und später beeinflussen. Obwohl Ruandas Bevölkerung auch vor der Kolonialzeit in drei Gruppen eingeteilt werden konnte, bildeten diese drei Gruppen nicht automatisch drei Ethnien. Erst nachdem diese drei Ethnien „erfunden“ wurden, konnte sich die Minderheitenproblematik, die sich schon während der Kolonialzeit mehr und mehr zuspitze, entwickeln. Die Kolonialherren schürten durch die jahrelange Bevorzugung der Tutsiminderheit eine dermaßen feindliche Stimmung in der Hutumasse, dass es irgendwann zu Ausschreitungen kommen musste. Erschreckend ist heute zu beobachten, wie wenig Schuldbewusstsein sich die Länder, aus denen die ehemaligen Kolonialherren stammten, eingestanden; legten sie doch die Grundsteine der Spannungen.

Die Ausgangsfrage dieser Hausarbeit, ob ethnische Unterschiede für den Völkermord die Ursache waren, kann mit „ja“ und „nein“ beantwortet werden. „Nein“, weil Hutu und Tutsi im klassischen Sinne des Begriffes „Ethnie“ keinesfalls zu zwei unterschiedlichen Volksgruppen gehörten. Sie teilten dieselbe ethnische Entwicklungsgeschichte, hatte dieselben Bräuche und Sitten. Hutu und Tutsi sprachen und sprechen dieselbe Sprache. Zugleich hat die Kolonialpolitik der Deutschen und vor allem der Belgier dem Volk der Hutu und Tutsi zwei Identitäten aufoktroyiert. Maßnahmen, wie die Einführung unterschiedlicher Personalausweise, sowie die Privilegierung der Tutsi gegenüber den Hutu, konstruierten verschiedene Identitäten, wo vorher lediglich Unterschiede materieller Art vorherrschten.

Die Tatsache um das „Einimpfen“ konstruierter ethnischer Unterschiede in ganze Lebenswelten beantwortet die aufgeworfene Frage mit „ja“. Wer die Spannungen zwischen Hutu und Tutsi zu einem bloßen aus sich selbst entsprungenen ethnischen Konflikt macht, entlässt die Kolonialmächte aus ihrer Verantwortung für den Völkermord von 1994 und für das, was dem vorausgegangen war. Klar wird: Ethnien können gemacht und damit ethnische Konflikte vorbereitet werden. Wirtschaftliche Macht entscheidet dann über die kulturelle Grenzziehung zwischen Menschen. Ethnische Unterschiede sind nicht a priori Garant für Bürgerkriege, das Aufdrücken dieser Unterschiede dafür umso mehr. Politische Entscheidungen wirken stets weit über die Zeitspanne hinaus, in der sie getroffen werden. Die Konsequenzen der grundlegenden gesellschaftlichen Weichenstellungen, die die Kolonialmächte vornahmen, liegen auf der Hand und werden Tag für Tag offensichtlich.

Ruanda heute?

In Ruanda stehen sich heute zwei unterschiedlich ethnisch definierte Gruppen in tödlicher Feindschaft gegenüber. Man kann nicht annähernd von einer ruhigen und entspannten Situation sprechen, weder in den Medien, noch in der Politik oder auf den Feldern der kleinen Bauern. Auch heute noch stehen Auseinandersetzungen und kleinere Straßenkämpfe auf der Tagesordnung, obwohl sich die Lage schon etwas stabilisiert hat.

Noch heute, nach 11 Jahren, warten ca. 130 000 Ruander auf ihren Prozess, das Rechtssystem ist schlecht organisiert und schafft es nicht einmal, Taten von vor 11 Jahren abzuurteilen. Wie soll es dann in der Lage sein, mit kleineren Verbrechen der Jetztzeit fertig zu werden? Ein vorkoloniales Rechtssystem wurde 2000 wieder eingeführt, um die Verbrechen des Völkermordes schneller aufzuklären. In dieser „GACACA“ genannten Instanz werden innerhalb eines Dorfes 19 Männer in Richterpositionen gewählt; diese verhandeln gemeinsam über das Strafmaß. Bisher wurden schon 100 Angeklagte zum Tode verurteilt, vollstreckt wurde die Strafe in 22 Fällen (vgl. Baratta, 2001: 653). Man kann heute darüber streiten, ob ein so archaisches Rechtssystem nicht einen Rückschritt in alte Zeiten bedeutet. Bemerkt werden muss außerdem, dass aus den Richtlinien der „GACACA“ nicht eindeutig hervorgeht, ob die gewählten „Richter“ Hutu oder Tutsi sind. Für Verurteilungen könnte dies aber eine wesentliche Rolle spielen. Die ethnische Politisierung der 90er Jahre könnte sich fortsetzen, Pole bilden und alte Feindschaften wieder aufleben lassen. 

 

Quellen

Baratta, Mario von (2001): Der Fischer Weltalmanach 2002. Zahlen. Daten.  Fakten. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Berkeley, Bill (2001): The Graves are not yet Full. New York: Basic Books.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (1999): Afrika 1 Zeitschrift 264. Bonn: Schwann Bagel GmbH & Co KG.

Diamond, Jared (2005): Collapse. London: penguin group.

Die Bibel – Die heilige Schrift. Altes und neues Testament. Nach einer Übersetzung von Luther.

Gleichmann, Peter; Kühne, Thomas (Hrsg.) (2004): Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert. Essen: Klartext Verlag.

Harding, Leonhard (1998): Ruanda – der Weg zum Völkermord. Vorgeschichte – Verlauf –Deutung. Hamburg: Lit. Verlag.

Hoering, Uwe (1997): Zum Beispiel Hutu & Tutsi. Der Völkermord hätte verhindert werden können, befand ein UN-Bericht. Göttingen: Süd-Nord-Lamuv.

Kimenyi, Alexandre (1978): A Relational Grammar of Kinyarwanda. Volume 91. London: University of California Press.

Kimenyi, Alexandre (2002): A Tonal Grammar of Konyarwanda – an Autosegmental and  Metrical Analysis. Volume 9. New York: The Edwin Mellen Press.

Mamdani, Mahmood (2001): When Victims Become Killers. Colonialism, Nativism, and the Genocide in Rwanda. Princeton, New York: Princeton University Press.

Melvern, Linda (2000): A People Betrayed. The Role of the West in Rwanda's Genocide. London, New York: Zed Books.

Newbury, Catharine (1988): The Cohesion of Oppression. Clientship and Ethnicity in Rwanda 1860– 1960. New York: Columbia University Press.

Scholl-Latour, Peter (2001): Afrikanische Totenklage. München: Bertelsmann Verlag.

Semujanga, Josias (2003): The Origins of Rwandan Genocide. New York: Humanity Books.

Wikipedia, Ethnie: 05.10.2006, 12:35 Uhr., http://de.wikipedia.org/wiki/Ethnie

Wikipedia, Rasse: 05.10.2006, 12:40 Uhr. http://de.wikipedia.org/wiki/Rasse

Wikipedia, Ruanda: 05.10.2006, 15:40 Uhr.   http://de.wikipedia.org/wiki/Ruanda


Unterricht an der Universität in Santa Clara: Nuevo Hombre vs. Homo Oeconomicus

Die Uni in Santa Clara: Nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit meinen Kursen und der Einschreibung erhalte ich mittlerweile quasi-privaten Sprachunterricht. Gemeinsam mit Enes, einem Chinesen aus der Nähe von Shanghai, lerne ich täglich etwa 3 Stunden Spanisch. Leider sind die Möglichkeiten begrenzt: Es gibt kaum Papier bzw. Kopiermöglichkeiten, keine Audio- bzw. Videoabspielgeräte, keine Overhead-Projektoren und auch keine Lehrbücher.

Internetzugang haben die Studenten ab 20.00 Uhr, wobei die gesamte Uni über eine einzige Leitung von 100Mb/s verfügt (einen besseren Haus- bzw. regulären Büroanschluss in Deutschland). Daran sind hunderte von Computern angeschlossen, was zur Folge hat, dass das einfache Abrufen von 3-5 Mails normalerweise 1.5 Stunden dauert. Oft ist die Seite fast fertig aufgebaut und dann wird plötzlich aus irgendeinem Grund der Zugang verweigert.

Kreide und Tafel sorgen für’s Nötigste beim Lernen. Unsere Professorin beglückt uns beständig mit linientreuen Texten, so lerne ich viel über die kapitalistische Ausbeutung des Landes vor der Revolution, über die Schlachten Chés gegen das Batista Regime und über die gegenwärtigen Erfolge des Sozialismus. Hierzu gehört unter anderem Material zur Schaffung des „Nuevo Hombre“ oder dem neuen Menschen. Dieser widerspricht dem Menschenbild des „Homo Oeconomicus“, welches in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschend ist, in fast allen Punkten. Oft ist von altruistischen Taten die Rede, vom freundlichen, allzeit bereiten Arbeitern und Mitbürgern. Es wird appelliert an Mitgefühl und Zusammenhalt. Diese Nachrichten werden psychologisch verstärkt durch die sozialistischen Parolen, die an Stelle der heimischen Werbeplakate überall am Straßenrand zu finden sind. Diese beteuern, dass „eine bessere Welt möglich ist“, vergleichen Patriotismus mit Menschlichkeit und gipfeln in meinem Lieblingsspruch „Sozialismus oder Tod“. Letzterer spiegelt phantastisch die Schwarzweißmalerei wider, die das Weltbild dieses Landes bestimmt.

Ansonsten habe ich noch zwei andere Kurse belegt, nämlich Qualitätsmanagement in Tourismusbetrieben und Organisationspsychologie. Die akademische Messlatte ist hier nicht ganz so hoch anzulegen. Zugegebenermaßen erlauben die Umstände natürlich auch keine Lernqualität wie bei uns, dennoch besteht die Aufgabe der Studenten lediglich darin den Wortlaut der Professoren möglichst genau zu kopieren. Kritisches Denkvermögen ist hier nicht gefragt. Leider war das in meinem bisherigen Studium auch oft nicht anders, dennoch empfand ich es als nicht so offensichtlich wie hier. Interessant am Unterricht ist, dass viele der wirtschaftlichen Konzepte aus dem Westen ihre Anwendung finden. Oft werden die Namen der Wissenschaftler nicht genannt, aber auch in der Bibliothek findet man bei genauer Suche (alte Ausgaben der) Werke von Kotler, Porter, Samuelson und Co. Im Qualitätsmanagement werden außerdem regelmäßig die ISO-Normen zitiert, man gibt sich also weltoffen. Regelmäßig fallen auch deutsche Namen von Wissenschaftlern oder Institutionen, überhaupt ist Deutschland in der Wirtschaftsfakultät recht präsent. Ein guter Teil der Professoren hat den Doktortitel in Kooperation mit den Unis in Leipzig, Rostock oder Magdeburg erhalten und pflegt zum Teil noch immer den Kontakt. Gestoppt wird die Diskussion oft an den wirklich interessanten Stellen, nämlich wenn die Entlohnung in’s Spiel kommt. Dass mehr Verantwortung auch mit höherer Entlohnung einhergeht und dass Entscheidungen von den Personen getroffen werden sollten, die über das entscheidungsrelevante Wissen verfügen, sind hier politisch nicht tragbare Konzepte.

Sozialismus im Klassenzimmer: Neulich wurde das Gespräch im Spanisch-Kurs politisch. Enes fing an zu wettern über das sozialistische Regime in China. Es gäbe zu viel Vetternwirtschaft, zu viel persönliche Vorteilnahme und die Partei nehme zu viel Einfluss auf das Leben der Individuen, dennoch sei das Leben dort immer noch 1000mal freier als in Kuba. Es gäbe mehr zu Essen, das Verkehrswesen sei fortgeschrittener und auch sonst sei die Lebensqualität wesentlich höher. Schon während seines Monologs bekam die Professorin einen roten Kopf und forderte Enes wiederholt auf zu flüstern bzw. komplett zu schweigen. Ich fühlte mich etwas wie im Kindergarten, begegnete den Aufforderungen der Professorin mit verständnislosem Kopfschütteln. Kaum hatte Enes ausgesprochen, unterrichtete sie uns flüsternd, man dürfe so etwas nicht sagen, noch nicht einmal denken, immerhin wäre die Überwachung hier sehr streng. Nervös hielt sie dabei Blickkontakt mit der Tür. In jedem Land gäbe es gute und schlechte Seiten des Lebens. Und Kuba hätte viele enorme Dinge erreicht. Dann kam die Leier mit dem Gesundheitswesen und der Armut, mit der man hier täglich konfrontiert wird. Enes grinste die ganze Zeit hocherfreut, weil er der Meinung ist, dass ihm als Ausländer hier nichts passieren kann. Zu Hause müsste er sich mit solchen Äußerungen natürlich auch vorsichtig verhalten, hier allerdings sieht er sich dazu nicht gezwungen.

Am nächsten Tag haben wir bei einer Vertretung Unterricht, diese ist nur mäßig motiviert und versucht uns in ein Gespräch zu verwickeln. Ob wir denn schon mit Kubanerinnen in Kontakt gekommen seien, will sie wissen. Wir wären doch als Ausländer bestimmt fürchterlich interessant?! Eigentlich erwartete sie gar keine Antwort und fing gleich an uns in puncto sexueller Aufklärung eine Nachhilfestunde zu geben. Ob wir denn schon Kondome gekauft hätten und ob wir uns der Bedeutung selbiger im Klaren sind? Ausländische Studenten, das schließt mich ein, werden vor dem Antritt ihres Studiums zu einer Blutprobe gebeten, die sämtliche Risiken aus dem Weg räumt. Wie viele Bürgerrechtsbewegungen sich bei einem solchen Schritt in Deutschland zu Wort melden würden, wäre mehr als interessant. Junge Menschen dieses Landes werden bei häufigem Partnerwechsel, der hier permanent als schmeichelhafte kubanische Tugend verkauft wird, auch schon einmal vom Doktor um die Ecke auf eine persönliche Sprechstunde eingeladen, bei der der aktuelle Krankheitsstatus gecheckt wird. Dieser Vorgang ist mitunter nicht ganz freiwillig und bedarf natürlich auch einer gewissen Kontrolle…