Unsere Spanischlehrerin mit Tränen in den Augen

Nancy, unsere Spanischlehrerin, betritt mit Tränen in den Augen den Raum. Was ist passiert? Die einzige Steckdose im Unterrichtszimmer wurde gestohlen.

Nancy ist die Raumverantwortliche, weil sie die meiste Zeit dort unterrichtet. Nachdem sie vom Dekan der Fakultät für diese Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht eine ordentliche Standpauke bekommen hat, macht sie an diesem Tag das erste Mal ihrem Ärger Luft, schimpft über die ständige Überwachung, die Drangsalierung, die Enttäuschung über das System, in dem sie lebt.

Nach all diesen Lobpreisungen und Polittexten, mit denen wir im Unterricht konfrontiert wurden, folgt nun doch mal eine ehrliche Evaluation der Sachlage. Stimmt mich irgendwie zufrieden.

Studieren in Kuba: Das Alltagsleben in Santa Clara

Ich habe mich derzeit an die widrigen Umstände vor Ort gewöhnt und angepasst. Ich genieße die ewige morgendliche Zugfahrt vorbei an den Bananenplantagen der Stadt, mache mich über die Geschwüre lustig die den widerwärtigen, stetig präsenten, streunenden Hunden aus dem Körper hängen und schlafe ein mit dem Geklapper der Pferdehufen auf dem Asphalt. Die dazugehörigen Kutschen dienen hier als reguläres Transportmittel. Ich frage mich nicht mehr täglich, warum alle Häuser von oben bis unten eingezäunt sind, wenn es hier keine Kriminalität gibt. Auch die Urin- und Kotflut in den universitären Sanitäranlagen ohne Wasser gehört zum normalen Tagesprogramm. In den Bussen schließt man sich dem sozialdarwinistischen Verhalten der Kubaner an. Ich esse nicht mehr außerhalb. Was das Warten angeht, braucht man immer was Gutes zu lesen. Wenn Sachen nicht klappen, wundert mich das nicht mehr, ist ja eher Normalzustand als Ausnahme.

Offiziell keine Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen in Santa Clara, Kuba

Ein weiterer Höhepunkt in den vergangen Wochen war der Besuch der Abschlussveranstaltung des Stadtentwicklungsprojekts (ASA). Das Ziel des Engagements der deutschen Entwicklungshelfer auf Makroebene war es den Grundstein für die nur in Keimen existierende kubanische Zivilgesellschaft zu legen. Da hier ja grundsätzlich fast alles verboten ist, hält sich das Demokratieverständnis der Kubaner stark in Grenzen und Partizipation wird zwar in einigen großen Organisationen gefördert und „unterstützt“, ist jedoch auf individueller Ebene fast unbekannt.

In der Mikroebene ging es darum mit den Menschen in dem marginalisiertesten Viertel der Stadt, dem Condado, Strategien zu entwickeln um dieses zu verbessern. Ich fand dieses Thema deshalb besonders spannend, weil es offiziell keine Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen in Santa Clara gibt. Auf meine Fragen in der Universität bekam ich energisch zu hören, dass die Lebensverhältnisse in allen Stadtteilen ähnlich wären und dass es eine Bündelung sozial schwächerer Schichten hier nicht gäbe. Diese Behauptung bereitet bei genauer Betrachtung Bauchschmerzen, denn genau aus genau diesem Grund wurde das Projekt, gefördert durch die Bundesrepublik, auf den Weg gebracht.

Das Condado hat historisch den Ruf erlangt, dass dort die größten Schwarzmarktgeschäfte abgewickelt werden. Des Weiteren gibt es dort erheblich mehr Kriminalität. Ende der 90er Jahre sollen etwa ¾ der nationalen Pesoreserven Kubas auf dem Schwarzmarkt kursiert sein, das veranschaulicht hervorragend das Ausmaß dieser Schwarzmarktaktivitäten.

Jeder „Mittelklassebürger“ rümpft also schon beim Namen „Condado“ die Nase und bemerkt nebenbei, dass er dort abends nicht allein auf die Strasse gehen würde. Ziel der Veranstaltung der deutschen Studenten war es also, möglichst viele der lokalen Entscheidungsträger des Viertels zusammenzubringen, d.h. alle Delegierten und Leiter ansässiger Organisationen wurden eingeladen. In Workshops wurde diskutiert, welchen Ruf das Condado hat, woraus eben dieser resultiert und welche Probleme die Menschen in den einzelnen Distrikten haben. Es wurde analysiert, welche öffentlichen Plätze Schlüsselpositionen im sozialen Gefüge haben und was die Menschen am Ehesten ändern würden. Am Häufigsten fiel, zu meinem Entsetzen, das Schlagwort Alkoholismus, der in der kubanischen Gesellschaft generell ein weit verbreitetes Problem zu sein scheint. Essentiell für mich war, wie unbeholfen die Menschen hier mit solchen Veranstaltungen sind. Es mangelt also nicht an der Kreativität oder der Motivation der Kubaner, sondern mehr an dem Wissen um die Technik der kollektiven Entscheidungsfindung, Demokratie eben.

Unterricht an der Universität in Santa Clara: Nuevo Hombre vs. Homo Oeconomicus

Die Uni in Santa Clara: Nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit meinen Kursen und der Einschreibung erhalte ich mittlerweile quasi-privaten Sprachunterricht. Gemeinsam mit Enes, einem Chinesen aus der Nähe von Shanghai, lerne ich täglich etwa 3 Stunden Spanisch. Leider sind die Möglichkeiten begrenzt: Es gibt kaum Papier bzw. Kopiermöglichkeiten, keine Audio- bzw. Videoabspielgeräte, keine Overhead-Projektoren und auch keine Lehrbücher.

Internetzugang haben die Studenten ab 20.00 Uhr, wobei die gesamte Uni über eine einzige Leitung von 100Mb/s verfügt (einen besseren Haus- bzw. regulären Büroanschluss in Deutschland). Daran sind hunderte von Computern angeschlossen, was zur Folge hat, dass das einfache Abrufen von 3-5 Mails normalerweise 1.5 Stunden dauert. Oft ist die Seite fast fertig aufgebaut und dann wird plötzlich aus irgendeinem Grund der Zugang verweigert.

Kreide und Tafel sorgen für’s Nötigste beim Lernen. Unsere Professorin beglückt uns beständig mit linientreuen Texten, so lerne ich viel über die kapitalistische Ausbeutung des Landes vor der Revolution, über die Schlachten Chés gegen das Batista Regime und über die gegenwärtigen Erfolge des Sozialismus. Hierzu gehört unter anderem Material zur Schaffung des „Nuevo Hombre“ oder dem neuen Menschen. Dieser widerspricht dem Menschenbild des „Homo Oeconomicus“, welches in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschend ist, in fast allen Punkten. Oft ist von altruistischen Taten die Rede, vom freundlichen, allzeit bereiten Arbeitern und Mitbürgern. Es wird appelliert an Mitgefühl und Zusammenhalt. Diese Nachrichten werden psychologisch verstärkt durch die sozialistischen Parolen, die an Stelle der heimischen Werbeplakate überall am Straßenrand zu finden sind. Diese beteuern, dass „eine bessere Welt möglich ist“, vergleichen Patriotismus mit Menschlichkeit und gipfeln in meinem Lieblingsspruch „Sozialismus oder Tod“. Letzterer spiegelt phantastisch die Schwarzweißmalerei wider, die das Weltbild dieses Landes bestimmt.

Ansonsten habe ich noch zwei andere Kurse belegt, nämlich Qualitätsmanagement in Tourismusbetrieben und Organisationspsychologie. Die akademische Messlatte ist hier nicht ganz so hoch anzulegen. Zugegebenermaßen erlauben die Umstände natürlich auch keine Lernqualität wie bei uns, dennoch besteht die Aufgabe der Studenten lediglich darin den Wortlaut der Professoren möglichst genau zu kopieren. Kritisches Denkvermögen ist hier nicht gefragt. Leider war das in meinem bisherigen Studium auch oft nicht anders, dennoch empfand ich es als nicht so offensichtlich wie hier. Interessant am Unterricht ist, dass viele der wirtschaftlichen Konzepte aus dem Westen ihre Anwendung finden. Oft werden die Namen der Wissenschaftler nicht genannt, aber auch in der Bibliothek findet man bei genauer Suche (alte Ausgaben der) Werke von Kotler, Porter, Samuelson und Co. Im Qualitätsmanagement werden außerdem regelmäßig die ISO-Normen zitiert, man gibt sich also weltoffen. Regelmäßig fallen auch deutsche Namen von Wissenschaftlern oder Institutionen, überhaupt ist Deutschland in der Wirtschaftsfakultät recht präsent. Ein guter Teil der Professoren hat den Doktortitel in Kooperation mit den Unis in Leipzig, Rostock oder Magdeburg erhalten und pflegt zum Teil noch immer den Kontakt. Gestoppt wird die Diskussion oft an den wirklich interessanten Stellen, nämlich wenn die Entlohnung in’s Spiel kommt. Dass mehr Verantwortung auch mit höherer Entlohnung einhergeht und dass Entscheidungen von den Personen getroffen werden sollten, die über das entscheidungsrelevante Wissen verfügen, sind hier politisch nicht tragbare Konzepte.

Sozialismus im Klassenzimmer: Neulich wurde das Gespräch im Spanisch-Kurs politisch. Enes fing an zu wettern über das sozialistische Regime in China. Es gäbe zu viel Vetternwirtschaft, zu viel persönliche Vorteilnahme und die Partei nehme zu viel Einfluss auf das Leben der Individuen, dennoch sei das Leben dort immer noch 1000mal freier als in Kuba. Es gäbe mehr zu Essen, das Verkehrswesen sei fortgeschrittener und auch sonst sei die Lebensqualität wesentlich höher. Schon während seines Monologs bekam die Professorin einen roten Kopf und forderte Enes wiederholt auf zu flüstern bzw. komplett zu schweigen. Ich fühlte mich etwas wie im Kindergarten, begegnete den Aufforderungen der Professorin mit verständnislosem Kopfschütteln. Kaum hatte Enes ausgesprochen, unterrichtete sie uns flüsternd, man dürfe so etwas nicht sagen, noch nicht einmal denken, immerhin wäre die Überwachung hier sehr streng. Nervös hielt sie dabei Blickkontakt mit der Tür. In jedem Land gäbe es gute und schlechte Seiten des Lebens. Und Kuba hätte viele enorme Dinge erreicht. Dann kam die Leier mit dem Gesundheitswesen und der Armut, mit der man hier täglich konfrontiert wird. Enes grinste die ganze Zeit hocherfreut, weil er der Meinung ist, dass ihm als Ausländer hier nichts passieren kann. Zu Hause müsste er sich mit solchen Äußerungen natürlich auch vorsichtig verhalten, hier allerdings sieht er sich dazu nicht gezwungen.

Am nächsten Tag haben wir bei einer Vertretung Unterricht, diese ist nur mäßig motiviert und versucht uns in ein Gespräch zu verwickeln. Ob wir denn schon mit Kubanerinnen in Kontakt gekommen seien, will sie wissen. Wir wären doch als Ausländer bestimmt fürchterlich interessant?! Eigentlich erwartete sie gar keine Antwort und fing gleich an uns in puncto sexueller Aufklärung eine Nachhilfestunde zu geben. Ob wir denn schon Kondome gekauft hätten und ob wir uns der Bedeutung selbiger im Klaren sind? Ausländische Studenten, das schließt mich ein, werden vor dem Antritt ihres Studiums zu einer Blutprobe gebeten, die sämtliche Risiken aus dem Weg räumt. Wie viele Bürgerrechtsbewegungen sich bei einem solchen Schritt in Deutschland zu Wort melden würden, wäre mehr als interessant. Junge Menschen dieses Landes werden bei häufigem Partnerwechsel, der hier permanent als schmeichelhafte kubanische Tugend verkauft wird, auch schon einmal vom Doktor um die Ecke auf eine persönliche Sprechstunde eingeladen, bei der der aktuelle Krankheitsstatus gecheckt wird. Dieser Vorgang ist mitunter nicht ganz freiwillig und bedarf natürlich auch einer gewissen Kontrolle…

Kuba: Im Nabel der Revolution in Santa Clara

Einige Wochen sind vergangen, seit ich in meinem Studienort Santa Clara angekommen bin. Diese erste Zeit war durchzogen von frustrierenden und nervigen Erlebnissen und einigen kleinen Lichtblicken. So ziemlich alles, was an Warnungen in meinem studentischen Kuba-Führer stand, hat sich bewahrheitet.

Ein Nachtrag zu Bogotá: Als Einführung zu meiner Reise habe ich Ché Guevaras „Motorcycle Diaries“, also seine Reisetagebücher, gelesen. Mit seinem Freund Alberto besuchte Ché im Sommer 1952 die Haupstadt Kolumbiens und schrieb dazu Folgendes (ich las die englische Version):

[quote] „There is more repression of individual freedom here than in any other country we’ve been to, the police patrol the streets carrying rifles and demand your papers every few minutes, which some of them read upside down.“ [/quote]

Ein ähnliches Bild hatte ich in meiner letzten Mail auch geschildert und ich war erstaunt zu lesen, dass dieser Zustand offensichtlich schon über 50 Jahre fortbesteht. Nachdem ich im Kuba des 21. Jahrhunderts angekommen bin, könnte ich mir aber durchaus vorstellen, dass dieses Land mittlerweile den Spitzenplatz einnimmt, was die Unterdrückung seiner Bewohner angeht.

Santa Clara: Die Hauptstadt der Provinz Villa Clara liegt ziemlich zentral, wenn man Kuba als Ganzes betrachtet. Die Stadt hat etwa 200.000 Einwohner und die zweitgrößte Universität der Insel befindet sich hier. Bekannt geworden durch die entscheidende Schlacht Chés, der hier im Dezember 1958 im Zuge der kubanischen Revolution einen Eisenbahnzug beladen mit Waffen zum Entgleisen brachte, zeugen diverse Mahnmale und Museen von seinen heroischen Taten. Sonst allerdings gibt es nicht viel zu sehen. Von den modernen deutschen Wagen, von denen ich noch am Flughafen von La Habana berichtete, findet man hier keinen mehr. Die Stadt ist für Touristen uninteressant, es gibt weder Strand noch gute Restaurants, auch an historischen Bauten mangelt es. Insgesamt ist sie aber umso besser geeignet um sich ein Bild vom realen kubanischen Alltag zu machen.

Meine Unterkunft: Ich habe ein eigenes Apartment auf dem Dach des Hauses. Klein aber fein. Warmes Wasser gibt es auch hier nicht, geduscht und gespült wird mit Hilfe eines Eimers. Da sich die Universität leider recht weit außerhalb der Stadt befindet, habe ich zwar nervig lange, heiße und unbequeme Anfahrtswege, die mir einen guten Teil meines Tages rauben (2.5 – 3 Stunden für eine Strecke von zweimal 7km), komme aber um den Genuss des hiesigen Studentenwohnheims herum. Mehr dazu später. Für viele Familien ist so ein ausländischer Untermieter eine sehr willkommene Einnahmequelle, allerdings ist die Vermietung von Zimmern ohne staatliche Genehmigung illegal und mit hohen Strafen belegt. Nur Personen von gutem gesellschaftlichem Stand können sich dieses Vergnügen ohne Parteigenehmigung leisten. Für eine staatliche Unterkunft bezahlt man mehr als für ein Zimmer in Berlin.

Im Folgenden die Herausforderungen, die ich während meinen ersten Wochen Kuba als größten Kraftakt empfunden habe.

Lektion 1:Warten!

Ich habe noch nie so viel Zeit mit Warten verbracht wie hier! Man muss überall warten und immerzu. Am Bus, in der Bank, im „Supermarkt“, beim Essen, bei Gesprächen mit Profs oder Verwaltungsangestellten. Eine Herausforderung für meine Geduld. Fast pathetisch wird dennoch überall gefragt: „El Ultimo?“ (der letzte?) um sich seinen genauen Platz in der Schlange für alle ersichtlich zu sichern. Das ist besonders dann lächerlich, wenn schon 150 Mann vor einem an der Bushaltestelle stehen und auf einen fahrbaren Untersatz warten. Kommt der Bus dann angerollt, kommen sonst schon vergessene Urinstinkte zum Vorschein und die kräftigsten und größten Jungs drängeln sich nach vorne durch. Gern wird auch gebissen, geschubst, getreten oder anderweitig nachgeholfen. Hauptsache man ergattert einen der begehrten Sitzplätze.

Im Büro für Internationale Beziehungen habe ich meinen Studentenausweis beantragt. Gleich am ersten Montag schickte mich die Frau über den kompletten Campus, damit ich mir alle Dokumente, Photos etc. besorgen könnte um den Ausweis Dienstag in die Bearbeitung geben zu können. Nachdem ich Alles besorgt hatte, stellte sich Dienstag heraus, dass auf einem Formular die Namen und Angaben meiner Eltern fehlten. Das Ausfüllen exakt dieses Formulars ist allerdings das Einzige, was die gute Frau den lieben langen Tag lang macht. Der weiterführende Bearbeiter ist nur montags und dienstags in der Uni, damit müsse die restliche Bearbeitung bis nächste Woche warten. Auch nach 6 Wochen habe ich noch keinen Studentenausweis.

Lektion 2: Regeln akzeptieren!

Im eben erwähnten Büro fragte die Frau wiederholt eindringlich nach meinem Aufenthaltsort. Mit der Antwort, dass ich bei einer befreundeten Familie in der Stadt wohnen würde, gab sie sich nicht zufrieden. Laut des Abkommens unserer Universitäten wäre ich verpflichtet im Uni-Wohnheim zu schlafen, das wäre immerhin auch umsonst. Gut, denke ich, dann werde ich mich offiziell dort anmelden, vielleicht tut sich ja damit auch eine zweite Schlafgelegenheit auf dem Campus auf. Mit einem blöden Schreiben warte ich darauf, dass die Assistentin eines Profs von der Mittagspause wiederkommt, um mit ihr einige Kursdetails zu besprechen. Als ich vom Warten die Nase voll habe und zur nächsten Person im Wohnheim gehe, ist diese bereits nach Hause gegangen. Am letzten Tag der ersten Woche ist es dann soweit, ich bekomme meinen Schlüssel für ein 10-Mann Zimmer im Studentenwohnheim. Derzeit sei ich wohl der Einzige im „Zimmer für Westeuropäer“, die beiden Franzosen, die bis vor Kurzem noch hier wohnten, haben die Flucht ergriffen. Die Frau zeigt mich durch das Zimmer. Doppelstockbetten, wie man sie aus dem Kinderferienlager kennt, mit Presspappe als Unterlage. Schränke gibt es nicht, dafür aber ein „eigenes“ Bad (meint: nicht das Gruppenklo im Flur). Die Frau, ihr Name ist Julia, wiederholt ständig, dass die Umstände hier nicht die besten seien, man gebe aber, was man könne. Und immerhin sei ja alles umsonst. Im Bad angekommen, begrüßen mich im Klo schwimmend die fauligen Überreste der Franzosen. Ach ja, Wasser gibt es diese Woche nicht. Sonst eigentlich auch nicht, wie ich mittlerweile weiß. Die zweite Uni-Woche fand wegen Wasserausfällen gar nicht erst statt. Der Strom fällt leider auch oft aus. Bei genauer Betrachtung des Elends in der Toilette bemerke ich, dass mich da zwei Augen anstarren. Erst dachte ich an Ratten, dass wäre deckungsgleich gewesen mit dem, was in meinem Studentenführer stand. War dann aber doch nur eine harmlose fette Kröte. Julia meinte, die Mädchen hätten oft Angst vor denen, aber die Jungs würden sie dann einfach aus dem Fenster werfen. Bei der Überlegung, wie man diese Kröte aus dem Klo, geschweige denn aus dem Fenster bekommen sollte, wurde mir übel. Naja, jedenfalls wohne ich jetzt offiziell im Wohnheim.

Lektion 3: Essen ist Triebbefriedigung!

In meinem Führer steht: „Das Essen ist schlecht, aber billig.“ Ich finde, dass ist geschmeichelt. Das Attribut „scheiße“ trifft den Charakter des Essens schon eher. Meiner Meinung nach war das Essen in Kolumbien schon ziemlich eintönig und übel, allerdings konnte man für europäische Preise auch vernünftiges Essen bekommen, war also alles eine Frage der persönlichen Kompromissbereitschaft. Das ist hier nicht der Fall, da nutzen auch die Devisen nicht viel. In den öffentlichen Gaststätten gibt es vor Fett triefende Pizzen belegt mit Käse oder Zwiebeln und Reis mit Bohnen, ggf. ein Stück Fleisch, bei dessen Anblick man freiwillig zum Vegetarismus übertritt. Mein Körper hat nach den ersten Tagen mit einer Selbstreinigung begonnen und gab jegliche Lebensmittel recht schnell wieder frei. Hunger hab ich nicht mehr. Von dem Assistenten einer Professorin aus Deutschland bekomme ich eine Portion Zwieback und einige Arzneimittel gegen Magenbeschwerden. Billig ist das Essen jedenfalls, so viel stimmt.

Zur allgemeinen Situation Kubas kann ich noch nicht viel sagen. Ich freue mich auf die Gespräche mit Einheimischen, hatte aber schon bei den ersten Treffen das Gefühl, dass über viele Dinge nicht offen gesprochen wird. Zwei andere Deutsche arbeiten derzeit in einem Entwicklungsprojekt (ASA) in Santa Clara in einem Marginalviertel am Stadtrand. Einer ihrer ambitionierten Partner wollte im örtlichen Forschungsinstitut eine Studienarbeit zum Thema „Armut in Santa Clara“ schreiben. Dies war nach Absprache mit den ansässigen Verantwortlichen nicht möglich. In Kuba gibt es keine Armut! Sollte er das Thema bearbeiten wollen, dann wenigstens nicht so, dass das Wort Armut in der Überschrift vorkommt. Themen wie Medienmanipulation, Arbeitslosigkeit und Rassismus sind auf jeden Fall brandheiß und existent, darüber werde ich demnächst hoffentlich mehr erfahren.

Beim Schlendern durch die Stadt treffe ich auf einen Mann Mitte 40. Er heißt Ernesto und irgendwie kommen wir ins Gespräch. Wir setzen uns im Stadtpark auf eine Bank und er erzählt mir von sich. Er wohnt in einem Viertel etwas außerhalb der Stadt und arbeitet in einer Bäckerei. 72 Stunden in der Woche für 200 kubanische Pesos monatlich, das sind 8 Dollar. Er hat eine Frau und eine Tochter, seine zweite Tochter ist vor einigen Jahren gestorben. Ernesto wirkt abgemagert. Meine Einladung auf ein Getränk lehnt er ab. Seine Schuhe sind zerfetzt und die Hose ist schlammig, in seinem Viertel gibt es kein Abwassersystem. Immer wieder murmelt er, dass es nicht leicht sei, das Leben hier (was nebenbei der O-Ton bei allen Gesprächen ist und irgendwie für die derzeitige Geisteshaltung der Kubaner spricht). Er fragt mich, was dieser Sozialismus soll, wenn er sich das Paar Schuhe für 4 Dollar nicht leisten könne. Für eine Mindestversorgung der Bevölkerung sorgt derzeit noch immer der Staat, in so genannten „Librettas“, Lebensmittelheftchen, wird Buch geführt über die erhaltenen Güter. Dass diese Lebensmittel eine hinreichende Versorgung nicht gewährleisten, sieht man Ernesto an.

Um diesen Rundbrief nicht nur beladen mit negativen Erfahrungen zu veröffentlichen, sei gesagt, dass viele der Kubaner, die ich treffe, wirklich nett und hilfsbereit sind. Die Studenten sind mir gegenüber sehr aufgeschlossen und einige haben mich gleich in den ersten Tagen gebeten ihnen etwas Deutsch-Unterricht zu geben. Meine Gastfamilie gibt sich größte Mühe mir alle Wünsche von den Augen abzulesen und auch die abendlichen Salsa-Konzerte im Park sind durchaus angenehm.